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Lagỹnos bis Lahn (Bd. 6, Sp. 54 bis 57)
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Artikelverweis Lagỹnos, griech. Weingefäß, s. Meyers Lagöna.
 
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La Hague, Kap, s. Hague, Cap de la.
 
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Laharpe (spr. lă-árp'), 1) Jean François, eigentlich Delharpe, franz. Kritiker und Dichter, geb. 20. Nov. 1739 in Paris, gest. daselbst 11. Febr. 1803, war der Sohn eines Lausanners. Anfangs veröffentlichte er mehrere Bände »Héroïdes«, fand aber erst Beachtung durch seine Tragödie »Warwick« (1763). Obwohl seine übrigen Tragödien, in denen er Voltaire nachahmte, durchfielen, so wuchs doch sein Ruhm, besonders durch seine eleganten und feinsinnigen »Éloges« (von Heinrich IV. Fénelon, Racine u. a.). Infolge seiner maßlosen Eitelkeit und Anmaßung nahm aber auch die Zahl seiner Feinde und die Heftigkeit ihrer Angriffe derart zu, daß seine Aufnahme in die Akademie (20. Juni 1776) eher eine Niederlage zu nennen war, und eine Menge der giftigsten Epigramme über ihn ging von Mund zu Mund. Als Professor der Literatur am neugegründeten Lycée (178698) hielt er Vorlesungen vor einem großen, eleganten Publikum, das dem geistvollen Vortrag und geschmackvollen Urteil Laharpes Beifall spendete und sich durch dessen engherzige Bewunderung des 17. Jahrh. nicht stören ließ. Sie erschienen zuerst in dem von ihm redigierten »Mercure de France«, dann unter dem Titel »Lycée, ou Cours de littérature« (Par. 1799 bist 805; neue Ausg. 182526, 18 Bde.; 1840, 3 Bde.). Laharpes anfängliche Begeisterung für die Revolution verkehrte sich in das Gegenteil, als er 1794 auf fünf Monate ins Gefängnis geworfen wurde; er, der vorher im Lycée mit der Jakobinermütze erschienen war, erklärte sich jetzt für den erbittertsten Feind revolutionärer und philosophischer Ideen und zeigte sich in Worten und Werken als eifriger Anhänger der Religion und der Monarchie. Vor allem macht sich bei L. die Lust zu scharfer, rücksichtsloser Kritik bemerkbar; die Veröffentlichung der »Correspondance littéraire, adressée an grand-duc de Russie« (nachmaligem Paul I., 1801), die voll scharfer persönlicher Urteile war, erregte Skandal. Von zahlreichen andern Werken nennen wir nur noch sein nachgelassenes: »La prophétie de Cazotte«, das Sainte-Beuve, was Erfindung und Stil anbelangt, für sein bestes Werk erklärt. Eine Auswahl seiner Werke veranstaltete L. selbst (Par. 1778, 6 Bde.); seine »Œuvres choisies et posthumes« erschienen 1806 in 4 Bänden. Vgl. Peignot, Recherches sur La Harpe (Dijon 1820).
   2) Frédéric César, Direktor der Helvetischen Republik und Erzieher des Kaisers Alexander I. von Rußland, geb. 6. April 1754 zu Rolle im Waadtland, gest. 30. März 1838 in Lausanne, empfing seine erste Bildung in dem berühmten Institut zu Haldenstein in Graubünden, studierte in Genf und Tübingen die Rechte, ward hierauf Sachwalter bei der welschen Appellationskammer in Bern, begleitete dann, durch den Hochmut der Berner Patrizier zurückgestoßen, einen russischen Grafen nach Italien und begab sich von Rom aus 1782 nach Petersburg, wo ihm Katharina II. die Erziehung der Großfürsten Alexander und Konstantin anvertraute. Von Petersburg aus suchte er die Befreiung der Waadt von der bernischen Herrschaft anzubahnen, indem er 1790 seinen Freunden die Vorlage einer Petition übersandte, die von Bern die Einberufung der alten Landstände der Waadt verlangen sollte. Ein vorzeitiger Ausbruch der Gärung (14./15. Juli 1791) zog seinem Vetter und Gesinnungsgenossen Amédée de L. ein Todesurteil in contumaciam und die Konfiskation seines Vermögens zu. Durch direkte und indirekte Denunziationen erwirkten die Berner 1795 in Petersburg Laharpes Entlassung. Da ihm die Heimat durch einen Verhaftbefehl verschlossen war, nahm er seinen Aufenthalt in Genf und suchte, als sein Vetter Amédée nach glänzender Karriere in französischen Diensten als Divisionsgeneral in Bonapartes italienischem Feldzug fiel, als Vormund der Familie von Bern die Rehabilitation des Toten und eine Entschädigung für das konfiszierte Vermögen auszuwirken. Da seine Bemühungen vergeblich blieben, begab er sich im Oktober 1796 nach Paris und eröffnete dort einen grimmigen Federkrieg gegen Bern. Er gab dem französischen Direktorium den Kriegsvorwand an die Hand, indem er 9. Dez. 1797 in einer von ihm und 19 andern Flüchtlingen, meist Freiburgern, unterzeichneten Bittschrift die Intervention Frankreichs zugunsten der angeblich von Bern unterdrückten Freiheiten der Waadt anrief, gestützt auf den von Frankreich ratifizierten Lausanner Vertrag von 1564, in dem die

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Waadt von Savoyen an Bern abgetreten worden war. Als die Eidgenossenschaft 1798 von den Franzosen in die Helvetische Republik umgewandelt worden war, wurde er 29. Juni Mitglied des helvetischen Direktoriums und benutzte sein diktatorisches Übergewicht zu Gewaltmaßregeln, durch die er die von allen Seiten bedrohte Einheitsrepublik zu retten hoffte. Darüber erbittert, lösten die gesetzgebenden Räte 7. Jan. 1800 das Direktorium auf, um L. zu stürzen, der sich hierauf nach Paris flüchtete. Nachdem er 180102 auf Einladung Kaiser Alexanders eine Reise nach Rußland gemacht hatte, lebte er in einem Landhaus bei Paris, empfing 1814 nach dem Einrücken der Verbündeten von Alexander die Würde eines Generals mit dem Andreasorden und bewog den Zaren, die Herstellung des alten Untertanenverhältnisses der Waadt und des Aargaues, wonach Bern trachtete, nicht zu gestatten. Nachdem er in demselben Sinn als Gesandter der Waadt und des Tessin am Wiener Kongreß tätig gewesen und dort als Vertrauter Alexanders eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hatte, so daß Metternich seinen Einfluß noch 1818 fürchtete, siedelte er 1816 nach Lausanne über und erwarb sich als unermüdlicher Wohltäter seines Landes hohe Achtung. 1844 wurde ihm in Rolle ein Denkmal errichtet. Er schrieb außer zahlreichen Broschüren und Flugschriften: »Mémoires de Fr. C. L.« (veröffentlicht in Vogels »Schweizergeschichtlichen Studien«, Bern 1864). Seine Korrespondenz mit Alexander I. wurde in den »Mémoires de la Société historique russe« (Petersb. 1870, Bd. 5) veröffentlicht. Zahlreiche Briefe Laharpes finden sich in Ph. A. Stapfers Briefwechsel, herausgegeben von Luginbühl (Basel 1891, 2 Bde.). Vgl. ferner »Le gouverneur d'un prince. Fréd. Cés. de L. et Alexandre I de Russie« (Freiburg i. Br. 1902).
 
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Lâhidschâu, Stadt in der pers. Provinz Gilan, im Delta des Sefid-Rud, 12 km vom Kaspischen Meer, ehemals bedeutend als Residenz der Fürsten von Gilan, jetzt mit 5000 Einw. und Seidenraupenzucht.
 
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Lahire (spr. lă-īr'), 1) eigentlich Etienne Vignoles, franz. Heerführer, geb. um 1390, gest. 11. Jan. 1443. Als 1418 die Stadt Coucy an die Burgunder überging, stellte L. sich an die Spitze der Besatzung und schlug sich mit ihr durch den Feind. 1429 eilte er mit Jeanne d'Arc dem bedrängten Orléans zu Hilfe und zeichnete sich bei Jargeau und Patay durch seine stürmische Tapferkeit aus. 1431 drang er bis Rouen vor, um die gefangene Johanna zu befreien. Er fiel hierbei selbst in die Hände der Engländer, entkam jedoch bald wieder und verheerte nun unablässig die von Engländern und Burgundern besetzten Provinzen. Seine romantische Tapferkeit und seine Anhänglichkeit an die Jungfrau von Orléans waren die Ursache, daß sein Name L., der im burgundischen Dialekt das Knurren eines Hundes bedeutet und L. wegen seines rauhen Wesens gegeben war, dem Coeurbuben in der französischen Karte beigelegt wurde.
   2) Philippe de, Mathematiker, geb. 18. März 1640, gest. 21. April 1718 in Paris, war anfangs Maler, erhielt dann Unterricht in der Mathematik von Desargues und wurde 1678 Mitglied der Akademie. Er setzte die Picardsche Gradmessung fort und beteiligte sich an der auf Befehl Colberts und Louvois' herausgegebenen Karte Frankreichs. Sein Hauptwerk sind die 1685 erschienenen »Sectiones conicae«. Fast alle jetzigen sogen. elementaren Bearbeitungen der Kegelschnitte gehen bewußt oder unbewußt auf L. zurück. Von L. stammt auch die Wasserversorgung der Stadt Versailles durch Benutzung des Flusses Eure. Vgl. Chasles, Aperçu historique, etc. (3. Aufl., Par. 1889); E. Lehmann, De la Hire und seine »Sectiones conicae« (Leipz. 188890, 2 Tle.); M. Cantor, Vorlesungen über Geschichte der Mathematik, Bd. 3 (2. Aufl., das. 1901).
 
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Lahmann, Heinrich, Mediziner, geb. 30. März 1860 in Bremen, gest. 1. Juni 1905 in Friedrichstal bei Radeberg, studierte seit 1878 Ingenieurwissenschaft in Hannover, beschäftigte sich aber hauptsächlich mit Hygiene und Soziologie und studierte seit 1880 Medizin in Greifswald, Leipzig und Heidelberg. Nach dem Staatsexamen 1884 praktizierte er als Arzt in Stuttgart und Chemnitz, und 1887 gründete er auf dem Weißen Hirsch bei Dresden ein Sanatorium, dem er Weltruf verschaffte. Es besteht einschließlich der zugehörigen Villen im Ort aus 20 großen Gebäuden, beschäftigt dauernd acht Ärzte und eine Ärztin, vermag gleichzeitig 700 Personen aufzunehmen und wurde 1904 von 3175 Kranken besucht. L. war ein Anhänger der physikalisch-diätetischen Heilmethode und legte den größten Wert auf die Erforschung der innern Krankheitsursachen, auf das Wesen der Empfänglichkeit und der gesundheitlichen Wertigkeit des Individuums. Er bezeichnete fehlerhafte Lebensgewohnheiten als die Grundursachen der Krankheiten und schlug in der Behandlung eigenartige Wege ein. Er verwarf die Anwendung von Arzneimitteln und suchte durch die Anwendung physikalisch-diätetischer Heilfaktoren auf die Tilgung der Disposition zu wirken. Eine seiner grundlegenden Arbeiten ist »Die Kohlensäurestauung in unserm Körper, die wichtigste allgemeine Krankheitsursache« (in den »Mitteilungen aus Lahmanns Sanatorium«, Stuttg. 1905, Nr. 2). Er schrieb noch: »Die diätetische Blutentmischung als Grundursache aller Krankheiten« (15. Aufl., Leipz. 1905); »Die wichtigsten Kapitel der natürlichen Heilweise« (4. Aufl. der »Physiatrischen Blätter«, Stuttg. 1901); »Die Reform der Kleidung« (4. Aufl., das. 1903).
 
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Lähme (Füllen-, Fohlen-, Kälber-, Lämmer- und Ferkellähme, Gliederkrankheit), volkstümliche Bezeichnung für ganz verschiedene Leiden des Jugendalters der Haustiere, bei denen die normale Beweglichkeit durch Lähmung oder allgemeine Körperschwäche schwer gestört, ja ganz aufgehoben ist, z. B. für allgemeine Abzehrung (s. auch Meyers Darrsucht), Rachitis, Gelenk- und Muskelrheumatismus, Ruhr und namentlich für die eiterige Meyers Nabelvenenentzündung (s. d.).
 
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Lahmheit (Lahmgehen, Lahmen), die hinkende Bewegungsstörung, im Gegensatz zu der sich als Lähmung darstellenden Bewegungsschwäche oder-Behinderung. L. ist besonders häufig bei Pferden infolge der großen Anforderungen, die ihre Arbeit an sie stellt, und der dabei oft eintretenden übeln Zufälle. Die L. kann ihren Sitz haben in den Knochen (Verletzungen, Brüche, Auftreibungen, Überbeine, auch innere Erkrankung), in den Muskeln (Zerreißung, Rheumatismus), vor allem aber in den Gelenken, deren Bändern und den Sehnen. An den Gelenken finden sich Verrenkungen und Verstauchungen, Erkrankungen der Gelenkkapseln und Gelenkflächen, Knochenauftreibungen in der Umgebung und Verwundungen. Besonders oft sind das Fesselgelenk und das Sprunggelenk betroffen (vgl. Gelenkkrankheiten und Gallen, S. 281). Unter den Sehnen, die auch zerreißen können, erkranken am häufigsten die Beugesehnen der Vorderfüße (s. Meyers Sehnenkrankheiten). Häufige

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Lahmheitsursachen haben ihren Sitz im Hufe (s. Meyers Hufkrankheiten). Die Lahmheiten, die ihren Sitz an den Rumpfteilen der Gliedmaßen haben, lassen sich oft schwer speziell ermitteln (s. Meyers Buglahmheit und Meyers Hüftlahmheit). Selten sind Lahmheiten infolge Lähmung eines Nervs oder Verstopfung der Blutgefäße (s. Wurmaneurysma), die auch zu den Lähmungen gerechnet werden können, aber sich durch Hinken äußern. Auch Hautentzündungen können L. bewirken (s. Meyers Einschuß, Meyers Mauke). Im allgemeinen empfiehlt sich bei jeder L. sofortige Außerdienststellung, bei plötzlichem heftigen Auftreten unterwegs Untersuchung des Hufes (s. Meyers Nageltritt unter »Hufkrankheiten«) und Nachhausegehen im Schritt. Alsbaldige Untersuchung des Hufes durch den Hufschmied kann bisweilen schon den Sitz der L. ermitteln. In allen andern Fällen ist unverzüglich ein Tierarzt zuzuziehen, da oft von der Frühzeitigkeit der Erkennung und Behandlung der Erfolg abhängt. Manche L. verschwindet rasch, andre Fälle erfordern eine lange Behandlung und Außerdienststellung des Pferdes. Bei wenig wertvollen Pferden und unsicherm Erfolg ist bisweilen die Tötung einer langen Kur vorzuziehen, während die Weiterbenutzung schwer lahmer Pferde eine Tierquälerei ist. Bei fast allen Arten von Lahmheiten ist das wesentlichste, daß die lahme Gliedmaße ganz ruhig gehalten wird. Oft muß man Pferde durch künstliche Erzeugung von Schmerzen dazu zwingen. Man brennt die erkrankte Partie mit dem Glüheisen oder reibt eine Scharfsalbe ein, damit die starken bei jeder Bewegung sich steigernden Schmerzen das Pferd zur Vermeidung wenigstens ungestümer Bewegung veranlassen. Bei chronischen schleichenden Entzündungen haben jene Mittel zugleich den Zweck, die Entzündung vorübergehend zu steigern, was den Heilungsprozeß beschleunigt. Vor allem müssen Pferde, die wegen L. lange im Stalle stehen, mager (event. nur mit Heu) gefüttert werden, weil sie sonst zu unruhig (stallmutig) werden und sich beschädigen; auch ist viel Hafer bei mangelnder Tätigkeit nicht bloß überflüssig, sondern dem Körper direkt schädlich. Bei längerer L. bildet sich infolge der beschränkten Bewegung oft ein Muskelschwund aus, der einen Hinweis auf Sitz und Dauer einer versteckten L. geben kann. Bei Arbeitsochsen ist L. ebenfalls nicht selten aus ähnlichen Ursachen, bei nicht arbeitenden Tieren kommt L. natürlich weniger vor. Die Feststellung der L. an sich, der lahmen Gliedmaße und des Sitzes der L. an dieser ist oft schwierig und erfordert jedenfalls Übung. Die L. zeigt sich in der Regel bei schneller Gangart auf Pflaster deutlicher; manche ist im Anfang stärker und bessert sich bei der Bewegung. Da das Pferd die über Kreuz stehenden Gliedmaßen (z. B. rechtes Vorder- und linkes Hinterbein) gleichzeitig bewegt, so suchen Ungeübte oft den Sitz der L. statt in der lahmen, in der gleichzeitig bewegten gesunden Gliedmaße, weil diese am Hinken teilzunehmen scheint.
 
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Lahmiden, arab. Fürstengeschlecht, s. Meyers Lachmiden.
 
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Lähmung (Paralysis), aufgehobene Leistungsfähigkeit muskulöser oder nervöser Organe; die nicht vollkommene L., also die nur herabgesetzte Leistungsfähigkeit, bezeichnet man als Parese. Im gewöhnlichen Leben und bei den ältern Ärzten wird das Wort L. jedoch in einem viel weitern und unbestimmtern Sinne gebraucht, nämlich für jede Art von aufgehobener oder verminderter Tätigkeit irgend eines Teiles am lebenden Körper überhaupt. In diesem Sinne spricht man z. B. noch von einer Lungenlähmung, wenn die Lunge nicht mehr der Atmung dienen kann, weil ihre krankhafterweise mit einer wässerigen Flüssigkeit erfüllten Luftbläschen keine Luft mehr aufnehmen können, oder von einem gelähmten Arm, wenn dieser wegen Schmerzen oder Gelenksteifigkeit nicht bewegt werden kann, obschon seine Muskeln und Nerven an sich noch funktionsfähig sind. Die L. im engern wissenschaftlichen Sinn tritt als Empfindungslosigkeit, Gefühlslähmung (anaesthesia) oder als Bewegungslosigkeit (L. im engsten Sinne, paralysis, akinesia) auf. Von der Empfindungslosigkeit können außerdem die Gefühlsnerven, auch der Sehnerv, der Gehörsnerv, die Geruchs- und Geschmacksnerven betroffen werden; sie büßen dann das Vermögen ein, die spezifischen Empfindungen, die sie für gewöhnlich zu vermitteln haben, uns zum Bewußtsein zu bringen. Die Ursache der L. kann eine sehr verschiedene sein. Entweder sind die zentralen Nervenzellen des Gehirns, die den Sitz der Empfindung und der Bewegungsimpulse darstellen, erkrankt oder funktionsunfähig oder die Leitung des vom Gehirn und Rückenmark ausgehenden Bewegungsimpulses in den Bewegungsnervenfäden ist behindert und aufgehoben, z. B. durch Druck einer Geschwulst auf den Nerv, durch mechanische Trennung des Zusammenhangs des Nervs, oder es fehlt der zum Zustandekommen mancher Muskelkontraktionen erforderliche Anstoß von gewissen Empfindungsnerven aus: die sogen. Reflexlähmung, oder endlich das Muskelgewebe selbst ist bei sonst normaler Beschaffenheit des Nervensystems durch krankhafte Vorgänge, die in ihm stattfinden, zur Zusammenziehung unfähig geworden: myopathische L. im Gegensatz zu der vorhin angeführten neuropathischen L. Das Bild der L. gestaltet sich im konkreten Falle je nach dem davon ergriffenen Teil sehr verschieden; ebenso die Symptome der L. je nach dem Sitz der lähmenden Ursache im Gehirn (cerebrale L.) oder im Rückenmark (spinale L.) oder im Verlauf eines Nervenstammes (peripherische L.) im einzelnen Fall. In der Regel kann der Kranke das gelähmte Glied willkürlich gar nicht bewegen, wohl aber bewegt es sich lebhaft auf Reflexreize (z. B. bei der sogen. Schüttel oder Zitterlähmung, paralysis agitans) oder auf elektrische Reize, vorausgesetzt, daß das Muskelgewebe noch nicht sekundär entartet ist. Durch Nervenerkrankung gelähmte Muskeln verfallen einem sehr raschen Schwund, wenn sie (durch Schädigung des peripheren Nervenstammes) von bestimmten, ihre Ernährung beeinflussenden Nervenzellen des Rückenmarks abgetrennt sind, sie zeigen dann Meyers Entartungsreaktion (s. d.) und sind schlaff, das gelähmte Glied schlottert (schlaffe L.); sitzt die Erkrankung zentralwärts von diesen Rückenmarkszellen, zwischen diesem und dem Gehirn, so ist der Muskelschwund gering, Entartungsreaktion fehlt, die für den Willen gelähmten Muskeln ziehen sich auf Beklopfen, bei mechanischer Dehnung zusammen, das gelähmte Glied ist steif (spastische L.). Wieder anders geartet sind gewisse Mischformen von neuropathischer und myopathischer L., wie die spinale Muskelatrophie. Hier erkranken gleichzeitig unter dem Zeichen des Schwundes die Muskelfaser und die dazugehörigen Nervenelemente, also die motorische Nervenzelle im Rückenmark und die verbindende Nervenfaser. Es zeigt sich langsam fortschreitender Schwund im vordern Rückenmarksgrau und in der Muskulatur, die infolgedessen einer bis zur L. fortschreitenden Schwäche verfällt. Am häufigsten befällt diese Krankheit, die auch familiär auftritt, die Muskeln des Schultergürtels und der Hand, bez. die dazugehörigen Teile des Halsrückenmarks.

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Bei der progressiven Muskeldystrophie ist das Muskelgewebe allein Sitz der Krankheit; hier werden die Muskelfasern langsam durch Fett- und Bindegewebe ersetzt, oft unter so reichlicher Wucherung des Ersatzgewebes, daß eine scheinbare Muskelhypertrophie (Pseudohypertrophie) eintritt. Schwäche und L. ausgedehnter Muskelgebiete ist die Folge. Einseitige Lähmungen (oft falsch als halbseitige L. bezeichnet), d. h. Lähmungen, die nur die eine Seite des Körpers, und häufig dann am Rumpf die rechte, am Kopf die linke Körperhälfte, oder umgekehrt (gekreuzte L.), betreffen, haben ihre Ursache meist in einer Störung des großen Gehirns. Andre Lähmungen betreffen nur die untere Körperhälfte (Querlähmung, paraplegia) und haben ihren Ausgangspunkt gewöhnlich im Rückenmark. Lähmungen, die plötzlich auftreten (meist einseitige Lähmungen), bezeichnet man gewöhnlich als Schlagflüsse. Diejenigen Momente, die L. verursachen können, sind sehr verschiedener Art: bald sind es krankhafte organische Veränderungen in der Substanz des Gehirns, des Rückenmarks oder der Nervenstämme, wie bei Entzündungen, Blutaustritten, Druck von Geschwülsten, Erweichung; bald sind es chemische, namentlich giftige Einwirkungen auf die genannten Teile (z. B. die L. infolge von Bleivergiftung, oder von Pfeilgift, von Muskarin), bald infolge von Blutaustritt aus erkrankten (z. B. atheromotös entarteten) Blutgefäßen, wie ein solcher beim Platzen eines Gefäßes bei alten Leuten infolge der z. B. durch starke Gemütsaufregung plötzlich maximal gesteigerten Herztätigkeit, bez. dem maximal gesteigerten Blutdruck statthaben kann, wodurch sich auch die nicht zu seltenen Todesfälle der alten Leute durch Schreck oder große Freude erklären. Eine häufige Geisteskrankheit, die sogen. Dementia paralytica, tritt als eigentümliche, den gesamten Körper nach und nach in ihren Bereich ziehende L. auf, zu der sich Blödsinn hinzugesellt, und die regelmäßig mit dem Tod endet. Sie beruht meist auf Hirnschwund und Verdickung der Hirnhäute. Die essentielle Kinderlähmung tritt vorzugsweise, wenngleich nicht immer, bei Kindern auf, beginnt unter hohem Fieber, Kopfschmerz, Delirien, einer akuten Infektionskrankheit ähnlich, und führt zu dauernder schlaffer L. größerer oder kleinerer Muskelgruppen. Die Muskeln sind elektrisch nicht erregbar, sie verfallen raschem Schwund, die Empfindung der ergriffenen Arme oder Beine bleibt erhalten. Anatomisch liegt diesen Erscheinungen eine herdweise auftretende, von Bakterien verursachte Entzündung des Rückenmarks zugrunde, welche die vordern, die Bewegungsnerven beeinflussenden grauen Hörner betrifft; diese L. gehört demnach, wenigstens in den meisten Fällen, zu den Speziallähmungen. Über die Behandlung kann nur nach sorgfältiger Diagnose für jeden einzelnen Fall entschieden werden. Auch bei Erwachsenen kommt eine ähnliche, ebenfalls mit Fieber, Kopfschmerz, Erbrechen beginnende L. vor, die akute atrophische Spinallähmung der Erwachsenen; sie ist ebenfalls durch Rückenmarksentzündung bedingt, kann indessen leicht mit den Symptomen einer Nervenentzündung verwechselt werden. Verschieden hiervon, aber jedenfalls in naher Beziehung steht die akute aufsteigende Spinallähmung (Landrysche Paralyse), die vorwiegend junge Männer von 2035 Jahren befällt. Sie beginnt mit Mattigkeit und mäßigem Fieber; es folgen alsdann reißende Schmerzen im Rücken und den Extremitäten, die zuweilen wochenlang andauern, worauf ziemlich plötzlich sich L. der Beine, alsdann der Armmuskeln, der Muskeln des Rumpfes, zuweilen der Hals- und Nackenmuskeln einstellt, so daß die Kranken sich nicht mehr bewegen können. Das Gefühl bleibt erhalten, ebenso die elektrische Erregbarkeit der Muskeln. Sehr oft tritt unter dem Fortschreiten der L. auf die Atmungsmuskulatur, besonders des Zwerchfelles, der Tod ein und zwar so schnell, daß in den schlimmen Fällen die Krankheit unter hohem Fieber in 814 Tagen abläuft. In leichtern Fällen kehrt allmählich die Brauchbarkeit der gelähmten Glieder zurück, und es kann volle Heilung erfolgen. Ein Symptomenkomplex, dessen letztes Hauptsymptom auf L. der Bein-, Arm- und besonders der Blasen- und Mastdarmmuskulatur beruht, ist die Rückenmarksschwindsucht (Tabes dorsalis, s. d.). In gewisser Beziehung dieser chronischen Krankheit ähnlich ist die spastische Spinalparalyse (primäre Seitenstrangsklerose, Tabes dorsal spasmodique). Diese Form der L. befällt vorwiegend die Beine, beginnt mit Schwäche und Steifheit derselben, da diese L. eben, wie der Name sagt, eine spastische ist. Es lassen also die Muskeln den Unterschenkel nicht schlaff herabhängen, sondern sie werden durch alle künstlichen Bewegungen, Druck, Klopfen, in einen Reflexkrampf versetzt, der das Bein in Streckung, den Fuß in Beugung bringt und jedem Versuch einer passiven Beugung einen Widerstand entgegensetzt. Meist zieht sich der Krankheitsverlauf über Jahre hin, zuweilen tritt unter geeigneter Behandlung durch prolongierte warme Bäder und galvanischen Strom Besserung oder gar Heilung ein. Nur ein wissenschaftlich gebildeter Arzt wird mit Erfolg die Heilung der L. unternehmen können. Den meisten und sichersten Erfolg darf man bei entsprechender Anwendung des elektrischen Stromes auf die gelähmten Teile erwarten. Außerdem werden Hautreize, Gymnastik, Massage, indifferente Thermen und innerlich Strychnin angewendet. Vgl. Erb, Handbuch der Krankheiten der peripheren cerebrospinalen Nerven (2. Aufl., Leipz. 1876); Leyden, Klinik der Rückenmarkskrankheiten (Berl. 187476, 2 Bde.); Eulenburg, Lehrbuch der Nervenkrankheiten (2. Aufl., das. 1878); Hertzka, L. und Krampf (Pest 1870); Remak, Über methodische Elektrisierung gelähmter Muskeln (2. Aufl., Berl. 1856); Oppenheim, Lehrbuch der Nervenkrankheiten (4. Aufl., das. 1905).
 
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Lahn (Plätt), dünner, zwischen Walzen platt gedrückter (geplätteter) Gold-, Silber- oder leonischer Draht zur Herstellung von Flittern, Lametta, zum Umwickeln von Seidenfäden (Gold- und Silbergespinste), für Borten (Lahnborten), Fransen, Quasten etc. Vgl. Bortenweberei.

 

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91) Koleda
 ... des heidnischen Festes der Wintersonnenwende getretene Feier der Zeit von Weihnachten bis zum Tage der heiligen drei Könige. Heutigestags versteht man
 
92) Krag
 ... Berl. 1897), »Rachel Strömme« (1898), »Aus den niedrigen Hütten« (1898), »Weihnachten«, »Marianne« (1899) und die unterhaltenden kulturhistorischen Romane: »Isaak Seehufen« (1900)
 
93) Kremser,
 ... mit Orchester (»Balkanbilder«, »Prinz Eugen«, »Das Leben ein Tanz«, »Altes Weihnachtslied«), Operetten, Gesänge für gemischten Chor, Lieder, Klaviersachen etc.
 
94) Krippe
 ... Pappe gefertigt. Seitdem der heil. Franziskus 1223 zur Feier des Weihnachtsfestes die erste K. errichtete, hat sich die fromme Gewohnheit, zur
 ... bayrische Nationalmuseum in München (vgl. darüber Hager , Die Weihnachtskrippe, Münch. 1901, illustriert). Mit dem Wort K. ( Crèche
 ... die erste K. errichtete, hat sich die fromme Gewohnheit, zur Weihnachtszeit Krippen (auch Präsepien genannt) zu bauen, in allen katholischen
 
95) Kurz
 ... 1905; auch in Hendels »Bibliothek der Gesamtliteratur«, Halle 1905); »Der Weihnachtfund« (Berl. 1855, 2. Aufl. 1862); »Erzählungen« (Stuttg. 185861, 3 Bde.)
 
96) Ladenschluß
 ... 40 von der Ortspolizeibehörde zu bestimmenden Tagen (meist um die Weihnachtszeit, bei Jahrmärkten, Kirchweihen, Messen etc.), jedoch bis spätestens 10 Uhr
 
97) Lametta
 ... hauptsächlich als Christbaum - L . zum Schmücken der Weihnachtsbäume und wird für diesen Zweck auch gefärbt, indem man sie
 
98) Lauff
 ... von O. Eckmann, das. 1897, 2. Aufl. 1898), »Advent«, drei Weihnachtsgeschichten (das. 1898, 4. Aufl. 1901), »Die Geißlerin«, epische Dichtung (das.
 
99) Lewald
 ... Deutschland und Frankreich« (das. 1880); »Helmar«, Roman (das. 1880); »Zu Weihnachten«, drei Erzählungen (das. 1880); »Vater und Sohn«, Novelle (das. 1881);
 ... die Frauen«, Briefe (das. 1870, 2. Aufl. 1875); »Nella, eine Weihnachtsgeschichte« (das. 1870); »Die Erlöserin«, Roman (das. 1873, 3 Bde.); »Benedikt«
 
100) Lostage
 ... im allgemeinen die »Zwölften«, d. h. die zwölf Tage zwischen Weihnachten (dem frühern Jahresanfang) und Epiphanias, weil nach der bis in
 ... Martin (10. November), Lucia (13., früher 25. Dezember), Weihnachten . In frühern Zeiten, in denen neben Bibel und Gebetbuch
 
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