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Johann von Salisbury bis Johannes (Bd. 6, Sp. 279 bis 281)
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Artikelverweis Johann von Salisbury (spr. ßaolsbörī, Johannes Saresberiensis), engl. Geschichtschreiber des Mittelalters, geb. um 1120 in Salisbury (oder dort erzogen), gest. 25. Okt. wahrscheinlich 1180, studierte in Paris und Chartres unter Abälard und Gilbert und begleitete 1148 Papst Eugen III. nach Italien. 1153 oder 1154 nach England zurückgekehrt, trat er in den Dienst des Erzbischofs von Canterbury. Nach dem Zerwürfnis des Erzbischofs Thomas Becket, dem er sehr nahe stand, mit Heinrich II. flüchtete er nach Frankreich, kehrte erst 1170 mit Becket zurück und beschrieb nach dessen Ermordung sein Leben. Er wurde um 1174 Thesaurar des Kapitels in Exeter, 1176 aber zum Bischof von Chartres erwählt. J. war ein liebenswürdiger, sein gebildeter Prälat, kenntnisreich und aufgeklärt, als Philosoph und Theolog, als Jurist und Historiker von den Zeitgenossen gefeiert. Sein »Metalogicus«, in dem er den toten Formalismus der Scholastik scharf rügt, und sein »Polycraticus«, eine kirchlich-politische Ethik, bezeugen seine auf dem Studium des Altertums begründete Geistesbildung (Auszüge aus beiden hrsg. von R. Pauli in »Monumenta Germaniae historica«, Bd. 27). Seine Briefe sind eine wichtige Quelle für die Geschichte seiner Zeit. Auch die neuerdings aufgefundene »Historia pontificalis« (hrsg. von W. Arndt in »Monumenta Germaniae historica«, Bd. 20), eine Geschichte Papst Eugens III. bis 1152, 1164 abgefaßt, wird ihm mit größter Wahrscheinlichkeit zugeschrieben. Seine Werke sind herausgegeben von Giles (Oxf. 184748, 5 Bde.). Vgl. Reuter, Johannes von S. (Berl. 1842); Schaarschmidt, Joh. Saresberiensis (Leipz. 1862); Demimuid, Jean de Salisbury (Par. 1873); Gennrich, Die Staats- und Kirchenlehre Johanns von Salisbury (Gotha 1894).
 
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Johann von Soest, Dichter, geb. 1448 zu Unna in Westfalen, gest. 1506 in Frankfurt a. M., hieß eigentlich Johann Grumelkut, nannte sich aber nach der Stadt Soest, wo er seine Jugend verbracht hatte. 1471 wurde er Singmeister am kurfürstlichen Hof in Heidelberg. Später praktizierte er als Arzt. Außer kleinern Sachen, namentlich geistlichen Dichtungen, z. B. einem poetischen Beichtspiegel und einer in Reimen abgefaßten Autobiographie, haben wir von ihm eine Bearbeitung des niederländischen, von Heinrich van Aken verfaßten poetischen Romans »Die Kinder von Limburg«, die er für den Kurfürsten Philipp von der Pfalz 1480 verfaßte. Vgl. Pfaff in der »Allgemeinen konservativen Monatsschrift für das christliche Deutschland«, 1887 (Leipz.).
 
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Johann von Viktring (Johannes Victoriensis), mittelalterlicher Geschichtschreiber, Abt des Cistercienserklosters Viktring bei Klagenfurt 13151348, vertrauter Kaplan des Herzogs Heinrich von Kärnten und von dessen Tochter, Margarete Maultasch, dann des Herzogs Albrecht II. von Österreich, verfaßte eine wertvolle Chronik in 6 Büchern: »Liber

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certarum historiarum«, die, Herzog Albrecht II. gewidmet, auf Grund guter Quellen und in einer wohlüberlegten Anordnung die Zeit 12171344 behandelt. Herausgegeben ist sie in Böhmers »Fontes rerum germanicarum«, Bd. 1 (Stuttg. 1843), übersetzt von Friedensburg (Leipz. 1899). Vgl. Fournier, Abt J. (Berl. 1875); Mahrenholtz in den »Forschungen zur deutschen Geschichte«, Bd. 13 (Göttingen 1873) und Zur Kritik von J. von Viktrings »Liber certarum historiarum« (Halle 1878).
 
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Johann von Wesel (eigentlich Johann Ruchrath aus Oberwesel), Theolog, ward 1445 Magister in Erfurt, wo er 145657 Rektor der Universität war. Um 1460 ging er als Prediger nach Mainz, bald darauf nach Worms. Seine noch in Erfurt geschriebene »Disputatio adversus indulgentias« brachte ihn 1479 vor das Ketzergericht in Mainz. Nach einem ihm abgenötigten Widerruf starb J. 1481 im Kerker. Gegen die Abfassung des »Opusculum de auctoritate, officio et potestate pastorum« durch J. werden gute Gründe geltend gemacht. Vgl. O. Clemen, Über Leben und Schriften Johanns von Wesel, in der »Deutschen Zeitschrift für Geschichtswissenschaft« (1897).
 
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Johanna, Insel, s. Meyers Komoren.
 
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Johanna, die Päpstin (Frau Jutte), war, wie die Sage berichtet, von englischer Herkunft und in Mainz geboren. In jungen Jahren wurde sie von einem Liebhaber in männlicher Kleidung nach Athen gebracht, wo sie sich eine ausgezeichnete Bildung erwarb. Später ging sie nach Rom, unter dem Namen Johannes Anglicus die männliche Rolle fortspielend, hatte zahlreiche Schüler und wurde nach dem Tode Leos IV. (855) als Johann VIII. auf den päpstlichen Stuhl erhoben. Nachdem sie über zwei Jahre regiert hatte, kam sie während eines öffentlichen Aufzugs auf der Straße zwischen dem Amphitheater und der Klemenskirche nieder. Nach einem Bericht starb sie gleich darauf, nach einem andern wurde sie abgesetzt und lebte noch längere Zeit als Büßerin. Auf dem Platz ihrer Niederkunft wurde ein Denkmal errichtet; doch vermieden seitdem die Päpste die Stelle beim Kolosseum, wo der Vorfall stattgehabt hatte. Um indessen für die Zukunft einem ähnlichen Ärgernis vorzubeugen, mußte sich, wie später hinzugefügt wird, fortan jeder Papst vor seiner Weihe auf einen durchbrochenen Stuhl setzen, um sein Geschlecht prüfen zu lassen. Diese Erzählung, die zuerst um die Mitte des 13. Jahrh., freilich in andrer Fassung, in der Chronik des Predigermönches Johannes von Mailly auftritt, der die bei ihm noch namenlose Päpstin um das Jahr 1100 ansetzt, fand Aufnahme in die Chronik des Martin von Troppau und durch diese die weiteste Verbreitung. Sie galt bis in das 17. Jahrh. als historische Wahrheit, bis David Blondel 1649 ihre Ungeschichtlichkeit darlegte. Vier Dinge haben nach Döllinger zur Entstehung der Fabel beigetragen: Der Gebrauch durchbrochener Steinsessel bei der Einsetzung eines neugewählten Papstes, ein Stein mit einer Inschrift, den man für ein Grabdenkmal nahm, eine an demselben Orte gefundene Statue mit Gewändern, die man für weibliche hielt, und die Sitte, bei Prozessionen mit Vermeidung einer auf dem Wege befindlichen engen Straße einen Umweg zu machen (vgl. Döllinger, Die Papstfabeln des Mittelalters, 2. Aufl., Münch. 1890). Die Sage lieferte den Stoff zu einem der ältesten und berühmtesten deutschen Dramen, zu Th. Schernbecks »Ein schön Spiel von Fraw Jutten« (1480, gedruckt Eisleb. 1565); in der Neuzeit dichtete A. v. Arnim ein Schauspiel: »Die Päpstin J.« (1823).
 
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Johanna, 1) Königin von Frankreich, Erbtochter Heinrichs I. von Navarra, geb. 1270, gest. 1305, floh in früher Jugend mit ihrer Mutter Blanka von Artois wegen Parteibewegungen aus Navarra, wurde am Hofe Philipps III. von Frankreich erzogen und vermählte sich 1284 mit dessen Sohn Philipp IV. (dem Schönen), wodurch Navarra mit Frankreich vereinigt wurde. Als 1297 Graf Heinrich III. von Bar, während ihr Gemahl gegen Flandern zog, ihr Heiratsgut, die Champagne, überfiel, zog sie selbst mit einem Heer ihm entgegen, schlug jenen bei Comines und nahm ihn gefangen. Von ihren sieben Kindern wurden die drei ältesten Söhne, Ludwig X., Philipp V. und Karl IV., nacheinander Könige von Frankreich.
   2) J. (Juana) die Wahnsinnige, Königin von Kastilien, geb. 1479 in Toledo, gest. 1554, Tochter Ferdinands des Katholischen und der Isabella von Kastilien, ward 1495 mit Philipp dem Schönen, Sohn Kaiser Maximilians I., vermählt; sie gebar ihm zwei Söhne, Karl V. und Ferdinand, und eine Tochter, Maria. Durch den Tod ihrer ältern Geschwister wurde sie die Erbin Spaniens und nach dem Tode ihrer Mutter 1504 Königin von Kastilien. Schon lange trübsinnig, verfiel sie nach dem Tode Philipps (1506) in unheilbare Geisteskrankheit; teilnahmlos gegen alles außer dem Andenken ihres Gemahls, brachte sie den Rest ihres Lebens auf dem Schloß Tordesillas zu. Vgl. Roesler, J. die Wahnsinnige (Wien 1870); Rodriguez Villa, La reina Doña Juana la Loca (Madr. 1892).
   3) J. I., Königin von Neapel, geb. 1326, gest. 22. Mai 1382, aus dem ältern Hause Anjou, älteste Tochter des Herzogs Karl von Kalabrien, Sohnes des Königs Robert von Neapel, und der Marie von Valois, ward nach dem Tod ihres Vaters (1328) am zügellosen Hof ihres Großvaters Robert erzogen, der sie an den damals siebenjährigen ungarischen Prinzen Andreas vermählte. Nach dem Tode Roberts (1343) bestieg J. den Thron, und als Andreas, mit dem sie in unglücklicher Ehe lebte, ebenfalls die Krönung und Anteil an der Regierung verlangte, wurde er 18. Sept. 1345 von den Anhängern der Königin, wahrscheinlich mit deren Wissen, ermordet. Um dafür Rache zu nehmen, rüstete Andreas' Bruder, König Ludwig von Ungarn, ein Heer und brach Ende 1347 nach Italien auf. J., die sich 20. August 1346 mit ihrem Geliebten, dem Prinzen Ludwig von Tarent, vermählt hatte, floh im Januar 1348 nach der Provence, und das Reich fiel in die Gewalt des Ungarnkönigs, der den Herzog Karl von Durazzo und viele andre wegen der Ermordung seines Bruders hinrichten ließ. Als er aber im Mai 1348 abgezogen war, kehrte J. im August nach Neapel zurück, nachdem sie dem Papst Avignon verkauft und ihn dadurch zu ihrer Lossprechung von aller Schuld am Mord ihres Gemahls bewogen hatte; 1350 schloß auch Ludwig einen Vertrag, kraft dessen J. im Besitz Neapels blieb. Das Land war indessen erschöpft und wurde von Söldnerbanden verwüstet; die Königin und ihr Gemahl waren ohne Ansehen. 1362 starb Ludwig von Tarent, und J. heiratete Jakob von Mallorca, der aber meist in Spanien verweilte und 1374 starb. Da Johannas eigne Kinder inzwischen gestorben waren, bestimmte sie ihre Nichte Margarete, Tochter Karls von Durazzo, zur Nachfolgerin und vermählte sie 1368 mit Karl dem Kleinen von Durazzo, dem Sohne von Margaretes Oheim Ludwig von Gravina. Karl der Kleine stand jedoch

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im Einverständnis mit Ludwig von Ungarn, der von neuem Ansprüche auf Neapel erhob. Um gegen ihn eine Stütze zu erhalten, vermählte sich J. 1376 mit dem tapfern Söldnerführer Otto von Braunschweig und verlieh ihm das Fürstentum Tarent. Als aber Papst Urban VI., den sie durch Anerkennung des Gegenpapstes Clemens VII. gereizt hatte, sie 1380 in den Bann tat und Ludwig von Ungarn und Karl von Durazzo zum Kriege gegen sie ausrief, ernannte. z. den Herzog Ludwig von Anjou, Sohn des Königs Johann des Guten von Frankreich, zu ihrem Erben und bat ihn um Hilfe. Ehe dieser jedoch erscheinen konnte, eroberte Karl von Durazzo 16. Juli 1381 die Hauptstadt, nahm die Königin mit ihrem Gemahl gefangen und ließ sie erdrosseln. So endete diese zwar von Sinnlichkeit und heftigen Leidenschaften durchglühte, aber schöne, geistvolle und hochgebildete Fürstin, eine Schülerin Petrarcas, die von Gelehrten und Dichtern gepriesen wird: eine typische Erscheinung ihres Zeitalters. Vgl. Crivelli, Della prima e della seconda Giovanna, regine di Napoli (Padua 1832); Battaglia, Giovanna I., regina di Napoli (das. 1835); Baddeley, Queen Joanna I. of Naples (Lond. 1892); Scarpetta, Giovanna I. di Napoli (Neapel 1903).
   4) J. II., Königin von Neapel, geb. 1371, gest. 2. Febr. 1435, Tochter Karls des Kleinen von Durazzo, vermählte sich 1389 mit dem Erzherzog Wilhelm von Österreich, kehrte aber nach dessen Tode 1406 an den Hof ihres Bruders Ladislaus nach Neapel zurück und ergab sich hier gleich jenem allen Ausschweisungen. Als Ladislaus 1414 gestorben war, ward J. 6. Aug. zur Königin ausgerufen. Auch als solche setzte sie ihr zügelloses Leben fort, bis sie sich 1415 mit Jakob von Bourbon, Grafen de la Marche, vermählte. Dieser ließ Johannas allmächtigen Günstling, Pandolf Alopo, enthaupten und riß alle Gewalt an sich, machte sich jedoch bei den neapolitanischen Großen bald verhaßt, mußte schon 1417 der königlichen Gewalt entsagen und sich mit dem Fürstentum Tarent begnügen und starb 1438 als Franziskaner. Der Condottiere Sforza, als Großconnetable, und Giovanni de Caraccioli waren jetzt die Günstlinge der Königin. Allein ihre Eifersucht rief neue Wirren hervor. Sforza trat in die Dienste Ludwigs III. von Anjou, der Ansprüche auf Neapel machte und in das Königreich einfiel, während J. den König Alfons V. von Aragonien adoptierte und um Hilfe anrief. Dieser zog 7. Juli 1421 in Neapel ein. Das anmaßende Betragen des Aragoniers, der Caraccioli gefangen nehmen ließ, erregte indes bald das Mißtrauen der Königin, und sie zog sich in das Kastell von Capua zurück, wo er sie belagerte. Durch Sforza befreit, erklärte sie Alfons aller Ansprüche auf Neapel verlustig und nahm 1423 Ludwig III. von Anjou an Sohnes Statt an. durch dessen Waffen die Hauptstadt wieder in ihre Hände kam. Doch behauptete sich Alfons in einem Teile des Reiches, und der Bürgerkrieg dauerte fort. Nach Ludwigs Tode 1434 übertrug J. dessen Ansprüche auf seinen Bruder René von Anjou. Vgl. Crivelli (oben, bei Johanna 3); Faraglia, Storia della regina Giovanna 11. d'Angiò (Lanciano 1904).
 
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Johanna d'Albret (Jeanne d'Albret), geb. 7. Jan. 1528, gest. 9. Juni 1572, einzige Tochter und Erbin Heinrichs II. von Navarra und Béarn, aus dem Hause Albret, das seit 1494 das Königreich Navarra durch Heirat besaß, und Margaretens von Valois, Schwester Franz' I., zeigte, trefflich erzogen, in den schwierigsten Lagen männlichen und kühnen Sinn, regierte segensreich und trat eifrig für ihren reformierten Glauben ein. 1548 vermählte sie sich mit Anton von Bourbon, Herzog von Vendôme, der ihr weder an Charakter noch an Geist ebenbürtig war. Sie gebar ihm 1553 den spätern König Heinrich IV. Durch den Tod ihres Vaters ward sie 1555 nebst ihrem Gemahl Anton, seit dessen Tode 1562 allein Herrscherin des kleinen Königreichs Navarra, das sie mit Kraft und Weisheit regierte, und wo sie die Reformation ein führte. Unter den Hugenotten besaß sie bedeutenden Einfluß und brachte in den Hugenottenkriegen große Opfer. 1572 wegen der beabsichtigten Vermählung ihres Sohnes mit Margarete von Valois an den Hof berufen, starb sie zwei Monate vor der Bartholomäusnacht, angeblich durch Gift, in Paris. Vgl. Freer, Life of Jeanne d'Albret (2. Aufl., Lond. 1861); kleinere Biographien von Pressel (Berl. 1868) und Arndt (Leipz. 1875); de Ruble, Le mariage de Jeanne d'Albret (Par. 1877), Antoine de Bourbon et Jeanne d'Albret (das. 188186, 4 Bde.), Mémoires et poésies de Jeanne d'A. (das. 1894) und J. d'Albret et la guerre civile (das. 1897, Bd. 1).
 
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Johanna d'Arc, s. Meyers Jeanne d'Arc.
 
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Johanna von Anjou, s. Meyers Johanna 3) und 4).
 
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Johannes (Johann, hebr. Jehochanán [»Gottesgabe«], griech. Ioannes), 1) J. der Täufer, eine von der christlichen Sage schon früh mit Vorliebe erfaßte und in möglichst nahe Beziehung zu Jesus von Nazareth gebrachte, nichtsdestoweniger aber wahrhaft geschichtliche Gestalt. Er trat in der Wüste Juda und am untern Jordan als Asket und Prophet auf, sammelte Jünger um sich und verkündigte die Nähe des von den alten Propheten geweissagten Reiches Gottes, aber so, daß er als Vorbedingung für dessen Kommen Buße und Bekehrung forderte und der Verpflichtung dazu durch das Symbol der Wassertaufe im Jordan Ausdruck gab. Auch auf Jesus Meyers Christus (s. d.) übte J. einen tiefgehenden Einfluß aus, wie ihn jener denn auch geradezu für seinen Vorläufer erklärte, in dessen tragischem Ende er die Weissagung des eignen Geschickes erkannte (Matth. 17,11 f.; Mark. 9,12 f.). Dieses Ende bringen die Evangelien mit der Geschichte der Herodias (s. d.) in Verbindung. Anders berichtet Josephus (Antiqu. XVIII, 5,2) den Hergang, indem er als Motiv der Enthauptung des J. auf der Bergfestung Machärus (spätestens 34 n. Chr.) die Furcht vor der durch seine Reichspredigt hervorgerufenen Volksbewegung angibt, welch letztere leicht zu einer Umwälzung hätte führen können. Vgl. Köhler, Johannes der Täufer (Halle 1884).
   2) J. der Apostel, einer der Vertrauten Jesu, Sohn des Fischers Zebedäus und der Salome, Bruder des ältern Jakobus, trieb das Gewerbe seines Vaters am See Genezareth und gehörte zu den Erstberufenen in Jesu Nachfolgeschaft. Die synoptischen Evangelien schildern ihn und seinen Bruder als heftige. ehrgeizige, sogar zur Gewalttat neigende »Donnerskinder«, während das seinen Namen tragende vierte Evangelium in ihm den sanften und treuen Lieblingsjünger sieht, der selbst beim Tode Jesu in dessen Nähe ausharrt und von dem sterbenden Meister die Weisung empfängt, sich der Mutter desselben als Sohn anzunehmen. In der Urgemeinde hat er als eine der »Säulen«, der Autoritäten der judenchristlichen Richtung, eine führende Stellung eingenommen. Daß er mit seinem Bruder Jakobus von Juden getötet wurde, läßt sich aus Mark. 10,19 in Verbindung mit einer bestimmten Angabe bei Papias (s. d.) von Hierapolis wahrscheinlich machen. Der spätern

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kirchlichen Überlieferung zufolge soll er nach Kleinasien übergesiedelt sein und von Ephesos aus eine oberhirtliche Tätigkeit entfaltet haben. Daß er unter Domitian auf die Insel Patmos verwiesen worden und unter Nerva zurückgekehrt sei, beruht auf Offenb. 1,9 und hängt zusammen mit der Annahme, daß der Verfasser der Apokalypse mit dem Jünger Jesu identisch sei. Aber sowohl diese Annahme wie überhaupt die Tradition von dem ephesinischen Aufenthalt eines Zwölfapostels haben in neuer Zeit starke Anfechtung erfahren, und man will in der judenchristlichen Autorität, die nach den Zeiten des Apostels Paulus in Ephesos unter dem Namen J. auftritt und wahrscheinlich in der Apokalypse sich bezeugt, sogar einen andern J. finden, den der gegen 150 schreibende Papias den Presbyter J. nennt. Dann wären auf diesen J. auch die kirchlichen Zeugnisse zu beziehen, denen zufolge J. zu Ephesos als der letzte der Apostel während der Regierung Trajans eines natürlichen Todes gestorben sein soll. Im Verlauf der zweiten Hälfte des 2. Jahrh. verdichtet sich diese Form der Johannislegende, und die spätere Kirche hat sie noch mehr ausgeschmückt. In der katholischen Kirche ist der 27. Dezember sein Gedächtnistag. Den Namen des Apostels J., als des Verfassers, tragen in unserm neutestamentlichen Kanon ein Evangelium, drei Briefe und eine prophetische Schrift, die Apokalypse oder Offenbarung des J.
   Das Evangelium des Johannes unterscheidet sich wesentlich von den drei ältern Evangelien. Es gibt in großen Zügen einerseits ein Gemälde des Widerstreits der Welt gegen die in dem menschgewordenen Gottessohn geoffenbarte Wahrheit, anderseits ein Bild der innern Beseligung der Auserwählten, die sich ihm als dem Lichte des Lebens hingeben. Nicht Taten und Aussprüche, vom Gedächtnis bewahrt, sind dem Verfasser die Hauptsache, sondern Ideen, von der Spekulation erzeugt, vom Gefühl empfangen und als Glaube geboren. Soll J. dieses Buch überhaupt geschrieben haben, so müßte es erst gegen Ende seines Lebens in Ephesos geschehen sein, woselbst eine Berührung mit der alexandrinischen Spekulation, wie sie die Ausführung über den Logos (s. d.) im Anfang des Evangeliums voraussetzt, denkbar wäre. Freilich weisen innere Zeitspuren das Werk in das 2. Jahrh., vielleicht schon in die Blütezeit der Gnosis. Aus den zahlreichen Kommentaren verdienen Hervorhebung die von Lücke (3. Aufl., Bonn 1840, 1843, 1856, 3 Tle.), Tholuck (7. Aufl., Gotha 1857), Meyer (8. Aufl. von Weiß, Götting. 1893), De Wette (5. Aufl. von Brückner, Leipz. 1863), Hengstenberg (2. Aufl., Berl. 1867 bis 1870, 3 Bde.), Ewald (Götting. 1862, 2 Bde.), Luthardt (2. Aufl., Nürnb. 1875), Keil (Leipz. 1881), Westcott (Lond. 1882), Schanz (Tübing. 1889), Godet (3. Ausg., Neuchâtel 188185, 3 Bde.; deutsch, 3. Aufl., Hannov. 189092), Wahle (Gotha 1888), Bugge (deutsch, Stuttg. 1894) und H. Holtzmann (2. Aufl., Freiburg 1893). Vgl. außerdem Thoma, Die Genesis des Johannesevangeliums (Berl. 1882); O. Holtzmann, Das Johannesevangelium (Darmst. 1887); Baldensperger, Der Prolog des vierten Evangeliums (Freib. 1898); Wrede, Charakter und Tendenz des Johannesevangeliums (Tübing. 1903); Schwartz, Über den Tod der Söhne Zebedäi (Berl. 1904). S. auch Evangelium und Jesus Christus (besonders S. 247).
   Von den Briefen des J. ist der erste der bei weitem bedeutendere. Derselbe bildet ein untrennbares Seitenstück zu dem Johanneischen Evangelium und führt insonderheit die praktische Seite der dort niedergelegten Ideen aus. Er knüpft weit mehr als das Evangelium an die Verhältnisse der Wirklichkeit an und bekämpft namentlich die antinomistische Gnosis, aber der Grundgedanke ist auch hier die Realität des im Fleisch erschienenen Heils und die durch die Gemeinschaft des Glaubens und der Heiligung bedingte Liebe der Gläubigen untereinander. Die zweite und dritte Epistel sind kleine Handschreiben mit vieldeutigen Adressen. Ihr Verfasser nennt sich Presbyter, was auf die Hypothese vom Presbyter J. zurückweist.
   Die Offenbarung des J. (Apokalypse) entstand nach herkömmlicher Ansicht, als die Nähe der über Jerusalem hereinbrechenden Katastrophe und die blutige Christenverfolgung unter Nero in den Gemütern, besonders der ehemaligen Juden, die ganz Farbenglut der messianischen Hoffnungen wieder erweckten und man zuversichtlich einer in der nächsten Zukunft eintretenden allgemeinen Umwälzung entgegensah, die mit der Läuterung Jerusalems und mit Roms Untergang beginnen und mit Christi Wiederkunft, der Auferstehung der Toten und mit dem Weltgericht endigen sollte. Kleidet der Verfasser dieie Erwartungen auch in Visionen nach Art der alttestamentlichen Propheten, namentlich Da niels, ein und entlehnt von denselben seine Farben, Symbole und Bilder, so bleibt ihm doch das Verdienst der Vereinigung verschiedener Elemente zu einem Ganzen und einer gewissen Virtuosität in der symmetrischen Anordnung der Bilder und in der stufenmäßigen Entwickelung der Szenen. Als poetisches Werk hat diese Apokalypse alle Eigenschaften morgenländischer Dichtung. Der brennende Hauch des Ostens belebt ihre Bilder, eine üppige Phantasie opferte die Schönheit der Kühnheit, und das Menschlich-Ansprechende weicht dem Gigantisch-Abstoßenden. Das Buch ist frühestens zwei Jahre vor der Zerstörung Jerusalems geschrieben und setzt die Sage von dem aus dem Tode zum Leben zurückgekehrten Nero voraus. Dagegen paßt die vorausgesetzte Verfolgung der Christen wegen verweigerten Kaiserkultus eher in die Zeit Domitians, in welche die alte Kirche sie verlegte, während neuere Kritiker die doppelten Zeitspuren benutzen, um eine schichtenweise Entstehung des Ganzen auf jüdischer Grundlage wahrscheinlich zu machen. Der Verfasser nennt sich J., und die Überlieferung sieht in diesem den Apostel J., während andre den sogen. Presbyter als den Begründer der judaistisch-apokalyptischen Reaktion gegen die Paulinische Fortbildung der kleinasiatischen Gemeinden darstellen. Sprachliche und sachliche Gründe verbieten, dies Werk und das sogen. Evangelium des J. Einem Verfasser zuzuschreiben. Kommentare schrieben neuerdings Ewald (Götting. 1862), De Wette (3. Aufl. von Möller, Leipz. 1862), Düsterdieck (3. Aufl., Götting. 1877; neubearbeitet von Bousset, das. 1896), Hengstenberg (2. Aufl., Berl. 1862), Bleek (das. 1862), Volkmar (Zürich 1862), Kliefoth (Leipz. 1874), Bisping (Münster 1876), Spitta (Halle 1889), H. Holtzmann (2. Aufl., Freiburg 1893). Vgl. außerdem E. Vischer, Die Offenbarung Johannis eine jüdische Apokalypse in christlicher Bearbeitung (Leipz. 1886); J. Weiß, Die Offenbarung des J. (Götting. 1904). S. Chiliasmus und Apokalyptik.

 

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71) Herloßsohn
 ... (das. 1842, 3. Aufl. 1872); »Wallensteins erste Liebe« (das. 1844); »Weihnachtsbilder« (das. 1847); »Die Mörder Wallensteins« (das. 1847). Auch veröffentlichte
 
72) Heyse
 ... Es folgten: »Der Roman der Stiftsdame« (1886, 12. Aufl. 1903), »Weihnachtsgeschichten« (1891), »Aus den Vorbergen« (1892), »In der Geisterstunde und andre
 
73) Hildebrandt
 ... (1830), die seine realistische Tendenz nicht zu beeinflussen vermochten. Der Weihnachtsabend (1840), Empfang des Kardinals Wolsey im Kloster (1842), Doge und
 
74) Hirsch
 ... gelt sind, auch mehr, Spießer etwa ebensoviel und Kälber zur Weihnachtszeit 2025 kg. Die Zahl der Enden entscheidet nicht sicher
 
75) Hofmann
 ... frische Gelegenheitsdichtungen und durch schriftstellerische Unternehmungen zu wohltätigen Zwecken (»Weihnachtsbaum für arme Kinder«, 25 Jahrgänge) verdient. Eine Auswahl seiner Gedichte
 
76) Homilĭus
 ... der Kreuzschule daselbst. H. war seinerzeit als Komponist hochgeschätzt (Passionen, Weihnachtsoratorien, Motetten, Kantaten u. a.), schrieb auch ein Lehrbuch des Generalbasses.
 
77) Hutzelbrot
 ... Hutzelbrot ( Hutzel - , Birnenwecken ), süddeutsches Weihnachtsgebäck aus Roggenmehlteig mit zerschnittenen getrockneten Birnen und Pflaumen ( Hutzeln
 
78) In
 ... süßem Jubel«), Anfangsworte eines alten, halb deutsch, halb lateinisch geschriebenen Weihnachtsliedes, das früher dem Petrus Dresdensis (gest. 1440) zugeschrieben wurde, in
 
79) Jensen
 ... schwerer Vergangenheit«, ein Geschichtenzyklus (das. 1888, 3. Aufl. 1901), »Vier Weihnachtserzählungen« (das. 1888), »Jahreszeiten« (das. 1889), »Sankt - Elmsfeuer« (das. 1889),
 
80) Jesus
 ... die aufblühende Kultur des Bürgertums gefördert wurde (s. Weihnachtsspiele , Passionsspiele , Osterspiele). Neues Leben
 
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