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Infantĭa Salvatōris bis Inferi (Bd. 6, Sp. 819 bis 823)
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Artikelverweis Infantĭa Salvatōris (»die Kindheit des Heilands«), Titel mehrerer lateinisch, arabisch und syrisch vorhandener Meyers Apokryphen (s. d.), die sich in Fabeleien über Jesu Jugend ergehen.
 
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Infanticīda (lat.), Kindesmörder, Kindesmörderin; Infanticidĭum, Meyers Kindesmord (s. d.).
 
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Infantilismus, das abnorme, dauernde oder vorübergehende Verharren der körperlichen Entwickelung auf kindlicher Stufe. Dementsprechend ist das Längenwachstum ein geringes, die Entwickelung stärkerer Muskulatur und stärkerer Knochen, wie die sonstigen Zeichen der Pubertät, das Hervorbrechen der Bart- und Schamhaare, Veränderung der Stimme, Entwickelung der Geschlechtsorgane treten mangelhaft oder verzögert ein. Dasselbe gilt für die mit der Pubertät verbundene Fortentwickelung des Charakters. Ursachen des I. können vielerlei vererbte oder erworbene krankhafte Störungen sein; nicht selten ist I., vor allem das gehemmte Längenwachstum, auf mangelhafte Tätigkeit der Schilddrüse zurückzuführen, also dem Kretinismus verwandt, und durch Darreichung von Schilddrüsenpräparaten zu bessern.
 
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Infarkt (lat. Infarctus, griech. Emphraxis, »Anschoppung, Verstopfung«), in der alten Medizin ursprünglich von der Verstopfung der Därme durch harte Massen gebraucht, namentlich durch verhärtete Kotballen oder durch ungekaute und unverdaute Speisen. Gegenwärtig versteht man unter I. nur den hämorrhagischen I., d. h. die Infiltration der Gewebe durch erg offenes Blut. Der hämorrhagische I. kommt vorzugsweise in den Lungen, der Milz und den Nieren vor. Er tritt hier in Gestalt größerer oder kleinerer (in der Lunge bis faustgroßer, in den Nieren meist nur bohnengroßer) Knoten von keilförmiger Gestalt auf, die sich durch ihre Härte von der weichen Umgebung leicht abgrenzen lassen. Die Grundfläche des Keiles entspricht der Oberfläche, seine Spitze dem Innern des betreffenden Organs. Die hämorrhagischen Infarkte entstehen durch allmähliches Aussickern des Blutes aus den feinsten Gefäßen, wobei die Blutkörperchen sich zwischen die Gewebselemente und in die von diesen gebildeten Hohlräume (z. B. Lungenbläschen, Harnkanälchen etc.) einlagern und das Parenchym der Organe zwischen sich zusammendrücken. Anfänglich ist der hämorrhagische I. auf der Schnittfläche dunkel blutrot und feucht; später, wenn das Blut geronnen ist, wird er trockner und fester, bleibt aber noch düster braunrot. Allmählich jedoch erblaßt der I., wird hellgelb, sehr trocken und fest; dabei verkleinert er sich, und schließlich verschwindet er gänzlich unter Hinterlassung einer tiefeingezogenen Narbe. Die Ursache der Infarktbildung liegt in einer plötzlich auftretenden

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Verstopfung der blutzuführenden Arterie des betroffenen Gebiets, und diese Verstopfung erfolgt durch Blutgerinnsel auf dem Wege der Embolie (s. d.). Vgl. Endarterie. Beim hämorrhagischen I. der Lungen, der bei gewissen Herzkrankheiten häufig vorkommt, gelangt ein Teil des ergossenen Blutes in die Luftröhrenäste und wird ausgehustet (Bluthusten, hämoptoischer I.). Die meist kleinen Infarkte der Nieren bedingen vorübergehendes Blutharnen. Milz- und Niereninfarkte werden vorzugsweise bei Entzündung der Klappen in der linken Herzhälfte beobachtet, Lungeninfarkte dagegen schließen sich an die Erweiterung des rechten Vorhofs und der rechten Herzkammer an. An den ursprünglich erkrankten Stellen des Herzens bilden sich in der Regel die Gerinnsel, die mit dem Blutstrom verschleppt und die unmittelbare Ursache der Infarkte werden. Es kann aber auch von andern Stellen her, z. B. von einem Jaucheherd aus, Material zur Bildung metastatischer Infarkte in die Blutbahn gelangen. Für den Ausgang der Infarkte ist die Beschaffenheit des verschleppten Blutgerinnsels entscheidend; ist dies unschädlicher Natur (nicht bakterienhaltig), so erfolgt die geschilderte Narbenbildung; enthält es Bakterien oder Eiter, so vereitert der I. und kann um sich greifen. Zahlreiche Infarkte letzterer Art treten beim Eiterfieber auf. Von ärztlicher Behandlung der hämorrhagischen Infarkte kann kaum gesprochen werden. Nur beim I. der Lungen, der mit Lungenblutung einhergeht, wird sie rein symptomatisch, ähnlich wie bei andern Lungenblutungen, stattfinden können. Vgl. Bluthusten; ferner die Artikel Harnsäureinfarkt und Kalkinfarkt.
 
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Infatigābel (lat.), unermüdlich.
 
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In favōrem (lat.), zugunsten.
 
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Infektion (lat.), Ansteckung (s. Meyers Infektionskrankheiten); infektiös, ansteckend, seuchenartig.
 
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Infektionskrankheiten (parasitäre Krankheiten), durch einen von außen in den Körper eindringenden und sich dort vermehrenden Krankheitskeim hervorgerufene Krankheiten. In den letzten Jahrzehnten wurde besonders durch Pasteur und Koch festgestellt, daß diese Krankheitserreger belebt sind und größtenteils zu der Gruppe der Spaltpilze (Bakterien) gehören. Schon seit sehr langer Zeit hatte man ein contagium animatum in der medizinischen Wissenschaft angenommen, und mit der Vervollkommnung des Mikroskops war diese Lehre immer mehr fortgeschritten, aber erst durch die bahnbrechenden Untersuchungen der genannten Forscher gelang der Nachweis und zugleich die gründliche Erforschung der Lebensbedingungen jener kleinen Lebewesen, und es wurde dadurch das Verständnis und die Bekämpfung der I. in ganz neue Bahnen gelenkt.
   Die I. entstehen nie spontan, sondern nur durch Übertragung der krankheitserregenden Keime auf das Individuum. Für die Verbreitungsweise der I. sind die Lebensbedingungen der Krankheitskeime von ausschlaggebender Bedeutung. Bei manchen Krankheiten bleibt der Ansteckungsstoff nur innerhalb des Körpers wirksam u. geht außerhalb desselben so rasch zugrunde (z. B. bei der Syphilis und beim Rückfallstyphus), daß eigentlich nur direkte Übertragung von einem Kranken (oder dessen Auswurfstoffen) auf einen Gesunden zur Erkrankung führen kann (eigentliche kontagiöse I.). Andre Infektionserreger sterben nicht unmittelbar nach dem Verlassen des Körpers ab, sondern können sich, wie die Erreger der Pocken, des Scharlachs, der Masern, längere Zeit, unter Umständen jahrelang, ansteckungstüchtig erhalten. Wieder andre Mikroorganismen, die man, im Gegensatz zu den ebe a genannten obligaten Parasiten, als fakultative Parasiten bezeichnet, sind zur Fortpflanzung nicht nur auf den lebenden Organismus angewiesen, sondern gedeihen ebensogut außerhalb desselben auf totem Nährmaterial (z. B. Milzbrand). Bei diesen ist daher eine indirekte Übertragung durch Stoffe, in denen ein weiteres Wachstum stattfindet, von großer Bedeutung. Wenn der Krankheitserreger erst außerhalb des Körpers seine Ansteckungsfähigkeit erlangt, in dem er seinen natürlichen Aufenthalt, z. B. in tierischen Zwischenwirten, im Boden, dem Wasser etc., hat, so ist die Übertragung notwendig eine indirekte. Ein typisches Beispiel hierfür ist die Malaria. Man nennt I., deren Erreger nur im Körper gedeiht, auch endogene, während man als exogene oder ektogene solche bezeichnet, deren Krankheitskeim außerhalb des Organismus heranreifen muß. Der Begriff des exogenen Ursprungs deckt sich einigermaßen mit der ältern Bezeichnung der miasmatischen (vom griech. μιαίνειν, beflecken) Krankheitsentstehung. Miasmatisch-kontagiöse I. nennt man solche, deren Keim sowohl von Person zu Person direkt übertragen wird als auch außerhalb des menschlichen Körpers gedeiht und von dort aus anzustecken vermag.
   Gemeinsam ist diesen Gruppen der I. die Vermehrungsfähigkeit (Reproduktionsfähigkeit) der eingedrungenen Mikroorganismen, so daß im infizierten Körper aus wenigen Mikroorganismen sehr große Mengen von solchen sich bilden können, eine für den Begriff der Infektion wesentliche Tatsache. Doch kann man im weitern Sinn auch Krankheiten, bei denen eine Reproduktionsfähigkeit des eingedrungenen Lebewesens fehlt, z. B. die Erkrankung an Anchylostomum, an Bandwürmern, als durch Infektion entstanden bezeichnen, wobei Eier, bez. Jugendformen dieser Parasiten in den Körper eindringen und hier sich ohne Vermehrung weiter entwickeln.
   Der Übergang der Krankheitskeime auf den Menschen kann auf die mannigfaltigste Weise erfolgen. Als Infektions quellen sind vor allem die Absonderungen des Kranken gefährlich. Bei den kontagiösen I. genügt oft schon eine Hautschuppe (Scharlach), um eine Ansteckung hervorzurufen. Im Kot finden sich die Erreger der Cholera und des Typhus, im Auswurf des Schwindsüchtigen die Tuberkelbazillen, in den ausgehusteten Membranfetzen bei Diphtherie die Diphtheriebazillen. Auch durch den Harn werden pathogene Keime ausgeschieden (z. B. beim Typhus). Manche Keime gehen allerdings bald nach dem Verlassen des Körpers zugrunde (durch Austrocknung, Einwirkung des Sonnenlichtes u. a.), aber andre bleiben unter gewissen Bedingungen monate-, ja sogar jahrelang infektionsfähig, wie z. B. Scharlach u. Pocken. Fernerhin kann der Kranke indirekt durch die von ihm benutzten Utensilien (Kleidung, Bettwäsche, Eß- und Trinkgeschirr, Verbandzeug, Bücher) eine neue Infektion vermitteln. Die Krankheitserreger können ferner in die Wohnung gelangen und so die Möbel, den Fußboden, die Tapeten und auch die Wohnungslust infizieren. Bei der Tuberkulose scheint die Luft den Hauptvermittler darzustellen, wenigstens ist es oft gelungen, den Bazillus dieser Krankheit im Staub der Wohnungen nachzuweisen. Endlich können die Keime in unsre weitere Umgebung gelangen und mit den Abwässern oder dem Tonnen- und Kanalinhalt in den Boden oder in einen Wasserlauf gelangen und so eine Verschleppung herbeiführen. Die bei der Beerdigung durch eine Leiche in den Boden gelangenden

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Keime sind, wie durch Versuche sicher bewiesen ist, in kurzer Zeit abgestorben und daher ungefährlich.
   Die Infektionswege, die der pathogene Keim zu den Körperstellen einschlägt, wo die Infektion erfolgt, sind gleichfalls äußerst mannigfacher Art. Bei vielen I. findet eine direkte Übertragung durch Berührung (Händedruck, Küssen, Reinigen der Wäsche, des Eßgeschirres u. a.) statt. Diejenigen Keime, die durch die Luft ihre Verbreitung fördern, gelangen durch Inhalation auf die Schleimhaut der großen Luftwege (Tuberkulose). Manchmal können auch eingeatmete Krankheitserreger durch Verschlucken von Speichel und Schleim in den Darmkanal gelangen und so eine Infektion hervorrufen (Typhus). In vielen Fällen erfolgt die Aufnahme mit den Nahrungsmitteln, besonders auch durch Milch und Trinkwasser (Cholera, Typhus). Der Genuß von roher oder ungenügend gekochter Milch ist sehr bedenklich, da dieselbe einen ausgezeichneten Nährboden für krankheitserregende Bakterien abgibt. Endlich müssen auch die Insekten als Vermittler von Infektionen betrachtet werden. Dieselben stellen entweder Zwischenwirte dar (Filaria), oder wirken durch Stiche (Malaria), oder sie verschleppen die Krankheitskeime an ihrem Leibe, wie das für Fliegen bezüglich der Tuberkulose, der Cholera, der Pest u. a. nachgewiesen ist. Es ist sehr schwierig, in manchen Fällen sogar unmöglich, zu entscheiden, welche von diesen Infektionsmöglichkeiten in einem bestimmten Falle zur Geltung gekommen ist. Einzelne pathogene Keime vermögen übrigens an verschiedenen Stellen des Körpers einzudringen; so kann die Tuberkulose in der Lunge, im Darm, auf der Haut (Lupus) und in den Harnorganen ihren Anfang nehmen; ebenso kann Milzbrand von Hautwunden, vom Darm und von den Lungen aus eine Allgemeininfektion hervorrufen.
   Die I. können akut oder chronisch verlaufen. Der erstere Verlauf ist z. B. bei Typhus, Scharlach, Masern, Pocken, Diphtherie, Cholera, Pest u. a. die Regel. Dabei zeigen die genannten Krankheiten meist einen typischen Verlauf insofern, als die Dauer der einzelnen Krankheitsabschnitte, die Art der Genesung (ob allmählich oder plötzlich) in jeder einzelnen Krankheit gewissen Regeln folgt. Man unterscheidet dabei meist ein Stadium der Meyers Inkubation (s. d.), in dem das Krankheitsgift bereits im Körper eingedrungen, aber noch nicht wirksam ist, dann das Prodromalstadium, in dem leichtere Krankheitserscheinungen als Vorboten sich zeigen, ein Stadium der vollentwickelten Krankheit (stadium acmes), wobei meist hohes Fieber vorhanden ist, das Fieber fällt dann bei dem Übergang zur Rekonvaleszenz plötzlich (kritisch) oder allmählich (lytisch) ab. Chronische I. sind z. B. die Tuberkulose, die Malaria in manchen Fällen, indem immer wieder Rückfälle (Rezidive) auftreten können, die Syphilis, deren einzelne Abschnitte (primäre, sekundäre, tertiäre Stadien) monate- und jahrelang auseinander liegen können. Viele I. erzeugen nach einmaligem Auftreten für einige Zeit oder für immer Immunität gegen dieselbe Krankheit, andre nicht.
   Die I. beschränken sich meist nicht auf einzelne Fälle, sondern verbreiten sich oft sehr rasch über einen größern Komplex und man spricht dann von Epidemien. Das plötzliche Aufflackern sowie das Wiedererlöschen solcher Epidemien und das oft beobachtete Verschontbleiben mancher Ortschaften läßt sich durch eine Reihe von teilweise zurzeit noch nicht näher erforschten Momenten erklären, die wir als zeitliche, örtliche und individuelle Disposition bezeichnen.
   Für die Annahme einer zeitlichen Disposition spricht die seit langer Zeit bekannte Erfahrung, daß bestimmte I., wie Cholera und Typhus, in Mitteleuropa die Zeit des Spätsommers und des Herbstes bevorzugen, wahrscheinlich, weil durch die um diese Zeit herrschende Hitze und Luftfeuchtigkeit Bedingungen geschaffen werden, die für die Vermehrung und die Virulenz der Krankheitskeime besonders günstig sind. Außerdem kommen um diese Zeit, teils infolge von häufigem Genuß von Obst, teils durch Temperaturschwankungen, häufig Darmkrankheiten vor, die eine Infektion mit Cholera oder Typhus begünstigen. Unter örtlicher Disposition versteht man das an verschiedenen Orten ungleiche Auftreten der I. Man beobachtet nämlich, daß bei Epidemien bestimmte Ortschaften oder auch nur Teile einer Örtlichkeit mit besonderer Vorliebe heimgesucht werden, während andre teilweise oder ganz verschont geblieben sind. Die Häufigkeit der Malaria hängt zweifellos mit der sumpfigen Beschaffenheit des Bodens der Umgebung zusammen. Auch ungesunde oder überfüllte Wohnungen, schlechte Trinkwasserversorgung und mangelhafte Einrichtung für die Beseitigung der Abfallstoffe bilden eine der vielen örtlichen Dispositionen für die Verbreitung von Seuchen. Oft ist auch die örtliche Disposition nichts andres als eine Folge der an verschiedenen Orten herrschenden Verkehrsverhältnisse und Lebensgewohnheiten.
   Von der größten Bedeutung für die Verbreitung der I. ist die individuelle Disposition. Man beobachtet, daß bei manchen Epidemien nur ein Bruchteil der der Infektion ausgesetzten Bevölkerung erkrankt und findet in manchen Familien eine auffallend größere Neigung zu I. als in andern (z. B. Diphtherie, Lungenschwindsucht). Im letztern Falle sprechen wir von einer gesteigerten Empfänglichkeit (Prädisposition), im erstern von einer Unempfänglichkeit (Immunität, s. d.). Diese individuelle, durch die Körperkonstitution bedingte Immunität kann durch schädigende Einflüsse, wie mangelhafte Ernährung, Exzesse verschiedener Art, Überanstrengung, schlechte Wohnungsverhältnisse etc., herabgesetzt oder aufgehoben werden. Das Proletariat stellt den größten Prozentsatz bei den I., ebenso werden schwächliche Kinder und Greise vor allem die Opfer der I. Auch ungünstige äußere Umstände, Hungersnot, Überschwemmungen, Krieg begünstigen die Verbreitung der I., da der größere Teil der Bevölkerung durch die wirtschaftlichen Mißverhältnisse geschwächt wird.
   Die Maßregeln zur Bekämpfung der I. haben sich gegen alle für die Verbreitungsweise derselben bedeutungsvollen Einflüsse zu richten. Die Infektionserreger sind möglichst fern zu halten, zu beseitigen oder zu vernichten, anderseits muß auf die örtliche, zeitliche und individuelle Disposition in günstigem Sinn eingewirkt werden. Zur Fernhaltung der Infektionsquellen ist vor allem notwendig die jetzt international geregelte Kenntnisgabe des Auftretens der epidemischen Krankheiten unter den einzelnen Regierungen der infizierten Länder, ferner (im eignen Lande) die Anzeigepflicht der Ärzte, die verpflichtet sind, jeden einzelnen Fall rechtzeitig zur Kenntnis der Behörden zu bringen. Gegen die vom Auslande kommenden I. schützt man sich durch eine sorgfältige Überwachung des Personen-, Schiffs- und Warenverkehrs sowie durch Quarantänen und Einfuhrverbote, event. sogar durch Grenzsperren. Ist eine Epidemie im eignen Land ausgebrochen, so ist dem Verkehr eine besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden; an befallenen Orten sind

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Lustbarkeiten, Volksfeste, Märkte stark einzuschränken oder völlig aufzuheben. Die Schulen sind unter Umständen zu schließen. Sobald die ersten Fälle bekannt sind, sind dieselben zu isolieren, und zwar womöglich in einem Krankenhaus. Von der größten Wichtigkeit für die Beseitigung der Infektionsquellen ist eine energisch durchgeführte Desinfektion, die sich auf die Ausleerungen des Kranken, auf seine Wäsche und Kleidung sowie auf alle Gegenstände, an denen der Ansteckungsstoff haften kann, zu erstrecken hat.
   Zur Beseitigung der örtlichen und zeitlichen Disposition dienen alle auf Hebung der Volksgesundheit gerichteten Bestrebungen. Hierher gehören Schaffung guter Wohnungsverhältnisse, guter billiger Lebensmittel, Anlage von Wasserleitungen, Kanalisationsanlagen, Errichtung öffentlicher Desinfektionsanstalten und eine strenge Überwachung des Nahrungsmittelverkehrs. Bei einzelnen I. gelingt eine Verminderung der individuellen Disposition durch Meyers Schutzimpfung (s. d.).
   Die auf I. bezügliche Gesetzgebung ist innerhalb des Deutschen Reiches z. T. von seiten der Einzelstaaten geregelt; für Aussatz, Cholera, Flecktyphus, Gelbfieber, Pest und Pocken gilt das Reichsgesetz vom 30. Juni 1900, betreffend die Bekämpfung gemeingefährlicher Krankheiten. Das Gesetz stellt eine Anzeigepflicht für Ärzte, Leichenschauer und Haushaltungsvorstände auf, gibt Anweisungen über Absperrungs-, Isolierungs- und Desinfektionsmaßregeln, über die Mitwirkung der Polizei und der beamteten Ärzte hierbei und über andre zu ergreifende Maßregeln. Für sonstige übertragbare Krankheiten gilt in Preußen das Regulativ vom 8. Aug. 1835, das über die Ermittelung der Krankheiten, über die Behandlung und Absonderung der Kranken, über Reinigung der Genesenen, ihrer Effekten und ihrer Wohnung, über Schulschluß, über Behandlung der Leichen von an I. Gestorbenen Vorschriften enthält. Über den Schulbesuch bestimmt ein preußischer Ministerialerlaß (vom 14. Juli 1884), daß Kinder, die an Cholera, Ruhr, Masern, Röteln, Scharlach, Diphtherie, Pocken, Fleck- und Rückfallfieber sowie an epidemischer Genickstarre leiden, vom Schulbesuch auszuschließen sind, ebenso deren Geschwister, wenn nicht nach ärztlichem Zeugnis für ausreichende Absonderung gesorgt ist. Auszuschließen sind ferner an Unterleibstyphus, kontagiöser Augenentzündung, Krätze und Keuchhusten leidende Kinder, jedoch nicht deren Geschwister. Wiederzulassung zur Schule erfolgt, wenn nach ärztlichem Ausspruch die Ansteckungsgefahr vorüber ist, bei Pocken und Scharlach nach sechs, bei Masern und Röteln nach vier Wochen. Über Schließung von Schulen wegen ansteckender Krankheiten entscheidet der Landrat unter Zuziehung des Kreisarztes. Die Vorschriften gelten auch für Kinderbewahranstalten, Kindergärten u. a. Die übrigen deutschen Staaten haben ähnliche gute Bestimmungen.
   Daß hygienische Maßregeln, energisch durchgeführt, von großem Einfluß auf den Verlauf der I. sind, beweist unter anderm die Abnahme des Unterleibstyphus in vielen Städten. Zum Beispiel diene München, wo die Sterblichkeit an Typhus in den 50er Jahren des 19. Jahrh. durchschnittlich jährlich 213, zu Anfang der 70er Jahre noch 240 auf 100,000 Einwohner betrug. Durch Einführung der Kanalisation, Einrichtung von Schlachthäusern, guter Trinkwasserversorgung nahm die Zahl der Todesfälle immer mehr ab und betrug 1881 nur noch 18 pro Mille, 1887: 10 und 1890: 9 pro Mille. In Preußen starben an Unterleibstyphus von je 10,000 Lebenden durchschnittlich: 187579: 6,17,188084: 4,99,188589. 2,78,189094: 1,86. Auch die Tuberkulose hat in den letzten zwei Jahrzehnten in Preußen eine erhebliche Verminderung erfahren. Die Pockensterblichkeit in Preußen beträgt jetzt nur noch etwa den 100. Teil von derjenigen in den Jahren 181670. In dem preußischen Heer erkrankten 1869 noch 22,218 Soldaten an I., seitdem aber haben sich diese Erkrankungen von Jahr zu Jahr so vermindert, daß deren Zahl nur noch 4695 betrug, obwohl die Kopfstärke des Heeres seit 1870 beträchtlich vermehrt worden ist.
   Vgl. Behring, Die Bekämpfung der I. (Leipz. 1894) und Therapie der I. (Wien 1899); Weichselbaum, Parasitologie und Epidemiologie (in Weyls »Handbuch der Hygiene«, Jena 1898 u. 1899); Marx, Die experimentelle Diagnostik, Serumtherapie und Prophylaxe der I. (Berl. 1902); Penzoldt u. Stintzing, Handbuch der Therapie innerer Krankheiten, Bd. 1 (Jena 1897); Roger, Les maladies infectieuses (Par. 1902, 2 Bde.); Häser, Bibliotheca epidemiographica (2. Aufl., Greifsw. 1862; Fortsetzung von Thierfelder), auch die Handbücher der Hygiene (s. Meyers Gesundheitspflege).
 
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Infektionskrankheiten, Institut für, ein auf Anregung Robert Kochs 1891 gegründetes wissenschaftliches Institut in Berlin, umfaßt fünf Abteilungen: 1) Die wissenschaftliche Abteilung im engern Sinn mit der Station zur Behandlung Wutverdächtiger. 2) Die Abteilung für Cholera, Pest, Rotz und Typhus, die neben den Studien über Diagnostik Schutzimpfungsverfahren und Heilmittel (Sera) sucht und praktisch im Experiment prüft. 3) Die chemische Abteilung zur Bearbeitung der hygienisch-bakteriologischen Fragen, bei denen die Chemie eine besondere Rolle spielt, wie Abwässerbeseitigung, Trinkwasserreinigung, Desinfektion. 4) Die Immunitätsabteilung, die sich vorwiegend mit theoretisch wichtigen Fragen über Schutzimpfung und Immunität, besonders auch mit Ehrlichs Seitenkettentheorie beschäftigt. 5) Die Krankenabteilung, zu der eine Anzahl Krankenbaracken im Rudolf Virchow-Krankenhaus gehört. Die dort behandelten Infektionskranken sollen das Material liefern für Studien über die noch unbekannten Erreger von Infektionskrankheiten etc. Das Institut enthält außer zahlreichen Laboratorien auch Stallräume für große, mittlere und kleinere Tiere in getrennten Gebäuden. In jeder Abteilung arbeiten unter dem Vorsteher einige Assistenten und Hilfsarbeiter, auch eine Anzahl jüngerer Sanitätsoffiziere, die zum Institut kommandiert sind. An der Spitze des Instituts stand bis 1904 Robert Koch, sein Nachfolger ist Gaffky. Hauptaufgabe des Instituts ist, der Medizin neue Methoden für die ätiologische Diagnostik und Therapie der Infektionskrankheiten, überhaupt für deren Erforschung zu liefern. Dementsprechend werden theoretisch und praktisch wichtige Probleme in gleicher Weise in Angriff genommen. Auch werden jährlich einige Kurse für beamtete und nicht beamtete Ärzte abgehalten. Aus dem Institut sind zahlreiche grundlegende Arbeiten über Ursache, Verhütung und Heilung der ansteckenden Krankheiten, der heimischen wie der tropischen, hervorgegangen und hauptsächlich in der »Zeitschrift für Hygiene«, in der »Deutschen medizinischen Wochenschrift« und in der »Vierteljahrsschrift für gerichtliche Medizin und öffentliches Sanitätswesen« veröffentlicht worden. Ein Vorgänger des Berliner Instituts ist das 1888 in Paris eröffnete Institut Pasteur, das sich mit der

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Methode der Prophylaxe der Hundswut und mit dem Studium der ansteckenden Krankheiten im allgemeinen beschäftigt. Nach Pasteurs Tod übernahm Duclaux die Leitung und 1904 Roux. Die Arbeiten wurden in den »Annales de l'Institut Pasteur« veröffentlicht. Ähnliche Institute sind auch in andern Staaten errichtet worden.
 
Artikelverweis 
Infektionstheorie, s. Telegonie und Meyers Viehzucht
 
Artikelverweis Inferi (lat.), die Bewohner der Unterwelt (Götter wie Verstorbene), auch letztere selbst; ad inferos, zu den Toten. Inferien (inferiae), Totenopfer.

 

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Artikel 71 bis 80 von 183 Nächste Treffer Vorherige Treffer
71) Herloßsohn
 ... (das. 1842, 3. Aufl. 1872); »Wallensteins erste Liebe« (das. 1844); »Weihnachtsbilder« (das. 1847); »Die Mörder Wallensteins« (das. 1847). Auch veröffentlichte
 
72) Heyse
 ... Es folgten: »Der Roman der Stiftsdame« (1886, 12. Aufl. 1903), »Weihnachtsgeschichten« (1891), »Aus den Vorbergen« (1892), »In der Geisterstunde und andre
 
73) Hildebrandt
 ... (1830), die seine realistische Tendenz nicht zu beeinflussen vermochten. Der Weihnachtsabend (1840), Empfang des Kardinals Wolsey im Kloster (1842), Doge und
 
74) Hirsch
 ... gelt sind, auch mehr, Spießer etwa ebensoviel und Kälber zur Weihnachtszeit 2025 kg. Die Zahl der Enden entscheidet nicht sicher
 
75) Hofmann
 ... frische Gelegenheitsdichtungen und durch schriftstellerische Unternehmungen zu wohltätigen Zwecken (»Weihnachtsbaum für arme Kinder«, 25 Jahrgänge) verdient. Eine Auswahl seiner Gedichte
 
76) Homilĭus
 ... der Kreuzschule daselbst. H. war seinerzeit als Komponist hochgeschätzt (Passionen, Weihnachtsoratorien, Motetten, Kantaten u. a.), schrieb auch ein Lehrbuch des Generalbasses.
 
77) Hutzelbrot
 ... Hutzelbrot ( Hutzel - , Birnenwecken ), süddeutsches Weihnachtsgebäck aus Roggenmehlteig mit zerschnittenen getrockneten Birnen und Pflaumen ( Hutzeln
 
78) In
 ... süßem Jubel«), Anfangsworte eines alten, halb deutsch, halb lateinisch geschriebenen Weihnachtsliedes, das früher dem Petrus Dresdensis (gest. 1440) zugeschrieben wurde, in
 
79) Jensen
 ... schwerer Vergangenheit«, ein Geschichtenzyklus (das. 1888, 3. Aufl. 1901), »Vier Weihnachtserzählungen« (das. 1888), »Jahreszeiten« (das. 1889), »Sankt - Elmsfeuer« (das. 1889),
 
80) Jesus
 ... die aufblühende Kultur des Bürgertums gefördert wurde (s. Weihnachtsspiele , Passionsspiele , Osterspiele). Neues Leben
 
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