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Känguruh bis Kaninchen (Bd. 6, Sp. 558 bis 559)
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Artikelverweis Känguruh (Beutelhase, Macropus Shaw). Beuteltiergattung aus der Familie der Känguruhs (Halmaturidae), eigentümlich gebaute Tiere mit kleinem Kopf und kleiner Brust, kurzen, schwachen Vorderfüßen, sehr stark entwickelter Lendengegend, verlängerten, sehr kräftigen Hinterbeinen und verhältnismäßig mächtigem, sehr muskelkräftigem Schwanz. Der Hinterteil des Leibes vermittelt fast ausschließlich die sprungweise Bewegung, während die Vorderfüße hauptsächlich handartig benutzt werden. Die Hinterfüße haben vier starke, lange Zehen, von denen die vierte sehr groß und stark bekrallt ist, an den Vorderfüßen finden sich fünf bekrallte Zehen. Die Känguruhs bewohnen die grasreichen Ebenen Australiens, zum Teil dichtes Buschwerk oder Felsenklüfte; sie sammeln sich auf futterreichen Plätzen zu Herden, gehen schwerfällig humpelnd, sitzen gern auf Hinterfüßen und Schwanz mit schlaff herabhängenden Vorderfüßen, springen bei schneller Fortbewegung ausschließlich mit den Hinterbeinen und schnellen sich dabei 69 m weit fort. Dabei zeigen sie große Ausdauer und überwinden 23 m hohe Hindernisse mit Leichtigkeit. Die Känguruhs hören scharf; Gesicht und Geruch sind dagegen schwach entwickelt. Bezeichnend ist ihre große Ängstlichkeit, der sie oft zum Opfer fallen. Sie nähren sich von Gras und Baumblättern, Wurzeln, Rinde und Früchten. Die Fruchtbarkeit ist gering; das nach sehr kurzer Tragzeit geborne winzige (bei Macropus giganteus kaum 4 cm lange), ganz unentwickelte Junge wird von der Mutter in dem Beutel an einer der starren Zitzen festgesetzt, die im Munde des Jungen anschwillt und festhält, und nährt sich etwa acht Monate lang von der Muttermilch, ohne den Beutel zu verlassen. Geschieht dies endlich, so kehrt es noch lange beständig zur Mutter zurück. Die Känguruhs werden wegen ihres wohlschmeckenden Fleisches und der Haut eifrig gejagt und sind durch rücksichtslose Verfolgung bereits sehr stark zurückgedrängt; sie ertragen die Gefangenschaft gut und pflanzen sich in zoologischen Gärten leicht fort. Das Riesenkänguruh (Boomer, M. giganteus Shaw, s. Tafel Meyers »Beuteltiere I«, Fig. 4), gegen 3 m lang, mit 90 om langem Schwanz, bis 150 kg schwer, erreicht in sitzender Stellung fast Manneshöhe, ist braungrau, an Vorderarmen, Schienbeinen und Fußwurzeln hell gelblichbraun, an den Zehen und der Schwanzspitze schwarz, an den langen, spitzen Ohren nußbraun; es bewohnt Neusüdwales und Vandiemensland, ist gegenwärtig aber wen zurückgedrängt. Von den kleinern Känguruhs (Wallabys)

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ist das Pademelon (M. thetidis Waterh.) 1 m lang, mit 45 cm langem Schwanz, oberseits braungrau, unterseits weiß; es bewohnt Südqueensland, Neusüdwales und Victoria und wird wegen seines wohlschmeckenden Fleisches eifrig gejagt. Eine andre Art, Bennets Wallaby, hat sich in der Rheinprovinz über Winter im Freien erhalten und auch fortgepflanzt. Zu den Bergkänguruhs (Petrogale Gray) gehört das Felsenkänguruh (M. [P.] penicillatus Gray). Dies ist mit dem an der Spitze buschigen Schwanz 1,25 m lang, purpurgrau, am Kinn weiß, an der Brust grau, an Füßen und Schwanz schwarz; es bewohnt die Felsengebirge von Neusüdwales, hält sich am Tage verborgen und entgeht der Verfolgung meist durch seine außerordentliche Fertigkeit im Klettern. Große Kletterfertigkeit zeigen die Baumkänguruhs (Dendrolagus Schleg, s. Tafel Meyers »Australische Fauna«, Fig. 2), in Neuguinea und Nordqueensland, die große, kräftige Vorderbeine und gekrümmte Krallen besitzen. Das Bärenkänguruh (D. ursinus Schleg.), in Neuguinea, ist 1,25 m lang, mit 60 cm langem Schwanz, gedrungenem, kräftigem Leib, kurzem Kopf, straffen, schwarzen Haaren, unterseits und im Gesicht braun. Es lebt auf Bäumen und nährt sich hauptsächlich von Blättern, Knospen etc. Die kleinsten Arten der Familie gehören zu der Gattung Känguruhratte (Buschratte, Hypsiprimnus Ill.); sie haben einen verhältnismäßig kürzern Schwanz und kleine, runde Ohren und erreichen die Größe des Hafen. Sie bauen ein dickwandiges Grasnest in einer gegrabenen Höhlung im Boden und liegen darin den Tag über verborgen; nachts gehen sie nach Futter aus, das in Gras und Wurzeln besteht. Man findet sie in Australien und Vandiemensland. Die Felle der Känguruhs (die kleinern heißen Wallaby) werden, z. T. gefärbt, zu Futtern, Mussen, Kragen, als Besatz etc., auch als Imitation von Iltis, Skunks, Zobel benutzt.
 
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Känguruhdorn, s. Acacia.
 
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Känguruhgras, s. Themeda.
 
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Känguruhinsel (Kangaroo Island), Insel an der Südküste Australiens, zum brit. Staat Südaustralien gehörig, vor dem Golf von St. Meyers Vincent (s. d.), durch die westliche Investigatorstraße von der Yorkehalbinsel, durch die östliche Backstairspassage vom Kap Jervis getrennt, 140 km lang, 55 km breit, 4351 qkm groß, mit (1891) 598 Einw. Der armselige, fast überall wasserlose und mit dichtem Buschwerk besetzte Boden gibt nur spärliche Ernten. 1893 waren erst 725 Hektar unter Kultur. Der Viehstand betrug 23,161 Schafe, 700 Rinder. Die 1885 gemachten Goldfunde waren wenig bedeutend und nicht nachhaltig. Die Insel wurde 1801 von Flinders entdeckt und wegen der außerordentlich zahlreichen, jetzt längst ausgerotteten Känguruhs K. benannt. Auf den Vorgebirgen Willoughby und Kap Borda stehen Leuchttürme, ein Kabel führt zum Festland. S. Karte »Australien«.
 
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Känguruhratte, s. Meyers Känguruh.
 
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Känguruhwein, s. Meyers Cissus.
 
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Kaniki, blaugefärbtes Kalikogewebe zur Bekleidung der Negerinnen im Innern Afrikas, kommt aus Indien und zum kleinern Teil aus Europa.
 
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Kanile, s. Meyers Orgelpfeifen.
 
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Kanin, eine Halbinsel im nördlichen Rußland (s. Karte »Rußland«), zwischen dem Weißen Meer und der Tscheskajabai, 10,500 qkm (190 QM.) groß, endigt an der Nordwestseite mit dem Kanin Noß und ist eine niedrig gelegene, morastige Fläche, sogen. Tundra, die von vielen Seen, Bächen und Hügeln unterbrochen wird. Ehemals war K. eine Insel, die vom Festland eine schiffbare Wasserstraße abtrennte, die durch die Flüsse Tschescha (nach NO.) und Tschisch (nach SW.), die Abflüsse des Sees Parusnoje, gebildet wurde. Infolge der Hebung der russischen Nordküste hat sich der See allmählich in einen Sumpf verwandelt. Die Vegetation ist sehr arm; Bäume kommen gar nicht vor. K. wird nur von Samojeden bewohnt, die im Sommer im nördlichen Teil ein Nomadenleben führen und für den Winter sich in den südlichern Teil zurückziehen, wo sie drei Dörfer haben. Im Sommer finden sich hier auch Jäger ein, die eine reiche Beute an Seehafen, Seekälbern und einer Art von Seehunden (Phoca cristata) finden. Vgl. Herm. und Karl Aubel, Ein Polarsommer. Reise nach Lappland und K. (Leipz. 1874).
 
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Kanīna, Stadt im Sandschak Berat des türk. Wilajets Janina, 4 km südöstlich von Avlona, 379 m ü. M., im 10. Jahrh. erbaut, mit 45000 Einw.
 
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Kaninchen (Lampert, Kuhlhase, Lepus cunicŭlus L., hierzu Tafel Meyers »Kaninchen«), Nagetier aus der Familie der Hafen (Fig. 1 der Tafel), ist kleiner (3642 cm lang, 23 kg schwer) und schlanker als der Hase, mit kürzerm Kopf, kürzern Ohren und kürzern Hinterbeinen. Der Pelz ist grau, ins Rostfarbene spielend, auf der Unterseite der Beine in Weiß übergehend; der Schwanz ist oben schwarz, unten weiß, die Ohren sind kürzer als der Kopf und ohne schwarze Spitze. Es ist ursprünglich in Südeuropa heimisch und auch jetzt noch in den Mittelmeerländern am häufigsten; die alten Schriftsteller nennen Spanien als Heimatland, und auf den Balearen wurde es zur Landplage (vgl. die Karte »Verbreitung der wichtigsten Haussäugetiere« in Bd. 8). Gegenwärtig ist es auch an manchen Orten in Mitteleuropa sehr gemein. Auf Madeira, Jamaika und den Falklandinseln ist es eingebürgert, und in Neuseeland und Australien bildet es eine Landplage, gegen die alle bisher unternommenen Vertilgungsversuche sich machtlos erwiesen haben. Auf den Kergueleninseln ausgesetzte K. haben sich so stark vermehrt, daß der Kerguelenkohl (Tringlea antiscorbutica), der schon oft Schiffern die besten Dienste geleistet hat, fast ausgerottet ist. Das K. lebt gesellig in hügeligen, sandigen Gegenden mit Schluchten und niedrigem Gebüsch, baut an sonnigen Stellen einfache Baue mit ziemlich tief liegender Kammer und im Winkel gebogenen Röhren (s. Tafel Meyers »Tierwohnungen I«, Fig. 8), verbringt darin fast den ganzen Tag und geht abends auf Äsung. Die Fährte des Kaninchens s. Tafel Meyers »Fährten und Spuren«, Fig. 1. Es übertrifft an Gewandtheit und Schlauheit den Hafen, ist gesellig und vertraulich und hält mit dem Weibchen viel treuer zusammen als der Hase. Die Rammelzeit beginnt im Februar und März, das Weibchen geht 30 Tage tragend und setzt bis Oktober alle fünf Wochen 412 Junge in einer mit seiner Bauchwolle ausgefütterten besondern Kammer. Diese saugen an der Mutter bis zum nächsten Wurf, sind im 5.8. Monat zeugungsfähig und im 12. Monat ausgewachsen. Das K. ernährt sich wie der Hase, wird aber bei seiner großen Fruchtbarkeit, seiner Vorliebe für Baumrinde und durch das Wühlen im Boden viel schädlicher. Deshalb verfolgt man die K. überall, wo und wie man irgend kann, das ganze Jahr hindurch. Man erlegt sie beim Anstand auf dem Bau, bei der Suche und mit dem Vorstehhund, auf der Treibjagd, mit Frettchen (vgl. Frettieren). Ohne künstliche Mittel aber sind sie nicht auszurotten, der Fang im Tellereisen und das Ausnehmen der Jungen hat sich als unzureichend

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erwiesen. Die von der Biologischen Abteilung für Forst- und Landwirtschaft am kaiserlichen Gesundheitsamt in großem Umfang angestellten Versuche haben ergeben, daß allein die wiederholte Einführung von Schwefelkohlenstoff in die Röhren von durchgreifendem Erfolg ist. Derselbe wird am besten bei Schnee, um die befahrenen Baue zu unterscheiden, auf Sackleinwandstücke von ungefähr 30 cm im Quadrat gegossen und mittels eines Stockes in die Röhren geschoben, worauf diese leicht mit Schnee oder Erde zugedeckt werden. Vgl. Flugblatt 7 der Biologischen Abteilung des kaiserlichen Gesundheitsamtes (Berl. 1901); Littrow, Ein Beitrag zur Vertilgung der wilden K. (Sächsische landwirtschaftliche Zeitschrift, 1901, Nr. 38). Das Wildbret ist weiß und wohlschmeckend, und da auch der Pelz Wert besitzt, so züchtet man das K., wahrscheinlich zuerst in Spanien, jetzt besonders in Frankreich, Belgien, England und Holland. Man unterscheidet folgende Rassen: Das halbwilde K. (Gehegekaninchen) ist ein in Kaninchengehegen gezüchtetes und dabei größer und vollkommener gewordenes, bis 2,5 kg schweres wildes K. Das Lapin de garenne (Fig. 2) ist ein gezähmtes und zahm weitergezüchtetes, ehemaliges Gehegekaninchen, und aus diesem entstand und entsteht bei verbesserter Zucht und Pflege das Lapin ordinaire. Das gewöhnliche K. (deutscher Stallhase, Karnickel) kommt in allen Farben, auch ganz weiß mit roten Augen (Albinos) vor, ist aber durch unvernünftige Zucht sehr entartet und eignet sich trotz seiner Futtergenügsamkeit, Lebenskraft und großen Vermehrungsfähigkeit nicht zu einträglicher Zucht. Zu seiner Veredelung hat man das belgische oder flandrische Riesenkaninchen benutzt. Dies ist grau, schön gestreckt gebaut und erreicht ein Gewicht von 78 kg. Das Produkt der Kreuzung, das neue deutsche K., verbindet die guten Eigenschaften der deutschen Mutter mit der annähernden Fleischschwere des belgischen Vaters. In Belgien hat man aus dem Landkaninchen und dem Riesenkaninchen das belgische Hafenkaninchen (Leporide) gezüchtet; dies bildet das Material der belgischen Schlachtkaninchenzucht, die für das eigne Land einen erheblichen Teil des Fleischbedarfs deckt und für 1015 Mill. Fr. geschlachtete K. nach England ausführt. Von großer Bedeutung für die Nutz- und Sportzucht sind die Silberkaninchenarten, deren Stammvater in Siam und Hinterindien heimisch ist. Ihr Fleisch ist sehr wohlschmeckend und das Fell sehr wertvoll. Das gewöhnliche französische K. (Lapin ordinaire, Fig. 3) ist aus dem gezähmten Gehegekaninchen entstanden, besitzt die verschiedensten Färbungen, erreicht ein Gewicht von 2,53 kg und hat sehr schmackhaftes Fleisch und guten Pelz. Das französische Widderkaninchen (Lapin bélier, Fig. 4) soll vom Kaphasen (Lepus capensis) abstammen, ist hasengrau, weiß, schwarz oder scheckig. Die hasengrauen werden wegen ihres Fleisches am höchsten geschätzt. Der Kopf ist dick, rundlich, die etwa 1620 cm langen, breiten Löffel, die dem Kopf ein widderähnliches Aussehen verleihen, hängen, namentlich bei frisch eingeführten Tieren, zu beiden Seiten des Kopfes schlaff herab. Das Gewicht des ausgewachsenen Tieres ist 57 kg; es setzt jährlich vier- bis sechsmal 47 Junge. Gegen Nässe und Kälte ist es ziemlich empfindlich. Noch mehr gilt dies für das englische Lop-ear, bei dem die Spannung zwischen beiden Ohrspitzen bis 70 cm beträgt. Die Lops werden bei hoher Temperatur in feuchter Luft gezüchtet. Das amerikanische K. ist dem Widderkaninchen ähnlich, aber kleiner, weniger empfindlich, fruchtbarer, aber anspruchsvoller in der Fütterung. Durch Kreuzungen des amerikanischen Kaninchens mit den einheimischen Rassen hat man in Belgien das belgische oder flandrische Riesenkaninchen erzüchtet. Dies ist ungefähr von der Größe unsers Feldhasen und soll gemästet bis 8 kg schwer sein. Das Normandiner K. (Fig. 5) ist entstanden durch Kreuzung einheimischer französischer K. mit dem Lapin bélier. Die Häsin setzt jährlich fünf- bis siebenmal 612 Junge. Das Tier wird 45 kg schwer und hat ein zartes, schmackhaftes Fleisch. Diese Arten kommen in unserm Klima nicht gut fort, ihre Zucht ist nur Gegenstand des Sports und der Liebhaberei. Das patagonische K., herrührend aus einer Kreuzung des belgischen Riesenkaninchens mit dem Normandiner K., erreicht nicht selten 8 kg und ist in England sehr beliebt. Unter Leporiden versteht man im allgemeinen Bastarde vom Hafen und K. Sie sollen die guten Eigenschaften des Hafen und Kaninchens vereinigen und diese Eigenschaften konstant auf ihre Nachkommenschaft übertragen. Dies hat sich aber bis jetzt nirgends bewährt, und überdies sind die meisten als Leporiden verkauften Tiere umgetaufte Normandiner K. Übrigens ist die Leporidenzucht so schwierig, daß man alle Ursache hat, sämtliche Berichte über gelungene Zuchtversuche mit Vorsicht aufzunehmen. Das Angorakaninchen (Seidenhase, Fig. 6), aus Kleinasien, wird nur wegen seines zu seinen Gespinsten zu verwertenden langen, weichen, leicht gelockten, schneeweißen Seidenhaars gezüchtet, zur Zucht in Deutschland eignet es sich aber nicht. Das russische K. ist reinweiß mit tief dunkelbraunen Ohren, Füßen, Schwanz und Nase. Durch Kreuzung mit den Angorakaninchen ist das ebenso gezeichnete russische Angorakaninchen entstanden. Ihrer eigentümlichen Farbenschattierungen halber werden auch das holländische und japanische K. gezüchtet.
   Bei kräftiger Ernährung der Jungen entwickelt sich der Geschlechtstrieb der K. oft schon im dritten Monat, und man pflegt die Geschlechter daher schon um diese Zeit zu trennen. Der Begattungstrieb des Kaninchens ist sehr heftig und erlischt bei dem Weibchen nur in den letzten Tagen vor der Geburt. Obgleich die eigentliche Zuchtzeit nur von Anfang März bis Ende November dauert, so kann man doch, besonders in geheizten Räumen, das ganze Jahr hindurch züchten. Im Interesse kräftiger Nachkommenschaft benutzt man die Tiere nicht vor dem achten Monat und nicht länger als 34 Jahre zur Zucht. Zur Paarung bringe man die Häsin in den Käfig des Rammlers und wiederhole dies den nächsten Tag. Die Tragezeit des Kaninchens dauert 2831 Tage, es setzt je nach Rasse und Fruchtbarkeit 4812 blinde Junge, die am neunten Tage sehend werden. Man läßt der Häsin nicht mehr als 8 Junge, da sonst der ganze Satz in Gefahr ist, wegen Mangels an Nahrung zu verkümmern. Die Jungen können nach ca. 4 Wochen ohne Schaden entwöhnt werden. Wilde Züchtereien findet man in einigen Dünenstrichen der schottischen und dänischen Küsten. Die ausgesetzten K. graben sich hier ihre Baue, sind auf sich selbst angewiesen und allen Einflüssen der umgebenden Naturverhältnisse ausgesetzt, es können daher auch nur vollkommen akklimatisierte Tiere einigermaßen günstige Resultate liefern. Ähnlich verhält es sich mit den Gehegekaninchen, für deren Wohl aber durch praktische Anlagen gesorgt wird. Die Kaninchengehege

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bestehen aus größern, mit Mauern und Gräben umzogenen Flächen, die mit verschiedenen Nahrungspflanzen bestellt, mit Bäumen, Gesträuch und Gestrüpp bepflanzt und mit Schuppen, Ställen etc. versehen sind. Bei der zahmen Zucht bewohnt jedes einzelne Zuchttier seinen eignen Zuchtkasten von 1 m im Quadrat und 75 cm Höhe, vorn mit einer aus Latten oder Drahtnetz gebildeten Tür, und durchbohrtem Boden, um dem Urin Abfluß zu schaffen. Die Kasten sind, namentlich vor dem Setzen der Jungen, mit reinlicher weicher Streu, aus der das Muttertier für die Jungen ein Nest baut, zu versehen. Errichtet man im Hintergrund solcher Kasten einen Schlupfwinkel von 32 cm Höhe und Breite mit einer ca. 16 cm im Quadrat haltenden Öffnung nach vorn oder einer Seite, so wird die Häsin stets hier ihr Nest bauen. In jedem Kasten sind noch ein Futtertrog, eine kleine Raufe und ein Wassernapf anzubringen. Diese Zuchtkasten arrangiert man reihen- und etagenweise neben- und übereinander; doch muß man letzternfalls unter jedem Kasten ein Abflußbrett anbringen, das den Urin in eine Rinne leitet. Vom Frühjahr bis zum Herbste stellt man die Kasten im Freien auf, im Winter bringt man sie in eine gut verschließbare, zugfreie Scheuer oder Kammer. Bei guter, reichlicher Streu ertragen die Tiere ganz bedeutende Kälte. Man füttert das K. dreimal täglich mit Gras, Heu, Körnern, namentlich Hafer, Brot, Kleie, Klee, Esparsette, Luzerne, Wicken, Kleeheu, Erbs- und Bohnenstroh, Erbsen, Bohnen, Kartoffeln, Runkeln, Möhren, Topinambur, Laub von Bäumen etc. und gibt zur Anregung des Appetits und Förderung der Verdauung dann und wann einige bittere und aromatische Pflanzen und etwas Salz. Es empfiehlt sich, den Tieren Wasservorrat zum beliebigen Genuß hinzusetzen. Man hüte sich, die tragende Häsin bei den Löffeln frei in die Luft zu heben, sie zu stoßen oder zu drücken; am besten ist es, sie sowenig wie möglich zu berühren, da sonst Fehlgeburten etc. veranlaßt werden. Der Rammler muß stets in möglichst kräftigem Zustand erhalten werden. Die Jungen verlassen mit 14 Tagen bis 3 Wochen den Nistkasten und versuchen von da an, selbständig Nahrung zu sich zu nehmen. Man lege ihnen daher junges, zartes Grünfutter vor und stelle ihnen Milch-, Mehl- oder Kleientränke zum Sausen hin. Um die Tiere möglichst frühzeitig an feste Nahrungsmittel zu gewöhnen, lege man ihnen kräftige und leichtverdauliche Stoffe vor. Wegen des raschen Stoffwechsels bedarf das junge Tier einer größern Menge frischer Luft, man gebe ihm daher einen möglichst großen Stall.-Kaninchenfleisch wird in England, Frankreich, Belgien und Holland täglich in fast sämtlichen Restaurationen serviert und findet sich auch auf den Tafeln der reichern Klassen. Frankreich züchtet jährlich ca. 85 Mill., von denen 3 Mill. allein in Paris verspeist werden. In England gibt es Kaninchengehege, die monatlich 8001200 K. liefern, und der Bischof von Derby soll jährlich 1012,000 K. aus seinen Gehegen verkaufen. In Berlin wurden 1900 in der Zentralmarkthalle 52,600 K. verkauft. Aus Australien werden K. auf Eis und gekochtes Kaninchenfleisch in Blechbüchsen nach Europa ausgeführt. Die Kaninchenzucht empfiehlt sich besonders dadurch, daß das Tier wenig Raum beansprucht, keiner kostbaren, umständlichen Fütterung bedarf, fast alle Abfälle aus der Haushaltung frißt, sehr fruchtbar und schon im Alter von 46 Monaten schlachtbar ist. Auch der Balg und die Haarnutzung gewähren erheblichen Vorteil; in England wie in Frankreich bilden diese Artikel ein nicht unwesentliches Handelsobjekt. In Japan waren Anfang der 1870er Jahre die K. Modesache und, wie einst die Tulpenzwiebeln in Holland, Objekt für ein leidenschaftliches Börsenspiel geworden. Vgl. H. v. Nathusius, Über die sogen. Leporiden (Berl. 1876); Zürn, Zum Streit über die Leporiden (Weim. 1877); Brandt, Untersuchungen über das K. (Petersb. 1875); Bungartz, Kaninchenrassen (2. Aufl., Magdeburg 1903); Sutermeister, Das Angorakaninchen und Das graue Silberkaninchen (Ilmenau 1891); Brinckmeier, Kaninchenbuch (3. Aufl., das. 1893); Mahlich, Unsere K. (Berl. 1903); Bloch, Illustriertes Kaninchenbuch (Aarau 1904); Anleitungen zur Kaninchenzucht: von Redares (7. Aufl., Weim. 1895), Lincke (2. Aufl., Leipz. 1894), RavageauxLa vraie manière d'élever les lapins«, neue Ausg., Par. 1882), Waser (Magdeb. 1893), Schuster (2. Aufl., Ilmenau 1894), Starke (3. Aufl., Leipz. 1903), Hasbach (3. Aufl., das. 1901), Beck-Corrodi (3. Aufl., Zürich 1900), Ziemer (Braunschw. 1905); Zürn, Die Krankheiten der K. (Leipz. 1894); Braun, Kaninchenkrankheiten (Zürich 1900); Berger, Die Stellung der wilden K. in Zivil- und Strafrecht (Neudamm 1901); Pröpper, Kaninchenkochbuch (Berl. 1875); »Die Kaninchenküche« (Leipz. 1903); Zeitschrift »Der Kaninchenzüchter« (das., seit 1895).

 

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81) Johann
 ... krönte Karl den Kahlen ungeachtet der Ansprüche der deutschen Karolinger Weihnachten 876 zum Kaiser, offenbar mit dem Anspruch, über die Kaiserkrone
 
82) Johannisfest
 ... Johannistag, Johannisnacht ), das von der abendländischen Kirche früh dem Weihnachtsfest gegenübergestellte Geburtsfest Johannis des Täufers (24. Juni), kirchlich jetzt meist
 
83) Jūlfest
 ... Julbrot etc., an das alte heidnische Fest (s. Weihnachten ). Vgl. Bilfinger , Das germanische J. (Stuttg.
 ... Gelübde abzulegen. An die Stelle des Julfestes trat später unser Weihnachtsfest; aber noch heute erinnern im skandinavischen Norden sowie im frühern
 ... die Namen verschiedener Gebräuche und Gerichte, wie der Julklapp (Weihnachtsgeschenk, das vom Geber heimlich, aber mit lautem Schall ins Haus
 
84) Jundt
 ... lebe Frankreich!, die französischen Internierten verlassen die Schweiz und der Weihnachtsbaum. Jundts Arbeiten atmen Poesie, Natürlichkeit und Humor. Auch als Karikaturenzeichner
 
85) Kalender
 ... Januar, Epiphanias 6. Januar, Johannis 24. Juni, Michaelis 29. September, Weihnachten 25. Dezember, teils beweglich. Die beweglichen Feste richten sich sämtlich
 
86) Karageorgiević
 ... Alexander 23), der vom 14. Sept. 1842 bis Weihnachten 1858 Fürst von Serbien war, und Michael, der 1875 eine
 
87) Karl
 ... die Großen um sich, hier feierte er am liebsten das Weihnachtsfest (19 mal in Aachen, nur 6 mal in Gallien). Stets
 ... Herrschaft brachte endlich die Tatsache zum Ausdruck, daß ihm am Weihnachtstage (25. Dez.) 800 Leo III. in der Peterskirche zu Rom
 
88) Kinderlieder
 ... Gebiet. Luther z. B. dichtete »ein sein Kinderlied, auf die Weihnacht zu singen« (»Vom Himmel hoch, da komm' ich her« etc.);
 
89) Kirchenjahr
 ... - und Festtage. Das K. mit seinen drei Festzyklen, dem Weihnachts - , Oster - und Pfingstfestkreis, beginnt, unabhängig vom bürgerlichen
 
90) Knecht
 ... zottiger Kleidung, mit einer Rute und einem Sack versehen, vor Weihnachten den Kindern erscheint und den ungehorsamen mit Schlägen droht, den
 
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