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Jüdische Literatur bis Juften (Bd. 6, Sp. 344 bis 352)
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Artikelverweis Jüdische Literatur, im weitern Sinne das gesamte Schrifttum der Juden vom Abschluß der Bibel bis zur Gegenwart. Sie wurzelt in der hebräischen Literatur, deren Pflege und Weiterbildung sie übernimmt. Zu der überkommenen eignen Gelehrsamkeit tritt in allen Ländern noch fremdes Wissen, soz. B. persische Religionsbegriffe, griechische Philosophie, römisches Recht, arabische Dichtkunst, mittelalterliche Scholastik und europäische Wissenschaft. Kein Wissensgebiet der Forschung bleibt unvertreten. Dichtkunst und Philosophie, Geschichte und Jurisprudenz, Grammatik und Exegese, Mathematik und Naturwissenschaft zieht sie in den Bereich ihres Forschens und Schaffens. Alles aber dient nur einem Zwecke, das Judentum zu erforschen und zu begründen, woneben aber auch rein wissenschaftliche und weltliche Fragen, wie z. B. Astronomie und Politik, aber stets im Zusammenhang mit der Religion, erörtert werden. Die Werke der jüdischen Literatur sind in den verschiedensten Sprachen abgefaßt. Schon im Altertum schrieb man neben dem bis in die Gegenwart gepflegten Neuhebräisch in aramäischer und griechischer, dann in arabischer und lateinischer Sprache und später in allen Sprachen der Kulturvölker.
   Da die in der jüdischen Literatur behandelten Disziplinen sich nicht scharf umgrenzen lassen, so ist sie hier chronologisch in folgende Abschnitte eingeteilt worden. Der erste Abschnitt reicht von Meyers Esra (s. d.) bis R. Meyers Jochanan ben Sakkai (s. d.). An die Tätigkeit des Schriftkundigen (Sofer) Esra, der die Heilige Schrift »abschrieb und erläuterte«, die Liturgie mit Vorlesungen ausschmückte und wahrscheinlich statt der althebräischen (samaritanischen) Schriftcharaktere die noch heute gebräuchliche Quadratschrift einführte, schloß sich eine aus 120 Gelehrten (Soferim) bestehende große Versammlung an. Diese Soferim

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lehrten und schützten das Gesetz, sammelten die biblischen Bücher, schufen den Grundstock der Gebetordnung und führten eine eigenartige Schriftdeutung (Midrasch, s. d.) ein. Das Hebräische blieb vorläufig die Sprache der Gelehrten, während das Volk Aramäisch und seit dem Eindringen der griechischen Kultur in den Orient Griechisch sprach. Aus der vormakkabäischen Zeit sind nur einige in Palästina verfaßte apokryphische Bücher (s. Meyers Apokryphen) bekannt. Die Präsidenten des Synedrions (s. d.) wurden die Träger der Gesetzesüberlieferung. Doch schon mit dem Tode seiner ersten Präsidenten hörten aus politischen Rücksichten die öffentlichen Lehrvorträge auf, nicht aber das Studium, das weitere Kreise pflegten. Im Widerstreit der religiösen Parteiungen (Pharisäer und Sadduzäer) erstarkte durch Pharisäismus das tradierte Gesetz, für dessen Auslegung Hillel sieben feste Regeln aufgestellt hatte. Am Schluß dieses Zeitraums nahm die Deutung und praktische Anwendung des Gesetzes festere Formen an. Die Meyers Halacha (s. d.) normierte die gesetzlichen Bestimmungen, und die Meyers Haggada (s. d.) erweiterte in freien Vorträgen den nichtgesetzlichen Teil der Bibel nach erbaulichen ethischen, geschichtlichen und sozusagen wissenschaftlichen Motiven. Zu den Pentateuchvorlesungen in der Synagoge kamen der Vortrag des prophetischen Schlußabschnittes (Haftara, s. d.), belehrende Vorträge und die Übersetzung, resp. Paraphrase des Bibeltextes (Targum, s. d.).
   Der zweite Abschnitt führt uns die jüdisch-hellenistische Literatur vor, die von der mächtigen, seit Alexanders d. Gr. Siegeszügen entstandenen Kulturströmung gekennzeichnet wird, meist einen apologetischen Charakter trägt, ältere historische Stoffe poetisch bearbeitet und das Judentum philosophisch zu begründen sucht. Ihr Schauplatz ist hauptsächlich Ägypten, besonders Alexandria, zum geringen Teil auch Palästina. Der Septuaginta (s. d.) wurden die Meyers Apokryphen (s. d.), von denen mehrere Teile in Palästina, wo auch später die Pseudepigraphen zum Alten Testament, wie unter andern der Aristeasbrief, das Buch der Jubiläen, das Buch Henoch, entstanden, geschrieben sind, einverleibt. Was nicht Aufnahme fand, ist nur noch in Fragmenten vorhanden und aus Zitaten bei den Kirchenvätern bekannt. Aristobulos aus Paneas schrieb für den König Philometor (181146) eine philosophische »Erläuterung der Gesetze«, Eupolemos, Artapan, Demetrios, Aristäos, Kleodemos und Malchos verquicken althebräische Sage und Geschichte mit griechischer Mythologie; Ezechiel dichtete ein Trauerspiel: »Der Auszug aus Ägypten«, und Philo der ältere ein Gedicht: »Jerusalem«. Den bedeutendsten Vertreter hat der jüdische Alexandrinismus an dem sprachgewandten, scharfsinnigen Philosophen Meyers Philon (s. d. 4). In griechischer Sprache sind auch die Schriften des Meyers Josephus (s. d.) und die »sibyllinischen Weissagungen«, die ältern heidnischen Autoren jüdische Weisheit in den Mund legen, abgefaßt.
   Der dritte Abschnitt umfaßt die Literatur des Talmud. R. Meyers Jochanan ben Sakkai (s. d.) eröffnet nach dem Untergang des jüdischen Staates die Reihe derjenigen Gelehrten, welche die geistigen Besitztümer zu retten und dadurch Juden und Judentum zu erhalten suchen. Das Synedrion, das er mit Erlaubnis Vespasians von Jerusalem nach Jamnia verlegt hatte, zeigte dem Gesetzstudium die neue Richtung. Der neben der Bibel aufgespeicherte mündlich überlieferte gesetzliche Stoff ward von Autoritäten, den Tannaïm (Mischnalehrer), gesammelt, durchforscht und gesichtet, wie von Elieser ben Hyrkanos, später Lehrhausvorsteher in Lydda, Josua ben Chananja, der sein Lehrhaus in Bekiin hatte, Josua Hakohen, Simon ben Netanael und Elasar ben Arach. R. Jochanas Nachfolger in Jamnia, R. Gamaliel II., regte vermutlich die Bibelübersetzung Aquilas, eines jüdischen Proselyten aus Pontos, an. Der bedeutendste in der Reihe der Tannaïm war der tiefgelehrte, schöpferische R. Akiba. Seine gesetzlichen Forschungen wurden grundlegend für die Meyers Mischna (s. d.). Damals lehrten Tarfon oder Tryphon in Jamnia und Lydda, Ismael, der 13 Auslegungsregeln der Halacha einführte und zu dem spätern halachischen Midrasch zum 2. Buch Mosis, der Mechilta, anregte, Elasar aus Modim u. v. a. Den Gelehrten, die unter Hadrian den Märtyrertod erlitten, folgten Meir, Juda ben Ilai, aus dessen Schule der halachische Midrasch zum 3. Buch Mosis (Sifra) hervorging, Meyers Simon ben Jochai (s. d.), der die Grundlage zu dem halachischen Midrasch zum 4. und 5. Buch Mosis (Sifre) gab, Jose ben Chalafta, dem man eine biblische Chronologie, »Seder olam«, zuschreibt, und Elasar ben Schammua. Die endgültige Sichtung und Feststellung der Halacha unternahm zwischen 190 und 220 n. Chr. der Patriarch Juda, Sohn Simons III. Seine Arbeit, die heute als sechsteilige Mischna (s. Meyers Talmud) vorliegt, verdrängte die frühern Sammlungen und gelangte zu unbedingter Autorität, gegen welche spätere Kompendien, wie die Tossifta (Zusätze) und Boraita (äußere Mischna), nicht aufkamen. Die Mischna ward den Verhandlungen in den Hochschulen Palästinas zugrunde gelegt. Ihre Erklärer nannte man Amoräer. Ihre Forschungen sind im 4. Jahrh. in der »Gemara« (d. h. vollständige Erklärung) vereinigt. So entstand aus Mischna und Gemara der jerusalemische oder palästinensische Talmud. In Palästina brachte auch um 360 n. Chr. Hillel II. die Kalenderbestimmung in feste, noch heute geltende Regeln.
   Reger als in Palästina entwickelte sich das Geistesleben in den Euphratländern. Hier versammelten die tiefgelehrten Abba Arecha (gest. 243 n. Chr.), gewöhnlich Rab (Lehrer) genannt, der die Kenntnis der Mischna in Palästina erworben hatte, und Samuel zahlreiche Schüler um sich, mit denen das Gesetzstudium so eifrig gepflegt wurde, daß die babylonischen Hochschulen diejenigen Palästinas bald überflügelten. Das Anwachsen des Lehrstoffs und Verfolgungen unter Jesdegerd II. (439457) und seinem Nachfolger Firuz zwangen zur Sammlung und Redaktion des aufgehäuften gesetzlichen Materials, die Rab Aschi (375427) begann und andre Amoräer, besonders Rabina, Schulhaupt in Sura (473499), fortsetzten und vollendeten. So entstand der babylonische Meyers Talmud (s. d.), jene Riesenarbeit, die für alle Folgezeit die vorzüglichste Religionsquelle des Judentums blieb. Die angestrengte Schaffenskraft erlahmte und ruhte mehrere Jahrhunderte, bis sie unter den Geonim (s. unten) neu auslebt. Die von 500600 tätigen Schulvorsteher, »Saboräer« (Dezisoren), leiden unter politischem Druck und können zu dem Überlieferten nur Zusätze machen; der Talmud ist in heutiger Gestalt uns von ihnen überliefert worden. Nachzügler dieser Zeit sind einzelne Halacha- und Hagaddasammlungen, auch ward die von den Soferim und Talmudisten begonnene Regelung des Gottesdienstes durch Gebete in reiner hebräischer Sprache fortgesetzt, das Vokal- und Akzentuationssystem

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für den Bibeltext geschaffen und die Grundlage zur Massora (s. d.) gelegt. Im vierten Abschnitt, der sich vom Beginn der arabischen Wissenschaft bis zur Vertreibung der Juden aus der Pyrenäischen Halbinsel, also vom 8. Jahrh. bis 1498, erstreckt, nehmen die Juden an dem unter den Arabern neu erwachenden, eifrig gepflegten wissenschaftlichen Leben hervorragenden Anteil. Vorderasien, Nordafrika, Spanien, Italien und Deutschland sind hauptsächlich der Schauplatz der neuen gesteigerten Kulturentfaltung; die Sprache der Gelehrten ist teils die arabische, teils die neuhebräische. Von Babylonien und Irak aus folgte die jüdische Bildung den Zügen der Araber nach Nordafrika (Ägypten, Kyrene, Fes), Spanien und dem südlichen Frankreich. Schon zuvor hatte sie sich von Palästina aus über Kleinasien, Griechenland, Italien (Bari, Otranto) nach Frankreich und Deutschland (Mainz) verbreitet, während sie im Orient die letzten Blüten trieb. Denn noch einmal erhob sich Babylon durch seine gefeierten Schulhäupter, die den Titel Meyers Gaon (s. d.) führen, zu Sura und Pumbedita in der Mitte des 8. Jahrh. und sicherte sich bis in die Mitte des 11. Jahrh. die geistige Herrschaft. Die Tätigkeit der Schuloberhäupter Jehudai der Blinde (um 760), Simon aus Kairo, Achai, Amram (869881), Verfasser einer weitverbreiteten Gebetordnung (»Siddur R. Amram«), Zemach ben Paltoi (»Talmud-Lexikon«), Nachschon, Saadja ben Joseph (892 bis 942, s. Saadja Gaon), Scherira, Hai, Samuel ben Chofni (gest. 1034) bestand vorwiegend in Erläuterung des Talmud, Erteilung von Gutachten oft bis nach Spanien und Frankreich hin und der Abfassung von Monographien über Gegenstände der Praxis, z. T. in arabischer Sprache.
   In Kyrene (Kairowan) hatte um die Mitte des 10. Jahrh. die j. L. in dem philosophisch gebildeten Arzt Isak Israeli einen hervorragenden Vertreter, wie dessen arabisch geschriebene Werke über Medizin und Philosophie bezeugen. Chananel ben Chuschiel kommentierte talmudische Traktate und den Pentateuch, der blinde Chefez ben Jazliach schrieb in arabischer Sprache das Buch der Gebote (»Sefer mizwot«), Nissim, Sohn des Jakob ben Nissim, des Erklärers des Buches Jezira, einen »Mafteach« (Schlüssel) zum babylonischen Talmud u. a. Das Studium der hebräischen Sprache suchten um 950 Juda ibn Koraisch aus Tahart durch Vergleichung verwandter Dialekte und Dunasch ben Labrat (Adonim) durch scharfe Polemik gegen Saadja zu fördern. Über die diesem Zeitraum zuzuweisende Entwickelung der Haggada s. Meyers Midrasch; über die Geheimlehre s. Kabbala; über die Literatur der Karäer s. Meyers Karäer. Im Anschluß an die bereits feststehenden, zur Zeit der Geonim verfaßten Gebetordnungen (Siddurim) begann nun auch mit Anwendung des Metrums und Reimes die synagogale poetanische (s. Meyers Paitan) Dichtung, als deren bahnbrechender Vertreter Elasar Kalir (um 800) zu nennen ist, sich zu entwickeln.
   Vom 10. Jahrh. an erschließt sich in Spanien im Wetteifer mit den wissenschaftlichen Leistungen der Araber die Blütezeit der jüdischen Literatur. Der Beamte der Kalifen Abd er Rahmân III. und Alhakim II., der Arzt und Philolog Chisdai ben Isak (950) in Cordoba, begeisterte seine Glaubensgenossen für Wissen und Poesie. Selbst wissenschaftlich tätig, lieh er gelehrter Arbeit seine Unterstützung. Er berief Menachem ben Saruk, Verfasser des ersten hebräischen Wörterbuches in hebräischer Sprache (»Machberet«), von Tortosa nach Cordoba. Für die Bibliothek Alhakims übersetzte Joseph ibn Abitur, auch als synagogaler Dichter bekannt, die Mischna ins Arabische. Im 11. Jahrh. förderten Juda ibn Chajug, der Vater der hebräischen Grammatik, der Entdecker des Dreiwurzelbuchstabensystems, und Jona ibn Gannach (Abulwalid Merwan), Verfasser einer hebräischen Grammatik und eines Lexikons, das Sprachstudium. Der jüdische Minister von Granada, Samuel Hanagid (102755), war für Grammatik und Exegese tätig, schrieb Lehrgedichte und eine Einleitung in den Talmud. Während noch Samuel den Spuren althebräischer Dichter folgt, tritt Salomo ibn Gabirol, der tiefe Denker, als selbstschöpferischer Dichter auf (s. Meyers Avicebron), und wie er auf dem Grunde des Neuplatonismus philosophiert, so hat sein Zeitgenosse Bachja ibn Bakoda in arabischer Sprache eine leichtverständliche Moralphilosophie: »Chobot ha-lebabot« (Herzenspflichten), geschrieben. Auch das Talmudstudium nahm einen Aufschwung durch fünf Gelehrte, namens Isak, von denen Isak ben Jakob Alfasi (aus Fes, geb. 1013, gest. 1103 in Lucena) durch sein Talmudkompendium, »Alfasi« oder »Rif« genannt, am bekanntesten ist. Der von 10651136 lebende Polizeimeister Abraham bar Chija aus Barcelona zeigte in einem großen Werk über Mathematik und Astronomie bedeutendes Wissen. Seine Zeitgenossen waren die Talmudisten Juda ben Barsillai, Joseph ibn Migasch und Joseph ibn Zaddik (gest. 1049). Das Lied, das Gabirol angestimmt, verhallte nicht mit dem Tode des Meisters, auch Moses ibn Esra (gest. 1138) schuf neue Poesien, bis Juda ha- Meyers Levi (s. d.) die Krone religiösen Gesanges erwarb. Der kühne Forscher und scharfsinnige Kritiker Abraham ibn Esra (s. Meyers Ibn Esra) bleibt in der Dichtkunst weit hinter ihnen zurück, übertrifft sie aber durch ein eminentes Wissen in Philosophie, Philologie, Exegese und Mathematik.
   Auch Geschichte und Geographie haben ihre Vertreter. Abraham ben David (ibn Daud. gest. 1180), Verfasser des religionsphilosophischen Buches »Emuna rama«, schrieb das geschichtliche »Sefer ha-Kabbala«; Benjamin ben Jona aus Tudela (gest. um 1175) schilderte seine Reise durch Südeuropa, Asien und Afrika in dem Büchlein »Massaot«. Ihren Höhepunkt erreichte die j. L. in Moses ben Maimon (11351204, s. Maimonides), dem bedeutendsten Religionsphilosophen, den Mischna-Erklärer und gelehrtesten Kodifikator des Talmud. Der Kampf zwischen der alten und der freiern philosophischen Richtung kam zuerst in der Provence, wo sich gegen Maimonides' »More nebuchim« (»Führer der Verirrten«) Widerspruch erhob, zum Ausbruch. Es entspann sich ein Gelehrtenstreit, der sich zu einem Kampfe gegen die Philosophie überhaupt erweiterte, und in den hinein später auch die Kabbala (s. d.) spielte. Unter dem Druck der Almohaden ging das geistige Leben in Südspanien zurück, während von Kastilien und Katalonien aus ein reger literarischer Verkehr mit der Provence unterhalten wurde. In Narbonne hatte schon im 10. Jahrh. Machir aus Babylonien eine talmudische Hochschule gegründet, an der um 1140 Abraham ben Isak, Verfasser des »Eschkol«, lehrte. In Lunel wirkten die Familie Meschullam, Jonathan Hakohen (ca. 1200), Serachja ben Isak Halevi (gest. 1185), Verfasser des Talmud kommentars »Maor«, die Übersetzerfamilie Tibbon, Abraham ben Natan, Verfasser des Ritualwerkes

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»Manhig«, in Marseille Isak ben Abba Mari, der über talmudisches Recht schrieb (»Ittur«), und in Narbonne die Familie Meyers Kimchi (s. d.), die sich vorwiegend der Grammatik, Lexikographie und Exegese zuwendete.
   David Kimchi nahm noch im hohen Alter für Maimonides, wie später Abraham ben Chisdai aus Barcelona, der Dichter des Sittenbuches »Ben hamelech wehanasir« (»Prinz und Derwisch«), gegen dessen Gegner Meir ben Todros Halevi Abulafia aus Toledo (gest. 1244) und den Arzt Juda ibn Alfakar, Salomo ben Abraham aus Montpellier, David ben Saul und Jona aus Gerona, eifrig Partei. Dieser ernsten Zeit fehlte es nicht an Gelehrten, die in satirischer Dichtung der Mitwelt einen Spiegel vorhielten: Juda ibn Sabbatai dichtete einen »Wettstreit zwischen Weisheit und Reichtum«, Joseph ibn Sabara »Das Buch der Tändeleien« (»Sefer schaaschuim«), Juda ben Salomo Alcharisi (11701230) das witzsprudelnde »Tachkemoni«. In dem Kampf um die Werke des Maimonides suchte Moses ben Nachman (s. Nachmanides), der geistvolle Bibelerklärer und Talmudist, zu vermitteln. Sein Schüler Salomo ben Abraham ben Aderet (gest. 1310) in Barcelona erfreute sich hohen Ansehens als Talmudist. Sein Buch über die Ritualgesetze (»Torat habajit«) griff Ahron Halevi in seinem »Bedek habajit« heftig an. Mehr oder minder beteiligten sich in dem Kampfe zwischen Glauben und Philosophie: Jakob Anatoli aus der Provence (»Malmad hatalmidim«), der philosophisch gebildete Arzt Jakob ben Machir, Menachem Meïri, Kommentator von Talmudtraktaten u. a. in Perpignan, Levi ben Abraham aus Villefranche, Isak Albalag, Schemtob Falaquera, Abba Mari ben Moses aus Lunel (»Minchat kenaot«), Jedaja Bedarschi, d. h. aus Béziers, Verfasser des »Bechinat Olam«, Estori Haparchi (»Kaftor wapherach«) und Ahron Kohen aus Lunel, dessen Ritualwerk »Orchot chajim« in seiner Überarbeitung als »Kol bo« weit verbreitet ist. Um 1300 stellte Isak Aboab in seinem »Menorat hamaor« Haggadas zum Zweck der Erbauung zusammen, schrieb ein Ritualwerk u. a. Die durch Maimonides' Schriften erregte Bewegung rief von neuem die Kräfte wach. Der aus Deutschland eingewanderte Oberrabbiner von Toledo, Ascher ben Jechiel, Rosch genannt (1306 bis 1327), schrieb ein Kompendium zum Talmud (»Ascheri«), Rechtsgutachten und das ethische »Orchot chajim«, regte Isak Israeli (1300) zu seinem Buche »Jesod olam« über Geometrie und Kalenderwesen an und sah den Samen seiner Lehre bei Söhnen und Enkeln reisen. Aschers Sohn Jakob kodifizierte in »Arba Turim« das gesamte Rechtsgebiet der Israeliten, ein Enkel, Meir Aldabi aus Toledo, stellte »Schebile Emuna«, eine Enzyklopädie des Wissenswertesten aus Theologie, Astronomie und Medizin, zusammen. Freund und Verteidiger der Philosophie war Levi ben Gerson, was sein »Milchamot adonai« und seine Bibelkommentare bezeugen. Der Provenzale Jerucham ben Meschullam (1334), Jomtob ben Abraham aus Sevilla, Vidal di Tolosa, Schemtob ibn Gaon, Ascher ben Chajim, David Abudarham in Sevilla, Kommentator des Gebetrituals (um 1340), und ganz besonders Nissim ben Reuben (Ran) aus Gerona, Kommentator des Alfasi, einzelner Talmudtraktate u. a., Isak ben Scheschet (Rivasch), Schüler Nissims, Rabbiner in Saragossa (gest. 1406 in Nordafrika), waren für talmudische Gelehrsamkeit durch Erklärungen und Gutachtensammlungen literarisch tätig.
   Die Wogen der philosophischen Strömung drangen in die Erklärung der Bibel und gaben der jüdischen Apologetik, die der zunehmende Bekehrungseifer mit seinen Disputationen entfesselte, kräftigen Nachdruck. Die Philosophie Ibn Esras und Maimonides' verwertet Samuel Zarza 1368 in Valencia in einem Pentateuchkommentar. Moses Kohen de Tordesilles stellte seine z. T. schon bei der Religionsdisputation 1375 zu Avila vorgetragene Glaubensverteidigung in »Eser emuna« auf, und Schemtob ben Schaprut, den man zur Disputation mit dem Kardinal Pedro di Luna (Papst Benedikt X.) in Pampelona zwang, gab eine Apologie des Judentums (»Eben bochan«); Menachem ibn Serach verfaßte ein Kompendium der jüdischen Religionswissenschaft (»Zedaladerech«) und der Philosoph Chisdai Kreskas sein »Or Adonai« (»Gotteslicht«), das Spinoza beeinflußte, u. a. In Nordafrika, das viele spanische Flüchtlinge aufgesucht hatten, treffen wir Anfang des 15. Jahrh. Simon ben Zemach Duran (gest. 1444) als Oberrabbiner in Algier. Er schrieb eine Gutachtensammlung, das religionsphilosophische »Magen abot«, dichtete Hymnen und polemisierte gegen Christentum und Mohammedanismus. Sprossen seiner Familie waren bedeutende Talmudgelehrte. Profiat Duran, Efodi genannt, in Spanien, polemisierte gegen Paulus Burgensis, David Bonet u. a. Stärker noch zeigten sich die Kräfte bei und nach der Disputation in Tortosa (141314). Hier verteidigte das Judentum unter andern der Verfasser der »Ikkarim« (»Grundwahrheiten«), Joseph Albo, ein Arzt aus Monreal. Im politischen Druck erlahmte die Geisteskraft, und der dürre Boden war der Ausbreitung der Mystik günstig. Dessen sind Zeugen: Schemtob ben Schemtobs »Glaubenslehren« (»Emunot«), Abraham ben Isak, Moses Botarel, Kommentator des Buches Meyers Jezirah (s. d.) u. a., die unbedeutenden Nachfolger ihrer Vorgänger, von denen wir nennen: Esra und Asriel, Lehrer des Nachmanides, Todros ben Joseph Halevi Abulafia (1290), Isak ibn Latif (1290), Joseph Gikatilia (1300) und Mose de Leon (1300), mutmaßlich der Verfasser des bedeutendsten kabbalistischen Buches, »Sohar« (s. d. und Kabbala).
   Im Dunkel der Verfolgung, das 1492 in Spanien, 1498 in Portugal den Höhepunkt erreicht, erglänzt noch ein Stern erster literarischer Größe, dessen Licht später voll in Italien (Neapel) strahlt: Don Isak Meyers Abarbanel (s. d.). Der letzten Zeit gehören an in Spanien: die Talmudisten Isak Campanton, Isak de Leon, die Religionsphilosophen Abraham Bibago, Isak Arama, Verfasser einer homilienartigen Pentateucherklärung: »Akedat Jizchak«; in Portugal der Astronom Abraham Sakuto (»Juchasin«), Abraham Saba (»Zeror hamor«), Isak Karo u. a.
   In Palästina bearbeitete Assaf im 10. Jahrh. den Dioskorides; Tanchum ben Joseph (um 1280) erklärte die Bibel. Aus dem 13. Jahrh. kommen spärliche Nachrichten von einem Reisenden, namens Hillel. Reicher spendet das Geistesleben in Italien seine Schätze. Schon um 930 wirkt Sabbatai Donnolo aus Oras. Er war Arzt, Botaniker und Astronom und kommentierte das Buch »Jezirah« (s. d.). In Bari, Otranto und Lucca blüht das Talmudstudium. In letzterer Stadt zeichnet sich Meschullam ben Kalonymos als Talmudgelehrter und Hymnendichter aus, in Rom schreibt Natan ben Jechiel (1100) das Talmudlexikon »Aruch«, in Salerno verfaßt Salomo Parchon (1160) ein hebräisches Wörterbuch, der Arzt Farragut (1297) übersetzte arabische Werke für Karl von Anjou ins

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Lateinische, und Kalonymos ben Kalonymus (1300), genannt Maestro Calo, war für Robert von Anjou tätig. Immanuel ben Salomo aus Rom (1320), angeblich der Freund Dantes, dichtete die als »Mechabberot« bekannten geistreichen Makamen, deren letzter Abschnitt: »Paradies und Hölle«, nach dem Vorbilde der »Divina Commedia« gearbeitet ist, und erklärte die Bibel in wenig selbständiger Weise. Die beiden Jesaia di Trani u. Zidkia ben Abraham, Verfasser von »Schibbole haleket«, lehrten den Talmud, Menachem Rekanate bearbeitete den Meyers Sohar (s. d. und »Kabbala«), Jechiel ben Jekutiel verfaßte eine Ethik, Mose Rieti, der in seinem »Mikdasch meat« die »Divina Commedia« nachdichtete, führte den Stanzenbau in die hebräische Poesie ein, Abraham Farissol (geb. 1451) schrieb ein geographisches Buch, »Iggeret orchot olam«, und Bibelerklärungen, Juda ben Jechiel, genannt Leon, war für Rhetorik, Philosophie und Grammatik tätig, Isak Natan bearbeitete eine hebräische Konkordanz und Jakob Landau in Neapel Halachisches im »Agur«. An der Hochschule in Padua lehrte der aus Mainz stammende Rabbiner Juda Minz, der Gegner des 1493 auf Kandia gestorbenen philosophierenden Schrifterklärers Elia del Medigo, Philosophie. Erwähnung verdienen noch: die Mitglieder der Gelehrtenfamilien Minz und Katzenelnbogen, Jochanan Aleman und Samuel Archevolte. Seit 1475 wurde die j. L. durch Errichtung hebräischer Druckereien in Italien (Soncino, Casale Maggiore, Barco, Bologna, Brescia, Ferrara, Fano, Mantua, Neapel, Pesaro, Riva di Trento u. a. O.) gefördert.
   In Frankreich und Deutschland hält sich die j. L. vorwiegend in den Grenzen der Exegese und des Talmudstudiums. Daneben hat die im Dienste der Synagoge stehende Dichtung begeisterte und formgewandte Vertreter. Als erste bedeutende Autorität tritt uns Gerschom ben Juda (gest. 1028), die »Leuchte des Exils« genannt, entgegen; er sorgt für Abschriften und Kommentare des Talmud, dichtet wie sein Zeitgenosse Simon ben Isak Abun synagogale Hymnen und regelt mit andern durch »Verordnungen« (»Takkanot«), z. B. das Verbot der Polygamie, die sozialen Verhältnisse der europäischen Juden. Fast die ganze Bibel und den Talmud erklärte R. Salomo ben Isak (gest. 1105, s. Meyers Raschi), der große Schüler rheinischer Talmudmeister. Seine Zeitgenossen waren Elieser der Große, die Bibelerklärer Simon u. Joseph Kara, Menachem ben Chelbo, die Poetanim (s. Meyers Paitan) David ben Meschullam, Kalonymos ben Juda, Samuel ben Juda u. a., die in Elegien die Greuel der Kreuzzüge beklagt haben. Die Fortführung und Weiterbildung des Talmudkommentars R. Salomos (Raschis) unternahm eine Anzahl von Gelehrten, die ihrer erklärenden Zusätze (»Tossafot«) wegen Tossafisten genannt werden. In erster Reihe derselben stehen Raschis Schwiegersöhne Juda ben Natan und Meir ben Samuel aus Ramerü und des letztern Söhne Samuel, der vorzügliche Bibelerklärer, und Jakob (gest. 1171), genannt Tam (s. Meyers Raschi), denen sich später anschließen: Elieser ben Natan (Raben) aus Mainz (1140), Joseph Porat, Isak der Alte (Ri), Isak Halaban in Prag, Elieser aus Metz, Simson aus Sens (gest. 1230 in Palästina), Elieser ben Joel Halevi (Rabia), in rheinischen Städten lebend, Moses ben Jakob Coucy, Verfasser des »Sefer mizwot gadol« (S'mag), und Elieser aus Tuch. Exegetische Arbeiten liefern neben Samuel ben Meir: Tobia ben Elieser, Joseph Bechor Schorr, Chiskia ben Manoach (1260), Isak Halevi u. a.; populärer Ethik und z. T. auch der Kabbala huldigen Juda der Fromme (um 1200), der im »Sefer chassidim« treffliche Sittenlehren aufgestellt hat; Eleasar ben Juda (Rokeach) aus Worms, Moses ben Chisdai aus Tachau, der Fabeldichter Berachja ha-Nakdan in Burgund; der Polemik dienen Natan Offizial und der Verfasser des »alten Nizzachon« aus dem 13. Jahrh
   Durch die Verfolgung der Juden u. ihrer Literaturschätze (1242 verbrannte man 24 Wagen voll Talmudexemplare in Paris) ward die wissenschaftliche Tätigkeit in Frankreich wohl beeinträchtigt, aber nicht ganz unterdrückt. Isak aus Corbeil (gest. 1280), Perez ben Elia (gest. 1300), Simson aus Chinon (1300) und Isak de Latas (um 1390) in der Provence sind Gelehrte von Bedeutung. Fruchtreicher als in Frankreich entfaltete sich trotz Verfolgung und Druck die j. L. in Deutschland. An der Rabbinerversammlung in Mainz (1223), die das Gemeinde- und Steuerwesen regelte, nahmen ausgezeichnete Gelehrte teil, die aber alle an Gelehrsamkeit und Ansehen von Meir von Rothenburg a. T. überragt werden. Seine zahlreichen, meist gedruckt vorliegenden Rechtsgutachten, ein Spiegel der Lebens- und Rechtsverhältnisse seiner Zeit, verkünden noch heute seine Bedeutung. Er war Schüler Samuels aus Falaise und Isaks ben Moses aus Wien, Verfasser des »Or sarua« und Zeitgenosse Abigdor Hakohens in Wien, Chajim Paltiels in Erfurt oder Magdeburg u. v. a. Seine Jünger Ascher ben Jechiel (s. S. 347), Mordechai ben Hillel, dessen Talmudkompendium als »Mordechai« bekannt ist, Meir Hakohen und Simson ben Zadok wirkten in der von ihm erschlossenen Richtung. Gutachtensammlungen und Zusammenstellungen von Ritualien liegen aus dem 14. und 15. Jahrh. vor von Isak aus Düren (Schaare dura), Alexander Sußlein Kohen aus Köln (Agudda), Meir Halevi aus Wien (1370), der die Verordnung traf, daß zur Ausübung von rabbinischen Funktionen die Autorisation eines anerkannten Rabbiners erforderlich sei, von Moses aus Zürich, Israel aus Krems, Menachem in Merseburg, Abraham Klausner in Wien, Eisak aus Tyrnau, Jakob Halevi, Maharil genannt, aus Mainz, Jakob Weil in Nürnberg und Erfurt, Israel Bruna in Regensburg, Isserlein in Wiener-Neustadt (gest. 1460) u. v. a. Erbauungsbücher und synagogale Gedichte sind die letzten schwachen Ausläufer dieses Zeitraums. Eine Verteidigung des Judentums liegt aus dem 15. Jahrh. vor in dem Buch »Nizzachon« des Lipman aus Mülhausen. Ein großer Teil der mittelalterlichen jüdischen Literatur ist in der Neuzeit ediert worden, doch liegt noch vieles ungedruckt in den Bibliotheken zu Rom, Florenz, Parma, Turin, Paris, London, Cambridge, Oxford, Leiden, Wien, Berlin, München, Hamburg, Frankfurt a. M. u. a. O. Der fünfte Zeitraum gibt ein trübes Bild des Verfalls geistiger Tätigkeit; man zehrt von den Schätzen der Vergangenheit, die man mit Hilfe der Buchdruckerkunst zu erhalten und zu verbreiten bestrebt ist. Im türkischen Reich, wo früh schon in Konstantinopel, Saloniki und Adrianopel hebräische Druckereien entstehen, wirken am Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrh. Moses Kapsali (1480), der Mathematiker und Exeget Mordechai Komtino, Elia Misrachi (1520), Samuel Serillo, der Kabbalist Meir ibn Gabbai, der Verfasser einer Predigtsammlung, Moses Almosnino, Juda ibn Verga, der das Buch »Schebet Jehuda«, eine Geschichte der Judenverfolgungen, angelegt hat. Die bedeutendsten talmudischen Autoritäten des 16.

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Jahrh. sind: Meyers Joseph Karo (s. d.) in Palästina, Verfasser eines Kommentars »Beth Joseph« zu dem Rechtskompendium des Jakob ben Ascher: »Arba Turim« und daraus eines zu allgemeiner Geltung gekommenen Kodex u. d. T. »Schulchan aruch« (s. d.), Jakob ibn Chabib (Zusammensteller des »En Jacob«), Salomo und Joseph Taitazak, Meir Arama in Saloniki, Benjamin ben Matitja in Arta, Bezalel Aschkenasi (Verfasser von »Schitta mekubbezet«) und Jakob Castro in Ägypten; des 17. Jahrh. Joseph ibn Esra in Saloniki, Joseph und David Pardo, später in Amsterdam, Abraham di Boton, David Consorte (gest. 1680 in Ägypten), Verfasser der Gelehrtengeschichte »Kore hadorot«, Salomo Algasi und Chajim Benveniste in Smyrna und Samuel Laniado in Aleppo. In Jerusalem wirkte seit 1488 der geschätzte Mischnah-Erklärer Obadja Bertinoro; in Zafet waren tätig: der Erklärer des jerusalemischen Talmud Salomo Serillo, Moses ben Joseph Trani, die Kabbalisten Salomo Alkabez, Dichter des Sabbatliedes »Lecho dodi«, Moses Alscheich, Moses Cordovero, ferner Moses Galante, der Italiener Menachem di Lonsano, der frühere Frankfurter Rabbiner Jesaias Halevi Horwitz (gest. 1626), Verfasser des »Schl'oh«, einer Enzyklopädie des jüdischen religiösen Wissens. Der Kabbala schuf Isak Luria (gest. 1572) zahlreiche Anhänger und ebnete dadurch Meyers Sabbatai Z'wi (s. d.) indirekt die Wege. In Palästina treffen wir im 17. Jahrh. Chiskia de Silva aus Livorno (Verfasser des »Pri chadasch«), Jakob Chagis aus Italien (gest. 1674) und im 18. Jahrh. den verdienstvollen Literarhistoriker Asulai (gest. 1807), Verfasser bibliographischer Werke. In Italien wirkte Isak Abarbanel von 1493 an in Neapel mit gleichstrebenden Söhnen (s. Meyers Abarbanel). Elias Meyers Levita (s. d.), Grammatiker und Lexikograph, vermittelte den Christen hebräische Sprachkunde, Abraham de Balmes (gest. 1523) verfaßte eine hebräische Grammatik und übersetzte philosophische Werke aus dem Arabischen, der Arzt Obadja Sforno (gest. 1550), Lehrer Reuchlins, des Verteidigers der geschmähten jüdischen Literatur, erklärte die Bibel, und David Vital schrieb über Religionsgesetze. Die hebräische Typographie fand zahlreiche Pflegstätten. In Venedig, wo seit 1516 Daniel Bomberg aus Antwerpen die rabbinischen Bibeln und den Talmud druckte, in Cremona. Fano, Ferrara, Genua, Livorno, Padua, Rimini, Riva di Trento, Rom, Sabionetta, Verona waren gut geleitete Druckereien. Bald aber zertrat der Fanatismus diese Blüte, zündete für die Juden und deren Literatur den Scheiterhaufen an und unterdrückte die freie Meinungsäußerung durch die Zensur. Trotzdem zeigte Italien auch ferner emsige Literaten. Joseph Hakohen (14961575), Verfasser einer »Geschichte der fränkischen und ottomanischen Herrscher«, schilderte in seinem »Emek habacha« die Leiden des jüdischen Volkes; Samuel Usque in Ferrara (1551) schrieb »Consolaçâo as tribulaçoens de Israel«; Asarja de Rossi (151178) lieferte im »Meor enajim« Beiträge zur Philosophie, Exegese, Chronologie und Archäologie. Weniger bedeutend waren Gedalja ibn Jachja, der Autor des »Schalschelet Hakkabala«, der Lexikograph David de Pomis, Abraham Portaleone (geb. 1542 in Mantua), der ein Werk über jüdische Altertümer hinterließ. Um 1660 hatte Italien zwei jüdische Dichterinnen, Debora Ascarelli und Sara Copia Sullam. Schriftsteller des 17. und 18. Jahrh. sind: Juda Arje Modena (15711648, hebräisch-italienisches Lexikon, Mnemotechnik, Schriften gegen Talmud und Kabbala u. a.), Simcha Luzzato (»Discorso circa il stato degli Ebrei«), Joseph Salomo del Medigo aus Kandia (geb. 1591), der Mathematik und Kabbala bearbeitete, der Massoret Salomo Norzi (»Minchat Schai«), Immanuel Aboab in Venedig (um 1625; »Nomologia« über die Glaubwürdigkeit der Tradition), Samuel Aboab (161094), dessen Sohn Jakob, der archäologische und naturwissenschaftliche Studien trieb, der Dichter Moses Chajim Luzzato (gest. 1747 in Palästina), Menachem Asarja di Fano (gest. 1620), Moses Sakut, der Prediger Asarja Figo, Maleachi Kohen, Isak Lamperonti, Arzt und Rabbiner in Ferrara (16791756), dessen »Pachad Jizchak« ein zuverlässiges talmudisches Realwörterbuch ist. Repräsentanten des in Polen wieder zur Blüte gebrachten Talmudstudiums schätzen wir in Salomo Lurja (Maharschal, gest. 1573), Moses Isserles (Remo), Samuel Edels (Meharscha, gest. 1631), Joel Jafa (Sirks, gest. 1639), David Halevi (»Türe Sahab«), Sabbatai Kohen, in dem aus Polen stammenden Rabbiner in Frankfurt a. M. Jakob Josua (gest. 1726, »Pne joschia«), Moses Ribkes (»Beer hagola«), Abraham Gombinner (gest. 1642, »Magen Abraham«), Jechiel Heilprin (gest. um 1730, »Seder hadorot«, eine Art Gelehrtenlexikon) und in Elia Wilna (172097).
   In Holland, das seit Ende des 16. Jahrh. den jüdischen Einwanderern volle Freiheit gewährte, fand die j. L. in blühenden Gemeinden, besonders in Amsterdam, wo seit 1618 der Prediger Saul Levi Morteira als Oberrabbiner wirkte, emsige Pflege und Förderung durch gut geleitete Druckereien. Ärzte, Dichter, Prediger, Philosophen, Grammatiker, Mathematiker wetteifern miteinander. Aus ihrer Mitte ragt der überaus tätige Menasse ben Meyers Israel (s. d.) hervor. Spinozas und Uriel Acostas Verdienste würdigt die Geschichte der Philosophie, die der jüdischen Literatur aber muß verzeichnen: Benjamin Musafia (gest. 1675), Jakob Juda Leon Templo, den Lexikographen David Kohen de Lara, den Bibelerklärer und Übersetzer Jakob Abendana (167995), den Hebraisten Isak Abendana, die Dichter David Abenatar Melo, Isak Usiel, die Dichterin Isabella Covrea, Thomas de Pinedo, den Reisenden Pedro Teixeira u. a. Die Talmudautoritäten Isak Abendana di Brito und David Israel Athias (Mitte des 18. Jahrh.) sind die letzten Vertreter dieses Zeitraums.
   In Böhmen, und zwar in Prag, wirkten die Talmudisten Jakob Pollack (gest. 1530), Mordechai Jafe (gest. 1612), Löwe ben Bezalel, der hohe Rabbi Löb genannt (gest. 1609), und vorzüglich der Verfasser einer Chronik: »Zemach David«, und eines geographisch-astronomischen Werkes, David Gans (geb. 1541 in Lippstadt, gest. 1613 in Prag), der zu Kepler und Tycho de Brahe Beziehungen unterhielt, ferner als Prager Rabbiner der bereits erwähnte Jesaias Horwitz, Salomo Ephraim Leutschütz (um 1620), Abraham Broda, David Oppenheimer aus Worms (gest. 1736), Besitzer der bedeutendsten hebräischen Bibliothek, die heute den Hauptbestandteil der Bodleiana zu Oxford ausmacht, Ezechiel Landau (171393). In Wien wirkte Jomtob Lipman Heller Wallerstein (1579 bis 1654), Verfasser eines vorzüglichen Kommentars zur Mischna: »Tosfot Jomtob« und andrer Werke.
   Aus Deutschland sind noch merkenswert: Jair Chajim Bacharach (von 16281701) in Worms, Raphael Levi in Hannover, der Grammatiker Salomo Hanau (gest. 1776) daselbst, die Rabbiner der Drei-Gemeinden Altona-Wandsbeck-Hamburg Ezechiel Katzenelnbogen (171048), Jonathan Eybeschütz,

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den Jakob Emden von Altona, einst Rabbiner in Emden, des Sabbataismus (s. Meyers Sabbatai Z'wi) beschuldigte und ihn zu jahrelangem literarischen Streit zwang, Raphael Kohen (gest. 1803), Großvater Gabriel Riessers, u. a.; die Gelehrtenfamilie Horwitz in Frankfurt a. M., Jakob Berlin, Rabbiner in Fürth, Joseph Steinhardt, Rabbiner ebendort, David Fränkel, Rabbiner in Dessau und Berlin (170862), der Lehrer Moses Mendelssohns und Erklärer des jerusalemischen Talmud (»Korban eda«). Hebräische Druckereien bestanden in Frankfurt a. M., Hanau, Offenbach, Rödelheim, Homburg v. d. H., Wilmersdorf, Sulzbach, Dessau, Jeßnitz, später in Berlin, in Dyhernfurt, von Sabattai Bassista, Verfasser des bibliographischen Handbuchs »Sifte jeschenim« errichtet, u. a. O. Im Dienste der hebräischen Sprachwissenschaft wie der Polemik fand vom 16. bis Mitte des 18. Jahrh. die j. L. an christlichen Gelehrten eifrige Forscher, wie schon früher einzelne Christen das Schrifttum der Juden mit Vorliebe gepflegt hatten, z. B. Reuchlin (1455 bis 1522), so an Sebastian Münster (14891522), Mercier in Paris (gest. 1570), Drusius in Cambridge (gest. 1616), an dem Spanier Arius Montanus (gest. 1589), dem Übersetzer der Reisen Benjamins de Tudela, an dem Erzbischof Genebrard (gest. 1597), an Prof. Christmann (gest. 1613), vor allen aber an den beiden Meyers Buxtorf (s. d.), an Ed. Pococke (160491), Surenhusius (gest. 1698), dem Übersetzer der Mischna, Trigland (gest. 1705), der sich vorwiegend karäischen Studien widmete, Schudt (gest. 1722), Verfasser der »Jüdischen Merckwürdigkeiten«, an Wagenseil (1633 bis 1708), Selden, an dem talentvollen Bibliographen Joh. Christ. Wolf (16831739), Verfasser der »Bibliotheca hebraea« (171533, 4 Bde.), Jo. B. de Rossi in Parma, dem wir bedeutende Arbeiten verdanken, Vitringa (gest. 1722), Carpzov (gest. 1767) u. v. a. Mit dem sich allmählich vollziehenden Eintritt der Juden in das politische und geistige Leben der europäischen Völker beginnt der sechste Zeitraum der jüdischen Literatur, der bis zur Gegenwart reicht. Die geistige Bewegung ging von Deutschland aus und fand hier ihre Hauptvertreter. Moses Meyers Mendelssohn (s. d.) hat durch seine klassische Übertragung der fünf Bücher Mosis und der Psalmen den Juden die Kenntnis der deutschen Sprache, deutsche Bildung und Literatur vermittelt und zur Pflege der Poesie, der Sprachen und der Sprachkunde, Kritik, Pädagogik, jüdischen Geschichte und Literatur, zur Übersetzung der hebräischen Schriften in die modernen Sprachen den ersten Anstoß gegeben. Einen Kommentar (Biur) zur Pentateuchübersetzung Mendelssohns schrieben die sprachgewandten Hebraisten Salomo Dubno, Hartwig Wessely, ein fruchtbarer Schriftsteller, Ahron Jaroslaw und Herz Homberg, später kaiserlicher Schulrat in Prag. Von Freunden und Schülern Mendelssohns waren außerdem noch, besonders als Mitarbeiter der hebräischen Zeitschrift »Meassef«, literarisch tätig: Ahron Wolfsohn, David Meyers Friedländer (s. d.), Isak Euchel, Lazarus Bendavid und Isak Satanow. Was aber Juden, die seit jener Zeit auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens mit Erfolg tätig waren, in Wissenschaft, Literatur und Kunst geleistet haben und noch leisten, gehört nicht mehr der jüdischen, sondern der allgemeinen Literatur an. In der jüdischen Literatur aber waren Werke aus allen Wissensgebieten und eine anhaltende Polemik, meist in hebräischer, deutscher und französischer Sprache, die Resultate der bürgerlichen und geistigen Fortschritte der europäischen Juden, während im russischen Polen zugleich eine neue Mystik sich ausbreitete. Viele ältere jüdische Werke wurden in Italien und den slawischen Ländern, in denen man sich der neuhebräischen Sprache als eines Schlüssels zur Schatzkammer der europäischen Wissenschaft, der Dichtkunst und Belletristik bediente (s. Meyers Hebräische Sprache, S. 29), herausgegeben. Den Gesetzlehrern Ezechiel Landau, Maleachi Cohn und Jesaja Berlin, denen später gleichgelehrte Talmudisten, wie Jakob Lissa, Akiba Eger, Moses Sofer, Isak Bernays, folgen, reihen sich unter andern die Grammatiker Benseb, S. Pappenheim, Schalom Kohn, Wolf Meyers Heidenheim (s. d.) und der Übersetzer R. Fürstenthal an. Eine wissenschaftliche Erkenntnis der jüdischen Literatur und Geschichte begründeten L. Meyers Zunz (s. d.) und S. J. Rapoport (17901867), neben denen der scharfsinnige Kritiker N. Krochmal (17801840) zu nennen ist. Sie fanden in S. D. Luzzato in Padua (180065), J. S. Reggio (17841855), Salomon Munk (180567), Michael Sachs (1808 bis 1864), dem Bibliographen Benjakob (gest. 1865), Abraham Geiger (181073), A. Jellinek (182193), M. Steinschneider (geb. 1816), Zedner (180471), R. Kirchheim, S. Kämpf, J. H. Schorr, F. Lebrecht würdige Jünger. Für jüdische Geschichte waren tätig: Jost, L. Herzfeld, Selig und David Cassel, M. Wiener, H. Grätz, M. Kayserling, Wolf, Güdemann, J. Abrahams, M. Stern, Braun, Bäck, H. Groß, Aronius, L. Löwenstein, A. Berliner, H. Vogelstein, Rieger, A. Epstein, Salfeld, L. Geiger, Eckstein, L. Feilchenfeld u. v. a.; für Archäologie: Krochmal, Reggio, M. Sachs, Z. Frankel, M. A. Levy, Löw u. a.; für Religionsphilosophie und deren Geschichte: S. Munk, Adolphe Franck, J. Freudenthal, D. Kaufmann, Sam. Hirsch, Bernays, M. Joel, J. Guttmann, M. Lazarus, Büchler, Schreiner; für Bibelübersetzung und -Erklärung sowie für Geschichte der Exegese: (unter Zunz' Redaktion Arnheim, Sachs, Fürst), Kämpf, Grätz, Johlson, G. Salomon, H. Herxheimer, L. Philippson, Cohen, J. Fürst, S. R. Hirsch, Benamozegh, Rosin, J. S. Bloch, L. J. Mandelstamm, M. Friedländer (die Apokryphen übersetzten Gutmann, D. Cassel), Frankel, Perles, Rahmer (Vulgata), Kohn (samaritanische Übersetzung), A. Brüll (samaritanische Übersetzung), Kohut (über die persische Übersetzung), S. Bernfeld, Mandelkern, Schechter, B. Jacob, D. Hoffmann u. a.; für Bibliographie: Steinschneider, Zedner, Benjakob, Neubauer, Roest, Schiller-Szinessy, H. Brody, A. Freimann, Lippe und M. Schwab; für jüdische Literaturgeschichte im allgemeinen: Bacher, A. Berliner, Carmoly, D. Cassel, J. Derenbourg, Dukes, D. Hoffmann, G. Karpeles, D. Kaufmann, M. Kayserling, Leop. Löw, M. C. Mortara, Jakob Reifmann; für Homiletik, als Prediger: Salomon, Kley, Mannheimer, Philippson, Sachs, Holdheim, A. A. Wolff, Leop. Stein, Jellinek, M. Joel, David Einhorn, M. Kayserling, Adolf Schwarz, S. Maybaum u. a., für Massora: Baer, Frensdorff; für Kenntnis des Midrasch, der Mischna und des Talmuds: Jakob Brüll, A. Geiger, M. Friedmann, J. H. Weis, Alex. Kohut, J. Levy, G. Dalman, L. Goldschmidt, M. Rawicz, M. Lattes, S. B. Bamberger, Bergel, M. Bloch, Duschak, Fassel, J. Hamburger, H. Hirschfeld, R. N. und J. M. Rabbinowicz, M. Schwab, W. Bachar, D. Hoffmann u. a.; für Numismatik: M. A. Levy, Zuckermann; für Kalenderwesen: Levysohn, Schwarz, Zuckermann; für Pädagogik: Jakob Auerbach, Büdinger, Herxheimer, Sondheimer, Tachau, Levy, Badt, Lewien, S. Auerbach, Bernfeld;

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für synagogale Musik und Gesang: Sulzer, Naumbourg, Lewandowsky u. a.; für Herausgabe älterer Werke der jüdischen Literatur: Buber, Goldberg, Halberstam, Brody, Hildesheimer, Derenbourg u. a.; für künstlerische Bearbeitung des jüdischen Lebens die Novellisten Bert. Auerbach, L. A. Frankl, L. Kompert, A. Bernstein, S. Kohn, M. Lehmann, S. Mosenthal, Sacher-Masoch, K. E. Franzos, J. Zangwill, M. Viola, S. Gordon, H. York-Steiner, Ulrich Frank u. a.
   [Zeitschriften, Vereine etc.] Viel Beachtenswertes erschien in den jüdischen Zeitschriften. Der hebräischen Zeitschrift »Meassef« (17831811, mit Unterbrechungen) aus der Mendelssohnschen Zeit, der 1823 unter Redaktion Zunz' herausgegebenen »Zeitschrift des Vereins für Kultur und Wissenschaft der Juden« (nur ein Jahrgang) folgten später: »Sulamith« von Fränkel (1804 ff.), »Jedidja«, »Zionswächter«, »Der Jude« von Gabriel Riesser in deutscher, die »Bikkure haittim« (182031), »Kerem chemed« (183343,185456), »Kochbe jizchak«, »Ozar nechmad«, Kobacks »Jeschurun«, »Ha-schachar«, »Ha-Maggid« (seit 1856), »Ha-ibri« (seit 1864), »Ha-zefira« (seit 1872), »Ha-mebasser«, »Ha-karmel«, »Ha-meliz«, »Ha-Lebanon«, »Chabazelet«, »He-chaluz« von Schorr u. v. a. in hebräischer Sprache. Josts »Israelitische Annalen« (Frankf. 184042), Fürsts »Orient« (Leipz. 184052), Philippsons »Zeitung des Judentums« (das., seit 1837; jetzt Berl., unter Redaktion von G. Karpeles), Löws »Ben chananja« (Szegedin), Szántos »Neuzeit« (Wien), Lehmanns »Israelit« (Mainz), Rahmers »Israelitische Wochenschrift« (Magdeb., seit 1870, jetzt Berl., unter Redaktion M. A. Klausners), »Die jüdische Presse« (Berl.), »Die Welt« (Wien), »Die Österreichische Wochenschrift« (Wien), »Die Ungarische Wochenschrift« (Budap.), »Der Generalanzeiger« (Berl.), »Israelitisches Familienblatt« (Hamb.), »Ost und West« (Berl.) u. a. widmen auch dem Literarischen ihre Aufmerksamkeit. Der jüdischen Wissenschaft ausschließlich dienen ferner: Geigers »Wissenschaftliche Zeitschrift« (183543) und »Jüdische Zeitschrift« (Bresl. 186272), Steinschneiders »Hebräische Bibliographie« (Berl. 1858 ff.), Frankels »Zeitschrift für die religiösen Interessen etc.« (das. 184446) und dessen später von Grätz, dann von Braun und Kaufmann und jetzt von Braun herausgegebene »Monatsschrift« (Bresl. 1851 ff.) sowie das »Jüdische Literaturblatt«, Beilage der »Israelitischen Wochenschrift«, von Rahmer, jetzt von Rosenthal redigiert, das »Magazin für jüdische Geschichte und Literatur« von Berliner (Berl. 1874 ff.), die »Jahrbücher für die Geschichte und Literatur des Judentums« von Nehem. Brüll (Frankf. a. M. 1874 ff.), die »Populär-wissenschaftlichen Monatsblätter zur Belehrung über das Judentum« von Ad. Brüll (das. 1881 ff.), die hebräische Monatsschrift »Bet talmud« für rabbinische Literatur und Geschichte von Weis und Friedmann (Wien 1881 ff.), die »Zeitschrift für hebräische Bibliographie« von H. Brody und A. Freimann (Frankf.), die »Revue des études juives« in Paris, die »Jewish Quarterly Review« in London, außerdem zahlreiche Zeitschriften in England, Amerika, Frankreich, Italien, Holland, der Türkei, in Ungarn, Rußland und andern Ländern.
   Außerdem wirken Vereine für Herausgabe alter Literaturwerke, wie der Verein Mekize nirdarium in Berlin, zur Erforschung der Vergangenheit und Hebung ihrer Geistesschätze. Zur Belebung des Interesses für das Judentum, seine Geschichte und Literatur sind seit 1892 in den jüdischen Gemeinden Deutschlands Vereine für jüdische Geschichte und Literatur gegründet, die sich 1904 auf 180 beliefen. Pflanzstätten eröffneten sich der jüdischen Literatur in den Seminaren zur Ausbildung von Rabbinern (s. Meyers Rabbiner). Der Pflege und Verbreitung der jüdischen Literatur dienen die von Singer herausgegebene »Jewish Encyclopedia« (New York 1901 ff., 12 Bde.) und die 1904 in Angriff genommene »Allgemeine hebräische Enzyklopädie« (Warschau). Eine streng wissenschaftliche Bearbeitung des Gesamtgebietes der jüdischen Literatur stellt die 1903 gegründete »Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums« in Aussicht. Auch in nichtjüdischen Kreisen ist in neuester Zeit die j. L. eifrig gepflegt worden, was die Publikationen christlicher Gelehrten (wie die von Delitzsch, Rénan, Wünsche, Siegfried, Schleiden, Nöldeke, Fleischer, Schürer, H. L. Strack u. a.) beweisen. Die bedeutenden Sammlungen hebräischer Bücher, die der Rabbiner David Oppenheim (s. oben) in Prag und der Hamburger Kaufmann H. Michael (gest. 1846) zusammengebracht hatten, befinden sich jetzt in Oxford. Der Katalog der Oxforder Druckwerke ist von Steinschneider, der Katalog der dortigen Handschriften von Neubauer herausgegeben. Auch Paris, Parma, Rom, London, Cambridge, Leiden, München, Berlin, Hamburg, Frankfurt a. M. u. a. O. besitzen reiche Schätze rabbinischer Bücher, die meist wissenschaftlich katalogisiert sind. Die erste vollständige Übersicht über die Geschichte der jüdischen Literatur gibt Steinschneider in Ersch und Grubers Enzyklopädie, 2. Sektion, Bd. 27 (Leipz. 1850), die auch ins Englische (»History of Jewish literature«, Lond. 1858; Index der Autoren, Frankf. a. M. 1893) und ins Hebräische von Malter (Warschau 1897 ff.) übersetzt wurde. Vgl. außer den Schriften von Meyers Zunz (s. d.) und H. Meyers Grätz (s. d.) besonders: D. Cassel, Geschichte der jüdischen Literatur (Berl. 187273, die biblische Literatur enthaltend), und dessen Lehrbuch der jüdischen Geschichte und Literatur (Leipz. 1879); Karpeles, Geschichte der jüdischen Literatur (Berl. 1886); Winter und Wünsche, Die j. L. seit Abschluß des Kanon (Trier 189196, 3 Bde.). Berichte über die neueste j. L. enthalten auch der »Theologische Jahresbericht« (hrsg. von Krüger und Köhler, Berl.), und eine allseitig orientierende »Literarische Jahresrevue« von G. Karpeles bringen die Jahrbücher für jüdische Geschichte und Literatur (das., seit 1898).
 
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Jüdische Religion, s. Meyers Judentum.
 
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Judith, 1) jüd. Heldin, Witwe eines gewissen Manasse in Betylua (bei Luther Bethulia), rettete ihre von Holofernes, dem Feldherrn des Königs Nebukadnezar, belagerte (sonst unbekannte) Vaterstadt, indem sie ins feindliche Lager ging, den Feldherrn durch ihre Schönheit betörte und ihm, als er trunken gemacht und eingeschlafen war, mit seinem eignen Schwert den Kopf abhieb, worauf die Einwohner das feindliche Heer in die Flucht schlugen. Das Buch J., ursprünglich und wohl zur Zeit der Makkabäer hebräisch geschrieben, dann in der griechischen Übersetzung den Apokryphen einverleibt, ist eine Dichtung, die der Glaubensstärkung und Erbauung diente. Die Tat der J. ist oft zum Gegenstand künstlerischer Darstellung gemacht worden, z. B. Erzgruppe von Donatello in der Loggia dei Lanzi zu Florenz; Bilder von Luk. Cranach, C. Allori, Horace Vernet, Riedel, Sichel etc.; auch dichterisch, besonders in dramatischer Form, wurde sie häufig behandelt, z. B. von Hans Sachs (1551), Martin Opitz (1635), Friedr. Hebbel (1840) u. a. Vgl. Kautzsch, Die Apokryphen und

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Pseudepigraphen des Alten Testaments (Tübing. 1900), Bd. 1, S. 147 f., wo die Literatur angegeben ist.
   2) Gemahlin Kaiser Ludwigs des Frommen, Tochter des bayrischen Grafen Welf, ward 819, vier Monate nach dem Tode von Ludwigs erster Gemahlin, Irmengard, mit dem Kaiser vermählt und gebar ihm 823 Karl den Kahlen. Schön und gebildet, beherrschte sie bald ihren Gemahl und erregte dadurch den Neid und den Argwohn ihrer Stiefsöhne, die sie des Ehebruchs mit ihrem Günstling, dem Markgrafen Bernhard von Barcelona, beschuldigten und den Kaiser 830 zwangen, J. in ein Kloster zu schicken. Bald wieder befreit, erregte sie durch die parteiische Bevorzugung ihres Sohnes Karl 832 einen neuen Aufstand der Söhne, wurde nach dem Verrat der letztern auf dem Lügenfeld bei Thann im Elsaß 833 nach Tortona in Italien gebracht, kehrte aber 834 nach ihres Gemahls Wiedereinsetzung nach Aachen zurück. Durch vorsichtige Mäßigung behauptete sie sich nun auf dem Thron und starb drei Jahre nach Ludwig dem Frommen, 19. April 843, in Tours.
   3) Tochter des Herzogs Arnulf von Bayern, eine schöne und kluge Frau, seit 937 mit Ottos J. Bruder Heinrich vermählt, der 948 auch Bayern erhielt, führte nach ihres Gemahls Tod 955 für ihren unmündigen Sohn Heinrich den Zänker die Vormundschaft und verschaffte dem Herzogtum eine mächtige und einflußreiche Stellung. Als die Empörung ihres Sohnes Heinrich gegen Kaiser Otto II. 974 mißlang, nahm sie den Schleier im Marienkloster zu Regensburg, wo sie starb. Die Herzogin Hadwig von Schwaben, die Freundin Ekkehards, war ihre Tochter.
 
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Judiziālhypothek, s. Meyers Zwangshypothek.
 
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Judīzium (Judiz, lat. Judicium), Urteil, Urteilsvermögen; Urteilsspruch, Gericht; judizial, gerichtlich; judiziär, auf das Gericht bezüglich, von der Beurteilung abhängig; judizieren, urteilen, aburteilen; judiziös, urteilsfähig, scharfsinnig, sinnreich.
 
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Judsonpulper, Sprengstoff aus schwarzem Sprengpulver, das wenig Nitroglyzerin aufgesogen enthält, besitzt im Verhältnis zu letzterm eine bedeutende Sprengkraft.
 
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Juel (spr. jūl), Niels von, dän. Seeheld, geb. 18. Mai 1629 in Christiania, gest. 18. April 1697, aus altem dänischen Adelsgeschlecht, studierte 1649 an der Akademie in Sorö, begab sich aber schon 1650 nach Holland, wo er unter den Admiralen M. Meyers Tromp (s. d.) und de Meyers Ruyter (s. d.) gegen die Engländer und Barbaresken focht. Seit 1656 in dänischem Marinedienst und 1657 zum Admiral ernannt, zeichnete er sich 165760 im Kriege gegen Schweden wiederholt aus und war nach dem Tod Meyers Adelers (s. d.) Oberbefehlshaber der dänischen Flotte, mit der er 16761679 die Schweden mehrmals glänzend besiegte, besonders 11. Juli 1679 in der Kjögebucht. Seit 1683 war er Präsident der Admiralität. Vgl. Garde, Niels J. (Kopenh. 1842); Chr. Bruun, Niels J. og Holländerne (das. 1871); A. Güntelberg, Niels J.,en historisk Skildring (das. 1897).
 
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Juetschi (Yue-tschi, weiße Hunnen), s. Meyers Hunnen, S. 658.
 
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Juf, Ort in Graubünden, s. Meyers Avers.
 
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Jufteln, s. Meyers Wein.
 
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Juften (russ., fälschlich Juchten), lohgares Leder, das früher ausschließlich in Rußland dargestellt wurde, ist stark, geschmeidig, riecht eigentümlich, wird von Insekten nicht angegriffen und bietet dem Wasser großen Widerstand. Zur Darstellung werden gute Häute von jungem Rindvieh enthaart, gereinigt, in einem Sauerbad geschwellt und mit Weiden- oder Pappelrinde gegerbt, dann, um sie geschmeidiger zu machen, zwei Tage in einen Brei aus Roggenmehl, Salz und lauem Wasser gelegt, gewaschen und getrocknet. Die besten Häute werden zu weißem J. bestimmt und nur noch auf der Narbenseite mit Birkenteeröl (Juchtenöl) oder Seehundstran eingerieben und dann getrocknet, die übrigen werden rot oder schwarz gefärbt und dann ebenfalls eingefettet. Teerleder erhält doppelt soviel Fett wie der übrige J. Nach dem Trocknen wird das Leder gewalkt, gefalzt, gekrispelt und auf der Narbenseite nochmals mit Seehundstran und Talg eingerieben. Je nach der Verwendung wird das J. schließlich geglättet oder chagriniert. Das weiße Leder dient zu Armeezwecken, rotes namentlich zu Portefeuillearbeiten, schwarzes zu Pferdegeschirren und Schuhwerk. Den Geruch verdankt das J. dem Birkenteeröl. Das beste J. kommt aus der Gegend von Nowgorod und aus Südrußland, aber auch außerhalb Rußlands wird die Ware aus Rinder- und Roßhäuten in vortrefflicher Qualität hergestellt, und häufig wird gewöhnliches rotes Leder parfümiert, so daß es wie J. riecht.

 

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82) Johannisfest
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83) Jūlfest
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