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Kanariengras bis Kanarische Strömung (Bd. 6, Sp. 550 bis 554)
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Artikelverweis Kanariengras, Pflanzengattung, s. Phalaris.
 
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Kanarienhäufling, soviel wie Leinfink, s. Häufling.
 
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Kanarienharz s. Canarium.
 
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Kanariennuß s. Canarium.
 
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Kanariensamen, s. Phalaris.
 
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Kanariensekt, s. Meyers Kanarienweine.
 
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Kanarienvogel (Zuckervogel, Serinus canarius Cab., Dryospiza canaria L.), Sperlingsvogel aus der Familie der Finken (Fringillidae) und der Unterfamilie der Gimpel (Pyrrhulinae), 1213 cm lang, mit 6 cm langem Schwanz und 7 cm langen Fittichen; Stirn, Augengegend, Kehle und Brust sind mattglänzend goldgrün, nach dem Rücken zu durch Aschgrau in Graugrün und nach dem Bauche zu in Reinweiß übergehend; der Mantel ist bräunlich graugrün; Schwingen und Schwanzfedern sind mattschwarz, grünlich gesäumt, der Bürzel ist grüngelb. Der wilde K. singt wie der zahme, der Gesang des letztern ist kein Kunsterzeugnis, sondern nur ausgebildet, umgestaltet, zu glänzenderer Entwickelung gebracht. Er ist auf den Kanarischen Inseln, Madeira und auf den Inseln des Grünen Vorgebirges heimisch, lebt überall, wo dicht wachsende Bäume, Gestrüpp und Wasser vorhanden sind, in Gärten und Weinbergen bis zu einer Höhe von 1500 m. Nur das Innere des schattigen Hochwaldes scheint er zu meiden. Er nährt sich von Sämereien, zartem Grün und Früchten, namentlich Feigen, nistet im März auf jungen, frühbelaubten Bäumen, legt fünf blaß meergrüne, rötlichbraun gefleckte Eier, die denen des zahmen Vogels vollkommen entsprechen, und brütet wie dieser 13 Tage. In jedem Sommer finden 34 Bruten statt. In der Gefangenschaft ist der frisch eingefangene Wildling sehr unruhig, er paart sich aber sehr leicht mit dem gezähmten und erzeugt hübsche Blendlinge. Linné, Brisson u. a. hielten den K. für einen Mischling von verschiedenen grünen Finken; erst Bolle stellte fest, daß die ursprüngliche Art auf den Kanarischen Inseln noch unverändert vorhanden

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ist. Die ältern Schriftsteller, wie Gesner, Aldrovandi u. a., kennen nur den grünen K., und niemand weiß anzugeben, wann und wie der Übergang vom grünen zum gelben Kleid stattgefunden. Nachdem die Spanier 1311 und 1473 die Kanarischen Inseln erobert, bildete der K. einen namhaften Handelsgegenstand. Es wurde Mode, daß sich vornehme Frauen nur mit dem Kanari auf dem Finger malen ließen. Die Spanier bewahrten diesen Handel ein volles Jahrhundert hindurch als Monopol. Durch ein gestrandetes spanisches Schiff wurden die Kanarienvögel nach Elba verpflanzt (Mitte des 16. Jahrh.), verwilderten hier, wurden von den Italienern bald wieder ausgerottet, dann aber in Italien und besonders in Deutschland (schon in der ersten Hälfte des 17. Jahrh.) gezüchtet.
   Vom gezähmten K. unterscheidet man zahlreiche Varietäten und Spielarten. Die früher allgemein verbreitete deutsche Landrasse wird jetzt nur noch in verschiedenen Spielarten als Farbenvögel gezüchtet. Von letztern unterscheidet man loh- oder gold-, strohgelbe, weiße, isabellfarbene oder Elberne, graugrüne, tief orangegelbe, gescheckte (Gelb-, Blaß-, Isabellschecken, getigerte, Einflügel, Halbschwalben), Plättchen (Mückchen, Grau-, Grün-, Braun- und Schwarzplättchen), grau, grün, braun und schwarz gehäubte, Schwalben (Grau-, Grün-, Schwarz-, Isabell- und Flügelschwalben); außerdem unterscheidet man Glattköpfe und gehäubte und als krankhafte Varietät die Kakerlaken oder Albinos. In England werden besondere Farbenvarietäten gezüchtet, die man Lizards (eidechsenartig gestreifte), Yorkshire Spangles (Goldflitter), Cinnamoms (zimtbraune), Turnkrests (verkehrt gehäubte) u. dgl. benennt. Auch erzieht man tief gelbrote durch Fütterung mit einem völlig geschmacklosen Cayennepfeffer (Pfeffervögel) in denselben Farbenschlägen. Die Harzer Kanarienvögel bezeichnet man als Nachtigallschläger oder Gluckvögel (Doppelglucker, Gluckroller), Kollervögel und Rollvögel (Baß-, Knarr-, Hohl-, Klingelroller). Im Äußern ist der Harzer von dem gemeinen deutschen K. nicht verschieden, doch der herrliche Gesang stellt ihn obenan unter allen Singvögeln. Die Holländer Rasse zeigt große, schlanke Vögel mit sonderbar gekrümmtem Rücken und emporgezogenen Schultern nebst gekräuselten Federn an Brust und Flügeln (Jabot und Epauletten). Man unterscheidet Trompeter, größte und schlankeste Rasse, Pariser, Lord-Mayor, Brabanter und Brüsseler (Katzenbuckel).
   Man füttert den gemeinen und holländischen K. mit einem Gemisch von Kanariensamen, Hanf und Rübsen nebst gelegentlicher Zugabe von Grünkraut (Miere, Kreuzkraut, Salat), auch Zucker, Obst und andern Leckereien. Der Harzer K. erhält nur besten, hederichfreien Sommerrübsen nebst Eifutter (Gemisch aus hart gekochtem Hühnerei und altbackenem, geriebenem Weizenbrot). Bei guter Pflege hält der einzelne Sänger sich wohl 20 Jahre im Käfig; Nistvögel sind bis zum vierten Jahr ergiebig. Für den Sänger muß der Käfig etwa 36 cm lang, 21 cm hoch und 17 cm tief, viereckig und oben von sanft gewölbter Form sein. Ein mindestens dreifach so großer Bauer ist zur Hecke für ein Männchen mit 13 Weibchen ausreichend. Die Zucht im großen wird in geräumigen Käfigen oder in Vogelstuben betrieben; man rechnet bis 200 Kanarienvögel, immer je ein Männchen mit 34, selbst 5 Weibchen, auf ein mittleres, einfensteriges Zimmer; doch ist eine geringere Bevölkerung ratsam. Die Nester bestehen in Holzkörbchen, Kästchen oder Blumentöpfen von 9 cm Weite und 6 cm Höhe, in sogen. Harzer Bauerchen befestigt, die 30 cm voneinander an den Wänden befestigt werden; sie sind etwa halb mit zartem, trocknem Moos gefüllt, auf dem die Vögel aus halbfingerlanger Scharpie die Nester bauen. Eier und Brut gleichen denen des Wildlings. Die Zeit des Einwurfs ist Mitte Februar bis Mitte März. Alljährlich erzielt man 34 Bruten. Die Fütterung in der Nistzeit besteht für gemeine deutsche und Holländer Kanarienvögel in Zugabe von hart gekochtem, geriebenem Hühnerei, für den Harzer K. in reichlichem Eifutter und neben dem trocknen in gebrühtem, zwischen Leinen gerolltem Sommerrübsen. Die vorzüglichsten Sänger müssen als Vorschläger für die jungen Männchen dienen, und ganze Stämme werden zu gleichem Gesang ausgebildet. Die Sänger befinden sich in verhängten Käfigen, damit sie ganz ungestört die Touren und Passagen lernen können. Im Harz wird die Zucht bei 2230° betrieben, deshalb sind die kostbarsten Harzer Kanarienvögel sehr weichlich. Dennoch werden sie selbst im Winter bis auf vier oder fünf Tagereisen in zweckmäßig eingerichteten Käfigen versandt. Beim Empfang ist allmähliche Gewöhnung an ein wärmeres Zimmer und dann gleichmäßige Wärme von mindestens 22° zu beachten; auch darf Eifutter nicht entzogen werden, und der Sommerrübsen muß durchaus gut und rein sein. Zug, Nässe, Unreinlichkeit, starker Temperaturwechsel, z. B. beim Zimmerreinigen des Morgens, besonders aber verdorbenes oder unpassendes Futter (Hanfsame, Grünkraut oder Leckereien) richten zahlreiche Harzer Kanarienvögel zugrunde. Kanarienbastarde werden gezogen vom Stieglitz, Hänfling, Zeisig, Grünfink, Gimpel und andern einheimischen Finken; der erstere Mischling ist geschätzt der Schönheit und der zweite des Gesanges wegen. Die Zucht des Kanarienvogels wird im Harz (besonders in St. Andreasberg), in Hannover, Thüringen, Franken, im Schwarzwald, in Stuttgart, Nürnberg, Berlin, Leipzig, Magdeburg, Frankfurt a. M., Belgien und in der Schweiz großartig betrieben. In Deutschland werden alljährlich ca. 2 Mill. Kanarienvögel gezüchtet. Die Ausfuhr nach Nordamerika, England, Rußland, Südamerika, Ostindien und Australien beziffert sich auf etwa 1 Mill. Kanarienvögel. Für auswärtige Händler und Liebhaber besorgen sogen. Ausstecker das Abhören und den Einkauf der Vögel. Die Kanarienzüchter des Main-Rheingauverbandes haben wiederholt in Frankfurt Gesangskurse für Kanarienvögel veranstaltet. Die Krankheiten der Kanarienvögel bestehen in Heiserkeit, Hals- und Lungenentzündung, Epilepsie, Krämpfen, Fallsucht, Verstopfung, Unterleibsentzündung, Durchfall, Schwitzkrankheit, Wunden, Geschwüren, Ausschlägen, Beinbrüchen. Schwächliche Weibchen leiden an Legenot. Ungeziefer wird durch Reinlichkeit und Insektenpulver erfolgreich bekämpft. Vgl. Ruß, Der K. (10. Aufl. von Hoffschildt, Magdeb. 1901); Brandner, Der Harzer K. (3. Aufl., Stettin 1888); Böcker, Beiträge zur Kenntnis der Kanarien (10. Aufl., Ilmenau 1895); Bröse, Die Kanarienvogelzucht (Berl. 1894); Richard, Die Zucht des deutschen Kanariensängers (Duderstadt 1894); Kleeberger, Der K. (6. Aufl., Köln 1898); Zürn, Der K. (Berl. 1903); Bröcker, Der K. (2. Aufl., Hamb. 1905). Zeitschriften: »Kanaria« (Leipz., seit 1882), »Allgemeine Kanarienzeitung« (Oberdollendorf, seit 1893); »Der Kanarienzüchter« (Leipz., seit 1895) u. a.
 
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Kanarienweine, die Weine der Kanarischen Inseln, die aber selten unter diesem Namen, sondern

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meist als Madeira und als Sherry auf den Markt kommen. Die größte Weinkultur besitzen Tenerife (Laguna, Orotava, Tacaronte, Matanza), Gomera (Herminga), Ferro (Jolfo) und Palma. Man baut besonders Sekt (Malvasier) und Vidogna. Die Vidognaweine sind alkoholreiche, trockne Weißweine mit wenig Körper und Parfüm. Der Sekt ist ein süßer Likörwein, dem Madeirasekt nicht gleichkommend und in kalten Klimaten leicht umschlagend. Er erhält nach drei Jahren ein an Ananas erinnerndes Aroma. Früher trank man als Kanariensekt die gewöhnlichen trocknen (sec) Weißweine und würzte sie noch mit Zucker, Zimt, Muskatnuß, gebratenen Äpfeln, Eiern (Falstaffs Lieblingsgetränk). Durch die Traubenkrankheit ist die Weinproduktion der Kanarischen Inseln auf den zehnten Teil des frühern Betrags reduziert. Der größte Teil der Produktion geht nach Brasilien.
 
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Kanāris, Konstantin, griech. Freiheitskämpfer und Staatsmann, geb. 1790 auf der Insel Ipsara, gest. 15. Sept. 1877 in Athen, war Kapitän eines kleinen Kauffahrteischiffs. Als 1822 Chios den Türken unterlegen war, zerstreute K. mit zwei Brandern in der Nacht vom 18.19. Juni die noch vor der Insel liegende türkische Flotte und sprengte das Admiralschiff in die Luft. Ebenso steckte er 22. Nov. 1822 bei Tenedos das türkische Admiralschiff in Brand. Von den Ephoren seiner Heimat nahm er nur einen Lorbeerkranz an. Nachdem 1824 Ipsara in die Gewalt der Türken gefallen und mehrere Versuche, ihre Flotte in Brand zu stecken, mißglückt waren, diente K. als Branderführer unter Miaulis, verbrannte 17. Aug. am Kap Trogilion eine große türkische Fregatte nebst mehreren Transportschiffen und rettete dadurch Samos. Seinen Plan, 1825 die ägyptische Flotte, die im Hafen von Alexandria lag, um die Truppen Mehemed Alis nach Morea überzuführen, dort zu verbrennen, vereitelte der Wind. 1826 befehligte er die Fregatte Hellas, und 1827 ward er in die Nationalversammlung gewählt. Kapo d'Istrias ernannte ihn 1828 zum Kommandanten Monembasias und eines Geschwaders von Kriegsschiffen. Nach des Präsidenten Ermordung (im Oktober 1831) zog er sich nach Syra zurück. 1847 ernannte ihn König Otto zum Senator; auch war K. mehrmals, zuletzt 185455, Marineminister. Im Januar 1862 bildete er ein neues Ministerium und legte dem König ein liberales Programm vor, dessen Ablehnung ihn bewog, sich im Oktober dem Aufstand gegen Otto anzuschließen und in die provisorische Regierung einzutreten. Er war einer der Deputierten, die König Georg I. 1863 die Krone antrugen, und stand 186465 an der Spitze von zwei kurzlebigen Ministerien. Als nach Ausbruch des russisch-türkischen Krieges sich die Parteien im Juni 1877 in Patriotismus vereinigten, stellten sie den alten Seehelden an die Spitze des Koalitionsministeriums, in dem er die Marine übernahm; doch starb K. bald darauf.
 
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Kanārische Inseln (Islas Canarias), eine Provinz Spaniens bildende Inselgruppe an der Westküste von Afrika, zwischen 27°30'29°30' nördl. Br. und 13°17'18°10' westl. L., die sich in einem 556 km langen Bogen von der Küste 90 km (Fuerteventura) bis 300 km (Palma) entfernt hinzieht, aus fünf kleinern unbewohnten Felseninseln (s. das Textkärtchen): Graciosa, Alegranza, Santa Clara, Lobos, Rocca, und sieben größern: Hierro oder Ferro, Palma, Gomera, Tenerife, Gran Canaria, Fuerteventura und Lanzarote (s. d.) besteht und 7624 qkm groß ist. Die Inseln erheben sich aus tiefem Meer (zwischen mehreren Inseln bis 1000 m) in steilen vulkanischen Massen bei selten sandiger Strandbildung zu bedeutender Höhe. Die westlich von 15° gelegenen Inseln Gran Canaria, Tenerife, Gomera, Palma und Ferro sind jüngern vulkanischen Ursprungs (die fast kreisrunden Inseln Gomera und Gran Canaria werden fast ganz von alten Vulkanen eingenommen); der Pico de Teyde auf Tenerife erreicht 3730, der Pico de la Cruz auf Palma 2358 m. Sie sind sämtlich dicht bewaldet und bergen in ihren radial eingeschnittenen Erosionstälern die ganze Fülle subtropischer Vegetation. Die östlichen Inseln Fuerteventura und Lanzarote sind dagegen dürr und baumlos, von der afrikanischen Küste herübergewehter Sand bedeckt in Dünen weite Landstriche; doch sind die Inseln für Viehzucht wohlgeeignet. Sie sind weit niedriger als die westlichen Inseln; Fuerteventura erreicht nur 844 m, Lanzarote 684 m. Die Laven sind vorwiegend basaltischer, andesitischer und phonolithischer Natur. Sie wechsellagern mit Tuffschichten (Toscalos), die leicht verwittern und Anlaß zu interessanten Höhlenbildungen geben. Auf Palma, Fuerteventura und Lanzarote, welch letztere Insel eine lange Reihe von Kratern aus den Jahren 173037 trägt, sind unter den vulkanischen Gebilden auch ältere Gesteine, zumal Diabase, beobachtet worden. Besonders groß ist die Zahl der erloschenen Aschenkegel mit weiten Kratermündungen und der Lavafelder (Malpais oder Volcanos), die oft reich bewässert und unvergleichlich fruchtbar sind, wenn starke Schichten vulkanischer Asche sich darüberlagern. Vulkanische Ausbrüche und Erdbeben, welche die Inseln mehrfach heimsuchten und besonders Lanzarote von 173037 in schrecklichster Weise zerstörten, sind jetzt seltener geworden; Palma mit der berühmten Caldera und dem Meyers Barranco (s. d.) hatte die letzte Eruption 1677 und 1678, Tenerife 1798, Lanzarote mit dem noch schwach tätigen Montana de Fuego (533 m) 1824. Der Pik von Tenerife hat nur noch eine schwache Solsatara. Gomera und Gran Canaria gelten für die wasserreichsten Inseln. Die Täler werden von Bächen durchflossen, die im Sommer nicht das Meer erreichen und nur durch ein künstliches System von meilenweit an den Gebirgen hinziehenden Wasserleitungen nutzbar gemacht werden. Die Landschaft dieser »glücklichen Inseln« (Insulae fortunatae der Alten) ist überreich an Schönheiten. Ihr Charakter beruht auf einer wunderbar gezackten Form der Bergkämme, auf dem Gegensatze pflanzenloser roter und schwarzer Felsenmassen mit der Üppigkeit einer subtropischen Vegetation sowie endlich auf dem feuchten Schmelz der immergrünen Lorbeerförsten, bei der Durchsichtigkeit der Atmosphäre, der Umschau auf das Meer und einer fast überall zerstreut auftretenden ländlichen Kultur.
   Das Klima ist mild und gesund, namentlich für Brust- und Nervenleidende sehr wohltuend; es gehört zu den gleichmäßigsten der Erde. Seewinde kühlen die Hitze, Schnee und Eis sind in den bewohnten Tälern unbekannt. Vom November bis März fällt gelinder Regen; im März steht der herrlichste Frühling in vollem Flor; im April wird in den Küstengegenden das Korn geerntet. Sommer und Herbst sind völlig trocken und wolkenlos. Regenmenge auf Tenerife (Laguna) 55 cm, davon von Oktober bis April 52 cm. Juni bis September fast regenlos. September und Oktober sind mit durchschnittlich 30° die heißesten Monate; niedrigste Temperatur im Winter etwa 10° Mittlere Temperatur zu Tenerife (Santa Cruz) Jahr

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21,6°, Januar 17,6°, April 19,6°, Juli 25,4°, Oktober 23,7°. Vor Eintritt der Winterregen wehen öfters aus der Sahara die schwülen, dicke Nebel erzeugenden Levante- oder Südostwinde, die auch oft Heuschrecken mitführen. Die Inseln besitzen eine reiche endemische Flora, die zwar durch Erikazeen und andre immergrüne Gesträuche einen westeuropäischen Charakter erhält, zugleich aber durch waldbildende, immergrüne Laurazeen und afrikanische Florenelemente ein eigenarnges Gepräge zeigt. Die untere Strauch- oder Sukkulentenregion, die je nach der Nord- oder Südlage bis 500 oder 800 m hinaufsteigt, zeigt neben der Dattelpalme (Phoenix canariensis) die Tamariske (Tamarix canariensis) und zahlreiche, den Kakteen gleichende Euphorbia-Arten. Daneben ist ebenso häufig die die Kapkolonie bewohnende Komposite Kleinia neriifolia, und mehr als 20 endemische Krassulazeen-Arten kennzeichnen diesen Gürtel, in dem namentlich Opuntien zur Kochenillegewinnung angebaut sind. In der immergrünen Lorbeerwaldregion, bis etwa 1200 m, sind die wichtigsten Bäume: Laurus canariensis, Persea indica, Oreodaphne foetens und der der Vegetation ihren eignen Charakter ausdrückende Drachenbaum (Dracaena Draco). Die Region der Nadelhölzer und Erica-Sträucher folgt bis etwa 1800 m. Pinus canariensis mit Untergesträuch von Cistus- und Daphne-Arten sowie Juniperus Cedrus und J. brevifolia gehören hierher. Unter den Erikazeen wiegen Erica scoparia und E. arborea vor. Die weiße Retama (Spartocytisus nubigenus), ein fast blattloser Ginsterstrauch, bezeichnet auf Tenerife, oberhalb der Baumgrenze, auf den trocknen Bimssteingeröllhalden eine charakteristische subalpine Region. Ein Cytisus und wenige Stauden gesellen sich ihm bei.
   Mit ihrer Tierwelt bilden die Inseln einen Teil der mittelländischen Subregion der paläarktischen Region. Die einzigen einheimischen Säugetiere sind zwei europäische Arten Fledermäuse. Die Landvögel, etwa 50 Arten, tragen ganz europäischen Charakter, nur einige Arten sind den Inseln eigen, andre diesen und andern atlantischen Inselgruppen gemeinsam. Der wilde Kanarienvogel mit gelblichgrünem Gefieder lebt in großen Flügen auf allen baumreichen Inseln. Reptilien, Amphibien und Süßwasserfische treten völlig zurück. Die Mollusken und die Insektenfauna, unter der allein 1000 Arten Käfer bekannt sind, enthalten manche eigne Arten.
   Die Bevölkerung (1900: 358,564, davon 166,505 männlich, 192,059 weiblich) besteht aus Mischlingen von Spaniern mit den ursprünglichen Bewohnern, den Guanchen (s. unten), sowie mit normannischen, flandrischen und arabischen Einwanderern. Die weiße Farbe herrscht durchweg, nur auf Gran Canaria gibt es einige Negerdörfer. Die Kanarier sind ehrlich, mäßig, zuverlässig, arbeitsam, voll Pietät für das Alter und von unbegrenzter Gastfreundschaft. Auch ihre natürliche Begabung ist groß. Die Gruppe ist geteilt in Bistümer: Las Palmas und San Cristobal de la Laguna, die beide unter dem Erzbischof von Sevilla stehen. Für die höhern Stände bestehen gute

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Schulen; die Volksbildung ist aber so gering, daß etwa 80 Proz. der Bevölkerung nicht lesen können. Hauptbeschäftigung der Einwohner bilden Ackerbau, Viehzucht und Schiffahrt; doch herrscht im allgemeinen Armut, da große Majorate bestehen, die Felder meist von Pächtern bebaut und schwere Steuern erhoben werden. Von der anbaufähigen Fläche werden 32,270 Hektar bewässert, 11,814 Hektar sind Gärten u. a., 4981 Hektar sind mit Getreide bestellt, 4747 Hektar Weinberge, 3785 Hektar Obstpflanzungen. Nicht bewässerbar sind 113,866 Hektar Getreidefelder, 6346 Hektar Weinberge, 3785 Hektar Obstpflanzungen. 144,290 Hektar sind von Wald bedeckt. Früher war Wein (Kanariensekt) eins der Hauptprodukte der Inseln, doch vernichtete seit 1852 die Traubenkrankheit den Weinbau fast vollständig; seit 1870 hat man ihn wieder aufgenommen. Die früher blühende Kochenillezucht betrug 1895 nur noch 1,883,320 Mk. (1869: 15,800,000 Mk.). Bedeutend ist der Anbau von Zwiebeln u. Kartoffeln, die nach Westindien ausgeführt werden, sowie von Weizen, Gerste, Roggen, Mais, Tabak, Orangen, Bananen etc. Auch die Soda liefernde Barillo (Mesembryanthemum crystallinum) sowie Maulbeerbäume für die Seidenraupenzucht werden gebaut. Die geringe Industrie erzeugt nur seidene und wollene Stoffe sowie grobes Leinen. Der Handel (meist in englischen Händen) hat sich sehr gehoben, seitdem 1852 die Inseln (Ferro ausgenommen) zu Freihäfen erklärt wurden. Zwischen den einzelnen Inseln besteht ein reger Verkehr durch Segelschiffe. Mit Cadiz und Puerto Rico ist Tenerife durch spanische Postdampfer verbunden, Tenerife, Gran Canaria und Lanzarote durch englische Dampfer mit Liverpool und Gibraltar. Haupthäfen sind Santa Cruz de Tenerife und Las Palmas. Ein spanisches Staatskabel führt von Cadiz nach Tenerife (Landungspunkt Jurada) und von da (Landungspunkt Tejita) ein französisches Staatskabel nach Saint-Louis in Senegal. Tenerife ist außerdem über Gran Canaria mit Lanzarote sowie mit Las Palmas durch Staatskabel verbunden. Der Gouverneur sowie der Kommandant der kleinen spanischen Truppenabteilung residiert in Santa Cruz de Tenerife. Zu Verwaltungszwecken besteht eine Einteilung in zwei Divisionen, jede zu drei Distrikten. Außer der Garnison gibt es noch eine einheimische Miliz; Santa Cruz de Tenerife und Las Palmas sind Festungen.
   Die Kanarischen Inseln waren wahrscheinlich schon den Phönikern bekannt; die Alten verlegten (seit Plinius, der den Namen »Canaria« von der Menge großer Hunde herleitet) auf die »glücklichen« oder »seligen« Inseln (vorher nannte man Madeira so) ihre elysäischen Gefilde. Daß die Karthager zu ihnen gelangt waren, zeigt die Gesandtschaft, die der mauretanische König Juba 40 v. Chr. hierher sandte. Im 12. Jahrh. sahen die Araber den Archipel; 1341 unternahmen die Portugiesen eine Fahrt hierher, infolge deren Luis de la Cerda, ein Urenkel Alfons' X. von Kastilien, sich 1344 von Papst Clemens VI. zu Avignon zum König der Kanarischen Inseln krönen ließ. Doch betrat er seinen Besitz niemals, und der Admiral Robert von Bracamonte, dem Heinrich III. von Kastilien die Inseln geschenkt hatte, besuchte zwar Lanzarote, übertrug aber seine Rechte bald auf Johann von Béthencourt. Dieser landete 1402 mit einigen Abenteurern auf Lanzarote und eroberte bis 1405 dieses sowie Fuerteventura, Gomera und Ferro. Des noch nicht eroberten Tenerife suchte sich Portugal, obschon vergeblich, zu bemächtigen. Ferdinand der Katholische kaufte die genannten Inseln von Didaco Herrera für 15,000 Dukaten, und bis 1496 wurden auch Gran Canaria, Palma und Tenerife ihren ursprünglichen tapfern Bewohnern, den Guanchen, entrissen, die dabei bis auf wenige Reste, die sich mit den Spaniern vermischten, zugrunde gingen. Im März 1902 veranlaßte eine autonomistische Bewegung das Einschreiten der spanischen Regierung.
   Vgl. L. v. Buch, Physikalische Beschreibung der Kanarischen Inseln (Berl. 1825); Barker-Webb und Berthelot, Histoire naturelle des îles Canaries (Par. 183650, 3 Bde.); v. Fritsch, Reisebilder von den Kanarischen Inseln (Gotha 1867); »Les îles Fortunées, ou l'archipel des Canaries« (Par. 1869, 2 Bde.); F. v. Löher, Nach den Glücklichen Inseln, kanarische Reisetage (Bielef. 1876); Berthelot, Antiquités canariennes (Par. 1879); Millares, Historia general de las islas Canarias (Las Palmas 188295, 8 Bde.); Christ, Eine Frühlingsfahrt nach den Kanarischen Inseln (Basel 1886); Stone, Tenerife and the Canary Islands (2. Aufl., Lond. 1889); Verneau, Cinq années de séjour aux îles canariens (Par. 1890); Whitford, The canary Islands as a winter resort (Lond. 1890); Taylor, Health resorts of the Canary Islands (das. 1893); V. Meyer, Märztage im Kanarischen Archipel (Leipz. 1893); Hans Meyer, Die Insel Tenerife (das. 1896); Kurt Müller, Die Kanarischen Inseln, in der Festschrift für den 18. deutschen Geographentag in Breslau 1901); Margry, La conquête et les conquérants des Îles Canaries (Par. 1896); Reisehandbücher von Ellerbeck (Lond. 1892), Browne (7. Aufl., das. 1903) u. a.; Karte von M. Pérez y Rodriguez (4 Blatt, Madr. 189698).
 
Artikelverweis 
Kanarische Strömung, s. Meyers Atlantischer Ozean (Stromsystem, S. 46).

 

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101) Lügde
 ... ( Villa Ludihi ) feierte Karl d. Gr. 784 das Weihnachtsfest.
 
102) Lyra
 ... als Pastor prim . in Gehrden (Hannover), komponierte eine Weihnachtskantate, liturgische Altarweisen und Lieder (gesammelt als »Deutsche Weisen«, 5 Hefte),
 
103) Mannhardt
 ... »Die Götter der deutschen und nordischen Völker« (das. 1860) und »Weihnachtsblüten in Sittte und Sage« (das. 1864). Aus Gesundheitsrücksichten zog er
 
104) Matutinum
 ... rezitiert werden. Im Volksmund heißt die vor der Mitternachtsmesse zu Weihnacht feierlich gesungene Matutin Christmette , die ebenfalls feierlicher abgehaltene
 
105) Menzel
 ... den ersten Rang ein, die M. als Transparentbilder für die Weihnachtsausstellungen im Berliner Akademiegebäude malte: Christus unter den Schriftgelehrten (1851, existiert
 
106) Messe
 ... Erlaubnis an einem Tage nur eine M. lesen, nur am Weihnachtsfest (25. Dez.) sind ihm drei Messen erlaubt. Nach den bestimmten
 
107) Meyer
 ... aus dem Familienleben: das Jubiläum eines hessischen Pfarrers (1843), der Weihnachtsabend, die Wochenstube, die Heimkehr des Kriegers, die Überschwemmung (1846), die
 
108) Michăel
 ... wegen freimütiger Äußerungen zum Tode verurteilt. Eine Verschwörung gegen Leo (Weihnachten 820) befreite ihn, und noch mit Ketten belastet wurde er
 
109) Mysterĭen
 ... auf Straßen und öffentlichen Plätzen, besonders zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten. Geschichtlich kann man die M. auf kirchliche Zeremonien des 8.
 
110) Narrenfest
 ... innocentium , Dezemberfreiheit ), im Mittelalter ein Volksfest um Weihnachten, besonders 28. Dez., 1. und 6. Jan., wahrscheinlich ein Rest
 
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