Wörterbuchnetz
Meyers Großes Konversationslexikon Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Lungenprobe bis Lungensteine (Bd. 6, Sp. 852 bis 860)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Lungenprobe (Pneumobiomantik, Docimasia pulmonum hydrostatica), der zuerst von Schreyer in Zeitz 1682 mit der Lunge eines neugebornen Kindes angestellte Versuch, der aus dem Schwimmen oder Niedersinken der Lunge im Wasser dartun soll, ob das Kind nach der Geburt Luft geatmet hat oder nicht. Die Annahme, daß das Schwimmen der Lungen eines Neugebornen beweise, daß dieses nach der Geburt gelebt und geatmet habe, während das Untersinken der Lungen dartue, daß es bereits vor der Geburt gestorben sei, erleidet allerdings vereinzelte Ausnahmen: ein Kind kann nach der Geburt kurze Zeit leben, ohne zu atmen, wenn es noch durch den Nabelstrang mit dem mütterlichen Körper in Verbindung bleibt; anderseits aber kann ein Kind in einzelnen Fällen schon während der Geburt geatmet haben und vor deren Beendigung abgestorben sein. Auch können die Lungen unter gewissen Bedingungen selbst nach vorgängigem Atmen im Wasser untersinken, wenn sie z. B. durch ausgeschwitzte Stoffe ausgefüllt, hepatisiert, sind (wie bei angeborner Syphilis), anderseits, ohne durch Einatmen Luft aufgenommen zu haben, schwimmen und zwar durch eingeblasene Luft und durch Fäulnis, die in ihrem Gewebe Gase entwickelt. Muß demnach die L. als ein nicht in jedem Fall eindeutiges sicheres Verfahren anerkannt werden, so bleibt sie doch in der Hand eines erfahrenen Gerichtsarztes, der vorzeitige Atmung und angeborne Lungenentzündung mit dem Mikroskop, eingetretene Fäulnis aber mit bloßem Auge erkennen kann, von großer Wichtigkeit.
 
Artikelverweis 
Lungenresektion, s. Meyers Lungenchirurgie.
 
Artikelverweis 
Lungenschlag, eine plötzliche Todesart, deren Ursache in einem Stillstand der Atmung beruht. Über das Zustandekommen dieses Stillstandes oder, wie früher gesagt wurde, dieser Lungenlähmung ist damit nichts ausgesagt; der anatomische Befund solcher Fälle ergibt meist eine Embolie in einem großen Aste der Lungenschlagader oder eine wässerige Ausschwitzung in die Lungenbläschen (s. Lungenödem).
 
Artikelverweis 
Lungenschmerzen, Schmerzen in der Brust, die häufig auf die Lunge bezogen werden, haben in der Regel andern Sitz und andre Ursache, da das Lungengewebe so unempfindlich ist, daß selbst größere Zerstörungen kaum erheblichere Schmerzempfindungen veranlassen. Vgl. Bruststiche.
 
Artikelverweis 
Lungenschnecken (Pulmonata), eine Gruppe der Meyers Schnecken (s. d. und Tafel Meyers »Schnecken II«), unterscheiden sich durch den Besitz einer Lunge von allen übrigen (durch Kiemen oder Haut atmenden) Schnecken. Die Lunge ist ein Teil der Mantelhöhle, die dicht mit Gefäßen ausgekleidet ist und durch das Atemloch auf der rechten Seite des Rückens mit der Außenluft in Verbindung steht. Die L. des Süßwassers füllen in der Jugend die Mantelhöhle noch mit Wasser, später erst mit Luft; einige Arten von Planorbis und Limnaeus bewahren sich die Fähigkeit, in der erstern Weise zu atmen, zeitlebens und ersticken so unter Wasser nicht. Die L. haben meist eine Schale, und auch bei den anscheinend nackten (z. B. der Ackerschnecke) ist gewöhnlich noch ein Rest davon unter dem Mantel verborgen. Ein Schalendeckel, wie ihn viele Meeresschnecken tragen, fehlt allen L., dafür aber wird von manchen Arten vor der Periode des Winter- oder Sommerschlafs eine Kalkplatte zum vorübergehenden Verschluß des Gehäuses abgesondert. Die L. sind Zwitter; die Geschlechtsteile bestehen im wesentlichen aus der (Eier und Samen liefernden) Zwitterdrüse, einer oft mächtigen Eiweißdrüse, einer Samentasche für den bei der Begattung aufgenommenen Samen und dem Begattungsapparat. Ein in einer besondern Tasche aufbewahrtes, aber hervorstülpbares Kalkstäbchen, der Liebespfeil, dient als Reizorgan bei der Begattung. Nur wenige L. gebären lebendige Junge, die meisten legen ihre Eier in Schnüren oder einzeln ab. Die Entwickelung verläuft mit sehr geringer Metamorphose. Die L. leben von pflanzlichen und tierischen Stoffen, fressen sich zuweilen sogar gegenseitig auf. Man kennt über 6000 Arten. Von den im Wasser lebenden seien genannt Limnaeus (Schlammschnecke) und Planorbis (Tellerschnecke); von den Landbewohnern die nackten Arion (Wegschnecke) und Limax (Ackerschnecke), die beschalten Helix (Weinbergschnecke) und Achatina (Achatschnecke). Unter den fossilen L. (Pupa auf Tafel Meyers »Steinkohlenformation II«, Fig. 16, und auf »Diluvium I«, Fig. 5, Helix und Succinea auf »Diluvium I«, Fig. 6 u. 7, Planorbis auf »Tertiärformation I«, Fig. 5) ist Planorbis multiformis aus Steinheim berühmt geworden, da sie mit ihren allmählichen Übergängen zwischen den einzelnen Formen ein direktes Zeugnis für die Richtigkeit der Deszendenzlehre darstellt. Vgl. Stahl, Pflanzen und Schnecken (Jena 1888) und die Literatur im Artikel »Schnecken«.
 
Artikelverweis 
Lungenschrumpfung, soviel wie Lungenverhärtung.
 
Artikelverweis 
Lungenschwimmprobe, s. Meyers Lungenprobe.
 
Artikelverweis 
Lungenschwindsucht (Phthisis pulmonum), mit Zerstörung von Lungengewebe einhergehende Lungenerkrankungen, im engen Sinne die Tuberkulose

[Bd. 6, Sp. 853]


der Lungen, besonders die schweren Fälle und vorgeschrittenern Stadien dieses Leidens. Die L. beruht, wie die Tuberkulose andrer Organe, auf der Anwesenheit des von Koch 1882 entdeckten Tuberkelbazillus. Die von diesem ausgeschiedenen giftigen Stoffe wirken als Reiz auf die Gewebszellen, die sich in unmittelbarer Nähe der Bazillen lebhaft vermehren und mit den gleichzeitig sich ansammelnden, aus dem Blut stammenden Lymphzellen ein mikroskopisch kleines, zellreiches Häuschen oder Knötchen (tuberculum) bilden. Dies vergrößert sich allmählich, wird dem bloßen Auge deutlich sichtbar, verschmilzt mit benachbarten Knötchen zu größern Herden, die unter der Giftwirkung der Bazillen in der Mitte absterben, wobei sich eine gleichförmige schmierige oder krümelige, manchmal trockne käsige Masse bildet (Verkäsung). Sehr häufig gelangen nun gerade in der Lunge andre Bakterien, namentlich Streptokokken, in dieses kranke oder abgestorbene Gewebe (Mischinfektion) und beschleunigen oder verstärken den Zerfall der kranken Teile. Da diese bei einigermaßen größerer Ausdehnung mit den Bronchien stets in Verbindung stehen, so wird das zerfallende Material ausgehustet, und zuletzt entstehen größere Hohlräume (Kavernen), deren Wände von zerfallenden, eiterabsondernden Tuberkelmassen gebildet werden. Die L. beginnt aus nicht hinreichend erklärten Gründen fast immer in den Lungenspitzen als Lungenspitzenkatarrh (s. Meyers Lungenkatarrh).
   Wie der Tuberkelbazillus in den Körper, speziell in die Lungen gelangt, ist eine vielumstrittene Frage. Man nimmt an, daß es durch Einatmung geschieht, z. B. von Staub, in dem sich getrockneter, bazillenführender Auswurf von an L. leidenden Individuen befindet. Namentlich in schlecht gehaltenen Wohnungen lungenkranker Menschen ist dies oft der Fall. Auch der feinversprühte Auswurf hustender Kranker kann in die Lunge eingeatmet werden (Tröpfcheninfektion). Selten erfolgt die Aufnahme der Bazillen durch die Haut (bei Verletzungen); nach Behring ist vielleicht der häufigste Weg der Übertragung der durch die Schleimhäute des Magendarmkanals. Es können im Rachen von den Mandeln die Bazillen aufgenommen und den Lymphwegen zugeführt werden, besonders leicht aber soll die Infektion vom Darm aus erfolgen, da die Darmschleimhaut kleiner Kinder für Tuberkelbazillen sehr leicht durchdringbar sein soll, viel leichter als die der erwachsenen Menschen, und Behring nimmt daher an, daß die meisten Erkrankungen an L. auf Einwanderung von Tuberkelbazillen aus der Kuhmilch durch die Darmschleimhaut im kindlichen Lebensalter zurückzuführen sind. Kuhmilch enthält sehr häufig Tuberkelbazillen, da die Tuberkulose (Perlsucht) eine beim Rind sehr häufige Erkrankung ist. Behrings Ansicht steht gegenüber die Behauptung R. Kochs, daß die Tuberkulose des Rindes und die des Menschen zwei verschiedene, von der einen Gattung auf die andre nicht übertragbare Krankheiten sind, so daß der Genuß der Kuhmilch nicht geeignet ist, den Menschen, speziell das Kind zu infizieren. In die Lungen gelangen die Tuberkelbazillen schließlich auch durch Verschleppung von den Eintrittspforten mittels des Blut- oder des Lymphstromes.
   Ob bei der Entwickelung der L. eine angeborne Disposition begünstigend einwirkt, ist viel besprochen worden. Es hat sich eine solche bis jetzt nicht nachweisen lassen. Jedoch sind geschwächte Organismen (bei zehrenden Krankheiten, Zuckerharnruhr, chronischem Alkoholismus) sicher widerstandsunfähiger gegen die Infektion (erworbene Disposition), und Kinder tuberkulöser Eltern sind häufig von Geburt an schwächlich, so daß sie unter Umständen durch ihre angeborne Schwächlichkeit wie andern Krankheiten, so auch der L. leichter verfallen. Daß so häufig Kinder lungenkranker Eltern an L. erkranken, kommt daher, daß sie durch den Verkehr mit ihren kranken Eltern der Gefahr der Übertragung besonders ausgesetzt sind (Exposition im Gegensatz zu Disposition). Angeborne, d. h. auf die Welt mitgebrachte Tuberkulose ist äußerst selten, praktisch bedeutungslos.
   Die ersten Krankheitserscheinungen sind vielgestaltig und unbestimmt. Mattigkeit, Appetitlosigkeit sind häufig, Schmerzen fehlen meistens. Bald zeigen sich Husten, anfangs spärlicher, schleimiger oder schon eiterig aussehender Auswurf. In einer kleinern Zahl der Fälle zeigt sich die L. zuerst durch eine Lungenblutung an; kleinere oder größere, durch die Erkrankung angegriffene Blutgefäße bersten, so daß kleine, manchmal aber auch sehr reichliche Blutmengen ausgehustet werden. Die Untersuchung ergibt in diesem Stadium manchmal fast keinen Befund, in andern Fällen zeigt sich eine geringe Abschwächung des Klopfschalles über einer oder beiden Lungenspitzen, beim Behorchen spärliches Rasseln als Ausdruck des Katarrhs und Verschärfung des normalen weichen Atmungsgeräusches. Bei sorgfältiger Temperaturmessung findet man oft geringes abendliches Fieber. Der mikroskopische Nachweis von Tuberkelbazillen im Auswurf stellt das Vorhandensein einer Lungentuberkulose sicher; gelingt der Nachweis nicht, so ist sie damit jedoch keineswegs ausgeschlossen. Im weitern Verlauf nehmen Fieber, Auswurf und die hörbaren Veränderungen des Lungenbefundes zu, nächtliche Schweiße, die auch als Anfangserscheinung häufig sind, treten hinzu, es stellt sich Abmagerung ein. Die Erkrankung ergreift auch die untern Lungenlappen, führt in den obern zu ausgedehnten Verdichtungen, die dann dumpfen Klopfschall geben und scharf hauchendes bronchiales Atemgeräusch hören lassen. Es entstehen hier die oben beschriebenen Kavernen, der Auswurf wird in festen, fast luftleeren, eiterigen Ballen entleert. In diesen spätern Stadien magern die äußerst hinfälligen Kranken unaufhaltsam ab, das Fieber erreicht allnächtlich hohe Grade und sinkt gegen Morgen unter reichlichem erschöpfenden Schweißausbruch ab (hektisches Fieber). Komplikationen sind sehr häufig. Das Rippenfell erkrankt häufig mit (oft ein Frühsymptom); meistens handelt es sich um trockne, manchmal um exsudative (mit Ausschwitzung einer Flüssigkeit verbundene) Rippenfellentzündungen. Bricht bei vorgeschrittener L. eine Kaverne in die Brusthöhle durch, so entsteht durch Eindringen von Luft in diese ein Pneumothorax, wobei die Lunge mehr oder weniger zusammensinken und atmungsunfähig werden kann; oft sammelt sich dann Eiter neben der Luft in der Brusthöhle an (Pyopneumothorax). Sehr häufig begleitet Kehlkopftuberkulose die L., auch Darmtuberkulose. Tritt der Tod nicht durch gänzliche Erschöpfung ein, so macht oft eine Lungenblutung, eine Miliartuberkulose, tuberkulöse Gehirnhautentzündung oder eine andre Komplikation dem Leben ein Ende. Die Dauer des Verlaufs ist sehr verschieden; neben Fällen, die sich über viele Jahre mit zeitweiligem Stillstand oder geringen Besserungen hinziehen, gibt es äußerst rasche, in wenigen Monaten verlaufende (galoppierende L.).
   Zur Erkennung der L. dient die physikalische Untersuchung der Lungen. Ergibt diese, wie vielfach

[Bd. 6, Sp. 854]


im frühesten Stadium der Krankheit, kein klares Resultat, so kann durch mehrmalige Feststellung geringen Fiebers und vor allem durch mikroskopischen Nachweis von Tuberkelbazillen im Auswurf die Diagnose L. gestellt werden. Von großem Wert für die so wichtige Frühdiagnose kann das Tuberkulin (s. d.) sein.
   Die Verbreitung der L. in der Menschheit ist eine ungeheure. Fast alle Leichen Erwachsener enthalten Zeichen von abgeheilter oder latenter, d. h. abgekapselter und daher nicht krankmachender, Tuberkulose, soweit sie nicht von klinisch bemerkbarer Tuberkulose ergriffen sind. 1903 starben in Preußen 707,950 Personen, davon an L. 70,049. Auf 10,000 Lebende entfallen 19,64 Todesfälle an L. Die Sterblichkeit ist nach dem Lebensalter sehr verschieden. Von je 1000 Gestorbenen erlagen der L. im Alter unter 1 Jahr 10,9, im Alter von 15 Jahren 84,3, im Alter von 1560 Jahren 316 und über 60 Jahren 52,3. Großen Einfluß auf die Tuberkulosesterblichkeit hat auch der Wohnort. Von je 1000 Gestorbenen erlagen der L. im Alter von

Vgl. Krankheit, S. 592 (nebst Karte). Nach einer Statistik des Reichsversicherungsamtes über die Invaliditätsursachen in der Zeit von 189195 leiden von allen männlichen Arbeitern aus dem Bergbau und Hüttenwesen, Industrie und Bauwesen, die bis zum Alter von 30 Jahren invalid wurden, mehr als die Hälfte an L.; ebenso ungünstig ist das Verhältnis bei weiblichen Rentenempfängern der gleichen Berufsklassen im Alter von 2024 Jahren. Arbeiter der Land- und Forstwirtschaft werden zwar seltener durch L. invalid, doch entfallen auch hier immer noch 354 Tuberkulöse auf 1000 Rentenempfänger im Alter von 2024 Jahren. In der Gesamtheit der übrigen Berufe entfallen auf 1000 Invaliden im Alter von 20 bis 30 Jahren 450 tuberkulöse Männer und etwa 250 tuberkulöse Frauen. Von einzelnen Berufszweigen liefern besonders diejenigen mit Staubentwickelung in geschlossenen Räumen die meisten Lungenkranken (vgl. Staubeinatmungskrankheiten). Von 1000 Personen starben in Berufen ohne Staubentwickelung 2,39, in solchen mit Staubentwickelung 5,42.
   Nach der preußischen Statistik ist in diesem Staate die L. seit 1886 in der Abnahme begriffen. 1885/86 starben in Preußen von je 10,000 Lebenden 31 an Tuberkulose, 1902/03 nur 19. Dabei zeigt die Sterblichkeit an andern Lungenkrankheiten in den genannten Jahren eine Zunahme von 4 auf 10,000, und wenn man die Zahlen über die Abnahme der Tuberkulose wenigstens teilweise aus einer andern Registrierung der Todesfälle in neuester Zeit erklären möchte, so bleibt doch eine Abnahme der Tuberkulosesterblichkeit von 8 auf 10,000 unanfechtbar.
   Die Behandlung der L. verfügt nicht über spezifische Heilmittel, dagegen gibt es Medikamente, die zweifellos einen Heilungsprozeß günstig beeinflussen können, namentlich indem sie die Nahrungsaufnahme anregen und den Ernährungszustand verbessern. Hierher gehören das Kreosot und verwandte Mittel, Arsenpräparate, Eisen u. a. Die Versuche, durch Einspritzung zimtsaurer Salze (Hetol) in das Blut die natürlichen Heilungsprozesse zu befördern, gestatten noch kein abschließendes Urteil über den Wert dieses Heilverfahrens. In vorgeschrittenen Fällen muß sich die Behandlung auf Bekämpfung des Fiebers, Linderung von Husten, Schmerzen etc. beschränken. Viel Aufsehen hat seit 1890 Kochs Versuch erregt, die L. durch einen aus Tuberkelbazillen mittels Glyzerin ausgezogenen Stoff, das Tuberkulin, zu heilen. Einspritzung dieses Stoffes hat bei an L. erkrankten Individuen eine vorübergehende Fiebersteigerung und vorübergehende, unter Umständen der Heilung dienliche Entzündungserscheinungen in der Umgebung der Krankheitsherde zur Folge. Weder das genannte erste noch neuere Tuberkulinpräparate (T. R.) haben zwar die gehegten Erwartungen erfüllt, doch sind immerhin von mehreren Ärzten mit vorsichtigen und sorgsamen Tuberkulinkuren in mehreren Heilstätten, namentlich auch in hoch gelegenen Kurorten gute Resultate erzielt worden. Jedenfalls hat Kochs Tuberkulin einen ganz neuen Weg zur Heilung der Tuberkulose gewiesen, und man hat sich auch vielfach bemüht, ein spezifisches Serum gegen Tuberkulose zu finden. Diese Bemühungen, die L. durch Schutzimpfung zu bekämpfen, sind noch in den Anfängen begriffen. Möller hat eine spezifische Schutzimpfung versucht, indem er Menschen abgeschwächtes Tuberkelgift einverleibte, das durch Verimpfung von Tuberkelbazillen auf Blindschleichen gewonnen wurde. Behring hofft die L. im großen zu bekämpfen durch Schutzimpfung des tuberkulösen Rindviehes, wodurch er die Hauptquelle der L. anzugreifen glaubt. Auch können in der Milch immunisierter Kühe vielleicht Schutzstoffe für erkrankte Menschen gewonnen werden. Das gegenwärtig beste und allgemein herrschende Heilverfahren ist das von Brehmer (Görbersdorf) eingeführte hygienisch-diätetische. Man beabsichtigt dabei, die natürlichen Heilbestrebungen des Organismus zu unterstützen, indem man ihn unter die ihm zuträglichsten Bedingungen bringt und alle Schädlichkeiten ihm fernzuhalten versucht. Es handelt sich also darum, den Körper so gut wie irgend möglich zu nähren, den Atmungsorganen reine Wald- oder Gebirgsluft in reichem Maße zuzuführen, ferner ihn durch vorsichtige Abhärtung zu kräftigen und alle Anstrengungen fernzuhalten. Dies wird am vollkommensten erreicht in geschlossenen Lungenheilstätten (s. Meyers Heilstätten und Meyers Krankenhäuser), die man vorteilhaft in waldreicher Gegend im Flachland oder im Hochgebirge einrichtet. Die Anstalten müssen unter Leitung besonders geschulter Ärzte stehen; meistens befinden sich an ihrer vor Wind geschützten Südseite nach vorn offene Liegehallen, in denen die Kranken, je nach Witterung und Jahreszeit, warm gekleidet auf Liegefesseln ruhend, den größten Teil des Tages freie Luft genießen. Zu dieser Kur ist der Winter nicht weniger geeignet als der Sommer. Die geringste Dauer einer Kur beträgt ca. ein Vierteljahr. Deutschland besitzt nach einer Zusammenstellung des Deutschen Zentralkomitees 32 Privatheilanstalten für Lungenkranke. Die Privatanstalten verfügen über etwa 2000 Betten, die Heilstätten Ende 1904 über 6500 Betten (1896: 750 und 1900: 3700). Die Kosten betragen in den Heilstätten etwa 5000 Mk. für ein Bett. In den Heilstätten werden vorzugsweise nur Kranke mit noch nicht zu weit vorgeschrittener L. aufgenommen. Für Sieche sind besondere Pflegeheime und Asyle herzurichten, damit sie nicht auf die noch heilbaren Kranken einen ungünstigen psychischen Einfluß ausüben. Eine Übersicht der Volksheilstätten für Erwachsene und der Kinderheilstätten im Frühjahr 1905 gibt folgende, dem letzten Geschäftsbericht des deutschen Zentralkomitees entnommene Zusammenstellung:

[Bd. 6, Sp. 855]


[Bd. 6, Sp. 856]


Zur Unterstützung der Heilstätten dienen Walderholungsstätten (in Deutschland 30), in denen sich die Kranken tagsüber aufhalten. Sie liegen in der Nähe der Städte und werden zum Teil auch im Winter betrieben. Ihnen entsprechen die Waldschulen, in denen tuberkulöse Kinder unterrichtet werden. In den letzten acht Jahren sind 83,213 Personen in Heilstätten behandelt worden. Der erzielte Erfolg läßt nach der Entlassung erheblich nach, aber noch fünf Jahre nach dem Verlassen der Heilstätte sind ungefähr 30 Proz. der Behandelten noch so weit gebessert, daß bei ihnen die Invalidität in absehbarer Zeit nicht zu erwarten ist. Sie sind also sozial geheilt. In den letzten acht Jahren sind etwa 25,000 schwindsüchtige Kassenkranke durch Heilstättenbehandlung sozial geheilt worden.
   Während von manchen Seiten gewissen Klimaten, namentlich dem Hochgebirgsklima, dem Seeklima und südlichen Klimaten, besondere, untereinander wesentlich verschiedene Einwirkungen auf die L. zugeschrieben werden, werden solche von andrer Seite bestritten. Allerdings hat ein im allgemeinen günstiges Klima (d. h. günstige Wärme-, Feuchtigkeits-, Niederschlags- und Windverhältnisse, Reinheit der Luft) Vorzüge vor ungeeigneten Gegenden; doch kann eine allgemein gültige Überlegenheit eines bestimmten Klimas nicht behauptet werden. Kaltes Klima bedingt stärkern Appetit, stärkern Stoffwechsel und wirkt, namentlich bei verdünnter trockner Luft, anregend auf kräftige Kranke, auf schwächliche fiebernde Personen dagegen oft nachteilig. Hohe Wärmegrade werden oft schlecht vertragen, jedoch sind im Winter südliche Orte durch größere Wärme und reichere Gelegenheit zum Aufenthalt im Freien vorteilhaft. Namentlich der letztere Umstand bewirkt eine gewisse, aber vielfach überschätzte Überlegenheit südlicher Kurorte bei der Behandlung der L. Feuchtigkeit der Luft erleichtert den Auswurf, Trockenheit soll ihn einschränken, vermehrt aber oft den Hustenreiz. Reichliche Niederschläge und geringere Besonnung beeinträchtigen den Aufenthalt im Freien; jedoch bewirkt Regen Luftreinigung.
   Hochgebirgskurorte (über 1400 m) wirken anregend auf Appetit und Stoffwechsel und sind kräftigen Patienten förderlich. Ob die im Hochgebirge eintretende Vermehrung der Blutkörperchen von wesentlichem Vorteil ist, muß noch unentschieden bleiben. Von Hochgebirgskurorten seien hier genannt: Davos und Arosa in Graubünden, St. Moritz, Pontresina

[Bd. 6, Sp. 857]


im Oberengadin, verschiedene Orte im Berner Oberland und eine Anzahl von Kurorten in den Anden (Südamerika), Rocky Mountains (Nordamerika) und im Himalaja. In den letztgenannten Gebirgen werden Höhen von 20003000 m erreicht. Die Statistiken der Heilstätten ergeben für die Kurorte des Mittelgebirges (7001400 m), des Niedergebirges (unter 700) und des Flachlandes bei sonst günstigen Bedingungen nicht wesentlich geringere Heilungsaussichten wie bei den Hochgebirgskurorten. Den im Vergleich zum Klima wichtigern Forderungen der Luftreinheit, der zweckmäßigen Ernährung und Freiluftbehandlung kann auch hier Genüge geschehen, wenn auch Kälte, Nebel und Winde, namentlich in nördlichen Breiten, die Freiluftkur erschweren können. Im einzelnen sind die Klimate der genannten Höhenlagen sehr verschieden. Durch milde Temperatur und abgeschlossene windstille Lage zeichnen sich Gebirgstäler (Bozen-Gries, Meran, Reichenhall) aus. Bei den zahlreichen Heilstätten der norddeutschen Tiefebene und der deutschen Mittelgebirge ist Windstille durch geeignete Lage im Schutz von Höhenzügen oder ausgedehnten Wäldern ermöglicht, letztere gewährleisten auch Reinheit der Luft. Größere Binnenseen verleihen den an solchen gelegenen Kurorten (Gardone-Riviera, Arco, Lugano) gleichmäßige Temperatur und größere Luftfeuchtigkeit. Das Wüstenklima (Heluan bei Kairo) kennzeichnet sich durch trockne, sehr warme und reine Luft; für die übrigen Heilungsbedingungen ist vielfach noch unzulänglich vorgesorgt. Außer den genannten Kurorten seien noch angeführt: im Mittelgebirge: St. Blasien (Schwarzwald), Reiboldsgrün (sächs. Vogtland), Partenkirchen (Oberbayern), Les Avants-sur-Montreux (Schweiz); im Niedergebirge: Görbersdorf in Schlesien, Falkenstein im Taunus, St. Andreasberg im Harz. Das Küsten- und Inselklima zeichnet sich aus durch geringe Schwankungen der Temperatur, Reinheit der Luft, Beimengung von Kochsalz, gleichmäßige Luftströmungen. Für nicht ganz leicht Erkrankte kommen vorwiegend die südlichen Küstenkurorte in Betracht, oder solche, die wie die Kurorte der Insel Wight und der englischen Südküste höhere Temperaturen aufweisen. Die Kureinrichtungen der meisten Küstenkurorte am Mittelländischen Meer stehen denen der Gebirgskurorte zurzeit noch nach; doch werden hierin Fortschritte angebahnt. Feuchtes Seeklima haben unter anderm: Madeira, Tenerife, die Kanarischen Inseln; mittelfeuchtes die Riviera di Levante (Spezia, Rapallo, Nervi), Ajaccio auf Korsika, Abbazia, Korfu; relativ trocknes die Riviera di Ponente (Cannes, Nizza, Mentone, San Remo), Capri, Malaga, Kapstadt.
   Reines Seeklima findet sich nur auf kleinen, von großen Meeresflächen umgebenen Inseln (wie Madeira). Man hat seine Vorzüge, bestehend in äußerst gleichmäßiger Temperatur und Luftfeuchtigkeit, verbunden mit größter Reinheit der Luft, durch längere Seereisen auszunutzen versucht. Jedoch ist nur bei lange dauernden, mit allem Komfort ausgestatteten und darum sehr kostspieligen Reisen ein guter Heilerfolg zu erwarten, wenigstens bei nicht ganz leichten Fällen. Die Verwendung von eignen Schiffsanatorien, d. h. vortrefflich ausgestatteten, nur zur Aufnahme von Kranken dienenden Schiffen, die sich in günstigen Meeresgegenden bewegen, verspricht eine vorteilhafte, aber durch große Kosten erschwerte Behandlungsart der L. zu werden. Vgl. Lehmann-Felskowski, Die hohe See als Luftkurort (Berl. 1901).
   Höchst wichtig ist die möglichst frühzeitige Erkennung von Erkrankungsfällen, da das Frühstadium günstigere Heilungsaussichten bietet und durch frühzeitig getroffene hygienische Maßregeln der Weiterverbreitung des Leidens durch Ansteckung am erfolgreichsten entgegengetreten wird. Die Frühdiagnose wird erleichtert durch die in einer Reihe deutscher Städte bereits getroffene Einrichtung besonderer Polikliniken für Lungenkranke (in Frankreich und Belgien unter dem Namen dispensaires antituberculeux), die unentgeltlich mit allen Hilfsmitteln der Wissenschaft die Anfänge der L. zu erkennen ermöglichen.
   In der neuesten Zeit ist der Bekämpfung der L. das größte Interesse entgegengebracht worden. In den Bestrebungen, die schon jetzt sehr günstige Erfolge erzielt haben, ging man von der Tatsache aus, daß die L. eine ansteckende Krankheit, und daß sie heilbar ist. Deutschland besitzt 32 Privatheilanstalten, von denen die von Brehmer in Görbersdorf 1854 gegründete und Falkenstein im Taunus (gegründet 1876) durch ihre Erfolge früh Aufsehen erregten. Die erste Volksheilstätte für Lungenkranke wurde auf Anregung Dettweilers 1895 in Ruppertshain bei Falkenstein errichtet, dann entstand hauptsächlich durch Leydens u. a. Tätigkeit eine Bewegung für die Errichtung von Volksheilstätten, die bald alle Kreise und Berufsstände ergriff und sich auch auf die Behörden übertrug. Es wurden zahlreiche Tuberkulosevereine gegründet, und viele andre Vereine stellten ihre Tätigkeit in mehr oder weniger bewußter Weise in den Dienst der Tuberkulosebekämpfung. 1895 bildete sich in Berlin das Deutsche Zentralkomitee zur Errichtung von Heilstätten für Lungenkranke, welches den Zweck verfolgt, im Gebiete des Reiches die für die Bekämpfung der Tuberkulose als Volkskrankheit geeigneten Maßnahmen anzuregen und zu fördern. 1899 trat der erste deutsche Tuberkulosekongreß in Berlin zusammen, und 1902 wurde ein Internationales Zentralbureau zur Bekämpfung der Tuberkulose mit dem Sitz in Berlin ins Leben gerufen, dem bis jetzt 21 Staaten angehören. Im Herbst 1905 wurde in Paris ein Internationaler Tuberkulosekongreß abgehalten.
   Die deutsche Heilstättenbewegung zu ihrer jetzigen Höhe zu entwickeln, wäre nicht möglich gewesen ohne das Eintreten der staatlichen Versicherungsanstalten, besonders ohne die von Gebhardt inaugurierte vorbeugende Behandlung durch die Invaliditätsversicherung. Diese sah sich vor die Aufgabe gestellt, den unheilvollen Verwüstungen der Tuberkulose durch geeignete Maßnahmen der Krankenfürsorge ein Ziel zu setzen, und so ist es gekommen, daß die Invaliditätsversicherung seit 1895 die Hauptstütze der Tuberkulosebewegung in Deutschland geworden ist. Es wurden wegen L. in ständige Heilbehandlung genommen:

In den einzelnen Jahren entfallen auf einen behandelten tuberkulösen Mann durchschnittlich 7275 und auf eine Frau 7987 Verpflegtage. Die Gesamtausgabe für Tuberkulöse hat sich in der gleichen Zeit auf mehr als 35 Mill. Mk. belaufen, und zwar berechnet sich der Kostenaufwand im einzelnen wie folgt (in Mark):

[Bd. 6, Sp. 858]


Die Invaliditätsversicherung hat bis Ende 1904 hygienische Wohlfahrtsbestrebungen von Gemeinden u. Vereinen unter Sicherung von Vorteilen für die Versicherten mit 178 Mill. Mk. unterstützt und 33 Mill. Mk. für Errichtung und Betrieb eigner Heilanstalten verwendet.
   Die Armee sucht Lungenkranke möglichst fernzuhalten; sie trifft, abgesehen von allgemeinen hygienischen Einrichtungen, Fürsorge zur Verhütung von Lungenerkrankungen namentlich auch durch Benutzung von 13 Genesungsheimen nach dem Ablauf andrer Krankheiten. Unter geeigneten Umständen werden Lungenkranke außergewöhnlichen Heilverfahren unterworfen. Die Armee besitzt eigne Kuranstalten für Offiziere u. Mannschaften in Wiesbaden, Landeck, Teplitz, Driburg, Nauheim und Norderney, sie schickt auch Heeresangehörige in Lungenheilstätten. Im Anschluß an geeignete Garnisonlazarette sind in München und Detmold besondere Stationen für Tuberkulöse eingerichtet, solche Stationen sind in Münden und Saarbrücken im Bau und für andre Orte geplant. Für Offiziere und Sanitätsoffiziere mit beginnender Lungentuberkulose besteht ein Genesungsheim in Arco. Längere Sonderkuren sind zulässig, wenn die Kranken nach Grad und Art ihres Leidens wie nach ihrem Gesamtzustand begründete Hoffnung auf erheblichen und anhaltenden Kurerfolg gewähren. Grundsätzlich sollen an Tuberkulose erkrankte Heeresangehörige aus dem aktiven Dienst ausscheiden.
   Am wichtigsten bei der Bekämpfung der L. ist die Verhütung. Vor allem ist für durchgreifende Verbesserung der Wohnungsverhältnisse und für Hebung der allgemeinen Lebenshaltung (gute Ernährung) der ärmern Volksschichten zu sorgen. Unumgänglich nötig ist gemeinverständliche Belehrung weiter Volkskreise über das Wesen und die Entstehung der L., die Erziehung der Massen für den Abwehrgedanken. Es ist von großer Bedeutung, daß die Heilstätten als hygienische Erziehungsanstalten wirken. Der Auswurf der Kranken erfordert die größte Beachtung. Die Kranken müssen beim Husten die Hand vor den Mund halten, den Auswurf in eine Speiflasche entleeren, sie dürfen die Angehörigen nicht auf den Mund küssen, nicht mit Gesunden in demselben Bett schlafen, eignes Eß- und Trinkgeschirr und eigne, stets gut zu desinfizierende Wäsche benutzen. Am besten werden die Kranken in einem eignen Zimmer möglichst von der Familie isoliert. In dem Zimmer sollen alle Staubfänger vermieden werden. Der gesammelte Auswurf ist mit Sublimat, Karbolsäure oder Lysol zu desinfizieren, besser zu verbrennen (Speigefäße aus Karton, die am Abend ins Feuer geworfen werden). Niemals darf der Auswurf auf den Fußboden gespien werden, weil er eintrocknet, durch die Füße zerrieben und als Staub eingeatmet werden würde. Auch an öffentlichen Orten, in Schulen, Gefängnissen, Eisenbahnwagen ist vor dem Ausspeien auf den Boden zu warnen. Nach Todesfällen sind die Wohnung, Kleidung, Betten gründlich zu desinfizieren. Bei der großen Bedeutung, die der Übertragung von Tuberkulose des Rindes auf den Menschen vermittelst der Milch zuzukommen scheint, muß eine genaue behördliche Kontrolle der Rindviehbestände und der Milch angestrebt werden. Die Zerstörung der Tuberkelbazillen in der Milch durch Kochen ist namentlich für das so empfängliche Kindesalter unumgänglich erforderlich. Zur Feststellung der Diagnose bei Unbemittelten sowie zu ihrer spezifischen Behandlung sind seit 1899 in mehreren Städten besondere Polikliniken (zurzeit etwa 18) eingerichtet worden, auch sind Auskunfts- und Fürsorgestellen geschaffen worden, die besonders den Kranken in der Familie sich widmen, sie durch einen Fürsorgearzt unentgeltlich untersuchen lassen, eine Fürsorgeschwester in die Familie des Kranken schicken, auch ein Zimmer zur Wohnung hinzu mieten, um den Kranken möglichst zu isolieren. Die Tätigkeit der Tuberkulosevereine ist naturgemäß ebenfalls in erster Linie auf die Verhütung der L. gerichtet. Sie gliedert sich dementsprechend in Ermittelung der Kranken (Anzeigepflicht, freiwillige Meldung, Aufsuchen der Kranken), Vernichtung der von ihnen verstreuten Krankheitskeime und Absonderung der Kranken von der gesunden Umgebung, solange sie noch Krankheitskeime nach außen befördern.
   Geschichtliches. Wie wir durch Hippokrates wissen, zeigte die L. im Altertum wesentlich denselben Charakter wie heute. Aristoteles spricht von Ansteckung durch den Atem der Kranken, und auch Galen betrachtete die L. als ansteckende Krankheit. Man behandelte sie mit guter Ernährung, reiner Luft und Arzneimitteln, Celsus empfahl Seeluft, Plinius Nadelwald, Galen Gebirgsklima mit Milchkur. Im Mittelalter wurden keinerlei Fortschritte gemacht. Im 17. und 18. Jahrh. wurden in Spanien und Italien die Ärzte durch Gesetze zur Anzeige von Schwindsuchtsfällen bei den Sanitätsbehörden verpflichtet, die weitere Benutzung der Sachen an L. Verstorbener wurde verboten, und die Beseitigung des Auswurfs und Desinfektion der Wohnungen empfohlen. 1761 veröffentlichte Auenbrugger seine Arbeit über die Perkussion, und 1819 fügte Laennec die Auskultation hinzu. Über die Natur der Tuberkeln und über die Verkäsung gab Virchow Aufschlüsse, und Villemin zeigte 1865, daß die Tuberkulose durch Impfung mit Auswurf etc. übertragen werden kann. 1882 entdeckte Koch den Tuberkelbazillus und stellte damit die Lehre von der L. auf sichern Boden. Sein Tuberkulin zeigte den Weg, auf dem bessere Erfolge als bisher zu erzielen sein mögen. Für die Behandlung der L. war Brehmers hygienisch-diätetische Anstaltsbehandlung, die Dettweiler durch die Einführung der Liegekur erweiterte, dann aber auch die deutsche soziale Gesetzgebung epochemachend.
   Vgl. Brehmer, Die Ätiologie der chronischen L. (Berl. 1885) und Die Therapie der chronischen L. (2. Aufl., Wiesbad. 1889), beide Werke in verkürzter Form mit Anmerkungen in einem Band herausgegeben von Petri (Berl. 1902); Fromm, Die klimatische Behandlung der L. (Braunschw. 1887); Rühle, Die L. und die akute Miliartuberkulose (in Ziemssens »Handbuch der speziellen Pathologie und Therapie«, 3. Aufl., Leipz. 1887); Cornet, Wie schützt man sich gegen Schwindsucht? (2. Aufl., Hamb. 1890) u. Die Tuberkulose (in Nothnagels »Spezieller Pathologie und Therapie«, Wien 1896); R. Koch, Heilmittel gegen die Tuberkulose (Leipz. 1891), Über neue Tuberkulinpräparate (das. 1897); »Die Bekämpfung der Schwindsucht durch Heilstätten für Lungenkranke«, Denkschrift (Berl. 1899); Kley, Die Schwindsucht im Lichte der Statistik und Sozialpolitik (Leipz. 1898); Behring, Römer und Ruppel, Tuberkulose (Marb. 1902); »Tuberkulose-Arbeiten aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamt« (Berl., seit 1904); »Bericht über den Kongreß zur Bekämpfung der Tuberkulose als Volkskrankheit« (das. 1899); »Verhandlungen der ständigen Tuberkulosekommission der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte« (hrsg. von Hüppe, das., seit 1900); »Zeitschrift für

[Bd. 6, Sp. 859]


Tuberkulose und Heilstättenwesen« (Leipz., seit 1900); »Tuberculosis. Monatsschrift des internationalen Zentralbureaus zur Bekämpfung der Tuberkulose« (das., seit 1903); »Geschäftsberichte für die Generalversammlung des Zentralkomitees zur Errichtung von Heilstätten für Lungenkranke« (Berl.).
 
Artikelverweis 
Lungenseuche, eine dem Rind eigentümliche ansteckende kruppöse Lungen-Brustfellentzündung, die am Ende des 17. Jahrh. zuerst auftrat, im 18. Aufsehen erregte und sich dann infolge des gesteigerten Viehverkehrs allgemein verbreitete. Sie hat im 19. Jahrh. sehr große Verluste bedingt, ist seit zehn Jahren jedoch durch zweckmäßige veterinärpolizeiliche Maßnahmen sehr eingeschränkt und in England, Holland, Belgien, Österreich (nicht Ungarn), neuerdings auch in Deutschland so gut wie ganz ausgerottet. Daß die L. eine echte kontagiöse Krankheit sei, hatte man schon 1860 erwiesen, aber erst 1899 fanden Nocard und Roux eine Methode, den Krankheitserreger zu kultivieren, indem sie Serum aus kranken Lungen in seinen Kollodiumsäckchen lebenden Kaninchen in die Bauchhöhle einnähten. Von den Körpersäften des seinerseits nicht erkrankenden Kaninchens ernährt, wächst in dem Inhalt jener Säckchen eine Reinkultur des Lungenseuche-Kontagiums, das sich nur bei 2000facher Vergrößerung in Form glänzender Pünktchen erkennen und auch erfolgreich auf Rinder überimpfen läßt. Unter natürlichen Verhältnissen entsteht die L. nur durch Übertragung vom kranken Tier auf gesunde, teils direkt, teils durch Zwischenträger. Der Ansteckungsstoff findet sich in der Ausatmungsluft und wird namentlich durch die Luft, selbst auf einige Entfernung, übertragen, kann sich auch an infizierten Plätzen monatelang wirksam erhalten. Die Ausbreitung, welche die L. in einem Bestand erlangt, ist sehr ungleich; oft erkranken wenige Tiere in längern Zwischenzeiten, oft binnen kurzem 80 Proz. Genesene Tiere sind in der Regel gegen fernere Ansteckung geschützt, können übrigens unmerklich alte abgekapselte Krankheitsherde (Sequester) in der Lunge haben und dann ihrerseits gesunde Rinder anstecken. Seit die Tierseuchenbekämpfung gesetzlich geregelt ist, werden überall die an L. erkrankten oder dessen verdächtige Rinder getötet. In Österreich (auch England und Holland) werden, was noch wirksamer ist, nach Ausbruch der L. in einem Stalle sämtliche Insassen, ob gesund oder krank, geschlachtet. Da das Fleisch verwertet wird, sind die Kosten des Verfahrens nicht allzu erheblich. Die Krankheitserscheinungen beginnen etwa vier Wochen nach der Ansteckung, entwickeln sich langsam und sind wenig auffällig; doch ist in diesem ersten Stadium bereits Fieber nachweisbar (Temperatur bis 40°). Die Krankheit kann so verlaufen und in Genesung übergehen, ohne daß sie offenkundig wird (»heimliches Durchseuchen«). In den meisten Fällen schließt sich aber dem ersten, oft mehrere Wochen dauernden Stadium ein zweites an, das neben hohem Fieber, Appetitlosigkeit und Mattigkeit vor allem deutliche Symptome der örtlichen Erkrankung der Lungen: Husten (schmerzhaft, kurz abgebrochen), Atembeschleunigung und -Beschwerde, Nüsternspiel, auch wohl Stöhnen (bei schwerer Brustfellentzündung) bewirkt. Die tierärztliche Untersuchung ergibt ausgebreitete Verdichtung und Luftleere der Lunge. Bisweilen erzeugt die L. sogleich schwere Symptome und kann auch schon 14 Tage nach der Ansteckung ausbrechen. Vor Einführung der Zwangstötung belief sich die Zahl der Todesfälle auf etwa 4050 Proz. der Erkrankten. Die krankhaften Veränderungen in den Lungen sind sehr charakteristisch. Die frisch erkrankten Lungenläppchen sind dunkel kirschrot, das zwischen ihnen befindliche Bindegewebe bildet 48 mm breite weißliche, mit Flüssigkeit angefüllte Streifen, so daß die Lunge wie marmoriert aussieht; ältere Krankheitsherde sehen blasser aus. Als die L. noch stark verbreitet und die veterinärpolizeiliche Bekämpfung noch nicht allgemein wirksam geworden war, suchte man die Rinderbestände durch eine Lungenseuche-Impfung vor Ansteckung zu schützen. Dieselbe wurde 1851 von dem holländischen Tierarzt Willems in Hasselt erfunden. Der wirksame Impfstoff (Lymphe) wird erhalten in der Flüssigkeit, die aus frisch erkrankten Lungenteilen der wegen L. geschlachteten Rinder abtropft, ist im erkalteten Zustand möglichst sofort zu verwenden und auch bei geeignetem Konservierungsverfahren höchstens drei Wochen haltbar. Hiernach war die Schwierigkeit, geeigneten Impfstoff bereit zu halten, ein Haupthindernis der allgemeinen Anwendung der Impfung geworden. Von geimpften Tieren wieder brauchbare Lymphe zu gewinnen, ist nicht gelungen. Bei der Impfung wurden 0,51 g Lymphe unter die Haut in der Nähe der Schwanzspitze übertragen, wo eine eigenartige Impfentzündung entstand, die übrigens oft Absterben eines Schwanzteils und sogar schlimmere Komplikationen im Gefolge hatte. Anderseits blieb bei 1520 Proz. der Impflinge die Impfreaktion aus und die Impfung mußte wiederholt werden. Die gelungene Impfung schützte jedoch mehrere Jahre gegen die L. In Deutschland wurde sie bis in die neueste Zeit namentlich in der Provinz Sachsen, wo die L. ihren Hauptherd hatte, ausgeführt (auf Grund einer gesetzlichen Befugnis). Gegenwärtig hat die Impfung jede Bedeutung verloren angesichts der Möglichkeit, die L. mit veterinärpolizeilichen Maßregeln (s. auch Meyers Veterinärpolizei) auszurotten. In Deutschland sind durch das Reichsgesetz zur Abwehr und Unterdrückung der Viehseuchen vom 23. Juni 1880 im wesentlichen folgende Maßregeln angeordnet: Verpflichtung zur Anzeige verdächtiger Erkrankung, Untersuchung durch den beamteten Tierarzt. Nach Feststellung der L. durch jenen Gehöftsperre für alle auf dem Gehöft befindlichen Rinder; alle offensichtlich kranken werden geschlachtet (zur Entschädigung der Verluste besteht eine Art Zwangsversicherung in Provinzial- etc. Verbänden), alle seuchenverdächtigen (d. h. mit verdächtigen Erscheinungen behafteten) werden abgesondert und stehen unter Stallsperre. Alle übrigen anscheinend noch gesunden Rinder gelten als ansteckungsverdächtig. Sie dürfen das Gehöft nur mit polizeilicher Erlaubnis und unter besondern Vorsichtsmaßregeln verlassen und zwar entweder zur Abschlachtung oder zur Feldarbeit, wenn jede Ansteckung fremder Rinder ausgeschlossen werden kann. Die Gehöftsperre wird erst aufgehoben, wenn 6 Monate nach der letzten Erkrankung verflossen sind, oder sobald der Besitzer den ganzen Bestand seinerseits hat abschlachten lassen, was er oft den großen Nachteilen der langen Sperre vorzieht. Da die alsbaldige Abschlachtung auch jede Weiterverbreitung der L. am besten verhütet, so sollte sie gesetzlich vorgeschrieben und auf öffentliche Kosten ausgeführt werden. In Deutschland belief sich die Zahl der wegen L. getöteten Rinder in den 14 Jahren 188699 auf 27,141 oder jährlich im Durchschnitt 1938. Die dafür durch Zwangsversicherung aufzubringende Entschädigungssumme betrug 4,25 Mill. 1899 mußten noch 2030 Rinder getötet werden. Seitdem ist die Unterdrückung in dem ständigen Seuchengebiet der Provinz Sachsen und der angrenzenden

[Bd. 6, Sp. 860]


Landesteile gelungen. Im Jahre 1900 betrug die Zahl der getöteten Rinder noch 1298, 1901 nur 998. In den Jahren 1902 und 1903 ist die L. nur noch in einzelnen Gehöften aufgetreten. Die sogen. schwarze L. in Deutsch-Südwestafrika soll eine schwere Form der L., nach andern jedoch eine besondere Krankheit (s. Meyers Heartwater) sein.
 
Artikelverweis 
Lungenspitzenkatarrh, s. Meyers Lungenkatarrh.
 
Artikelverweis 
Lungensteine (Bronchialsteine), steinharte Massen, die man in den feinern Bronchien oder in käsigen Herden in den Lungen Schwindsüchtiger findet. Sie entstehen dadurch, daß ein von Haus aus dickes Sekret durch Abscheidung von Cholesterin und Kalksalzen sich in eine steinartige Masse umwandelt.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort:
 
  

 

Artikel 81 bis 90 von 183 Nächste Treffer Vorherige Treffer
81) Johann
 ... krönte Karl den Kahlen ungeachtet der Ansprüche der deutschen Karolinger Weihnachten 876 zum Kaiser, offenbar mit dem Anspruch, über die Kaiserkrone
 
82) Johannisfest
 ... Johannistag, Johannisnacht ), das von der abendländischen Kirche früh dem Weihnachtsfest gegenübergestellte Geburtsfest Johannis des Täufers (24. Juni), kirchlich jetzt meist
 
83) Jūlfest
 ... Julbrot etc., an das alte heidnische Fest (s. Weihnachten ). Vgl. Bilfinger , Das germanische J. (Stuttg.
 ... Gelübde abzulegen. An die Stelle des Julfestes trat später unser Weihnachtsfest; aber noch heute erinnern im skandinavischen Norden sowie im frühern
 ... die Namen verschiedener Gebräuche und Gerichte, wie der Julklapp (Weihnachtsgeschenk, das vom Geber heimlich, aber mit lautem Schall ins Haus
 
84) Jundt
 ... lebe Frankreich!, die französischen Internierten verlassen die Schweiz und der Weihnachtsbaum. Jundts Arbeiten atmen Poesie, Natürlichkeit und Humor. Auch als Karikaturenzeichner
 
85) Kalender
 ... Januar, Epiphanias 6. Januar, Johannis 24. Juni, Michaelis 29. September, Weihnachten 25. Dezember, teils beweglich. Die beweglichen Feste richten sich sämtlich
 
86) Karageorgiević
 ... Alexander 23), der vom 14. Sept. 1842 bis Weihnachten 1858 Fürst von Serbien war, und Michael, der 1875 eine
 
87) Karl
 ... die Großen um sich, hier feierte er am liebsten das Weihnachtsfest (19 mal in Aachen, nur 6 mal in Gallien). Stets
 ... Herrschaft brachte endlich die Tatsache zum Ausdruck, daß ihm am Weihnachtstage (25. Dez.) 800 Leo III. in der Peterskirche zu Rom
 
88) Kinderlieder
 ... Gebiet. Luther z. B. dichtete »ein sein Kinderlied, auf die Weihnacht zu singen« (»Vom Himmel hoch, da komm' ich her« etc.);
 
89) Kirchenjahr
 ... - und Festtage. Das K. mit seinen drei Festzyklen, dem Weihnachts - , Oster - und Pfingstfestkreis, beginnt, unabhängig vom bürgerlichen
 
90) Knecht
 ... zottiger Kleidung, mit einer Rute und einem Sack versehen, vor Weihnachten den Kindern erscheint und den ungehorsamen mit Schlägen droht, den
 
Artikel 81 bis 90 von 183 Nächste Treffer Vorherige Treffer