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Lueger bis Luft, komprimierte (Bd. 6, Sp. 795 bis 798)
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Artikelverweis Lueger (spr. lū-ĕger), 1) Otto, Ingenieur, geb. 13. Okt. 1843 in Thengen (Baden), studierte am Polytechnikum in Karlsruhe, arbeitete seit 1866 an den Wasserwerken daselbst, seit 1871 an der Frankfurter Quellwasserleitung und wurde 1874 Vorstand des Tiefbauamts in Freiburg i. Br. Seit 1878 lebte er als Zivilingenieur und beschäftigte sich mit Wasserversorgungs-, Kanalisationsarbeiten etc. 1895 wurde er außerordentlicher, 1903 ordentlicher Professor des Wasserbaues an der Technischen Hochschule in Stuttgart. Er schrieb: »Die Brunnenleitung der Stadt Freiburg« (Freib. 1879); »Theorie der Bewegung des Grundwassers in den Alluvionen der Flußgebiete« (Stuttg. 1883); »Die Wasserversorgung der Stadt Lahr« (Lahr 1884); »Die Wasserversorgung der Städte« (Darmst. 189095); »Wasserversorgung der Gebäude« (in Durms »Handbuch der Architektur«, das. 1890); auch gab er heraus: »Lexikon der gesamten Technik und ihrer Hilfswissenschaften« (Stuttg. 189499, 7 Bde.; 2. Aufl. 1904 ff.).
   2) Karl, österreich. Politiker, geb. 24. Okt. 1844 in Wien, studierte die Rechte und ward 1874 Advokat daselbst. Seit 1875 Mitglied des Wiener Gemeinderats, spielte er zunächst als Demokrat, später als Antisemit eine Rolle und bekämpfte dann die liberale Verfassungspartei. Als Vorkämpfer der antisemitischen Bewegung wurde er im fünften Wiener Bezirk 1885 und 1891 in das Abgeordnetenhaus gewählt, wo er, wie im niederösterreichischen Landtage, dem er seit 1890 angehört, als Wortführer der Antisemiten auftrat. Sein Hauptziel war der Sturz der liberalen Gemeinderatsmehrheit und die Erlangung des Bürgermeisteramtes. Schon im Mai 1895 wurde er Vizebürgermeister, nachdem der nur mit kleiner Mehrheit gewählte liberale erste Vizebürgermeister Richter die Wahl ablehnte. Da auch der Bürgermeister Grübl sein Amt niederlegte, erhielt bei der Neuwahl 29. Mai L. die gesetzliche Mindestziffer von 70 Stimmen, nahm aber die Wahl nicht an, und da daraufhin der Gemeinderat aufgelöst und ein Regierungsvertreter eingesetzt wurde, erlosch auch sein Mandat als Vizebürgermeister. Durch eine unermüdliche Agitation im Bunde mit den Klerikalen und deutschnationalen Antisemiten erreichte er, daß die Gemeinderatswahlen im September 1895 eine überwiegende antisemitische Mehrheit ergaben, worauf er 29. Okt. mit 93 Stimmen zum Bürgermeister gewählt wurde; doch verweigerte ihm der Kaiser die Bestätigung. Und als der Gemeinderat ihn 13. Nov. von neuem wählte, erfolgte dessen Auflösung mit Einsetzung eines Regierungskommissars. Die Krise fand ihre Lösung, als L. nach abermaliger Wahl zum Bürgermeister (18. April 1896) und einer Audienz beim Kaiser (27. April) freiwillig auf die Würde verzichtete, worauf 6. Mai die Wahl Strobachs zum Bürgermeister und Luegers zum ersten Vizebürgermeister anstandslos erfolgte. Am 8. April 1897 wurde er dann zum Bürgermeister gewählt und vom Kaiser bestätigt. Vgl. Tomola, Unser Bürgermeister Dr. Carl L., Festschrift (Wien 1904).
 
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Luegg (spr. lū-ĕgg, slowen. Predjama), Dorf in Krain, zur Gemeinde Bukuje der Bezirksh. Adelsberg gehörig, in einer Doline des Birnbaumer Waldes, am Abhang einer 123 m hohen Felswand, die fünf Grotten enthält, gelegen, mit einem Schloß (1570), einer alten Höhlenburg und (1900) 257 slowen. Einw.
 
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Lueglochhöhle, große Kalksteinhöhle bei Semriach in Steiermark, von einem zur Mur gehenden Bach durchflossen. Im Mai 1894 wurden hier 7 Personen aus Graz infolge Hochwassers eingeschlossen und erst nach 81/2 Tagen gerettet. Seither ist die Höhle zugänglicher gemacht worden.
 
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Luës (lat.), Seuche, besonders epidemische, auch Viehseuche; von den Ärzten oft, um das bekannte Wort Syphilis zu vermeiden, für diese gebraucht. L. divina, soviel wie Epilepsie; luëtisch, syphilitisch etc.

[Bd. 6, Sp. 796]



 
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Luffa L. (Schwammkürbis), Gattung der Kukurbitazeen, einjährige, kletternde, monözische oder diözische Kräuter mit wechselständigen, gestielten, fünf- bis siebenlappigen, rauhen Blättern, meist ansehnlichen gelben, selten weißen, in Trauben stehenden männlichen, einzeln stehenden weiblichen Blüten und zylindrischen oder länglichen, runden oder scharfkantigen, glatten oder stachligen, oft großen Früchten mit stark entwickeltem Gefäßbündelnetz. Sieben Arten, von denen sechs in den Tropen der Alten Welt, eine in Amerika vorkommen. L. cylindrica Röm., in den Tropen der Alten Welt, in Amerika kultiviert und verwildert, hat eine nicht stachlige, nicht scharfkantige Frucht, die wie die Blätter gegessen wird. Das Gefäßbündelnetz liefert den vegetabilischen oder Luffaschwamm, ein zierliches weißes Geflecht, das in trocknem Zustand hart und rauh sich anfühlt, in Wasser aber erweicht und dann statt des Badeschwammes zum Frottieren der Haut benutzt werden kann. Es dient auch zu Schuhsohlen, Bilderrahmen, Mützen, Badepantoffeln, Sattelunterlagen, Körbchen und kommt besonders aus Japan, weniger aus Ägypten in den Handel. Von L. acutangula Roxb., aus dem tropischen Asien, durch Kultur über die Tropen verschleppt, auch in Amerika eingeführt, werden die unreifen scharfkantigen, aber glatten Früchte wie Gurken gegessen, Wurzeln und Samenöl arzneilich benutzt.
 
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Lufft, Hans, Buchdrucker und Buchhändler, geb. 1495, gest. 2. Sept. 1584 in Wittenberg, begründete 1525 eine eigne Offizin in Wittenberg und erhielt den Beinamen »der Bibeldrucker«, weil er zuerst Luthers Übersetzung der ganzen Bibel in zwei Quartbänden im Druck vollendete (1534), während der Beginn der diesem ersten Gesamtdruck vorangehenden Teilausgaben der Bibelübersetzung durch Melchior Lotther mit dem Neuen Testament im September 1522 (sogen. Septemberbibel), die schon im Dezember d. J. wieder aufgelegt wurde (sogen. Dezemberbibel), gemacht war. Von 1534 an blieb der Druck der Lutherschen Bibelübersetzung in Wittenberg in Luffts Händen, die er bis zu seinem Tod in mehr als 100,000 Exemplaren ausgab. Er druckte auch fast alle sonstigen Schriften Luthers. Seit 1550 war er Ratsherr und seit 1563 Bürgermeister von Wittenberg. In Königsberg hatte er 154953 eine Filialdruckerei. Über die unter seinem Namen angeblich in Marburg gedruckten englischen Bücher vgl. v. Dommer, Die ältesten Drucke aus Marburg in Hessen 15271566 (Marb. 1892). Seine Biographie schrieb Zeltner (Altdorf 1727).
 
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Lufidschi (Lufiji), Fluß in Deutsch-Ostafrika, s. Meyers Rufidschi.
 
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Lufira (Lufila), rechter Nebenfluß des Lualaba (s. d.), entwässert das kupferreiche Katanga. Er ist wohl neben Lualaba und Luapula als dritter Hauptquellfluß des Kongo anzusehen.
 
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Luft, im allgemeinen jeder gasförmige Körper, weshalb man auch von Luftarten spricht (s. Meyers Gase); im engern Sinne die atmosphärische L., das Gasgemenge, das die Atmosphäre der Erde bildet. Die L. ist ein farbloses Gas; 1 cbm L. wiegt bei 0° und Normaldruck 1,2932 kg. Diesen Wert setzt man = 1, er stellt das spezifische Gewicht der L. dar, auf das man allgemein das spezifische Gewicht der Gase bezieht. Auf Wasser von 4° bezogen, ist das spezifische Gewicht der L. 0,0012932. Die spezifische Wärme der trocknen L. bei konstantem Druck ist 0,23741 von der des Wassers, der Ausdehnungskoeffizient für 1° ist 0,003665 = 1/273, als Mittelwert. Zur Erwärmung von 1 cbm L. von 0° bei Normaldruck um 1° sind erforderlich 1,2932. 0,2375 = 0,806 Wärmeeinheiten, wofür man als praktischen Mittelwert 0,81 Wärmeeinheiten zu setzen pflegt. Über flüssige L. s. den folgenden Artikel.
   Die L. besteht aus

In sehr geringer Menge enthält die L. auch Helium, Krypton, Neon und Xenon. Dies Gasgemenge enthält stets auch Wasserdampf, ferner Ammoniak, Salpetrige Säure, Salpetersäure, Ozon, Wasserstoffsuperoxyd u. häufig als Verunreinigungen Schweflige Säure, Schwefelsäure, Schwefelwasserstoff, Kohlenoxyd, Kohlenwasserstoffe etc. (vgl. Atmosphäre, S. 51). Abgesehen von diesen Verunreinigungen unterliegt die Zusammensetzung der freien L. sehr geringen Schwankungen, die für die Gesundheit ohne alle Bedeutung sind. Die Beschaffenheit der guten L., die man allgemein schätzt, hat mit diesen Schwankungen nichts zu tun, sie wird bedingt durch große Reinheit, durch gedeihlichen Feuchtigkeitsgehalt und andre klimatische Faktoren (vgl. Klimatische Kurorte), auch wohl durch Wiesen- und Waldduft (im Volksmund oft »Ozon« genannt), vielleicht auch durch Verhältnisse, die wir noch nicht kennen (Radioaktivität?). In abgeschlossenen Räumen (in Höhlen, Schachten, Kellern, dicht bewohnten Zimmern) kann der Sauerstoffgehalt der L. sehr beträchtlich sinken (auf 15, selbst 13 Proz.) und der Kohlensäuregehalt noch viel stärker steigen. Ein Mensch verbraucht in 24 Stunden 600 Lit. oder 894 g Sauerstoff und produziert etwa 542 Lit. Kohlensäure. In ähnlicher Weise verbrauchen alle Tiere Sauerstoff und bilden Kohlensäure, alle Verbrennungsprozesse und die Verwesung wirken in gleicher Weise auf die Zusammensetzung der L., auch entströmen der Erde große Mengen Kohlensäure. Dagegen nehmen die Pflanzen Kohlensäure auf und geben Sauerstoff ab, und diese Verhältnisse, verbunden mit der Diffusion und der Wirkung der Luftströmungen, bewirken das überall beobachtete Gleichgewicht im Luftmeer. Das Ammoniak der L. entstammt wohl hauptsächlich den Zersetzungsprozessen stickstoffhaltiger Pflanzen- und Tierstoffe (Fäulnis etc.), es ist an Kohlensäure und Salpetrige Säure gebunden und wird durch die atmosphärischen Niederschläge der L. entzogen. Salpetrige Säure findet sich regelmäßig aber nur in Spuren in der L.; sie entsteht durch Einwirkung von Ozon auf Ammoniak und durch direkte Vereinigung von Sauerstoff und Stickstoff beim Gewitter. Durch Oxydation der Salpetrigen Säure entsteht Salpetersäure. Über das Ozon s. d. Wasserstoffsuperoxyd findet sich in Spuren häufig in der L., es hat mit Ozon in seiner Entstehung und seiner Reaktion eine gewisse Ähnlichkeit und würde wie Ozon durch seine starke oxydierende Kraft lustreinigend wirken, wenn es nicht wie dieses in viel zu geringer Menge vorhanden wäre. Ozongehalt der L. bedeutet aber stets das Fehlen oxydierbarer Substanzen in der L. Ozonreiche L. galt früher für besonders gesund, seitdem man aber weiß, daß es sich bei Epidemien nicht um schädliche Gase, Miasmen, die das Ozon zerstören könnte, sondern um Mikroorganismen handelt, legt man dem Ozon diese Bedeutung nicht mehr bei. Zur Zeit des Herrschens von Epidemien hat man in der L. nicht weniger Ozon gefunden als in epidemiefreien Zeiten. Die genannten Verunreinigungen der L. entstammen zum größten Teil der menschlichen Tätigkeit, und es ist Aufgabe der öffentlichen Gesundheitspflege, besonders auch der Gewerbehygiene,

[Bd. 6, Sp. 797]


Maßregeln zu treffen, um die Verunreinigung der L. möglichst zu beschränken. In stark bewohnten Räumen bemerkt man bald durch den Geruch die Anwesenheit von Gasen, über deren chemische Natur sehr wenig bekannt ist. Sie sind meist stickstoffhaltig, ziehen energisch Sauerstoff an und wirken reduzierend auf übermangansaures Kali. In Räumen, die derartige Gase reichlicher enthalten, stellt sich bald allgemeines Unbehagen ein (man hat von einem ausgeatmeten Anthropotoxin gesprochen), und die Bewohner solcher Räume gedeihen mangelhaft. Man kann den Gasen wohl nicht einen direkt begünstigenden Einfluß auf die Entstehung und Verbreitung von Infektionskrankheiten zuschreiben, ihre Beseitigung bleibt aber eine für das Gedeihen der Menschen notwendige Aufgabe der Gesundheitspflege. Über den Staub als Verunreinigung der L. s. Meyers Staub und Meyers Atmosphäre, S. 51. Alkalische L., soviel wie Ammoniak; brennbare L., soviel wie Wasserstoff; fixe L., soviel wie Kohlensäure; hepatische L., soviel wie Schwefelwasserstoff. Vgl. Mertens, Die Eigenschaften und physikalischen Gesetze der L. und des Dampfes (Leipz. 1904); Renk, Die L. (in Ziemssens »Handbuch der Hygiene«, das. 1886); Blücher, Die L., ihre Zusammensetzung etc. (das. 1899).
 
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Luft, flüssige, durch Druck und Kälte verflüssigte atmosphärische Luft. Mit Hilfe der im Artikel »Gase« (S. 365) beschriebenen und abgebildeten Apparate kann nahezu 1 kg s. L. in der Stunde mit 3 Pferdestärken hergestellt werden, die größte bisher erprobte Verflüssigungsmaschine erzeugt stündlich 50 kg mit etwas weniger als 100 Pferdestärken, und bei weiterer Vervollkommnung der Maschine dürfte der relative Arbeitsverbrauch auf 1,5 Pferdestärke für 1 kg herabsinken. Eine weitere Herabminderung auf 1 Pferdestärke würde theoretisch nur einem Wirkungsgrad von etwa 30 Proz. entsprechen. Mit Rücksicht auf die übrigen Umstände kann man bei Großbetrieb (etwa 1000 kg täglich) die Gesamtkosten für 1 kg s. L. auf etwa 10 Ps. veranschlagen. Zur Aufbewahrung der flüssigen Luft ist die Anwendung von Stahlflaschen vollkommen ausgeschlossen, da bei Temperaturen, die über der kritischen (-140°) liegen, atmosphärische Luft nur in Gasform bestehen kann. Man kann aber kleine Mengen flüssiger Luft in doppelwandigen Glasflaschen, bei denen der Zwischenraum zwischen beiden Wänden gut evakuiert und die äußere Wandung versilbert ist (Dewarsche Flaschen, s. Meyers Gase, S. 365), verhältnismäßig lange aufbewahren. 1 Lit. s. L. verdampft in einem solchen Gefäß erst in 14 Tagen. In der Technik benutzt man mit Filz oder Schafwolle bekleidete Blechgefäße von rund 50 Lit. Inhalt, in denen stündlich etwa 2 Lit. s. L. verdampfen, es wird aber wohl gelingen, Blechgefäße für Aufbewahrung und Transport herzustellen, in denen die Verdampfung nicht mehr als 1 Proz. in der Stunde beträgt. Die s. L. bildet eine leicht bewegliche, schwach himmelblaue Flüssigkeit, deren Farbe mit fortschreitender Verdunstung immer kräftiger wird. Sie gestattet ohne weiteres, eine Temperatur von -191° zu erzeugen. Da aber der Wirkungsgrad der gewöhnlichen Kältemaschinen den der Lustverflüssigungsmaschine um mehr als das Doppelte übersteigt, und da die in flüssiger Luft verfügbare Kälte etwa 4050mal den Arbeitsaufwand einer gewöhnlichen Kältemaschine erfordert, solange es sich um Temperaturen handelt, die nicht tief unter dem Gefrierpunkte des Wassers liegen, kann an zweckmäßige Verwendung flüssiger Luft als Kältemittel nur gedacht werden, wo niedrigere Kältegrade herzustellen sind, als die Kältemaschinen liefern (unterhalb -50°), oder wo gegenüber den besondern Eigenschaften der flüssigen Luft der große Arbeitsaufwand nicht in Betracht kommt. Mit Fällen der erstern Art hat man es zunächst nur zu wissenschaftlichen Zwecken zu tun, doch ist möglich, daß die Technik künftig von solchen tiefen Temperaturen Gebrauch machen wird. Bei leichter Erreichbarkeit, bei einer Organisation des Handels mit flüssiger Luft, ähnlich dem Eishandel, mag auch für gewisse Luxuszwecke Gebrauch von flüssiger Luft als Kältemittel gemacht werden, z. B. auf der Speisetafel, oder wo ohne Rücksicht auf die Kosten kühle, reine Luft in Krankenzimmer, Konferenzräume eingeführt werden soll. Bei der Verwendung flüssiger Luft zu motorischen Zwecken kommt in Betracht, daß die zur Verflüssigung erforderliche Energiemenge theoretisch schon beinahe doppelt, tatsächlich aber sechsmal so groß ist wie die entzogene Wärmemenge, also wie diejenige Energiemenge, die bei der Vergasung aus der Umgebung aufgenommen werden kann. Und da nun in einer Kraftmaschine nur ein gewisser Teil dieser Energie als mechanische Arbeit gewonnen werden kann, so weist die Rechnung nur wenige Prozente der zur Luftverflüssigung aufzuwendenden Arbeit als gewinnbare Leistung einer nur mittels flüssiger Luft betriebenen Kraftmaschine nach. Überwiegende Vorteile wird man daher nur erzielen, z. B. bei Arbeitsvorgängen unter Wasser, bei Torpedos, Unterseebooten, Taucherarbeiten etc., vielleicht auch bei Arbeiten unter Tage. Günstiger gestaltet sich die Sache, wenn die Anwendung flüssiger Luft mit der Verbrennung geeigneter Stoffe, wie Petroleum, vereinigt wird. Man hat dann einen Petroleummotor, bei dem aber ebensowenig an eine zweckmäßigere Gestaltung des Arbeitsganges wie an einen wirtschaftlichen Motor der erstern Art gedacht werden kann. Immerhin kann hierbei ein Wirkungsgrad erzielt werden, der als ausreichend anzusehen ist, wenn es sich um weitgehende Verringerung des Konstruktionsgewichtes, wie z. B. bei gewissen Motorwagen, handelt.
   Am wichtigsten ist wohl die sogen. Fraktionierung, die Trennung des Sauerstoffs vom Stickstoff durch die Verdampfung flüssiger Luft. Je weiter die Verdampfung fortschreitet, um so reicher an Sauerstoff wird der Rückstand. Dies beruht auf der Tatsache, daß der Siedepunkt des flüssigen Sauerstoffs (-183°) 13° höher liegt als der des flüssigen Stickstoffs (-196°). Verwendet man die bei der Verdampfung frei werdende Kälte zur Verflüssigung einer gleichen Menge Luft, so ist nur derjenige Arbeitsverbrauch zu decken, der den unvermeidlichen Kälteverlusten entspricht.

[Bd. 6, Sp. 798]


Hierauf gründet sich ein Verfahren, das in Aussicht stellt, mindestens 1 cbm Gas mit 50 Proz. Sauerstoff (Lindeluft) durch 1 Pferdestärkestunde zu gewinnen. Solches Gas würde vielfach technische Verwendung finden können (vgl. Sauerstoff), unter anderm auch zur Erzeugung eines außerordentlich intensiven Gasglühlichts, da die Flamme eines Mischgases aus Lindeluft und Leuchtgas eine Temperatur von etwa 3000° besitzt. Althans will mit Lindeluft aus minderwertigen Kohlen hochwertige Gase darstellen. Im obern Teil eines schachtförmigen Generators (s. Abbildung, S. 797) befindet sich eine konische Retorte, die von den aus der Rast und dem Gestell aufsteigenden Gasen umspült wird und zur Entgasung der kohlehaltigen Beschickung dient. Die »Obergase« entweichen getrennt von den »Untergasen«, mit denen sie erst nach entsprechender Abkühlung der letztern vereinigt werden können. Die Untergase entstehen durch die Verbrennung des aus der Retorte herabsinkenden Koks unter Zuführung sauerstoffreichen Windes und überhitzten Wasserdampfes, und ihre hohe Temperatur wird ebensowohl zur Heizung der Retorte als zur Überhitzung, gegebenenfalls auch zur Erzeugung des Wasserdampfes benutzt. Auf solche Weise lassen sich also in ununterbrochenem Betriebe stickstoffarme Gemische von Kohlenoxyd und Wasserstoff herstellen, die unter anderm für Heizanlagen und den Betrieb von Gasmaschinen von hoher Bedeutung werden dürften. Man hat auch versucht, die Verdunstungskälte flüssiger Luft zu medizinisch-therapeutischen Zwecken zu benutzen, so zur lokalen Abstumpfung des Gefühls, zur Behandlung von Neuralgien, bei oberflächlichen Geschwüren und Lupus. Der aus flüssiger Luft erhaltene Stickstoff kann zur Darstellung von Cyaniden, auch als Feuerlöschmittel benutzt werden.
   Auch zur Herstellung von Sprengstoffen (Oxyliquid) hat man die bei Verbrennung oxydierbarer Stoffe in flüssiger Luft frei werdende motorische Kraft benutzt. Mischt man die durch Verdampfung von Stickstoff sauerstoffreich gewordene Flüssigkeit mit geeigneten oxydierbaren Stoffen in der Art, daß eine sehr große Berührungsoberfläche hergestellt wird, so zeigt die Mischung explosible Eigenschaften. Mit flüssiger Luft getränktes Kohlenpulver verpufft bei Berührung mit einer Flamme, explodiert aber, wenn es durch ein Zündhütchen entzündet wird, trotzdem die Temperatur des Gemisches -180° beträgt. Kieselgur oder Korkkohlepulver, das nach Absorption von Mineralöl mit der sauerstoffreichen Flüssigkeit gesättigt wird, übertrifft bei richtigem Mischungsverhältnis die brisantesten in der Technik verwendeten Sprengstoffe in bezug auf das für die Gewichtseinheit erzielte Produkt aus Druck und Volumen der Verbrennungsgase und in bezug auf die Kürze der Zeitdauer vom Beginn der Drucksteigerung bis zum Eintritte des höchsten Druckes. Man taucht die Patronen, die die Mischung des porösen Körpers mit dem oxydierbaren Stoff enthalten, in die s. L. und besetzt damit die Bohrlöcher etwa so wie mit Sprenggelatine. Bei der Flüchtigkeit der flüssigen Luft ist es sehr schwer zu erreichen, daß der Sprengstoff bei der Explosion stets dieselbe Zusammensetzung besitzt, und daher hat sich auch bei den Versuchen keine genügende Gleichmäßigkeit der Wirkung erzielen lassen. Vgl. Linde, Sauerstoffgewinnung mittels fraktionierter Verdampfung flüssiger Luft (Berl. 1902); Kausch, Die Herstellung, Verwendung und Aufbewahrung von flüssiger Luft (2. Aufl., Weim. 1905); Nowicki, Flüssige Luft (Mährisch-Ostrau 1905).
 
Artikelverweis 
Luft, komprimierte, s. Meyers Komprimierte Luft.

 

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