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Zwingli bis Zwischenbescheid (Bd. 6, Sp. 1046 bis 1047)
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Artikelverweis Zwingli, Ulrich (Huldereich), Gründer der reformierten Kirche in der deutschen Schweiz, geb. 1. Jan. 1484 in der toggenburgischen Berggemeinde Wildhaus, woselbst sein Vater Ammann war, gest. 11. Okt. 1531 bei Kappel, machte seine philosophischen und humanistischen Studien in Bern und Wien, die theologischen seit 1502 in Basel als Schüler von Thomas Wyttenbach und wurde 1506 Pfarrer in Glarus. Als solcher nahm er teil an den Feldzügen der Glarner für den Papst gegen die Franzosen in der Lombardei 151215, wofür er bis 1517 vom Papst eine Pension bezog. Schon hier mit dem Neuen Testament sich viel beschäftigend, brach sich in ihm die Erkenntnis Bahn, daß mit diesem die Lehre der Kirche in manchen Stücken nicht übereinstimme. Starken Einfluß hatten auf ihn die Schriften des Meyers Erasmus (s. d.). 1516 ward er Prediger in dem durch Wallfahrten berühmten Kloster Maria-Einsiedeln. Auf solche Weise auf den Schauplatz krassen Aberglaubens versetzt, sing er bald an, wider Wallfahrten und andre Mißbräuche, auch wider den 1518 in der Schweiz erschienenen päpstlichen Ablaßkrämer Bernhardin Sanson (s. d.) zu predigen. Am 1. Jan. 1519 ward er Leutpriester am Großen Münster in Zürich. Indem er durch seine kunstlosen, aber klaren, allgemeinverständlichen Predigten die Begriffe in Sachen der Religion und des Glaubens erhellte und entwickelte, erfocht er binnen wenigen Jahren der Sache der Reformation in Zürich einen vollständigen Sieg. Zu gleicher Zeit trat er aber auch als Patriot gegen die Demoralisation des Volkes durch das Reislaufen, d. h. die Kriegsdienste der Züricher im Sold Frankreichs, Mailands, insbes. aber des Papstes, auf, so die politische mit der religiösen Reformation verbindend. Sämtliche Prediger in Stadt und Land wurden vielleicht schon 1520 (nach andern erst 1523) von der Obrigkeit angewiesen, dem Evangelium gemäß zu predigen. 1522 veröffentlichte Z. seine erste reformatorische Schrift gegen die Fasten der römischen Kirche. Als die Dominikaner in Zürich ihm Ketzerei vorwarfen, veranstaltete der Große Rat 29 Jan. 1523 eine Disputation über die von Z. aufgestellten Thesen. Da die Abgeordneten des Bischofs, namentlich Johann Faber, gegen Zwinglis Thesen nur die Autorität der Tradition und der Konzile geltend zu machen wußten, erkannte der Rat Z. den Sieg zu. Auf einem zweiten, vom 26.29. Okt. 1523 gehaltenen Religionsgespräch wurde in Gegenwart von fast 900 Zeugen aus eidgenössischen Orten über Bilderdienst und Messe gestritten. Die Folge war die Entfernung aller Werke der bildenden Kunst aus den Kirchen Zürichs, und nach einem dritten Gespräch 13. und 14. Jan. 1524 wurde auch die Messe beseitigt. Noch in demselben Jahr verheiratete sich Z. mit der. 43jährigen Witwe Anna Meyer, gebornen Reinhard. Seitdem wirkte er, vom Rate tatkräftig unterstützt, aber von der Tagsatzung immer bedrohlicher angefeindet, fast wie ein weltlicher und geistlicher Diktator Zürichs, der Schul-, Kirchen- und Ehewesen neu ordnete. Mit Luther und den andern deutschen Reformatoren in vielen Punkten einig, verfuhr Z. doch in liturgischer Beziehung radikaler und verwarf die leibliche Gegenwart Christi im Meyers Abendmahl (s. d.). Wohl wollte Z. mit Luther den Staat aus den erdrückenden Fesseln der Kirche befreien, konnte aber doch von seinem christlichen Gemeindeideal aus, unterstützt von den tatsächlichen Züricher Verhältnissen, die Obrigkeit in den Dienst der Gemeinde stellen und erklären, daß »die Obrigkeit, welche außer der Schnur Christi fahren«, d. h. die Vorschriften Christi sich nicht zum Maßstab nehmen wolle, »mit Gott entsetzt werden möge«. Seit 1525 verwickelte ihn der Gegensatz in der Abendmahlslehre in einen heftigen literarischen Streit mit Luther. Auf dem vom Landgrafen von Hessen, Philipp dem Großmütigen, der Zwinglis weittragende politische Gesichtspunkte teilte, 1.4. Okt. 1529 zur Beilegung des Abendmahlstreites zu Marburg veranstalteten Religionsgespräch ward Z. von Luther schroff zurückgestoßen, und der Plan einer gemeinsamen protestantischen Unternehmung gegen Kaiser und Papst scheiterte an theologischen Bedenken. Doch immer kühner wurden die Pläne der innig verbundenen Freunde, des Landgrafen und Zwinglis. Dieser begeisterte 1530 jenen für den Gedanken, »durch einen Bund von der Adria bis zum Belt und zum Ozean die Welt aus der Umklammerung des Habsburgers zu retten«. Damals hatte Z. schon im Januar 1528 bei einem Religionsgespräch zu Bern auch diesen Kanton für die Reformation gewonnen. Aber nachdem durch den ersten Kappeler Frieden 1529 die drohende Gefahr eines Glaubenskrieges zwischen Zürich und den fünf katholischen Urkantonen beseitigt schien, kam es doch 1531 zum offenen Krieg. Am 11. Okt. 1531 unterlagen die Züricher bei Kappel, und Z. selbst fand auf dem Schlachtfeld seinen Tod. Am folgenden Tage schleppte man den Leichnam zum Scheiterhaufen und streute die Asche in den Wind. Erst 1838 ward ihm in Kappel, 1885 in Zürich ein Denkmal errichtet. Sein Bildnis s. Tafel Meyers »Reformatoren«. Z. war ein edler, toleranter, frommer und uneigennütziger Mann, ausgezeichnet durch Kenntnisse wie Sinn für das Praktische, der ihn zu den umfassendsten politischen Kombinationen befähigte. Seinem theologischen Lehrbegriff lag Streben nach Klarheit und Vernünftigkeit zugrunde. Was ihn zum Begründer einer eignen Kirche neben Luther machte, war die durch und durch sittlich bestimmte, an keine Zeremonien ursachlich gebundene Natur des christlichen Glaubens, den er vertrat, die in solchem Glauben begründete Freiheit der christlichen Persönlichkeit von den geschichtlich vermittelten Gnadenspendungen der Kirche, die er, freilich nicht ohne Inkonsequenzen, betonte. Aus seinen Schriften sind hervorzuheben: »Von Erkiesen und Freiheit der Speisen« (1522); »Auslegen und Gründe der Schlußreden« (1523); »De vera et falsa religione« (1525); »Fidei ratio« (1530) und besonders die »Christianae fidei brevis et clara expositio ad regem christianum« (1536). Seine Werke wurden herausgegeben von Froschauer (Zür. 1545 u. 1581), von Schüler und Schultheß (das. 182842, 8 Bde.; Supplement 1861), von Egli und Finsler (Berl. 1905 ff.). Vgl. Zeller, Das theologische System Zwinglis (Tübing. 1853); Hundeshagen, Beiträge zur Kirchenverfassungsgeschichte und Kirchenpolitik, Bd. 1 (Wiesbad. 1864); A. Baur, Zwinglis Theologie (Halle 188589, 2 Bde.); R. Stähelin, Huldreich Z. (Basel 18951897, 2 Bde.); Jackson, Huldreich Z. (New York u. Lond. 1901); Simpson, Life of Ulrich Z. (New York 1902); v. Kügelgen, Die Ethik H. Zwinglis (Leipz. 1902); G. Oorthuys, De Anthropologie van Z. (Leid. 1905); P. Wernle, Ulrich Z. (im Kirchenblatt für die reformierte Schweiz, 1905); F. J. Dierauer, Geschichte der schweizerischen Eidgenossenschaft, Bd. 3 (Gotha 1907). Der Zwingliforschung widmet sich der Zwingli-Verein in Zürich, in dessen Auftrag die »Quellen zur schweizerischen Reformationsgeschichte« (Basel 1901 ff.) und die »Zwingliana« (hrsg. von Egli, Zür. 1897 ff.) erscheinen. Vgl. Finsler, Zwingli-Bibliographie (Zür. 1897).

[Bd. 6, Sp. 1047]



 
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Zwingliauer, soviel wie Reformierte, d. h. Anhänger der Reformierten Meyers Kirche (s. d.).
 
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Zwirn (gezwirntes Garn), ein Faden, der durch Zusammendrehen mehrerer Fäden (selten über acht; zwei-, drei- etc. drähtig oder fädig) entstanden ist und sich durch Festigkeit, Glätte, Rundung und Härte auszeichnet. Die Richtung des Zusammendrehens ist jener beim Spinnen entgegengesetzt, so daß die Windungen die Lage linker Schraubengänge erhalten. Oft, z. B. beim Nähzwirn, vereinigt man zuerst zwei Fäden und dann wieder zwei oder drei solcher doppelter Fäden, um einen regelmäßigern Z. zu erhalten. In der Praxis nennt man zweifädigen Z. dupliertes Garn, wenn die Fäden lose oder schlank gedreht sind. Zum Zwirnen dient mitunter das Spinnrad, bei fabrikmäßigem Betrieb die Zwirnmaschine (Zwirnmühle), die nach dem Prinzip der Watermaschine oder der Ringspinnmaschine (s. Meyers Spinnen) ausgeführt werden. Der Z. heißt hohlsträngig, masseldrähtig, gemasselt, wenn die Fäden nicht gleichmäßig zusammengedreht sind. Baumwollzwirn dient hauptsächlich zum Nähen, Stricken und Sticken, ferner zu Spitzen und Bobinet, in der Weberei und Strumpfwirkerei. Der Nähzwirn (Glanzzwirn) ist in der Regel sechsfädig, auch drei- und vierfädig und selbst zweifädig. Mit Stärke appretiert heißt er Eisengarn. Leinener Z. dient zum Nähen und Stricken, zur Verfertigung der Zwirnspitzen sowie in der Weberei zu den Litzen der Webergeschirre etc. (Spitzenzwirn, Strickzwirn, Litzenzwirn etc.). Nähzwirn wird mit Gummi, Hausenblase und Pergamentleim appretiert. Hanfzwirn gleicht dem leinenen Z. und ist sehr fest. Kammgarne werden zwei-, drei- oder vierfädig gezwirnt, ebenso die Strickgarne. Über Seidenzwirn s. Meyers Seide, S. 290. Zierzwirne werden durch Zusammenzwirnen der buntesten Farben unter gleichzeitigen Veränderungen der Drehungen und Spannungen hergestellt; Noppenzwirn durch Umzwirnen eines Fadens (Seele) mit einem bunten Zierfaden. Durch Zusammenzwirnen ungleich gedrehter Garne entstehen Kräuselzwirn, Schlangenzwirn, Perlgarn etc.
 
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Zwirner, Ernst Friedrich, Architekt, geb. 28. Febr. 1802 zu Jakobswalde in Schlesien, gest. 22. Sept. 1861 in Köln, besuchte bis 1821 die Bauschule in Breslau, dann bis 1828 die Bauakademie und die Universität in Berlin und trat hierauf als Hilfsarbeiter in die königliche Oberbaudirektion ein. Im August 1833 ward ihm der Dombau zu Köln überwiesen, der unter seiner Leitung einen neuen Aufschwung nahm. Ein besonderes Verdienst erwarb er sich auch durch die Organisation der Bauhütte des Doms, aus der viele tüchtige, mit den Grundregeln der Gotik innig vertraute Bauleute hervorgingen. Außerdem erbaute er die Apollinariskirche in Remagen, das Schloß des Grafen von Fürstenberg in Herdringen (184452) und restaurierte die Schlösser Arenfels und Moyland am Rhein.
 
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Zwirnköper, Bettinlettstoff mit 4045 Fäden auf 1 cm.
 
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Zwirnvertilger, s. Regulierungsbock.
 
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Zwischenahn, Dorf und klimatischer Kurort im Großherzogtum Oldenburg, am Ausfluß der Aue aus dem 600 ha großen Zwischenahner Meer und an der Staatsbahnlinie Bremen-Neuschanz, hat eine evang. Kirche, eine landwirtschaftliche Winterschule, ein Kurhaus, Fleischwaren-, Holzspulen- und Wickelformenfabrikation, Honigpresserei und (1905) 1171 (als Gemeinde 5549) Einw.
 
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Zwischenakt (franz. Entr'acte), fehlerhafte, aber allgemein übliche Bezeichnung für die Pause zwischen zwei Aufzügen (Akten oder Verwandlungen) einer Theateraufführung. Längere Pausen wurden an den größern Bühnen, früher auch im Schauspiel, allgemein durch Musik (Zwischenaktmusik) ausgefüllt, jetzt sieht man mehr und mehr davon ab. Vgl. Intermezzo.
 
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Zwischenbatterie, s. Meyers Festung, S. 476.
 
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Zwischenbau, s. Meyers Zwischenfruchtbau.
 
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Zwischenbescheid, s. Meyers Interlokut.

 

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