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Zwillinge bis Zwingli (Bd. 6, Sp. 1045 bis 1046)
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Artikelverweis Zwillinge (Gemini), 1) das dritte Sternzeichen der Ekliptik (); 2) Sternbild des nördlichen Himmels, enthält einen Stern 1. Größe (Pollux, β) und zwei Sterne 2. Größe, α (Kastor) und γ. Kastor ist ein Doppelstern mit einem Begleiter 3. Größe in 5'' Abstand. Vgl. Textbeilage zum Artikel und Karte »Fixsterne«.
 
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Zwillinge (Gemelli, Didymi), zwei zu gleicher Zeit geborne Junge von ein und derselben Mutter. Sie rühren entweder von zwei verschiedenen Eiern her oder, seltener (beim Menschen in etwa 8 Proz. aller Fälle), von nur einem Ei, sind dann stets gleichen Geschlechts und einander oft bis zum Verwechseln ähnlich, sogen. identische Z. Speziell beim Menschen liegen sie in der Mutter so, daß das eine Kind den Kopf nach unten, das andre nach oben richtet. Da Z. des beschränkten Raumes wegen kleiner bleiben als ein einzelnes Kind, so erfolgt die Geburt, bei der das eine dem andern meist um einige Stunden vorangeht, gewöhnlich leicht. Ihre Sterblichkeit ist bedeutender als die andrer Kinder. Das Vorkommen von Mehrgeburten scheint unabhängig zu sein von Klima, Rasse, äußern Lebensverhältnissen etc. Auf 1000 Geburten kommen etwa 12 Zwillings-, 0,15 Drillings- und 0,002 Vierlingsgeburten. Fünflinge sind äußerst selten. In der Ehe scheinen etwas häufiger Z. geboren zu werden als unehelich. In den Städten ist das Verhältnis der Mehrgeburten kleiner als auf dem Lande. Von den Zwillingsgeburten sind im Durchschnitt etwa 63 Proz. gleichgeschlechtlich und 37 Proz. ungleichgeschlechtlich. Von den Drillingsgeburten sind etwa 50 Proz. ungleichgeschlechtlich, und unter diesen herrschen die aus zwei Knaben und einem Mädchen bestehenden vor. Unter 100 Zwillingsgeburten leben etwa 80mal beide Kinder, 15mal lebt nur ein Kind, und 5mal sind beide Kinder tot. Nach Hecker sterben 15 Proz. der Z. in den ersten 8 Tagen nach der Geburt. Die Zwillingsgeburten mit nur Mädchen zeigen die größte, die mit nur Knaben die geringste Lebensfähigkeit. Es scheint, daß eine Frau um so eher Z. bekommt, je älter sie sich verheiratet. Nach Hegar steigt die Neigung zu Zwillingsgeburten auch mit der Wiederholung der Schwangerschaft. Die Sterblichkeit der Mutter ist bei Mehrgeburten etwa dreimal größer als bei Einzelgeburten. Das unter dem Namen siamesische Z. bekannte Zwillingspaar Chang und Eng, das zu wiederholten Malen 1829 und 1870 sich in Europa für Geld sehen ließ, war durch einen etwa armdicken Strang in der Höhe des Nabels miteinander verbunden. Sie wurden 1811 in Macklong von eingewanderten chinesischen Eltern geboren und erzeugten in einer Doppel ehe mit zwei Schwestern 18 Kinder. Sie starben nach einem langen, in fast ungestörter Gesundheit vollbrachten Leben 1874; von allen derartigen, bisher beobachteten Doppelbildungen haben sie das höchste Alter erreicht. Die Sektion ergab, daß in dem Strang nur Falten des Bauchfelles, nicht auch sonstige Organe lagen. Zwillingsgeburten wurden vielfach als Folge eines Ehebruchs angesehen und galten daher als verhängnisvoll, sie bedeuteten Unglück und erforderten eine Sühne. So bei den alten Indern, in Assyrien, Babylonien und Ägypten. Neger, Indianer, Chibcha, Hottentotten, Mexikaner töteten beide Z. oder eins der Kinder. In Abessinien gilt es als Sünde, Z. zu gebären. Bei einigen niedern Tieren (dem Regenwurm, Lumbricus trapezoides, und gewissen Seescheiden) gehen regelmäßig aus dem Ei Z. hervor: anfangs entwickelt sich nur ein Embryo, dieser aber teilt sich schon, lange bevor er ausgebildet ist. Als Ausnahme ist die auf der Teilung der jungen Embryonen beruhende Produktion von Zwillingen, Drillingen etc. auch sonst im Tierreich nicht selten und kann sogar künstlich hervorgerufen werden.
 
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Zwillingskristalle, gesetzmäßig verwachsene Kristalle derselben Substanz. Vgl. Kristall, S. 706.
 
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Zwillingsmaschine, die konstruktive Vereinigung von zwei gleichen Maschinen zu einem Ganzen, wobei manche Teile gemeinsam sind. Eine Zwillingsdampfmaschine z. B. besteht aus zwei gleichen Dampfmaschinen mit gemeinsamer Kurbelwelle.
 
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Zwillings-Rotationsmaschine, s. Meyers Schnellpresse, S. 930.
 
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Zwillingsschrauben, s. Meyers Dampfschiff, S. 461.
 
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Zwinge, Werkzeug zum Einzwängen von Arbeitsstücken; die Metallkapsel am Ende eines Stockes, des Handgriffs eines Werkzeugs etc.; das Eisenband um das Ende eines Balkens.
 
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Zwingen nennt man es, wenn der Hirsch mit geschlossenen Schalen auftritt und die Erde stark beizieht.
 
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Zwingenberg, 1) Stadt in der hess. Provinz Starkenburg, Kreis Bensheim, 97 m ü. M., an der Bergstraße und der preußisch-hessischen Staatsbahnlinie Frankfurt-Louisa-Heidelberg, hat evang. Kirche, Synagoge, großes, altes Schloß, Amtsgericht, Granitwerke, ein Milchwerk, Fabrikation pharmazeutischer Präparate und (1905) 1816 Einw. Z. wird als Sommerfrische besucht. Z. erhielt 1273 Stadtrechte und fiel 1479 an Hessen. 2) Dorf mit altem Schloß bei Eberbach in Baden; vgl. Näher, Burg Z. (Karlsr. 1885).
 
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Zwinger, bei alten Stadtbefestigungen und Burgen ein zwischen der äußern und innern Ringmauer befindlicher, oder ein zur Vorburg gehörender freier Platz (Pferch, Parcham); dann die Erweiterung des Rondenganges an Thoren zu einem Vorplatz, dessen Außenmauer meist zur niedern Grabenbestreichung diente. Auch ein dicker Rundturm sowie ein Gefängnis, ein Tierbehälter (Bärenzwinger) wurden so genannt. Frauenzwinger hieß im Mittelalter das Frauengemach.

[Bd. 6, Sp. 1046]



 
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Zwingli, Ulrich (Huldereich), Gründer der reformierten Kirche in der deutschen Schweiz, geb. 1. Jan. 1484 in der toggenburgischen Berggemeinde Wildhaus, woselbst sein Vater Ammann war, gest. 11. Okt. 1531 bei Kappel, machte seine philosophischen und humanistischen Studien in Bern und Wien, die theologischen seit 1502 in Basel als Schüler von Thomas Wyttenbach und wurde 1506 Pfarrer in Glarus. Als solcher nahm er teil an den Feldzügen der Glarner für den Papst gegen die Franzosen in der Lombardei 151215, wofür er bis 1517 vom Papst eine Pension bezog. Schon hier mit dem Neuen Testament sich viel beschäftigend, brach sich in ihm die Erkenntnis Bahn, daß mit diesem die Lehre der Kirche in manchen Stücken nicht übereinstimme. Starken Einfluß hatten auf ihn die Schriften des Meyers Erasmus (s. d.). 1516 ward er Prediger in dem durch Wallfahrten berühmten Kloster Maria-Einsiedeln. Auf solche Weise auf den Schauplatz krassen Aberglaubens versetzt, sing er bald an, wider Wallfahrten und andre Mißbräuche, auch wider den 1518 in der Schweiz erschienenen päpstlichen Ablaßkrämer Bernhardin Sanson (s. d.) zu predigen. Am 1. Jan. 1519 ward er Leutpriester am Großen Münster in Zürich. Indem er durch seine kunstlosen, aber klaren, allgemeinverständlichen Predigten die Begriffe in Sachen der Religion und des Glaubens erhellte und entwickelte, erfocht er binnen wenigen Jahren der Sache der Reformation in Zürich einen vollständigen Sieg. Zu gleicher Zeit trat er aber auch als Patriot gegen die Demoralisation des Volkes durch das Reislaufen, d. h. die Kriegsdienste der Züricher im Sold Frankreichs, Mailands, insbes. aber des Papstes, auf, so die politische mit der religiösen Reformation verbindend. Sämtliche Prediger in Stadt und Land wurden vielleicht schon 1520 (nach andern erst 1523) von der Obrigkeit angewiesen, dem Evangelium gemäß zu predigen. 1522 veröffentlichte Z. seine erste reformatorische Schrift gegen die Fasten der römischen Kirche. Als die Dominikaner in Zürich ihm Ketzerei vorwarfen, veranstaltete der Große Rat 29 Jan. 1523 eine Disputation über die von Z. aufgestellten Thesen. Da die Abgeordneten des Bischofs, namentlich Johann Faber, gegen Zwinglis Thesen nur die Autorität der Tradition und der Konzile geltend zu machen wußten, erkannte der Rat Z. den Sieg zu. Auf einem zweiten, vom 26.29. Okt. 1523 gehaltenen Religionsgespräch wurde in Gegenwart von fast 900 Zeugen aus eidgenössischen Orten über Bilderdienst und Messe gestritten. Die Folge war die Entfernung aller Werke der bildenden Kunst aus den Kirchen Zürichs, und nach einem dritten Gespräch 13. und 14. Jan. 1524 wurde auch die Messe beseitigt. Noch in demselben Jahr verheiratete sich Z. mit der. 43jährigen Witwe Anna Meyer, gebornen Reinhard. Seitdem wirkte er, vom Rate tatkräftig unterstützt, aber von der Tagsatzung immer bedrohlicher angefeindet, fast wie ein weltlicher und geistlicher Diktator Zürichs, der Schul-, Kirchen- und Ehewesen neu ordnete. Mit Luther und den andern deutschen Reformatoren in vielen Punkten einig, verfuhr Z. doch in liturgischer Beziehung radikaler und verwarf die leibliche Gegenwart Christi im Meyers Abendmahl (s. d.). Wohl wollte Z. mit Luther den Staat aus den erdrückenden Fesseln der Kirche befreien, konnte aber doch von seinem christlichen Gemeindeideal aus, unterstützt von den tatsächlichen Züricher Verhältnissen, die Obrigkeit in den Dienst der Gemeinde stellen und erklären, daß »die Obrigkeit, welche außer der Schnur Christi fahren«, d. h. die Vorschriften Christi sich nicht zum Maßstab nehmen wolle, »mit Gott entsetzt werden möge«. Seit 1525 verwickelte ihn der Gegensatz in der Abendmahlslehre in einen heftigen literarischen Streit mit Luther. Auf dem vom Landgrafen von Hessen, Philipp dem Großmütigen, der Zwinglis weittragende politische Gesichtspunkte teilte, 1.4. Okt. 1529 zur Beilegung des Abendmahlstreites zu Marburg veranstalteten Religionsgespräch ward Z. von Luther schroff zurückgestoßen, und der Plan einer gemeinsamen protestantischen Unternehmung gegen Kaiser und Papst scheiterte an theologischen Bedenken. Doch immer kühner wurden die Pläne der innig verbundenen Freunde, des Landgrafen und Zwinglis. Dieser begeisterte 1530 jenen für den Gedanken, »durch einen Bund von der Adria bis zum Belt und zum Ozean die Welt aus der Umklammerung des Habsburgers zu retten«. Damals hatte Z. schon im Januar 1528 bei einem Religionsgespräch zu Bern auch diesen Kanton für die Reformation gewonnen. Aber nachdem durch den ersten Kappeler Frieden 1529 die drohende Gefahr eines Glaubenskrieges zwischen Zürich und den fünf katholischen Urkantonen beseitigt schien, kam es doch 1531 zum offenen Krieg. Am 11. Okt. 1531 unterlagen die Züricher bei Kappel, und Z. selbst fand auf dem Schlachtfeld seinen Tod. Am folgenden Tage schleppte man den Leichnam zum Scheiterhaufen und streute die Asche in den Wind. Erst 1838 ward ihm in Kappel, 1885 in Zürich ein Denkmal errichtet. Sein Bildnis s. Tafel Meyers »Reformatoren«. Z. war ein edler, toleranter, frommer und uneigennütziger Mann, ausgezeichnet durch Kenntnisse wie Sinn für das Praktische, der ihn zu den umfassendsten politischen Kombinationen befähigte. Seinem theologischen Lehrbegriff lag Streben nach Klarheit und Vernünftigkeit zugrunde. Was ihn zum Begründer einer eignen Kirche neben Luther machte, war die durch und durch sittlich bestimmte, an keine Zeremonien ursachlich gebundene Natur des christlichen Glaubens, den er vertrat, die in solchem Glauben begründete Freiheit der christlichen Persönlichkeit von den geschichtlich vermittelten Gnadenspendungen der Kirche, die er, freilich nicht ohne Inkonsequenzen, betonte. Aus seinen Schriften sind hervorzuheben: »Von Erkiesen und Freiheit der Speisen« (1522); »Auslegen und Gründe der Schlußreden« (1523); »De vera et falsa religione« (1525); »Fidei ratio« (1530) und besonders die »Christianae fidei brevis et clara expositio ad regem christianum« (1536). Seine Werke wurden herausgegeben von Froschauer (Zür. 1545 u. 1581), von Schüler und Schultheß (das. 182842, 8 Bde.; Supplement 1861), von Egli und Finsler (Berl. 1905 ff.). Vgl. Zeller, Das theologische System Zwinglis (Tübing. 1853); Hundeshagen, Beiträge zur Kirchenverfassungsgeschichte und Kirchenpolitik, Bd. 1 (Wiesbad. 1864); A. Baur, Zwinglis Theologie (Halle 188589, 2 Bde.); R. Stähelin, Huldreich Z. (Basel 18951897, 2 Bde.); Jackson, Huldreich Z. (New York u. Lond. 1901); Simpson, Life of Ulrich Z. (New York 1902); v. Kügelgen, Die Ethik H. Zwinglis (Leipz. 1902); G. Oorthuys, De Anthropologie van Z. (Leid. 1905); P. Wernle, Ulrich Z. (im Kirchenblatt für die reformierte Schweiz, 1905); F. J. Dierauer, Geschichte der schweizerischen Eidgenossenschaft, Bd. 3 (Gotha 1907). Der Zwingliforschung widmet sich der Zwingli-Verein in Zürich, in dessen Auftrag die »Quellen zur schweizerischen Reformationsgeschichte« (Basel 1901 ff.) und die »Zwingliana« (hrsg. von Egli, Zür. 1897 ff.) erscheinen. Vgl. Finsler, Zwingli-Bibliographie (Zür. 1897).

[Bd. 6, Sp. 1047]


 

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