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Schlitten bis Schlitzhasel (Bd. 6, Sp. 869 bis 871)
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Artikelverweis Schlitten, Fuhrwerk mit zwei parallelen, durch Querleisten verbundenen, am vordern Ende oft aufgebogenen und meist hölzernen Gleitschienen (Läufer, Kufen), die auf der Unterseite glatt, mit Eisen beschlagen, auch wohl ganz aus Eisen hergestellt sind. Im allgemeinen dient der S. (oft in einfachster Form als Schleife) zum Transport von Lasten und Personen im Winter, wenn durch Schneefall eine glatte Bahn geschaffen ist, oder auf Eisflächen. Der S. ist vielleicht das ursprüngliche Fuhrwerk der Menschen und wurde und wird noch heute durch Menschen (siamesische Bauern bei der Reiskultur), Pferden, Hunden, Renntieren gezogen. Die alten Ägypter benutzten Schleifen zum Transport von Steinkolossen. Seit dem 17. Jahrh. kamen prunkvolle S. (Galaschlitten) in Gebrauch, deren hochgebogenes Vorderteil mit kunstvollem Schnitzwerk verziert war und deren Zugtiere mit Schellen (Geschell, Geläut) behängt wurden. Solche S. werden noch jetzt auf dem Lande benutzt, während die Droschkenschlitten der Städte infolge der schnellern Straßenreinigung verschwunden sind. In Alpenländern, in Skandinavien, Rußland, Kanada spielt der Postschlitten (Bergschlitten) eine große Rolle, die Bremsung erfolgt durch Eindrücken scharfer Eisen in die Fahrbahn. Der sibirische Postschlitten (Narte) wird von sechs Hunden gezogen. Zwölf Hunde vor einer Narte befördern drei Personen und 500 kg Gepäck in 24 Stunden 180 km weit. Peekschlitten mit oft so kleinem Gestell, daß nur die Füße des Fahrenden darauf Platz finden, werden durch eine lange Stange mit eiserner Spitze (Pike), die der auf dem S. Stehende in den Boden oder das Eis einstößt, fortbewegt. S. mit hörnerartig ausgebogenen Schlittenkufen (Hörnerschlitten, Fig. 1, S. 870) sind im Riesengebirge üblich und zu Sportzwecken in neuerer Zeit auch in andern deutschen Gebirgen eingebürgert. Der Schlittensport im engern Sinne stammt aus Skandinavien

[Bd. 6, Sp. 870]


und Nordamerika und ist erst in neuester Zeit nach Deutschland und der Schweiz verpflanzt worden. Bei den Rutschschlitten bedingt die Höhe die Art der Steuerung. Bei hohen S. steuert der Fahrer und bremst mit den nach vorn gerichteten Füßen. Dieser Rodel (Rodl, Fig. 2) ist in Tirol besonders im Gebrauch. Den Riesengebirgssportschlitten zeigt Fig. 3. Bei mittelhohem Sitz (Norweger Fischerschlitten, Kjälke, Schweizer Schlittel) steuert man mit Stöcken. Bei ganz niedrigen S. liegt der Fahrer auf dem Bauch und steuert mit den nach hinten gestreckten Füßen (Skeleton). Für künstliche Rutschbahnen wird ein S. benutzt, der nicht auf Kufen, sondern auf der ganzen Bodenfläche läuft (Kanadischer Toboggan). Für das Wettschlitten im Engadin sind große Mannschaftsschlitten (48 Personen) im Gebrauch (Bobfleigh), die aus zwei S. bestehen, die durch ein starkes Sitzbrett miteinander verbunden sind. Der vordere S. ist um eine Achse drehbar u. wird von dem vorn sitzenden Steuermann vermittelst zweier über Rollen laufende Stränge gesteuert. Der Tretschlitten (Rennwolf, Fig. 4) besteht aus zwei langen Kufen, die mit einem Strebegerüst versehen sind. Der Fahrer steht mit dem einen Fuß auf der einen Kufe und stößt mit dem andern Fuß zwischen den Kufen nach rückwärts ab, dabei nach Belieben das Standbein wechselnd. Zu besserm Abstoßen sind die Füße mit Sporen versehen. Diese S. finden auf der Schnee- und auf der Eisbahn Verwendung und lassen Strecken von 20 km in der Stunde zurücklegen. Über Segelschlitten s. Meyers Eisjacht. Gute Rutsch- (Rodel-) Bahnen, die im Winter von vielen Tausenden benutzt werden, gibt es im Riesengebirge (die Abfahrten von den Banden, z. B. Peterbaude-Agnetendorf, Neue Schlesischbaude-Schreiberhau), in Tirol: Salzbergstraße, Ampezzotal, Berchtesgaden, Brünnstein, Wallberg, Hirschberg etc. Es finden hier alljährlich Wettrodeln statt. Vgl. Behncke, Schlittenzeichnungen (Hamb. 1896); Max Schneider, Katechismus des Wintersports (Leipz. 1894) und Schneeschuh und Schlitten (Berl. 1905); Ferry, Das Rodeln, ein Wintersport (Graz 1906).
 
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Schlitten, im Maschinenwesen ein Maschinenteil, der sich, in Nuten geführt, in einer Horizontal- oder Vertikalebene bewegt wie bei der Hobelmaschine, dem Support einer Drehbank etc. Über S. beim Schiffbau s. Meyers Ablauf.
 
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Schlittenapparat, elektrischer, s. Meyers Elektrische Induktion, S. 623.
 
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Schlittenfahrer (Schlittenschieber), Bezeichnung für englische Schwindelfirmen, die von London oder andern englischen Plätzen aus auswärtigen (meist deutschen und österreichischen) Firmen größere Warenposten auf Kredit herausschwindeln und die bezogenen Waren zu Schleuderpreisen veräußern. Vgl. Rollo-Reuschel, Moderne Raubritter (Köln 1895).
 
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Schlittgen, Hermann, Maler und Zeichner, geb. 23. Juni 1859 in Roitzsch (Regbez. Merseburg), besuchte die Akademie in Leipzig und bildete sich dann während eines mehrjährigen Aufenthalts in Paris und auf Studienreisen in Belgien, Italien und Spanien weiter. Durch seine humoristischen Zeichnungen, in denen er hauptsächlich das Treiben der höhern Gesellschaftskreise, besonders der Offiziere, auf Bällen, Gesellschaften etc. persiflierte, wurde er einer der bekanntesten und beliebtesten Mitarbeiter der »Fliegenden Blätter«. Er hat auch Schriften von Hackländer illustriert und Gesellschaftsbilder und Bildnisse mit starken koloristischen Effekten in Öl und Pastell gemalt. Er erhielt den Professortitel und lebt in München.
 
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Schlittschuh (nach alter Schreibart auch Schrittschuh), Vorrichtung zur schnellen und leichten Fortbewegung auf dem Eise. Schlittschuhe wurden von den Pfahlbauern aus Pferdeknochen verfertigt. Die sehr großen Knochenschlittschuhe hießen altnordisch Skidi, Ondrun, und Uller, der Schlittschuh-Ase der Edda, wird als der Meister in ihrem Gebrauch geschildert. Während die nordischen Völker, auch Friesen, Holländer etc. immer gute Schlittschuhläufer waren, hat sich die Kunst in Deutschland in bescheidnern Grenzen bewegt, bis durch Klopstocks enthusiastische Schilderungen (z. B. in seinen Oden: »Der Eislauf«, »Braga«, »Die Kunst Thialfs«) das Schlittschuhlaufen von neuem populär wurde. Bis zur Mitte des 19. Jahrh. kannte man nur die ältern, aus Holland zu uns gekommenen Stahlschlittschuhe, bei denen die Sohle in Holz eingelassen ist, und zweierlei Befestigungsarten, den Kreuzriemen mit der Kappe und den knöchelmarternden Ringen oder den Schnürschuh. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrh. wurde der S. mittels einer Schraube im Absatz befestigt, dann brachten die Amerikaner neue Befestigungsarten, und seitdem sind mehrere hundert verschiedene Konstruktionen patentiert worden. Die neuesten Formen halten genau so fest wie die Sohle selbst, ohne den Fuß im geringsten zu belästigen. Zum Wettlaufen verwenden die Friesen und Holländer einen durch Riemen anzuschnallen den Holzschlittschuh mit einer 30 cm langen, 23 mm breiten, sehr flachen Stahlsohle, während Norweger und Schweden die ähnlich konstruierte Laufschiene durch ein sinnreiches Aluminiumröhrensystem stützen und an der Stiefelsohle befestigen. Mit solchen Schlittschuhen fliegt man über das Eis, ohne zu ermüden; aber sie dienen nur zum Geradeausfahren. Zum Fahren von Bogen und Bogenkombinationen oder Figuren muß die Stahlsohle einen flachen Bogen beschreiben, der je nach den Leistungen, die man wünscht, verschieden gestaltet sein muß. Eine Kombination dieser beiden Eigenschaften bietet das von dem Amerikaner Haynes konstruierte

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Modell. Die Kunst des Schlittschuhfahrens hat sich je nach der Örtlichkeit verschieden entwickelt. In Holland, Friesland, Skandinavien, Rußland, Finnland, in Norddeutschland und Kanada wird das Weit- und Schnellfahren mehr gepflegt, während im übrigen Deutschland, Österreich, Ungarn, England, in neuester Zeit auch in Schweden das Kunstlaufen in höchster Blüte steht, gefördert durch den Internationalen Eislaufverband und die verschiedenen größern Sportklubs, von denen besonders der Wiener Eislaufverein und der Berliner Schlittschuhklub sehr zur Verbreitung des Eislaufens beigetragen haben. In Großstädten mit kleinen Eisplätzen und rivalisierenden Schlittschuhläufern ist das Kunstlaufen als besonderer Sport vollständig ausgebildet. Der Wiener Eislaufverein hat die zahllose Menge der Kunstfiguren in ein System gebracht. Zum Schlittschuhsegeln benutzt man Schlittschuhe von etwa 60 cm Länge und ein an einem leichten Holzgestell verschiedener Konstruktion befestigtes leichtes Baumwoll- oder Seidensegel, die hiermit erzielte Schnelligkeit ist recht bedeutend und erreicht bei günstigem Winde wohl die Schnelligkeit eines Kurierzuges. Da aber zur Ausübung des Schlittschuhsegelns große schneefreie Eisflächen erforderlich sind, so findet sich selten Gelegenheit, diesen Sport ausüben zu können. Mit Rollschuhen fuhr man in mit Asphalt oder Zement ausgelegten Hallen (Skating-Rinks). Diese Bewegung kam zuerst in den Vereinigten Staaten von Nordamerika auf und fand auch in Europa Nachahmung, kommt aber in neuerer Zeit nicht mehr in Anwendung. Dagegen baut man jetzt in einigen größern Städten, London, Paris, Brüssel, künstliche Eisbahnen, in denen durch ein Röhrensystem, in dem sehr kalte Salzlösungen zirkulieren, eine wirkliche Eisbahn im Sommer erzeugt wird. Vgl. Brink, Die Schlittschuhfahrkunst (Plauen 1881); Calistus, Kunst des Schlittschuhlaufens (3. Aufl., Wien 1903); Diamantidi u. a., Spuren auf dem Eise (2. Aufl., das. 1892); Helfrich, Praktische Winke für Kunsteisläufer etc. (Berl. 1902); Holletschek, Kunstfertigkeit im Eislaufen (6. Aufl., Troppau 1904); Anderson, The art of skating (Lond. 1867); Vandervell und Witham, A system of figure-skating (3. Aufl., das. 1874); Meagher, Figure and fancy skating (das. 1895); Monier Williams, Figure-skating (das. 1898); Foster, Bibliography of skating (das. 1898). Über Wettleistungen s. auch Meyers Leibesübungen.
 
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Schlitz, Stadt in der hess. Provinz Oberhessen, Kreis Lauterbach, an der Schlitz (Nebenfluß der Fulda) und der Staatsbahnlinie Salzschlirf-S., 230 m ü. M., hat eine alte evang. Kirche (812 eingeweiht), eine kath. Kirche, Synagoge, 5 Burgen (darunter die Hallenburg mit schönem Park, Residenz des Grafen von Görtz, s. d.), Amtsgericht, Forstamt, Leinweberei, Bleicherei, Holzschneiderei, Ziegelbrennerei und (1905) 2620 meist evang. Einwohner.
 
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Schlitzarbeit (Schlitzen), s. Meyers Bergbau, S. 663, 2. Spalte.
 
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Schlitzaugen, schmale, schief von außen oben nach innen unten verlaufende Augenspalten, die meistens noch am innern Augenwinkel über dem Tränenwärzchen von einer Hautfalte verdeckt werden. S. sind eine charakteristische Eigentümlichkeit der Mongolen, im besondern der Chinesen und Japaner (doch nicht immer); sie kommen auch vor bei amerikanischen Stämmen, Hottentotten und selbst bei Angehörigen der kaukasischen Rasse, vorwiegend nur vorübergehend bei Kindern (nach Drews bei Münchener Knaben im 1. bis 6. Lebensmonat ausgeprägt in 4 Proz., Mädchen 7 Proz., nur angedeutet sogar in 33,1, resp. 32,6 Proz.). Diese Erscheinung beruht auf einer geringern Hautspannung, bedingt durch den Bau der Gesichtsknochen der mongolischen Rasse (eingedrückte Nasenwurzel, vorspringende Wangenbeine etc.). Die Augäpfel stehen hier geradeso wie beim Kaukasier, ihr Schiefstand ist nur ein scheinbarer.
 
Artikelverweis 
Schlitzbrenner, s. Meyers Leuchtgas, S. 464.
 
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Schlitzhasel, s. Meyers Haselstrauch, S. 859.

 

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