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Schleiz bis Schlenther (Bd. 6, Sp. 843 bis 844)
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Artikelverweis Schleiz, Haupt- und Residenzstadt des frühern Fürstentums Reuß-Schleiz, seit der Vereinigung der beiden Fürstentümer Reuß jüngere Linie (1848) die zweite Residenz des Landes, an der Wiesental und an der sächsischen Staatsbahnlinie S.-Schönberg, 442 m ü. M., hat ein fürstliches Residenzschloß, 3 evang. Kirchen (darunter die altertümliche Bergkirche mit der fürstlichen Gruft), Gymnasium, Schullehrerseminar, Taubstummenanstalt, Idiotenanstalt, ein Arbeitshaus, die fürstliche Kammer, ein Amtsgericht, ein Landratsamt (für den Oberländischen Bezirk), einen fürstlichen Marstall, Fabrikation von Metall-, Holz- und Spielwaren, Gerberei, Bierbrauerei etc., besuchte Vieh- und Schweinemärkte und (1905) 5577

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Einw. S. ist Geburtsort Böttgers, des Erfinders des Porzellans.

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   Wappen von Schleiz.

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In der Nähe das Lustschloß Heinrichsruhe und 4 km südwestlich Schloß Meyers Burgk (s. d.). An der Stelle des jetzigen Residenzschlosses in S. stand eine slawische Befestigung; der Ort, urkundlich zuerst 1273 als Slowitz erwähnt, erhielt 1359 städtische Rechte, hatte im Hussiten- und im Dreißigjährigen Krieg sehr viel zu leiden und brannte 1689, 1837 und 1850 größtenteils ab. Vom 13.16. Jahrh. bestand hier eine Niederlassung des Deutschen Ordens. Am 9. Okt. 1806 siegten hier die Franzosen unter Davout über die Preußen unter Tauentzien. Vgl. Alberti, Geschichte des deutschen Hauses zu S. (Schleiz 1877); v. Strauch, Der erste Zusammenstoß im Kriege von 1806/07. Das Gefecht bei S. (das. 1906).
 
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Schlema, zwei Dörfer in der sächs. Kreish. Zwickau, Amtsh. Schwarzenberg: 1) (Nieder-S.) an der Zwickauer Mulde, Knotenpunkt der Staatsbahnlinien Werdau-Aue und Nieder-S.-Schneeberg-Neustädtel, hat eine evang. Kirche, eine bedeutende Buntpapierfabrik, eine Papier- und Pappenfabrik, Stickerei, eine Dampfmahl- und eine Dampfsägemühle, Granitbrüche und (1905) 2522 Einw. 2) (Ober-S.) an der Staatsbahnlinie Nieder-S.-Schneeberg-Neustädtel, hat eine Spitzenklöppelschule, ein königliches Blaufarbenwerk, eine Buntpapierfabrik, Nickel-, Papier- und Pappenfabrikation, Weißstickerei, Granitbrüche und (1905) 2563 Einw.
 
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Schlemihl, im jüdisch-deutschen Jargon ein Mensch, der viel Mißgeschick hat, Pechvogel. Ob das Wort von dem hebräischen Eigennamen Schlumiel (4. Mos. 1, 6), »Gottheil«, abzuleiten sei und demnach eigentlich jemand bezeichne, der sein Heil ausschließlich von Gott erwarte, oder mit »Schlimm Massal«, d. h. Unglück, zusammenhängt, ist zweifelhaft. Bekannt wurde der Ausdruck besonders durch Chamissos Erzählung »Peter S.«, worin der volkstümliche Aberglaube, daß man seinen Schatten verlieren, und daß der Teufel ihn an sich nehmen könne, wenn er über den Menschen selbst nicht Gewalt habe, als Hauptmotiv verwendet ist.
 
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Schlemm (v. engl. slam, »Niederlage«), s. Meyers Whist.
 
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Schlemmscher Kanal, eine nach dem Anatomen Friedrich Schlemm (gest. 1858 in Berlin) benannte Vene, s. Text zur Tafel Meyers »Auge II«.
 
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Schlempe, die alkoholfreie Flüssigkeit, die nach dem Abdestillieren des Weingeistes aus der Branntweinmaische übrigbleibt. Auf 100 Lit. Maischraum erhält man 90120 Lit. S. Sie enthält die stickstoffhaltigen Bestandteile des Rohmaterials, Reste von Dextrin und Zucker, außerdem Milchsäure, Essigsäure, Bernsteinsäure, Glyzerin, Hülsen, Salze etc. Die Zusammensetzung wechselt natürlich, je nachdem Getreide, Kartoffeln, Früchte oder Wurzeln zur Branntweinbrennerei benutzt wurden, und schwankt überdies auch nach den angewandten Methoden in weiten Grenzen. Mittlere Zusammensetzung:

Man benutzt Getreide- und Kartoffelschlempe als Viehfutter, zumal Kartoffelschlempe ein günstigeres Verhältnis zwischen stickstofffreien und stickstoffhaltigen Bestandteilen aufweist als der Rohstoff. Auf ein Haupt Rindvieh rechnet man täglich 5060 Lit. S. Übermäßige Fütterung mit S. erzeugt Rindermauke, Gelbsucht bei Schafen, Ruhrkrankheit und Schwächung des Darmkanals. Kälber vertragen sie am wenigsten. Am besten verbraucht man sie frisch, vermeidet Säuerung und Zersetzung und mäßigt durch Zugabe von vielem Trockenfutter die nachteilige Wirkung. Besonders brauchbar ist sie bei Milch- und Mastvieh. Zur bessern Verwertung der S. verdampft man sie und verwandelt den Rückstand in Mehl. Dieser Kraftfutterstoff enthält:

Feska scheidet die in der S. enthaltenen ungel often Teile ab, indem er die S. eine mit Stroh-, Heuhäcksel oder andres Rauhfutter beschickte Zentrifuge passieren läßt. Das getrocknete Rauhfutter ist sehr nahrhaft und haltbar. Melassenschlempe verarbeitet man auf Kalisalze oder benutzt sie als Dünger, auch hat man daraus Trimethylamin und Methylchlorür dargestellt.
 
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Schlempemauke (Fußmauke, Fußgrind, Fußräude), ein Hautausschlag (toxisches Exanthem) der Rinder, der in der Regel an den Hinterfüßen, seltener an den Vorderfüßen, bisweilen auch an andern Körperteilen auftritt. Die Haut näßt, wird wund und bedeckt sich mit Borken. Bei Vernachlässigung werden die Tiere allgemein krank und können zugrunde gehen. Die S. wird veranlaßt durch einen nicht näher bekannten giftigen Stoff, der sich reichlich in der Kartoffelpflanze finden oder unter gewissen Umständen bilden muß. Die S. entsteht im allgemeinen nur bei Verfütterung zu großer Mengen von Schlempe ohne genügende Beigaben von Kraft- und Trockenfutter, doch wirkt manche Schlempe leichter schädlich und bisweilen kann schon Fütterung von Kartoffeln und Kartoffelkraut ähnliche Wirkung haben. Manche Rinder sind besonders empfindlich, am ehesten erkranken Mastochsen, am wenigsten Milchkühe. Der giftige Stoff wird sicher mit Exkrementen und Harn, wahrscheinlich auch durch die Hautdrüsen, ausgeschieden. Die Beschmutzung der Füße beim Liegen in der Streu erklärt ihre vorzugsweise Erkrankung. Auch die Milch enthält den Stoff und ist daher für Kälber und Kinder (Ausschlag) schädlich. Die Behandlung beruht auf der Einschränkung oder zeitweisen Einstellung der Schlempefütterung; reine, gute Streu unterstützt sie. Eine ähnliche Hauterkrankung soll nach Verfütterung von Träbern entstehen (Träberausschlag); vgl. Mauke (Schmutzmauke).
 
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Schlempemethode, s. Meyers Preßhefe.
 
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Schlendrian (niederdeutsch), herkömmliche, in aller Gemächlichkeit beharrende Gewohnheit, besonders ein solcher Geschäftsgang.
 
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Schlenge, soviel wie Meyers Bühne (s. d.).
 
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Schlenther, Paul, Schriftsteller, geb. 20. Aug. 1854 in Insterburg, studierte in Leipzig, Heidelberg und Berlin Philosophie und Germanistik und wurde 1880 in Tübingen promoviert auf Grund der Schrift: »Frau Gottsched und die bürgerliche Komödie. Ein Kulturbild aus der Zopfzeit« (Berl. 1886). Seit 1881 literarisch tätig, trat er 1886 in die Redaktion der »Vossischen Zeitung« als erster Theaterreferent und Redakteur der Sonntagsbeilage ein und erwarb sich bald den Ruf eines der angesehensten Kritiker Berlins. Von ihm erschienen: »Botho von Hülsen und seine

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Leute« (Berl. 1883); »Ludwig Holbergs dänische Schaubühne«, eine kritisch erläuterte Ausgabe der ältesten deutschen Holberg-Übersetzungen (mit J. Hoffory, das. 1888, 2 Bde.); »Wozu der Lärm? Genesis der Freien Bühne« (das. 1889); »Der Frauenberuf im Theater« (das. 1894); »Gerhart Hauptmann. Sein Lebensgang und seine Dichtung« (1.3. Aufl., das. 1898); »Bernhard Baumeister. 50 Jahre Burgtheater« (Wien 1902). Auch gab er das Sammelwerk »Das neunzehnte Jahrhundert in Deutschlands Entwickelung« (Berl. 190003, Bd. 1 bis 7) heraus und ist neben G. Brandes und Elias Mitherausgeber der deutschen Ausgabe von Ibsens Werken (s. Meyers Ibsen). Mit O. Brahm begründete er 1889 den Berliner Verein »Freie Bühne«, dessen Vorsitzender er seit 1893 war. Er ist ein eifriger Wortführer der modernen literarischen Bestrebungen, namentlich ein Vorkämpfer G. Hauptmanns. 1898 folgte er einem Ruf als Direktor des Hofburgtheaters nach Wien, wohin ihm im nächsten Jahr auch seine Gattin (Paula Conrad) folgte, die sich in Berlin als langjähriges Mitglied des königlichen Schauspielhauses großer Beliebtheit erfreute.

 

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