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Schlegel bis Schleicher (Bd. 6, Sp. 833 bis 837)
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Artikelverweis Schlegel, 1) Johann Elias, Dichter, geb. 17. Jan. 1719 in Meißen, gest. 13. Aug. 1749 in Soröe, besuchte die Klosterschule Pforta, studierte sodann in Leipzig die Rechte und hörte außerdem Vorlesungen

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bei Gottsched, mit dem er auch persönlich bekannt wurde, »ohne ihm jemals Heeresfolge zu leisten«. 1743 ging er als Privatsekretär des sächsischen Gesandten nach Kopenhagen und wurde 1748 Professor an der neugegründeten Ritterakademie in Soröe. Seine Alexandrinertragödien, von denen der »Hermann« (Arminius, 1741) und »Kanut« besonders hervorzuheben sind, bezeichnen einen merklichen Fortschritt gegenüber der Gottschedschen Schule. In der Übersetzung von Congreves »The mourning bride« (»Die Braut in Trauer«) bediente er sich als erster im deutschen Drama des fünffüßigen Jambus. Von seinen Lustspielen erwarben »Der Triumph der guten Frauen« und »Die stumme Schönheit« ihm das Lob Mendelssohns und Lessings. Höher als seine Dichtungen stehen seine theoretischen Schriften; er war der erste, der auf Shakespeare wieder im Sinn aufrichtiger Verehrung hinzudeuten wagte. Ein Streit über die Berechtigung des Verses in der Komödie mit dem Gottschedianer Straube (1740) führte ihn zu eindringenden Untersuchungen über das Wesen der poetischen »Nachahmung« überhaupt. Seine Werke erschienen in 5 Bänden (Leipz. 176170), seine »Ästhetischen und dramaturgischen Schriften« gab Antoniewicz neu heraus (Heilbr. 1887). Vgl. E. Wolff, Joh. Elias S. (Kiel 1889); Rentsch, Johann Elias S. als Trauerspieldichter (Leipz. 1890).
   2) Johann Adolf, Dichter und Kanzelredner, Bruder des vorigen, geb. 17. Sept. 1721 in Meißen, gest. 16. Sept. 1793 in Hannover, studierte in Leipzig, wurde 1751 Diakonus und Lehrer in Pforta, 1754 Pastor und Professor in Zerbst und 1759 Pastor, 1775 auch Konsistorialrat und Superintendent in Hannover. Er war ein mehr tätiger als glücklicher Mitarbeiter an den »Bremischen Beiträgen«. Von seinen Gedichten erhielten sich nur einige geistliche Lieder. Er veröffentlichte auch eine durch eigne Zusätze erweiterte Übersetzung von Batteux' »Einschränkung der schönen Künste auf Einen Grundsatz« (Leipz. 1759; 3. Aufl. 1770, 2 Bde.).
   3) Johann Heinrich, dänisch-deutscher Historiker, Bruder des vorigen, geb. 24. Nov. 1724 in Meißen, gest. 18. Okt. 1780 in Kopenhagen, siedelte 1748 nach Dänemark über, wo er längere Zeit als Erzieher tätig war. Seit 1757 Sekretär in der Kanzlei zu Kopenhagen, wurde er 1760 Universitätsprofessor der Geschichte, 1770 königlicher Bibliothekar daselbst. Seine deutsch geschriebenen Hauptwerke sind: »Geschichte der Könige von Dänemark aus dem oldenburgischen Stamm« (Kopenh. u. Leipz. 176977, 2 Bde.) und »Sammlungen zur dänischen Geschichte etc.« (17711776, 2 Bde.). Ferner übersetzte er Slanges »Geschichte Christians IV.« (175771, 3 Bde.) sowie mehrere Stücke von Thomson und andern englischen Dramatikern und gab 176170 in 5 Bänden die Werke seines Bruders Johann Elias (s. S. 1) heraus.
   4) August Wilhelm von, namhafter Kritiker, Sprachforscher und Dichter, Sohn von S. 2), geb. 8. Sept. 1767 in Hannover, gest. 12. Mai 1845 in Bonn, besuchte in seiner Vaterstadt das Gymnasium, begann 1786 in Göttingen das Studium der Theologie, wandte sich jedoch bald, stark angeregt durch Heyne, ausschließlich der Philologie und schriftstellerischen Tätigkeit zu. Wesentlichen Einfluß auf ihn in ästhetischer Richtung gewannen Bürger, der ihm befreundet ward und in einem Sonett Schlegels Dichterberuf proklamierte, und Bouterwek, der ihm Vorliebe für romanische Poesie einflößte. Nach beendigten akademischen Studien bekleidete er 179195 eine Hofmeisterstelle im Hause des Bankiers Muilman zu Amsterdam und ließ sich, nachdem er im Herbst 1795 nach Deutschland zurückgekehrt war, im folgenden Frühjahr in Jena nieder. Hier war er, zum Teil in Gemeinschaft mit seiner geistreichen (später von ihm geschiedenen) Frau, einer Tochter des Professors Michaelis in Göttingen (s. Meyers Schelling 2), als Dichter besonders für Schillers »Horen« und »Musenalmanach«, als Kritiker für die jenaische »Allgemeine Literaturzeitung« eifrig tätig (vgl. Alt, Schiller und die Brüder S., Weim. 1904); auch erwies er durch Verdeutschung von Dichtungen Shakespeares, Calderons, Dantes, Guarinis, Cervantes', Camões' u. a. seine eigenste Begabung und rasch erreichte Meisterschaft in der Kunst der poetischen Übertragung. 1797 geriet er ebenso wie sein Bruder Friedrich (s. S. 5) in einen feindseligen Gegensatz zu Schiller, während Goethe ihm weiterhin wohlwollende Gesinnung bewahrte. Keinen andern Gegner der Romantiker hat er jedoch mit so scharfem Spott verfolgt wie Kotzebue. Vom Herzog Karl August 1798 zum außerordentlichen Professor an der Universität Jena ernannt, gab er mit seinem Bruder Friedrich gemeinsam die Zeitschrift »Athenäum« heraus (17981900; Neudruck von Fritz Baader, Berl. 1905), blieb bis 1801 in Jena, ging dann nach Berlin und hielt dort Vorlesungen über schöne Literatur und Kunst, die große Teilnahme fanden (nach der Handschrift hrsg. von Minor, Heilbr. 1884, 3 Bde.). Von 1804 an lebte er meist außerhalb Deutschlands auf dem der Frau v. Staël gehörigen Landgut Coppet am Genfer See sowie als deren Reisebegleiter nach Italien, Frankreich, Schweden und England. Er nahm Anteil an den Bestrebungen der Frau v. Staël, die Franzosen mit der neuen Phase des deutschen Geisteslebens bekannt zu machen; in seiner »Comparaison entre la Phèdre de Racine et celle d'Euripide« (Par. 1807) bekämpfte er vom Standpunkte der Romantik aus den französischen Klassizismus. Durch die Reisen angeregt, wendete er sein Interesse neben der Literatur immer mehr den bildenden Künsten zu. In Wien hielt er 1808 mit höchstem Beifall aufgenommene Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur. Während der Feldzüge 1813 und 1814 stand er als Sekretär in Diensten des damaligen Kronprinzen von Schweden, dessen Proklamationen er zum größten Teil verfaßte. Nach dem Kriege lebte S., der sich seit 1815 auf Grund eines seinem Urahnen von Ferdinand III. erteilten Adelsdiploms von S. nannte, wieder mit der Frau v. Stael in Coppet, bis er 1818 einem Ruf als Professor der Literatur an die neugegründete Universität in Bonn folgte. Eine zweite Ehe, die er mit Sophie, der Tochter des Kirchenrats Paulus, 1818 geschlossen, wurde noch rascher als die erste wieder getrennt. In Bonn betrieb er mit Vorliebe orientalische, namentlich indische, Studien, die ihn zu wiederholten Malen nach Frankreich und 1823 nach England führten und ihn zur Gründung einer Druckerei mit Sanskrittypen in Bonn veranlaßten. Während eines längern Besuches in Berlin (1827) hielt er Vorlesungen über die Theorie und Geschichte der bildenden Künste. Die Wandlung zum Katholizismus, die manche seiner frühern romantischen Genossen vollzogen, machte er nicht mit; in der »Berichtigung einiger Mißdeutungen« (1828) hat er ausdrücklich seinen entgegengesetzten Standpunkt kundgegeben. In den letzten Jahrzehnten seines Lebens entwickelte sich immer mehr seine Eitelkeit und Vornehmtuerei, durch die er sich vielfach dem Gespött aussetzte. Erbarmungslos verhöhnte ihn

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Heine, der als Student in Bonn sein begeisterter Schüler gewesen war. Doch hat er, wie seine literarischen Spottgedichte in Wendts »Musenalmanach auf 1832« beweisen, auch selber die. alte Streitlust nicht verloren. Schlegels eignes poetisches Schaffen erscheint gegenüber seiner sonstigen vielseitigen Produktivität unbedeutend. Bei aller formellen Virtuosität hat er es kaum zu einer wahrhaft lebensvollen dichterischen Schöpfung gebracht; seiner Lyrik fehlt die Herzenswärme, und so gelangen ihm eigentlich nur Epigramme oder Sonette, in denen die geistreiche Pointe und die durchgebildete Form die Hauptsache sind. Erwähnung verdient außerdem die Romanze »Arion« (1799 in Schillers »Musenalmanach«) und die Elegie »Rom«, die er 1805 der Frau v. Staël widmete. Sein dramatischer Versuch »Ion« (Hamb. 1803) gehört der reflektierten Philologenpoesie an. Unübertrefflich und unvergänglich dagegen ist, was S. als poetischer Übersetzer geschaffen. Daß die deutsche Nation Shakespeare wie einen Dichter des eignen Volkes ansehen kann, verdankt sie Schlegels Übertragung der Shakespeareschen Dramen, die jedoch nur 17 Stücke umfaßt (die Königsdramen außer »Heinrich VIII.«, »Romeo«, »Julius Cäsar«, »Hamlet«, »Sommernachtstraum«, »Kaufmann von Venedig«, »Der Sturm«, »Was ihr wollt«, »Wie es euch gefällt«, Berl. 17971810, 10 Bde.; vgl. Bernays, Zur Entstehungsgeschichte des Schlegelschen Shakespeare, Leipz. 1872). Geschickt, wenn auch nicht mit gleicher Meisterschaft, übertrug S. fünf Dramen Calderons (»Spanisches Theater«, Berl. 180309, 2 Bde.) und andre romanische Dichtungen (»Blumensträuße italienischer, spanischer und portugiesischer Poesie«, das. 1803). Als Ästhetiker eröffnete S. mit seinem Bruder den Reigen der deutschen Romantik. Die mit seinem Bruder gemeinsam herausgegebenen kritischen Schriften und Aufsätze (»Charakteristiken und Kritiken«, Königsb. 1801) und die von ihm allein verfaßten (gesammelt als »Kritische Schriften«, Berl. 1828, 2 Bde.) enthalten vieles von dauerndem Wert, freilich auch viel gehässige Polemik. In den »Vorlesungen über dramatische Kunst und Literatur« (Heidelb. 180511, 3 Bde.) und »Über Theorie und Geschichte der bildenden Künste« (Berl. 1827) entfaltet S. die ganze Feinheit und den großen Überblick seines kunsthistorischen und ästhetischen Urteils. Unter seinen philologischen Arbeiten verdienen die »Observations sur la langue et la littérature provençale« (Par. 1818), die Zeitschrift »Indische Bibliothek« (Bonn 182330, 3 Bde.), die Ausgaben des »Bhagavad-Gitâ« (das. 1823) und des »Râmâyana« (das. 18291846) Auszeichnung, durch welch letztere Werke eine wissenschaftliche Behandlung der indischen Literatur in Deutschland zuerst eingeführt wurde. Eine Gesamtausgabe seiner deutschen Schriften hat Böcking veranstaltet (Leipz. 184647, 12 Bde.), der sich die von demselben redigierten »Œuvres écritesen français« (das. 1846, 3 Bde.) und die »Opuscula quae latine scripta reliquit« (das. 1848) anschließen. Eine Auswahl der »Gedichte« Schlegels erschien in Leipzig 1854. Sein Bildnis s. Tafel Meyers »Deutsche Romantiker«. Vgl. Pichtos, Die Ästhetik A. W. v. Schlegels in ihrer geschichtlichen Entwickelung (Berl. 1894); Sulger-Gebing, Die Brüder A. W. und F. S. in ihrem Verhältnis zur bildenden Kunst (Münch. 1897) und Aug. Wilh. S. und Dante (in den »Germanistischen Abhandlungen, H. Paul dargebracht«, Straßb. 1902); Schwill, Aug. Wilh. S. über das Theater der Franzosen (Dissertation, Münch. 1898); Walzel, Frau von Staëls Buch, De l'Allemagne' und A. W. S. (in den »Forschungen zur neuern Literaturgeschichte, Festgabe für R. Heinzel«, Weim. 1898).
   5) Friedrich von, hervorragender Ästhetiker der romantischen Schule, Bruder des vorigen, geb. 10. März 1772 in Hannover, gest. 12. Jan. 1829 in Dresden, war ursprünglich zum Kaufmann bestimmt, begann als solcher seine Lehrzeit in Leipzig, entschied sich aber dann für das Studium, dem er in Göttingen in Gemeinschaft mit seinem Bruder und seit 1791 in Leipzig oblag. Die Rechtswissenschaft, der er sich hatte widmen sollen, gab er 1793 auf, um ausschließlich der Literatur und Kunst zu leben. Vor allem wendete er sich dem Studium des griechischen Altertums zu, sein Ideal war damals, der »Winckelmann der griechischen Literatur« zu werden, doch kam er nicht über vielversprechende Ansätze hinaus. 1794 siedelte er nach Dresden über und veröffentlichte seinen gedankenreichen Essay »Von den Schulen der griechischen Poesie«, dem andre, verwandte Arbeiten folgten. 1796 ging er zu seinem Bruder nach Jena und beschäftigte sich nun auch eifrig mit neuerer Literatur und Philosophie. Mit Schiller verfeindete er sich durch den verletzenden Ton seiner Rezensionen, dagegen war er ein begeisterter Verehrer Fichtes und Goethes. Im Juli 1797 zog er nach Berlin und gab mit seinem Bruder das »Athenäum« (s. oben) heraus, in dem er seine »Fragmente« veröffentlichte. Hier suchte er die Theorie einer neuen »romantischen« Poesie darzulegen, »die allein unendlich ist, wie sie allein frei ist und das als erstes Gesetz anerkennt, daß die Willkür des Dichters kein Gesetz über sich leide«. In Berlin lernte er Moses Mendelssohns Tochter Dorothea, die Gattin des jüdischen Kaufmanns Simon Veit, kennen, die sich um seinetwillen 1798 von ihrem Gatten scheiden ließ und von da an mit S. vereinigt lebte. Der halb lüsterne, halb kalt reflektierte (unvollendete) Roman »Lucinde« (1. Teil, Berl. 1799; mit Schleiermachers [s. d.] »Vertrauten Briefen über Schlegels Lucinde« hrsg. von Frank, Leipz. 1907) spiegelt die persönlichen Liebeserfahrungen des Verfassers wider (vgl. Rouge, Erläuterungen zu F. Schlegels, Lucinde', Halle 1905). Im August 1800 habilitierte er sich in Jena als Privatdozent, ging 1802 nach Dresden und begab sich von hier zum Studium der Kunstsammlungen nach Paris. Vorher noch hatte er sich auf dem Gebiete der Tragödie versucht, doch wurde sein »Alarkos« (Berl. 1802) bei der Ausführung in Weimar trotz der wohlwollenden Haltung Goethes abgelehnt. In Paris vertiefte er sich in das Studium des Persischen und Indischen und von dort aus begründete er die Zeitschrift »Europa«. Im April 1804 ließ er sich mit Dorothea trauen, die kurz vorher zum Protestantismus übergetreten war, und siedelte dann nach Köln über, wohin ihn die Brüder Boisserée eingeladen hatten, und wo er philosophische Vorlesungen hielt. Hier entwickelte sich aus seiner romantischen Grundstimmung immer entschiedener eine Neigung zum Katholizismus. Im April 1808 nahm er mit Dorothea den katholischen Glauben an. In demselben Jahr erschien als reifste Frucht seiner orientalischen Studien das Buch über die »Sprache und Weisheit der Inder«, das auch der vergleichenden Sprachwissenschaft fruchtbare Anregungen gab. Bald darauf reiste er nach Wien und ward dort 1809 als Sekretär und literarischer Hilfsarbeiter bei der Hof- und Staatskanzlei mit dem Titel eines Hofrats an gestellt. Die schwungvollen Proklamationen, die 1809 die Erhebung Österreichs verkündeten, stammten aus

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seiner Feder; im Hauptquartier des Erzherzogs Karl redigierte er die »Österreichische Zeitung« (»Armeezeitung«). Nach dem verhängnisvollen Friedensschluß im Herbst 1809 versank er mit dem gesamten Metternich-Gentzschen Kreis in resignierten Pessimismus, schloß sich demnächst immer inniger und gegen Andersdenkende unduldsamer an die Kirche an, wie aus den vielbesuchten historischen und literarhistorischen Vorlesungen hervorgeht, die er in den Wintern 1810 und 1812 in Wien hielt. In seiner »Geschichte der alten und neuen Literatur« (Wien 1815) mußte er gar vieles von dem zurücknehmen, was er einst enthusiastisch verkündigt hatte, und statt Goethe wurden ihm Dante und Calderon die größten »romantischen« Dichter. 1814 wurde S. zum Ritter des päpstlichen Christusordens erhoben; 181518 war er als Legationsrat bei der österreichischen Bundestagsgesandtschaft in Frankfurt tätig. 1819 reiste er mit Metternich nach Italien, widmete sich dann in Wien wieder ausschließlich literarischen Arbeiten und gab unter anderm die Zeitschrift »Concordia« (182023) heraus, deren Tendenz auf die Zurückführung aller Konfessionen in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche gerichtet war. Dabei gab er sich der »Philosophie des Lebens« in der wachsenden Luft an der Gourmandise hin. 1827 hielt er wieder in Wien Vorlesungen »zur Philosophie der Geschichte« und kam im Herbst 1828 nach Dresden, wo er Vorlesungen »über Philosophie der Sprache und des Wortes« zu halten begann, die durch seinen Tod unterbrochen wurden. Schlegels »Sämtliche Werke« (Wien 182225, 10 Bde.) erschienen noch bei Lebzeiten des Autors; noch in seinem Todesjahre (1829) erschienen in Wien die Vorlesungen über »Philosophie der Geschichte«, ihnen schlossen sich die »Philosophischen Vorlesungen aus den Jahren 18041806« (hrsg. von Windischmann, Bonn 1836, 2 Bde.) an. Eine neue, von Feuchtersleben veranstaltete Ausgabe der »Sämtlichen Werke« (Wien 1846, 15 Bde.) erfuhr mannigfache Vermehrungen. Seine »Prosaischen Jugendschriften« gab Minor heraus (Wien 1882, 2 Bde.). »Friedrich Schlegels Briefe an seinen Bruder August Wilhelm« (mit dem er in der ersten Hälfte seines Lebens getreulich zusammenwirkte, während später eine immer entschiedenere Entfremdung eintrat) veröffentlichte Walzel (Berl. 1890). Sein Bildnis s. Tafel Meyers »Deutsche Romantiker«. Vgl. Haym, Die romantische Schule (Berl. 1869, Neudruck 1902); »Aus Schleiermachers Leben« (hrsg. von Dilthey, das. 185863, 4 Bde.); Rouge, Frédéric S. et la genèse du romantisme allemand (Par. 1904); Lerch, F. Schlegels philosophische Anschauungen (Dissertation, Erlang. 1906); Glawe, Die Religion F. Schlegels (Berl. 1906); Scholl, F. S. und Goethe, 17901802 (Cambridge, Mass., 1906). Seine Gattin Dorothea, geb. 24. Okt. 1763 in Berlin (s. oben), starb 3. Aug. 1839 in Frankfurt a. M. bei ihrem Sohn aus erster Ehe, dem Maler Philipp Veit. Ihre von S. unter seinem Namen herausgegebenen Schriften sind: »Florentin«, ein unvollendeter Roman (Leipz. 1801); »Sammlung romantischer Dichtungen des Mittelalters« (Bd. 1, das. 1804); eine Bearbeitung von »Loher und Maller« (Frankf. 1805) und die Übersetzung der »Corinne« der Frau v. Staël (Berl. 1808). Vgl. Raich, Dorothea von S. und deren Söhne Johannes und Philipp Veit. Briefwechsel (Mainz 1881); Deibel, Dorothea S. als Schriftstellerin (Berl. 1905).
   6) Hermann, Zoolog, geb. 1804 in Altenburg, gest. 17. Jan. 1884 als Direktor des Reichsmuseums in Leiden; schrieb: »Essai sur la physionomie des serpens« (Amsterd. 1837, 2 Bde., mit Atlas); »Kritische Übersicht der europäischen Vögel« (Leiden 1844); »Traité de fauconnerie« (mit Wulverhorst, das. 1846); »De Vogels van Nederland« (Haarlem 1860; 2. Ausg., Amsterd. 187778, 2 Tle.); »Monographie des Loxiens« (mit Bonaparte, Leiden 1850); »Museum d'histoire naturelle des Pays-Bas« (mit Goffin, das. 186267,9 Lfgn.); »De Vogels van Nederlandsch. Indië« (Haarl. 186366; neue Ausg. Leiden 1876). Auch bearbeitete er Reptilien, Fische, Vögel und Säugetiere für Siebolds »Fauna japonica« und lieferte Untersuchungen über das Gefieder und die Zugstraßen der Vögel, über den Orang-Utan etc.
   7) Karoline, s. Meyers Schelling 2).
   8) Luise, Opernsängerin, s. Meyers Köster 1).
 
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Schlegeler (Schleglerbund), ein am Tage Martini (11. Nov., daher auch Martinsvögel genannt) 1366 von schwäbischen Rittern gestifteter Bund, dessen Mitglieder als Abzeichen silberne Keulen (Schlegel) führten und deren Häupter Schlegelkönige hießen. Die S. wurden 1395 von den vereinigten Nachbarfürsten, namentlich Eberhard III. von Württemberg (s. Meyers Eberhard 3), bei Heimsheim überwältigt und drei Könige gefangen genommen. Als König Wenzel den Bund verbot, löste er sich auf.
 
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Schlegelhacke, s. Meyers Axt.
 
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Schlegelnuß, s. Meyers Walnußbaum.
 
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Schlehe (Schlehendorn), soviel wie Haferschlehe, s. Meyers Pflaumenbaum.
 
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Schlei (Schleie, Schleihe, Schleiche, Tinca Cuv.), Gattung der Edelfische aus der Familie der Karpfen (Cyprinidae), kleinschuppige Fische mit sehr dicker, durchsichtiger Oberhautschicht, endständigem Maul, zwei Bärteln an den Mundwinkeln, keulenförmigen Schlundzähnen in einfacher Reihe und kurzbasiger Rücken- und Afterflosse. Die gemeine S. (Schleierkarpfen, T. vulgaris Cur., s. Tafel Meyers »Teichfischerei«, Fig. 2), bis 50, meist 2030 cm lang und bis 6 kg schwer, dunkel ölgrün, an den Seiten hell- oder rötlichgrau mit violettem Schimmer, variiert sehr in der Färbung (Goldschlei, eine schwarzfleckige, orangegelbe oder rote Varietät mit großen, dünnen, durchsichtigen Schuppen und zarten Flossen, in Oberschlesien), findet sich in fast allen europäischen Flußgebieten von Süditalien bis Schweden, namentlich auch in vielen Seen, und bevorzugt Gewässer mit schlammigem, lehmigem Grund. Sie gedeiht auch noch in Wasser, in dem Karpfen abstehen, verweilt stets am Boden, verbringt den Winter in halb erstarrtem Zustand im Schlamm und wurde auch im Sommer in solcher Lage angetroffen. Sie nährt sich von Gewürm, vermoderten Pflanzenstoffen und Schlamm, laicht vom Mai bis August im Röhricht, wobei beide Geschlechter alle Scheu verlieren, und vermehrt sich sehr stark. Die Jungen wachsen sehr schnell, erreichen schon im ersten Jahr etwa 200 g, werden aber erst im vierten Jahre fortpflanzungsfähig. Das Fleisch ist wohlschmeckend. Vgl. Walter, Die Schleienzucht (Neudamm 1904); Vogel, Die Schleienzucht als Nebennutzung in Karpfenteichen (Bautzen 1905); Stropahl, Die Schleienzucht (Stettin 1906).
 
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Schlei, schmale Meeresbucht an der Ostküste von Schleswig-Holstein, schneidet in südwestlicher Richtung 42 km weit in das Land ein und erweitert sich jenseit Missunde seeartig zu der sogen. Großen Breite, die westlich bis zur Stadt Schleswig reicht. Bei einer mittlern Tiefe von 3,8 m kann sie nur von kleinen Seeschiffen befahren werden, da an der Mündung bei

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Schleimünde, die 1416 von den Holsteinern verschüttet wurde, nur ein 2,2 m tiefer Kanal aus der See in dieselbe führt.
 
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Schleich, 1) Eduard, Maler, geb. 12. Okt. 1812 in Harbach bei Landshut, gest. 8. Jan. 1874 in München, kam 1823 nach München, wo er die Kunstakademie besuchen wollte, aber als talentlos zurückgewiesen ward. Nun begann er ohne Anleitung Landschaften zu malen, wobei ihm Etzdorf, Morgenstern und Rottmann Vorbilder waren. Dann bildete er sich nach den niederländischen Meistern, die einen entscheidenden Einfluß auf die Ausbildung seines auf poetische Stimmung ausgehenden malerischen Stiles gewannen. Reisen durch Deutschland, Frankreich, Italien und Holland erweiterten seinen Gesichtskreis. In seinen ersten Bildern behandelte er Motive aus den bayrischen Bergen. Später entnahm er sie ausschließlich der Ebene und stellte sich die Aufgabe, das unendlich wechselnde Spiel des von atmosphärischen Vorgängen über die Landschaft ausgegossenen Lichtes darzustellen und das landschaftliche Motiv als Träger von Licht- und Farbenmassen zu behandeln. Dabei genügten ihm die einfachsten Vorwürfe. S. war Professor und Mitglied der Akademien in München, Wien und Stockholm. Eine Anzahl seiner Landschaften, die meist einen elegischen oder melancholischen Charakter haben, besitzt die Neue Pinakothek in München. Auf die Richtung der neuern Münchener Landschaftsmaler hat er einen bestimmenden Einfluß geübt. Seine Hauptwerke sind: Mondnacht in der Normandie (1858), Isaraue bei München (1860), Nebelmorgen am Starnberger See (1860) u. Herrenchiemsee (1871).
   2) Martin, humoristischer und dramatischer Schriftsteller, geb. 12. Febr. 1827 in München, gest. daselbst 13. Okt. 1881, studierte Philologie in seiner Vaterstadt, widmete sich aber bald ganz der publizistischen Tätigkeit und gründete 1848 den »Münchener Punsch«, ein humoristisches Blatt, das er bis 1871 herausgab und 1875 von neuem ins Leben rief, aber nach einem Jahrgang wieder eingehen lassen mußte. Als Politiker gehörte er zu den entschiedensten Vorkämpfern des bayrischen Partikularismus, stimmte aber beim Ausbruch des Krieges 1870 für den Anschluß Bayerns an Preußen. Mit dem anonymen »Büchlein von der Unfehlbarkeit« (Münch. 1872) trat er auf die Seite der Altkatholiken und gründete in der Kammer, der er 186975 angehörte, die Gemäßigte Partei. Unter seinen »Lustspielen und Volksstücken« (Münch. 1862, 2 Bde.; 2. Aufl. 1874; neue Sammlung, das. 1874) gehören das altertümliche Charakterbild »Bürger und Junker«, »Der Bürgermeister von Füssen«, »Die Haushälterin« und »Ansässig« (worin das ehemalige Zunftwesen ergötzlich dargestellt wird) zu den besten. Außerdem veröffentlichte er: »Renaissance. Ausgewählte Dichtungen von Jakob Balde« (mit Joh. Schrott übertragen, Münch. 1870) und die humoristischen Reisestudien »Italische April tage. Erinnerungen aus einer konfessionslosen Romfahrt« (das. 1880). Aus seinem Nachlaß veröffentlichte M. G. Conrad den humoristischen Roman »Der Einsiedler« (Jude von Cäsarea, Münch. 1886).
   3) Karl, Mediziner, geb. 19. Juli 1859 in Stettin, studierte in Zürich, Greifswald und Berlin, war Assistent bei Virchow, Helferich, Senator und Olshausen, errichtete 1889 in Berlin eine chirurgische Klinik und Poliklinik und wurde 1899 zum Professor ernannt. 1900 war er Leiter der chirurgischen Abteilung des Kreiskrankenhauses in Großlichterfelde. S. entdeckte die Infiltrationsanästhesie und tat sich auch auf dem Gebiete der Wundheilung mit weitgreifenden Reformen hervor. Er erfand das Glutol und andre Heilmittel und die atoxische Wundbehandlung mit Chloroform und Alkohol. Bemerkenswert sind seine mehr philosophischen Studien und Beiträge zur Mechanik seelischer Vorgänge. Er schrieb: »Schmerzlose Operationen. Örtliche Betäubung mit indifferenten Flüssigkeiten. Psychophysik des natürlichen und künstlichen Schlafes« (Berl. 1894, 5. Aufl. 1906); »Neue Methoden der Wundheilung« (2. Aufl., das. 1900); »Die Selbstnarkose der Verwundeten« (das. 1906).
 
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Schleiche, soviel wie Blindschleiche; Fisch, s. Meyers Schlei.
 
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Schleichenlurche, s. Meyers Blindwühler.
 
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Schleicher, August, Sprachforscher, geb. 19. Febr. 1821 in Meiningen, gest. 6. Dez. 1868 in Jena, studierte in Leipzig, Tübingen und Bonn zuerst Theologie, dann die orientalischen und altklassischen Sprachen, habilitierte sich 1846 in Bonn als Privatdozent für vergleichende Sprachforschung und wurde 1850 Professor in Prag, von wo aus er 1852 eine ergebnisreiche Reise nach Litauen zur Erforschung der litauischen Sprache unternahm. Vielfache Anfeindungen von seiten tschechischer Agitatoren bewogen ihn 1857, seine Stelle in Prag niederzulegen, worauf er als Honorarprofessor nach Jena ging. Seine wichtigsten Werke sind: »Sprachvergleichende Untersuchungen«, Bd. 1: »Zur Sprachengeschichte« (Bonn 1848), Bd. 2: »Die Sprachen Europas in systematischer Übersicht« (das. 1850); »Formenlehre der kirchenslawischen Sprache« (das. 1852); »Handbuch der litauischen Sprache« (Prag 185657, 2 Tle.); »Die deutsche Sprache« (Stuttg. 1860, 5. Aufl. 1888); »Kompendium der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen« (Weim. 1861, 4. Aufl. 1876); »Die Darwinsche Theorie und die Sprachwissenschaft« (das. 1863, 3. Aufl. 1873), worin S. Darwins Stammbaum der Arten einen Stammbaum der Sprachen zur Seite stellte. Mit Ad. Kuhn begründete er die »Beiträge zur vergleichenden Sprachforschung etc.« (Berl. 1858 ff., 8 Bde.). Vgl. Lefmann, August S. (Leipz. 1870).

 

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