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Schlangenbart bis Schlangenhorn (Bd. 6, Sp. 829 bis 831)
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Artikelverweis Schlangenbart, Pflanze, s. Meyers Ophiopogon.
 
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Schlangenbeschwörer (Schlangenzauberer, Giftdoktoren), Personen, die angeblich eine geheimnisvolle Macht über die gefürchtetsten Giftschlangen ausüben, sie herbeilocken, zum Tanzen veranlassen und gegen ihre Bisse gefeit scheinen. Sie bilden seit alten Zeiten in allen warmen Ländern, wo Giftschlangen häufig sind, eine verbreitete Zunft und führen ihre Künste auf öffentlichen Plätzen und gegen Bezahlung vor. Schon die Bibel berichtet von ägyptischen Schlangenbeschwörern, die sich mit Moses in einen Wettstreit einließen; Älian und Plinius erzählen von den Marsern in Italien, die ihren Stammbaum bis auf Circe zurückführten, von den Ophiogenern auf Cypern, die von einer Schlange abzustammen vorgaben, und von den Psyllern in Afrika, die vermöge einer eignen Hautausdünstung von den Schlangen nicht angegriffen würden. Die S. blasen auf Pfeifen oder okarinaartigen Instrumenten eine eintönige Melodie, worauf sich die Schlangen (in der Alten Welt meist die Brillenschlange [Naja tripudians] oder die ägyptische Aspis [Naja Haje]), dem Takte der Musik (oder wahrscheinlicher den Bewegungen des Instruments) folgend, aus ihrem Korb erheben und mit funkelnden Augen den auf der Schwanzspirale gestützten Oberkörper hin und her bewegen (Schlangentanz). Über einen alle zwei Jahre im August unter großem Zulauf von Neugierigen ausgeführten Schlangentanz der Tusayan- oder Moqui-Indianer in Arizona, wobei zahlreiche lebende Klapperschlangen mitwirken, berichtet Bourke in »The snake dance of the Moquis of Arizona« (Lond. 1884). Die S. locken auch die gefürchteten Reptile durch eigentümliche Pfeiftöne aus einem Gehöft zusammen, lassen sich beißen, ohne sich um die Wunden zu kümmern, und die afrikanischen Giftdoktoren beschäftigten sich außerdem mit der Heilung gebissener Personen. Man hat angenommen, die Kunst der S. gründe sich auf eine genaue Kenntnis der Gewohnheiten dieser Reptile, Abrichtung und auf die Verwendung von Schlangen, denen die Giftzähne vorher ausgebrochen seien, oder die ihres Giftes durch vorheriges Beißenlassen auf Filz völlig entleert würden. Nach neuen Beobachtungen und Versuchen wird aber die Giftfestigkeit durch fortgesetzten Genuß oder Impfung von Schlangengift erworben. Manche Künste beruhen nur auf genauer Kenntnis der Natur der Schlangen, soz. B. die in der Bibel berichtete Verwandlung der ägyptischen Aspis in einen Stab. Diese Art streckt sich nämlich infolge einer Art von Starrkrampf steif wie ein Stock aus, sobald man ihre Nackenmuskeln dicht hinter dem Kopf stark zusammendrückt oder sie mit Wasser bespritzt. Auch wendet sie gereizt ihren Blick niemals von einem vor ihren Augen bewegten Gegenstand ab, sie kann ruhig angefaßt werden und folgt nur den Bewegungen des Instruments. Der S. hat nur ihren gelegentlichen Versuchen, in die vor ihre Augen gehaltene Faust zu beißen, auszuweichen. Weitverbreitet ist der Glaube an die schlangenabhaltende und giftwidrige Kraft gewisser Pflanzenstoffe, welche die S. benutzen sollen, um sich giftfest zu machen und Schlangenbisse zu heilen. In dieser Beziehung stehen in Indien und auf den indischen Inseln namentlich die Schlangen- oder Mungowurzel (Ophiorrhiza Mungos) sowie das

[Bd. 6, Sp. 830]


Schlangenholz (Ophioxylon serpentinum) in großem Ruf. Ägyptische S. waschen sich vor ihren Probuktionen mit der Abkochung einer Aristolochia-Art, ebenso benutzt man Aristolochia Serpentaria in Nordamerika, A. anguicida in Mexiko und Westindien, a. cymbiflora und A. kr agrantissima in Brasilien und Peru als Gegenmittel gegen Schlangenbiß. Auch sollen sich die amerikanischen S. durch regelmäßigen innerlichen Gebrauch und Einimpfung des Saftes der Guacopflanze (Mikania Guaco) giftfest machen. Eine ähnliche Wirksamkeit soll die naheverwandte Eupatoria Ayiapane besitzen.
 
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Schlangendienst (Schlangenanbetung, Schlangenkultus, Ophiolatrie), die bei Natur- und Kulturvölkern weitverbreitete Verehrung der Schlangen, bei der man in gewissen einheimischen Arten die Verkörperung der Gottheit überhaupt oder besonderer Erd-, Feuer-, Wasser- und Heilgötter oder des Genius loci, des Volksstammvaters und namentlich des bösen Prinzips vermutete. Am häufigsten scheint der S. einerseits aus der Verehrung der Unterweltsgottheiten und anderseits aus dem ehemals weitverbreiteten Feuerdienst hervorgegangen zu sein, indem man die züngelnde, zischende, beißende Flamme oder auch den Blitz als Schlange personifizierte, daher die Darstellung der indischen, ägyptischen, persischen und griechischen Feuergottheiten als Schlange oder mit Schlangenfüßen. Sofern diese Götter häufig bei einem Umsturz des alten Religionssystems zum bösen Prinzip erklärt wurden, ging dieselbe Auffassung meist auf dieses über, daher die Darstellung des indischen aus dem Himmel gestürzten Feuergottes Ahi, des persischen Ahriman, der griechischen Titanen, des altnordischen Loki, des christlichen Luzifer etc. als »alte« Schlange, und deshalb treten auch so viele alte Heroen und selbst christliche Heilige als Drachentöter auf. Doch sieht neuere Forschung in den Schlangenmythen vielmehr Entwickelungsstufen des uralten Mondkultus, die in den Drachenkämpfen auf den Kampf einer Lichtgottheit mit dem den Mond verdunkelnden Dämon hinweisen; auch die Schlange des Paradieses und der Apfel (vgl. Hesperiden) gehört in letzter Linie hierher. In manchen Kirchen wurde die Drachenfigur, z. B. der Granouilli (s. d.) in Metz, bis zur neuern Zeit aufbewahrt und das Fest seiner Tötung mit kirchlichen Aufzügen gefeiert. Indessen wurde aber auch anderseits die Schlange vielfach als wohltätiger Dämon verehrt, als Genius der unterirdischen Kräfte, Orakel, der Heilquellen und Personifikation des Äskulap, weil europäische Schlangen zur Überwinterung die Nähe warmer Quellen aufsuchen. Doch mischten sich auch andre durch die abweichende Gestalt und Bewegungsweise sowie durch die geheimnisvolle Wirkung des Giftes angeregte Vorstellungskreise ein, und somit liegt hier eine so vielfache Symbolisierung von Naturkräften und religiösen Vorstellungen vor, daß die mehrfach versuchte Zurückführung auf Eine dem gesamten S. zugrunde liegende Idee notwendig scheitern mußte. Besonders berühmt durch ihren S. waren die Ophiten, die davon ihren Namen erhielten. In den Ostseeländern wurden die Ringelnattern sehr allgemein als Hausschlangen gehalten und angebetet. Zur Zeit der Entdeckung Amerikas wurde der S. bei den Indianern des Nordens, bei den Mexikanern und in Peru allverbreitet gefunden; heute blüht er insbes. noch in manchen Ländern Afrikas und namentlich in einzelnen Distrikten Ostindiens, wo besondere Schlangen feste mit großartigen Tempelfütterungen unzähliger Brillenschlangen abgehalten werden. Schlangenbeschwörer (s. d.) und Giftdoktoren tragen in allen diesen Ländern viel zur Erhaltung des abergläubischen Nimbus der Schlange bei. Die Lösung des sich hierin darbietenden Rätsel- und Sagenknäuels haben (oft in sehr einseitiger Richtung) versucht: Fergusson, Tree and Serpent worship; mythology and art in India (Lond. 1868, Hauptquellenwerk); Mähly, Die Schlange im Mythus und Kultus der klassischen Völker (Leipz. 1867); Schwartz, Über die altgriechischen Schlangengottheiten (1858; neuer Abdruck, Berl. 1897). Die Entstehung der Schlangenmythen behandelt Siecke, Drachenkunde, Untersuchungen zur indogermanischen Sagenkunde (Leipz. 1907); über die bildliche Darstellung der Schlange des Paradieses vgl. Schmerber, Die Schlange des Paradieses (Straßb. 1905).
 
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Schlangenfackeldistel, s. Cereus.
 
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Schlangenfichte, s. Meyers Fichte, S. 537.
 
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Schlangenfische (Ophididae), Familie der Weichflosser, s. Meyers Fische, S. 607.
 
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Schlangengift, die von den Giftdrüsen gewisser Schlangen abgesonderte, farblose oder schwach gelbliche, geruch- und geschmacklose, etwas schleimige, mikroskopische Zellen enthaltende Flüssigkeit, die, in den Blutstrom eines andern Tieres gebracht, alsbald heftige Vergiftungserscheinungen hervorbringt, während sie im Magen desselben Tieres sich völlig unschädlich erweist. Über die chemische Beschaffenheit des Schlangengiftes ist wenig bekannt, doch scheint seine Wirkung auf Gegenwart eiweißartiger Substanzen (Globulin, Syntonin, Echidnin) zu beruhen. Das eingetrocknete S. bleibt jahrelang wirksam. S. wirkt stets auf warmblütige Tiere viel heftiger als auf kaltblütige, doch hängt die Wirkung auch vom Klima und von der Temperatur ab. Eine Giftschlange kann weder sich selbst noch ein andres Individuum ihrer Art durch ihr Gift töten, auch gegen andre Arten derselben Gattung ist das Gift meist unwirksam, tötet aber Giftschlangen andrer Gruppen und nichtgiftige Schlangen. Die Gifte verschiedener Schlangen sind nicht nur ungleich stark giftig, sondern zeigen auch qualitative Verschiedenheiten, sie erzeugen verschiedene krankhafte Erscheinungen. Das Blut eines von einer Giftschlange gebissenen Tieres wirkt giftig bei Einspritzung in das Blut andrer Tiere. Unter sehr schmerzhafter Schwellung der Bißstelle treten allgemeine Depression, Schwindel und Atemnot auf, blutiger Auswurf, Erbrechen blutiger Massen, Blutharnen und blutige Stühle, dann Bewegungslähmungen, Krämpfe, und schließlich erfolgt der Tod durch Herzlähmung in tiefem Koma. Die Behandlung hat vor allem den Übergang des Giftes aus der Wunde, die wie zwei Nadelstiche erscheint, ins Blut zu verhindern. Umschnüren des Gliedes oberhalb der Wunde, festes Aufbinden eines platten und glatten Gegenstandes auf die Wunde, Erweiterung der Wunde und Anwendung von Schröpfköpfen, um starke Blutung herbeizuführen, Ausbrennen der Wunde mit glühendem Eisen, Ätzen mit Salpetersäure, Ammoniak, übermangansaurem Kali (in Substanz) ist am ratsamsten. Auch wird wiederholtes Einspritzen einer filtrierten 1 proz. Lösung von übermangansaurem Kali unter die Haut in der nächsten Umgebung der Wunde empfohlen. Besonders aber haben sich sehr starke und wiederholte Alkoholgaben (Rum, Kognak, Nordhäuser, Champagner) bewährt. In neuester Zeit sind mehrfach Heilsera (Antivenin) hergestellt worden, die man von Pferden gewinnt, die mit dem künstlich entnommenen Gift gefährlicher Giftschlangen behandelt worden sind.

[Bd. 6, Sp. 831]


Diese Sera, die nur aus einer Schlange oder aus einer Gruppe verwandter Schlangen gewonnen werden, sind auch nur gegen den Biß dieser Schlangen wirksam; vorbeugender Gebrauch ist nutzlos. Vgl. Brenning, Die Vergiftungen durch Schlangen (Stuttg. 1895).
 
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Schlangengras, s. Scorzonera.
 
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Schlangenhalsvogel (Plotus Bp.), Gattung der Schwimmvögel aus der Familie der Pelikane (Pelecanidae), Vögel mit sehr gestrecktem Leib, außerordentlich langem, dünnem Hals, kleinem, flachem Kopf, langem, geradem, sehr spitzem Schnabel, kurzen, starken, sehr langzehigen Füßen, langen Flügeln und langem Schwanz. Von den vier Arten ist der S. (P. Levaillantii Bp.) 86 cm lang, vorherrschend schwarz, metallischgrün schillernd, auf Rücken und Flügeldecken mit breiten, weißen Mittelstreifen, am Hals rostfarben. Er bewohnt die Gewässer Afrikas vom 15. Breitengrad bis zum Kap, lebt gesellig auf Bäumen, schwimmt und taucht vortrefflich und nährt sich von Fischen. Sein dem Reiherhorst ähnliches Nest baut er auf Bäume, das Gelege besteht aus 34 lichtgrünen, mit weißem Kalküberzug bedeckten Eiern. Das Fleisch ist genießbar.
 
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Schlangenholz, s. Meyers Letternholz.
 
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Schlangenhorn, Blasinstrument, s. Meyers Serpent.

 

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