Wörterbuchnetz
Meyers Großes Konversationslexikon Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Schildknappe bis Schildmädchen (Bd. 6, Sp. 790 bis 794)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Schildknappe, s. Meyers Knappe.
 
Artikelverweis 
Schildknorpel, s. Meyers Kehlkopf.
 
Artikelverweis 
Schildköpfe (Cephalaspiden), s. Meyers Fische, S. 607.
 
Artikelverweis 
Schildkrebse (Thoracostrāca), eine sehr formenreiche Ordnung der höhern Krebse (Malacostraca), die einen Panzer besitzen, der ein Rückenschild bildet und den Kopf mit allen oder wenigstens den vordern Brustringen zum Cephalothorax (s. Tafel Meyers »Krebstiere II«, Fig. 3) verbindet. Der Körper besteht aus 20 Ringen, von denen 6 auf den Kopf, 7 auf die Brust (Thorax) und 7 auf den Hinterleib (Abdomen) kommen. An jedem Ringe, mit Ausnahme des letzten, sitzt ein Paar Gliedmaßen, von denen die beiden vordersten Paare als Fühler, die folgenden 3 als Kiefer, die darauf folgenden 25 Paare als Kieferfüße, d. h. als Hilfswerkzeuge beim Kauen, dienen, während die übrigen Greif-, Lauf- und Schwimmbeine sind; die letztern finden auch zur Herbeistrudelung frischen Atemwassers sowie beim Weibchen meist zum Tragen der Eier Verwendung (s. Tafel Meyers »Krebstiere II«, Fig. 2). Fast bei allen Schildkrebsen sitzen die Augen vorn am Kopf auf beweglichen Stielen. Kiemen zum Atmen fehlen nur selten und liegen gewöhnlich an den Seiten der Brust in einer besondern Nische der Kiemenhöhle, seltener an den Hinterleibsfüßen. Das auf der Rückenseite befindliche Herz ist entweder sehr lang und erstreckt sich dann durch Brust und Hinterleib, oder es bildet einen kurzen Sack am Ende der Brust; die von ihm ausgehenden Blutgefäße lösen sich in seine Zweige auf, enden aber am Beginn der Kiemen in weite Bluträume, so daß eigentliche Kapillaren mangeln. Am Verdauungskanal folgt auf die kurze Speiseröhre ein weiter Kau- oder Vormagen; er ist mit festen Chitinplatten und Zähnen ausgekleidet und dient zum Zerreiben der Nahrung. Der dann folgende eigentliche Magen geht hinten ohne scharfe Grenze in den Darm über, und dieser verläuft geradlinig bis zum After am Ende des Körpers. Die Leber ist meist sehr groß und viellappig; sie scheint indessen in, ihrer Tätigkeit nicht der Leber, sondern eher der Bauchspeicheldrüse bei den Wirbeltieren zu entsprechen. Das Gehirn ist weit nach vorn gerückt und verhältnismäßig groß; durch zwei lange, rechts und links von der Speiseröhre verlaufende Nerven (Schlundkommissur) verbindet es sich mit dem ersten Nervenknoten des Bauchstranges; dieser selbst erstreckt sich mit vielen Nervenknoten (Ganglien) bis aus Ende des Körpers oder ist auf eine große Nervenmasse in der Brust beschränkt. Die Augen sind meist sehr groß und ähneln im Bau den zusammengesetzten Augen der Insekten; ausnahmsweise befindet sich zwischen ihnen noch ein kleines unpaares Auge, das sogen. Naupliusauge (s. Nauplius). Zum Hören scheinen Hörhaare, die auf dem ganzen Körper stehen können, zu dienen; besondere Blasen mit Steinchen darin, die entweder am

[Bd. 6, Sp. 791]


Grunde der Vorderfühler, also am Kopf, oder aber in den Schwanzgliedmaßen liegen, scheinen dem Krebse die Empfindung seiner Lage im Raume zu vermitteln. Die Nieren sind zwei an der Basis der Hinterfühler mündende, bei manchen Arten sehr große Säcke (sogen. grüne Drüsen). Die Geschlechtsorgane sind paarig und liegen in der Brust oder im Hinterleib, münden aber stets beim Weibchen am dritten, beim Männchen am letzten Brustfuß aus. Die Eier werden in das Wasser abgelegt oder in einen besondern Brutbehälter an der Brust gebracht oder in der Regel mit einem Kitt an den Haaren der Hinterleibsfüße befestigt und bis zum Auskriechen der Jungen umhergetragen. Diese verlassen das Ei fast immer in einer von der erwachsenen Form sehr verschiedenen Gestalt, so daß man sie früher wohl als besondere Gattungen beschrieb, und machen unter Umständen die mannigfachsten Verwandlungen durch. Als Nauplius (s. d.) schlüpfen nur die Jungen sehr weniger Arten aus; die meisten gelangen als sogen. Zoëa (s. Meyers Krebstiere, S. 613) mit schon ziemlich vielen Körperringen und Beinen aus dem Ei, aber nur wenige (darunter z. B. der Flußkrebs und einige Süßwasser- und Landkrebse) sind, bis auf die Größe und die Geschlechtsorgane, bereits völlig ausgebildet.
   Die S. leben fast alle im Meer und nähren sich von toten oder lebenden Tieren. Sie sind zum Teil vortreffliche Schwimmer und können sich mit den Schlägen ihres kräftigen Schwanzes weit fortschnellen; zum Teile laufen sie seitwärts oder rückwärts sehr behende, und manche verkriechen sich rasch im Sande. Die Männchen, seltener auch die Weibchen, der größern Arten werden durch die Stärke ihrer Scherenfinger am Ende der vordern Brustfüße sogar dem Menschen gefährlich und sind durch ihren harten Panzer, der nur unmittelbar nach der Häutung weich ist, vor Angriffen der meisten andern Seetiere geschützt. Einige S. werden sehr groß, z. B. der Meyers Hummer (s. d.) und die japanische Riesenkrabbe (Macrocheira Kaempferi). Man kennt etwa 2000 lebende und eine ansehnliche Zahl fossiler Arten und teilt sie in vier Unterordnungen: 1) Kumazeen (Cumacea), kleine S. ohne oder mit nur kleinen, nicht gestielten Augen, leben im Sand und Schlamm nahe den Küsten, aber auch in der Tiefsee; hierher Diastylis, s. Tafel Meyers »Krebstiere II«, Fig. 6. 2) Maulfüßer (Stomatopoda), zum Teil ansehnliche, langgestreckte S. mit kurzem Rückenschild, gestielten Augen und langem Hinterleib, an dessen Schwimmfüßen die Kiemen sitzen. Von den vordern Beinpaaren sind die fünf ersten als Kieferfüße dicht an den Mund gerückt (daher der Name); das zweite Paar zeichnet sich durch Größe und Bewaffnung aus und dient zum Ergreifen der Beute. Die Eier werden in das Meer abgelegt; die Larven, von oft sehr sonderbarer Gestalt, machen eine lange Reihe Verwandlungen durch. Hierher unter andern der Heuschreckenkrebs (Squilla mantis, s. Tafel Meyers »Krebstiere II«, Fig. 4). 3) Spaltfüßer (Schizopoda), kleine, zarte S., mit großem Rückenschild, gestielten Augen und acht Paar (zum Schwimmen dienenden und aus je zwei Ästen bestehenden) sogen. Spaltfüßen. Einige unter ihnen (die Familie der Mysidae) haben die Organe für das Gleichgewicht (s. oben) am Schwanz, andre (die Familie der Euphausidae) besondere Meyers Leuchtorgane (s. d.) an Brust und Bauch; leben meist an der Oberfläche des Meeres. 4) Zehnfüßer oder zehnfüßige Krebse (Decapoda), meist sehr ansehnliche S. mit großem Rückenschild, drei Paar Kieferfüßen und fünf Paar Gehfüßen (daher der Name), die alle oder zum Teil in Scheren enden. Sie bilden die große Mehrzahl der S. und zerfallen selbst wieder in viele Familien, die man nach der Form des Schwanzes in die zwei Gruppen der Langschwänzer oder Krebse im engern Sinn (Macrura, s. Meyers Krebse) und Kurzschwänzer oder Krabben (s. d., Brachyura, s. Tafel Meyers »Krebstiere II«, Fig. 8) stellt. Vgl. Th. Bell, Hisstory of the British stalk-eyed Crustacea (Lond. 1853); Heller, Die Krustazeen des südlichen Europa (Wien 1863); Gerstäcker und Ortmann, Crustacea Decapoda, in Bronns »Klassen und Ordnungen des Tierreichs« (Leipz. 1888 ff.); Huxley, Der Krebs (das. 1881); Stebbing, History of Crustacea. Recent Malacostraca (Lond. 1893); Brooks, Stomatopoda of the Challenger (das. 1886); Miers, Brachyura of the Challenger (das. 1886); Bate, Crustacea Macrura of the Challenger (das. 1888); Chun, Atlantis (Heft 19 der Bibliotheca zoologica, Stuttg. 1896); Brook und Herrick, Embryology and Metamorphosis of the Macrura (Washingt. 1891); Doflein, Die Brachyuren der deutschen Tiefsee-Expedition (Jena 1904).
 
Artikelverweis 
Schildkrot, s. Meyers Schildpatt.
 
Artikelverweis 
Schildkröte (Testudo), s. Meyers Kriegsmaschinen, S. 672.
 
Artikelverweis 
Schildkröten (Chelonia, hierzu Tafel Meyers »Schildkröten I und II«), scharf abgegrenzte Ordnung der Reptilien, Tiere mit kurzem, gedrungenem Körper, mit einem obern und einem untern, durch seitliche Querbrücken miteinander verbundenen Knochenpanzer, der Rücken und Bauch bedeckt, und in den sich Kopf, Beine und Schwanz meist zurückziehen können (die Haut bleibt nur am Hals, dem Schwanz und den Beinen verschiebbar, lederartig). Der Panzer entsteht durch Umformung gewisser Knochen der Wirbelsäule, hauptsächlich aber durch Entwickelung von Hautknochen, die sich mit jenen verbinden, und zwar geschieht die Bildung des Rückenschildes aus Knochenplatten der Haut unter Beteiligung der Dorn- und Querfortsätze der Brustwirbel, während der flache Brustschild ausschließlich aus Hautknochen hervorgeht. Auf der äußern Fläche der Schilde entstehen durch Verhornen der Oberhaut meist größere regelmäßige Platten (Schildpatt oder Schildpadd), die wohl im allgemeinen in ihrer Anordnung, nicht aber in ihrer Umgrenzung mit den Knochenplatten übereinstimmen. Am Rückenschild gibt es eine mittlere und zwei seitliche Reihen und in der Peripherie einen Kreis von Randschilden, am Bauche dagegen Doppelreihen von Schilden. Bei einigen S. fehlen die Hornschilde ganz, und dann ist der Knochenpanzer einfach von der dicken Haut umgeben. Schulter- und Beckengürtel liegen im Panzer eingeschlossen; ersterer ist überall, letzterer nur bei den Landschildkröten mit den Schilden verbunden. Rippen und Brustbein fehlen. Auch die Zähne fehlen, dagegen sind die Kiefer an ihren Rändern wie beim Vogelschnabel mit scharf schneidenden, gezahnten Hornplatten bekleidet, mit denen einzelne Arten kräftig beißen können. Alle S. haben vier Beine; bei den Süßwasserschildkröten enden diese in Schwimmfüßen mit Schwimmhäuten zwischen den bekrallten Zehen; bei den Seeschildkröten sind sie platte Ruderflossen, die Zehen sind dann von einer gemeinschaftlichen Haut überzogen, und es sind höchstens noch zwei Nägel vorhanden; auch bei den Landschildkröten verschmelzen die Zehen zu einem dicken Klumpfuß mit schwieliger Sohle und 4 oder 5 Hornnägeln an der Spitze. Die Augen liegen in geschlossenen Augenhöhlen und haben Lider und Nickhaut; die Zunge ist auf dem Boden der Mundhöhle angewachsen und nicht vorstreckbar;

[Bd. 6, Sp. 792]


bei den Landschildkröten trägt sie lange Papillen. Der Darmkanal und die Geschlechtsteile sind teils denen der Krokodile, teils denen der Vögel ähnlich. Die Lungen reichen bis zum Becken. Stets ist eine Harnblase vorhanden. Der Penis ist nicht, wie bei den Schlangen und Eidechsen, doppelt, bei einigen S. aber gespalten. Die S. sind träge, langsame Tiere von sehr geringem geistigen Vermögen; sie leben vorzugsweise von tierischen, manche auch von pflanzlichen Stoffen, legen große runde Eier, die von einer festen, lederartigen Haut umgeben sind und die sie (besonders die Seeschildkröten in größerer Anzahl) in den Boden verscharren. Die erste Begattung soll bei Emys picta (Nordamerika) im siebenten, die erste Eiablage im elften Lebensjahr erfolgen; hierzu stimmt das sehr langsame Wachstum des Körpers und das hohe Alter, das die Tiere erreichen. Auch ihre Zähigkeit ist außerordentlich groß, und sie ertragen Verstümmelungen, selbst innerer Organe, lange Zeit. Die Mehrzahl der (etwa 30) Gattungen (mit gegen 200 Arten) lebt innerhalb der Wendekreise; nur wenige erreichen die gemäßigte Zone, eine Art geht bis Norddeutschland. Fossil treten S. ganz vereinzelt im Keuper Württembergs (Proganochelys), dann reichlicher im Jura auf, und zwar sind es Meeres- und Süßwasserformen; Landschildkröten finden sich erst in der Tertiärzeit; zum Teil waren sie riesig groß (s. unten). Eine Meio-lania-Art findet sich im Tertiär von Patagonien und Queensland. Als Vorfahren der S. nimmt man wohl die Anomodonten (s. Reptilien, S. 815) in Anspruch.
   Die Seeschildkröten (Chelonidae), mit nicht immer verknöchertem Brust- und flachem Rückenschild, zwischen die Kopf und Beine nicht zurückgezogen werden können, und Flossenfüßen, deren Zehen von einer gemeinschaftlichen Haut überzogen sind. Sie leben in wärmern Meeren, zuweilen weit von der Küste entfernt, nähren sich von Algen, Fischen, Krebs- und Weichtieren und gehen nachts oft in Scharen aus Land, um ihre Eier in den Sand zu scharren. Die Jungen suchen nach dem Ausschlüpfen alsbald das Wasser auf. Hierher gehören die Lederschildkröte (Dermochelys [Dermatochelys] coriacea, Tafel I, Fig. 4), mit lederartiger Haut ohne Hornschilde, gegen 2 m lang und 500600 kg schwer, in allen Meeren zwischen den Wendekreisen, oft aber weit nach N. und Süden verschlagen; ferner die Suppenschildkröte (Chelone Mydas Bp., Chelonia esculenta Merr.), über 2 m lang und über 500 kg schwer, mit pyramidenförmigem, oben plattem und mit Schilden bedecktem Kopf, scharfen, gezähnelten Kiefern, langen, schmalen Vorder- und breiten, klumpigen Hinterfüßen, dunkel bräunlichgrün, heller und dunkler gefleckt, unterseits weißlich, bläulich und rötlich geädert, bewohnt alle Meere des heißen und gemäßigten Gürtels, besonders in der Nähe der Küsten, auch der Flußmündungen, lebt gesellig, schwimmt sehr schnell, besitzt außerordentliche Kraft, sucht aber stets zu fliehen. Sie frißt nur Seepflanzen. Die Weibchen legen in Zwischenräumen von 23 Wochen drei- bis viermal je 100 Eier, aus denen die Jungen in 23 Wochen ausschlüpfen. Während ihres Aufenthalts auf dem Lande werden die Tiere erbeutet, indem man sie nachts auf den Rücken legt und morgens einsammelt. Man bringt sie meist aus Westindien, besonders von Jamaika, nach Europa; sie magern auf der Reise bedeutend ab. Ihr Fleisch (auch das einiger andrer Arten) gilt wie das Fett und die Eier als Leckerbissen und wird gebraten, in Ragouts, Frikassees und Suppen (turtle soup) gegessen. Ausnehmend geschätzt sind die Füße der S. Die Karettschildkröte (Bissa, C. imbricata Strauch, Tafel II, Fig. 4), mit 60 cm langem Rückenpanzer, hakigem Oberkiefer und dachziegelförmig sich deckenden Rückenplatten, düster grünlich- bis schwarzbraun, heller flammig gezeichnet, auf dem Brustschild gelblichweiß, schwarz gefleckt, bewohnt die zwischen den Wendekreisen liegenden Meere, besonders das Karibische Meer und die Sulusee, gleicht in der Lebensweise der vorigen, nährt sich aber hauptsächlich von Seetieren und scharrt ihre Eier ebenfalls in den Sand. Dabei sollen die Tiere immer wieder zu der Stelle zurückkehren, an der sie geboren wurden. Man jagt sie des Schildpatts halber, zu dessen Gewinnung die lebenden Tiere über Feuer oder in kochendes Wasser gehängt werden, bis sich die Platten ablösen. Nachdem dies geschehen, gibt man das Tier wieder frei, weil man glaubt, daß sich das Patt wieder erzeuge. Das Fleisch ist ungenießbar, die Eier aber sollen wohlschmeckend sein.
   Die Weichschildkröten, Lippen- oder Flußschildkröten (Trionychidae), mit sehr flachem, unvollkommen verknöchertem Rückenschild und aus nicht verwachsenen Knochen bestehendem Brustschild, ohne Hornplatten; Hals lang, Kopf und Beine nicht zurückziehbar, Nase rüsselförmig, dreiklauige Schwimmfüße; Kiefer von fleischigen Lippen umgeben. Sie sind Flußbewohner Asiens, Afrikas und Amerikas, gehen nur, um die Eier abzulegen, auf das Land, halten sich am Tage im Schlamm verborgen und jagen nachts auf Fische, Wasservögel, Lurche etc., fressen aber auch Pflanzenstoffe. Sie sind jähzornig und bissig und können schwere Wunden beibringen. Fleisch und Eier sind genießbar. Die Beißschildkröte (Trionyx ferox Schweigg., Tafel I, Fig. 2), Panzerlänge 42 cm, ist oberseits dunkelgrau mit großen Augenflecken und dunkeln Tüpfeln, unterseits schmutzig weiß, bewohnt den Savannah- und Alabamafluß, die in den Busen von Mexiko mündenden Flüsse, die großen nördlichen Seen und den Hudson, wird durch ihre Jagd auf Enten lästig und vertilgt im Süden junge Alligatoren. Man jagt sie des Fleisches halber.
   Zu den im Wasser und auf dem Lande lebenden Lurchschildkröten (Chelydae), mit mehr oder weniger gewölbtem, verknöchertem, mit dem Brustschild verwachsenem, mit Hornplatte bekleidetem Rückenschild, nicht einziehbarem Kopf und Füßen, freien, bekrallten Zehen und Schwimmhäuten, gehört die Arrauschildkröte (Podocnemis expansa D. B., Tafel I, Fig. 3), Panzerlänge 77 cm, mit mäßig gewölbtem Rückenschild, dessen Rand horizontal vorspringt, plattem Kopf und zwei Bärteln unter dem Kinn, oben schwarzgrau, unten orangegelb. Sie bewohnt die Flüsse Guayanas und Brasiliens, auch der nördlichen Provinzen Perus, lebt sehr gesellig und legt ihre Eier nachts in den Ufersand. Hierbei bedrängen sich die zahllosen Tiere so sehr, daß wohl der dritte Teil der Eier zerbrochen wird. Die Eingebornen ernten die Eier, um sie zu genießen und Öl daraus zu bereiten, das zum Brennen und Kochen benutzt wird. Die Matamata (Chelys fimbriata Schweigg., Tafel I, Fig. 1), Panzerlänge 35 cm, mit sehr flachem Rückenschild, auf dem die gewölbten Platten drei Höckerreihen bilden, sehr flach gedrücktem Kopf, rüsselförmig verlängerter Nase, langem Hals, kurzem Schwanz, am Kopf und Hals mit Bärteln, Fransen, Lappen besetzt, ist oberseits braun, unterseits grüngelb, riecht widerwärtig und ist in Nordbrasilien und Guayana weit verbreitet. Sie nährt sich von Fischen, Fröschen und Wasservögeln. Die Farbigen essen ihr Fleisch.

[Bd. 6, Sp. 793]


Die Süßwasserschildkröten (Emydae), mit meist flachem und, wie der kleine Brustschild, vollkommen verknöchertem Rückenschild, locker anliegender Halshaut, in die der niemals beschildete Kopf wie in eine Scheide zurückziehbar ist, und dicken Füßen mit vorn fünf, hinten vier frei beweglichen, durch Schwimmhäute verbundenen, bekrallten Zehen, bewegen sich geschickt auf dem Lande, schwimmen vortrefflich, leben in langsam fließenden Flüssen, in Sümpfen und Teichen und nähren sich vorzugsweise von Fischen. Zu dieser artenreichen Familie gehört die Sumpf- oder Teichschildkröte (Dosanschildkröte, Cistudo lutaria Strauch, Emys orbicularis Wagl., Tafel II, Fig. 2), 32 cm lang, mit mäßig gewölbtem, 19 cm langem Rückenschild, großen Schuppen an den Füßen und ziemlich langem Schwanz, in Färbung und Zeichnung vielfach abweichend, schwärzlich, gelb punktiert, auf dem Rückenpanzer schwarzgrün, mit strahlig verlaufenden gelben Punktreihen, auf dem Brustschild schmutzig gelb, braun punktiert, verbreitet sich von Süd- und Osteuropa nördlich bis Mecklenburg, östlich bis Persien, hält sich am Tage im Wasser verborgen, geht nachts auf das Land, vergräbt sich im Winter in den Schlamm, kommt Mitte April wieder zum Vorschein, lebt von Regenwürmern, Wasserinsekten, Schnecken, frißt auch Fische und Pflanzen und legt im Mai 610 Eier von der Größe der Taubeneier in eine Höhlung, die sie mit dem Schwanz und einem Hinterfuß bohrt und schließlich wieder mit Erde füllt. Die Jungen schlüpfen erst nach 22 oder 23 Monaten aus. Das Fleisch der Teichschildkröte ist genießbar. Vgl. Fischer-Sigwart, Die europäische Sumpfschildkröte (Frankf. 1893). Die Großkopfschildkröte (Platysternum megalocephalum, Tafel II, Fig. 1), 40 cm lang, mit sehr großem, nicht zurückziehbarem Kopf, 18 cm langem, gänzlich beschupptem Schwanz und flachem, 15 cm langem Rückenschild, ist oberseits olivenbraun, unterseits gelb und hellbraun. Sie bewohnt China. Sehr viele Süßwasserschildkröten leben in Amerika und erlangen, wo sie, wie im Orinoko, massenhaft auftreten, durch ihre Eier eine große Bedeutung für ganze Stämme.
   Die Landschildkröten (Chersidae), mit verknöchertem und mit Hornplatten bekleidetem Rücken- und Bauchschild, Kopf und Füße völlig einziehbar, letztere Klumpfüße mit stumpfen Nägeln, Kiefer lippenlos, bewohnen feuchte und bewachsene Gegenden der wärmern und heißern Klimate und nähern sich von Pflanzen. Hierher gehört die griechische Schildkröte (Testudo graeca L., Tafel II, Fig. 3), 30 cm lang, mit stark gewölbtem, 15 cm langem Rückenschild, beschildetem Kopf, großen, dachziegelförmig gelagerten Schuppenknötchen an den Vorderfüßen, sporenartigen Knoten an den Hacken der Hinterfüße, wechselt in Färbung und Zeichnung stark ab, besitzt schwarze, gelb und schwarz gesäumte Schilde, ist an Kopf, Hals und den Extremitäten schmutzig grüngelb, findet sich im östlichen Südeuropa, ist durch Mönche weiter verbreitet und dann verwildert, am häufigsten in Süditalien, Griechenland und bei Mehadia. Sie lebt von Kräutern, Früchten, Schnecken, Würmern, Insekten, vergräbt sich im Winter und legt im Juni 412 Eier an einem sonnigen Orte in eine Grube. Man hält diese Schildkröte in der Heimat in Gärten, um das Ungeziefer zu vertilgen, und benutzt sie in Italien zur Bereitung von Suppe. In der Gefangenschaft wird sie sehr alt. Riesenschildkröten (Elefantenschildkröten) aus der Gattung Testudo L. waren ehemals auf Réunion, Mauritius, Rodriguez, Aldabra und auf den Galapagos sehr gemein, wurden aber von den Schiffern arg verfolgt und sind gegenwärtig ausgerottet; nur auf Aldabra lebt noch eine geringe, sich beständig vermindernde Zahl. Diese S. werden 1,5 m lang, 1,2 m breit, 1 m hoch, nähren sich von Blättern, Früchten, machen weite Wanderungen, um zu trinken, und legen 1014 Eier in Gruben. Ihr Fleisch ist sehr schmackhaft. In der Gefangenschaft sollen sie 18 Monate hungern können und lassen sich sehr leicht erhalten. Die Schildkröte ist ein kosmogonisches Symbol, ein Sinnbild des aus dem Feuchten entstandenen Festen. Wischnu nahm, als er die Welt vom Untergang retten wollte, die Gestalt einer Schildkröte an. Daher war sie auch der schaffenden Venus geheiligt, und Hermes Demiurgos, der Weltbaumeister, verwendete ihre Schale zu seiner den Kosmos verbildlichenden Planetenleier. Die Töne der letztern lenken die Kreisbewegungen des Himmels. Später erhielt die Schildkröte auch Bedeutung für das Familienleben; sie ist Sinnbild des Hauses und erscheint auch als solches bei der Venus, dann als Symbol der Frau, auch des Eigentums. Vgl. Schneider, Allgemeine Naturgeschichte der S. (Leipz. 1783); Agassiz, North-American Testudinata and embryology of the turtle (Boston 1857); Strauch, Chelonologische Studien (Petersb. 1862); Sowerby und Lear, Tortoises, terrapins and turtles drawn from life (Lond. 1872); Schreiber, Herpetologia europaea (Braunschw. 1875).
 
Artikelverweis 
Schildkrötendeck, s. Meyers Dampfschiff, S. 463.
 
Artikelverweis 
Schildkröteninseln, s. Galapagos und Tortugas.
 
Artikelverweis 
Schildläuse (Scharlachläuse, Coccidae Burm.), Insektenfamilie aus der Ordnung der Halbflügler, parasitisch lebende Tiere, deren Männchen, die viel seltener als die Weibchen und von manchen Arten gar nicht bekannt sind, borsten- oder schnurförmige Fühler, einen verkümmerten Rüssel, meist verkümmerte Hinterflügel, nicht selten zwei lange Schwanzborsten und zwischen ihnen die Rute besitzen; sie saugen sich als kleine bewegliche Larven auf der Futterpflanze fest, bohren ihren langen Rüssel tief in deren Gewebe ein und nähren sich von dem Pflanzensaft; sie fertigen dann einen Kokon oder schwitzen einen schützenden Schild aus und verwandeln sich in eine ruhende Puppe, die sehr bald das geschlechtsreife Insekt liefert, das nur kurze Zeit lebt und keine Nahrung zu sich nimmt. Die Weibchen, deren Larven sich ebenfalls auf der Futterpflanze festsaugen, schwellen bei weiterer Entwickelung und besonders nach der Begattung, die bei einigen Arten fortfällt, stark an, die Gliederung schwindet, Fühler und Beine werden undeutlich, und nun bilden sie ein mit den Rändern an die Epidermis der Pflanze fest anschließendes Schild, unter dem, oft in einem Filz eingebettet, die Eier abgelegt werden. Die asselförmigen S. schwitzen auf dem Rücken keinen schützenden Schild aus, sondern sind nur bereist. Meist haftet der Schild auch nach dem Tode des Weibchens schützend auf den Eiern, und die Jungen verlassen es nach der ersten Häutung. Die meisten S. gehören wärmern Ländern an, mehrere Arten werden durch massenhaftes Auftreten auf Eichen, Rosen, Apfel- und Birnbäumen, Pfirsich-, Pflaumen-, Maulbeerbäumen, Oleander, Lorbeer, Ananas, Orangen, Palmen und andern Gewächshauspflanzen, am Weinstock etc. schädlich. Die San José-Schildlaus (Aspidiotus perniciosus Comst., s. Tafel Meyers »Gartenschädlinge III«, Fig. 5) ist in Japan heimisch, hat sich seit etwa 1870 von Kalifornien aus über ganz Nordamerika und Kanada verbreitet und findet sich auch in Britisch-Guayana und

[Bd. 6, Sp. 794]


in Australien. Sie lebt auf vielen Pflanzen und wird besonders dem Obst verderblich. Bei uns sind als Schädlinge des Obstes wichtig Aspidiotus ostreaeformis (Fig. 7), die Kommalaus Mytilaspis pomorum Bouché (Fig. 8), Diaspis fallax Costa (Fig. 6), in Tirol Lecanium rotundum Reaum. (Fig. 9) u. a. Zur Bekämpfung der S. hat man in Amerika Marienkäfer aus Australien eingeführt, und von diesen hat Vedalia cardinalis die S. von den Orangebäumen vertrieben (vgl. Marienkäfer). Sonst benutzt man Petroleum, das an warmen sonnigen Tagen sein zerstäubt auf die Bäume gebracht wird. Nützlich sind die Cochenille (Coccus cacti), die Kermesschildlaus (C. ilicis, s. Meyers Kermes), die als Farbware, wie ehemals auch die polnische Cochenille (Johannisblut, Porphyrophora polonica, s. Meyers Cochenille), benutzt wird, die Lackschildlaus (Coccus Lacca), die den Gummilack erzeugt, C. manniparus, die durch das Anstechen von Tamarix die Bildung von Manna veranlaßt, etc. Vgl. Howard, The San José scale (Washington 1898); Frank und Krüger, Schildlausbuch (Berl. 1900); L. Krüger, Insektenwanderungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten (das. 1899).
 
Artikelverweis 
Schildmädchen, soviel wie Meyers Walküren (s. d.).

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: