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Daktyliothēk bis Dalai-Nor (Bd. 4, Sp. 422 bis 423)
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Artikelverweis Daktyliothēk (griech.), Ringbehältnis, Ringkästchen; insbes. eine Sammlung von Gemmen, Kameen, geschnittenen Steinen, Ringsteinen (Gemmenkabinett), im Altertume meist eine Zierde des Tempelschatzes. Die älteste D. in Rom stammte von Scaurus, Sullas Stiefsohn, her. Mithradates besaß eine reiche D., die sein Überwinder Pompejus nach Rom ins Kapitol bringen ließ und dem Jupiter weihte. Cäsar legte sechs Daktyliotheken im Tempel der Venus Genetrix an, und unter Augustus stiftete Marcellus, der Sohn der Octavia, eine andre in den Tempel des palatinischen Apollon. Als in dem verfallenden römischen Reich auch die Glyptik außer Übung kam, rettete fromme Prunksucht bedeutende Werke dieser Art, um damit Kleinodienkästchen, Reliquienschreine, die Deckel

[Bd. 4, Sp. 423]


der Ritualbücher und die Kirchengefäße zu schmücken. Petrarca machte in seiner Begeisterung für Überreste alter Kunst zuerst in Italien auf jene wertvollen Kunstprodukte des Altertums aufmerksam. Es legten Daktyliotheken an: die Häuser Gonzaga in Mantua und Farnese in Rom, Este in Modena und Lorenzo de' Medici der Prächtige in Florenz und, als diese zerstört worden, ein späterer Medici eine neue, die Grundlage der noch bestehenden florentinischen, der reichsten unter allen, die gegen 4000 Steine enthält; in Rom außer den Päpsten Julius II. und Leo X. auch der Prälat Maria Piccolomini und die Königin Christine von Schweden (Museum Odescalchi). Gegenwärtig sind die wichtigsten öffentlichen Sammlungen geschnittener Steine: die im Münz- und Antikenkabinett zu Wien, die reichste an sehr großen Kameen in der Nationalbibliothek zu Paris, in der Eremitage zu Petersburg, in der königlichen Bibliothek im Haag, in den Uffizien zu Florenz und im Museum zu Neapel. Unter den Sammlungen geringern Umfangs verdient das Museum in Berlin besondere Erwähnung wegen der mit ihr vereinigten Sammlung von Stosch, die Winckelmann beschrieben hat. D. nennt man auch eine Sammlung von Abgüssen der Gemmen (Pasten) oder von Kupferstichen, die Gemmen darstellen und zwar entweder Gemmen mit Gegenständen von einerlei Art, z. B. solche mit Bildnissen von Philosophen (von Bellori), Abraxasgemmen (von Chifflet), Gemmen mit Inschriften (von Ficoroni), mit den Namen der Verfertiger (von Stosch), oder die Steine einer ganzen Sammlung, z. B. die Sammlung von Gori in dem Museum Florentinum sowie die von Wicar und Mongez daselbst, die frühern Pariser von Mariette, die des Herzogs von Orléans und die Wiener, non Eckhel in Abbildungen herausgegeben (Wien 1788) und von v. Arneth in den »Monumenten des k. k. Münz- und Antikenkabinetts zu Wien« (das. 1819). Unter den Sammlungen von Abbildungen nach abgegossenen Gemmen (Pasten) ist die Lippertsche in Dresden die berühmteste (s. Meyers Lippert 1).
 
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Daktylītis (griech.), Fingerentzündung, und zwar nur D. syphilitica, eine Infiltration gummöser Massen in das subkutane Bindegewebe, die fibrösen Teile der Gelenke und in die Knochen der Finger und Zehen, verursacht enorme Verunstaltungen derselben.
 
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Daktylologie (Daktylonomie, griech., »Fingerrechnen«), die Kunst, an den Fingern zu rechnen, die älteste Art zu rechnen, deren man sich sowohl beim Rechenlernen als auch im gewöhnlichen Leben bediente, nicht bloß so, wie wir es heutigestags noch tun, sondern indem man den einzelnen Fingern, je nachdem sie ausgestreckt, eingeschlagen oder gekrümmt gehalten wurden, bestimmte Zahlwerte beilegte. Vgl. Cantor, Vorlesungen über Geschichte der Mathematik, Bd. 1 u. 2 (2. Aufl., Leipz. 1894 u. 1900); Stoy, Zur Geschichte des Rechenunterrichts (Jena 1876). D. bedeutet auch soviel wie Fingersprache der Taubstummen (benutzt nur Eine Hand, die Chirologie beide Hände).
 
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Daktylolyse (griech.), Absterben und Ablösung von Fingern und Zehen durch angeborne und zunehmende ringförmige Epitheleinsenkung. Vgl. Ainhum.
 
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Daktyloporenkalk, unter Mitwirkung von Daktyloporen (Kalkalgen, s. Meyers Algen, S. 317) entstandener Kalk, besonders in der Trias- und Tertiärformation.
 
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Daktyloskopie (griech.), s. Meyers Fingerabdrücke.
 
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Daktylus (griech., »Finger«), ein Versfuß, der aus einer langen und zwei kurzen Silben besteht: ; letztere können an gewissen Stellen mehrfüßiger Verse in eine Länge zusammengezogen werden. In angemessenem Wechsel mit dem so entstandenen Spondeus bildet der D. das größere epische und elegische Versmaß, den Hexameter und Pentameter, die wichtigsten unter den sogen. daktylischen Versen (vgl. Distichon). Auch die griechischen Lyriker bedienten sich gern des daktylischen Rhythmus, teils selbständig, teils in logaödischer Verbindung. Im Deutschen finden wir Daktylen vorzüglich zur Schilderung bewegten Natur- oder Seelenlebens angewendet, wie z. B. in dem Engelschor in Goethes »Faust« (Christ ist erstanden! Freude den Sterblichen etc.) oder in dem Gedicht »Lüfteleben« von Rückert.
 
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Dal (schwed.), Tal. Als Landschaftsname soviel wie Dalsland (s. d.).
 
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Dal (Dal' oder Dalj), Wladimir Iwanowitsch, russ. Schriftsteller, s. Meyers Dahl 2).
 
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Dalai Lama (»Priester-Ozean«), ursprünglich mongolische, dann in allgemeinen Gebrauch gekommene Bezeichnung des obersten Priesters aller Buddhisten, sofern diese dem Lamaismus (s. d.) anhängen. Nach einer in Tibet im 15. Jahrh. n. Chr. aufgekommenen Anschauung wird in ihm der Bodhisattva Avalokiteçvara immer von neuem wiedergeboren (vgl. Buddhismus). Seit dem 17. Jahrh. ist der D. zugleich der weltliche Herrscher von Tibet (s. d.), dessen Hauptstadt Lhassa auch der Sitz des D. ist. Doch sicherten sich die Chinesen von der Mitte des 18. Jahrh. an größere Gewalt in Tibet und über den D. Nach dem Glauben der Lamaisten findet die Wiedergeburt des D. als Kind statt; deshalb erfolgt nach dem Ableben des D. unter den tibetischen Kindern ein Suchen nach der neuen Verkörperung. Die chinesische Regierung hat Sorge getragen, daß nur ein Kind aus einer ihr ergebenen Familie als neuer D. anerkannt werde; die gröbsten Betrügereien kommen dabei vor. Als Regent ist der D. lediglich Puppe, die Regierung wird tatsächlich von chinesischen Mandarinen geführt. Der tibetische Titel des D. lautet Gyal-va-rin-po-tsche (»Kleinod der Majestät oder des Sieges«). Mit dem Papste darf er nicht verglichen werden; er ist von demselben unterschieden nicht bloß durch den Umstand, daß er als Verkörperung eines höchsten Wesens gedacht wird, sondern auch darin, daß gleichzeitig mehrere ihm ähnliche Verkörperungen existieren, von denen besonders der in Europa unter dem Namen Tescho Lama oder Bogdo Lama bekannte eine der seinen ziemlich analoge Gewalt ausübt, und daß er über die Priester nicht im entferntesten eine so allgemeine Gewalt besitzt wieder Papst. Vgl. Köppen, Die Religion des Buddha, Bd. 2 (Berl. 1859); Waddell, The Buddhism of Tibet or Lamaism (Lond. 1895; ebenda S. 233 ein Verzeichnis aller Dalai Lamas).
 
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Dalai-Nor, Name von zwei Seen in der östlichen Mongolei, von denen der nördliche (auch Kulun-Nor) unter 49° nördl. Br. nahe der sibirischen Grenze (Transbaikalien) 290 km Umfang hat und von SW. her den Kerulen, von S. den Ursun aufnimmt, im N. durch den Argnn zum Amur abfließt. Der südliche hat 65 km Umfang, nimmt vier kleine Zuflüsse auf, ist abflußlos, salzig und fischreich, liegt 1270 m ü. M. und ist den größten Teil des Jahres mit Eis bedeckt.

 

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