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Bodenbach bis Bodengras (Bd. 3, Sp. 121 bis 125)
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Artikelverweis Bodenbach, Stadt in Böhmen, Bezirksh. Tetschen, nahe der sächsischen Grenze, an der Mündung des Eulenbaches in die Elbe, mit dem gegenüberliegenden Tetschen durch eine Ketten- und eine Eisenbahnbrücke verbunden, Knotenpunkt der Österreichisch-Ungarischen Staatseisenbahn, der Sächsischen Staatsbahn, der k. k. Staatsbahnen und der Böhmischen Nordbahn, Station der Elbdampfschiffahrt mit Umschlagplatz und Winterhafen, hat eine katholische und eine prot. Kirche, eine Bierbrauerei, Baumwollspinnerei, Fabrikation von Schokolade und Kanditen, Siderolithwaren, Knöpfen, Porzellan, Zementröhren, Öfen, Buntpapier, Lack, Tinte, Odol, Teer und Dachpappe, ätherischen Ölen und Essenzen, Fahrrädern etc., ein österreichisches und sächsisches Zollamt, starke Braunkohlenausfuhr nach Deutschland, einen Schlachthof und (1900) 10,782 deutsche Einwohner. B. ist eine beliebte Sommerfrische (mit Stahlbad). Dabei die steil zur Elbe abfallende Schäferwand (270 m ü. M.) mit schöner Aussicht.
 
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Bodenbearbeitung, Verbesserung des ungünstigen physikalischen und chemischen Zustandes, in den der Boden durch Benutzung zur Pflanzenkultur gelangt, um ihn für weitern Anbau einer Kulturpflanze wieder in stand zu setzen. Durch mechanische Lockerung wird der Boden der Luft und den Niederschlägen wieder zugänglich gemacht und damit die Aufschließung der Bodennährstoffe durch Verwitterung befördert sowie ein günstiger physikalischer Zustand herbeigeführt, so zwar, daß eine neue Saat sicherer die Bedingungen zum Keimen und Gedeihen findet, als wenn der Boden unbearbeitet geblieben wäre. Außerdem dient die B. dazu, die Bodenoberfläche in Beete, Kämme zu formen, den Dünger unterzubringen und das Land von Unkräutern und Ungeziefer zu reinigen. Sie wird mit Hand-, Spann-, Dampf- oder elektrischen Kulturgeräten ausgeführt, die den Boden lockern, wenden, mischen oder auch verdichten, formen und klären. Am vollkommensten, aber kostspieligsten erfolgt die B. mit dem Spaten, sie wird daher nur bei Kleinkultur oder gartenmäßigem Betrieb angewendet. Leistungsfähiger erweisen sich Spanngeräte, die ihrerseits von den Dampfkulturgeräten übertroffen werden. Letztere können jedoch nur bei einer gewissen Größe der zu bearbeitenden Flächen in Anwendung kommen.
   Mit Ausnahme der mehrjährigen Futterschläge wird jedes Feld jährlich mindestens einmal mit dem Pfluge bearbeitet. Wie oft ein Feld gepflügt werden soll, hängt von dem Zustand ab, in dem es sich nach der Aberntung und je nach der Düngung und Kultur befindet, sowie von den Feuchtigkeitsverhältnissen, die von der Bodenbeschaffenheit und der jeweiligen Witterung beeinflußt werden. Praktische Erfahrung allein vermag den richtigen Feuchtigkeitszustand des Bodens zu erkennen, bei dem das Pflügen am leichtesten und wirkungsvollsten zur Ausführung gelangt. Besonders im Frühjahr und auf bindigem Ton- und Lehmboden muß man sich vor Feucht- und Trockenpflügen hüten, weil sonst der Boden Schollen bildet, die nur schwer zu zerkleinern sind. Über Winter soll der Boden in rauher Furche, d. h. nicht geeggt, liegen bleiben, weil dann der Frost am billigsten die Krümmelung besorgt. Die gewöhnliche Furchentiefe beim Pflügen beträgt 1518 cm. Flach, auf 915 cm Tiefe, wird gepflügt, wenn Stoppeln, Dünger, Saat u. dgl. in den Boden untergebracht werden sollen. Für tiefwurzelnde Pflanzen wird dagegen mit dem Pflug, Untergrundpflug, Pflugspaten (Verbindung von Pflügen und Handspaten) oder dem Wühler der Boden auf 2050 cm Tiefe bearbeitet. Durch solche Tiefkultur werden das der Pflanzenwurzel zur Verfügung stehende Bodenvolumen und die Menge der ausgeschlossenen Bodennährstoffe vermehrt sowie die Feuchtigkeitsverhältnisse günstig geregelt, so zwar, daß erfahrungsgemäß die Ernteerträge, besonders von tiefwurzelnden Zuckerrüben, Kartoffeln, Hopfen, Kleepflanzen etc., wesentlich erhöht werden. Bei unverständiger Anwendung der Tiefkultur, besonders bei unvermittelter Heraufschaffung und Vermengung des »toten« rohen Untergrundes mit der Ackerkrume und

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Unterlassung der Verwendung größerer Stallmistmengen können jedoch anfänglich auch empfindliche Rückschläge in den Ernteerträgen eintreten. Läßt die Beschaffenheit des Untergrundes sein Heraufholen nicht zu, so muß man sich mit seiner Lockerung in der Tiefe mittels des Grubbers oder Wühlers begnügen. Am wirksamsten wird die Tiefkultur durch Dampfpflügen und Dampfgrubber ausgeführt.
   Das Pflügen kann als Ebenpflügen (Ebenbau), Beetpflügen (Beetbau) oder Kammformen (Kammbau) ausgeführt werden. Ebengepflügt wird am vollkommensten mit Dampfpflug und Gespannwechselpflug. Mit den Beetpflügen läßt sich annähernd ebenpflügen, wenn in mehr als 4 bis zu 30 cm breite Abteilungen, Gewende, gepflügt wird, oder wenn, in der Mitte oder an der Seite beginnend, Furche an Furche gelegt wird, wie bei dem Karree- oder Figurenpflügen. Beim Beetpflügen werden unter 4 m breite, 48 Furchen schmale (Bifänge) oder 1020 Furchen breite Rücken, Beete (Ackerbeete) gebildet, indem das Pflügen auf den bisherigen Beetrücken (Zusammenpflügen) oder in der bisherigen Beetfurche (Auseinanderpflügen) begonnen wird. Am wenigsten verbreitet ist der Kammbau (Bilon, Billonkultur), bei dem der Boden mit dem Kaminformer, mit dem Pflug oder Anhäusler in Kämme oder Dämme gelegt wird. Er eignet sich am besten für feuchte Ländereien und erfordert besondere Kammwalzen, Kammsäe- und Hackmaschinen. Eine besondere Art des Pflügens ist das Balken (Bälken, Halbpflügen, Riggen), bei dem zwischen je zwei Furchen ein Stück Land in der Breite der gepflügten Furche stehen bleibt, um bei der Herbstfurche Zeit zu sparen.
   Die regelmäßige Ackerbestellung umfaßt die Wiederherstellung der Wachstumsbedingungen nach der Ernte und die Vorbereitung des Bodens für eine neue Saat: Herbst- und Frühjahrsbestellzeit. Die einjährige Vorbereitung geschieht durch die reine oder schwarze Brache (s. d.), die halbjährige durch die halbe oder Hegebrache. Im Herbst wird nach der Ernte das Feld (die Stoppel) mit dem Pflug (Schälpflug) geschält, um die Unkräuter zu zerstören. Man schält so seicht wie irgend möglich (34 cm), am besten mit dem mehrscharigen Schälpflug, der die kleinen Furchen nicht wenden, sondern behufs besserer Abtrocknung und schnellern Absterbens des Unkrautes tunlichst auf die hohe Kante stellen soll. Nach wenigen Tagen mit trocknen Winden folgt die Egge, um die Unkräuter bodenfrei zu machen; nach einigen weitern trocknen Tagen wird die eigentliche Pflugfurche zur vollen Tiefe gegeben. Je nach der Frucht, die der Boden tragen soll, und der Art des Bodens ist diese Furche die letzte vor der Saat (Saatfurche), wie bei nachfolgender Winterhalmfrucht, während auf tiefgründigem und schwerem Boden, falls Mistdüngung gegeben werden soll, noch eine Saatfurche zu folgen hat, weil auf diesen Boden der Dünger nie zur vollen Tiefe untergebracht werden darf, in der seine Zersetzung verlangsamt oder verhindert werden würde. Besserm Boden, der durch Trockenheit im Frühjahr nicht zu leiden hat, und schwerem Boden pflegt man im Frühjahr die Saatfurche für Sommerfrüchte zu geben. In den meisten Fällen wird, besonders für Hackfrüchte, Lockerung des Bodens durch Grubber, Exstirpator, statt einer Pflugfurche genügen. Abgesehen von der schnellern Arbeit, wird hierdurch häufig bei vollkommener Vernichtung der keimenden Samenunkräuter ein bei weitem wünschenswerteres Saatbett hergestellt als durch den Pflug. Die eigentliche Furche bedarf längerer Zeit, sich »zu setzen«, d. h. in den Grad der Bindigkeit zurückzukommen, den die junge Pflanze verlangt, um »festen Fuß fassen« zu können. Ferner werden sich die Feuchtigkeitsverhältnisse des leichtern Bodens durch eine Grubber-Saatfurche im Frühjahr günstiger gestalten, weil die Kapillarität der untern Bodenschicht in keiner Weise beeinflußt wird und die flache gegrubberte Schicht sich leichter in diesen Zustand der wünschenswerten Kapillarität zurückbegibt und so im stande ist, die von unten, selbst aus tiefen Bodenschichten heraufsteigende Feuchtigkeit der jungen Pflanze jederzeit zur Disposition zu stellen. Der Empiriker nennt dies »die Erhaltung der Winterfeuchtigkeit«. Dem Pflügen folgt das Eggen (s. Meyers Egge) und diesem bei leicht austrocknenden, sandigen Bodenarten erforderlichen Falls die Walze. Die Bestellung eines Ackers wird einfurchig, bez. zweifurchig genannt, wenn er vor der Saat nur einmal, bez. zweimal gepflügt wird. Zum Schluß der Ackerung werden nach dem Gefälle Wasserfurchen zur Ableitung des Wassers gezogen, damit das Wasser allerorts leicht vom Feld abgeführt wird. Reihensaaten werden behackt mit besonders dazu geeigneten Hand- u. Spannwerkzeugen (Pferdehacken, s. d.) und behäufelt mit dem Häufelpflug, um die Erde an die Pflanzen dichter heranzubringen. Diese Arbeiten werden öfters wiederholt. Vgl. Blomeyer, Die mechanische Bearbeitung des Bodens (Leipz. 1879); Krafft, Ackerbaulehre (7. Aufl., Berl. 1899); v. Rosenberg-Lipinsky, Der praktische Ackerbau in Bezug auf rationelle Bodenkultur (7. Aufl., Bresl. 1890, 2 Bde.).
 
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Bodenbesitzreform (Bodenreform). Unter diesem Namen werden im weitern Sinn alle auf eine Reform des geltenden Bodenbesitzrechts abzielenden Bestrebungen, im engern und gewöhnlichen Sinn wird darunter diejenige Reformbestrebung verstanden, die eine Überführung der Grundrente, bez. des Grundeigentums in die öffentliche Hand (Gemeinde oder Staat) anstrebt. Die Anfänge solcher Lehren reichen in das 18. Jahrh. zurück. Thomas Spence hat 1775 in einem Vortrag: »The meridian sun of liberty«, die Übertragung des Grund und Bodens an die Gemeinde oder das Kirchspiel (parish) zu unveräußerlichem Eigentum verlangt. Der Schotte William Ogilvie hat in einem 1782 erschienenen »Essay on the right of property in land etc.«, anschließend an die Lehren der Physiokraten, die Grundsteuer als einzige Staatssteuer gefordert und Grundprinzipien einer Bodenreform entwickelt. Auch bei Herbert Spencer findet sich in der 1851 veröffentlichten Schrift »Social statics« der Gedanke, daß das Privateigentum am Boden verschwinden müsse, weil es nicht durch Arbeit, sondern durch Raub und Bedrückung entstanden sei. Die gleiche Meinung hat J. St. Mill; auf seine Veranlassung wurde sogar 1870 eine Landbesitzreformgesellschaft gegründet, in deren Programm sich der Satz findet, daß der Staat durch eine Steuer den steigenden Mehrwert des Bodens ganz oder teilweise zurückfordern, daß es aber den Eigentümern vorbehalten bleiben solle, ihre Ländereien dem Staate gegen den zur Zeit der Erlassung des Gesetzes geltenden Marktpreis zu überlassen. Die Bewegung ist aber neuerdings besonders in Fluß gebracht worden durch den Amerikaner Henry George (s. d.). In seinem Werke »Progress and poverty« (1879) vertritt er die Ansicht, daß der Grund für die Verschärfung des Gegensatzes zwischen arm und reich in dem Monopolcharakter des privaten Grundbesitzes gelegen

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sei. Da jede Beschäftigung der Arbeit und des Kapitals die Benutzung von Grund und Boden erfordere, so verleihe dieser die Macht, sich einen Teil von deren Ertrag anzueignen. Weil der Boden unvermehrbar, sein Besitz Monopolbesitz sei, so steige mit der Produktivität der Arbeit der an die Grundbesitzer zu entrichtende Tribut. Dies Monopol sei aber durch nichts gerechtfertigt; das Recht aller Menschen auf den Gebrauch des Landes sei vielmehr so klar wie das Recht, die Luft zu atmen. Deshalb müsse auch die Gesamtheit selbst Eigentümerin und Nutznießerin des Grundwertes sein. Allein das Heilmittel liegt nach George nicht in der Auskaufung oder Expropriierung der bisherigen Besitzer, sondern in der Einziehung der Grundrente durch den Staat auf dem Weg einer einzigen Steuer (single tax, daher die Anhänger Georges als single tax men bezeichnet werden), durch die alle andern Steuern ersetzt würden.
   Die Lehre H. Georges hat besonders in England und in Nordamerika eine zahlreiche und überzeugte Anhängerschaft gewonnen. In England hat namentlich A. R. Wallace für die B. gewirkt und ihr ein Buch: »Land Nationalisation, its necessity and its aims« (1882) gewidmet. Von H. George und andern Bodenreformern unterscheidet sich Wallace vor allem dadurch, daß er dem Eigentümer und seinen Erben, die am Leben sind oder vor seinem Tode geboren werden, ein Jahresgeld in der Höhe des von ihm bisher aus dem Grundbesitze bezogenen Einkommens zubilligt. Unter Wallaces Vorsitz hat sich eine Bodenverstaatlichungsgesellschaft gebildet, aus der jedoch einige der eifrigsten Mitglieder, die mehr den Georgeschen Ansichten zuneigen, ausgetreten sind und 1883 die Bodenreformvereinigung (Land Reform Union) gegründet haben, die später den Namen Landrestaurationsbund (Land Restoration League) angenommen hat. Die Mitglieder dieses Bundes weisen die Entschädigungspflicht des Staates ab und fordern in Übereinstimmung mit George die Übertragung der Grundrente in Form einer Grundsteuer auf den Staat. Auf demselben Boden steht ein 1884 in Schottland gegründeter Bund für die Landzurückerstattung, der namentlich in Glasgow große Erfolge erzielt hat und eine angesehene Monatsschrift: »Land Values«, herausgibt.
   In Deutschland ist zuerst H. H. Gossen für B. eingetreten in seiner Schrift: »Entwickelung der Gesetze des menschlichen Verkehrs und der daraus fließenden Regeln für menschliches Handeln« (Braunschw. 1853). Später hat Theodor Stamm und besonders Michael Flürscheim (s. d.) in zahlreichen Schriften (insbes. Flürscheim, »Der einzige Rettungsweg«, 1890) sowie durch den von ihm gegründeten »Bund für B.« (s. unten) und seine Zeitschrift »Deutsch Land«, später »Frei Land«, für B. gewirkt und Anhänger gewonnen. Flürscheim, der ursprünglich von George ausgegangen ist, unterscheidet sich in seinen spätern Schriften wesentlich von ihm, indem er nicht nur gegen die Grundrente, sondern auch gegen die Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital auftritt. Das Hauptübel besteht nach ihm darin, daß der wachsende Reichtum der Minderheit nicht vorwiegend in produktiven Unternehmungen, sondern in Hypotheken, Staatspapieren oder mit Monopolen ausgestatteten sichern gewerblichen Unternehmungen angelegt werde, so daß er sich direkt oder indirekt dem Grundeigentum zuwende. In der Möglichkeit, die der Kapitalbesitzer hat, sein Einkommen in dieser sichern Weise anzulegen, erblickt Flürscheim auch die Ursache der Krisen; sobald diese Möglichkeit nicht mehr vorhanden sei, werde sich das Kapital wieder völlig der Industrie zuwenden, das Mehrprodukt würde Absatz finden, die Überproduktion und damit die Absatzstockung verschwinden. Was die praktische Durchführung seiner Theorie anlangt, so will Flürscheim, daß die Bodenbebauung frei bleibe; der Staat soll aber die reine Grundrente im Sinne Ricardos, d. h. den Teil des Bodenertrags, der nicht auf der Arbeit des Bebauers, sondern auf den Naturkräften und der Gesellschaftsentwickelung beruht, erhalten. Die Ausführung wäre verschieden: in England und Amerika müßte der Staat nach Flürscheim die Grundrente teils »wegsteuern«, teils abkaufen, in Deutschland dagegen »wegpachten«, letzteres in der Weise, daß der Staat allmählich allen Boden nach dem gegenwärtigen Preisstand aufkaufen und dann in der Art verpachten soll, daß dem einzelnen Pachter nur die Vergütung für seine Arbeit und die Verfügung über die vom Boden trennbaren Objekte zusteht, die eigentliche Grundrente aber an den Staat fällt.
   Auf Anregung Flürscheims wurde 1888 der Deutsche Bund für B. gegründet, der den Ideen des Gründers zum Durchbruch verhelfen sollte. Dieser Bund, dessen bisheriger Vorsitzender Fabrikbesitzer Freese war, hat 1898 den Namen Bund der deutschen Bodenreformer angenommen und das Programm umgestaltet. Das neue Programm ist von dem jetzigen Vorsitzenden Adolf Damaschke (s. d.) entworfen. Danach stellt der Bund zunächst folgende Forderungen auf: 1) Organische Überführung des Realkredits in öffentliche Hand; 2) Verhinderung der gemeinschädlichen Ausnutzung der Naturkräfte und monopolistischen Gewerbe und Betriebe; 3) Erhaltung und Erweiterung des Gemeindegrundbesitzes; 4) Erlaß eines Wohnungsgesetzes, das die spekulative und übermäßige Ausnutzung des Bodens verhindert und Wohnräume ausschließt, die in gesundheitlicher und sittlicher Beziehung gerechten Anforderungen nicht entsprechen; 5) Besteuerung des unbebauten städtischen Bodens nach dem Werte, der durch Selbsteinschätzung zu bestimmen ist; Enteignungsrecht der Gemeinde zu dem durch Selbsteinschätzung bestimmten Wert; 6) bei allen Wertsteigerungen, die durch Verbesserung auf öffentliche Kosten geschehen (Brücken-, Schul- etc. Bauten), Heranziehung der Bodenbesitzer, deren Eigentum im Werte dadurch steigt, im Verhältnis zu dieser Wertsteigerung; 7) bei ländlichen Zwangsverkäufen ein Vorkaufsrecht für die Gemeinde, bez. für den Staat; 8) planmäßige Kolonisation durch den Staat, und zwar in einer Form, die eine spekulative Verwendung und eine Überschuldung des neugeschaffenen Besitzes ausschließt; 9) Sicherstellung der Forderungen der Bauhandwerker; 10) Unterstützung von solchen Baugenossenschaften, die am gemeinschaftlichen Eigentum festhalten, namentlich auch durch pachtweise Überlassung von Gemeindegrundbesitz. Neben dem Bund steht mit gleichem Programm eine »Frauengruppe für Bodenreform«. Der Bund zählt z. Z. ca. 102,000 Mitglieder. Die Aufnahme des Erbbaurechts in das Bürgerliche Gesetzbuch und die Umgestaltung der bisherigen Grundsteuer in eine solche nach dem Verkaufswert in zahlreichen Städten sowie die »Landordnung« in Kiautschou sind auf seine Anregung zurückzuführen. Organ des Bundes ist die Halbmonatschrift »Deutsche Volksstimme«.
   Ähnliche Vereine bestehen in der Schweiz (Freiland, schweizerische Gesellschaft für B.) mit dem Vorort Basel, einer in Holland, der »Nederlandsche Bond voor Landnationalisatie«, der die Zeitschrift »Der

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Grond van Allen« herausgibt. Im wesentlichen auf gleichem Boden steht der Allwohlsbund, der an Stelle des privaten Grundeigentums die Zuwendung der Grundrente an die Gesamtheit erstrebt. Der Allwohlsbund (konstituiert am 4. Juli 1888) war aus der 1886 gegründeten »Landliga« und diese aus dem von Th. Stamm (gest. 7. Juni 1892) in Berlin gegründeten Verein für Humanismus hervorgegangen. In Australien haben die Ideen Georges zahlreiche Anhänger gefunden und in Neuseeland, wo diese seit 1892 die Majorität im Parlament haben, sogar Versuche zu ihrer gesetzgeberischen Verwirklichung (Grundwertsteuer) gezeitigt. In Rußland vertritt Graf Leo Tolstoi (s. d.) eifrig die B. In Frankreich und Belgien sind namentlich die Schüler von Colins und Laveleye, die sogen. Socialistes rationels, Vertreter der B.
   Wieder in andrer Weise sucht Th. Hertzka (s. d.) die Bodenfrage zu lösen, indem er die Forderung der Aufhebung des privaten Grundeigentums mit vollständigem wirtschaftlichen Liberalismus verbindet. Träger des Wirtschaftslebens sollen nach ihm Produktionsassoziationen sein, zu denen jeder jederzeit freien Zutritt haben soll. Dadurch würde Lohnarbeit und Unternehmergewinn unmöglich; damit würde aber auch die Differenz der Grundrente, die sich aus der verschiedenen Fruchtbarkeit und Lage der Grundstücke ergibt, verschwinden, weil Genossenschaften, die einen besonders ertragreichen Boden bewirtschaften und deshalb die meisten Teilnehmer finden, den Ertrag unter eine größere Anzahl von Mitgliedern verteilen müssen, als es bei weniger günstig gestellten Genossenschaften der Fall ist. Ein Versuch Hertzkas, sein »Freiland« auf afrikanischem Boden in Wirklichkeit zu übertragen, ist gescheitert. Vgl. Stamm, Die Erlösung der darbenden Menschheit (Zür. 1870); Laveleye-Bücher, Das Ureigentum (Leipz. 1879); Samter, Das Eigentum in seiner sozialen Bedeutung (Jena 1879); George: Progress and proverty etc. (deutsch von Gütschow, 5. Aufl., Berl. 1892, auch in Reclams Universal-Bibliothek), Social Problems (deutsch von Stöpel, 3. Aufl., Berl. 1890), The condition of labor (deutsch: »Zur Erlösung aus sozialer Not«, von Eulenstein, das. 1893); die Schriften von Flürscheim: Der einzige Rettungsweg (Dresd. 1891), Auf friedlichem Wege (Baden-Baden 1884), Deutschland in 100 Jahren (das. 1891), Das Staatsmonopol des Grundpfandrechts (Minden 1885); v. Helldorf-Baumersrode, Verstaatlichung des Grund und Bodens (Berl. 1885); Derselbe, Das Recht der Arbeit und die Landfrage (das. 1886); Th. Hertzka, Freiland, ein soziales Zukunftsbild (10. Aufl., Dresd. 1893); Frankl, Verstaatlichung der Grundrente (Wien 1891); Fuld, Verstaatlichung des Grund und Bodens (Hamb. 1892); Schärz, Frei Land, die B. (Bern 1890); O. Beta, Deutschlands Verjüngung. Zur Theorie und Geschichte der Reform des Boden- und Kreditrechts (Berl. 1900); Damaschke, Die Bodenreform (2. Aufl., das. 1903); Diehl, Artikel »B.« im »Handwörterbuch der Staatswissenschaften«, Bd. 2 (2. Aufl., Jena 1899).
 
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Bodenbonitierung, Feststellung der Beschaffenheit oder Güte (Bonität) der Grundstücke, zur Ermittelung ihres Wertes für die Güterabschätzung (s. d.), Grundsteuereinschätzung, Grundzusammenlegung, Grundteilung, Enteignung für Grundtausche, Belehnungen etc., sowie der Ermittelung der Kultur- und Ertragsfähigkeit zum Zwecke der Betriebsorganisation (s. Meyers Landwirtschaftliche Betriebseinrichtung). Die Bonität der Grundstücke hängt ab von der Beschaffenheit von Boden, Lage und Klima oder der Standortsbeschaffenheit. Sie wird je nach dem beabsichtigten Zweck ermittelt durch eine vollständige Reinertragsberechnung (s. Meyers Landwirtschaftlicher Wirtschaftsertrag) oder durch Einschätzung in ein aufzustellendes Bonitierungs- (Wertschätzungs-) oder Klassifikationssystem, aus dem die Abstufungen und das gegenseitige Wertverhältnis der Grundstücksbonitäten zu entnehmen sind. Im letztern Falle wird jedes Grundstück einzeln abgeschätzt, oder man begnügt sich entsprechend den vorkommenden Bonitäten mit der Ausstellung von Mustergrundstücken, deren Wert genau erhoben wird, während die große Masse der Grundparzellen nur dem entsprechenden Mustergrundstück zugezählt wird. Bonitierungssysteme wurden für die einzelnen Kulturarten, Acker, Wiese, Weide etc., gesondert aufgestellt. Für Ackerland wurden solche Klassifikationssysteme nach der Bodenbeschaffenheit (physikalische), dem Bodenertrag (ökonomische) oder nach beiden Momenten (allgemeine Klassifikation) aufgestellt. Von der physikalischen Klassifikation entspricht für praktische Zwecke jene nach der mineralogisch-geognostischen Beschaffenheit (Fallou, Hundeshagen, Orth etc.) sowie nach den chemischen und physiologischen Eigenschaften des Bodens (Fraas, Knop) am wenigsten, am verbreitetsten ist jene nach der Zusammensetzung der Bodengemengteile (Thaer, v. Schwerz, Trommer, Sprengel, Detmer).
   Von den Methoden der ökonomischen Klassifikation ist am gebräuchlichsten jene von Thaer nach den Hauptfrüchten mit den Bezeichnungen: Weizen-, Gerste-, Roggen-, Haferboden mit je zwei Unterabteilungen, so daß acht Klassen entstehen, an die man in Preußen noch heute gewöhnt ist. Dort umfaßt ungefähr: die 1. Klasse die besten Weizenböden, d. h. tiefgründige, humushaltige Ton- oder Lehmböden mit gleichartigem Untergrunde; die 2. Klasse weniger humose und weniger tiefgründige Weizenböden; die 3. Klasse Gerstenböden, d. h. tiefgründige, milde Lehmböden bis lehmige Tonböden mit gleichem oder mergeligem Untergrunde; die 4. Klasse leichtere Gerstenböden, die sandigen Lehm- oder lehmigen Sandböden; die 5. Klasse Haferböden, d. h. magere Lehm- und Sandböden; die 6. Klasse flachgründige, arme Lehm- und Sandhaferböden auf undurchlässigem Untergrund oder sehr strenge Tonböden; die 7. Klasse Roggenböden, d. h. kiesige, humusarme, flachgründige Sandböden oder torfigen Boden mit wenig Sand gemischt, Unterlage Torf oder Sand; die 8. Klasse an der Grenze der Kulturfähigkeit stehende arme, lose Sand- bis Flugsandböden, bringt nur spärliche Roggenerträge. Sehr einfach ist die Charakterisierung der Bodenklassen, nicht nach dem Gedeihen der verschiedenen Getreidearten, sondern allein nach dem Körnergewichtsertrag. Hecke stellt in dieser Beziehung 15 Ertragsklassen auf, von denen Klasse I: 32 und mehr Doppelzentner Körner auf 1 Hektar trägt und die weitern Klassen um je 2 dz weniger, so daß auf Klasse XV ein Körnerertrag von 4 dz entfällt. Schönleutner unterschied kleefähigen und nichtkleefähigen Boden, bei ersterm Luzerne-, Rotklee-, Esparsetteboden mit Unterabteilungen. Andre meinten die Graswüchsigkeit (den natürlichen Grasertrag beim Liegenlassen zur Wiese) gebrauchen zu können. Obige Bezeichnungen sagen natürlich nicht, daß nur die gewählten Pflanzen, z. B. Weizen oder Rotklee, wachsen können, sondern daß diese hier ihren besten Standort haben, und damit hat der Landwirt einen ihm verständlichen Maßstab zur Beurteilung. Auch

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die wildwachsenden Pflanzen suchte man zu verwerten und teilte sie in bodenstete, bodenholde und bodenvage (den Boden fliehende, nicht hier wachsende) Pflanzen oder in Kalkpflanzen etc. Da die physikalische und die ökonomische Klassifikation nicht ausreichen, wurde in neuerer Zeit der allgemeinen Klassifikation nach Bodenbeschaffenheit und Bodenertrag erhöhte Aufmerksamkeit zugewendet. In dieser Richtung sind hervorzuheben die kombinierten Bonitierungssysteme von Settegast, Heinrich und insbes. die Geschäftsanweisung zur Abschätzung des Grundeigentums im Königreich Sachsen, dann die synthetischen Bonitierungssysteme von Birnbaum und Krafft. Vgl. außer der Literatur unter »Güterabschätzung«: Birnbaum, Taschenbuch zum Bonitieren (Leipz. 1885); Block und Birnbaum, Die wichtigsten Klassenbeschreibungen (4. Aufl., Bresl. 1886); Knop, Bonitierung der Ackererde (2. Aufl., Leipz. 1872); Machts, Klassifikation des Acker- und Wiesenlandes (Wien 1875); Settegast, System der Ackerklassifikation, Tabelle (Bresl. 1885); Eichholtz, Die Bodeneinschätzung (Berl. 1900). Das bedeutendste Werk auf dem Gebiete der Bonitierung bildet die geologisch-agronomische Bodenkarte von Preußen und den Thüringischen Staaten, samt Erläuterungsheften und Bohrkarten (Berl.).
 
Artikelverweis 
Bodenbrennen, s. Meyers Boden, S. 119, und Bodenmelioration, S. 126.
 
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Bodendruck einer Flüssigkeit, der Druck, den eine Flüssigkeit auf den Boden des Gefäßes, in dem sie sich befindet, ausübt. Der Boden eines Gefäßes sei dicht schließend in einer vertikalen Ansatzröhre beweglich (s. Abbild.) und durch eine entsprechend (mit dem Gewicht p) belastete, über Rollen geführte Schnur gehalten.

Schiebt man den Boden um die Strecke s abwärts, so steigt p ebensoviel in die Höhe, somit wird die potentielle Energie p. s gewonnen. Gleichzeitig kommt unten die Flüssigkeitsmenge q. s hinzu (wenn q die gedrückte Fläche bedeutet), während oben (in der Höhe h) eine gleichgroße Flüssigkeitsmenge verschwindet. Dies bedingt einen Verlust an potentieller Energie = q. s. d. h, wenn d das spezifische Gewicht der Flüssigkeit ist. Nach dem Gesetz der Erhaltung der Energie müssen Gewinn und Verlust sich decken, somit muß sein: p. s = q. s. d. h oder p = q. d. h., d. h. der gesuchte Druck ist gleich dem Gewichte der über der gedrückten Fläche stehenden vertikalen Flüssigkeitssäule a b c d, gleichgültig, welches die Form des Gefäßes ist. In einem Gefäß, das sich nach oben erweitert, ist hiernach der auf den Boden ausgeübte Druck kleiner, in einem nach oben enger werdenden Gefäß z. B. in einer Flasche) größer als das Gewicht der im Gefäß enthaltenen Flüssigkeit (hydrostatisches Paradoxon). In der Realschen Presse (s. Meyers Auslaugen) findet dieses Verhalten praktische Verwertung. Für ein kleines Flächenelement behält der Satz auch seine Gültigkeit, wenn dasselbe nicht vertikal abwärts, sondern z. B. seitlich in horizontaler Richtung verschiebbar ist. Der Druck auf eine ausgedehnte Seitenwand ist gleich der Summe der Drucke auf ihre einzelnen Elemente.
 
Artikelverweis 
Bodeneinschätzung, s. Meyers Bodenbonitierung und Meyers Güterabschätzung.
 
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Bodenerschöpfung, Entnahme der Bodennährstoffe durch fortgesetzten Anbau von Kulturpflanzen, wenn deren Ernteprodukte ausgeführt werden, ohne daß Nährstoffe dem Boden zugeführt werden. Vgl. Dünger und Düngung.
 
Artikelverweis 
Bodengänge, die Plattenreihen seitlich der Kielgänge auf eisernen Schiffen; vgl. Bodenplanken.
 
Artikelverweis 
Bodengare, s. Meyers Boden, S. 119.
 
Artikelverweis 
Bodengras, s. Meyers Wiese.

 

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