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Bóbrka bis Boccaccio (Bd. 3, Sp. 103 bis 104)
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Artikelverweis Bóbrka, Stadt in Galizien, an der Staatsbahnlinie Lemberg-Czernowitz, Sitz einer Bezirkshauptmannschaft und eines Bezirksgerichts, mit (1900) 5315 Einw. (zur Hälfte Juden).
 
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Bobrów, Kreisstadt im russ. Gouv. Woronesh, am Bitjug und der Eisenbahn Charkow-Balaschow, gegründet im 17. Jahrh. in einer einst biberreichen Gegend, von der die Stadt auch den Namen hat, am Nordsaum der Woroneshschen Steppe, hat 3 Kirchen, ein Progymnasium, 5 Talgsiedereien u. (1897) 3891 Einw.
 
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Bobrúisk, Kreisstadt und Festung im russ. Gouv. Minsk, an der Beresina und der Eisenbahn Libau-Romny, hat 3 griechisch-orthodoxe, eine römisch-kath. Kirche, 17 jüdische Bethäuser, ein Gymnasium und (1897) 35,177 Einw., die Getreide- und Holzhandel treiben. Die Festung liegt ca. 1 km von der Stadt auf einer Anhöhe am Zusammenfluß der Bobruika und

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Beresina; sie wurde unter Alexander I. angelegt und unter Nikolaus I. bedeutend verstärkt. B. wurde 1812 von Napolen I. vergeblich belagert. Am 1. Mai 1902 brannte die halbe Stadt nieder.
 
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Bobrzynski, Michael, poln. Geschichtschreiber, geb. 1849 in Krakau, ward Professor der Rechte an der Jagellonischen Universität daselbst. Sein Hauptwerk, die »Geschichte Polens« (»Dzieje Polski«, Bd. 1 in 4., Bd. 2 in 2. Aufl., Warsch. 1891), erregte durch Kühnheit des Urteils über Polens Vergangenheit und rücksichtslose Bekämpfung herkömmlicher Anschauungen seiner Landsleute Aussehen. Seit 1885 Führer der konservativen Partei im Wiener Reichsrat und im galizischen Landtag, wurde er 1890 zum Vizepräsidenten des galizischen Landesschulrates in Lemberg ernannt.
 
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Boby, s. Meyers Getreidereinigungsmaschine.
 
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Bocage (franz., spr. -kāsch'), Gebüsch, Lustwäldchen; Name mehrerer französischer Landschaften: B. breton (jetzt zum Depart. Ille-et-Vilaine gehörig); B. champenois (Depart. Marne); B. normand (Depart. Calvados); B. vendéen (Depart. Vendée).
 
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Bocage, Manoel Maria Barbosa du, portug. Dichter, geb. 15. Sept. 1765 in Setubal, gest. 21. Dez. 1805, trat in den Marinedienst, wurde 1785 von dem Minister der Marine, den er durch eine spitzige Antwort beleidigt hatte, nach Goa verwiesen, kam 1788 nach Macao und kehrte erst 1790, aus dem Militärdienst entlassen, nach Portugal zurück. Von nun an widmete er sich ganz dem Dienste der Musen, wurde eins der angesehensten Mitglieder des Dichterbundes Segunda Arcadia und erlangte namentlich in der Improvisation eine bewundernswürdige Fertigkeit. Von den Prinzipien der französischen Revolution begeistert, bereitete sich B. durch seine freien, rücksichtslos geäußerten Ansichten viele Feinde. Infolge einer philosophischen Epistel à la Voltaire, »Verdades duras«, in der er die Unsterblichkeit der Seele leugnete, wurde er 1797 auf Befehl der Inquisition verhaftet, erhielt im nächsten Jahre durch den Einfluß des Herzogs von Lafões und des Marquis von Pombal seine Freiheit wieder, mußte sich aber verpflichten, gute Werke fremder Literaturen zu übersetzen (Delille, Florian etc.) und die politische Schriftstellerei aufzugeben. 1802 wurde er als Freimaurer in Untersuchung gezogen. B. ist einer der populärsten neuern Dichter Portugals, dessen Sonette zu den schönsten gehören, die in portugiesischer Sprache gedichtet wurden. Daß viele der »Poesias eroticas« äußerst frivol sind, läßt sich jedoch nicht leugnen. Ausgaben seiner Werke erschienen oft, zuerst 1791 (»Rimas«), neuerdings als »Obras poeticas« von I. da Silva besorgt (Lissab. 185357, 6 Bde.) und von Th. Braga (Porto 1876, 7 Bde.). Vgl. Braga, B. Sua vida e epoca litteraria (Porto 1902). Bocages Schüler und Nachfolger, nach seinem arkadischen Namen Elmanistas genannt, bilden den Übergang zur nationalen Dichterschule Almeida-Garretts.
 
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Bocas de Dragos, s. Paria.
 
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Bocca (ital., Mehrzahl Bocche), Mund, Mündung; Flußmündung; auch Meerbusen (z. B. Bocche di Cattaro); Engpaß; Ausbruchspunkt von vulkanischen Dämpfen und Lavamassen, s. Vulkane; a b. chiusa (»mit geschlossenem Mund«), in der Musik soviel wie Brummstimme.
 
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Boccaccino (spr. -tschīno), Boccaccio, ital. Maler, geb. um 1460 in Cremona, gest. daselbst um 1518, war dort, in Rom und Venedig tätig, wo sich noch zwei in der Art der ältern Venezianer behandelte Altarbilder von ihm (die Verlobung der heil. Katharina in der Akademie und eine thronende Madonna in San Giuliano) befinden. Seine Hauptwerke sind die Fresken im Hauptschiff und im Chor des Domes von Cremona: neun Szenen aus dem Leben der Maria, die in der strengen Charakteristik der Figuren an die ferraresischen Meister erinnern, aber reicher in der Färbung sind.
 
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Boccaccio (spr. -kattscho), Giovanni, einer der größten ital. Dichter und hochverdienter Humanist, geb. 1313 in Paris, gest. 21. Dez. 1375 in Certaldo bei Florenz, war der natürliche Sohn des Florentiner Kaufmanns Boccaccio di Chellino, der aus Certaldo stammte, weshalb B. seinem Namen stets da Certaldo hinzufügte, und einer jungen, vornehmen Pariser Witwe mit Vornamen Gianna (Jeanne). Zum Kaufmann bestimmt, widmete er sich 6 Jahre lang mit Widerwillen diesem Beruf, während ihn seine Neigung zu den Wissenschaften und der Dichtkunst zog. Etwa Ende 1330 siedelte er nach Neapel über. Sein Widerwille gegen den Kaufmannsstand wuchs in der prächtigen Umgebung noch mehr, und endlich gestattete ihm sein Vater, einen andern, freilich nicht den ersehnten, Beruf zu ergreifen. Er sollte kanonisches Recht studieren, »um dadurch später reich zu werden« (1332). Sechsjähriges Studium blieb erfolglos. Mit aller Macht zog es B. zur Dichtkunst und zum Studium der klassischen Literatur. Dichter und Gelehrte am Hofe, dessen Gesellschaftskreise ihm durch seinen Landsmann Niccolò Acciajuoli zugänglich gemacht wurden, waren sein liebster Umgang. Zu seinen ersten Werken, die italienisch geschrieben sind, begeisterte ihn die Liebe zu der natürlichen Tochter König Roberts von Neapel, Maria (»Fiammetta«). B. hat ihr viele lyrische Gedichte gewidmet, und in einer Reihe von Romanen und Erzählungen in Prosa und Versen hat er die Geschichte seines Werbens, seines Glückes und seiner Verschmähung in die Darstellung eingefügt. 1340 oder 1341 rief ihn der Vater nach Florenz zurück, 1346 war er in Ravenna, 1348 in Forlì. Als sein Vater 1348 oder 1349 an der Pest gestorben war, kehrte B. nach Florenz zurück. Er war nun freier Herr und konnte sich mit seinen bescheidenen Mitteln das Leben nach Wunsch gestalten. Als Dichter besaß er schon großen Ruf, und seine Mitbürger übertrugen ihm nun auch manche wichtige politische Ämter. Die 1350 mit Petrarca geschlossene Freundschaft bewirkte, daß er sich fast ausschließlich humanistischen Studien zuwandte und weckte in ihm wahre Gläubigkeit. B. besuchte Petrarca wiederholt auf längere Zeit (1359, 1363, 1368). 1359 gelang es B., den Griechen Leontius Pilatus als Professor nach Florenz zu ziehen. So war er der erste, der für eine Neubelebung der Kenntnis des Griechischen sorgte. Er selbst brachte es freilich nicht mehr weit in dieser Sprache. 1362 siedelte B. auf dringen des Bitten des Großseneschalls Niccolò Acciajuoli nach Neapel über, kehrte aber schon 1363 nach Florenz zurück, weil der Empfang den Erwartungen Boccaccios nicht entsprochen hatte. In Florenz blieb er nun mit kurzen Unterbrechungen bis an sein Lebensende, oft auf seinem Gütchen in Certaldo weilend, oft auch noch mit politischen Missionen betraut, so 1365 an Urban V. nach Avignon und 1367 an denselben nach Rom. 1370 bis 1371 war B. noch einmal in Neapel. Mit dem zunehmenden Alter befielen ihn allerlei Krankheiten. Dennoch übernahm er noch 1373 den ebrenvollen Auftrag der Florentiner Regierung, öffentliche Vorlesungen über Dantes »Divina Commedia« zu halten, die

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er im Oktober d. J. begann. Schon im Januar 1374 zwang ihn jedoch sein Gesundheitszustand, das Lehramt aufzugeben, und im Herbst zog er sich ganz nach Certaldo zurück. Im Juni 1879 wurde ihm hier auf der Piazza Solferino ein Denkmal errichtet.
   Boccaccios überaus zahlreiche Werke sind teils in italienischer, teils in lateinischer Sprache geschrieben. Leidenschaftliche Liebe brachte sein Dichtertalent zur Entfaltung. Im Auftrag Marias schrieb B. sein erstes Werk, den dicken Roman »Filocolo« (13381340, zuerst gedruckt Vened. 1472), eine weitschweifige und schwülstige Bearbeitung der Sage von Flor und Blancheflor. Wahrscheinlich noch 1338 vollendete er den »Filostrato« in Ottaven (Vened. 1480), die B. zuerst in der Kunstdichtung verwendete. Das prächtige Gedicht hat Chaucer in »Troylus and Cryseyde« oft wörtlich übersetzt, und darauf beruht Shakespeares »Troilus and Cressida«. Nicht so schön ist die ebenfalls in Ottaven gedichtete »Teseide« (1341, gedruckt Ferrara 1475), welche die Liebe des Palemone und Arena zu des Theseus Schwägerin Emilia behandelt und von Chaucer für seine »Knightes Tale« verwertet wurde. B. vollendetstes Gedicht in Ottaven ist das idyllische »Ninfale Fiesolano« (Vened. 1477), wohl der Abschluß seiner Jugendwerke. Wohl schon früher ist das »Ninfale d'Ameto« (134142), in Prosa und Terzinen verfaßt (Rom 1478), eine Hirtendichtung in Verbindung mit Allegorie. Ebenfalls verherrlicht noch die Maria die allegorische »Amorosa Visione« (etwa 1342, gedruckt Mail. 1521) in 50 Gesängen in Terzinen. Dem Trennungsschmerz gibt die »Fiammetta« (1342, gedruckt Padua 1472) Ausdruck, ein Liebesroman von feinster psychologischer Durchführung und hinreißendem Zauber der Sprache. Alle Phasen der Liebe zu Maria spiegeln endlich auch noch die lyrischen Gedichte wider (Livorno 1802). Eine kulturhistorisch wertvolle, aber oft unflätige Satire in Prosa auf eine Florentiner Witwe, die sich B. versagte, ist der »Corbaccio« oder »Labirinto d'amore« (zuerst Flor. 1487). Boccaccios Dantebegeisterung entsprang die Lobschrift (zwischen 1357 u. 1362) »Vita di Dante« (hrsg. von Macri-Leone, Flor. 1888; der erste Entwurf von Rostagno, Bologna 1899) und seinen Vorlesungen der wertvolle »Commento sopra la Commedia« (beste Ausg. von Milanesi, Flor. 1863, 2 Bde.), der leider nur bis zum 17. Gesang der Hölle reicht. Das Werk jedoch, dem der Dichter B. seinen Nachruhm zumeist verdankt, ist das »Decamerone«, das man treffend die »Menschliche Komödie« genannt hat und das durch die Schönheit der Sprache und den Stil der Erzählung ein fast unerreichtes Muster seiner Gattung geworden ist. Das »Decamerone« ist eine Sammlung von 100 durch eine Rahmenerzählung miteinander verbundenen Novellen, die der Dichter von zehn während der Pest 1348 aus Florenz entflohenen Personen, sieben Damen und drei Jünglingen aus der seinen Gesellschaft, zu ihrer Unterhaltung an zehn Tagen (daher der nach dem Griechischen gebildete Name) vortragen läßt. Die Erzählungen sind von der mannigfachsten Art; sie behandeln tragische und komische, wunderbare und rührende, witzige und schlüpfrige Stoffe und sind den mannigfachsten Quellen entnommen. Die Verschiedenheit der dem Leser vorgeführten Menschenklassen und Persönlichkeiten, ihre vortreffliche Charakteristik, die Mannigfaltigkeit der Vorgänge, der reizvolle Wechsel von Ernst und Scherz, die Anmut der Erzählungsweise, verbunden mit der Fülle und Gewandtheit der Sprache, haben das »Decamerone« zu einem der hervorragendsten Werke der italienischen Literatur gemacht. Die Unsittlichkeiten des Buches, die nie um ihrer selbst willen dargestellt werden, sondern um ihre Komik hervorzuheben, fallen der Sittenlosigkeit der Zeit des Dichters zur Last.
   Das »Decamerone« ist unendlich oft gedruckt und wiederholt in alle gebildeten Sprachen übersetzt worden. Der vielleicht älteste sogen. Deo gratias-Druck erschien ohne Angabe des Jahres und des Ortes, der zweite Venedig 1471; außerdem brachte das 15. Jahrh. noch elf Ausgaben. Über die Ausgaben vgl. Bacchi della Lega, Serie delle edizioni delle opere di Giovanni B. (Bologna 1875), und Passano, I novellieri italiani in prosa (2. Ausg., Turin 1878). Bereits um 1460 wurde das »Decamerone« ins Deutsche von Arigo (s. d.) übertragen (hrsg. von Keller, Stuttg., Literarischer Verein, 1860); neuere deutsche Übersetzungen lieferten Soltau (Berl. 1803, 3 Bde.; neue Ausg., das. 1884) u. a., die besten K. Witte (3. Aufl., Leipz. 1859, 3 Bde.). Zu den Übersetzungen vgl. Bacchi della Lega a. a. O.; über die Quellen grundlegend Landau, Quellen des Dekameron (2. Aufl., Stuttg. 1884), und Bartoli, I precursori del B. e alcune delle sue fonti (Flor. 1876). Boccaccios »Opere volgari« gab Moutier heraus (Flor. 182734, 17 Bde.), eine Auswahl in deutscher Übersetzung W. Röder (»Boccaccios Romane und Novellen«, Stuttg. 1844, 4 Bde.). In lateinischer Sprache schrieb B. verschiedene mythologische u. historische Werke, die »Genealogia deorum gentilium«, 15 Bücher; »De montibus, sylvis, fontibus, lacubus, fluminibus, stagnis etc.« (in alphabetischer Ordnung); »De casibus virorum illustrium«; »De claris mulieribus« (deutsche Übersetzung von Steinhöwel [s. d.], hrsg. von Drescher für den Literarischen Verein, Stuttg. 1896); außerdem 17 Eklogen, Briefe u. a. Vgl. Hortis, Studj sulle opere latine del B. (Triest 1879); Hecker, Boccaccio-Funde (Braunschw. 1901).
   Biographische Literatur etc.: Landau, B., sein Leben und seine Werke (Stuttg. 1877; erweiterte ital. Übersetzung von Antona-Traversi, Neapel 1881); Körting, Boccaccios Leben und Werke (Leipz. 1880); Crescini, Contributo agli studj sul B. (Turin 1887); Wesselofsky, Boccaccio (Petersb. 18931894); Rossi, Dalla mente e dal cuore di Giovanni B. (Bologna 1900).

 

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