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Blutsturz bis Blutvergiftung (Bd. 3, Sp. 99 bis 101)
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Artikelverweis Blutsturz, s. Meyers Blutung.
 
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Blutsucht, s. Meyers Bluterkrankheit.
 
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Blutsverwandtschaft, die Verwandtschaft, die auf der Abstammung von gemeinsamen Eltern oder Großeltern (in weiterm Sinne von denselben Urgroßeltern) beruht (s. Meyers Verwandtschaft). Man schreibt der B. ziemlich allgemein erhebliche hygienische Bedeutung für die Ehe zu, indem man annimmt, daß bei der Nachkommenschaft von Blutsverwandten Mißbildungen, Unfruchtbarkeit, Gehirnkrankheiten, Taubstummheit, eine Augenkrankheit, Abortus, Lebensschwäche der Neugebornen etc. häufig auftreten. Tatsächlich waren im Altertum und noch jetzt bei vielen Naturvölkern Ehen zwischen den nächsten Blutsverwandten gebräuchlich, aber Religionsvorschriften und Gesetze verboten solche Ehen. Es muß dahingestellt bleiben, ob diese Verbote auf religiöse Vorstellungen, soziale Erwägungen oder auf die Beobachtung zurückzuführen sind, daß durch viele Generationen fortgesetzte Paarung blutsverwandter Haustiere eine Einbuße an Größe, Kraft und Fruchtbarkeit nach sich zieht. Für die Nachteiligkeit der B. bei der Ehe sind mancherlei Beispiele angeführt worden, auch hat man sich auf statistische Erhebungen berufen; indes sind diese Behauptungen keineswegs glaubhaft erhärtet. Es ist nicht erwiesen, daß B. gesunder Eltern Fehler oder Krankheiten der Nachkommen bedingt, aber nach den Gesetzen der Erblichkeit ist zweifellos, daß üble körperliche oder geistige Anlagen, die beiden Eltern gemeinsam sind, höchst verderblichen Einfluß auf die Nachkommenschaft ausüben können, und die Gemeinsamkeit erblicher Anlagen dürfte bei naher B. der Eltern nicht selten sein. Über die Häufigkeit von Ehen unter Blutsverwandten liegen statistische Erhebungen aus einigen Ländern vor. Auf 1000 Ehen überhaupt kommen solche unter Blutsverwandten: in Italien (186883) 7,25 (6,62)
   in Preußen (187583) 7,82 (7,06)
   in Bayern (187783) 9,27 (8,07)
   in Elsaß-Lothringen (187275) 10,74 (10,21)
   in Frankreich (186682) 11,16 (10,38) Die in Klammern stehende Zahl bezieht sich auf Ehen unter Geschwisterkindern, die übrigen waren zwischen Onkel und Nichte oder Neffe und Tante geschlossen. Vgl. auch Blut, S. 81.
 
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Bluttau, s. Meyers Wunderregen.
 
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Bluttaufe, s. Meyers Märtyrer.

[Bd. 3, Sp. 100]



 
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Blutüberfüllung, s. Hyperämie.
 
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Blutumlauf, s. Meyers Blutbewegung.
 
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Blut und Eisen, ein bei Dichtern (Arndt, Schenkendorf) etc. sich findender Ausdruck, der seit Bismarcks Rede in der Budgetkommission des preußischen Abgeordnetenhauses 30. Sept. 1862 (»Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden das ist der Fehler von 1848 und 1849 gewesen , sondern durch Eisen und Blut«) zum geflügelten Wort wurde.
 
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Blutung (Haemorrhagia), das Austreten von Blut aus den Gefäßen in geringer oder bedeutender Menge (Blutfluß, Blutsturz). Jeder Bluterguß setzt eine Verletzung der Blutgefäßwand voraus, so daß das Blut aus dem geöffneten Gefäß ausströmen kann (Extravasation des Blutes). Kleinere Blutungen können ohne Gefäßzerreißung entstehen, indem Blutkörperchen durch die unverletzte Gefäßwand gleichsam durchsickern (B. per diapedesin). Je nach dem Sitz der B. unterscheidet man arterielle, venöse und kapilläre Blutungen. Die B. ist im allgemeinen um so reichlicher, je größer das blutende Gefäß, je stärker der in ihm herrschende Blutdruck, je größer die Ausflußöffnung und je geringer die Widerstände sind, die dem Abfließen des Blutes entgegenstehen. Bei der äußern B. entleert sich das extravasierte Blut auf der Haut, durch Nase, Mund, Mastdarm, Mutterscheide etc. Bei der innern B. bleibt es in natürlichen Höhlen und Kanälen des Körpers zurück, oder es liegt in den Geweben innerer Organe. Hierbei kommen zahlreiche, nur etwa stecknadelkopfgroße Blutaustritte (Ekchymosen oder Petechien) vor, die gelegentlich in allen möglichen Geweben und Organen angetroffen werden; oder es findet eine mehr flächenartige Blutunterlaufung (Suffusion, Sugillation) statt; oder das in größerer Menge ergossene Blut bildet durch Infiltration in einem weichen Gewebe Blutknoten oder hämorrhagische Infarkte; oder das Blut drängt die Gewebe auseinander und stellt sich als Blutgeschwulst (Hämatom) dar; oder endlich das reichlicher ergossene Blut zertrümmert die weichen Gewebe gewisser Organe und stellt einen apoplektischen Herd dar. Blut, das nach innern Blutungen in den Organen liegen bleibt, wird, nachdem die Blutkörperchen zerfallen sind, größtenteils resorbiert, höchstens bleibt etwas körniger brauner oder kristallinischer Blutfarbstoff (Hämatoidin) zurück. War die B. größer, so trocknet das ergossene Blut ein, gerinnt, wird graugelb und zerfällt zu Detritus, der resorbiert oder mit Kalksalzen durchsetzt wird und als steinige Masse liegen bleibt. Unter gewissen Umständen tritt Verjauchung, d. h. Fäulnis des ergossenen Blutes, ein. An der Stelle eines in ein Parenchym, besonders das Gehirn, eingetretenen Blutergusses bleibt nach der Aufsaugung des letztern häufig eine Narbe oder ein cystenähnlicher, mit wässeriger Flüssigkeit erfüllter Höhlraum (apoplektische Cyste) zurück.
   Ursachen der B. sind am häufigsten Wunden und Verletzungen, Wegnahme des äußern Luftdrucks von den Gefäßen (Schröpfköpfe, Besteigen sehr hoher Berge), starke und plötzliche Muskelbewegungen beim Husten, Niesen, Stuhlgang etc., Geschwüre, welche die Gefäßwand anfressen, etc. In andern Fällen haben die Blutgefäßwände krankhafte Texturveränderungen erlitten und können dem Drucke des in ihnen strömenden Blutes nicht den nötigen Widerstand entgegensetzen (fettige Entartung, Aneurysmen). Blutungen entstehen auch bei krankhafter Steigerung des Blutdrucks bei sonst gesunden Blutgefäßen, z. B. bei Herzkranken. Jede Blutüberfüllung einer Gefäßprovinz kann zur B. führen. Außerdem spricht man von einer Neigung zur B., einer hämorrhagischen Diathese, wie bei Bluterkrankheit, Skorbut, Typhus, Pocken, Scharlach, Masern, Leukämie etc.
   Geringe äußere Blutungen sind ohne weitere Bedeutung, während bei innerer B. weit weniger auf die Menge als auf den Sitz und die Lebenswichtigkeit des betreffenden Organs ankommt. Eine linsengroße B. in der Netzhaut des Auges kann Blindheit, eine kirschgroße B. im Streifenhügel des Gehirns Lähmung einer Körperhälfte bedingen, während eine faustgroße B. im Eierstock oft ganz symptomlos verläuft. Bei sehr reichlichen Hämorrhagien treten Blässe, große Schwäche, leichtes Zittern der Glieder ein; der Puls wird klein und weich, aber sehr frequent, der Kranke atmet schneller, klagt über heftigen Durst und Übelkeit, es wird ihm schwarz vor den Augen, die Ohren klingen ihm, endlich wird er ohnmächtig und stürzt bewußtlos zusammen. Wenn jetzt die B. gestillt wird, kann der Kranke wieder zur Besinnung kommen und am Leben erhalten bleiben, wenn nicht, so tritt der Tod sehr bald ein. Die Gesamtmenge des Blutes beträgt etwa 1,13 des Körpergewichts; hiernach richtet sich das Maß dessen, was für jedes Individuum gefährlich ist, denn 1 kg Blutverlust wird von einem robusten Mann von 100 kg ohne Schaden ertragen, während er für eine Person von 5060 kg schon höchst bedrohliche Erscheinungen hervorrufen würde; ein Verlust von der Hälfte des Gesamtblutes ist unter allen Umständen tödlich. Kleine Kinder und Greise vertragen Blutverluste schlecht. Bei Neugebornen ist ein Blutverlust von 6070 g mit Lebensgefahr verbunden, ebenso bei einem einjährigen Kinde ein Blutverlust von 250 g. Frauen ertragen große Blutverluste besser als Männer. Erfolgen die Blutungen in größern Pausen, so vermindert sich die Gefahr, weil inzwischen Wiederersatz des Blutes im Körper stattfindet. Zuweilen haben Blutungen günstigen Einfluß auf den zeitweiligen Körperzustand, eine Hämorrhoidalblutung hebt die vorausgegangenen unangenehmen Gefühle von Spannung und Druck im Unterleib, von Ziehen im Rücken etc. Nasenbluten kann heftigen Kopfschmerz rasch verschwinden machen.
   Das Aufhören oder Stehen der B. erfolgt bei parenchymatösen oder venösen Ergüssen in der Regel durch Gerinnung und dadurch bedingten Verschluß der Gefäße. Schwieriger geschieht dies bei kleinern Arterien und kaum bei Verletzung größerer Arterien oder solcher Gefäße, deren Wandungen durch Kalkeinlagerung starr geworden oder in starrem, knorpelhartem Gewebe eingebettet sind. Unterstützt wird die Blutstillung dadurch, daß der Blutdruck innerhalb der Gefäße mit dem wachsenden Blutverlust abnimmt, sowie dadurch, daß das Blut um so schneller gerinnt, je mehr Blut der Mensch bereits verloren hat. Der blutende Teil muß möglichst hoch gelagert und kühl gehalten werden, der Blutende muß ruhig liegen; er darf nicht tief atmen.
   Das Stillen der B. richtet sich zunächst auf den Verschluß der zerrissenen Gefäße, durch Zudrücken, Verbinden, Auslegen von Feuerschwamm, Umschnüren des Gliedes oberhalb der verletzten Stelle oder Einstopfen von Scharpie und Watte in blutende Höhlen (Nase, Scheide) bis zum festen Verschluß. Durch Steigerung der Gerinnungsfähigkeit des Blutes wirken Gelatinelösungen, unter die Haut gespritzt oder direkt auf blutende Schleimhautflächen oder Wunden aufgetragen, blutstillend. Alle Mittel, die durch Zusammenziehen

[Bd. 3, Sp. 101]


kleiner Gefäße blutstillend wirken (blutstillende Mittel, Hämostatica, Styptica, vgl. auch Adstringierende Mittel), wie kalte Umschläge, Eisblasen, Eispillen, heißes Wasser, Tannin, Bleizucker, Eisenchlorid, Mutterkorn, Ergotin, salzsaures Cotarnin (Stypticin), sind höchst schätzenswert, aber nur ein Ersatz für den mechanischen Verschluß. Wenn eine Pulsader spritzt, so soll man den Daumen auf die Stelle fest ausdrücken und, bis der Arzt kommt, sorgen, daß das Blut nicht heraus kann. Ist jemand zur Hilfe da, so umgreift er das Bein oder den Arm dicht oberhalb der blutenden Stelle und übt hier und womöglich noch außerdem in der Schenkelbeuge, bez. in der Achselhöhle einen dauernden, möglichst kräftigen Druck aus (Digitalkompression). Der Arzt sucht das Gefäß zu unterbinden, indem er es durch Zuschnüren mittels eines Fadens an der verletzten Stelle oder in der Kontinuität der zuführenden Hauptarterie umschnürt (Ligatur). Wo Unterbindung nicht möglich ist, wird die Umstechung angewendet, indem man mit einer stark gekrümmten Nadel einen Faden durch das Gewebe um das Gefäß herumführt und die Naht so knüpft, daß das Gefäß zusammengeschnürt wird. Ältere, nicht mehr angewandte Verfahren sind Akupressur, die mit zwei Nadeln und einem um dieselben herumgeschlungenen Faden ausgeführt wurde, Akutorsion etc. Im äußersten Notfall, namentlich bei parenchymatösen Blutungen und bei den unstillbaren Blutungen der Bluter, macht man vom Glüheisen Gebrauch, um durch den Brandschorf die Quelle der B. zu verschließen. Bei Verdacht einer innern B. sorgt man für größte Ruhe und kühles Verhalten des Patienten. Alles Weitere überläßt man dem Arzt. Treten Erscheinungen von Verblutung auf, oder fällt der Kranke in Ohnmacht, so lagere man ihn horizontal, gebe ihm einige Tropfen Äther oder Hoffmanns Tropfen auf einem Stückchen Zucker oder einige Löffel voll Wein, spritze ihn mit kaltem Wasser an und lasse ihn an Salmiakgeist, Kölnischem Wasser u. dgl. riechen. Bei hochgradiger Blutleere, wo der Tod einzutreten droht, ist Transfusion (s. d.) schleunigst vorzunehmen. Leichter ausführbar und ebenfalls zweckmäßig ist häufig die Autotransfusion (s. d.). Die nach größerer B. zurückbleibende Blutarmut erfordert kräftige, gut nährende Diät. Daneben kann man noch China- und Eisenpräparate reichen. Individuen, die zu B. neigen, müssen kräftige, aber reizlose und leichtverdauliche Nahrung genießen, aufregende Getränke, Tee, Kaffee, Wein etc., vermeiden, sich angemessene, aber nicht übertriebene körperliche Bewegung machen, geistige Anstrengungen und Gemütserregungen jeder Art vermeiden sowie für regelmäßigen, leichten Stuhlgang sorgen.
 
Artikelverweis 
Blutunterlaufung, s. Meyers Sugillation.
 
Artikelverweis 
Blutvergiftung, Verunreinigung des Blutes mit giftigen Substanzen, besonders die von kleinen, oft kaum wahrnehmbaren, und von größern Wunden ausgehenden Infektionen, wobei bestimmte Bakterienarten und deren giftige Stoffwechselprodukte in die Gewebe und auch ins Blut aufgenommen werden. Führt der Vorgang zu Eiterungen, so redet man von Pyämie, bedingt er dagegen vorwiegend sogen. Degenerationen der Organe, so spricht man von Septichämie. Die Erkrankung des Blutes ist durchaus nicht immer die wichtigste Erscheinung, aber der Ausdruck »B.« rührt noch aus der Zeit her, als man die Krankheiten mit Vorliebe auf Blutveränderungen zurückführte. Vgl. Antisepsis.

 

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