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Blutgefäße bis Blüthgen (Bd. 3, Sp. 96 bis 97)
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Artikelverweis Blutgefäße (Vasa sanguinis, hierzu Tafel Meyers »Blutgefäße des Menschen«), bei den Wirbeltieren die mit dem Herzen direkt verbundenen Gefäßbahnen im Gegensatze zu den Lymphgefäßen (s. d.). Es sind häutige, elastische Röhren, die alle Organe und Gewebe des Körpers, mit Ausnahme der Knorpel- und der Horngebilde, durchsetzen und Blut enthalten. Man unterscheidet Schlag- oder Pulsadern (Arterien, s. d.), Blutadern (Venen, s. d.) und Haargefäße (Kapillaren, s. d.). Die Arterien führen bei den höhern Wirbeltieren sauerstoffreiches Blut vom Herzen zu den Organen des Körpers hin und teilen sich dabei in immer feinere Zweige, die zuletzt in die nur mit dem Mikroskop erkennbaren Haargefäße und durch diese in die feinsten Anfänge der Venen übergehen. Von letztern wird das für die Ernährung der Gewebe benutzte, an Sauerstoff arme und an Kohlensäure reiche Blut wieder nach dem Herzen geführt. Diesem »geschlossenen« Kreislauf des Blutes von der linken Herzkammer durch die Arterien des Körpers in das Kapillarnetz der Gewebe und aus letzterm durch die Venen zurück nach der rechten Vorkammer (dem großen oder Körperkreislauf, Fig. 5) gegenübersteht der kleine oder Lungenkreislauf (Fig. 3), der das dunkle, venöse Blut von der rechten Herzkammer durch die Lungenschlagader in das Kapillarnetz der Lunge führt, wo es seine Kohlensäure an die Atemluft abgibt und Sauerstoff aufnimmt, um, hellrot geworden, durch die Lungenvenen zur linken Vorkammer zurückzukehren. Vgl. Blutbewegung.
   Im menschlichen Körper kommen sämtliche Arterienstämme aus der großen Körperschlagader oder Aorta (s. d. und Fig. 3 und 5). Die von der linken Herzkammer ausgehende Aorta gibt ganz nahe an ihrem Ursprung zwei Arterien ab, die sich im Herzfleisch verästeln (Kranzarterien, Fig. 1). Dann treten aus dem Aortenbogen drei große Arterienstämme nach oben zu ab, um Kopf, Hals und Arme mit Blut zu vetsorgen; es sind: 1) die Arteria anonyma (Fig. 5), die sofort in die rechte Kopfschlagader (Karotis) und in die rechte Schlüsselbeinarterie zerfällt, 2) die linke Kopfschlagader und 3) die linke Schlüsselbeinarterie. Die Schlüsselbeinschlagadern setzen sich in die Armschlagadern fort, deren Verzweigung in Fig. 5 dargestellt ist. Der absteigende Teil der Brustaorta entsendet zahlreiche kleinere Zweige für Brustkorb, Speiseröhre und Luftröhre (samt ihren Ästen) und gibt nach dem Durchtritte durch das Zwerchfell (Fig. 5) zunächst die beiden Zwerchfellarterien, dann die Eingeweidearterie (Arteria coeliaca) ab, die sofort in drei Äste für Magen, Milz, Leber, Bauchspeicheldrüse und Zwölffingerdarm zerfällt (Fig. 5). Gleich unterhalb der Arteria coeliaca entspringt die obere Gekrösarterie zur Ernährung des Darmkanals (Fig. 4); ein wenig tiefer treten die zwei Nierenschlagadern (Fig. 5) ab; weiter unten gehen noch Gefäße zu den Geschlechtsteilen, den Endpartien des Darms etc. ab, und schließlich (Fig. 5) löst sich die Aorta in ihre beiden Endäste, die Hüftarterien (Arteriae iliacae communes). Jede von diesen bildet zwei Äste, die Arteria iliaca (hypogastrica) interna für die Beckenorgane und die Arteria iliaca externa für das Bein, wo sie sich bis zu den Zehen verbreitet (Fig. 5). Die direkte Fortsetzung der Aorta an der obigen Teilungsstelle bildet die Arteria sacralis media, bei Wirbeltieren mit langem Schwanz als Schwanzarterie (Arteria caudalis) stark entwickelt. Die Arterien liegen zumeist tief und geschützt, an den Gliedmaßen halten sie sich an der Beugeseite der Gelenke. Venen. Das aus Kopf, Hals und Armen nach dem Herzen zurückfließende Blut sammelt sich jederseits in der Vena anonyma, die beide zusammen die obere Hohlvene (Vena cava superior) bilden und so in die rechte Herzkammer münden (Fig. 1 der Tafel stellt die rechte Herzkammer mit Vorkammer und Lungenarterie dar). Die Vena anonyma entsteht aus der (die Armvenen aufnehmenden) Schlüsselbeinvene und aus der Drosselader, in welche die Kopf- und Halsvenen einmünden. Die Venen der untern Körperhälfte (s. auch Tafel Meyers »Muskeln«) sammeln sich in der untern Hohlader (Vena cava inferior, Fig. 5, 3), die ebenfalls in die rechte Vorkammer des Herzens einmündet. Im allgemeinen verlaufen sie in nächster Nähe der Äste der Aorta und ähneln denselben in Anordnung und Verzweigung, bie Venen jedoch, die den Arterien der Eingeweide entsprechen und das Blut aus Magen, Milz, Pankreas und Darm abführen, verhalten sich insofern abweichend, als sie zur Pfortader (s. d.) zusammentreten. Diese führt das Blut in die Leber; hier fließt es durch ein zweites Kapillarsystem hindurch und tritt dann erst durch die Lebervenen in die untere Hohlader ein (sogen. Pfortaderkreislauf, Fig. 4). Zwischen das Gebiet der obern und untern Hohlader ist noch das System der Vena azygos und Vena hemiazygos eingeschaltet, die beide das Blut aus Brust- und Bauchwand in sich aufnehmen und in dem arteriellen System keine Vertreter haben. Auch in den Gliedmaßen gibt es Venen, die nicht von Arterien begleitet sind, da dies im ganzen nur für die tief liegenden Venen gilt, die von Ellbogen und Knie abwärts paarweise und vielfach durch Querstämmchen verbunden neben den gleichnamigen Arterien verlaufen. Die Venen des Halses, Kopfes und Gehirns verlaufen ganz anders als die Arterien. Die Bedeutung vieler größerer Venen erklärt sich aus ihrer Entwickelung beim Fötus, dessen Kreislauf in vielen Beziehungen stark abweicht (s. Meyers Embryo). Über den feinern Bau der B. s. Arterien, Meyers Kapillaren und Venen.

[Bd. 3, Sp. 97]



 
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Blutgeld, die Summe, die nach altdeutschem Recht von einem Totschläger dem gezahlt wurde, der eigentlich die Blutrache ausüben sollte (s. Meyers Wergeld); dann auch wohl Bezeichnung für das Geld, das vom Gericht für Entdeckung und Denunziation eines Verbrechers ausgesetzt wurde. Bei gewissen Diebstählen, z. B. Einbruch und Pferdediebstahl, wurde in England nach dem Gesetz von 1699 demjenigen, der den Verbrecher ergreifen und überführen würde, außer baren 40 Pfd. Sterl. noch ein Zertifikat erteilt, wodurch er von Kommunaldiensten, z. B. als Armenaufseher, Kirchenvorsteher u. dgl., befreit wurde. Diese Freischeine, auch Galgenscheine (Tyburn-tickets) genannt, konnten vererbt und verkauft werden und hatten in großen Städten oft einen Preis von 200300 Pfd. Sterl. Die entsittlichenden, die Unschuld gefährdenden Wirkungen dieses Systems blieben natürlich nicht aus; daher wurde durch Parlamentsakte 1818 das B., abgesehen von der auf die Entdeckung von Banknotenfälschung gesetzten Belohnung, aufgehoben.
 
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Blutgeräusche, s. Meyers Herztöne.
 
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Blutgerinnung, s. Meyers Blut, S. 81.
 
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Blutgerüst, s. Meyers Schafott.
 
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Blutgeschwulst, s. Meyers Blutung.
 
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Bluthals, s. Amadinen.
 
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Bluthänfling, s. Meyers Hänfling.
 
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Blutharnen (Blutnetzen, griech. Hämaturie, lat. Mictus cruentus), jede Entleerung von Blut oder mit Blut gemischtem Harn aus der Harnröhre, mag das Blut nun aus dieser selbst, aus der Blase, den Harnleitern oder Nieren stammen. Bei dem wahren B. ist Blut mit roten Blutkörperchen dem Harn beigemischt, bei falschem B. wird die rote oder braune Farbe des Harnes durch gelösten Blutfarbstoff hervorgerufen (Hämoglobinurie) infolge Zerfalls roter Blutkörper im Kreislauf selbst, besonders bei manchen Vergiftungen und aus manchen noch nicht aufgeklärten Gründen. Nierenblutungen werden hervorgerufen durch Verletzungen der Nierengegend, durch akute Entzündung der Nierensubstanz, durch Steine und Parasiten (Strongylus gigas, selten) im Nierenbecken, durch Verstopfung der Nierenvenen und durch verschiedene Geschwülste der Nieren. In manchen Fällen ist ein eigentümliches Gefühl von Druck, Spannung oder Schmerz am untern Teil des Rückens zu beiden Seiten der Wirbelsäule beim Eintritt von Nierenblutungen vorhanden. Die Blutungen aus der Blase beruhen am häufigsten auf Anwesenheit von Steinen in der Blase, ferner auf Neubildungen (Krebs), Entzündungen und Verletzungen, endlich auf Blasenhämorrhoiden, d. h. auf Blutungen aus übermäßig gefüllten u. erweiterten kleinen Venen der Blasenschleimhaut, die durch Blutstockung in den Unterleibsorganen, durch sitzende Lebensweise etc. entstehen. Die Menge des entleerten Blutes ist bald beträchtlich, bald gering; augenblicklich gefährlicher Blutverlust ist selten, jedoch kann durch lang anhaltendes B. bedrohliche Blutarmut entstehen. Bei B. ist bis zum Stehen der Blutung zunächst volle körperliche Ruhe notwendig. Dann ist der Sitz der Blutung festzustellen. Es gelingt das durch die Inspektion der Blase mittels Endoskopen und, falls die Niere Sitz der Blutung ist, durch Katheterisation der Harnleiter. Ist festgestellt, aus welcher Niere das Blut stammt, so muß man sich noch vom Zustande der andern Niere überzeugen, da nur, wenn diese gesund ist, eine Exstirpation der kranken Niere angezeigt ist. Bei allen Haustieren kommen Beimischungen von Blut oder Blutfarbstoff zum Harn aus verschiedenen Gründen vor. Verletzungen, Geschwülste, Steinbildung und Entzündungen (beim Hund auch Eustrongylus gigas) bedingen Blutung in die Harnwege. Blutfarbstoff findet sich im Harn bei zwei häufigen und selbständigen Krankheiten des Pferdes und Rindes, der Hämoglobinurie (s. d.).
 
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Blutheil, s. Hypericum.
 
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Blüthgen, Viktor, Dichter und Schriftsteller, geb. 4. Jan. 1844 in Zörbig bei Halle, studierte in Halle Theologie, ging später nach Marburg, führte 187677 die Redaktion der »Krefelder Zeitung« und trat nach E. Keils Tode vorübergehend (bis Herbst 1880) in die Redaktion der »Gartenlaube« in Leipzig, die schon vorher seinen Roman »Aus gärender Zeit« (Sonderausgabe 1884, 2 Bde.; 1901 auch in Reclams Universal-Bibliothek) veröffentlicht hatte, um sich dann ganz der freien literarischen Tätigkeit zu widmen. Seit 1881 lebt B. teils in Berlin, teils in Freienwalde a. O. Er hat besonders als anmutiger Jugendschriftsteller mit dem »Schelmenspiegel« (Leipz. 1876), »Froschmäusekrieg« (das. 1878), einem Band Märchen: »Hesperiden« (3. Aufl., Stuttg. 1900), und seinen Begleitversen zu Bilderbüchern von O. Pletsch rasch Anerkennung gefunden. In seinen »Bunten Novellen« (Leipz. 1879, 2 Bde.; 2. Aufl., Berl. 1887), den Romanen: »Ein Friedensstörer« (Berl. 1883), »Der Preuße« (1884), »Poirethouse« (1884), »Die Stiefschwester« (1887), »Frau Gräfin« (1892, 2 Bde.), »Die kleine Vorsehung« (1901); »Die Spiritisten« (1902) und seinen »Gedichten« (Leipz. 1880; vermehrte Ausg., Berl. 1901) bewährt er sich als lebendiger Erzähler und für Formschönheit empfänglicher Dichter.

 

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