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Blutbrechen bis Blutegel, künstlicher (Bd. 3, Sp. 86 bis 89)
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Artikelverweis Blutbrechen (Haematemesis), Erbrechen von Blut bei Blutungen in die Speiseröhre oder in den Magen. Fälle ersterer Art sind selten und durch Platzen erweiterter Venen oder durch den Durchbruch eines Aortenaneurysma in die Speiseröhre bedingt. Gewöhnlich wird B. durch ein Magengeschwür veranlaßt, das ein größeres Gefäß angefressen hat. Das Blut wird (im Gegensatze zu den Lungenblutungen) nicht schaumig und hellrot, sondern dunkler oder auch schon geronnen und mit Speiseteilen untermischt entleert. Geringere Blutungen, die das Erbrechen kaffeesatzartig färben, kommen namentlich bei Magenkrebs vor. Die Prognose des Blutbrechens richtet sich nach der Größe des angefressenen Gefäßes. Tödliche Blutungen kommen vor, meist aber stehen die Blutungen schließlich von selbst, wenn auch erst, nachdem sie zu erheblicher Blutarmut geführt haben. Bis zur Ankunft des Arztes besteht die Behandlung in bequemer Lagerung des Kranken und absoluter Ruhe desselben. Namentlich darf keine Nahrung zugeführt werden, höchstens sind einige Eispillen zulässig und eine Eisblase auf den Leib. Bei der Beurteilung von B. darf man sich nicht durch Blutungen aus den Rachenorganen, Zahnfleisch, Nase täuschen lassen. Gelegentlich wird von Hysterischen B. simuliert. Ob an Stelle der Menstruation bei Frauen sogen. vikariierende Magenblutungen auftreten können, ist mindestens zweifelhaft.
 
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Blutbrüderschaft, s. Meyers Blutrache und Meyers Halbbrüderschaft.
 
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Blutbuche, s. Meyers Buche.
 
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Blutdorn, s. Mespilus.
 
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Blutdruck, Blutdruckmesser, s. Meyers Blutbewegung, S. 85.
 
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Blutdrüsen, s. Meyers Drüsen.
 
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Blutdünger, s. Meyers Dünger und Düngung.
 
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Blüte (hierzu Tafel Meyers »Blütenformen I und II«), ein Sproß oder Sproßabschnitt bei den Samenpflanzen, der Geschlechtsorgane trägt und die geschlechtliche Fortpflanzung vermittelt. Die einfachste B. besitzen die Gymnospermen, sie besteht aus einem Sproßabschnitt mit meist schuppenförmigen Blättern, die weibliche (Samenanlagen) oder männliche Geschlechtsorgane (Pollensäcke) tragen, die B. ist also hier eingeschlechtig, weiblich oder männlich. Im einfachsten Fall enthält die weibliche B. wie bei der Eibe (Tafel II, Fig. 3 u. 4) nur eine einzige Samenanlage. Bei den Angiospermen sind häufig beiderlei Geschlechtsorgane in einer B. vereinigt (Zwitterblüten). Gewöhnlich stehen dann an der Achse dreierlei seitliche Organe, Blütenhüllblätter, Staubblätter und Fruchtblätter oder Karpelle, die in Kreisen oder spiraligen Gruppen um den Gipfel der Blütenachse angeordnet sind. Die Gesamtheit der Blütenhüllblätter heißt Blütenhülle (perianthium), die Gesamtheit der Staubblätter heißt Andrözeum, die Gesamtheit der Fruchtblätter heißt Gynäzeum. Der Teil der Blütenachse, der die Organe der B. trägt, ist gewöhnlich stark verkürzt, so daß die Organkreise an ihrem Gipfel dicht gedrängt stehen, wobei stets die Blütenhülle die äußern Kreise bildet, während das Gynäzeum die Mitte der Anordnung einnimmt. Die Blütenhülle trägt keine Geschlechtsorgane, sie dient als Schutzorgan für die innern Blütenteile und ist in vielen Fällen indirekt an dem Zustandekommen der Befruchtung beteiligt, indem sie die für die Übertragung des Blütenstaubes nötigen Insekten anlockt und dieselben zu Bewegungen und Körperstellungen nötigt, durch welche die Blütenbestäubung (s. d.) gesichert wird. Häufig sind alle Blätter der Blütenhülle von gleichartiger Beschaffenheit (Tafel I, Fig. 6), man bezeichnet dieselbe dann als Blütenhülle oder Perigon (perianthium). Oft aber ist sie aus zwei verschiedenen Blattkreisen zusammengesetzt, die als Kelch (calyx) und Krone (corolla) unterschieden werden. Die Kelchblätter (sepala) sind gewöhnlich laubblattartig derb und grün gefärbt, sie bilden den äußern Kreis, die den innern Kreis bildenden Kronblätter (petala) sind

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meist von zarterer Beschaffenheit, weiß oder farbig, sehr selten grün. Bisweilen steht unter dem Kelch ein zweiter Kreis kelch- oder auch blumenblattähnlicher Blättchen, der Außen- oder Hüllkelch (epicalyx). Die das Andrözeum bildenden Staubblätter tragen auf einem meist stabförmigen untern Teil, dem Filament, eine kolbenförmige Anthere, in der die Pollensäcke eingeschlossen sind. Sie bilden also den männlichen Teil der B. Das Gynäzeum, der weibliche Teil der B., besteht aus Fruchtblättern (carpellum, carpidium), die unter sich oder jedes für sich zu kapselförmigen Gehäusen, den Fruchtknoten, verwachsen sind, in denen die Samenanlagen eingeschlossen sind.
   Die Zahlen und Stellungsverhältnisse der B. sind außerordentlich wechselnd, aber oft für ganze Pflanzengruppen konstant, so daß sie zur Erkennung der Verwandtschaftsverhältnisse benutzt werden können. Um diese Verhältnisse graphisch darzustellen, bedient man sich der Blütenformeln, in denen die Organkreise durch Buchstaben, die Zahlen ihrer Glieder durch Ziffern ausgedrückt werden. Perigon = P, Kelch = K, Krone = C, Andrözeum = A, Gynäzeum = G. Die Blütenformel P3+3A3+3G3 bezeichnet also eine B., die wie die Tulpe oder Lilie aus 6 auf zwei Kreise verteilten Perigonblättern, ebenso 6 Staubblättern in zwei Kreisen und einem aus drei Fruchtblättern zusammengesetzten Gynäzeum besteht. Die gegenseitige Stellung der Glieder in den Organkreisen zeigt übersichtlich ein schematischer Blütenquerschnitt, das Blütendiagramm, in dem die einzelnen Organe durch einfache, ihrem Querschnitt ähnliche Zeichen vertreten sind.
   Die nebenstehende Fig. 1 zeigt das Diagramm einer B., die in ihrem Aufbau der oben gegebenen Blütenformel entspricht, während Fig. 2 das Diagramm einer B. mit fünfzähligen Organkreisen wiedergibt, deren Formeln K5C5A5+5G5 lauten würde. Die Diagramme lassen erkennen, daß die Organe der einzelnen Kreise in gleichen Abständen um die Achse verteilt sind, und daß die Glieder der aufeinanderfolgenden Kreise miteinander abwechseln (alternieren). Stehen die Glieder zweier aufeinanderfolgender Organkreise voreinander auf demselben Radius, so bezeichnet man sie als superponiert. Sind die Glieder aller Kreise, wie in den vorstehenden Diagrammen, in Quirlen angeordnet, so bezeichnet man die B. als zyklisch. Hemizyklisch oder azyklisch heißt dagegen die B., wenn in einzelnen oder in allen Organkreisen die Glieder in spiraliger Anordnung stehen. Stehen alle Blütenteile rings um die Blütenachse in gleichmäßiger Verteilung, so daß die B. durch jeden beliebigen Radialschnitt in zwei spiegelbildlichgleiche Hälften zerteilt wird, so bezeichnet man die B. als radiär oder akstinomorph. Häufig wird aber dadurch, daß die Blütenteile ungleich angeordnet sind, oder daß einzelne Kreise durch Unterdrückung einzelner Glieder unvollständig werden, oder daß die einzelnen Glieder des gleichen Kreises verschiedene Ausbildung erfahren, die B. unregelmäßig oder zygomorph. Man bezeichnet sie als dorsiventral, wenn sie sich durch eine einzige Ebene in zwei symmetrische Hälften teilen läßt, als unsymmetrisch, wenn eine symmetrische Teilung überhaupt nicht möglich ist.
   In ganz besonderer Weise ist auch die Plastik der Blütenteile an dem Zustandekommen der Blütenformen beteiligt. Ist die Blütenachse an der Spitze kegelförmig, wie in Fig. 3 der Tafel I, so daß die innersten Blütenteile, das Gynäzeum, am höchsten stehen, so heißt die B. hypogyn, das Gynäzeum ist oberständig. Bei der perigynen B. (Tafel I, Fig. 4) bildet die Blütenachse an der Spitze eine schüssel- oder urnenförmige Vertiefung, in deren Grunde das Gynäzeum steht, während die äußern Organkreise auf den Rand emporgerückt sind. Das Gynäceum ist mittelständig. Bei der epigynen B. ist das Gynäzeum unterständig (Tafel I, Fig. 5), d. h. es ist in die Blütenachse unter die übrigen Blütenteile hinab versenkt und mit derselben zu einer knotigen Anschwellung verwachsen. Nicht selten zeigen sich in der B. Auswüchse der Achse, die entweder zwischen den Organen der B. höckerartig vorragende Nektarien bilden oder ein ringsherum greifendes Polster (Diskus) darstellen. Die Blätter der Krone stehen entweder frei nebeneinander (choripetale B.), oder sie sind zu trichterförmigen, glockenförmigen, stieltellerförmigen, radförmigen, röhrenförmigen Gebilden miteinander vereinigt (Tafel I, Fig. 712 [sympetale B.]). Sind dabei die einzelnen Kronblätter von ungleicher Gestalt und Größe, so entstehen dorsiventrale Formen, wie die Lippenblüten (Tafel I, Fig. 13, 14 u. 17). Auch bei Perigonblüten und choripetalen Blüten treten dorsiventrale Formen durch ungleichmäßige Gestaltung der einzelnen Blütenhüllblätter häufiger auf. Ein Beispiel bieten die gespornten Blüten der Orchideen (Tafel II, Fig. 5) und die Schmetterlingsblüte der Papilionazeen (Tafel I, Fig. 15 u. 16). Bei der B. von Scirpus (Tafel II, Fig. 1) u. a. wird die Blütenhülle durch einen aus Borsten gebildeten Federkelch vertreten; bei den meisten Grasblüten ist sie auf zwei unscheinbare Schüppchen (Tafel II, Fig. 2) reduziert; der Esche (Tafel I, Fig. 1) fehlt sie ganz. Die Staubblätter des Andrözeums stehen meistens frei nebeneinander, seltener sind sie zu einer Säule (Tafel II, Fig. 13) oder zu mehreren Bündeln miteinander verwachsen. Durch Verwachsung der Staubblätter mit dem Gynäzeum wird in der B. der Orchideen und bei Aristolochia (Tafel II, Fig. 7 u. 8) eine Befruchtungssäule (gynostemium) gebildet. Durch Unterdrückung einiger Staubblattanlagen geht die Zahl der Staubblätter in manchen Blüten bis auf ein einziges zurück (Tafel I, Fig. 2), oder das Andrözeum verschwindet ganz, so daß eine eingeschlechtige, rein weibliche B. entsteht (Tafel I, Fig. 19). In diesem Falle müssen selbstverständlich neben den weiblichen Blüten auch noch Zwitterblüten vorkommen oder doch männliche Blüten, die durch Unterdrückung des Gynäzeums aus den erstern hervorgegangen sind (Tafel I, Fig. 18). Die Zahl der Fruchtblätter, die das Gynäzeum der B. zusammensetzen, schwankt in weiten Grenzen. Sind mehrere Fruchtblätter vorhanden, so kann entweder jedes derselben für sich einen Fruchtknoten bilden (apokarpes Gynäzeum, Tafel II, Fig. 1012), oder alle Fruchtblätter verwachsen zu einem einzigen Fruchtknoten (synkarpes Gynäzeum, Tafel II, Fig. 1417). Der aus mehreren Fruchtblättern gebildete Fruchtknoten ist einfächerig, wenn die Fruchtblätter nur mit

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den Rändern verwachsen, so daß nur ein einziger Hohlraum entsteht (Tafel II, Fig. 16), mehrfächerig, wenn der Hohlraum durch Scheidewände in einzelne Abteilungen zertrennt ist. Der Fruchtknoten ist mit einer Narbe verbunden, die zum Auffangen der die Befruchtung vermittelnden Pollenkörner bestimmt ist. Die Narbe sitzt entweder dem Fruchtknoten direkt auf (Tafel II, Fig. 11), oder sie ist durch einen Griffel über denselben emporgehoben (Tafel II, Fig. 9). Bei synkarpen Fruchtknoten sind häufig nach der Zahl der verwachsenen Fruchtknoten mehrere narbentragende Griffel vorhanden (Tafel II, Fig. 14 u. 17) oder doch mehrere Narbenlappen an einem gemeinsamen Griffel (Tafel II, Fig. 1). Die Gestaltung der Narbe kann verschieden sein. Der Fruchtknoten der Gräser trägt zwei federförmige Narben (Tafel II, Fig. 2), bei der Schwertlilie (Tafel II, Fig. 6) sind die Narbenlappen des Griffes blumenblattartig ausgebildet. Über die biologische Deutung des Gestaltenreichtums der Blüten s. Meyers Blütenbestäubung.
   Viele Pflanzen, krautige wie Gehölze, werden ihrer schönen Blüten halber kultiviert, viele Blüten finden technische Verwendung (Saflor, Safran, Malven etc.), aus andern werden ätherische Öle gewonnen (Rosen, Gewürznelken, Orangen, Lavendel etc.), und wieder andre werden arzneilich benutzt (Arnika, Kamillen, Wurmsamen, Koso, Holunder etc.). Gegessen werden Blumenkohl, die Blüten von Robinie, Holunder, Veilchen, Orangen, Rosen, namentlich aber in Indien die Blüten des Mahwabaumes und einer Knöterichart (Calligonum), als Gewürze benutzt man Kapern, Gewürznelken, Zimtblüten, Safran, Kapuzinerkresse, auch wird der Tee mit verschiedenen Blüten (Jasmin, Olea fragans, Gardenia etc.) parfümiert. Lebende Blüten können mit wasserlöslichen Farbstoffen, besonders mit Teerfarben, gefärbt werden, wenn man die abgeschnittenen Stengel in die Lösung stellt. Die Färbung zeigt oft sehr zierliche Aderung.
   Gefüllte Blüten stellen eine Abweichung von der normalen Bildung dar, eine Ausartung, die sich z. T. geschlechtlich fortpflanzt, meist aber nur durch ungeschlechtliche Vermehrung erhalten werden kann. In der Regel entstehen gefüllte Blüten durch Versetzen der Pflanzen in ungewöhnliche, bessere Verhältnisse, bisweilen auch, wenn die Pflanze aus bessern Wachstumsbedingungen in schlechtere übergeht. Als Seltenheit findet man gefüllte Blüten bei wild wachsenden Pflanzen, z. B. bei Cardamine pratensis, Saxifraga granulata, Chelidonium majus, Caltha palustris, Ranunculus etc. Gefüllte Blüten spielen in der Gärtnerei eine große Rolle, und Rosen, Nelken, Levkojen, Gänseblümchen etc. haben erst den jetzigen gärtnerischen Wert erhalten, seitdem man gefüllte Varietäten von ihnen züchtet; andre, wie Datura, Ipomoea, sind durch die Füllung häßlich geworden. Manche Blüten büßen bei der Füllung an Geruch ein (Veilchen), während andre stärker, anhaltender, sogar anders riechen als die nicht gefüllten. Gefüllte Blüten entstehen durch Vermehrung der einzelnen Teile der B., ohne die Befruchtungsorgane zu benachteiligen; in andern Fällen verwandeln sich die Staubgefäße und selbst der Griffel in Blumenblätter, auch wird bisweilen der Kelch blumenkronenartig, wie bei derhalbgefüllten Campanula Medium. Bei Kompositen verwandeln sich die kurzen Scheibenblumen in verlängerte Röhrenblüten oder in blatt- oder zungenförmige Strahlenblüten (Astern, Georginen, Zinnien, Tagetes). Bei Centaurea und Gaillardia mit kleinen, trichterförmigen Randblüten bilden sich auch in der Mitte ähnliche Blüten mit geteilter Korolle. Bleibt wenigstens ein Teil der Befruchtungsorgane erhalten, so können die gefüllten Blüten Samen tragen, wenn auch weniger reichlich als die einfachen Blüten. Blieb das Pistill unverwandelt, während die Staubfäden zur Befruchtung unfähig wurden, so kann man Samen durch künstliche Befruchtung mit fremden Pollen erzielen. Bei gefüllten Petunien befruchtet man die Narben mit dem Pollen andrer halbgefüllter Sorten. Es ist bisher, außer bei Levkojen und dem nahe verwandten Goldlack, noch nicht gelungen, durch besondere Kultur einen Samen zu erziehen, aus dem gefüllte Pflanzen erwachsen; vielmehr erzielt man gefüllte Blüten immer nur durch sorgfältige Auswahl und Absonderung der geeigneten Sämlinge. Die Erlangung gefüllter Blüten ist zunächst Sache des Zufalls. Ist aber einmal ein Ansatz dazu aufgefunden, dann schreitet der Gärtner ein und bringt es in der Regel bald zu dem gewünschten Erfolg.
 
Artikelverweis 
Blüte, in der Medizin soviel wie Ausschlag (s. d.).
 
Artikelverweis 
Blutegel (Discophori, Hirudinei), Gruppe der Ringelwürmer, langgestreckte, nicht selten abgeflachte Würmer mit großer Hastscheibe hinten und meist kleinem Saugnapf vorn, ohne Borsten und Fußstummel. Die schmalen, äußerlich sichtbaren Ringel der Haut sind nicht die eigentlichen Segmente, vielmehr bilden erst mehrere Ringel ein Segment, von denen es etwa 30 gibt. Der Mund liegt fast ganz vorn auf der Bauchseite (Fig. 1 M) und leitet in einen muskulösen Schlund (S), der entweder mit drei bezahnten Kieferplatten (Fig. 2 K) bewaffnet ist (Gnathobdellidae) oder einen vorstreckbaren Rüssel hat (Rhynchobdellidae). Auf den Schlund folgt der Magendarm (D), dieser führt in einen kurzen Enddarm (E), der oberhalb der hintern Sanggrube (Sa) durch den After (A) ausmündet. Vorn auf dem Rücken stehen in einer Bogenlinie paarweise hintereinander die Augen; auch Tastwerkzeuge (Tastkegel) sind vorhanden. Über Gehirn (Fig. 1 G), Bauchstrang (B), Blutgefäße und Nieren (N) s. Meyers Art. »Ringelwürmer«.
   Alle B. sind Zwitter und begatten sich, wie es scheint, zum Teil wechselseitig. Zur Ablage der Eier, die im Innern des Körpers befruchtet worden sind, suchen die Tiere geeignete Stellen an Steinen und Pflanzen auf oder wühlen sich in feuchte Erde ein, heften sich dann mit der Bauchscheibe fest und umhüllen den Vorderleib mit dem allmählich erstarrenden Sekret der Hautdrüsen. Dann läßt der B. eine Anzahl Eier nebst vielem Eiweiß aus der weiblichen Öffnung austreten und zieht sich selbst aus der Hülle zurück, die sich schließt und als Kokon die Eier in sich birgt. Wenn die jungen B. diese verlassen, haben sie bereits eine ziemliche Länge (beim medizinischen B. von ungefähr 2 cm) erreicht und sehen den erwachsenen ähnlich. Die B. leben großenteils im Wasser, bewegen sich kriechend mit Hilfe der Haftscheiben und schwimmend. Viele leben parasitisch an Fischen; die Kieferegel aber suchen nur vorübergehend die äußere oder innere Haut von Warmblütern auf, heften sich auf

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ihr an, durchsägen sie mit ihren Kiefern, die wie eine Kreissäge wirken (Fig. 3), und saugen sich voll Blut, das meist für lange Zeit ausreicht. Einige Arten leben von Schnecken und Regenwürmern. Rüsselegel sind die Fischegel, ferner die Haementaria Ghilianii (Riesenblutegel vom Amazonenstrom) und die H. officinalis, die in Mexiko dieselbe Verwendung finden soll wie bei uns der medizinische B. Letzterer hingegen ist ein Kieferegel und gehört zur Gattung Hirudo. Diese greifen den Menschen an und bilden zum Teil, besonders in tropischen Gegenden, eine förmliche Landplage. Der medizinische oder offizinelle B. (H. medicinalis) wird spannenlang; man unterscheidet über 60 Varietäten, von denen die häufigsten der deutsche B., mit sechs rostroten Längsbinden auf dem Rücken, und der ungarische B., mit vier roten oder braunen Längsbinden, sind. Er war früher in ganz Europa, dem südwestlichen Asien und Nordafrika heimisch, ist aber jetzt in vielen Gegenden, besonders Deutschlands, vollständig ausgerottet. Der kleine Dragoneregel (H. interrupta), mit sechs Reihen gelber, schwarz getüpfelter Flecke auf dem Rücken, besonders in Algerien, Italien u. Spanien, wird in großer Zahl nach Frankreich, England und Südamerika ausgeführt. Der senegalische Egel (H. mesomelas) wird aus Senegambien nach Frankreich gebracht. Der Pferdeegel (Haemopis vorax), mit mehr zylindrischem Körper, bewohnt Gräben und Teiche in Mittel- und Südeuropa, besonders auch in Nordafrika, und wird an manchen Orten für Menschen und Vieh gefährlich, indem die jungen Tiere beim Trinken verschluckt werden und sich dann für längere Zeit im Rachen, am Kehldeckel und in der Luftröhre festsetzen. Hirudo ceylonica, ein bis 20 mm langer Landblutegel, lebt auf Ceylon, mitunter in ungeheuern Schwärmen, auf der Erde, im Gebüsch und auf Bäumen. Er wirft sich aus dem Gras auf sein Opfer oder läßt sich von den Bäumen herabfallen. Der Biß wird gefährlich bei großer Zahl und schlechter Behandlung durch die lang dauernde Eiterung. Ähnliche Landblutegel finden sich auf den Sundainseln, den Philippinen, in den Nilgiri, im Himalaja, in Südaustralien und Chile.
   Die medizinischen B. leben in ruhigen Teichen und Sümpfen mit Lehm-, Moor- oder Tonboden und Pflanzenwuchs, schwimmen am Tag, namentlich bei warmem Wetter, lebhaft umher und vergraben sich im Herbst tief im Schlamm. Die Fortpflanzung geschieht vom Mai bis Juli. Nach der Begattung bohren sie Gänge in die feuchte Ufererde über dem Wasserspiegel und formen ihre Kokons (s. oben) von Größe und Gestalt einer Eichel. Jeder enthält 616 Eier von 0,15 mm Durchmesser. Nach 6 Wochen kriechen die Jungen aus, aber erst nach 3 Jahren sind sie zu medizinischen Zwecken tauglich; sie erreichen im 5. Jahr ihre volle Größe und können 20 Jahre alt werden. Man züchtet sie in Blutegelleichen, in denen sie mit kleinen Fischen oder Fröschen gefüttert werden. Früher lieferte Deutschland sehr viele B. für den Markt. dann auch Südrußland, Ungarn, Polen. Gegenwärtig ist man meist auf künstliche Zucht angewiesen. Die Stöltersche Anstalt bei Hildesheim vertreibt jährlich fast 3,5 Mill. B. und versendet sie in mit Moorerde gefüllten Kisten. Das südliche Europa, besonders die Gegend an den Donaumündungen, ist reich an Blutegeln, die nach allen Ländern der Erde versendet werden. Große Egel saugen nicht selten gegen eine Stunde und nehmen bis 10 g Blut auf, kleine saugen eine Quantität Blut, die 41/2mal soviel wie ihr Körper wiegt. Die Verdauung währt bei jungen Blutegeln immerhin 35 Monate, bei alten wohl über 11/2 Jahr. Nach 24 Monaten beißen sie wieder an, aber ihre volle Saugkraft erreichen sie erst viel später. Ein völlig leerer B. kann über zwei Jahre fasten.
   Der medizinische Gebrauch der B. ist nicht sehr alt. In den Pariser Hospitälern sollen von 18291836 jährlich 56 Mill. B. verbraucht worden sein, gegenwärtig werden sie nur noch gelegentlich als Ableitung benutzt. Erwachsenen setzt man 430 Stück auf einmal an, Kindern selten über 6. Die Hautstelle wird von Haaren und anhaftenden Unreinigkeiten sorgfältig befreit, mit kühlem Wasser abgewaschen, mitunter mit Milch, Zuckerwasser oder Blut benetzt, um die Tiere anzulocken. Die Tiere werden früher oder später durch Bestreuen mit Salz, Asche, Tabak von der Haut entfernt, wenn sie nicht von selbst abfallen; man schließt später die kleinen Wunden durch Druck oder Schwamm, Scharpie oder kaltes Wasser, Alaunlösung, Höllenstein etc. Vgl. Moquin-Tandon, Monographie des hirudinées (neue Ausg., Montpellier 1846); Ebrard, Nouvelle monographie des sangsues (Par. 1857); Leuckart, Parasiten des Menschen, Bd. 2 (2. Aufl., Leipz. 1901); Blanchard, Revision d'Hirudinées du musée de Dresde (Berl. 1894); Hesse, Sehorgane der Hirudineen (Leipz. 1897); Stölter, Praktische Resultate der Blutegelzucht (Hildesheim 1860); Landois, Eine westfälische Blutegelzucht (im »Zoologischen Garten«, Frankf. 1877).
 
Artikelverweis 
Blutegel, künstlicher, s. Meyers Blutentziehung.

 

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