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Blunderbüchse bis Blutacker (Bd. 3, Sp. 79 bis 83)
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Artikelverweis Blunderbüchse, altes Schießgewehr großen Kalibers, dessen man sich besonders beim Entern von Schiffen zum Schrotschuß bediente.
 
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Bluntschli, Johann Kaspar, Rechtsgelehrter, geb. 7. März 1808 in Zürich, gest. 21 Okt. 1881 in Karlsruhe, ward 1833 außerordentlicher, 1836 ordentlicher Professor an der neugegründeten Universität in Zürich. Obgleich anfangs der 1830 beginnenden schweizerischen Reformbewegung geneigt, wendete er sich doch bald der konservativen Partei zu und veröffentlichte in diesem Sinne die Schrift »Das Volk und der Souverän« (Zürich 1831), wie er auch in seiner »Staats- und Rechtsgeschichte der Stadt und Landschaft Zürich« (das. 183839, 2 Tle.; 2. Aufl. 1856) den Grundsätzen der historischen Schule Rechnung trug. Seit 1837 Mitglied des Großen Rats und Führer der städtischen (konservativen) Partei, beteiligte er sich an den September-Ereignissen 1839 in Zürich und ward infolge derselben Mitglied des Regierungsrats, dem er bis 1845 angehörte. In dieser Eigenschaft verfaßte er den amtlichen Bericht »Die Kommunisten der Schweiz« (Zürich 1843). Später wirkte er für Bildung einer liberal-konservativen Mittelpartei in der Schweiz und schloß sich dem Sozialphilosophen Rohmer an. Als Frucht dieser neuen Richtung erschienen die »Psychologischen Studien über Staat und Kirche« (Zürich 1844). Er besorgte die ihm auch von den politischen Gegnern anvertraute Redaktion des Zivilgesetzbuches. 1848 siedelte er als Professor des deutschen Privatrechts und allgemeinen Staatsrechts nach München über. Er veröffentlichte hier die Werke: »Allgemeines Staatsrecht« (Münch. 1852), das in 5. Aufl. u. d. T.: »Lehre vom modernen Staat« (Stuttg. 187576, 2 Bde.; dazu als 3. Teil: »Politik als Wissenschaft«, das. 1876) erschien (Bd. 1 u. 2 in 6. Aufl. von E. Löning, das. 1885 u. 1886); »Deutsches Privatrecht« (Münch. 185354, 2 Bde.; 3. Aufl. von Dahn, 1864); »Privatrechtliches Gesetzbuch für den Kanton Zürich« (Zürich 185456, 4 Bde. nebst Register) und gab mit Arndts und Pözl die »Kritische Überschau der deutschen Gesetzgebung und Rechtswissenschaft« (Münch. 185358, 6 Bde.) heraus. 1861 folgte er einem Ruf an die Universität Heidelberg. Er wurde Mitglied der badischen Ersten Kammer und 1863 zum Geheimrat ernannt. An der Entwickelung und Förderung der liberalen Bestrebungen nahm B. hervorragenden Anteil und wirkte mit zur Gründung des deutschen Abgeordnetentags (1862). Auch war er eins der tätigsten Mitglieder in dem Ausschuß des Deutschen Protestantenvereins. 1867 ward er in das deutsche Zollparlament gewählt. Er veröffentlichte noch: »Die neuern Rechtsschulen der deutschen Juristen« (Zürich 1841, 2. Aufl. 1862); »Geschichte der Republik Zürich« (Bd. 1 u. 2, das. 184748; Bd. 3 von I. I. Hottinger, 18561858); »Geschichte des schweizerischen Bundesrechts« (das. 184952, 2 Bde.; 2. Aufl., Stuttg. 1875); »Deutsches Staatswörterbuch« (mit Brater, das. 18571870, 11 Bde.); »Geschichte des allgemeinen Staatsrechts und der Politik« (Münch. 1864, 3. Aufl. 1882); »Das moderne Kriegsrecht der zivilisierten Staaten« (Nördling. 1866, 2. Aufl. 1874); »Das moderne Völkerrecht als Rechtsbuch« (das. 1868, 3. Aufl. 1878; von Lardy ins Französische übersetzt, Par. 1869, 2. Aufl. 1874); »Deutsche Staatslehre für Gebildete« (Nördlingen 1874, 2. Aufl. 1880); »Das Beuterecht im Krieg« (das. 1878); »Gesammelte kleine Schriften« (das. 187981, 2 Bde.). Nach seinem Tod erschien seine Selbstbiographie: »Denkwürdiges aus meinem Leben« (Nördlmg. 1884, 3 Bde.). Nach ihm benannt ist die 1882 gegründete B.-Stiftung (mit dem Sitz in München), aus deren Zinsenertrag Preise für die Bearbeitung völkerrechtlicher Fragen verteilt werden.
 
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Blusard, s. Meyers Weinstock.
 
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Bluse (franz. Blouse), ein weites, als Überwurf getragenes, bis über die Hüften, bisweilen auch bis auf die Kniee herabreichendes Hemd, ursprünglich kornblumenblau, jetzt auch grau, grün, weiß etc. In Frankreich und Belgien ist die B. die gewöhnliche Tracht der Bauern und Arbeiter; während der belgischen Revolution vertrat sie sogar die Montierung (Blusenmänner). Die Soldaten Garibaldis trugen rote Blusen. Auch in Deutschland wird die B. als ein bequemes, um die Taille durch einen Gürtel zusammengehaltenes Kleidungsstück getragen, besonders von Jägern, Touristen, Radfahrern, Bildhauern etc. B. heißt auch ein bequemes, überall verbreitetes Damenoberkleid, das, um die Taille herum in kleine Falten gelegt, um den Hals fest anschließt, sonst aber nach Stoff, Form und Garnierung sehr verschieden ist.
 
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Blüse, s. Meyers Fackelfeuer und Meyers Teerfeuer.
 
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Blusenstoffe, geköperte wollene Stoffe mit 23 Ketten- und 25 Schußfäden auf 1 cm. Garne: Kette Nr. 64 zweifach Kammgarn, Schuß Nr. 48 einfach Kammgarn. Das Muster wird gebildet durch bunte Farben der Kette; auch baumwollene Stoffe, wie à jour-Gewebe ausgeführt, mit durchsichtigem Grund (4 fadigen Dreher bindend) und dichten Figuren (Leinwand bindend), 36 Ketten- und 28 Schußfäden auf 1 cm. Garne: Kette Nr. 60 engl., Schuß Nr. 100 engl. Seidene B., bunt kariert gemustert, mit Taftbindung und 80 Ketten- und 46 Schußfäden auf 1 cm; oder geblumt mit 108 Ketten- und 42 Schußfäden auf 1 cm.
 
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Blut (Sanguis, hierzu Tafel Meyers »Blut und Blutbewegung I« bei S. 82), die Flüssigkeit, die in einem geschlossenen Röhrensystem in beständigem Kreislauf den tierischen Körper durchströmt, hierbei den einzelnen Körperteilen ihr Nährmaterial liefert, aber auch die durch den Stoffwechsel unbrauchbar gewordenen Gewebsbestandteile aufnimmt und sie zum Zweck der Ausscheidung in besondere Organe leitet. Das B. vermittelt somit die gesamte Ernährung. Ein Organ, das man künstlich der Blutzufuhr beraubt, stirbt ab. Seine Verluste ersetzt das B. durch Aufnahme neuer Stoffe aus der aufgenommenen Nahrung und aus der Luft. Das B. der Wirbellosen ist in der Regel farblos oder gelblich, das der Wirbeltiere ist rot (nur Amphioxus lanceolatus hat farbloses B.), selbst in dünnen Schichten undurchsichtig, etwa vom spez. Gew. 1,055 und von alkalischer Reaktion. Es riecht eigentümlich, je nach der Tiergattung verschieden und für diese charakteristisch. Bei warmblütigen Tieren ist die Temperatur des Blutes höher als die der umgebenden

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Luft; sie beträgt beim Menschen etwa 3840°. Unter dem Mikroskop zeigt sich, daß das B. aus einer fast farblosen Flüssigkeit (Plasma) und zahlreichen in dieser suspendierten zellenartigen Gebilden, den roten und farblosen Blutkörperchen, besteht. Die roten Blutkörperchen oder Blutscheiben (1658 vom Swammerdam entdeckt) bilden beim Menschen (Fig. a) und bei fast allen Säugetieren runde, hei den übrigen Wirbeltieren (Fig. b-e) elliptische Scheiben. Der Gehalt des Blutes an Körperchen beträgt normal 3050 Proz. seines Gesamtvolumens. Die Größe der roten Scheiben schwankt in den verschiedenen Tierklassen und auch bei demselben Individuum, sie beträgt in 0,001 mm (L. = Längen-, Q. = Querdurchmesser):

Die kleinsten Blutkörperchen haben die Säugetiere (besonders das javanische Moschustier); die größten die Amphibien (besonders der Olm [Proteus anguineus]). Neben den Blutscheiben werden noch besonders kleine Blutplättchen angetroffen, deren Bedeutung noch nicht genügend festgestellt ist. 1 cmm Menschenblut enthält ca. 5 Mill. rote Blutkörperchen. Ihre Zahl schwankt nach Alter und Geschlecht und erfährt eine Erhöhung beim Aufenthalt in größern Höhen. Es sind eigne Methoden zur Zählung der Blutkörperchen ausgearbeitet worden, der gebräuchlichste Zählapparat ist Thomas Hämocytometer (s. d.); diese Zählung kann für den Arzt von Wichtigkeit sein, denn es gibt Krankheiten, bei denen die Blutkörperchenzahl sich merklich verringert. Schätzt man die Blutmenge eines Menschen auf 4400 ccm, und veranschlagt man mit Welcker die Oberfläche eines jeden Blutkörperchens auf 0,000128 qmm, so beträgt diejenige der gesamten Blutkörperchen 2816 qm oder eine Quadratfläche, die auf kürzestem Weg zu durchschreiten 80 Schritt kostet. Die roten Blutscheiben erteilen dem B. seine Farbe und machen es undurchsichtig. Einzeln erscheinen sie grünlichgelb, mehrfach übereinander geschichtet aber rot. Von oben gesehen, zeigen sich die der Säugetiere als runde Scheiben (Fig. a1), deren Mitte vertieft ist. Von der Kante gesehen (Fig. a2), sind sie biskuitförmig, woraus ihre bikonkave Gestalt erkannt ist. Im mikroskopischen Präparat sind die Blutscheiben oft so aneinander geklebt (Fig. a3), daß sie an Geldrollen erinnern (Geldrollenform). Unter gewissen Bedingungen (Verdünnung des Blutes mit Wasser) quellen die Blutkörperchen und nehmen Kugelform an; unter andern (wenn B. an der Luft stehen bleibt oder bei Zusatz gewisser Salze) schrumpfen sie und werden stachelig und zackig.
   Frische rote Blutkörperchen sind außerordentlich geschmeidig und biegsam und passieren schon bei sehr mäßigem Druck Öffnungen von geringerm Durchmesser, als sie selbst haben. So passieren frische Blutkörperchen die Poren des Filtrierpapiers, bleiben aber auf dem Filter zurück, nachdem man sie durch Glaubersalzlösung gehärtet hat. Sie sind auch sehr elastisch und kehren sofort in ihre alte Form zurück, sobald sie sehr enge Blutgefäße passiert haben.
   Die Blutscheiben enthalten einen roten Farbstoff, das Hämoglobin (s. d.), der für die Atmung (s. d.) von außerordentlicher Bedeutung ist. Bei öfterm Gefrieren und Auftauen, beim Verdünnen mit destilliertem Wasser, beim Versetzen mit Galle, Gallensäuren, Äther, Choroform etc. trennt sich der Farbstoff von den Körperchen, tritt in das Plasma über und färbt dieses rot. Dabei wird das B. durchsichtig (lackfarbig). Das dunkelrote Hämoglobin, ein krisrallisierbarer, eisenhaltiger Eiweißkörper, verbindet sich mit Sauerstoff leicht zu hellrotem Oxyhämoglobin. Daher ist das arterielle B. weit heller rot als das venöse. Bei Berührung mit der Luft wird venöses B. schnell arterialisiert, indem sein Hämoglobin den Sauerstoff der Luft aufnimmt. Im luftleeren Raum gibt das hellrote B. die in ihm enthaltenen Gase, auch den Sauerstoff ab und wird dunkel. Letzteres geschieht auch bei Zumischung leicht oxydierbarer Körper (z. B. Schwefelammonium). Das Spektrum verdünnten Blutes zeigt zwei dunkle Absorptionsbänder im gelben und grünen Teil des Spektrums, die für Oxyhämoglobin charakteristisch sind, und man erkennt daran B. noch in einer 1 cm dicken Schicht, wenn die Flüssigkeit davon nur 0,02 Proz. enthält. Das nicht oxydierte (oder reduzierte) Hämoglobin hat ein anderes Absorptionsspektrum. Die Menge des im B. vorhandenen Hämoglobins nimmt bei manchen Krankheiten beträchtlich ab. Man ermittelt sie mit Apparaten, welche die Färbekraft des Blutes quantitativ zu bestimmen erlauben (Hämometer, s. d.). Menschenblut enthält 1214,5 Proz. Hämoglobin. Der Rest der Blutkörperchen, der nach der Entfernung des Blutfarbstoffes zurückbleibt, das Stroma, enthält Eiweißkörper, geringe Mengen von Lecithin und Cholesterin, mineralische Bestandteile (hauptsächlich phosphorsaures Kalium) und Wasser.
   Die farblosen Blutkörperchen (weiße Blutkörperchen, Lymphkörperchen, Leukocyten) sind kernhaltige Zellen, die im Ruhezustand oder nach dem Absterben sphärische Form besitzen. Ihre Größe schwankt innerhalb weiter Grenzen, doch sind sie im B. der Säugetiere fast stets größer als die roten

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Blutscheiben. Ihre Menge ist nur gering, unter normalen Verhältnissen dürfte im Menschenblut ein farbloses Körperchen auf 500750 rote kommen. Beobachtet man einen Blutstropfen unter dem Mikroskop bei Temperaturen von 3540°, so sieht man, wie das Körperchen einen oder mehrere Fortsätze ausschickt, die allmählich an Umfang zunehmen und sich derartig flächenhaft ausbreiten, daß sie nach einiger Zeit der übrigen Zellmasse an Umfang nicht nachstehen. Bald erblickt man die ganze Zelle da, wo früher nur ein schmaler Fortsatz beobachtet wurde. Indem Protoplasmafäden sich bald hier, bald dahin ausbreiten und den übrigen Körper nachfließen lassen, kommen Form- und Ortsveränderungen zu stande, die lebhaft an die der Amöben erinnern (amöboide Bewegungen). Die Körperchen vermögen auch feste Partikelchen (Farbstoffkörnchen, Gewebstrümmer, Bakterien) ihrem Zellleib einzuverleiben, indem dieselben vom Protoplasma umflossen werden. Kraft ihrer amöboiden Bewegungen durchdringen die farblosen Blutkörperchen selbst die anscheinend ganz undurchdringlichen Wandungen der Blutgefäße und begeben sich in die benachbarten Gewebe hinein. Diese Auswanderung der farblosen Blukörperchen spielt besonders bei der Entzündung eine große Rolle. Die in den Saftlücken und zwischen den Gewebselementen vieler Organe auftretenden und ihren Ort wechselnden Leukocyten werden auch Wanderzellen genannt. Die Blutkörperchen der Wirbellosen entsprechen den Leukocyten der Wirbeltiere (Fig. f u. g, S. 80). Die von den Blutkörperchen befreite Blutflüssigkeit bildet das Blutplasma. In abgekühltem oder auf andre Weise am Gerinnen verhinderten B. (s. unten) senken sich die Blutkörperchen, und es sammelt sich über ihnen das Plasma als klare, hellgelbliche bis bernsteingelbe Flüssigkeit, die alkalisch reagiert und ca. 90 Proz. Wasser, 79 Proz. Eiweißstoffe, wenig Harnstoff, Kreatin und andre stickstoffhaltige Zersetzungsprodukte, Traubenzucker, Fett, Cholesterin, Lecithin und mineralische Bestandteile, besonders Natriumchlorid und Natriumkarbonat enthält.
   Kurze Zeit nach dem Ausfließen des Blutes aus dem Körper gerinnt es und erstarrt zu einer weichen, roten Gallerte, indem ein in Plasma gelöster Eiweißkörper, das Fibrinogen, durch die Einwirkung des Fibrinferments in sich ausscheidendes Fibrin (Blutfaserstoff) verwandelt wird. Nach einiger Zeit zieht sich das Gerinnsel fester zusammen und treibt eine völlig klare Flüssigkeit, das Blutwasser (Serum), aus. Der feste, rote Blutkuchen (placenta sanguinis) besteht aus vielfach sich durchkreuzenden, mikroskopisch feinen Fäden von Faserstoff (Fibrin) mit reichlich beigemengten Blutkörperchen. Quirlt man frisch gelassenes Aderlaßblut mit einem Holzstäbchen (Defibrination des Blutes), so scheidet sich der Faserstoff in Form langer, weißer, elastischer Fäden aus, die von eingeschlossenen roten Blutscheiben durch längeres Auswaschen völlig befreit werden. Das defibrinierte B. vermag nicht mehr zu gerinnen. Der Fibringehalt des Blutes beträgt meistens aber nur 2 auf Tausend.
   Pferdeblut gerinnt langsam, Kaninchenblut sehr schnell; menschliches nach 310 Minuten. Verzögern läßt sich die Gerinnung durch Abkühlung des Blutes, Zusatz von schwefelsaurem, borsaurem, kohlensaurem Natron, Chlornatrium u. a. m. Völlig aufheben läßt sie sich während des Lebens durch Infektion von Pepton in die Blutbahn, bei Aderlaßblut durch Bittersalzlösung von bestimmter Konzentration, durch genaues Neutralisieren des angesäuerten Blutes mit Ammoniak, durch Zusatz von Oxalaten oder Fluoriden. Beschleunigen läßt sich die Gerinnung durch Erwärmen des Blutes über seine normale Temperatur hinaus, durch Zusatz gewisser Salze und verschiedener organischer Stoffe. Wird die Ausscheidung des Faserstoffes sehr verzögert, so senken sich die Blutkörperchen, und wenn dann die Gerinnung endlich eintritt, erscheint die obere Schicht des Faserstoffes weißgrau (Speckhaut, crusta phlogistica) und zieht sich stärker zusammen. Früher faßte man Speckhaut irrtümlich als Zeichen einer im Körper bestehenden Entzündung auf.
   Aus defibriniertem B. erhält man nach dem Absetzen der Blutkörperchen, reichlicher durch Zentrifugieren das Serum. Dies enthält alle Stoffe des Plasmas mit Ausnahme des Fibrins. Es reagiert alkalisch, ist bei nüchternen Tieren völlig durchsichtig und meist gelblich gefärbt. Nach reichlichem Fettgenuß wird es trübe durch zahlreiche feine Fettkörnchen, die sich bei ruhigem Stehenlassen auf der Oberfläche in Form einer Rahmschicht absetzen. Durch längeres Erwärmen auf 60° wird es fest. Die so erhaltene, in dünnen Schichten fast durchsichtige Substanz wird zu Nährböden für Bakterienkulturen verwendet. Die Zusammensetzung des Serums ist bei einander verwandten Tierarten sehr übereinstimmend; bei solchen, die in der Tierreihe weiter voneinander entfernt sind, bestehen Verschiedenheiten. Dies spricht sich darin aus, daß die roten Blutkörperchen in fremdem Serum sich auflösen, woraus die Nichtverwendbarkeit fremden Blutes zur Transfusion folgt. Spritzt man einem Kaninchen B. einer nicht verwandten Tierart ein, so gewinnt das Serum des Kaninchens die Eigenschaft, mit einem Blutstropfen des Blutspenders oder ihm nahestehender Tiere einen Niederschlag zu geben, während dies mit andern Blutarten nicht gelingt. Zwischen verwandten Tierarten scheint demnach eine wirkliche Blutsverwandtschaft zu bestehen.
   Einen wichtigen Bestandteil des Serums bilden seine Gase (Blutgase), die man durch Auspumpen vermittelst einer Luftpumpe gewinnen kann. Sie bestehen im wesentlichen aus Kohlensäure mit sehr wenig Sauerstoff und Stickstoff. Das Serum vermag fast das Doppelte seines Volumens an Kohlensäure zu absorbieren; diese beträchtliche Absorptionsfähigkeit ist im wesentlichen auf Rechnung des im Serum enthaltenen kohlensauren Natrons zu setzen; doch scheinen auch die Eiweißkörper des Serums Kohlensäure in lockerer Bindung zu enthalten. Das in den Gefäßen kreisende B. ändert ununterbrochen seine physikalischen und chemischen Eigenschaften. An die Gewebe, die es durchströmt, gibt es fortwährend Nährmaterial und besonders Sauerstoff ab und nimmt dafür die Produkte ihres Stoffwechsels, besonders auch Kohlensäure, auf. Es dürfte kaum zwei Stellen im Organismus geben, an denen das B. von genau gleicher Beschaffenheit wäre. Sieht man von den feinen Differenzen ab, so hat man zwei Arten von B. zu unterscheiden, nämlich arterielles und venöses. Ersteres trifft man im linken Herzen, den gewöhnlichen Arterien und den Lungenvenen, letzteres im rechten Herzen, den übrigen Venen und in der Lungenarterie an. Arterielles B. enthält mehr Sauerstoff als venöses, während letzteres das Arterienblut im Kohlensäuregehalt übertrifft. 100 Volumina enthalten bei 0° und 760 mm Luftdruck:

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Über die Bedeutung dieser Unterschiede im Gasgehalt s. Meyers Atmung, S. 54f. Arterielles B. gerinnt schneller als venöses, weil die Gerinnung durch Zuführung von Kohlensäure verzögert wird. Beide Blutarten zeigen auch Verschiedenheiten in der Temperatur, in Organen mit lebhaftem Stoffwechsel (z. B. in der Leber) ist das abfließende B. wärmer als das eintretende. Organe mit nur unbedeutendem Wärmebildungsvermögen, besonders wenn sie oberflächlich liegen (z. B. die äußere Haut), zeigen ein umgekehrtes Verhalten.
   Das Verhältnis der Blutmenge zu dem Körpergewicht beträgt beim Menschen etwa 1:13, beim Hund 1:11 bis 1:18, bei der Katze 1:11 bis 1:20, beim Kaninchen 1:12 bis 1:22. Ein Mensch von mittlerer Größe würde danach etwa 5 kg B. besitzen. In der ersten Hälfte der Schwangerschaft sah man bei Tieren die Blutmenge nicht wesentlich verändert, während sie in der letzten Hälfte eine bedeutende Zunahme erfuhr. Bei hungernden Tieren nimmt die Blutmenge ab; doch geschieht diese Abnahme nicht schneller, als die des gesamten Körpergewichts, so daß der Prozentgehalt des Körpers an B. sich nicht ändert. Selbst sehr große Blutverlustepflegt der Körper ohne dauernde Störungen zu ertragen, da sehr bald ein Wiederersatz des verlornen Blutes stattfindet (s. Meyers Blutbildung). Über Veränderungen des Blutes bei Krankheiten s. Text zu beifolgender Tafel Meyers »Blut und Blutbewegung I«. Vgl. Hayem, Du sang et de ses altérations anatomiques (Par. 1889).
 
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Blut, tierzüchterischer Ausdruck, s. Meyers Viehzucht.
 
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Blutaberglaube, die mannigfachen Ideen und Praktiken, die sich auf die vermeintliche Kraft und Wirksamkeit frischen Blutes, namentlich des menschlichen, gründen. Die Anschauung, daß im Blute Leben und Seele, Individualität, Kraft und Gesundheit wohnen, daß es das eigentliche Lebensprinzip sei, ist bei allen Völkern ausgeprägt und führte früh zu den Zeremonien der Blutvermischung bei Schließung der Blut- oder Halbbrüderschaft (s. d.), der Belebung der Schatten durch gespendetes Blut (s. Nekromantie) und der Entsühnung von aufgeladener Schuld durch Opferung eines Tieres und Waschung oder Besprengung mit dem vergossenen Blute beim Mithraskult und den Taurobolien (s. d.). Naturgemäß mußte dabei das Blut unschuldiger Wesen für besonders wirksam gelten, und daherspielen Kinder- und Jungfrauenopfer in primitiven Religionsgebräuchen und Sagen (Erstgeburt, Iphigenie etc.), eine große Rolle. Dem »unschuldigen Blut« ward ferner große Wirksamkeit zur Heilung hartnäckiger Krankheiten, wie Aussatz und andrer Hautausschläge (z. B. Elefantiasis), zugeschrieben. Nach der Sage erfolgte der Auszug der Juden aus Ägypten, weil der aussätzige Pharao zu seiner Heilung das Blut von 150 Judenkindern verlangt habe; im Mittelalter kehrt dasselbe Thema in der Sage Konstantins d. Gr. (bei Moses von Chorene und Cedrenus) wieder und bildet das Hauptmotiv in den Dichtungen vom Armen Heinrich, von Amicus und Amelius und in der Hirlandasage. Auch das Menstrualblut, das die Alten und viele Naturvölker für giftig hielten, galt als wirksam gegen Flechten und andre hartnäckige Hautübel. Die Epilepsie glaubte man nur durch einen Trunk warmen Menschenblutes heilbar und suchte im alten Rom das Blut sterbender Fechter aus den Wunden zu trinken, während später das aufgefangene Blut hingerichteter Verbrecher zu einem gesuchten Heilmittel ward. Durch das Blut der sogen. Vampire suchten sich die Angehörigen gegen deren nächtliche Angriffe zu sichern, es spielte in slawischen Gegenden noch während der letzten Jahrzehnte in Leichenschändungsprozessen seine Rolle. Auch viele Morde kleiner Kinder und schwangerer Frauen sind auf ähnliche abergläubische Vorstellungen zurückzuführen.
   Einer besondern Richtung gehört die Beschuldigung fremder Religionsgenossenschaften an, bei ihren Entsühnungsmahlzeiten des Blutes eines gemordeten Menschen (ritueller Mord) zu bedürfen. Im römischen Reich glaubte man, daß bei den Christen jeder neu in die Gemeinschaft Aufzunehmende mit einem Dolche ein unter Opfermehl verborgenes Kind zu töten hätte, worauf alle Anwesenden an dem Bluttrank und der Menschenfleischmahlzeit teilnähmen. Soviel auch Kirchenväter und christliche Profanschriftsteller (Justinus Martyr, Tertullian, Minucius Felix u. a.) sich bemühten, diese ungeheuerliche Zumutung zu widerlegen, folgte doch jeder derartigen Anklage meist eine blutige Christenverfolgung, bis das Christentum Staatsreligion wurde. War es hier die mißverstandene Abendmahlsfeier, die den Verdacht zuerst erregte, so scheint eine mittelalterliche jüdische Zeremonie, bei der dem Andenken der vom Pharao gemordeten Judenkinder vier Becher Weins gewidmet wurden, den ersten Anlaß zu der Beschuldigung der Juden gegeben zu haben, daß sie jährlich bei ihrem Passahfest einen Christen ermordeten, um sich seines Blutes bei der Feier zu bedienen. Diese Beschuldigung tauchte zuerst bei der Judenaustreibung aus Frankreich unter Philipp II. (11801223) auf und kehrte seitdem wieder, wenn irgendwo um Ostern ein junger Mensch verschwand oder ermordet gefunden wurde. Mehrere solcher angeblich von Juden geschlachteter Christenkinder wurden heilig gesprochen, wie der heil. Simon von Trient (1475) und der heil. Werner, dem am Rhein mehrere Kapellen gewidmet sind.
   Einen neuen Charakter gewann der B., als nach Anerkennung der Transsubstantiationslehre wiederholt blutartige Flecke auf Hostien als wunderbare Bestätigung der neuen Lehre betrachtet worden waren, z. B. bei der von Raffael gemalten Messe von Bolsena oder beim Wunderblut zu Wilsnack in der Altmark (1388). Das schon im Altertum häufig beobachtete Auftreten blutroter Flecke an Gebäck und Speisen (s. Meyers Blutendes Brot) mag die erste Veranlassung zu dieser Art von B. gegeben haben; fortan traten häufige Beschuldigungen auf, die Juden hätten sich geweihte Hostien zu verschaffen gewußt, um zu sehen, was an dem christlichen Dogma Wahres sei, und hätten so lange mit Nadeln oder Pfriemen hineingestochen, bis reichlich Blut geflossen sei. Die Juden wurden dann eingekerkert, durch Anwendung der Folter zu Geständnissen gebracht und hingerichtet. Auch hierbei bildete eine große Judenverfolgung mehr als einmal das Nachspiel der Prozesse. Unter andern wurden 1510 in Berlin 34 Juden wegen blutender Hostien hingerichtet. Vergeblich erhoben aufgeklärte Päpste, wie Benedikt XII. (gegen das Blutwunder zu Passau 1338) und Ganganelli, ja selbst jüdische Renegaten, wie Pfefferkorn, gegen die wahnwitzigen Anklagen ihre Stimme; sie haben bei dem Aufleben der Judenverfolgungen in Ungarn und Rußland, bei den Prozessen von Tisza Eszlar (1882), Korfu (1891), Xanten (1892) und Konitz (1900), überhaupt in den Kreisen fanatischer Katholiken, wie Rohling

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und Desportes, eine Neubelebung erfahren. Eine große Judenverfolgung war jedesmal die unausbleibliche Folge dieser Beschuldigung, die um so unsinniger ist, da den Juden selbst der Genuß von Tierblut (3. Mos. 17, Vers 1014) aufs strengste untersagt ist. Vgl. Strack, Das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschheit (8. Aufl., Münch. 1900); P. Cassel, Die Symbolik des Blutes (Berl. 1882); Chwolson, Die Blutanklage der Juden (Frankf. 1901).
 
Artikelverweis 
Blutabszeß, s. Meyers Blutblase.
 
Artikelverweis 
Blutacker, s. Meyers Hakeldama.

 

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