Wörterbuchnetz
Meyers Großes Konversationslexikon Bibliographische AngabenLogo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf · Logo textgrid zeno bmbf
 
Blinddarmentzündung bis Blindes Loch (Bd. 3, Sp. 56 bis 58)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Blinddarmentzündung, eine selten vom Blinddarm (Typhlitis), meist von dessen wurmförmigem Anhang, dem Wurmfortsatz (appendix), ausgehende Entzündung (Appendicitis, Perityphlitis). Gewöhnlich greifen entzündliche, häufig mit Geschwürsbildung einhergehende Schleimhauterkrankungen des Wurmfortsatzes durch dessen Wand auf den Bauchfellüberzug desselben, oft auch auf das hinter dem Blinddarm gelegene Zellgewebe (Paratyphlitis) über und führen hier zur Bildung entzündlicher Ausschwitzungen und Eiterungen. Die ursprüngliche Schleimhauterkrankung wird sehr häufig durch Kotsteine verursacht, die sich aus eingedicktem Kot oder durch Niederschläge auf Fremdkörper (z. B. Haare) im Wurmfortsatz bilden und durch Druck unter Mit wirkung der stets vorhandenen Bakterien die Schleimhaut zum geschwürigen Zerfall, oft bis zum Durchbruch, veranlassen. Der weitverbreitete Glaube, daß verschluckte Kirschkerne zu B. führen können, ist grundlos, da solche wegen ihrer Größe nicht in den Blinddarm eindringen können. Meistens, nicht immer, beginnt die Krankheit langsam genug, daß eine Verklebung des entzündeten Bauchfellüberzugs mit den benachbarten Darmschlingen erfolgen kann, dadurch wird einer tödlichen Verbreitung der Entzündung auf das ganze Bauchfell vorgebeugt. Die entzündlichen Ausschwitzungen können nun aufgesaugt werden, womit Heilung eintritt. Entstandener Eiter kann von narbigem Gewebe abgekapselt und allmählich eingedickt werden. Oft treten hierbei Rückfälle auf. Der Eiter kann ferner in die Nachbarschaft durchbrechen, z. B. in den Darm, durch die Haut nach außen mit schließlicher Heilung, oder in die Bauchhöhle mit tödlicher Bauchfellentzündung. Die B. beginnt meist mit Schmerz in der rechten untern Bauchgegend, häufig folgt Erbrechen, meistens herrscht Verstopfung. Unter geringem Fieber tritt nun eine sehr druckempfindliche, undeutlich begrenzte, leicht angeschwollene Verhärtung in der Blinddarmgegend auf. Der weitere Verlauf kann ein schleichender, aber auch sehr stürmischer sein. Behandlung: Wer Schmerzen in der rechten Bauchseite hat, befrage den Arzt. Abführmittel sind trotz bestehender Verstopfung zu vermeiden. Für die größere Mehrzahl der Fälle reicht strengste körperliche Ruhe, völlige Nahrungsenthaltung, Ruhigstellung des Darmes durch Opium zur Heilung aus. Häufig jedoch wird chirurgische Behandlung (Einschnitt, Euerentfernung, Entfernung des Wurmfortsatzes) notwendig und von lebensrettender Bedeutung. Die trefflichen Erfolge der Chirurgie haben die Forderung veranlaßt, alle oder die Mehrzahl der Fälle von B. zu operieren, doch wird dies von den meisten Ärzten als zu weitgehend abgelehnt. Die Sterblichkeit bei B. beträgt 510 Proz. Die einfache Typhlitis (s. oben) ist eine harmlose, meist auf Kotstauung beruhende und durch Abführmittel leicht zu beseitigende Erkrankung.
 
Artikelverweis 
Blinddarmklappe, s. Meyers Darm.
 
Artikelverweis 
Blinddruckpresse, s. Meyers Buchbinden.
 
Artikelverweis 
Blindenanstalten (Blindeninstitute). Es gibt, abgesehen von Heilanstalten für Augenkranke, zwei Arten von Instituten für Blinde: Anstalten zur Versorgung unheilbarer Blinden (Blindenhospitäler oder -Asyle), in denen erwachsene Blinde Beschäftigung und Unterhalt finden, und Anstalten zur Erziehung und zum Unterricht blinder Personen, insbes. blindgeborner oder erblindeter Kinder. Aus dem Mittelalter werden als Blindenasyle genannt das angeblich vom erblindeten Herzog Welf VI. um 1178 gegründete Hospital St. Nikolai zu Memmingen (Schwaben) und das 1260 nach dem Kreuzzug Ludwigs des Heiligen von diesem in Paris gestiftete Maison oder Hôpital des Quinze-Vingts; es fanden darin zunächst Ludwigs in Ägypten erblindete Krieger Aufnahme. Nach den Befreiungskriegen wurden in Preußen aus milden Beiträgen für die erblindeten

[Bd. 3, Sp. 57]


Krieger fünf Werkschulen, worin Anleitung für Handarbeiten erteilt wurde, eingerichtet, von denen die zu Königsberg und Breslau sich in andrer Gestalt bis jetzt erhalten haben. Eigentliche Anstalten zur Erziehung und zum Unterricht Blinder gibt es erst seit 1785. Schon früher hatte man öfters einzelne Blinde in Wissenschaften oder Künsten (Musik besonders) erfolgreich unterrichtet. Aber der Blindenunterricht war noch kein selbständiger Zweig der pädagogischen Didaktik. I. Bernoulli lehrte bereits 1667 zu Genf ein blindes Mädchen schreiben; der blinde englische Mathematiker N. Saunderson (16821739) konstruierte mit Nadeln und Schnüren ein Rechen- und Meßbrett. Ähnliches ist von dem blinden Weißenburg in Mannheim um 1780 bekannt, der auch eine Lese- und Schreibmaschine erfand. Das blinde Fräulein M. Th. v. Paradis zu Wien (17591824) erdachte sinnreiche Apparate zum Lesen, Schreiben und Notensetzen und brachte es im Orgelspiel zur Virtuosität. Sie hat durch das Zusammentreffen mit Valentin Hauy (s. d.) in Paris (1785) für die Blindensache historische Bedeutung erlangt. Dieser hatte den Plan gefaßt, für die Blinden eine ähnliche Lehranstalt zu errichten, wie der Abbé de l'Epée für Taubstumme, und machte 1784 den Versuch mit einem blinden Knaben, François de Lesueur. Daraus entstand die erste Anstalt, in der blinde Zöglinge nicht nur in Musik und angemessenen Handarbeiten, sondern überhaupt schulmäßig unterrichtet wurden. Zum Lesen, Schreiben etc. gebrauchte Hauy die Apparate, die er durch Fräulein v. Paradis kennen gelernt hatte. 1791 wurde die Anstalt zu einer königlichen erhoben und mit der Taubstummenanstalt zusammengelegt, 4 Jahre später indes wieder von ihr getrennt. Napoleon als Erster Konsul hob die Anstalt Hauys auf, und dieser begab sich 1805 auf Einladung Alexanders I. über Berlin nach Petersburg, um dort ein öffentliches Blindeninstitut einzurichten. Nach der Restauration wurde (1814) die Pariser Blindenanstalt vom Hospital der 300 wieder getrennt. Sie erhielt 90 Freistellen und als Direktor den Arzt Guillié (181421), später Pignier (182140). Unter diesem erfand Braille (s. d.) seine berühmte Punktschrift. Frankreich besitzt gegenwärtig (1900) 28 B., Paris allein 6. Nach dem Vorgange Frankreichs entstanden B. zunächst in England (Liverpool 1791) durch Privatwohltätigkeit. Jetzt (1900) bestehen in Großbritannien mit Irland 137 öffentliche und private B., in London allein 38. Im übrigen Europa hat sich die Zahl der B. seit Beginn des 19. Jahrh. so weit verbreitet, daß kein Land deren mehr ganz entbehrt, wenn auch kaum irgendwo dem Bedürfnis völlig genügt wird. Amerika zählte 1900: 61 B., wovon 49 auf die Vereinigten Staaten von Nordamerika entfallen. In Deutschland wurde die erste öffentliche Blindenanstalt zu Berlin bei Hauys Durchreise 1806 mit Unterstützung des Königs gegründet und J. A. Zeune (s. d.) zu ihrem Direktor ernannt. 1900 gab es im Deutschen Reiche 81 B. (36 öffentliche), darunter in Preußen 45, in Berlin und Steglitz 11. Man schätzt, daß trotzdem noch mehr als 10 Proz. der jugendlichen Blinden geordneter Ausbildung entbehren. Doch bessert das Verhältnis sich von Jahr zu Jahr. Als Musteranstalt dient zur Ausbildung von Blindenlehrern in Preußen die königliche Blindenanstalt zu Steglitz bei Berlin. In Österreich-Ungarn ist die älteste Blindenanstalt die zu Wien 1804 vom Armendirektor Klein errichtete. Sie ward 1806 vom Staat übernommen. Im ganzen gibt es 1900: 28 B., davon eine in Ungarn (Budapest) und 9. in Wien. Von 137 Lehrern und Lehrerinnen in Österreich-Ungarn waren 1893: 23 selbst blind. In der Schweiz gibt es 1900: 11 B.
   In Blindeninstituten erfordern besonders Lese-, Schreib-, natur- und erdkundlicher Unterricht eigentümliches Verfahren. Das Lesen wird von den Blinden jetzt zumeist an der Punktierschrift des blinden Blindenlehrers L. Braille (s. d. und Blindendruck) erlernt. Fast alle Bücher, welche die Blinden gebrauchen, werden in ihr gedruckt oder geschrieben. Das Schreiben der gewöhnlichen Schrift wird daneben geübt, weil es für den Blinden im Verkehr mit Vollsinnigen unentbehrlich ist. Der Unterricht in der Erdkunde geschieht mit Hilfe von Reliefkarten. Der Rechenunterricht beschränkt sich in den Blindeninstituten wesentlich auf Kopfrechnen, unterstützt durch allerlei sinnreiche, tastbare Hilfsmittel. Blinde Zöglinge übertreffen hierin oft ihre vollsinnigen Altersgenossen. Besondere Aufmerksamkeit wird noch immer dem Musikunterricht aus naheliegenden praktischen und psychologischen Gründen gewidmet. Wichtig für die Ausbildung der Blinden ist auch der Unterricht in Handarbeiten, ihre gewerblich-technische Ausbildung. In dieser Hinsicht, wie in Musik und Mathematik, beweisen die Blinden sich oft besonders gelehrig. Auf geistigem Gebiet haben sich viele Blinde ausgezeichnet. Der schon erwähnte blinde Saunderson wirkte als Professor der Mathematik und Physik in Cambridge, Thomas Blacklock (174191) war Doktor der Theologie und gern gehörter Prediger in Edinburg, John Metcalf in Manchester (17171802) beaufsichtigte den Straßenbau und legte nach selbständigen Plänen und Berechnungen mehrere neue Straßen an, der blinde Oberlehrer Johann Knie zu Breslau (17941859) unternahm 1835 ohne Begleiter eine Studienreise nach 11 B., die er später beschrieb; als Bildschnitzer zeichnete sich aus der Tiroler Jos. Kleinhans (17751853) etc. Die Verbindung der Blinden- mit Taubstummenanstalten wird jetzt allgemein verworfen, da beiden Anstalten ganz verschiedene Aufgaben gestellt sind. Nur für die seltenen Taubblinden (s. Meyers Dreisinnige) bleibt Verbindung bei der Arten des Unterrichts notwendig. Eigentliche Versorgungsanstalten haben nur für kranke und hilflose Blinde Berechtigung. Um so wichtiger sind Arbeitsnachweis und Mithilfe zur Verwertung der Arbeiten Blinder. Die Fürsorge für Blinde ist seit Jahrzehnten wesentlich reger geworden; um so erfreulicher, da infolge der verbesserten öffentlichen Gesundheitspflege der Prozentsatz der Blinden langsam abnimmt. Seit 1873 tagt alle 2 Jahre ein internationaler (ursprünglich deutscher) Blindenlehrerkongreß.
   Vgl. außer den Schriften von Valentin Hauy (s. d.), Zeune (s. d.) u. a.: Rösner, Unterricht der Blinden (in Diesterwegs »Wegweiser«, 5. Aufl., Bd. 3, Essen 1877); »Das Blinden-, Idioten- und Taubstummenbildungswesen«, herausgegeben von Merle, Sengelmann und Söder (nur Bd. 1, Norden 1887); Libansky, Die Blindenfürsorge in Österreich-Ungarn und Deutschland (Wien 1898); »Enzyklopädisches Handbuch des Blindenwesens«, herausgegeben von Mell (das. 1900); Pablasek, Die B., deren Bau, Einrichtung etc. (das. 1875); Henrici in Durms »Handbuch der Architektur« (4. Teil, 5. Bd.); Kopp, Geschichte der Blindenbildung (in Schmids »Geschichte der Erziehung«, Bd. 5, S. 5, Stuttg. 1902); »Der Blindenfreund« (Düren, seit 1880; Organ des Kongresses und des Vereins deutscher Blindenlehrer); die französische Monatsschrift »Le Valentin Hauy«

[Bd. 3, Sp. 58]


mit dem Beiblatt »Louis Braille« (Paris, seit 1883), redigiert von Maurice de la Sizeranne; die englische »Progress« (London, seit 1881); die italienische »L'amico dei Ciechi« (seit 1876) u. a.
 
Artikelverweis 
Blindendruck (Blindenschrift, Hochdruck, Reliefdruck, Prägedruck), ein Druckverfahren, bei dem die Buchstaben in leicht tastbarer Form auf dem Papier erscheinen. Die Schrift wird in einfachen Linien von gleichmäßiger Stärke gehalten; eckige Formen, die dem tastenden Finger leichter erkennbar sind, werden bevorzugt, über, bez. unter die Zeile ragende Längen vermieden. Der erste Druck von Blindenbüchern wurde von Valentin Hauy in Paris hergestellt (1786), nachdem schon früher Versuche eines Blindendruckes gemacht waren. Das erste deutsche Buch in B. erschien 1811 in Wien unter J. W. Kleins Leitung. Zeune in Berlin druckte Bücher mit Stacheltypen, deren Stacheln durch das Papierdringen und einpunktiertes Relief geben. Mehrere Engländer wandten besondere willkürliche, auf den Tastsinn der Blinden berechnete Buchstabenzeichen an, und das System von Moon in Brighton hat sich bis heute erhalten und ziemlich weit verbreitet. Eine vollständige Umwälzung erfuhr der B. durch die Erfindung des blinden Louis Braille in Paris, der um 1825 ein Alphabet aus Punkten konstruierte, das durch seine Einfachheit und die Möglichkeit, auch das Druckverfahren zu vereinfachen, Raum und Zeit zu sparen, sich heute die ganze Welt erobert hat. Die Grundlage seiner Buchstabenbezeichnung bilden sechs in zwei Reihen angeordnete Punkte , die verschieden kombiniert werden. Die Zeichen für A-I ( A, : B, C, D etc.) stehen in den beiden obersten Linien. Setzt man zu diesen Zeichen überall den letzten Punkt der ersten Vertikalreihe, so erhält man die Buchstaben K-T; zu diesen den letzten Punkt der zweiten Reihe gesetzt, gibt die weitern Buchstaben des französischen Alphabets etc. Setzt man vor die ersten zehn Zeichen die Form , so bedeuten die Punktgruppen Ziffern. Dieselben Zeichen auf die beiden untern Linien beschränkt, geben die Satzzeichen. Die Punktschrift findet auch ausgedehnte Anwendung für das Schreiben von Noten, bez. Musikalien, und endlich ist eine Stenographie oder Kurzschrift konstruiert worden. Heute bedienen sich die Blinden aller Nationen eines ihren Bedürfnissen angepaßten Punktalphabets. Das Schreiben der Schrift geschieht auf Punktierapparaten von verschiedener Konstruktion, der Bücherdruck meist mit Metallplatten, seltener mit Bleitypen. Auf dem internationalen Kongreß der Blindenlehrer 1879 in Berlin wurde die Braillesche Punktierschrift als Weltschrift für Blinde angenommen. An vielen Anstalten bestehen Blindendruckereien, und die Bibliotheken für Blinde nehmen einen entsprechenden Umfang an. Vgl. Mell, Enzyklopädisches Handbuch des Blindenwesens (Wien 1900). Seit 1888 erscheint in Berlin die Monatsschrift »Blindendaheim«, in Brailleschrift.
 
Artikelverweis 
Blindenunterricht, s. Meyers Blindenanstalten.
 
Artikelverweis 
Blinder Fleck der Netzhaut (Mariottescher Fleck), s. Text zur Tafel Meyers »Auge II« und Gesicht.
 
Artikelverweis 
Blinder Heide, nach Röm. 11,25 und Eph. 4,17 gebildeter Ausdruck, zur Bezeichnung eines geistig beengten, tieferer Erkenntnis unzugänglichen Menschen.
 
Artikelverweis 
Blinder Hesse, seit dem 16. Jahrh. belegte spöttische Bezeichnung der Hessen, auf ihre angebliche geistige Blindheit bezüglich und wahrscheinlich auf üble Nachrede der Nachbarstämme zurückzuführen. Vgl. Wiesenbach, Die blinden Hessen (Hamb. 1891).
 
Artikelverweis 
Blinder Schuß (Manöverschuß), ein Schuß ohne Geschoß, im Gegensatze zum scharfen Schuß.
 
Artikelverweis 
Blindes Loch, s. Meyers Zunge.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort: