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Bleisuperoxyd bis Bleiweißpflaster (Bd. 3, Sp. 50 bis 52)
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Artikelverweis Bleisuperoxyd (Bleidioxyd, Bleiperoxyd) PbO, findet sich als Schwerbleierz und entsteht, wenn man Mennige mit verdünnter Salpetersäure übergießt; es geht dabei salpetersaures Blei in Lösung, und B. scheidet sich ab. Auch beim Einleiten von Chlor in eine Lösung von Bleizucker und kohlensaurem Natron oder in alkalische Bleihydroxydlösung entsteht B. In kompakten Massen erhält man es an der Anode, wenn man durch eine Lösung von Bleinitrat einen elektrischen Strom leitet. Es bildet ein dunkelbraunes, in Wasser unlösliches Pulver, das sehr leicht Sauerstoff abgibt. B. entzündet beim Zusammenreiben Schwefel und roten Phosphor, explodiert mit gelbem Phosphor, absorbiert begierig schweflige Säure und gibt mit Salzsäure Chlor, Chlorblei und Wasser. Durch Schwefelwasserstoff kommt es sofort ins Glühen und ist daher als Zündmasse für Explosionskörper empfohlen worden. Man benutzt B. in der chemischen Analyse, als Oxydationsmittel in der Farbentechnik und zur Fabrikation von Reibzündhölzchen, und zwar in der Form von oxydierter Mennige, die durch Anrühren von Mennige mit Salpetersäure und Eintrocknen des Breies erhalten wird, also neben B. auch salpetersaures Blei enthält. Dem B. entsprechen die Orthobleisäure Pb(OH)4 und Metableisäure PbO(OH)2, die im freien Zustand wenig beständig sind. Beim Erhitzen von Bleioxyd mit kohlensaurem Kalk an der Luft entsteht Calciumorthoplumbat (bleisaurer Kalk) Ca2PbO4, ein gelblichrotes Pulver, aus dem verdünnte Säuren B. abscheiden. Beim Erhitzen von Bleioxyd an der Luft entstehen Bleimetaplumbat PbPbO3 (Bleisesquioxyd) und Bleiorthoplumbat Pb2PbO4, das die Mennige bildet.
 
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Bleitannāt, gerbsaures Blei, s. Meyers Bleisalben.
 
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Bleitran, s. Meyers Bleizucker.
 
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Bleivergiftung (Bleikrankheit, Saturnismus), die Folge der Aufnahme von Bleiverbindungen in den Körper. Akute B. entsteht, wenn große Mengen löslicher Bleisalze (Bleizucker, Bleiessig) in den Magen und von da aus in die Körpersäfte gelangen. Sie verläuft mit heftigem Magenkatarrh, Übelkeit, Erbrechen, großer Schmerzhaftigkeit des Leibes, später Lähmungen und bei übelm Ausgang Tod in wenigen Stunden. Viel häufiger ist die chronische B., die Bleikrankheit der Gewerbtreibenden, die durch Einatmen von bleihaltigem Staub oder durch Verunreinigung von Speisen und Getränken mit Blei entsteht. Sie ergreift die Arbeiter, die mit der Fabrikation der Bleipräparate (Bleiweiß) beschäftigt sind; dann Farbenreiber, Anstreicher etc., Schriftgießer, Blei- und Silberhüttenleute etc., auch Schriftsetzer und Menschen, die durch Bleiröhren fließendes Wasser längere Zeit trinken. Auch durch den Genuß bleihaltigen Mehles (wenn die Vertiefungen der Mühlsteine mit Blei ausgefüllt werden), durch das Schnupfen des in bleihaltiger Zinnfolie verpackten Schnupftabaks ist B. erzeugt worden. B. befällt Individuen jeden Alters. Wer sie einmal überstanden hat, bekommt sie sehr leicht wieder, sobald er sich mit Blei etc. zu schaffen macht. Bei der B. wird das Zahnfleisch schieferfarbig und bildet einen bläulichen Saum (Bleisaum) um die Zähne. Der Mund wird trocken, der Appetit vermindert, der Durst gesteigert. Der Kranke hat oft einen süßlichen Geschmack im Mund. Es treten allerhand Verdauungsstörungen ein: Gefühl von Vollsein im Magen, Übelkeit, Ausstoßen etc. Die äußere Haut wird blaß und fahl, das Gesicht ist mager und eingefallen. Der Puls ist klein, langsam und hart infolge der krampfhaften Zusammenziehung der Gefäßmuskeln (Bleipuls). Von allen Symptomen aber tritt die Bleikolik (Malerkolik) am häufigsten und frühesten ein. Sie äußert sich durch Schmerzen im Unterleib, die anfangs leise und herumschweifend, später heftig und auf gewisse Stellen beschränkt sind, anfallsweise auftreten, namentlich nachts besonders heftig sind. Der Leib ist dabei meist stark eingezogen, gleichzeitig besteht hartnäckige Stuhlverstopfung, selten kommen Durchfälle vor. Bisweilen sind Harnbeschwerden, Harnverhaltung, Blasenkrampf, auch Ohnmachten,

[Bd. 3, Sp. 51]


Schlaflosigkeit, große Unruhe, krampfartige Atmungsbehinderung vorhanden, Fieber fehlt. Die Bleikolik geht bei zweckmäßigem Verhalten und entsprechender arzneilicher Behandlung ziemlich schnell unter Abgang reichlicher Kotmassen vorüber, sie kehrt aber auch leicht zurück, wenn das Blei nicht streng gemieden wird, und sie wird mit jedem neuen Anfall immer schwerer heilbar. Es treten dann noch lebhafte neuralgische Schmerzen in den Waden, seltener im Rumpf, in den Lenden etc. periodisch auf, namentlich in der Nacht. Die Bleilähmung entsteht in den verschiedensten Nervengebieten, sie befällt besonders die Streckmuskeln der Arme, seltener der Beine, und ist mit der Zusammenziehung der Glieder oder einzelner Finger nach der Seite der Beugemuskeln verbunden. Der Kranke kann das gebogene Glied nicht willkürlich strecken, aber passiv läßt es sich meist ziemlich ausgiebig bewegen. Diese Lähmung tritt nach und nach ein, oder sie bleibt nach einem Anfall von Bleikolik zurück und führt schließlich zu völligem Schwunde der gelähmten Muskeln. Seltener sind Lähmungen der Stimmwerkzeuge, der Brustmuskeln und ein eigentümliches Gliederzittern (tremor saturninus). In den schwereren Fällen treten manchmal noch fallsuchtähnliche Krämpfe (Bleiepilepsie), Sinnesstörungen, Betäubungszustände und verschiedenartige Seelenstörungen hinzu. Gewöhnlich werden diese Gehirnleiden durch anhaltenden Schwindel, Kopfweh, Trübsinn und Verstandesschwäche angekündigt. Nach längerer Dauer der B. zeigt sich die Bleikachexie (Bleianämie), die durch zunehmende Abmagerung des Körpers und Wassersucht den Tod herbeiführt. Bei der Behandlung der akuten B. ist das Gift durch Brechmittel oder Magenspülung zu entfernen. Bei der chronischen B. wird zunächst die krampfhafte und schmerzhafte Spannung der Darmmuskulatur durch Opium gemildert und erst später, wenn nötig, ein Abführmittel nachgeschickt. In großen, gut gelüfteten Räumen beruht jede B. auf der Nachlässigkeit des Arbeiters; kein Bleiarbeiter darf auch nur einen Bissen essen, bevor er den Bleiraum verlassen, die Kleidung gewechselt und die Hände gereinigt hat. Wer das zweite oder spätestens dritte Mal an Bleikolik erkrankt, muß den Beruf wechseln, weil er sonst fast sicher invalid wird. 1895 kam in Preußen chronische B. vor bei 1120 Männern und 43 Weibern; davon starben 13. Von den Kranken entfallen auf Fabrikarbeiter 30,5, Maler, Auftreteher 29,8, Hüttenarbeiter 17,2, Metallgießer, Töpfer, Steindrucker, Färber, Glaser 5,15, Schriftsetzer 2,75 Proz. etc. Vgl. Tanquerel des Planches, Traité des maladies de plomb (Par. 1839, 2 Bde.); Hirt, Die Krankheiten der Arbeiter (Bresl. 187178).
 
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Bleivitriol, Mineral, s. Anglesit.
 
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Bleiwage, s. Meyers Setzwage.
 
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Bleiwasser, s. Meyers Bleiessig.
 
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Bleiweis, Johann, Ritter von Torsteniski, slowen. Schriftsteller, geb. 19. Nov. 1808 in Krainburg, gest. 29. Nov. 1881 in Laibach, wo er seit 1841 als Landestierarzt für Krain lebte. B. ist der Begründer der neuen einfachen (chorvatischen) Rechtschreibung unter den Slowenen, die er von 1844 an durch die von ihm seit 1842 herausgegebene landwirtschaftliche Zeitung »Novice« (lange Zeit Mittelpunkt der slowenischen Bewegung) und durch verschiedene Volksschriften zur Geltung brachte.
 
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Bleiweiß (Cerussa), basisch kohlensaures Blei, wird nach der holländischen Methode aus dünnen Bleiplatten dargestellt, die man, spiralförmig aufgerollt, einzeln in irdene Töpfe stellt, welche etwas Essig enthalten. Man bedeckt die Töpfe mit Bleiplatten und vergräbt sie in Pferdemist oder gebrauchte Lohe. Bei der alsbald eintretenden Gärung steigt die Temperatur auf etwa 45°, die sich entwickelnden Essigdämpfe bilden mit dem Blei basisch essigsaures Blei; auf dieses wirkt die bei der Gärung entstehende Kohlensäure und erzeugt B. und neutrales essigsaures Blei. Letzteres greift die Bleiplatte von neuem an, bildet wieder basisches Salz etc. Das B. wird durch Abklopfen oder durch geriffelte Walzen von dem metallischen Blei getrennt und mit Wasser sehr sein gemahlen. Nach der deutschen (Kremser) Methode hängt man dünne, rauhe Bleiplatten über Latten in geheizten Kammern auf, deren Boden eine Kufe bildet, in der sich erwärmter Essig befindet. Vorteilhaft wird der Zutritt von Luft, Wasserdampf, Essigsäure und Kohlensäure in die Kammern geregelt. Man bringt auch feingekörntes, mit Essig befeuchtetes Blei in erwärmte Kasten und leitet Dampf und Kohlensäure ein. Nach dem englischen Verfahren leitetman Kohlensäure durch mit Bleizuckerlösung befeuchtete und beständig umgerührte Bleiglätte. Nach der französischen Methode löst man Bleiglätte in Essigsäure zu basischem Bleiacetat, fällt daraus durch Kohlensäure B., löst in der entstandenen Lösung von neutralem Bleiacetat abermals Bleiglätte, fällt wieder durch Kohlensäure etc. Schwefelsaures Blei (Nebenprodukt von der Darstellung der Rotbeize) wird mit Natronlauge erwärmt und das entstandene basische Sulfat durch Erwärmen mit Sodalösung in B. verwandelt. Zur elektrolytischen Darstellung von B. benutzt man eine Lösung von 7 Proz. Natriumchlorat und 0,011 Proz. Natriumkarbonat. In dem Gefäß hängen 10 Anoden von Weichblei und 11 Kathoden von Hartblei mit 1,5 cm Abstand voneinander. Während der Elektrolyse wird fein verteilte Kohlensäure in die Flüssigkeit geblasen, teils zur Förderung der Zirkulation, teils zur beständigen Erneuerung des Fällungssalzes.
   B. ist blendend weiß, geruch- und geschmacklos, in Wasser unlöslich. Es besteht aus basisch kohlensaurem Blei 2PbCO3+PbH2O2, aber der Gehalt an Bleioxyd wechselt zwischen 83,77 und 86,72 Proz. B. übertrifft an Deckkraft alle weißen Farben, aber das französische steht dem englischen und besonders dem holländischen bedeutend nach. Es scheint, als ob die bafischern Sorten größere Deckkraft besitzen. Das von den Bleiplatten in Schiefern sich ablösende B. bildet das Schieferweiß, das mit Gummilösung angerührte und in Kegeln geformte heißt holländisches, in Täfelchen geformtes Kremserweiß. Letzteres erscheint auf dem Bruch fast muschelig und ist die feinste Sorte. Die geringern Sorten des Bleiweißes, Venezianer Weiß, Hamburger Weiß, Holländer Weiß, sind mit Schwerspat, auch mit schwefelsaurem Blei, Witherit, Kreide, Gips, Ton versetzt; Perlweiß ist mit Indigo oder Berlinerblau schwach gebläut. Obwohl das B. in Wasser sich nicht löst, ist es doch höchst giftig, und die Fabrikarbeiter haben früher sehr viel darunter gelitten (vgl. Bleivergiftung). Zum Schutz der Arbeiter hat der Bundesrat 12. April 1886 Vorschriften über Einrichtung und Betrieb der Bleifarben- und Bleizuckerfabriken erlassen. Um das Trocknen zu umgehen, knetet man feuchtes B. mit Öl, wobei es sein Wasser verliert und zur Verwendung als Farbe geeignet wird (Ölweiß). B. dient hauptsächlich als Ölfarbe. Die Anstriche sind milchweiß, vergilben zwar im Dunkeln, werden aber am Licht wieder weiß. Ein starker Zusatz von Terpentinöl hält das Vergilben auf; auch die

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mit einer Lösung von Harzen (Dammarharz) in Terpentinöl oder von Sandarach in Weingeist bereiteten Anstriche halten sich blendend weiß. Schwefelwasserstoff schwärzt den Bleiweißanstrich sofort. B. dient auch zur Darstellung von Salben, Pflastern, Kitt, Firnis und Mennige. Die Anwendung von B. zum Bepudern von Federn, Spitzen etc. ist wegen der Giftigkeit desselben höchst verwerflich. B. war schon zu Zeiten des Theophrast bekannt, aber erst Bergmann ermittelte seine chemische Natur.
 
Artikelverweis 
Bleiweiß, Pattinsons, s. Meyers Bleichlorid.
 
Artikelverweis 
Bleiweißpflaster, s. Meyers Bleipflaster.

 

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