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Bleistadt bis Bleivitriol (Bd. 3, Sp. 49 bis 51)
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Artikelverweis Bleistadt, Stadt in Böhmen, Bezirksh. Falkenau, an der Zwodau und an der Eisenbahnlinie Falkenau-Klingenthal, hat (1900) 1350 deutsche Einwohner, die Spitzenerzeugung, Fabrikation von Glas, Knöpfen, Musikinstrumenten, Holz- und Korbflechtwaren betreiben. Der Bleibergbau ist eingegangen.
 
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Bleistein, s. Tafel Meyers »Bleigewinnung«.
 
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Bleistifte (Bleifedern, Graphitstifte), aus einer Mischung von Graphit und Ton hergestellte Stäbchen zum Schreiben und Zeichnen. Graphit und Ton werden für sich in Wasser eingeweicht, geschlämmt, in Filterpressen zu Kuchen entwässert und getrocknet. Diese Substanzen werden in der gewünschten Härte der B. entsprechenden Verhältnissen abgewogen, in Wasser erweicht und zwischen Walzen oder auf Steinmühlen (Bleimühlen) verfeinert und gemischt. Die Masse gelangt dann in den Zylinder einer Schraubenpresse, dessen Boden mit einem Loch von der Form des Durchschnittes der Stifte (rund, viereckig etc.) versehen ist. Durch Eintreiben eines Kolbens tritt die Masse durch dieses Loch als Stäbchen aus, das auf Brettern aufgefangen, in der Länge der B. geschnitten, getrocknet und, bei völligem Luftabschluß gebrannt, die Minen, d. h. fertige Einlagen, bildet. Zur Fassung dieser Stäbchen dient das Holz der virginischen Zeder (Juniperus virginiana), selten das westindische Zedern- oder Zuckerkistenholz von Cedrela odorata und für die billigsten Pappel-, Erlen-, Ahorn- oder Weißbuchenholz. Aus diesen Hölzern schneidet man Brettchen in 4-, 5- oder 6facher Breite der B., entharzt sie durch Kochen und versieht sie mittels Fräsmaschinen mit 4,5 oder 6 Nuten zur Aufnahme der Minen, so daß die Nutensalze genau der halben Mine entsprechen. Nachdem in ein Brettchen die Minen eingeleimt sind, wird ein zweites Brettchen mit dem ersten zusammengeleimt, so daß Platten entstehen, die 46 B. bilden. Die Platten werden nun an den Stirnflächen glatt geschliffen und dann der Länge nach auf beiden Seiten auf besondern Hobelmaschinen in der Weise bearbeitet, daß sie in 46 Stäbe von gewünschtem Querschnitt (rund, sechseckig etc.) zerfallen. Schließlich erhalten die fertigen B. durch Schachteln mittels Glaspapier Glätte und durch Polieren mittels Politur (auf besondern Schachtel- und Poliermaschinen) Glanz und unter kleinen Stempelpressen den bekannten Ausdruck in Gold, Silber oder Aluminium. Im 14. Jahrh. bediente man sich zum Zeichnen der aus Blei gegossenen Stäbe, die in Italien angefertigt wurden. Nach Entdeckung der englischen Graphitgruben (154060 in Borrowdale) kamen aus Graphitblöcken geschnittene B. auf und fanden großen Beifall. Wahrscheinlich wurden sie dann aus englischem Graphit bald in Italien und Ende des 16. oder Anfang des 17. Jahrh. in Nürnberg angefertigt; jedenfalls gab es hier 1662 Bleistiftmacher (Bleyweißstefftmacher). Da das englische Material immer schwieriger zu beschaffen war, verarbeitete man deutschen (böhmischen) Graphit, den man als feinstes Pulver mit Schwefel zusammenschmolz und zu Kuchen formte, aus denen Stäbchen mit Laubsägen geschnitten wurden. 1795 erfand Conté in Paris die Graphit-Tonmischung, die noch jetzt verarbeitet wird. Gleichzeitig mit Hardtmuth in Wien (1816) errichtete in Deutschland die bayrische Regierung in Obernzell bei Passau eine Bleistiftfabrik, in der das neue Verfahren eingeführt wurde. Diese Fabrik ging 1821 in die Hände der Gebrüder Rehbach über und ward 1836 nach Regensburg verlegt. In Nürnberg führte Lothar Faber in seiner 1760 von Kaspar Faber in Stein gegründeten Fabrik das neue Verfahren ein und erhob das Etablissement zu einer Musteranstalt, an die sich die gesamte Bleistiftfabrikation Bayerns und Deutschlands anlehnte. Seitdem behauptet in der Bleistiftfabrikation

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Nürnberg den ersten Rang, da die Stadt mit der nächsten Umgebung 23 Bleistiftfabriken mit einer jährlichen Produktion von 225 Mill. Bleistiften besitzt. Nächst Deutschland liefern Frankreich, Österreich und die Vereinigten Staaten B., während die englische Industrie nicht mehr viel bedeutet.
   Farbige Stifte (Buntstifte), Rot-, Blau-, Schwarz- und Pastellstifte, werden z. T. wie B. hergestellt, nur daß statt des Graphits Blutstein, Ruß, Zinnober, Berlinerblau, Ultramarin, Grünerde etc., und statt des Tones Leim, Gummiarabikum, Hausenblase etc. benutzt werden. Sortimente von Pastellstiften (s. Meyers Pastellfarben) sind als Creta polycolor (vielfarbige Kreide) im Handel. Deckfarbstifte geben einen Strich, auf den ein zweiter andersfarbiger, deckender, aufgetragen werden kann. Andre Farbstifte eignen sich zum Schreiben auf Glas, Porzellan, Metall, poliertem Holz, Wachstuch und menschlicher Haut (für Ärzte). Durch Zusatz von Anilinfarben zu einer Mischung von Graphit und Ton werden die sogen. Tintenstifte erzeugt, deren Schrift durch Anfeuchten mittels eines nassen Löschblattes wie Tinte in das Papier zieht, auch mit sehr stark gefeuchtetem Kopierpapier kopiert werden kann (Kopierstift). Schwarzstifte geben auf Geweben, Leder, Holz unverwischbare Schrift. Bei mechanischen Bleistiften wird ein loses Graphit- oder Buntstiftchen in einer Holz- oder Metallhülse festgeklemmt. Vgl. Raab, Die Schreibmaterialien (Hamb. 1888); Schwanhäußer, Die Nürnberger Bleistiftindustrie (Nürnb. 1895).
 
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Bleisuboxyd Pb2O entsteht beim Schmelzen des Bleies an der Luft, beim Erhitzen von oxalsaurem Blei auf 300° unter Luftabschluß, ist schwarz, zerfällt durch Säuren in Bleioxyd und Blei, gibt mit Wasser an der Luft schnell Bleihydroxyd und verglimmt beim Erhitzen an der Luft zu Bleioxyd.
 
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Bleisulfāt, schwefelsaures Blei; als Mineral soviel wie Anglesit.
 
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Bleisulfīd (Bleisulfuret, Schwefelblei) PbS findet sich in der Natur als Bleiglanz, entsteht beim Zusammenschmelzen von Blei mit Schwefel und wird aus Lösungen der Bleisalze durch Schwefelwasserstoff gefällt; auch Bleiweiß wird durch Schwefelwasserstoff in B. verwandelt (Schwärzung der Bleiweißanstriche). B. ist schwarz, unlöslich in Wasser, schmilzt schwerer als Blei, ist in hoher Temperatur etwas flüchtig, erstarrt kristallinisch, gibt mit Salpetersäure schwefelsaures Blei, mit Salzsäure Chlorblei und Schwefelwasserstoff. Es oxydiert sich beim Erhitzen an der Luft zu Bleioxyd und schwefelsaurem Blei, das bei weiterm Erhitzen mit B. unter Luftabschluß schweflige Säure und Blei bildet. Schmelzt man es mit Eisen, so entsteht Schwefeleisen, und metallisches Blei wird abgeschieden; hierauf beruht die Ausbringung des Bleies. Zündhölzchen versieht man mit metallisch glänzenden Köpfchen durch Eintauchen in Bleisalzlösung und Einwirkung von Schwefelwasserstoff.
 
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Bleisuperoxyd (Bleidioxyd, Bleiperoxyd) PbO, findet sich als Schwerbleierz und entsteht, wenn man Mennige mit verdünnter Salpetersäure übergießt; es geht dabei salpetersaures Blei in Lösung, und B. scheidet sich ab. Auch beim Einleiten von Chlor in eine Lösung von Bleizucker und kohlensaurem Natron oder in alkalische Bleihydroxydlösung entsteht B. In kompakten Massen erhält man es an der Anode, wenn man durch eine Lösung von Bleinitrat einen elektrischen Strom leitet. Es bildet ein dunkelbraunes, in Wasser unlösliches Pulver, das sehr leicht Sauerstoff abgibt. B. entzündet beim Zusammenreiben Schwefel und roten Phosphor, explodiert mit gelbem Phosphor, absorbiert begierig schweflige Säure und gibt mit Salzsäure Chlor, Chlorblei und Wasser. Durch Schwefelwasserstoff kommt es sofort ins Glühen und ist daher als Zündmasse für Explosionskörper empfohlen worden. Man benutzt B. in der chemischen Analyse, als Oxydationsmittel in der Farbentechnik und zur Fabrikation von Reibzündhölzchen, und zwar in der Form von oxydierter Mennige, die durch Anrühren von Mennige mit Salpetersäure und Eintrocknen des Breies erhalten wird, also neben B. auch salpetersaures Blei enthält. Dem B. entsprechen die Orthobleisäure Pb(OH)4 und Metableisäure PbO(OH)2, die im freien Zustand wenig beständig sind. Beim Erhitzen von Bleioxyd mit kohlensaurem Kalk an der Luft entsteht Calciumorthoplumbat (bleisaurer Kalk) Ca2PbO4, ein gelblichrotes Pulver, aus dem verdünnte Säuren B. abscheiden. Beim Erhitzen von Bleioxyd an der Luft entstehen Bleimetaplumbat PbPbO3 (Bleisesquioxyd) und Bleiorthoplumbat Pb2PbO4, das die Mennige bildet.
 
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Bleitannāt, gerbsaures Blei, s. Meyers Bleisalben.
 
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Bleitran, s. Meyers Bleizucker.
 
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Bleivergiftung (Bleikrankheit, Saturnismus), die Folge der Aufnahme von Bleiverbindungen in den Körper. Akute B. entsteht, wenn große Mengen löslicher Bleisalze (Bleizucker, Bleiessig) in den Magen und von da aus in die Körpersäfte gelangen. Sie verläuft mit heftigem Magenkatarrh, Übelkeit, Erbrechen, großer Schmerzhaftigkeit des Leibes, später Lähmungen und bei übelm Ausgang Tod in wenigen Stunden. Viel häufiger ist die chronische B., die Bleikrankheit der Gewerbtreibenden, die durch Einatmen von bleihaltigem Staub oder durch Verunreinigung von Speisen und Getränken mit Blei entsteht. Sie ergreift die Arbeiter, die mit der Fabrikation der Bleipräparate (Bleiweiß) beschäftigt sind; dann Farbenreiber, Anstreicher etc., Schriftgießer, Blei- und Silberhüttenleute etc., auch Schriftsetzer und Menschen, die durch Bleiröhren fließendes Wasser längere Zeit trinken. Auch durch den Genuß bleihaltigen Mehles (wenn die Vertiefungen der Mühlsteine mit Blei ausgefüllt werden), durch das Schnupfen des in bleihaltiger Zinnfolie verpackten Schnupftabaks ist B. erzeugt worden. B. befällt Individuen jeden Alters. Wer sie einmal überstanden hat, bekommt sie sehr leicht wieder, sobald er sich mit Blei etc. zu schaffen macht. Bei der B. wird das Zahnfleisch schieferfarbig und bildet einen bläulichen Saum (Bleisaum) um die Zähne. Der Mund wird trocken, der Appetit vermindert, der Durst gesteigert. Der Kranke hat oft einen süßlichen Geschmack im Mund. Es treten allerhand Verdauungsstörungen ein: Gefühl von Vollsein im Magen, Übelkeit, Ausstoßen etc. Die äußere Haut wird blaß und fahl, das Gesicht ist mager und eingefallen. Der Puls ist klein, langsam und hart infolge der krampfhaften Zusammenziehung der Gefäßmuskeln (Bleipuls). Von allen Symptomen aber tritt die Bleikolik (Malerkolik) am häufigsten und frühesten ein. Sie äußert sich durch Schmerzen im Unterleib, die anfangs leise und herumschweifend, später heftig und auf gewisse Stellen beschränkt sind, anfallsweise auftreten, namentlich nachts besonders heftig sind. Der Leib ist dabei meist stark eingezogen, gleichzeitig besteht hartnäckige Stuhlverstopfung, selten kommen Durchfälle vor. Bisweilen sind Harnbeschwerden, Harnverhaltung, Blasenkrampf, auch Ohnmachten,

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Schlaflosigkeit, große Unruhe, krampfartige Atmungsbehinderung vorhanden, Fieber fehlt. Die Bleikolik geht bei zweckmäßigem Verhalten und entsprechender arzneilicher Behandlung ziemlich schnell unter Abgang reichlicher Kotmassen vorüber, sie kehrt aber auch leicht zurück, wenn das Blei nicht streng gemieden wird, und sie wird mit jedem neuen Anfall immer schwerer heilbar. Es treten dann noch lebhafte neuralgische Schmerzen in den Waden, seltener im Rumpf, in den Lenden etc. periodisch auf, namentlich in der Nacht. Die Bleilähmung entsteht in den verschiedensten Nervengebieten, sie befällt besonders die Streckmuskeln der Arme, seltener der Beine, und ist mit der Zusammenziehung der Glieder oder einzelner Finger nach der Seite der Beugemuskeln verbunden. Der Kranke kann das gebogene Glied nicht willkürlich strecken, aber passiv läßt es sich meist ziemlich ausgiebig bewegen. Diese Lähmung tritt nach und nach ein, oder sie bleibt nach einem Anfall von Bleikolik zurück und führt schließlich zu völligem Schwunde der gelähmten Muskeln. Seltener sind Lähmungen der Stimmwerkzeuge, der Brustmuskeln und ein eigentümliches Gliederzittern (tremor saturninus). In den schwereren Fällen treten manchmal noch fallsuchtähnliche Krämpfe (Bleiepilepsie), Sinnesstörungen, Betäubungszustände und verschiedenartige Seelenstörungen hinzu. Gewöhnlich werden diese Gehirnleiden durch anhaltenden Schwindel, Kopfweh, Trübsinn und Verstandesschwäche angekündigt. Nach längerer Dauer der B. zeigt sich die Bleikachexie (Bleianämie), die durch zunehmende Abmagerung des Körpers und Wassersucht den Tod herbeiführt. Bei der Behandlung der akuten B. ist das Gift durch Brechmittel oder Magenspülung zu entfernen. Bei der chronischen B. wird zunächst die krampfhafte und schmerzhafte Spannung der Darmmuskulatur durch Opium gemildert und erst später, wenn nötig, ein Abführmittel nachgeschickt. In großen, gut gelüfteten Räumen beruht jede B. auf der Nachlässigkeit des Arbeiters; kein Bleiarbeiter darf auch nur einen Bissen essen, bevor er den Bleiraum verlassen, die Kleidung gewechselt und die Hände gereinigt hat. Wer das zweite oder spätestens dritte Mal an Bleikolik erkrankt, muß den Beruf wechseln, weil er sonst fast sicher invalid wird. 1895 kam in Preußen chronische B. vor bei 1120 Männern und 43 Weibern; davon starben 13. Von den Kranken entfallen auf Fabrikarbeiter 30,5, Maler, Auftreteher 29,8, Hüttenarbeiter 17,2, Metallgießer, Töpfer, Steindrucker, Färber, Glaser 5,15, Schriftsetzer 2,75 Proz. etc. Vgl. Tanquerel des Planches, Traité des maladies de plomb (Par. 1839, 2 Bde.); Hirt, Die Krankheiten der Arbeiter (Bresl. 187178).
 
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Bleivitriol, Mineral, s. Anglesit.

 

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