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Blausäure bis Blausucht (Bd. 3, Sp. 38 bis 39)
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Artikelverweis Blausäure (Cyanwasserstoffsäure, Formonitril) HCN kommt in der Natur nicht fertig gebildet vor, entsteht aber, wenn man bittere Mandeln, die Kerne der Kirschen, Pflaumen, Aprikosen, Pfirsiche zerstößt und mit Wasser anrührt, auch wenn man die Blätter des Kirschlorbeerbaums (Prunus laurocerasus), die Rinde der Sumpfkirsche (P. padus) und andre Teile verwandter Pflanzen und mancher Spiräen ebenso behandelt. Diese Pflanzenteile enthalten Amygdalin (oder einen ähnlichen Körper) und gesondert von demselben eine fermentartige Substanz, das Emulsin. Kommen beide Stoffe beim Zerstoßen der Samen oder Rinden miteinander und mit Wasser in Berührung, so wird das Amygdalin durch das Emulsin zersetzt, und es entstehen B., Bittermandelöl und Zucker. Lotus arabicus enthält Lotusin, das durch ein Ferment, Lotase, in B., Lotoflavin und Zucker gespalten wird. Auch der Saft der zerriebenen Wurzel von Manihot utilissima enthält B. Sie entsteht außerdem beim Erhitzen von ameisensaurem Ammoniak (NH4CHO2 = HCN + 2H2O).
   Zur Darstellung wasserfreier B. destilliert man gelbes Blutlaugensalz (Ferrocyankalium) mit wenig verdünnter Schwefelsäure, leitet die Dämpfe durch ein mit Chlorcalcium gefülltes und auf 30° erwärmtes Rohr (das alles Wasser zurückhält) und dann in eine mit Eis gekühlte Borlage. Hier verdichtet sich eine farblose, leicht bewegliche Flüssigkeit vom spez. Gew. 0,697, die bei 15° erstarrt, bei 26° siedet, mit Wasser, Alkohol und Äther mischbar ist, mit violetter Flamme brennt und sich sehr bald zersetzt. Wässerige B. bereitet man durch Destillation von Blutlaugensalz mit stärker verdünnter Schwefelsäure. Sieriecht. bittermandelartig, betäubend und kratzend, schmeckt bitter und zersetzt sich bald unter Bildung von Ameisensäure, Ammoniak und Abscheidung einer braunen Substanz. Diese Zersetzung wird durch geringe Mengen starker Säuren verhindert. B. reagiert schwach sauer, zersetzt die Kohlensäuresalze der Alkalien unter Bildung von Cyaniden, aber nicht die der alkalischen Erden.
   B. ist eins der heftigsten Gifte (tödliche Dosis 0,06 g wasserfreie B., entsprechend etwa 5060 bittern Mandeln). Der Vergiftete stürzt zusammen, es treten Krämpfe ein, die Atmungsorgane werden gelähmt und in wenigen Minuten erlischt das Leben. Zur Rettung Vergifteter macht man Magenspülungen mit schwacher Lösung von übermangansaurem Kali, Darreichung derselben Lösung, künstliche Respiration. Durch die große Verbreitung des Cyankaliums (das mit dem sauern Magensaft sofort B. entwickelt) in mehreren Gewerben ist die Zahl der jährlichen Selbstmorde durch Blausäurevergiftung außerordentlich gestiegen. Als Arzneimittel wird die B. meist nur in der Form des blausäurehaltigen Bittermandelwassers angewendet. In Nordamerika benutzt man B. zur Vertilgung von Ungeziefer in Gewächshäusern, Gärten, Baumpflanzungen etc. und zur Konservierung von Sämereien (durch Tötung der in diesen enthaltenen schädlichen Organismen). In der Chemie dient sie zur Darstellung von Cyanpräparaten. B. wurde zuerst 1782 von Scheele aus Berlinerblau abgeschieden und als die färbende Materie in demselben betrachtet, daher die Namen Berliner B., Preußische Säure. Vgl. Preyer, Die B. (Bonn 186870, 2 Bde.).
 
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Blausaures Kali, soviel wie Kaliumcyanid.
 
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Blauschreiber (Farbschreiber), s. Meyers Telegraph.
 
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Blauschwarz, s. Meyers Azoschwarz.
 
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Blauspat, Mineral, s. Meyers Lazulith.
 
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Blauspecht, s. Meyers Kleiber.
 
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Blaustein, soviel wie Kupfervitriol und Rärener Marmor (s. Meyers Marmor).
 
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Blaustern, Pflanze, s. Meyers Scilla.
 
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Blaustifte, s. Meyers Bleistifte.
 
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Blaustrumpf, früher in Deutschland Spottname für Aufpasser und Angeber, entstanden daher, daß an manchen Orten die Polizeidiener und Lakaien blaue Strümpfe trugen (daher in Schillers »Räubern«: höllischer B. soviel wie Teufel). Seit dem 18. Jahrh. ist der Name B. gebräuchlich für gelehrte, schriftstellernde Damen, namentlich in tadelndem Sinn. Die Bezeichnung stammt aus England (blue stockings) und bezog sich anfangs nur auf Gesellschaften, an denen Herren und Damen teilnahmen, und deren Hauptzweck, unter Verbannung des Kartenspiels, geistvolle Unterhaltung war. Als die Seele dieser um die Mitte des 18. Jahrh. in London aufkommenden Gesellschaften wird der Gelehrte Stillingfleet (gest. 1771) bezeichnet, der dabei, sein Äußeres vernachlässigend, stets in blauen Kniestrümpfen erschien. Dieser Umstand soll den holländischen Admiral Boscawen während seiner Anwesenheit in England veranlaßt haben, diese Versammlungen »Blaustrumpfgesellschaften« zu nennen, um damit anzudeuten, daß in ihnen nur Geist und Talent, nicht das glänzende Äußere den Ausschlag gebe. Die Bezeichnung B. fand seitdem allgemeine Verbreitung, die üble Nebenbedeutung ist aber erst später und allmählich hinzugetreten. Vgl. Doran, A lady of the last century (Mrs. Elizabeth Montague, mit einem Kapitel über Blaustrümpfe, Lond. 1872).

[Bd. 3, Sp. 39]



 
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Blausucht (Cyanosis), Symptom zahlreicher, ihrer Natur nach sehr verschiedener Krankheitszustände, besteht in dunkler, bläulichroter Färbung der äußern Haut, namentlich der Lippen, der Nase, der Wangen, Hände und Fingerspitzen, sodann der Mundschleimhaut etc. und beruht auf Überladung des Blutes mit Kohlensäure, wodurch dasselbe eine mehr dunkelrote Farbe bekommt, auch auf Stockung des venösen, also ohnehin kohlensäurereichen Blutes in den Geweben. Bei örtlicher, nur auf einzelne Teile des Körpers beschränkter B. handelt es sich um örtliche Blutstockung; allgemeine, über den ganzen Körper verbreitete B. beruht im wesentlichen auf mangelhafter Oxydierung des Blutes. Diese entsteht bei Krankheiten der Lungen und Luftwege, bei denen dem Blut nicht genug Sauerstoff zugeführt werden kann. Auch Herz- und Gefäßkrankheiten können B. bedingen, weil sie den Kreislauf des Blutes durch die Lungen hindern oder verzögern und das Blut daher nicht ausgiebig genug mit Sauerstoff in Berührung kommt, namentlich pflegen angeborne Herzfehler erhebliche Grade von B. hervorzurufen. Allgemeine B. entsteht auch durch Einatmung schädlicher Gasarten. Höhere Grade der B. führen zu Bewußtlosigkeit, zum Stillstand des Herzens und damit zum Tode. Bei Behandlung der B. kann es sich nur um die Beseitigung der ursachlichen Momente handeln.

 

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