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Hildebrandt bis Hildesheimer Stiftsfehde (Bd. 6, Sp. 325 bis 330)
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Artikelverweis Hildebrandt, 1) Theodor, Maler, geb. 2. Juli 1804 in Stettin, gest. 29 Sept. 1874 in Düsseldorf, wurde 1820 Schüler der Berliner Akademie und später von W. Schadow und folgte 1826 mit Hübner, Lessing und Sohn jenem nach Düsseldorf. 1832 wurde er Hilfslehrer, 1836 Professor an der Akademie daselbst und entfaltete in dieser Stellung eine einflußreiche Lehrtätigkeit. Hildebrandts bedeutendere Werke, die zum Teil der ältern Düsseldorfer Schule ihren eigentlichen Typus gaben, begannen mit einem Faust in der Höhle und Gretchen im Kerker (1825) und mit König Lear, um Kordelia trauernd (1826), wozu sein Freund Ludwig Devrient als Modell für die Hauptfigur gedient hatte. Ihnen folgten, in Düsseldorf gemalt: Romeo und Julie (1327), Chlorinde (1828),

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die Räuber (1829) und Judith, im Begriff, den Holofernes zu töten (1830). 1832 malte H. das durch Man dels Stich bekannt gewordene Bild: der Krieger und sein Söhnlein (Nationalgalerie in Berlin) und die Märchenerzählerin, 1834: den kranken Ratsherrn und die vier singenden Chorknaben. 1835 vollendete er sein Hauptbild, das den Ruhm der Düsseldorfer Geschichtsmalerei begründen half: die Söhne Eduards, das m größerer Ausführung in die v. Spiegelsche Sammlung nach Halberstadt, im kleinern Original aber in die Sammlung des Grafen Raczynski in Berlin (jetzt in Posen, gestochen von Knolle) gelangte. Alle diese Bilder zeigen bereits den Einfluß der 1829 von H. zum erstenmal bereisten Niederlande und der Schule Wappers', weniger die Eindrücke seiner italienischen Reise (1830), die seine realistische Tendenz nicht zu beeinflussen vermochten. Der Weihnachtsabend (1840), Empfang des Kardinals Wolsey im Kloster (1842), Doge und Tochter (1843), Judith (1844), die brieflesende Italienerin (1845) und Othello (1847) zeigen den Künstler noch auf der Höhe seiner Meisterschaft. Nachdem er aber ein langwieriges Gehirnleiden überstanden, erreichte er die frühere Bedeutung nicht mehr. Länger behauptete er sich im Bildnis, besonders im männlichen. Die gelungensten sind: Prinz Friedrich von Preußen, Prinzessin Albrecht von Preußen, Prinz Georg von Preussen, Graf Anton von Stolberg-Wernigerode, Minister v. d. Heydt und Baron Wappers. H. gehört zu den ersten Bahnbrechern der realistischen Nichtung in Düsseldorf und hat durch seine geschmackvolle Sicherheit in der Wiedergabe der Natur, namentlich im Bildnis, ebenso große Verdienste wie durch sein Kompositionstalent in Geschichtsbildern dramatischen Inhalts.
   2) Eduard, Maler, geb. 9. Sept. 1818 in Danzig als Sohn eines Stubenmalers, gest. 25. Okt. 1868 in Berlin, wurde selbst Stubenmaler und kam als solcher 1837 nach Berlin, von wo er 1838 seine erste Studienreise nach Rügen unternahm. Nach seiner Rückkehr arbeitete er eine Zeitlang im Atelier des Marinemalers W. Krause und machte dann eine zweite Reise nach England und Schottland. 1841 begab er sich nach Paris in das Atelier des Marinemalers Isabey. 1843 kehrte er nach Berlin zurück und trat bald danach, auf Humboldts Empfehlung vom König unterstützt, eine Reise nach Brasilien und Nordamerika an. Der zweijährige Aufenthalt in jener tropischen Natur war für seine Kunstrichtung entscheidend: er malte fortan fast nur Landschaften und Marinen mit außergewöhnlichen Licht- und Lusteffekten und Naturphänomenen. Außer einer Sammlung von Aquarellen, die der König von Preußen ankaufte (Nationalgalerie in Berlin), sind von Hildebrandts Arbeiten aus jener ersten Periode zu nennen: Küste der Normandie, Winterlandschaft (beide von 1846, Berliner Nationalgalerie); ein Abend in der Bai von Rio de Janeiro; tropischer Regen; ein brasilischer Urwald; Santa Gloria, Rio de Janeiro. Nach zweijährigem Aufenthalt in Berlin trat H. eine Reise über England nach Madeira, der afrikanischen Westküste, den Kanarischen Inseln, Spanien und Portugal an, von der er im Herbst 1849 zurückkehrte. Ihre Früchte, etwa 200 Aquarelle, gingen ebenfalls zum größten Teil in den Besitz des Königs von Preußen über. In der Kunstausstellung von 1850 erschienen zwei Bilder: ein Blick ins Meer und Abend auf Madeira. Andre Gemälde aus dieser Zeit sind: der Pik von Teneriffa; Lissabon, von Almada gesehen, Mondnacht; Camara dos Lobos,, Madeira. Eine vierte Reise (1851) führte H. nach Italien, der Nordküste Afrikas, Ägypten, Nubien, Syrien, Palästina, nach der Türkei und Griechenland. Ölgemälde aus jener Periode sind: Nilufer; Abend am Marmarameer; am Toten Meer. 1853 besuchte H. die Schweiz, Tirol, Oberitalien und malte sodann für einen Saal des Orangeriegebäudes bei Potsdam vier Ansichten von Jerusalem, dem Teich Bethesda, Nazareth und Bethlehem. 1855 ward er Professor und Mitglied der Akademie der Künste in Berlin. Er war nun längere Zeit daselbst tätig und machte erst 1856 wieder eine Reise nach dem Norden bis zum Nordkap. Unter seinen nächsten Arbeiten sind zu nennen: das Nordkap; Heuernte im Oderbruch; Strand bei Abendlicht (1855, Berliner Nationalgalerie); Schloß Kronborg bei Helsingör (1857, ebendaselbst); ein Abend auf Rügen und Meeresspiegel. 186263 unternahm er dann seine letzte große Reise, die zur Weltumsegelung wurde. Die Beschreibung dieser Reise wurde von E. Kossak nach Hildebrandts Tagebüchern und mündlichen Berichten (Berl. 1867, 8. Aufl. 1888) herausgegeben. Ihre Resultate waren neben mehr als 300 Aquarellen an Ölgemälden unter andern die beiden großen Pendants: Benares am Ganges im Frühlicht und ein Abend in Siam (1866), der heilige See zu Birma (1867), der Esel und der Marabut, zwei Nillandschaften und die chinesischen Fischer. Hildebrandts letztes Werk: unter dem Äquator, eine Studie des Meereswassers, bekannt unter dem Namen »Das blaue Wunder«, war ein damals viel bespöttelter, später oft nachgeahmter Versuch, die Licht-, Luft- und Farbeneffekte des Meeres in den Tropen koloristisch zu bewältigen. Licht und Luft waren sein eigentliches Studium, ein reiches Kolorit und glänzende Effekte gingen ihm über genaue Zeichnung. Seine Aquarelle übertreffen an Wert die Ölgemälde. Eine Auswahl von jenen wurde durch gelungene Nachbildungen in Farbendruck von Steinbock und Loeillot in Berlin vervielfältigt: »Reise um die Erde« (34 Blätter), der sich vier neue Sammlungen anschlossen. Vgl. F. Arndt, E. H., der Maler des Kosmos (2. Aufl., Berl. 1869).
   3) Adolf Matthias, Heraldiker, geb. 16. Juni 1844 im Pfarrhaus zu Mieste in der Altmark, widmete sich in Berlin als Zeichner und Schriftsteller der Genealogie und Heraldik und übernahm 1869 die Redaktion der Monatsschrift »Deutscher Herold« und der »Vierteljahrschrift für Wappen-, Siegel- und Familienkunde«. Seit 1880 verwaltet er die Sammlungen des Vereins »Herold«. Außer kleinern Abhandlungen gab er heraus: »Heraldisches Musterbuch für Edelleute, Kunstfreunde, Architekten etc.« (3. Aufl., Berl. 1897); »Wappenbücher des Adels von Hannover, Braunschweig und Anhalt« (Nürnb. 1871); »Kodex Grünenberg vom Jahre 1483« (neue Ausg., mit Graf Stillfried-Alcántara, Görlitz 1879); »Heraldische Meisterwerke von der heraldischen Ausstellung zu Berlin 1882« (Berl. 1882); »Wappenalbum der gräflichen Familien Deutschlands und Österreich-Ungarns« (mit Gritzner, Leipz. 1884 ff.); »Heraldische Bücherzeichen« (drei Sammlungen, Berl. 1892, 1893 u. 1898); »Wappenfibel« (4. Aufl., Frankf. a. M. 1894); »Heraldisches Alphabet« (2. Aufl., das. o. J.); »Joh. Sibmachers Wappenbüchlein von 1605«, Neubearbeitung (Berl. 1893). Auch lieferte er die Zeichnungen zu M. v. Spiessens »Wappenbuch des westfälischen Adels« (Görlitz 1902) und zu A. v. Kranes »Wappen- und Handbuch des landgesessenen Adels in Schlesien« (das. 1903). Vgl. Tafel Meyers »Bücherzeichen I«, Fig. 3 und 6.

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   4) Johann Maria, Botaniker und Reisender, Sohn von H. 1), geb. 19. März 1847 in Düsseldorf, gest. 29. Mai 1881 in Antananarivo, widmete sich dem Maschinenbau, dann, als er durch eine Explosion ein Auge verlor, der Gärtnerei und war in den botanischen Gärten zu Halle und Berlin tätig. 1872 ging er nach Afrika, bereiste Ägypten und im Anschluß an Munzingers Expedition Abessinien, ferner die Danakilländer, auf zwei Expeditionen die Somalländer und nach einem Besuche von Ostindien noch Sansibar und die gegenüberliegende Küste. 1874 kehrte er nach Europa zurück, begab sich aber schon 1875 wieder nach Afrika, durchforschte die Somalländer und die Comoroinsel Johanna, versuchte aber vergeblich den Kenia zu erreichen. Mit reicher Ausbeute 1877 heimgekehrt, ging H. 1879 nach Madagaskar, wo er von Antananarivo aus das östlich gelegene Waldgebirge und das Ankaralragebirge besuchte, aber bald darauf starb. Seine Berichte veröffentlichte er in der »Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin«.
 
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Hildegaersberch (spr. hildegārs-), Willem van, niederländ. Dichter, geb. um 1350 in Hildegaarsberg bei Rotterdam, gest. 1408 oder 1409, war wohl schon vor 1375 als fahrender Sänger und Spruchsprecher tätig und verweilte seit 1383 fast jedes Jahr, bisweilen auch öfter, am Hofe des holländischen Grafen. Seine Gedichte (hrsg. von W. Bisschop und E. Verwijs, Haag 1870) enthalten meist religiöse und moralische Betrachtungen, zum Teil in allegorischer Darstellung; viele haben eine politische Bedeutung und stützen sich auf historische Erzählungen; andre sind ergötzliche »Boerden« oder Schwänke, meist satirischen Charakters. Auch verfaßte er einige Tierfabeln.
 
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Hildegard, Heilige, geb. um 1098 zu Böckelheim in der Grafschaft Sponheim als Tochter adliger Eltern, gest. 1178. Vom achten Jahr an im Kloster Disibodenberg im Fürstentum Zweibrücken erzogen, wurde sie später dessen Äbtissin, bis sie 1147 ein neues Kloster auf dem Ruppertsberg bei Bingen gründete und nun hier die Leitung übernahm. Bekannt ist sie durch ihre Visionen und Offenbarungen, die durch Papst Eugen III. ausdrücklich legitimiert wurden. Sie eiferte freimütig gegen die Verweltlichung des Klerus und für eine Läuterung der Kirche. Von ihren zahlreichen Schriften sind die »Scivias (d. h. »Sci vias domini«, »erkenne die Wege des Herrn «), seu visionum et revelationum libri III« (gedruckt zuerst Paris 1513), die wichtigsten. Tag: 17. September. Vgl. Schmelzeis, Leben und Wirken der heil. Hildegardis (Freiburg 1879); Kaiser, Die naturwissenschaftlichen Schriften Hildegards von Bingen (Berl. 1901); Franche, Sainte Hildegarde (Par. 1903).
 
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Hildegunde, die Verlobte Walters von Aquitanien.
 
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Hilden, Stadt im preuß. Regbez. und Landkreis Düsseldorf, an der Itter, Knotenpunkt der Staatsbahnlinien Speldorf-Mülheim a. Rh. und H.-Vohwinkel, hat eine evang. Kirche (12. Jahrh., 1902 restauriert) und eine kath. Kirche, Denkmal Kaiser Wilhelms I., Bismarckbrunnen, elektrische Straßenbahn, Diakonissenlehrhaus, Reichsbanknebenstelle, Fabrikation von Seiden- und Baumwollwaren, Britanniawaren, Leder, Maschinen und Stahlwaren, Rohrzieherei, Gießerei, Schwarzblechklempnerei und Baugerätefabriken, Verzinkerei, Gravier- und Prägeanstalt, Kunstmühle, Ringofenziegeleien und (1900) 11,296 meist kath. Einwohner.
 
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Hilderich (Childerich, v. altd. hilt, »Krieg«, und rich, »Herrscher«), König der Wandalen, geb. um 457, gest. 533, Enkel Geiserichs, Sohn Hunerichs (477484) und der Eudoxia, Tochter des Kaisers Valentinian III., bestieg nach seines Vetters Trasamund Tode (6. Mai 523) den Thron. Er begünstigte die Katholiken und wechselte mit den oströmischen Kaisern Iustin (mit dessen Bild er Münzen prägen ließ) und Justinian Gesandtschaften. Dies und eine Niederlage des Asdingen Oamer durch die Mauren benutzte Gelimer, Geiserichs Urenkel, um die tapfersten Wandalen auf seine Seite zu bringen. H. ward 19. Mai 530 seines Thrones beraubt, nebst seinen Kindern und Oamer zu Karthago in Hast gehalten und bei Annäherung des oströmischen Heeres unter Belisar getötet.
 
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Hilders, Flecken im preuß;. Regbez. Kassel, Kreis Gersfeld, in einem schönen Tale der Rhön, an der Ulster und der Staatsbahnlinie Fulda-Dann, hat eine evangelische und eine kath. Kirche, Amtsgericht, Oberförsterei, Ziegelbrennerei, Dampfsägewerk, Zementwarenfabrik und (1900) 1088 Einw.
 
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Hildesheim, ehemaliges deutsches Fürstentum, jetzt ein Teil des preußischen Regierungsbezirks gleichen Namens, 1784 qkm (32,4 QM.) groß, bis 1803 reichsunmittelbares Bistum, zerfiel in das kleine und große Stift. Der Bischof war Suffragan von Mainz, deutscher Reichsfürst und hatte auf dem Reichstag seinen Sitz zwischen den Bischöfen von Augsburg und Paderborn. Das Wappen des Hochstifts war ein von Gold und Rot die Länge herab geteilter Schild. Das Bistum, von Karl d. Gr. ursprünglich in Elze (Aulica) gegründet, wurde bereits 822 nach H. verlegt und blühte besonders unter dem gelehrten und kunstliebenden Bischof Meyers Bernward (s. d., 9931022), während es unter Bischof Hermann (11621170) von Heinrich dem Löwen und unter Adelog (117190) von dem Erzbischof von Köln sowie 1189 von König Heinrich verwüstet wurde. Unter Hartbert (11991215) verlor das Stift 1206 nach langem Streite das Kloster Gandersheim, das, am Anfang des 11. Jahrh. erworben, fortan unmittelbar dem Papst unterstand, aber zur Reichsunmittelbarkeit gelangte es unter Konrad II. (122146). Die staatliche Unabhängigkeit des Bistums wuchs, seitdem die Bischöfe aus reichsfürstlichen Familien, meist der welfischen und sachsen-lauenburgischen, hervorgingen, aber in den fortwährenden Fehden, wodurch die Bischöfe nach Mehrung ihres weltlichen Besitzes strebten, erlangte die der Hansa zugehörige Stadt H. allmählich volle Selbständigkeit. Eine doppelte Besetzung des bischöflichen Stuhles 1331 verursachte lebhafte Kämpfe, aus denen Heinrich von Braunschweig, vom Kapitel gewählt, gegenüber dem päpstlichen Erich von Schaumburg 1344 als Sieger hervorging.
   Unter Johann IV. (seit 1504), Herzog von Sachsen-Lauenburg, brach die sogen. Hildesheimer Stiftsfehde aus, da der Bischof durch Einlösung von Pfandschaften die Herren v. Saldern zum Kampfe reizte. Sie wurden mit ihren Verbündeten, den Herzogen Heinrich und Wilhelm von Braunschweig-Wolfenbüttel und Erich von Kalenberg, allerdings von den Bischöflichen mit Hilfe des Koadjutors Franz, Herzogs von Sachsen-Lauenburg, und der Grafen von Schaumburg und Lippe, Diepholz und Hoya 28. Juni 1519 bei Soltau geschlagen, aber da sich Johann dem nun erfolgenden kaiserlichen Schiedsspruch nicht fügte, verfiel er 1521 der Reichsacht, deren Vollziehung dem König Christian von Dänemark und den Herzogen von Braunschweig übertragen ward. Nachdem letztere fast das ganze Stiftsgebiet erobert hatten,

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traten endlich das Kapitel und der Rat von Hildesheim 1523 im Vertrag von Quedlinburg den Herzogen ihre Eroberungen ab, und dem Stift verblieben von seinen sieben Grafschaften und 21 Schlössern nur Peine, Steuerwald und Marienburg. Nach vergeblichen Verhandlungen des Bischofs Burchard von Oberg wegen der Restitution des Stiftes und nach langen Streitigkeiten seines Nachfolgers Ernst II. (15731612), eines bayrischen Prinzen, erlangte endlich Ferdinand (161250), Prinz von Bayern und Erzbischof von Mainz, die Restitution des Stiftes und nahm durch seine Bevollmächtigten mit Hilfe Tillys 1629 und 1630 die meisten Gebiete wieder für das Stift in Besitz; 1643 gab Braunschweig nach und behielt bloß die Ämter Koldingen, Westerhof und Lutter am Barenberg als Stiftslehen. Dem Bischof Jobst Edmund wurde in Joseph Klemens, Herzog von Bayern, 1694 ein Koadjutor bestellt, der, nach des erstern Tode (1702) zum Bischof erwählt, infolge der über ihn verhängten Reichsacht erst 1714 den bischöflichen Stuhl bestieg. 1723 folgte Klemens August, Herzog von Bayern und Erzbischof von Köln, diesem nach zweijähriger Vakanz 1763 Friedrich Wilhelm von Westfalen, dessen Verordnungen ein Jahrhundert lang die Basis des Provinzialrechts und der Provinzialverfassung bildeten, und letzterm 1789 Franz Egon, Freiherr von Fürstenberg (gest. 1825). Nachdem das Stift durch den Reichsdeputationshauptschluß vom 25. Febr. 1803 an Preußen gefallen war, legte der Bischof die Regierung gegen eine Pension von 50,000 Tlr. nieder. 1806 kam H. an Frankreich, wurde 1807 mit dem Königreich Westfalen vereinigt, 1813 aber von Hannover in Besitz genommen, dem es auch nach der Wiener Schlußakte von 1815 verblieb, und mit dem es 1866 an Preußen fiel. Vgl. Literatur, S. 329.
 
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Hildesheim (neulat. Hildesia), Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirks (s. unten) in der preuß. Provinz Hannover und Stadtkreis, an der Innerste, 89 m ü. M., besteht aus der Altstadt und Neustadt, die seit 1583 zu einem Gemeinwesen vereinigt sind, und der sogen. Freiheit (Residenz des Bischofs). Der uralte Ort enthält im Innern noch viele enge und winklige Straßen, besetzt mit altertümlichen Häusern, deren obere Stockwerke überragen und mit Erkern und reichem Schnitzwerk versehen sind. Unter den zu gottesdienstlichen Zwecken bestimmten Gebäuden (4 evangelische und 5 kath. Kirchen und eine Synagoge) behauptet der katholische Dom, ein 62 m langes, 30 m breites Gebäude, die erste Stelle. Der Grundbau stammt aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrh., hat aber später manche Veränderung erfahren. Neuerdings sind die Innenwände restauriert und farbig ausgemalt worden. Besonderes Interesse gewähren die aus dem frühesten Mittelalter stammenden Kirchengeräte (Domschatz), die ehernen Torflügel (von 1015) mit Reliefs vom Bischof Meyers Bernward (s. d.) aus der Geschichte der ersten Menschen (s. Tafel Meyers »Bildhauerkunst VII«, Fig. 2) und Jesu Christi, ein ehernes Taufbecken aus dem 13. Jahrh., zwei romanische Reliquienkasten des heil. Godehard und des heil. Epiphanius und zwei große Kronleuchter aus dem 11. Jahrh. Die etwas unansehnlichen Türme tragen ein herrliches Geläute. Vor dem Ausgang zum Chor steht die sogen. Irmensäule (s. d.), und an der Außenwand der Grabkapelle breitet der berühmte tausendjährige Rosenstock, 8 m hoch und 10 m weit, seine Zweige aus (vgl. darüber die Schriften von Römer, Hildesh. 1892, und Bank, das. 1904); den innern Friedhof umgibt ein romanischer Kreuzgang. In einem Seitenraum endlich (früher auf dem Domhof) erhebt sich die 4 m hohe Christussäule (von 1022) aus Erzguß, auf der die Geschichte Christi dargestellt ist (vgl. Wiecker, Die Christus- oder Bernwardsäule, Hildesh. 1874). Auf dem Domhof befindet sich das Standbild des Bischofs Bernward, von Hartzer. Von den übrigen Kirchen verdienen Erwähnung: die St. Godehardikirche (113372 erbaut, 1863 restauriert), ein Meisterwerk romanischen Stiles mit drei pyramidenförmigen Türmen; dann die Michaeliskirche, eine großartige romanische Basilika mit einer kürzlich hergestellten, das Grab des Bischofs Bernward enthaltenden Unterkirche und einer kunstvoll bemalten Holzdecke aus dem 12. Jahrh.; die Magdalenenkirche mit zwei kostbaren Leuchtern aus Bernwards Werkstatt und dem sogen. Bernwardskreuz; die Martinikirche, die das städtische Museum enthält; die Andreaskirche, die Hauptkirche der Evangelischen, ist mit einem 118 m hohen Turm versehen. Andre ausgezeichnete Gebäude sind: das alte angebliche Tempelherrenhaus, das Rathaus (um 1440 erbaut), mit einer Halle, die durch Hermann Prell mit Freskomalereien aus der Geschichte Hildesheims geziert ist, davor ein schöner Springbrunnen, das frühere Trinitatishospitalgebäude, das Michaeliskloster (jetzt als Irrenanstalt benutzt), die alte Kartause, das Knochenhaueramthaus von 1529, überaus reich an plastischem Schmuck, das Wedekindsche Haus von 1598, das Rolandhospital von 1611, das Kaiserhaus von 1586, der Wiener Hof von 1609, die Neustädter Schenke von 1550 und viele andre reichgeschmückte Fachwerkhäuser. Außer dem Bernwarddenkmal hat die Stadt noch ein Reiterstandbild Kaiser Wilhelms I. (modelliert von Professor Lessing) und ein Denkmal des Senators Römer. Die Zahl der Einwohner beläuft sich (1900) mit der Garnison (ein Infanterieregiment Nr. 79) auf 42,973 Seelen, davon 14,236 Katholiken und 617 Juden. H. hat eine Zuckerraffinerie, Gummiwarenfabrik, Eisengießereien, bedeutende Konservenfabrik, Mühlsteinfabrikation und Steinhauerei, Fabrikation von Ofen, Kochherden, Maschinen, Wagen, Turmuhren, Hohlglas, Wasserglas, Tapeten, Malz, Schokolade, Tabak, Zigarren etc., Glockengießerei, Lohgerberei, Bierbrauerei und zwei Kunstmühlen. Ein Elektrizitätswerk ist im Bau. Der Handel, unterstützt durch eine Handelskammer, eine Produktenbörse sowie durch eine Reichsbanknebenstelle etc., befaßt sich außer den dort gewonnenen Fabrikaten vorzugsweise mit Zucker, Getreide, künstlichen Dungmitteln und andern Erzeugnissen und Bedürfnissen der Landwirtschaft. Den Verkehr in der Stadt vermittelt eine elektrische Bahn. Für den Eisenbahnverkehr ist die Stadt Knotenpunkt der Staatsbahnlinien Braunschweig-Löhne und Lehrte-Grauhof sowie der H.-Peiner Kreisbahn. An Bildungs- und sonstigen Anstalten befinden sich dort: ein evangelisches und ein kath. Gymnasium, ein Realgymnasium, eine landwirtschaftliche Versuchsstation, eine Landwirtschaftsschule mit Ackerbauschule, kath. Schullehrerseminar, kath. Priesterseminar, Baugewerk-, Handwerker- und Handelsschule, ein städtisches Museum (Römermuseum) mit wertvollen Sammlungen, das Andreasmuseum, besonders für Architektur, Konservatorium für Musik, Taubstummenanstalt, Irrenanstalt,

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2 Waisenhäuser, Rettungshaus, 3 Damenstifter, ein Kloster der Barmherzigen Schwestern etc. H. ist Sitz der königlichen Regierung für den Regierungsbezirk H., der Landratsämter für den Landkreis H. und den Kreis Marienburg in Hannov., eines Landgerichts, Hauptsteueramts, einer Spezialkommission, eines Generalsuperintendenten, eines Bischofs, Domkapitels und Generalvikariats. Die städtischen Behörden zählen 8 Magistratsmitglieder und 18 Stadtverordnete. Zum Landgerichtsbezirk H. gehören die elf Amtsgerichte zu Alfeld, Bockenem, Burgdorf, Elze, Fallersleben, Gifhorn, Goslar, H., Liebenburg, Meinersen und Peine. Im W. von H. liegt auf einer Anhöhe das ehemalige Kollegiatstift St. Moritz (um 1054 gegründet, 1810 aufgehoben); im O. lag das Stift St. Bartholomäus zur Sülte (1147 errichtet, 1802 aufgehoben); im S. liegen das Gut Söder, mit einem Schloß, und Ottbergen, ein Wallfahrtsort.
   H. entwickelte sich erst mit der Verlegung des Bistums von Elze hierher (s. oben). Bischof Bernward (gest. 1022) ummauerte die Stadt. Handel und Gewerbe gediehen daselbst; namentlich waren die Hildesheimer Goldschmiedearbeiten bis zum Ende des Mittelalters hochberühmt. Daneben wurden Künste und Wissenschaften gepflegt, und zahlreiche Fürstensöhne (darunter die Kaiser Otto III. und Heinrich II.) sind auf der Domschule von H. erzogen worden. 1249 erhielt H. vom Bischof eine schriftliche Auszeichnung des Stadtrechts und trat später der Hansa bei. H. lag, zuweilen von den Welfen unterstützt, mit seinen Bischöfen häufig in Fehde und schloß seit dem 14. Jahrh. wiederholt Schutzbündnisse mit dem Haus Braunschweig-Lüneburg. Die Hildesheimer Stiftsfehde (s. oben, S. 327) brachte mit dem Stift auch die Stadt in die Acht, doch schlug sie 1522 den Angriff der Herzoge von Braunschweig ab. 1542 ward in derselben die Reformation eingeführt; am 10. Okt. 1632 wurde sie von den Kaiserlichen unter Pappenheim eingenommen, doch erhielt durch die Kapitulation vom Juli 1634 die protestantische Partei wieder die Oberhand. 1802 kam die Stadt an Preuf;en, 1807 an Westfalen, 1813 an Hannover und 1866 mit dem Königreich Hannover abermals an Preußen. Vgl. »Urkundenbuch des Hochstifts H.«, herausgegeben von Janicke und Hoogeweg (Hannov. 18961903, Bd. 13, bis 1310); Lüntzel, Geschichte der Diözese und Stadt H. (Hildesh. 1858, 2 Bde.); W. Wachsmuth, Geschichte von Hochstift und Stadt H. (das. 1863); Delius, Die Hildesheimische Stiftsfehde des Jahres 1519 (Leipz. 1803); Bertram, Geschichte des Bistums H. (Hildesh. 1899 ff., 2 Bde.) und Die Bischöfe von H. (Denkmäler und Geschichte, das. 1896); Bauer, Geschichte von H. (das. 1891); Mithoff, Kunstdenkmale und Altertümer im Hannoverschen, Bd. 3: Fürstentum H. (Hannov. 1874); Döbner, Urkundenbuch der Stadt H. (Hildesh. 18801901, Bd. 18, bis 1597 reichend) und Studien zur Hildesheimischen Geschichte (das. 1902); Lachner, Die Holzarchitektur Hildesheims (das. 1882); Cuno, Hildesheimer Künstler und Kunsthandwerker im Mittelalter (das. 1886); Römer, Geologische Verhältnisse der Stadt H. etc. (Berl. 1883); Seifart, Sagen, Märchen, Schwänke und Gebräuche aus Stadt und Stift H. (2. Aufl., Hildesh 1889); Führer durch H. von Behr (6. Aufl. 1902), Cassel (5. Aufl. 1903), Moormann (7. Aufl. 1904).
   Der Regierungsbezirk Hildesheim (s. Karte »Hannover«), 5352 qkm (97,20 QM.) groß, zählt (1900) 526,758 Einw. (98 auf 1 qkm), davon 437,299 Evangelische, 85,657 Katholiken und 2697 Juden, und besteht aus den 17 Kreisen:

Über die betreffenden Reichstagswahlkreise des Regierungsbezirks s. Karte »Reichstagswahlen«.
 
Artikelverweis 
Hildesheimer Silberfund, eine Anzahl antiker silberner Gefäße und Gerätschaften, die am 9. Okt. 1868 am Galgenberg bei Hildesheim in einer Tiefe von ca. 3 m von einigen mit Erdarbeiten beschäftigten Soldaten im Boden gefunden wurden. Der Fund enthält die fast vollständige Ausrüstung der Tafel eines vornehmen Romers für drei Personen, als Teller, Schüsseln, Schalen, Mischgefäße, Trinkbecher, Tiegel, einen Dreifuß, ein Salzfaß (Fig. 2) etc., im ganzen 74 Stücke, z. T. von bedeutender Größe und einem Gesamtgewicht von über 107 Pfd. Silber. Nach der sorgfältigen Technik wie nach dem Stil der darauf angebrachten bildlichen Verzierungen zu schlief;en, stammt der Schatz aus der besten Zeit des römischen Kunsthandwerks, der Zeit der Julischen Kaiser. Der Fund wurde wohl von den Deutschen, die ihn erbeutet, aus unbekannten Gründen hier (die Römer sind nie in der Gegend von Hildesheim gewesen) in der Erde

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verborgen. Die erwähnten Verzierungen sind meist Reliefs in getriebener Arbeit (aus dünnem, auf das Gefäß aufgelötetem Silberblech); an manchen Stücken findet sich auch Arbeit in Email und in Niello. Die künstlerisch bedeutendsten Stücke des früher im alten Museum, seit 1902 im Kunstgewerbemuseum in Berlin befindlichen Schatzes sind: ein großer, glockenförmiger Mischkrug (Krater), außen mit Arabesken und Kinderfiguren reich und anmutig geschmückt (Fig. 1); eine prachtvolle Schale, deren innerer Boden eine auf einem Felsstück sitzende vergoldete Minerva in Hochrelief zeigt; eine andre mit dem jungen Herkules als Schlangentöter ebenso (Fig. 3), noch andre mit den Büsten der Kybele und des Gottes Men; ferner zwei Trinkbecher, der eine mit zwei Henkeln, der andre henkellos, beide mit Masken und allerlei auf den Kult des Bacchus bezüglichen Symbolen und Bildwerken geschmückt. Vgl. Wieseler, Der H. S. (1. Teil, Götting. 1869); Holzer, Der Hildesheimer antike Silberfund (Hildesh. 1871); Pernice und Winter, Der H. S. der königlichen Museen zu Berlin (Berl. 1901, mit 46 Lichtdrucktafeln).
 
Artikelverweis 
Hildesheimer Stiftsfehde, s. Meyers Hildesheim, S. 327.

 

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Artikel 71 bis 80 von 183 Nächste Treffer Vorherige Treffer
71) Herloßsohn
 ... (das. 1842, 3. Aufl. 1872); »Wallensteins erste Liebe« (das. 1844); »Weihnachtsbilder« (das. 1847); »Die Mörder Wallensteins« (das. 1847). Auch veröffentlichte
 
72) Heyse
 ... Es folgten: »Der Roman der Stiftsdame« (1886, 12. Aufl. 1903), »Weihnachtsgeschichten« (1891), »Aus den Vorbergen« (1892), »In der Geisterstunde und andre
 
73) Hildebrandt
 ... (1830), die seine realistische Tendenz nicht zu beeinflussen vermochten. Der Weihnachtsabend (1840), Empfang des Kardinals Wolsey im Kloster (1842), Doge und
 
74) Hirsch
 ... gelt sind, auch mehr, Spießer etwa ebensoviel und Kälber zur Weihnachtszeit 2025 kg. Die Zahl der Enden entscheidet nicht sicher
 
75) Hofmann
 ... frische Gelegenheitsdichtungen und durch schriftstellerische Unternehmungen zu wohltätigen Zwecken (»Weihnachtsbaum für arme Kinder«, 25 Jahrgänge) verdient. Eine Auswahl seiner Gedichte
 
76) Homilĭus
 ... der Kreuzschule daselbst. H. war seinerzeit als Komponist hochgeschätzt (Passionen, Weihnachtsoratorien, Motetten, Kantaten u. a.), schrieb auch ein Lehrbuch des Generalbasses.
 
77) Hutzelbrot
 ... Hutzelbrot ( Hutzel - , Birnenwecken ), süddeutsches Weihnachtsgebäck aus Roggenmehlteig mit zerschnittenen getrockneten Birnen und Pflaumen ( Hutzeln
 
78) In
 ... süßem Jubel«), Anfangsworte eines alten, halb deutsch, halb lateinisch geschriebenen Weihnachtsliedes, das früher dem Petrus Dresdensis (gest. 1440) zugeschrieben wurde, in
 
79) Jensen
 ... schwerer Vergangenheit«, ein Geschichtenzyklus (das. 1888, 3. Aufl. 1901), »Vier Weihnachtserzählungen« (das. 1888), »Jahreszeiten« (das. 1889), »Sankt - Elmsfeuer« (das. 1889),
 
80) Jesus
 ... die aufblühende Kultur des Bürgertums gefördert wurde (s. Weihnachtsspiele , Passionsspiele , Osterspiele). Neues Leben
 
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