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Schießarbeit bis Schießpulver (Bd. 6, Sp. 757 bis 761)
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Artikelverweis Schießarbeit (Sprengarbeit), s. Meyers Bergbau (Gewinnung), S. 663.
 
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Schießbaumwolle (Schießwolle, Pyroxylin, Nitrozellulose, Hexanitrozellulose, Zellulosenitrat) entsteht bei Einwirkung starker Salpetersäure HNO3 auf Zellulose (Baumwolle) C12H20O10 nach der Gleichung: C12H20O10+6HNO3 = C12H14(NO2)6O10+6H2O. Das bei dieser Reaktion entstehende Wasser würde die Wirkung der Salpetersäure sehr bald schwächen, und man setzt deshalb konzentrierte Schwefelsäure zu, die das Wasser bindet. Zur Darstellung wird durch Sodalauge gereinigte Baumwolle (besonders Spinnereiabfälle) ausgelesen und auf Maschinen (Öffnern, Schlag- und Reismaschinen) gelockert, bei 100° scharf getrocknet und in verschließbare Blechbüchsen gefüllt. Zum Nitrieren taucht man 1 Teil Baumwolle 56 Minuten in 50 Teile eines Gemisches von 1 Teil Salpetersäure (mit mindestens 93 Proz. HNO3) und 3 Teilen Schwefelsäure (mit 9596 Proz. H2SO4) und benutzt dabei von außen zu kühlende Gefäße von 1213 Lit. Inhalt. Dann bringt man die Baumwolle oft noch

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in verschließbare Steintöpfe, die in Kühlbassins stehen, und schleudert nach 24 Stunden (Nachnitrierung) die Säure auf Zentrifugen ab. Man wendet auch Zentrifugen an, die zunächst als Nitriergefäß dienen und nach Vollendung des Prozesses unmittelbar das Abschleudern der Säure ermöglichen. Die S. muß nun sehr schnell mit großen Mengen Wasser behandelt werden und wird dann in Waschmaschinen gewaschen, bis sie Lackmuspapier nicht mehr rötet, und zu weiterer Entsäuerung mit 2proz. Sodalösung, zuletzt mit reinem Wasser gekocht. Solche S. enthält oft noch Säure in den hohlen Baumwollenfasern und verfällt bisweilen einer gefährlichen Selbstzersetzung. Die S. wird daher jetzt auf Holländern zerkleinert, dabei mit Wasser gewaschen und dann anhaltend mit Wasser gekocht (Stabilisierung), im Waschholländer gewaschen und auf Zentrifugen entwässert, um mit etwa 30 Proz. Wasser in mit Zink ausgeschlagenen, dicht schließenden Kisten aufbewahrt zu werden. In solchen verlöteten Kisten wird die feuchte S. stark zusammengepreßt auch versendet. Für manche Zwecke wird die S. auch in Vakuumtrockenapparaten getrocknet. Höheres spezifisches Gewicht, regelmäßigere Fortpflanzung der Explosion innerhalb der Ladung, größere Wirkung im gegebenen Raum und leichtere Handhabung erreicht man dadurch, daß man die nasse S. durch Druck in eine pappartige Masse verwandelt und aus dieser durch stärkern Druck regelmäßig geformte Körper mit 20 Proz. Feuchtigkeitsgehalt bildet. Die gepreßten Körper sind für manche Zwecke (Ingenieur- und Bergwerkspatronen) gebrauchsfertig, für andre Zwecke wird ihre Form durch Hobeln, Schaben, Sägen, Bohren verändert, wobei die zu bearbeitende Fläche beständig mit Wasser bespült werden muß. Für manche Zwecke werden die gepreßten Körper vorsichtig getrocknet und dann in geschmolzenes Paraffin getaucht, auch behandelt man die Schießwollkörper mit Lösungsmitteln (Essigäther, Nitrobenzol etc.), um ihnen eine schützende Hülle zu geben. Für die meisten Zwecke muß ein bestimmter Wassergehalt der S. zum Teil aus Sicherheitsrücksichten dauernd erhalten werden. S. mit einem Feuchtigkeitsgehalt von 30 Proz. ist nämlich durch Flamme oder glühenden Körper unentzündlich und gefahrlos in der Aufbewahrung, bei der sie nicht an Güte verliert. Dagegen explodiert diese S. durch kräftige explosive Zündmittel oder bei Einschaltung einer geringern Menge trockener S. zwischen der feuchten S. und dem Zündmittel ebenso leicht wie diese. Da auch die nasse S. nicht unempfindlich gegen Schlag und Stoß ist, so ist ihre Anwendung in Geschossen nur unbedenklich bei Geschützen, die mit kleinen Ladungen feuern (Mörsern) oder solchen, bei denen langsam verbrennliche Pulversorten angewendet werden und ein sanfter Eintritt des Geschosses in die Züge stattfindet. In neuerer Zeit ist die S. in ihrer Anwendung, namentlich bei Sprengladung der Geschosse, durch die neuen Pikrinsäure-Sprengstoffe, wie Melinit etc., teilweise verdrängt worden.
   Lösliche S. oder Kollodiumwolle, ein Gemisch von Di-, Tri-, Tetra- und Pentanitrozellulose, wird in derselben Weise wie S. dargestellt, aber mit einem Säuregemisch aus gleichen Teilen Salpetersäure (mit 75 Proz. HNO3) und Schwefelsäure (mit 96 Proz. H2SO4), das bei 40° etwa 111/2 Stunde auf die Baumwolle einwirken muß. Zur Herstellung detonierender Zündschnur stellt man auch Nitrohydrozellulose dar und gewinnt die Hydrozellulose C12H22O14, indem man Baumwolle einige Minuten in Wasser mit 3 Proz. Schwefelsäure oder Salzsäure taucht, ausschleudert, an freier Luft trocknet, dann 10 Stunden auf 40° erwärmt und auswäscht.
   S. gleicht selbst unter dem Mikroskop der unveränderten Baumwolle, sie fühlt sich aber rauher an, knirscht beim Zusammendrücken, ist nicht elastisch und wird beim Reiben elektrisch. Sie ist geruch- und geschmacklos, vom spez. Gew. 1,634, unlöslich in Wasser, Alkohol und Äther, löslich in Aceton, Essigäther, Benzol, Nitrobenzol, auch in Nitroglyzerin bei Gegenwart von Aceton. Kollodiumwolle löst sich in einer Mischung aus 2 Teilen Äther und 1 Teil Alkohol, in Aceton, Essigäther, Benzol, Nitrobenzol und in Nitroglyzerin bei mehr als 50°. Alkalien zersetzen S. besonders bei Gegenwart von Alkohol unter Bildung von Nitraten und Zellulose. Schwefelsäure scheidet die Salpetersäure aus der S. ab unter Bildung von Zelluloseschwefelsäure. Zinnoxydulnatron, Kaliumsulfhydrat etc. regenerieren Zellulose, und auch andre Reaktionen sprechen dafür, daß die S. als Salpetersäureester der Zellulose aufzufassen ist. Unreine S. unterliegt einer baldigen Selbstzersetzung, während reine S. auch durch Sonnenlicht nicht zersetzt wird, wohl aber in wenigen Stunden beim Erhitzen auf 90°. Temperaturen von 4550° werden nur von der besten S. monatelang ertragen. Zum Schutz vor Zersetzung hat man 2 Proz. kohlensauren Kalk, auch Anilin, zugesetzt, am sichersten ist die Aufbewahrung der S. im feuchten Zustand. Im freien Raume verbrennt S. mit großer gelber Flamme so schnell, daß sie Schießpulver nicht entzündet. Gute S. explodiert bei raschem Erhitzen bei 180184°, auch durch kräftigen Schlag zwischen harten Körpern explodiert sie, aber meist nur die direkt getroffenen Teilchen. 1 g S. liefert bei der Verbrennung 588 (483) ccm Gas, bei Explosion unter hohem Druck 755 ccm. Die Gase bestehen bei Explosion unter hohem Druck aus: 28,95 Kohlenoxyd, 20,82 Kohlensäure, 7,24 Methan, 12,67 Stickstoff, 25,34 Wasserdampf und 3,16 Wasserstoff. Der Rückstand von etwa 2 Proz. besteht aus Kohlenstoff. Die Verbrennungsgase sind brennbar und durch Gehalt von Kohlenoxyd giftig. Die gewöhnliche Explosion der S. im geschlossenen Raum durch Reibung und Stoß ist zu unterscheiden von der detonierenden, die auch ohne feste Einschließung stattfindet, wenn S. durch die Explosion einer kleinen Menge Knallquecksilber oder eines ähnlichen Präparats entzündet wird. Selbst nasse, ja vollständig unter Wasser getauchte S. kann durch ein starkes Zündhütchen und ca. 300 g trockene S. oder durch Nitroglyzerin, resp. Dynamit zur Explosion gebracht werden. Dagegen ist die nasse S. absolut unentzündlich und unexplodierbar durch Berührung mit Flamme oder glühenden Körpern. Auf glühende Platten geworfen, zersetzt sie sich langsam. Schießbaumwollmagazine mit nasser S., in Brand gesteckt, brennen langsam unter ruhiger Zersetzung der S. ab.
   Man benutzt S. in der Sprengtechnik, zur Füllung von Sprenggeschossen, Seeminen und Torpedos, zur Herstellung detonierender Zündschnüre, zu Feuerwerkszwecken, wobei man sie mit Salzen tränkt, welche die Flamme färben, zum Filtrieren von Säuren, Alkalien, übermangansaurem Kali, als Isolierungsmaterial bei elektrischen Versuchen und, mit Kaliumpermanganat getränkt, als Verbandmaterial für übelriechende Wunden. Di- und Trinitrozellulose dienen zur Herstellung von rauchschwachem Pulver, Zelluloid, Kollodium, künstlicher Seide. Nachdem Braconnot 1832, später auch Pelouze und Dumas explosive Substanzen aus Stärkemehl, Holzfaser, Papier

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etc. erhalten hatten, stellte Schönbein 1845 und Böttger 1846 die S. dar, an die sich alsbald weitgehende Erwartungen hinsichtlich der Verwendbarkeit für Kriegszwecke knüpften. Aber obwohl die Darstellung der S. wesentlich verbessert wurde, erhielt man doch kein haltbares Präparat. Erst Lenk erzielte bessere Resultate, in Hirtenberg bei Wien wurde 1853 eine Schießbaumwollfabrik angelegt, aber nach zwei Explosionen von Magazinen wurden 1865 die österreichischen Versuche wieder aufgegeben. Praktische Verwertbarkeit erlangte die S. erst durch den englischen Chemiker Abel, der in der Zerkleinerung der S. das Mittel zu ihrer vollständigen Reinigung, welche die Haltbarkeit bedingt, entdeckte, und 1874 wurde das englische Verfahren auf Anlaß der deutschen Regierung durch Hertz, der in Oberschlesien eine Fabrik errichtete, in Deutschland eingeführt. Vgl. v. Förster, Versuche mit komprimierter Schießwolle (Berl. 1883), Komprimierte Schießwolle für militärischen Gebrauch (das. 1886) und Schießwolle in ihrer militärischen Verwendung unter besonderer Berücksichtigung der Schießwollgranaten (das. 1888); Abel, Untersuchungen über S. (deutsch, Berl. 1907); Plach, Die gepreßte Schießwolle (Pola 1891); Will, Mitteilungen aus der Zentralstelle für wissenschaftlichtechnische Untersuchungen, Heft 2,3,4 (1900, 1902, 1904), und Literatur bei Artikel »Schießpulver«.
 
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Schießbedarf, s. Meyers Munition.
 
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Schießdienst, die Friedensausbildung des Heeres im Schießen, angesichts der großen Wirkung der modernen Feuerwaffen ein sehr wichtiger Dienstzweig. Den S. der Infanterie regelt die Schießvorschrift vom 2. Nov. 1905 (Entwurf) nebst Anhang I für Jäger und Schützen, Anhang II für Pioniere, Eisenbahn- und Telegraphentruppen und Anhang III für Maschinengewehrabteilungen für das Schießen mit dem Karabiner. Die Schießausbildung beginnt mit den vorbereitenden Übungen, und zwar Erklärung des Vorgangs in der Waffe beim Schuß, der Visiereinrichtung, der Meyers Scheiben (s. d.), Übungen im Zielen und Abkrümmen und in den verschiedenen Anschlagsarten. Daneben werden entsprechende gymnastische Übungen betrieben. Es folgen Schießen mit Platzpatronen und mit Zielmunition (kleine Schrotpatrone, aus einem äußerlich dem Dienstgewehr gleichenden Gewehr verschossen), und wenn hiernach in allen Tätigkeiten genügende Sicherheit erreicht ist, das Schießen mit scharfen Patronen, und zwar zuerst als Schulschießen auf Entfernungen von 150400 m. Die jüngste Jahresklasse und die noch nicht ausgebildeten Leute der ältern bilden die zweite, die ausgebildeten Leute die erste Schießklasse; Offiziere, Unteroffiziere und Kapitulanten, die alle Bedingungen der ersten Klasse zweimal erfüllt haben, bilden die besondere Schießklasse. Außer dem Kompaniechef sind alle Angehörigen der Kompanie zum Schulschießen verpflichtet. Die Vorübungen jeder Klasse, zu 3 Schuß, werden in Mütze ohne Gepäck, die Hauptübungen, zu 5 Schuß, in Helm mit Gepäck erledigt. Bei jeder Übung ist eine Bedingung zu erfüllen (es wird eine Mindestleistung jedes einzelnen Schusses oder eine Gesamtleistung aller Schüsse verlangt), widrigenfalls die Übung zu wiederholen ist. Für besonders gute Leistungen sind Auszeichnungen vorgesehen (vgl. Schützenabzeichen). Das Schulschießen bildet im Verein mit den durch das Exerzierreglement vom 29. Mai 1906 für die Gefechtsausbildung vorgeschriebenen Übungen die Vorbereitung für das gefechtsmäßige Schießen, d. h. Schießen mit scharfer Munition gegen Scheiben unter Verhältnissen, die dem Ernstfall möglichst nahekommen. Auch hier gehen sorgfältige Übungen des einzelnen Mannes, der Rotte, der Gruppe, des Zuges und größerer Abteilungen dem wirklichen Schießen voraus; jeder Mann muß, entsprechend der im modernen Feuerkampf so wichtigen Selbständigkeit des einzelnen über die Feuerwirkung und die Grundsätze der Feuerleitung und der Feuerdisziplin Bescheid wissen. Übungen im Entfernungsschätzen, die trotz der Vervollkommnung der Entfernungsmesser nicht zu entbehren sind, werden von Beginn der Ausbildungszeit an ununterbrochen betrieben. Das gefechtsmäßige Schießen wird abgehalten: zuerst als Vorbereitungsschießen (einzelne Leute oder Rotten), Gruppenschießen (besonders auch zur Schulung der Gruppenführer), Zugschießen und Schießen in größern Abteilungen (Kompanie). Zuletzt erfolgt alljährlich ein gefechtsmäßiges Prüfungsschießen jeder Kompanie durch den Regimentskommandeur, worüber Bericht an den Kriegsherrn erfolgt. Beim Belehrungsschießen wird die Durchschlagskraft des einzelnen Geschosses sowie gefechtsmäßig die Wirkung des Abteilungsfeuers unter bestimmten Verhältnissen des Feld- und Festungskrieges und bei Dunkelheit gezeigt. Radfahrer schießen wie die übrigen Leute. Für die Jäger und Schützen sind zahlreichere und schwierige Schulübungen vorgesehen, als für die Infanterie. Mit dem Revolver werden die nicht Gewehrtragenden ausgebildet; es wird nach entsprechenden Vorübungen auf 20 m gegen Figurscheibe geschossen.
   Der S. der Maschinengewehrabteilungen regelt sich nach der Schießvorschrift für Maschinengewehrabteilungen vom 1. Sept. 1904. Nach den vorbereitenden Übungen, die sinngemäß wie bei der Infanterie stattfinden, wird zum Schulschießen in zwei Schießklassen wie bei der Infanterie, dann zum Gefechtsschießen mit dem einzelnen Maschinengewehr, im Zug und in der Abteilung übergegangen; ebenso findet Belehrungsschießen und Prüfungsschießen zum gleichen Zweck wie bei der Infanterie statt. Es werden, wie bei der Feldartillerie (s. unten), zwei Preisrichten abgehalten.
   Der S. der Kavallerie erfolgt nach der Schießvorschrift für die Kavallerie vom 5. Sept. 1906 nach denselben Grundsätzen wie bei der Infanterie, doch sind die Anforderungen etwas geringer. Der längern Dienstzeit entsprechend sind drei Schießklassen vorhanden.
   Für den S. der Feldartillerie ist die Schießvorschrift für die Feldartillerie vom 10. Aug. 1899 maßgebend. Da genaues Richten die Grundlage des Erfolges der Artillerie im Gefecht bildet, so wird die Auswahl der Richtkanoniere und der Ausbildung in den verschiedenen Meyers Richtmethoden (s. d.) die größte Wichtigkeit beigelegt. Nach den für alle Rekruten gleichen Vorübungen findet besondere Ausbildung der Richtkanoniere statt, auch gegen verdeckte oder sich bewegende Ziele und bei Dunkelheit. Beim Exerzieren werden diese Übungen fortgesetzt, ebenso wie bei der Infanterie dauernd Entfernungsschätzen geübt. Alljährlich finden zwei Preisrichten statt, die besten Leistungen dabei werden durch Richtabzeichen, die besten Leistungen beim Scharfschießen durch Schießauszeichnungen belohnt. Das Scharfschießen gegen Scheiben wird auf den Truppenübungsplätzen (s. d.), bez. Artillerieschießplätzen, und im Gelände als Schulschießen und gefechtsmäßiges Schießen erledigt. Ersteres leitet der Batteriechef,

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es soll Offiziere, Unteroffiziere und Leute in ihren Vorrichtungen üben und das gefechtsmäßige Schießen vorbereiten; dieses erfolgt unter dem Ernstfall möglichst gleichenden Verhältnissen in Batterien, Abteilungen oder Regimentern.
   Für die Fußartillerie ist die Schießanleitung für die Fußartillerie vom 9. Juli 1900 für das Schießen aus Geschützen maßgebend, außerdem, ebenso wie für Küsten- und Schiffsartillerie, dem verschiedenen Material entsprechend, verschiedene detaillierte Schieß- etc. Anleitungen.
   Im Ausland wird der S., wenigstens was die Infanterie betrifft, zum Teil nach wesentlich andern Grundsätzen betrieben als bei uns; am nächsten kommt den deutschen Grundsätzen vielleicht Österreich-Ungarn und Japan. Ersteres hat für die Infanterie die Schießinstruktion für die Infanterie- und Jägertruppe, deren Grundsätze sind: Einfachheit, aber größte Sorgfalt der Ausbildung des Mannes im Schießen und Distanzschätzen, Einteilung in zwei Schießklassen im Hinblick auf die bevorstehende zweijährige Dienstzeit, der Wirklichkeit entsprechende Form, Größe und Farbe der Scheiben (worin schon früher ein hoher Grad der Vollendung erreicht war), hohe Wertschätzung des gefechtsmäßigen Schießens. Die japanischen, den S. regelnden Dienstvorschriften waren vor dem Kriege gegen Rußland den deutschen sehr ähnlich. In Frankreich hat man durch die Schießvorschrift vom 31. Aug. 1905 dem Kompanieführer volle Freiheit in der Wahl der Mittel zur Ausbildung und in der Verwendung der Munition gelassen; die angegebenen Übungen gelten nur als allgemeiner Anhalt. Zweifellos ist diese Freiheit zu weitgehend. Bemerkenswert ist die Betonung der engen Beziehungen zwischen taktischer und Schießausbildung, die ganz unsern Anschauungen entspricht. Rußland hat sich, durch seine Kriegserfahrungen veranlaßt, schon während des Krieges gegen Japan modernen Ausbildungsgrundsätzen zugewandt, soz. B. die von ihm noch immer auch im Gefecht gegen Infanterie verwandte Salve abgeschafft. In Großbritannien hat man keine Bedingungen beim Schulschießen, sucht vielmehr unter starker Betonung des Gefechtsschießens durch sehr reichlichen Aufwand an Munition, deren Verwendung in hohem Grade dem Kompanieführer überlassen ist, Erfolg zu erzielen; das Fehlen von Bedingungen ist erzieherisch und psychologisch nicht zu rechtfertigen. Vgl. außer den oben genannten Vorschriften v. Loebells »Jahresberichte über die Veränderungen und Fortschritte im Militärwesen« (Berl.); v. Brunn, Taschenbuch für den Schießlehrer (6. Aufl., das. 1902; Auszug daraus: »Kleine Schießvorschrift«, 13. Aufl. 1906) und Das Entfernungsschätzen (das. 1901); Krause, Die Gestaltung der Geschoßgarbe der Infanterie beim gefechtsmäßigen Schießen unter Anwendung der Wahrscheinlichkeitslehre und Behandlung verschiedener schießtaktischer Fragen (das. 1904); v. Meerscheidt-Hüllessem, Die Ausbildung der Infanterie (das. 1904, 3 Tle.); v. Falkenhausen, Ausbildung für den Krieg (das. 190204, 2 Tle.); Weigelt, Handbuch für den Einjährig-Freiwilligen etc. der Fußartillerie (4. Aufl., das. 1905); Wernigk, Handbuch für den Einjährig-Freiwilligen etc. der Feldartillerie (10. Aufl, das. 1906); Reisner v. Lichtenstern, Schießausbildung und Feuer der Infanterie im Gefecht (3. Aufl., das. 1900); Minarelli-Fitzgerald, Das moderne Schießwesen (Wien 1901); Kovařik, Das kriegsmäßige Infanterieschießen (Leipz. 1903).
 
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Schießen, allgemein das Forttreiben von Geschossen mit Hilfe einer bewegenden Kraft, seit dem 15. Jahrh. vornehmlich der Explosivkraft des Schießpulvers. Die Bahn des Geschosses (s. Meyers Flugbahn) ist von so vielen Verhältnissen abhängig, daß man nicht von Gewißheit, sondern nur von Wahrscheinlichkeit des Treffens sprechen kann. Die Umstände, welche die Treffähigkeit beeinflußen, sind etwa: 1) Veränderungen an der Waffe, besonders der Seele und Visiereinrichtungen, die beim S. eintreten und nicht konstant bleiben; 2) ungleiche Beschaffenheit des Pulvers und des Geschosses; 3) ungleiche Bedienung beim Laden, Richten, Abfeuern und Reinigen der Waffe; 4) Temperatur, Luftdichtigkeit, Windstärke und -Richtung; 5) Festigkeit des Geschützstandes; 6) Art und Beweglichkeit des Zieles. Je mehr sich diese Einflüsse im Laufe des Schießens gleichbleiben, um so mehr können die daraus hervorgehenden Fehler unschädlich gemacht werden. Soweit letztere in der Waffe liegen, werden sie durch das Einschießen derselben festgestellt und beseitigt. Das richtige Schätzen der Entfernung vom Ziel fördert zwar die Treffwahrscheinlichkeit; da aber die ablenkenden Einflüsse hierbei außer Rechnung bleiben und stets wechseln, so ist die erschossene Entfernung der wirklichen nicht immer gleich, woraus der bedingte Wert der Entfernungsmesser für das S. hervorgeht, von denen man heute in allen Arten des Krieges Gebrauch macht, da sie sehr handlich konstruiert sind; trotzdem ist das Schätzen der Entfernung mit dem Auge oder das Abmessen von Karten nicht zu entbehren. Ebenso bedarf es bei jedem S. der andauernden Beobachtung der Wirkung. Bei der Artillerie wird jeder einzelne Schuß nach der Lage der Sprengwolke des Geschosses zum Ziel beobachtet und zunächst derart geschossen, daß ein Schuß davor und einer dahinter liegt (Gabelschießen), worauf nach einfachen in den betreffenden Schießvorschriften enthaltenen Schießregeln die Schüsse durch Änderung der Aufsatzstellung nach und nach dem Ziel genähert werden. Die Leistungen der Geschütze zeigen die in den Schießvorschriften enthaltenen Schußtafeln. Beim S. der Infanterie ist die Wirkung nur selten durch Geschoßaufschläge im Ziel zu erkennen, vielmehr muß der Gegner dauernd mit dem Fernglas beobachtet werden, auch ist die feindliche Feuerwirkung ein Anhalt für die eigne. S. Meyers Richtmethoden, Meyers Flugbahn. Vgl. Berlin, Handbuch der Waffenlehre (Berl. 1904); Wille, Waffenlehre (3. Aufl., das. 1905, 3 Bde.); Korzen und Kühn, Waffenlehre (Wien 1904 ff.); Groß, Die Berechnung der Schußtafeln (Leipz. 1901); Brandeis, Der Schuß (das. 1896); Rohne, Schießlehre für Infanterie (2. Aufl., Berl. 1906); Sabudski, Die Wahrscheinlichkeitsrechnung, ihre Anwendung auf das S. und auf die Theorie des Einschießens (deutsch, Stuttg. 1906), sowie die Literatur bei den Artikeln »Geschütz, Handfeuerwaffen, Maschinengewehr und Jagdgewehre«.
 
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Schießhütte (Lauer-, Luderhütte), eine Hütte, aus der man Füchse oder Wölfe erlegt. Man gräbt an einem freien, ruhigen Ort eine etwa 2,5 m im Quadrat große und tiefe Grube, schalt sie mit Holz aus und errichtet darüber ein Dach, dem man durch Plaggen und Moos das Ansehen eines natürlichen Hügels gibt. Nach der Mittagsseite hin bringt man ein Schießloch, an der Mitternachtsseite eine Treppe nebst Tür an. In einer Entfernung von 2530 Schritt vom Schießloch wird der Kadaver eines gefallenen Stückes Vieh so hingelegt, daß der Bauch der Hütte zugekehrt ist, weil die Füchse gern in das Luder

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hineinkriechen. Man erlegt die Raubtiere aus der S. bei hellem Mondschein. Zur Erlegung von Raubvögeln errichtet man die S. (Krähenhütte, Aufhütte) auf einem hoch gelegenen Punkt im freien Felde, setzt an den Seiten auf etwa 30 Schritt Entfernung einige mit Ästen versehene trockene Bäume (Fallbäume) und bringt vor der Hütte auf einem etwa 1 m hohen Ständer, der oben mit einem Teller versehen ist, einen Uhu (»Auf«) an, den man mit Lang- und Kurzfessel an diesen ankettet. Sobald vorüberziehende Krähen und Raubvögel den Uhu gewahren, stoßen sie auf ihn oder haken auf den Fallbäumen ein, von denen sie durch die in den Wänden der Hütte angebrachten Schießlöcher herabgeschossen werden. Um auch im Flug die auf den Uhu stoßenden Vögel erlegen zu können, bringt man auf der nach diesem gerichteten Seite ein größeres Schießloch an. Der Besuch der Krähenhütte ist besonders im Frühjahr und Herbst lohnend, wo die Raubvögel ziehen. Vgl. Wacquant-Geozelles, Die Hüttenjagd (Berl. 1896); Quensell, Die Hüttenjagd auf Raubzeug (2. Aufl., Münch. 1904); Otterfels, Die Hüttenjagd (Klagenfurt 1902).
 
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Schießinstruktion (Schießvorschrift), s. Meyers Schießdienst.
 
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Schießknochen, s. Meyers Knochengeschwulst.
 
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Schießmeister, s. Meyers Bergleute.
 
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Schießplatz, das Gelände für Schießübungen, besonders der Artillerie; Schießplätze für Scheibenschießen heißen Schieß-, Scheibenstand, Stand, in Österreich Schießstätte. Vgl. »Schießstandsordnung« vom 7. Oktober 1904 (Berl. 1904) und Artikel »Schießdienst« und »Truppenübungsplatz«.
 
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Schießpulver, ein Explosivstoff, der hauptsächlich zum Forttreiben von Geschossen aus Handfeuerwaffen und Geschützrohren benutzt wird. Seine Wirkungsart wird in erster Linie durch seine Vergasungsgeschwindigkeit bedingt. Diese ist maßgebend für die Geschwindigkeit, mit welcher der Gasdruck ansteigt. Bei Verwendung von S. in geschlossenen Bomben, die dem Maximalgasdruck ohne Formänderung widerstehen, ist die Vergasungsdauer gleich der Entwickelungsdauer des Maximaldruckes. In Rohren, in denen das Geschoß nach Erreichen eines gewissen Gasdruckes in Bewegung gesetzt und infolgedessen das zur Verfügung stehende Volumen stetig vergrößert wird, steigt der Gasdruck zunächst schnell bis zu seinem Maximum und fällt dann, während das Pulver noch weiter vergast; in diesem Fall ist die Vergasungsdauer des Pulvers also größer als die Entwickelungsdauer des Maximaldruckes. Je größer die Vergasungsgeschwindigkeit ist, um so kleiner ist der Weg, den das Geschoß nach gleichen Zeiten zurückgelegt hat, um so kleiner nach gleichen Zeiten das Volumen des Vergasungsraumes und um so größer der Maximalgasdruck. Je geringer die Vergasungsgeschwindigkeit des Schießpulvers ist, um so weiter wird der Ort des Maximalgasdruckes nach der Rohrmündung zu verschoben und um so langsamer fällt der Gasdruck nach Erreichen des Maximums. Während also schnell vergasendes (offensives) Pulver auf das Geschoß nur sehr kurze Zeit, also stoßartig wirkt, ist die Wirkung langsam vergasenden (progressiven) Pulvers von längerer Dauer, also treibend. Mit Erhöhung der Vergasungsdauer wächst demnach unter sonst gleichen Verhältnissen die erzielte Geschoßgeschwindigkeit, das Pulver verwertet sich günstiger, d. h. der Prozentsatz der im S. enthaltenen Energie, der sich in nützliche Arbeit, das ist Energie des Geschosses an der Rohrmündung, umsetzt, wird größer. Bei glatten Rohren genügte der einmalige Stoß, den das Geschoß durch das schnell vergasende Pulver erhielt, zur Erzielung befriedigender Geschoßgeschwindigkeit. Als aber mit Einführung der gezogenen Rohre der Widerstand, den das Geschoß im Rohre findet, erheblich wuchs, genügte das schnell verbrennende Pulver nicht mehr, wie auch die Einführung widerstandsfähigerer Ziele (Panzer) größere Energie des Geschosses verlangte. Die Anforderungen wurden durch Einführung langsam vergasenden Schießpulvers erfüllt. Mittel zur Erhöhung der Vergasungsdauer des Pulvers sind Vergrößerung der Dichte und des Pulverkorns und Änderung der Dosierung (Zusammensetzung) des Pulvers. Hand in Hand hiermit gingen die Änderungen, durch welche die Gleichmäßigkeit der Vergasung gesteigert (Einführung von Körnern gleichmäßiger Größe und Form) und die Vergasung derart geregelt wurde, daß mit fortschreitender Vergasung des Pulvers die in gleichen Zeiten entwickelten Gasmengen wachsen, was man durch Einführung solcher Körner erzielte, bei denen die Größe der Oberfläche mit fortschreitender Vergasung zunimmt (progressiv wirkendes Pulver). Selbstverständlich verlangt jede Rohrart zur Erzielung der günstigsten Verwertung eine besondere charakteristische Pulverart von mehr oder minder großer Vergasungsdauer und mehr oder minder großer Progressivität, so daß es viele Pulversorten gibt. S. kann auch als Sprengpulver verwendet werden, doch nimmt die zerstörende Wirkung mit Zunahme der Vergasungsdauer ab. Als Sprengpulver wendet man daher vorzugsweise Stoffe von äußerst geringer Vergasungsdauer an (detonierende Stoffe), und die eigentlichen Sprengstoffe eignen sich wegen der zerstörenden Wirkung auf das Rohr und wegen der geringen Verwertung im allgemeinen nicht zur Verwendung als S.
   Zur Prüfung der Kraftäußerung oder ballistischen Wirkung des Schießpulvers benutzte man früher den Probiermörser, die gezahnte Pulverprobe, die ballistischen Pendel, seit Einführung der gezogenen Waffen aber allgemein das Meyers Chronoskop (s. d.) von Le Boulengé zum Messen der Geschoßgeschwindigkeiten, den von Nobel konstruierten Meyers Gasdruckmesser (s. d.) zum Messen des Maximalgasdrucks und den von Deprez und Sébert ausgebildeten Rücklaufmesser zur Ermittelung der Geschwindigkeiten, Beschleunigungen und Gasdrücke während der Bewegung des Geschosses im Rohr.
   Das älteste S. ist das sogen. Schwarzpulver. Es ist ein inniges Gemenge aus Kalisalpeter, Schwefel und Kohle. Man benutzt chemisch reinen Kalisalpeter, gereinigten sizilischen Stangenschwefel und Kohle von Faulbaum, Erle, Hasel, Pappel, Weide, Linde, Spindelbaum, Kornelkirsche, Hanfstengeln. Das Mengenverhältnis der Bestandteile schwankt, doch nimmt man am häufigsten

Die Wirksamkeit des Schwarzpulvers ist wesentlich abhängig von der innigen Mischung der Bestandteile. Man pulvert deshalb die Substanzen möglichst sein, meist in Trommeln oder auf Kollermühlen, der Exzelsiormühle, die Holzkohle auch auf Glockenmühlen. Das vorläufige Mischen der Bestandteile geschieht entweder in Trommeln aus Kupfer oder Messing, oder auf Kollergängen. Der gemischte Pulversatz wird unter

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Läufern bearbeitet und dann auf Brechwerken zerbrochen, worauf die Verdichtung unter Walzen oder in hydraulischen Pressen erfolgt. Die aus der Presse hervorgegangenen Pulverkuchen werden grob zerkleinert und in eine Körnmaschine gebracht, welche die Kuchen zerreibt und siebt. Das Sortieren geschieht durch Siebe, die Ausbeute beträgt 7080 Proz. Das Körnen beugt einer Entmischung des Pulvers vor, die beim Rütteln auf dem Transport in dem mehlpulverigen Gemisch sicher eintreten würde, auch ist das gekörnte Pulver weniger hygroskopisch, und vor allem verbrennt es langsamer, weil sich die Flamme durch das lockere Gemisch leichter fortpflanzt als durch dichtes Pulver. Endlich gewährt gekörntes Pulver auf dem Transport größere Sicherheit, weil es weniger stäubt. Das gekörnte Schwarzpulver wird in rotierenden Trommeln poliert, dann mittels eines warmen Luftstromes bei 3060° getrocknet. Schließlich wird das Pulver in Zylindersieben ausgestäubt, wobei man bisweilen zur Erhöhung des Glanzes etwas Graphit zusetzt, dann durch Siebe nochmals sortiert.
   Aus den eingangs erwähnten Gründen hat man schon früh feineres Pulver für Gewehre und gröberes für Geschütze angewandt, doch durfte man, um den Maximalgasdruck nicht über die zulässige Grenze zu steigern, bei dem gewöhnlichen Schwarzpulver nur geringe Ladungsverhältnisse anwenden und erzielte dementsprechend nur geringe Geschoßgeschwindigkeiten. Eine wesentliche Verlangsamung der Verbrennung erzielte man durch Vergrößerung des Korns, Erhöhung der Dichte (Einführung des grobkörnigen und des prismatischen Pulvers; hierher gehören auch das Kieselpulver und das Pelletpulver) und durch Änderung der Dosierung (Anwendung brauner Kohle). Nebenstehende Abbildung zeigt ein Korn des prismatischen Pulvers, das nach dem Vorgang Rußlands als »prismatisches Pulver C/68« für die deutschen 1526 cm-Ringkanonen eingeführt wurde. Ein von den vereinigten rheinisch-westfälischen Pulverfabriken und der Aktiengesellschaft Rottweil-Hamburg 1882 hergestelltes braunes prismatisches Pulver gibt bei schweren Geschützen sehr günstige Resultate. Das deutsche prismatische Pulver C/82 ist identisch mit dem braunen der Fabrik Rottweil-Hamburg, besteht aus 78 Salpeter, 19 brauner Kohle und 3 Schwefel und hat das spez. Gew. 1,861,87.
   Neufertigung von Schwarzpulver zur Verwendung als S. findet nur noch in beschränktem Umfange statt, da es durch das günstiger verwertbare rauchschwache Pulver verdrängt wird. Die vorhandenen Bestände an Schwarzpulver werden bei Friedensübungen aufgebraucht, während die Kriegsmunitionsbestände fast durchweg schon rauchschwaches Pulver enthalten. Dagegen wird Schwarzpulver in seiner und grober Körnung noch zu Sprengladungen älterer (vorwiegend gußeiserner) Granaten, in seiner Körnung zu Sprengladungen der Schrapnells und zylinderförmig (sogen. Pulverzylinder) bei Bodenkammerschrapnells zur Übertragung des Feuerstrahls der Zündung auf die Sprengladung benutzt. Die sonstige Verwendung des Schwarzpulvers als Sprengpulver ist nicht mehr umfangreich; auch auf diesem Gebiete wird es immer mehr durch moderne Sprengstoffe verdrängt.
   Um die Übelstände des Schwarzpulvers zu beseitigen, namentlich aber auch, um geeignetere Präparate für ganz bestimmte Gebrauchszwecke zu erhalten, sind unzählige neue Pulver hergestellt worden. Man unterscheidet: 1) Pulver mit Surrogaten für Kalisalpeter: Diorrexin (Kalisalpeter, Natronsalpeter, Schwefel, Holzkohle, Buchensägespäne, Pikrinsäure), Azotin (Natronsalpeter, Schwefel, Kohle, Petroleumrückstände), Amidpulver (Kalisalpeter, Ammoniaksalpeter, Holzkohle), Pulver mit Kaliumchlorat: Himlypulver, Poudre des mineurs, Kometpulver, Augendres Pulver. 2) Pulver ohne Schwefel: Haloxylin (Salpeter, Sägemehl, Holzkohle, rotes Blutlaugensalz und das oben genannte Amidpulver). 3) Pulver mit Surrogaten für Holzkohle: Petralit (Salpeter, Schwefel, Holzmehl, Kokspulver), Janit (Salpeter, Schwefel, Lignit, Pikrinsäure, Kaliumchlorat, Soda), Amidogène (Salpeter, Schwefel, Holzkohle, Kleie, Magnesiumsulfat). Karboazotine (Salpeter, Schwefel, Ruß, Gerberlohe oder Holzmehl, Eisenvitriol). Fast alle diese Pulver haben nur Bedeutung als Sprengpulver. Dasselbe gilt für die Pikratpulver, die wesentlich Pikrinsäure oder deren Salze enthalten (Melinit), die Pulver von Designolle, Baboeuff, Brugère, Abel u. a.
   Schwarzpulver entzündet sich durch Schlag, am leichtesten bei Schlag von Eisen auf Eisen, Eisen auf Messing, Messing auf Messing, unter gewöhnlichen Verhältnissen selten durch Schlag von Kupfer auf Holz und nie durch Schlag von Holz auf Holz. Bei raschem Erhitzen entzündet sich Schwarzpulver nach Horsley bei 315°, nach Violette Mehlpulver aller Art bei 265270°, gekörntes Sprengpulver bei 270°, Kriegspulver bei 276°, seines Jagdpulver bei 280° und extrafeines Jagdpulver bei 320°. Brennende Körper entzünden Schwarzpulver nur, wenn sie sehr heiß sind; die Gasflamme zündet erst nach einigen Sekunden, ein Funke aus Stahl und Stein nur nach starkem Schlage, der Funke der Elektrisiermaschine nur, wenn die Entladung durch Einschaltung eines nassen Bindfadens in die Leitung verzögert wird. Bei den galvanischen Zündern wird das Pulver durch einen erglühenden seinen Platindraht entzündet. Schießbaumwolle verbrennt auf Schwarzpulver, ohne zu zünden. Im luftleeren Raum zündet der glühende Platindraht nur schwer, und die Verbrennung erfolgt langsam, ohne Verpuffung. An freier Luft verbrennt Schwarzpulver auf weißem Papier, ohne einen Rückstand zu hinterlassen. Bei größern Mengen und im abgeschlossenen Raum erfolgt die Verbrennung unter Explosion. Der Rückstand besteht hauptsächlich aus schwefelsaurem und kohlensaurem Kali, Schwefelkalium und unterschwefligsaurem Kali, Ammoniumsesquikarbonat, Schwefelcyankalium und etwas unverbranntem Pulver. Die Gase bestehen aus Kohlensäure, Stickstoff, Kohlenoxyd, Wasserstoff, Schwefelwasserstoff u. Sauerstoff. Der Verbrennungsrückstand zerfließt durch den Gehalt an kohlensaurem Kali und Schwefelkalium bei feuchtem Wetter zu einem Schleim, bei trockenem Wetter bildet er eine Kruste und bedingt daher stets häufige Reinigung der Feuerwaffen. Die mit der Herstellung, der Aufbewahrung, dem Transport und der Benutzung des Pulvers verbundenen Gefahren haben zu besondern Vorsichtsmaßregeln, die zum Teil durch Gesetze vorgeschrieben sind, geführt (vgl. Explosivstoffe, Pulvermagazine und Pulvertransporte, auch Pulvermonopol).
   Die rauchschwachen S. (unzutreffend auch als rauchfreie, rauchlose S. bezeichnet) verbrennen ohne festen Rückstand, verschmutzen infolgedessen die Waffen

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nicht und erzeugen auch keine starke Rauchwolke. Die Verbrennungsprodukte bestehen aus Gasen, unter denen sich Wasserdampf befindet, der an der Luft eine leichte Dunstwolke erzeugt. Diese Eigenschaften der rauchschwachen S. ermöglichten die Einführung der Schnellfeuerwaffen. Die Rauchwolke des Schwarzpulvers würde die Ausnutzung der Feuerkraft dieser Waffen unmöglich machen, der starke Rückstand würde Hemmungen in dem komplizierten Verschlußmechanismus hervorrufen. Daneben ergab sich, daß bei rauchschwachem S. zur Erzielung derselben Geschoßgeschwindigkeit ein geringerer Maximalgasdruck genügt. Infolgedessen konnte man bei derselben Beanspruchung der Rohre erheblich größere Geschoßgeschwindigkeiten erzielen als mit Schwarzpulver, so daß die Leistungsfähigkeit der Feuerwaffen mit Einführung der rauchschwachen S. sehr gesteigert wurde. Zudem entwickelt das rauchschwache S. größere Gasmengen und mehr freie Wärme als dieselbe Gewichtsmenge Schwarzpulver. Infolgedessen wird dieselbe Arbeitsleistung mit einer geringern Gewichtsmenge rauchschwachen Schießpulvers erzielt; man kann annehmen, daß sich die Arbeitsleistungen gleicher Gewichtsmengen rauchschwachen Pulvers und Schwarzpulvers durchschnittlich wie 3: 1 verhalten.
   Die größte Gruppe der rauchschwachen S. hat als Grundstoffe entweder nur Schießbaumwolle, Zellulosenitrat (Nitrozellulose) oder Schießbaumwolle und Glyzerinnitrat (Nitroglyzerin, Sprengöl). Von den verschiedenen Nitrierungsstufen der Zellulose kommen für die Pulverfabrikation hauptsächlich die eigentliche Schießbaumwolle (Hexanitrozellulose) und die Kollodiumwolle (Di-, Tri-, Tetra- und Pentanitrozellulose) in Betracht. Schießbaumwolle ist in Alkohol, Äther und in einem Gemisch beider unlöslich, Kollodiumwolle dagegen ist in einem Gemisch von 2 Teilen Äther und 1 Teil Alkohol vollständig löslich. Sämtliche Nitrierungsstufen sind löslich in Aceton, Essigäther, Benzol, Nitrobenzol u. dgl. Schießbaumwolle ist in Sprengöl unlöslich, beide zusammen können aber durch Aceton zu einer homogenen Masse gelöst werden.
   Wegen der äußerst geringen Vergasungsdauer ist die zerstörende Wirkung der Schießbaumwolle auf die Rohre so groß, daß man von ihrer Verwendung als Treibmittel bald wieder abging. Es zeigte sich aber, daß man durch Lösung der Schießbaumwolle in ihren Lösungsmitteln eine gallertartige Masse erhalten konnte, die sich in beliebige Formen bringen ließ, so daß sie nicht mehr so leicht explodierte, und daß sich durch Änderung der Körnergröße und Körnerform und durch Zusatz andrer die Brisanz herabsetzender Stoffe auch die Vergasungsgeschwindigkeit in gewissen Grenzen leicht regeln läßt. Damit war die Möglichkeit gegeben, die Schießbaumwolle als Treibmittel zu verwenden; die erheblichen Vorteile, die das neue S. dem Schwarzpulver gegenüber besitzt, verschafften ihm bald allgemeine Verwendung.
   Zur Darstellung des Pulvers wird die Schießbaumwolle mit dem Lösungsmittel und den etwaigen Zusätzen gründlich vermischt, bis eine teigartige Masse entstanden ist. Da sich Kollodiumwolle in Sprengöl löst, so kann man bei Pulvern, die Kollodiumwolle und Sprengöl als Grundstoffe enthalten (Nobelsches Pulver), ein besonderes Lösungsmittel entbehren, während S. mit Schießbaumwolle stets auch Lösungsmittel enthalten. Die erhaltene teigige Masse wird durch Walzen (oder Pressen) und Schneiden in die gewünschte Form (Blättchen, Würfel, Röhren, kurze Zylinder, Fäden, Streifen, Platten, Stricke) gebracht, wobei schon ein großer Teil des Lösungsmittels wieder entfernt wird, und darauf in Trockenräumen so gut wie möglich auch von dem Rest des Lösungsmittels befreit. Häufig wird das fertige Pulver in Trommeln graphitiert, um die durch das Trocknen etwas rauh gewordene Oberfläche zu glätten und zugleich die Brisanz etwas weiter herabzusetzen.
   Die Fabrikation der rauchschwachen S. erfordert große Sorgfalt, da die chemische Beständigkeit des Pulvers wesentlich von der Reinheit der verwendeten Stoffe abhängt. Namentlich ist völlige Säurefreiheit der nitrierten Grundstoffe durch wiederholtes sorgfältiges Waschen zu erzielen. Die chemische Beständigkeit des fertigen Pulvers wird durch scharfe Wärmeproben geprüft, ehe es die Fabrik verläßt. Am häufigsten ermittelt man die Verpuffungstemperatur, die bei langsamem Erhitzen des Pulvers mindestens 175° betragen muß. Der Gehalt an Lösungsmitteln der rauchschwachen S. läßt sich beim Trocknen nicht vollständig entfernen, verflüchtigt sich aber während der auf viele Jahre sich erstreckenden Lagerung des Pulvers, womit eine Änderung der Brisanz und infolgedessen auch der ballistischen Verwertung des Pulvers verbunden ist.
   Die hohe Vergasungstemperatur der rauchschwachen S., besonders derjenigen, die Glyzerinnitrat enthalten, begünstigt das Entstehen von Ausbrennungen in den Rohren. Man gibt daher dem Pulver besondere Zusätze (Vaselin, Baryumnitrat, Graphit, Kolophon, Kampfer), um die Verbrennungstemperatur etwas herabzusetzen, allerdings auf Kosten der Arbeitsleistung. Andre Zusätze (Harnstoff, Kreide, Diphenylamin, Sublimat) bezwecken, die chemische Beständigkeit der Pulver durch Neutralisierung etwaiger freier Säuren zu erhöhen.
   Die Farbe der rauchschwachen S. ist schmutziggrau oder gelb, bei Gehalt an Glyzerinnitrat braun, bei Graphitierung silbergrau oder schwarz. Das Pulver ist sehr wenig hygroskopisch und ändert infolgedessen seine ballistischen Eigenschaften durch Änderung des Feuchtigkeitsgehalts nur wenig. Im allgemeinen bedürfen die rauchschwachen S. stärkerer Zündung als Schwarzpulver. Ihre Handhabung ist vollkommen ungefährlich. Bei zuverlässiger Fabrikation ist Selbstzersetzung, die zur Explosion führen kann, nur dann zu befürchten, wenn die Pulver dauernd hohen Temperaturen ausgesetzt werden; die Temperatur der Lagerräume soll daher nicht über 3540° steigen.
   Als Verbrennungsprodukte der rauchschwachen S. kommen hauptsächlich in Frage: Kohlendioxyd, Kohlenoxyd, Methan, Wasserstoff, Stickstoff und Wasserdampf. Der saure Charakter der Verbrennungsprodukte begünstigt das Rosten der Rohre nach dem Schuß und erfordert sorgfältige Reinigung der Rohre. Die auf den Markt gebrachten Reinigungs- und Rostschutzmittel sollen die Säure neutralisieren.
   Man unterscheidet S., die Schießbaumwolle, aber kein Sprengöl enthalten, die Schießwollpulver, und S. mit überwiegendem oder geringerm Gehalt an Sprengöl, die Nitroglyzerinpulver. Letztere verwerten sich infolge der bei der Vergasung frei werdenden großen Wärmemenge günstiger als Schießwollpulver, begünstigen aber aus derselben Ursache das Entstehen von Ausbrennungen in den Rohren, Eigenschaften, die sich nach dem Gehalt an Glyzerinnitrat richten.
   Schießwollpulver werden zurzeit in folgenden Staaten verwendet: In Deutschland im Gewehr als Blättchenpulver, im Geschütz als Blättchenpulver

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und als grobes Blättchenpulver, letztere beide Sorten für Geschütze mit großen Anfangsgeschwindigkeiten bestimmt. Das Feldartilleriematerial C/96 benutzt Röhrenpulver, das aus geraden Röhren mit glatter Oberfläche besteht. Österreich- Ungarn wendet für seine Gewehre ein Schießwollpulver in Scheibchenform an, Frankreich ein solches (Vieille) in Streifenform, das Schießwolle und Kollodiumwolle enthält. In Rußland wurde bei Einführung des Gewehres M/91 ein in der Pulverfabrik Ochla versuchtes Schießwollpulver angenommen, später ein solches für Feldgeschütze und dann in zwei Sorten für Stahlgeschütze der Landartillerie eingeführt. Auch die Türkei, Rumänien, Bulgarien, Spanien, Portugal und Schweden verwenden in ihren Feldgeschützen und Handfeuerwaffen Schießwollpulver. Die Vereinigten Köln-Rottweiler Pulverfabriken lassen in ihrer Fabrik in Haan den Pulverteig spinnen und zu einem festen Gewebe weben, das als Kartuschbeutelzeug verwendet wird.
   Nitroglyzerinpulver ist in folgenden Staaten eingeführt: Deutschland hat das Würfelpulver (mit 40 Proz. Glyzerinnitrat), das in verschiedener Körnergröße zur Verwendung bei den mit mittlern und kleinen Ladungen feuernden Geschützen, außerdem für die 3,7 cm-Revolverkanone und die 5 cm-Kanone bestimmt ist. Die deutsche Kriegsmarine verwendet Pulver in Röhrenform mit 25 und 40 Proz. Glyzerinnitrat für ihre Geschütze. In Italien wurde Ballistit mit 50 Proz. Glyzerinnitrat 1890 eingeführt und in Würfeln, Streifen oder in Fäden (als Filit) hergestellt, in letzterer Form hauptsächlich für Geschützladungen. Das in England eingeführte Cordit hat Strickform (cords) und wird je nach dem Kaliber in verschiedenen Stärken hergestellt. Ursprünglich bestand es aus 58 Proz. Glyzerinnitrat, 37 Proz. Schießbaumwolle und 5 Proz. Vaselin. Wegen des äußerst hohen Gehalts an Glyzerinnitrat verursacht das Pulver aber sehr starke Ausbrennungen in den Rohren. Dieser Fehler macht sich bei Rohren großer Kaliber, die an sich nur geringe Schußzahlen aushalten, am empfindlichsten bemerkbar. Auch ergab sich bei längerer Lagerung dieses Pulvers, besonders an Bord von Kriegsschiffen, wo es oft hohen Temperaturen ausgesetzt ist, daß es sich in seiner ballistischen Kraft sehr ändert, chemisch nicht so stabil ist wie Schießwollpulver, indem sich das Glyzerinnitrat aus dem Pulver ausscheidet. Diese Fehler treten bei sämtlichen Nitroglyzerinpulvern auf; bei geringprozentigen machen sie sich aber nicht besonders fühlbar, so daß man sie in Anbetracht der Vorteile, die Nitroglyzerinpulver gegenüber dem Schießwollpulver hat, gern in den Kauf nimmt. Bei dem englischen Cordit traten die Fehler aber derart hervor, daß man sich zu einer Änderung entschließen mußte, und man benutzt jetzt ein Cordit M. D. mit 30 Proz. Glyzerinnitrat, 65 Proz. Schießbaumwolle und 5 Proz. Vaselin für sämtliche Kaliber. Österreich-Ungarn verwendet als Pulver M/93 ein Pulver in Blättchenform mit 50 Proz. Glyzerinnitrat und 50 Proz. Schießbaumwolle für Feld- und Gebirgsgeschütze, 15 cm-Belagerungsmörser und 12 cm-Belagerungskanonen. Ein Pulver in Röhrenform mit etwas geringerm Gehalt an Glyzerinnitrat ist für Geschütze größerer Kaliber bestimmt. Portugal hat ein Pulver mit 30 Proz. Glyzerinnitrat, 67 Proz. Schießbaumwolle, 3 Proz. Vaselin (Barretopulver).
   In den Vereinigten Staaten von Nordamerika fabriziert man Nitroglyzerinpulver, die auch zur Einführung bei den Gewehren und Geschützen der Landarmee gelangt sind; doch wird vielfach über nicht genügende chemische Beständigkeit und unregelmäßige Vergasung geklagt.
   Die Schießwollpulver und Nitroglyzerinpulver beherrschen im allgemeinen den Markt. In vielen Staaten sind aber auch Pulver mit andern Grundstoffen eingeführt worden. Das Schultze-Pulver besteht aus nitrierten, regelmäßig geformten Holzkörnern, die mit Kaliumnitrat imprägniert sind. Es wird jetzt nur noch in England zu Jagdzwecken hergestellt. S, die neben der Schießbaumwolle Nitrobenzol enthalten, sind das Indurit der Kriegsmarine der Vereinigten Staaten von Nordamerika, Schweizer Weißpulver und das unter dem Namen Rifleit bekannte englische Jagdpulver. Neben der Schießbaumwolle enthalten Kaliumnitrat das englische Cannonit und E. C. Pulver und das Cooppalpulver. Nitrotoluol ist neben der Schießbaumwolle in folgenden Pulvern enthalten: Schweizer Geschützröhrenpulver, belgisches Streifenpulver und Plastomenit (Patent Grüttner-Jessen-Oberschlesien). Uchatiuspulver (Pyroxam) besteht aus nitrierter Kartoffelstärke.
   Geschichte. Über die älteste Geschichte des Schießpulvers ist nichts Sicheres bekannt. Wahrscheinlich wurde es zuerst in Ostasien (China oder Indien) erfunden und verwendet. Philostratus erwähnt in seinem »Leben des Apollonius von Tyana« die Abneigung Alexanders d. Gr. gegen einen Krieg mit den im heutigen Vorderindien lebenden Völkern, weil sie imstande wären, ihre Feinde von den Wällen herab mit Donner und Blitz zu vernichten. Oppert versucht in seinem Werk »On the weapons, army organization, and political maxims of the ancient Hindus« (1880, Madras u. Lond.) unter anderm den Nachweis zu führen, daß das S. indischen Ursprungs ist und die Hindu es nicht allein zu Feuerwerken, sondern auch als Treibladung in Geschützen und wahrscheinlich sogar als Sprengladung oder Leuchtsatz in Geschossen verwendet haben. Der rege Verkehr mit China soll dann auch den Chinesen die Bekanntschaft des Schießpulvers vermittelt haben. Die Hindu gewannen auch ein explodierendes Öl aus Krokodilen und benutzten es ohne besonderes Zündmittel mit Erfolg zum Inbrandsetzen feindlicher Anlagen. Guttmann will den Indern und Chinesen wohl Bekanntschaft mit dem S. ähnlichen Gemengen zugestehen, glaubt aber, daß diese Gemenge nur zu Feuerwerken und als Zündmittel benutzt wurden, und spricht dem Altertum die Kenntnis der sprengenden und treibenden Wirkung des Schießpulvers ab. (Vgl. »Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften«, Bd. 4, Nr. 3, Hamb. 1905.)
   Dafür, daß dem S. ähnliche Gemenge in Ostasien bekannt waren, abgesehen von der Art der Verwendung, spricht auch, daß das S. in Europa zuerst in denjenigen Ländern bekannt war, die mit dem Orient in Berührung kamen. Für Europa ist zuerst das Griechische Meyers Feuer (s. d.) nachweisbar, das nach 660 n. Chr. von den Byzantinern, später auch von den Sarazenen (in den Kreuzzügen), aber nur als Zündmittel, verwendet wurde. Auch bei den Arabern wird bereits S. erwähnt; unsicher ist aber, ob es sich hier lediglich um das Griechische Feuer oder bereits um S. als Treibmittel handelt. Der erste sichere Hinweis neuerer Zeit auf die sprengende Kraft des Schießpulvers findet sich in den Schriften des englischen Mönchs Roger Bacon (121492, s. Meyers Bacon 1). Die erste Verwendung des Schießpulvers als Treibmittel

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läßt sich für Europa erst nach 1313 nachweisen; die Erkenntnis der Treibwirkung des Schießpulvers soll dem Freiburger Mönch Bertold Schwarz zu verdanken sein. Mit dieser Zeit setzte eine rasche Ausbreitung der Kenntnis und Verwertung des Schießpulvers ein. Ein Hinweis auf ein geeignetes Mischungsverhältnis der Bestandteile, das auch noch jetzt Gültigkeit hat, findet sich bei Marcus Gräcus in seiner um die Mitte des 13. Jahrh. erschienenen Anleitung zur Bereitung von Raketen und Petarden aus Salpeter, Schwefel und Kohle. 1340 bestanden in Augsburg, 1344 in Spandau, 1348 in Liegnitz Pulvermühlen. 1525 begann man in Frankreich das S. zu körnen, aber nur für Büchsenpulver; gegen Ende des 17. Jahrh. wurde alles S. gekörnt. Um 1780 suchte Berthollet die beste Pulvermischung zu finden. Einen neuen Aufschwung nahm die Entwickelung der Explosivstoffe durch die Entdeckung der Nitrokörper (Braconnot 1832). Schönbein entdeckte 1845, Böttger 1846 die Schießbaumwolle; Lenk verbesserte ihre Fabrikation und erprobte sie als Treibmittel und als Sprengladung in Geschossen; Abel gab ein Verfahren an, chemisch beständige Schießbaumwolle herzustellen und erzeugte aus einer Mischung von löslicher und unlöslicher Schießbaumwolle das erste als Treibmittel brauchbare rauchschwache Pulver. 1864 stellte Schultze sein S. aus nitriertem Holz her. 1868 erzeugten Reid und Johnson ein rauchschwaches Jagdpulver (E. C. Pulver). 1875 gelatinierte Nobel Kollodiumwolle in Nitroglyzerin und schuf damit die Grundlage für eine große Gruppe von Schießpulvern. Zur allgemeinen Einführung gelangte das rauchschwache S. aber erst, als beim französischen Heere das 1886 von Vieille erfundene S. eingeführt wurde, das aus in Äther gelöster Schießbaumwolle und Pikrinsäure bestand. Die Vorteile des rauchschwachen Schießpulvers führten in wenigen Jahren zur allgemeinen Einführung desselben. Vgl. Upmann, Das S., dessen Geschichte etc. (Braunschw. 1874); E. v. Meyer, Die Explosivkörper und die Feuerwerkerei (das. 1874); Böckmann, Die explosiven Stoffe (2. Aufl., Wien 1895); Guttmann, Die Industrie der Explosivstoffe (Braunschw. 1895), Schieß- und Sprengmittel (das. 1900) und Monumenta pulveris pyrii (Lond. 1906); Romocki, Geschichte der Explosivstoffe (Berl. 189596, 2 Bde.); Wille, Plastomenit (das. 1898); Escales, Die Explosivstoffe, Heft 1 u. 2 (Leipz. 1904 u. 1905); »Zeitschrift für das gesamte Schieß- und Sprengstoffwesen« (hrsg. von Escales, Münch. 1906 ff.).