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Schellente bis Schelmenroman (Bd. 6, Sp. 729 bis 733)
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Artikelverweis Schellente, s. Meyers Enten, S. 834.
 
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Schellentracht, eine bei Männern und Frauen übliche Stutzertracht, die Ende des 13. Jahrh. zuerst auftrat, gegen Ausgang des 14. allgemein wurde und sich trotz aller Luxusgesetze bis über die Mitte des 15. Jahrh. erhielt. Ursprünglich wurde nur der Gürtel mit runden, ei- oder birnenförmigen Schellen besetzt. Im 15. Jahrh. trug man einen besondern

[Bd. 6, Sp. 730]


Schellengürtel wie ein Bandelier quer über die Brust und Rücken (s. Abbildung), und man heftete auch am Halsausschnitt des Gewandes und an den Rändern der Ärmel, selbst an den Schuhen, einzelne Glöckchen an. Später sah man sie nur noch an den Kleidern der Hofnarren (Narrenkappe).
 
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Scheller, Immanuel Johann Gerhard, Lexikograph, geb. 22. März 1735 in Ihlow bei Dahme, gest. 5. Juli 1803 in Brieg, studierte 175760 in Leipzig und ward 1761 Rektor zu Lübben in der Niederlausitz, 1772 des Gymnasiums zu Brieg in Schlesien. Seine Lexika sind: »Ausführliches lateinisch-deutsches und deutsch-lateinisches Wörterbuch« (Leipz. 178384, 3 Bde.; 3. Aufl. 180405, 7 Bde.); »Lateinisch-deutsches und deutsch-lateinisches Handlexikon« (das. 1792, 2 Bde.), durch Lünemann und Georges vielfach neu aufgelegt; »Kleines lateinisches Wörterbuch in etymologischer Ordnung« (das. 1780; 7. Aufl. von Georges, 1840). Außerdem veröffentlichte er: »Ausführliche lateinische Sprachlehre« (Leipz. 1779, 4. Aufl. 1803); »Kurzgefaßte lateinische Sprachlehre« (das. 1780, 4. Aufl. 1814); »Praecepta stili bene latini« (das. 177980, 2 Bde.; 3. Aufl. 1797) u. a.
 
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Schellfisch (Gadus Gthr.), Gattung der Weichflosser und der Familie der Schellfische (Gadidae), Fische mit mehr oder weniger verlängertem, mit kleinen, weichen, zahnrandigen Schuppen bedecktem Körper, drei Rücken- und zwei Afterflossen, selbständiger Schwanzflosse, schmaler, an die Kehle gerückter Bauchflosse, einem Bartfaden an der Spitze der Unterkinnlade und großer Schwimmblase. Der Kabeljau (Kabliau, Gadus Morrhua L., s. Tafel Meyers »Fische IV«, Fig. 8), bis 1,6 m lang, bis 50 kg schwer, oberseits grau, braun oder olivengrün, gefleckt, unterseits gelblichweiß, mit breiter, weißer, häufig gefleckter Seitenlinie. An manchen Orten werden rote, graue, gelbe oder schwarze Varietäten gefangen. Der Kabeljau bewohnt das Atlantische Meer vom 40.° an und das Eismeer bis zu 75° nördl. Br., in einer kleinern Varietät (50 cm lang) als Dorsch (Bergenfisch, G. Calliaras L.) auch die Ostsee, hält sich hauptsächlich in den Tiefen dieser Meere auf, geht aber zur Fortpflanzung in ungeheuern Scharen (Bergen), die mehrere Meter hoch übereinander schwimmen, auf verhältnismäßig flach liegende Bänke, wie die von Neufundland und Rockall, und laicht an der östlichen Seite des Ozeans wegen des Golfstroms schon im Februar, an der westlichen im Mai und Juni in einer Tiefe von 4590 m. Das Weibchen enthält 4 (9) Mill. Eier; die Jungen sind im dritten Jahre fortpflanzungsfähig. Er ist ungemein gefräßig, nährt sich von Fischen, Krebsen, Muscheln, folgt den Zügen der Heringe und sammelt sich zeitweise in unglaublicher Menge an den Neufundlandbänken, den Lofoten, der Doggerbank etc. Dort wird er leicht mit der Grundschnur und Handangel, an der norwegischen Küste in Netzen gefangen. Die gefangenen Tiere werden enthauptet, ausgeweidet und der Länge nach in zwei Hälften zerschnitten, die man auf Gerüsten an der Luft trocknet (Stockfisch); andre werden gesalzen und auf Klippen getrocknet (Klippfisch) oder eingesalzen in Fässer verpackt (Laberdan). Die Lebern werden auf Lebertran, andre Abfälle auf gewöhnlichen Tran und Fischguano verarbeitet. Aus den Schwimmblasen fertigt man Leim, und der gesalzene Rogen dient als Köder beim Sardinenfang. In neuerer Zeit gelangt der schmackhaftere Dorsch in größern Quantitäten auch in die Binnenstädte Deutschlands. Seine hauptsächliche Bedeutung hat der S. als Fastenspeise in katholischen Ländern. Etwa 4000 Schiffe sind in der dreimonatigen Fangzeit an den Lofoten und im Westfjord versammelt und bereiten dort die obengenannte Ware, während von den englischen Fischereigründen der Fisch meist frisch ins Land verschickt wird. Norwegen liefert durchschnittlich im Jahre 52 Mill. Kabeljaus. Auf den Weltmarkt kommen jährlich etwa 150 Mill. getrocknete und gesalzene Kabeljaus. Viele der früher ergiebigsten Gründe, wie die Doggerbank, die Süd- und Westküste Islands etc., sind mehr oder weniger unergiebig geworden; die großartigste Fischerei wird aber schon seit fast 300 Jahren an den Küsten von Neufundland, Neuschottland und Neuengland betrieben. Die Zahl der jährlich gefangenen Kabeljaus wird auf 400600 Mill. Stück geschätzt; in Europa beschäftigt sein Fang etwa 100,000 Menschen. In Schottland hat man Kabeljaus längere Zeit in Salzwasserteichen gehalten, mit allerlei Muscheln gefüttert und gute Resultate erzielt. In Nordamerika hat man den Kabeljau durch künstliche Erbrütung großer Massen von Eiern an Küstenstrichen eingeführt, denen er früher fehlte. Der S. (G. Aeglefinus L., s. Tafel Meyers »Fische IV«, Fig. 4), bis 90 cm lang und bis 8 kg schwer, gestreckter gebaut, am Rücken bräunlich, an den Seiten silbergrau, mit schwarzer Seitenlinie und schwarzem Fleck hinter der Brustflosse, am Bauch weißlich, lebt überall in Scharen in der Nordsee, findet sich seltener und nur bis Kiel hinab in der Ostsee und kommt im Februar und März hart an die Küste, um zu laichen. Man fängt ihn viel mit Grundleine und Handangel, weniger mit Netzen und bringt ihn frisch auf die Märkte Englands, Nordwestfrankreichs, Deutschlands, Hollands und Norwegens; sein Fleisch, das man auch einsalzt und räuchert, ist sehr geschätzt. Der Wittling (Merlan, G. Merlangus L.), 3060 cm lang, ohne Bartfaden, hell braungrau, an den Seiten und am Bauch weiß, mit dunkeln Flecken an der Wurzel der Brustflossen, findet sich in den westeuropäischen Meeren von den Orkneys bis Portugal, minder häufig in der Nord- und Ostsee bis zur Danziger Bucht, tritt bei weitem nicht so massenhaft auf wie die vorigen, kommt aber in Scharen im Januar und Februar den Küsten sehr nahe; sein Fleisch gilt als besonders wohlschmeckend. Der Köhler (G. carbonarius L.) ist dunkel gefärbt, bewohnt besonders die nördlichen Meere, findet sich aber auch in der Nord- und Ostsee. Er liebt felsigen Grund in nicht zu großer Tiefe und lauert versteckt auf Beute: Heringe, Kruster etc. Die Laichzeit währt von Dezember bis Februar. Sein Fleisch ist wenig geschätzt, es kommt gesalzen und getrocknet in den Handel. Junge Köhler sind schmackhafter. In Seewasserteichen wird er sehr zahm. Die Gattung Merluccius Gthr. (Meer- oder Seehecht) umfaßt Fische mit zwei Rückenflossen, einer Afterflosse, gesonderter Schwanzflosse, gut entwickelten Bauchflossen, ohne Bartfäden. Der Kummel (Kalmul, Hechtdorsch, M. vulgaris Flem.), 1,25 m lang, bis 16 kg schwer, oberseits braungrau mit schwarzen

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Punkten, an den Seiten heller, am Bauch silberweiß, bewohnt das Mittelmeer und den Atlantischen Ozean bis 62° nördl. Br., verirrt sich bisweilen in die Ostsee, weilt in der Fortpflanzungszeit vom Januar bis April am Boden des Meeres, folgt den Pilcharden und Anschovis auf ihrem Zug an die Küsten, ist äußerst gefräßig und wird in Massen gefangen und zu Stock- und Klippfisch verarbeitet.
 
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Schellhammer, ein Setzhammer zur Ausbildung der Schließköpfe an Nieten.
 
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Schelling, 1) Friedrich Wilhelm Joseph von, deutscher Philosoph, geb. 27. Jan. 1775 zu Leonberg in Württemberg, gest. 20. Aug. 1854 im Bad Ragaz in der Schweiz, studierte in Tübingen und Leipzig, wurde 1798 auf Fichtes Betrieb und durch Goethes Verwendung als außerordentlicher Professor der Philosophie nach Jena berufen, wo er sich an die Romantiker Fr. und A. W. Schlegel, dessen Frau, die geistreiche Karoline (s. Meyers Schelling 2), er später heiratete, anschloß, folgte aber schon 1803 einem Ruf nach Würzburg und 1806 einem als Generalsekretär der königlichen Akademie der bildenden Künste nach München, wo er vom König Maximilian Joseph in den Adelstand erhoben wurde. Infolge einer literarischen Fehde mit F. H. Jacobi, dem damaligen Präsidenten der Akademie, verließ er 1820 München und hielt eine Zeitlang in Erlangen Vorlesungen, bis er 1827 als ordentlicher Professor der Philosophie nach München an die neuerrichtete Universität zurückberufen ward. Hier, bald zum Wirklichen Geheimen Rat sowie zum Vorstand der königlichen Akademie der Wissenschaften ernannt, blieb er, bis er vom König Friedrich Wilhelm IV. (1840) nach Berlin berufen wurde. An der dortigen Universität begann er unter außerordentlichem Zudrang Vorlesungen über »Philosophie der Mythologie und Offenbarung«, die von Paulus nach einem nachgeschriebenen Heft ohne die Genehmigung Schellings herausgegeben wurden, wodurch ein für den klagenden Autor schließlich ungünstig auslaufender Prozeß wegen Nachdrucks entstand. Infolge des an diesen Rechtshandel sich knüpfenden Skandals und auch infolge der Enttäuschung, welche die anfänglich mit großer Spannung erwartete neue philosophische Wendung gebracht hatte, verzichtete S. auf eine weitere Lehrtätigkeit und lebte seitdem abwechselnd in Berlin, München und andern Orten. In zweiter Ehe war er seit 1812 mit Pauline Gotter verheiratet. In Ragaz, seinem Sterbeort, ließ ihm der König Maximilian II. von Bayern 1856 ein Denkmal errichten. Sein Bildnis s. Tafel Meyers »Deutsche Philosophen I«.
   Eine ebenso geistreiche wie vielseitige Natur und ein klassischer Schriftsteller, hat S. auf den verschiedensten Gebieten, der Naturwissenschaft, der Medizin, der Kunsttheorie, der Rechts- und Staatswissenschaft und der Theologie, tiefe Spuren zurückgelassen. Gegen den ihm früher eng befreundeten Hegel nahm er allmählich, als dieser in seinen Schriften ihm entgegentrat, eine feindselige Stellung ein. Seine Philosophie hat infolge seiner Anregbarkeit so viele Wandlungen durchgemacht, daß man ihn nicht unpassend den »Proteus der Philosophie« genannt hat. Nacheinander hat er sich angelehnt an Fichte, als dessen genialster Schüler und bester Erklärer er schon früh galt, an Spinoza, an Platon, an Giordano Bruno, an die Neuplatoniker, an Jakob Böhme, an die Gnostiker u. a. Man hat deshalb drei, ja fünf oder sechs Perioden in seiner philosophischen Entwickelung angenommen. Doch zerfällt sie, im ganzen betrachtet, in zwei Hauptperioden, die voneinander durch die 1809 erschienene Abhandlung »Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit und der damit zusammenhängenden Gegenstände« getrennt werden und von ihm selbst als negative und positive, von andern (richtiger) als pantheistische und theistische bezeichnet worden sind. In der ersten erscheint er, wie Fichte, von dem Bestreben beherrscht, die Philosophie als eine Vernunftwissenschaft, in der zweiten, in der er seinen eignen Worten nach wieder zu Kant zurückgekehrt ist, dagegen bemüht er sich, sie als eine »die bloße Vernunfterkenntnis überschreitende positive Wissenschaft« darzustellen. Beiden Perioden gemein ist das Bemühen, das Ganze der Wissenschaft aus einem einzigen Prinzip systematisch abzuleiten, jedoch mit dem Unterschied, daß dieses letztere in der ersten Periode (Philosophie = Vernunftwissenschaft) als innerhalb der Vernunft selbst gelegenes (immanentes, rationales), in der zweiten Periode (Philosophie = positive Wissenschaft) dagegen als jenseit und über der Vernunft gelegenes (transzendentes, übervernünftiges, »unvordenkliches«) angesehen wird, dessen Folgen »freie« (d. h. vom Wollen oder Nichtwollen abhängige) und daher nur durch »Erfahrung« (Geschichte und Offenbarung) erkennbar sind. Prinzip der Philosophie in der ersten Periode ist im Anschluß an Meyers Fichtes (s. d.) ursprüngliche Wissenschaftslehre das schöpferische Ich als das einzige Reale, durch dessen ruhelos setzende und wieder aufhebende Tätigkeit die Totalität des Wissens als des einzig Realen zustande kommt, daher sein System Meyers Idealismus (s. d.) ist. Während jedoch Fichte das Ich nur als menschliches auffaßte (was er selbst freilich bestritt), faßte es S. vom Anbeginn an als allgemeines oder absolutes auf, dessen bewußtlos (in der Naturform) schöpferische Produktion die reale Naturwelt, dessen bewußt (in der Geistesform) schöpferische Produktion die ideale Geisteswelt, beide, das Ideale wie das Reale, aber als »Seiten« desselben (absoluten) Ich in ihrer Wurzel identisch seien. Jene, die Deduktion des gesamten Naturseins (natura naturata) aus dem Absoluten als unbewußt schaffendem Realprinzip (natura naturans), ist Gegenstand der Naturphilosophie (179799), derjenigen Gestalt seiner Philosophie, durch die er, wie er sich rühmte, »ein neues Blatt in der Geschichte der Philosophie aufgeschlagen haben« will. Die Deduktion des gesamten geistigen Bewußtseinsinhalts in den drei aufeinander folgenden Sphären der Kunst, Religion und Philosophie (= Wissenschaft) aus dem Absoluten als (nach dem Erwachen des Bewußtseins) schöpferischem Idealprinzip macht die Philosophie des Geistes oder des Systems des transzendentalen Idealismus (1800) aus. Die durch das Studium Spinozas und Brunos befruchtete Lehre von der wesenhaften Identität beider Sphären, der realen und idealen, als nur verschiedener Ansichten ein und desselben Absoluten, bildete den Inhalt der sogen. Identitätsphilosophie, die S. zuerst in der (mit Hegel gemeinsam herausgegebenen) »Zeitschrift für spekulative Physik« (1801), dann, mit der Platonischen Ideenlehre vermischt, in dem Gespräch: »Bruno« und in den »Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums« (1802) entwickelte. Von diesen hat die Naturphilosophie die ausgebreitetsten, wenn auch nicht die wohltätigsten Folgen auf die Naturwissenschaft, auch auf die Medizin, geübt. Indem ihr Urheber die Natur als »unbewußt« (= in Naturform) schöpferischen Geist, die Tätigkeiten der Natur also als »unbewußte« Geistestätigkeiten auffaßte, leuchtete er in das Dunkel der schaffenden Natur mit der Fackel der Fichteschen Wissenschaftslehre

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hinein. Wie das Wissen nichts Totes ist, und wie vielmehr durch das immer tätige rhythmische Spiel entgegengesetzter Geisteskräfte jedes Wissensprodukt entsteht und bald wieder durch ein andres ersetzt wird, so ist die Natur kein starres Sein, sondern ununterbrochenes Leben, indem durch das rhythmische Spiel entgegengesetzter Naturkräfte, einer schrankenlos setzenden (positiven, stoffgebenden) und einer unausgesetzt beschränkenden (negativen, formgebenden), jedes einzelne Naturprodukt erzeugt und zugleich über dasselbe zu weitern hinausgegangen wird. Als ursprünglichste Kräfte der Natur wirken nun das unendliche Expansions- und das unausgesetzt wirksame Kontraktionsstreben, aus deren gegenseitiger Spannung die Materie (als erstes Produkt des Naturprinzips) entspringt. Beide werden von S. mit den analogen Bewußtseinstätigkeiten des (leeren) Schauens und des (bestimmten) Empfindens verglichen, aus deren gegenseitiger Spannung das erste Geistesprodukt, die Anschauung, entspringt. Wie aus der letztern durch fortgesetzte Geistestätigkeit alle höhern Produkte des Bewußtseinslebens (Begriff, Urteil, Schluß) als Potenzierungen des Anschauens, so gehen nun durch fortgesetzte Naturtätigkeit alle höhern Naturprodukte, unorganischer Naturprozeß, organisches Naturleben, Bewußtsein, als Potenzierungen der Materie aus dem realen Leben des universalen oder absoluten Ich (Welt-Ich) hervor. Schluß und Abschluß bildet das auf der höchsten Naturstufe, im Menschen, erwachende Bewußtsein. Damit aber beginnt von seiten des sich (als Mensch im Universum) selbst erschauenden Absoluten ein neuer, dem Naturprozeß, in dem das Absolute von Stufe zu Stufe bis zum vollkommensten Naturprodukt (zum Menschen) sich erhebt, analoger Geistesprozeß, in dem das im Menschen verkörperte, also selbst zu einem Teile der Natur gewordene (verendlichte) Absolute sich zum Bewußtsein seiner als des Absoluten (seiner eignen Unendlichkeit und Freiheit) erhebt. Wie der Verlauf des erstern Prozesses die Geschichte der Natur, die Menschwerdung, so stellt der des letztern die Weltgeschichte, die Gottwerdung, dar, an deren Ende, wie S. damals (1802) sich ausdrückte, »Gott sein wird«. Die Phasen dieses Prozesses (analog den Stufen des Naturprozesses: unorganische, organische, menschliche Stufe) verlaufen so, daß das Absolute anfänglich (objektiv) unter der Form der sichtbaren Natur (real; sichtbare Götter; Heidentum) angeschaut, darauf (subjektiv) unter der Form des unsichtbaren Geistes (ideal; unsichtbarer Gott; Christentum) gefühlt, schließlich als ein und dasselbe mit dem Erkennenden (als Subjekt-Objekt) gewußt wird, wodurch zugleich die drei Formen der Offenbarung des Absoluten: Kunst, Religion und Philosophie, und die drei Hauptperioden der Weltgeschichte: Altertum, Mittelalter und Neuzeit, welch letztere mit dem Auftreten seiner Philosophie beginnen sollte, charakterisiert werden sollten.
   Diese zweifellos pantheistische Gestalt seiner Philosophie ist nun von S. in seiner zweiten Periode entschieden verleugnet und zu einem untergeordneten Gliede des Gesamtorganismus der Wissenschaft herabzusetzen gesucht worden. Denn da man sich Gott zwar als Ende und Resultat unsers Denkens, nicht aber als Resultat eines objektiven Prozesses denken könne, so folge, daß die ganze bisherige rationale Philosophie, auch die seinige, sich in einem Mißverstand über sich selbst befunden habe, indem sie den ganzen von ihr nachgewiesenen (Gottwerdungs-) Prozeß als einen realen sich vorgestellt, während er nur ein idealer sei. Das Resultat der rein rationalen Philosophie, die er ebendarum als negative bezeichnet, sei daher ein bloßes Gedankending, nicht der wirkliche Gott, sondern nur der Gottesgedanke; die wirkliche Welt könne nicht aus einem bloßen Gedanken, sondern nur aus einem objektiven Prinzip, aus dem wirklichen Gott, begriffen werden. Damit, lehrte S., kehre er wieder zu dem von Kant geäußerten Prinzip zurück, daß sich aus dem reinen Gedanken die Existenz Gottes nicht »herausklauben« lasse. Während die negative Philosophie Gott erst »am Ende« hat, als Prinzip, hat die positive Philosophie (der die erstere nur die Mittel zu bereiten hat) diesen vor allem Anfang, »zum Prinzip«. Gott ist das absolute Prius, dessen Existenz ebendarum auch weder bewiesen und das auch durch nichts gezwungen werden kann, eine Welt hervorzubringen. Letztere kann daher nur Folge einer freien Tat Gottes und als solche nur Gegenstand einer nicht rationalen, sondern Erfahrungserkenntnis sein. Die Aufgabe der positiven Philosophie wird dahin formuliert, daß sie »in einem freien Denken in urkundlicher Folge das in der Erfahrung Vorkommende nicht als das Mögliche, wie die negative Philosophie, sondern als das Wirkliche abzuleiten habe«. Der Anschluß der Philosophie an die »Urkunden« der Offenbarung ist ihr dadurch als Richtschnur vorgezeichnet und die Ableitung des in ihnen, also erfahrungsmäßig, Gegebenen aus Gott, dem Prius aller Erfahrung, ihr zur Aufgabe gemacht. Da nun von allen Tatsachen der offenbarungsgläubigen Geschichte keine mit der Existenz eines göttlichen Schöpfers der tatsächlichen Welt mehr im Widerspruch zu stehen scheint als die Existenz des Bösen in der Welt, so war es naturgemäß, daß der Umschwung in der Philosophie Schellings mit dessen (1809 erschienenen) »Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit« begann, zu denen er eingestandenermaßen durch sein Bekanntwerden mit den Schriften des christlichen Mystikers und Theosophen Jakob Meyers Böhme (s. d.) veranlaßt wurde. Denn da Gott als die Ursache des Bösen sich ebensowenig denken, wie dessen Existenz sich ohne Ursache denken läßt, so kann die Ursache des Bösen nur in einem von Gott unabhängigen Grund und, da außer Gott sich nichts von ihm Unabhängiges denken läßt, nur in einem in Gott, aber nicht Gott seienden Grund, in einem dunkeln »Ungrund«, gelegen sein. Diese Unterscheidung eines in Gott Vorhandenen, was nicht Gott ist, führt zur Erklärung des gegenwärtigen, durch den biblischen Sündenfall verschuldeten Zustandes der Menschheit auf einen unvordenklichen und vorgeschichtlichen Zeitpunkt zurück, in dem durch die Entstehung des Urmenschen Adam die ursprüngliche vollkommene Schöpfung einer »innergöttlichen« Welt zum Abschluß gelangt war. Im Gegensatz zu dieser durch den göttlichen Willen hervorgerufenen steht die außergöttliche, durch den von Gott nicht gewollten, aber auch nicht nicht gewollten, sondern eben nur zugelassenen Umsturz des All-Einen (um versio) durch den (universellen) Sündenfall des (Ur-) Menschen verursachte, uns allein bekannte sogen. reale und böse Welt (das universum oder perversum). Ihre Zurückführung in die ursprüngliche Einheit mit Gott beginnt im menschlichen Bewußtsein zuerst als außergöttlicher theogonischer, Göttervorstellungen erzeugender Prozeß, der im Heidentum in der Mythologie hervorgetreten ist, und dessen Darstellung bei S. die Philosophie der Mythologie enthält. Vollendet wird er durch die aus Gottes freiester Tat entsprungene und durch die christliche Offenbarung vermittelte Wiederbringung des Menschen und der ganzen Schöpfung

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in Gott, deren Darstellung bei S. als Philosophie der Offenbarung den Abschluß u. die Krönung des ganzen Systems in der Gewinnung einer von der sogen. natürlichen Religion ganz verschiedenen philosophischen, d. h. freien und wahrhaften Geistesreligion enthält.
   Während seines Lebens wurde S. auf das verschiedenste beurteilt; von manchen bis in den Himmel erhoben, von andern wieder für eine Inkarnation des Bösen geradezu angesehen, schätzte er selbst seine Leistungen außerordentlich hoch. Von denen, die durch S. beeinflußt wurden, mögen hier Hegel, Krause, Baader, Troxler, Steffens, Görres, Oken, Windischmann, Schubert, Solger, Cousin, v. Hartmann genannt werden. Unter den Pflegern positiver Disziplinen außerhalb der Naturwissenschaft erfuhren die Mediziner Röschlaub, Marcus, Eschenmayer, unter den Juristen der Rechtsphilosoph Fr. J. Stahl und der Romanist Puchta Anregungen von ihm. In neuester Zeit fängt man wieder mehrfach an, auf Schellings Gedanken zurückzugehen. Seine »Sämtlichen Werke«, in denen ein großer Teil seiner Schriften, wie z. B. die Vorlesungen über die Philosophie der Kunst, Philosophie der Mythologie, Philosophie der Offenbarung, die Weltalter etc., zum erstenmal gedruckt wurde, erschienen nach seinem Tode gesammelt in 14 Bänden (Stuttg. 185661). Von einzelnen Schriften seien erwähnt: »Über die Möglichkeit einer Form der Philosophie überhaupt« (Tübing. 1794); »Ideen zu einer Philosophie der Natur« (Leipz. 1797; 2. Aufl., Landsh. 1803); »Von der Weltseele« (Hamb. 1798, 3. Aufl. 1809); »Erster Entwurf eines Systems der Naturphilosophie« (Jena 1799); »Einleitung zu dem Entwurf der Naturphilosophie« (das. 1799); »System des transzendentalen Idealismus« (Tübing. 1800, eine der wichtigsten Schriften); »Bruno, oder über das göttliche und natürliche Prinzip der Dinge« (Berl. 1802, neue Ausg. 1843); »Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums« (Tübing. 1803, 3. Aufl. 1830); die durch ihre klassische Form ausgezeichnete Rede »Über das Verhältnis der bildenden Künste zur Natur« (Landsh. 1808); »Über die Gottheiten von Samothrake« (Stuttg. 1815), verschiedene Aufsätze in seiner »Zeitschrift für spekulative Physik« (Jena 180002, 2 Bde.) und in dem mit Hegel herausgegebenen kritischen »Journal der Philosophie« (Tübing. 180203, 2 Bde.). Schellings Münchener Vorlesungen »Zur Geschichte der neuern Philosophie und Darstellung des philosophischen Empirismus« wurden neu herausgegeben von A. Drews (Leipz. 1902). Vgl. Noack, S. und die Philosophie der Romantik (Berl. 1859, 2 Bde.); K. Fischer, Geschichte der neuern Philosophie, Bd. 7: Schellings Leben, Werke und Lehre (3. Aufl., Heidelb. 1902); »Aus Schellings Leben. In Briefen« (hrsg. von Plitt, Leipz. 186970, 3 Bde.); Becker, Schellings Geistesentwickelung (Münch. 1875); Rob. Zimmermann, Schellings Philosophie der Kunst (Wien 1875); Frantz, Schellings positive Philosophie (Köth. 187980, 3 Bde.); Groos, Die reine Vernunftwissenschaft. Systematische Darstellung von Schellings rationaler oder negativer Philosophie (Heidelb. 1889); E. v. Hartmann, Schellings philosophisches System (Leipz. 1897); Delbos, De posteriore Schellingii philosophia quatenus Hegelianae doctrinae adversatur (Par. 1902); »Fichtes und Schellings philosophischer Briefwechsel« (hrsg. von J. G. Fichte, Stuttg. 1856). Schellings Briefwechsel mit König Maximilian II. von Bayern wurde von Trost und Leist (Stuttg. 1890) herausgegeben.
   2) Karoline, erste Gattin des vorigen, eine der geistreichsten Frauen ihrer Zeit, geb. 2. Sept. 1763 als Tochter des Professors Michaelis in Göttingen, gest. 7. Sept. 1809 auf einer Reise in Maulbronn, 1784 mit dem Bergmedikus Böhmer in Klausthal verheiratet, nach dessen Tod (1788) in Mainz mit G. Forster und den dortigen Klubbisten befreundet, nach der Eroberung der Festung durch die Preußen ihrer republikanischen Gesinnung wegen auf die Festung Kronberg gebracht, vermählte sich 1796 mit A. W. Schlegel und war Zierde und Mittelpunkt des Romantikerkreises in Jena. Nach friedlicher Trennung (1803) von ihrem zweiten Gatten verheiratete sie sich 26. Juni d. J. mit S. und folgte diesem nach Würzburg. An mehreren unter A. W. Schlegels Namen erschienenen Aufsätzen, z. B. an dem Aufsatz über »Romeo und Julia«, ferner an dessen erster Shakespeare-Übersetzung hatte sie Anteil, auch verfaßte sie Rezensionen belletristischer Werke. Ihre höchst interessanten Briefe, die Schellings Lob, daß sie ein »Meisterstück des Geistes« gewesen sei, begreiflich machen, gab G. Waitz u. d. T.: »Karoline« (Leipz. 1871, 2 Bde.; Nachtrag: »Karoline und ihre Freunde«, das. 1882) heraus.
   3) Hermann von, preuß. Minister, einziger Sohn von S. 1), geb. 19. April 1824 in Erlangen. studierte 183942 Philologie, erwarb mit einer Dissertation: »De Solonis legibus apud oratores Atticos«, die philosophische Doktorwürde, studierte dann die Rechte, trat 1844 in den preußischen Justizdienst, ward 1849 Assessor, 1854 Staatsanwalt in Hechingen, 1861 beim Stadtgericht in Berlin, 1863 Appellationsgerichtsrat in Glogau, bald darauf Hilfsarbeiter und 1866 vortragender Rat im Justizministerium und Mitglied der Justizexaminationskommission. 1869 Geheimer Oberjustizrat, 1873 Mitglied des Gerichtshofs für kirchliche Angelegenheiten, 1874 Präsident des Appellationsgerichts in Halberstadt, 1875 Vizepräsident des Obertribunals und 14. Dez. 1876 Unterstaatssekretär im Justizministerium geworden, wirkte er 187989 als Staatssekretär des Reichsjustizamts und 188994 als preußischer Justizminister. Seit 1890 ist S. lebenslängliches Mitglied des preußischen Herrenhauses. Er veröffentlichte eine Übersetzung von Homers »Odyssee« in achtzeiligen Strophen (Leipz. 1896).
 
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Schellkraut (Schöllkraut), s. Chelidonium.
 
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Schellöchen (Schelluh, Schlöch), Berberstamm, s. Meyers Berber.
 
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Schellstück, soviel wie Schwarte (Brett).
 
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Schelm (aus mittelhochd. schelme, »Pest, Seuche, Aas«, wie es noch heute in Bayern und Tirol gebraucht wird, wo Viehschelm eine dem Pestmann ähnliche Personifikation der Viehseuchen heißt), aber schon früh für den Abdecker (»S. von Bergen«) und als Schimpfwort, wie Schuft, aber auch in freundlicherm Sinn, ähnlich wie Schalk, gebraucht (S. im Nacken).
 
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Schelmenroman, deutsche Bezeichnung für einen Roman in dem gusto picaresco (Spitzbubenstil), der, nachdem Mendoza in seinem »Lazarillo de Tormes« (1553) ein Muster der Gattung aufgestellt hatte, in Spanien sehr beliebt war und sich auch über das Ausland verbreitete. Die Verfasser dieser Romane führen ihre Helden in einem abenteuerlichen Lebenslauf durch die verschiedenartigsten Gesellschafts- und Berufsklassen hindurch und erhalten so die Gelegenheit zur Entwerfung eines satirischen Zeitgemäldes. In Deutschland wurde der S. durch die Bearbeitung des »Guzman de Alfarache« von Ägidius Albertinus (Münch. 1613) eingeführt, es folgten weitere Übersetzungen

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und Bearbeitungen spanischer Vorbilder. unter anderm der »Picara Justina« von Andreas Perez (Frankf. 162627), wo ein abenteuerndes Weib die Hauptrolle spielt. Auch kam es vor, daß die Bearbeiter den Schauplatz nach Deutschland verlegten. Das hervorragendste deutsche Originalwerk der Gattung ist der »Simplicissimus« von Meyers Grimmelshausen (s. d.), der dann wieder zahlreiche Nachahmungen hervorrief. Auch verfaßte Grimmelshausen einen S. mit weiblicher Hauptperson (die »Landstörtzerin Courasche«). Die berühmtesten Werke der Gattung in Frankreich sind der »Francion« von Charles Sorel (1622, deutsch 1668) und der »Gil Blas« von Lesage (171535); letzterer hat den Schauplatz nach Spanien verlegt. In der allgemeinen Literaturgeschichte ist der S. vor allem wegen seines realistischen Zeitgehaltes von Bedeutung. Vgl. Bobertag, Geschichte des Romans in Deutschland, Bd. 2 (Berl. 1884); Schultheiß, Der S. der Spanier und seine Nachbildungen (Hamb. 1893).