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Abdampfen bis Abdést (Bd. 1, Sp. 18 bis 21)
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Artikelverweis Abdampfen (Verdampfen, Abrauchen, Einengen, Verdunsten, Evaporieren), die Verflüchtigung eines Lösungsmittels, um eine konzentriertere Lösung oder den gelösten Körper in fester Form zu erhalten. Aus wässerigen Lösungen verdunstet das Wasser beim Stehen an freier Luft um so langsamer, je kleiner die Oberfläche der Lösung, je feuchter die Luft, je niedriger die Temperatur ist, und je unvollständiger die an der Oberfläche der Lösung gebildeten Wasserdämpfe durch Luftzug fortgeschafft werden. Man gießt daher, um die Verdunstung zu beschleunigen, die Lösung in flache Gefäße oder breitet sie, wie in den Salzgärten, in denen Meerwasser verdunstet, über sehr große Flächen aus. Auch erbaut man gegen den herrschenden Wind gerichtete Wände aus Dorngestrüpp (Gradierwerke) und läßt die zu verdunstende Lösung über diese Wände herabrinnen. Sie befeuchtet hierbei alle Zweige, erhält also eine sehr große Oberfläche, und der Wind, der die Wand durchweht, führt die gebildeten Dämpfe sehr schnell fort. Soll eine Flüssigkeit unter einer Glocke in einem Gefäß verdunsten, so saugt man mit Hilfe eines Aspirators einen Strom durch Chlorcalcium getrockneter Luft über den Flüssigkeitsspiegel hinweg. Stellt man mit der Flüssigkeit eine Schale mit konzentrierter Schwefelsäure oder mit Chlorcalcium unter die Glocke, so werden die gebildeten Dämpfe von den genannten hygroskopischen Substanzen sofort absorbiert werden (Fig. 1). Wesentlich beschleunigt wird die Verdunstung in einem solchen Exsikkator, wenn man die Luft unter der Glocke mit Hilfe einer Luftpumpe möglichst stark verdünnt.
   Weitaus in den meisten Fällen verdampft man Lösungen bei erhöhter Temperatur, indem man sie in offenen Pfannen oder Kesseln durch eine unter diesen befindliche Feuerung erhitzt (Verdampfen mit Unterfeuer). Eine für viele Zwecke geeignete Konstruktion dieser Art, die Bootpfanne, zeigt Fig. 2. Große Vorzüge bietet die Heizung mit gespanntem Dampf, den man in einen Mantel leitet, der den untern Teil der Pfanne umgibt, oder in ein Schlangenrohr, das in die Pfanne gelegt wird. Wetzels Verdampfpfanne (Fig. 3) besteht aus einer halbzylindrischen Pfanne mit Dampfmantel, in der ein aus Dampfleitungsröhren gebildeter zylindrischer Körper rotiert, auf dessen in der Luft befindlichen heißen Röhren die Verdampfung sehr schnell verläuft. Selbstverständlich muß man bei allen Verdampfpfannen für gute Ableitung der Dämpfe sorgen. Beschleunigt wird das Verdampfen nicht siedender Flüssigkeiten durch Rühren mit der Hand oder mittels eines Rührwerkes. Wo die Berührung mit heißen Feuerungsgasen nicht nachteilig ist, werden letztere direkt über die zu verdampfende Flüssigkeit in Flammöfen oder Pfannen hinweggeleitet (Verdampfen mit Oberfeuer). Um gröbere Verunreinigung der Flüssigkeit zu vermeiden, wendet man Generatorgase an. Erträgt die zu verdampfende Flüssigkeit nicht die Siedetemperatur, oder soll das Anbrennen oder Spritzen vermieden werden, so erhitzt man sie meist in Bädern, besonders im Wasser- oder Dampfbad (s. Meyers Bad).
   Mit großem Vorteil verdampft man Flüssigkeiten, die hohe Temperaturen oder die Einwirkung der Luft nicht ertragen, im luftverdünnten Raum. Die hierzu dienenden Vakuumapparate (Fig. 4) besitzen einen großen Hohlkörper a mit Dom b und Heizschlange c. Die aus dem Apparat entweichenden Wasserdämpfe gelangen durch das Rohr d in den Kondensator, wo sie durch kaltes Wasser, das aus dem ringsum durchlöcherten Rohr e einspritzt, verdichtet werden. Das gesamte Wasser wird durch eine

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Luftpumpe, die mit dem Rohr f in Verbindung steht, fortgeschafft. Das Rohr g dient zur Füllung und h zur Entleerung des Apparats. Steigt bei zu lebhaftem Kochen die Flüssigkeit in den Kondensator über, so sammelt sie sich an dem äußern Rohr und kann bei i abgelassen werden.
   Der aus einer verdampfenden Flüssigkeit sich entwickelnde Dampf entweicht gewöhnlich in die Luft; Rillieux schlug zuerst die Wiederbenutzung des Dampfes zum Verdampfen andrer Flüssigkeiten vor. Er konstruierte einen Apparat aus drei liegenden Zylindern, durch deren untere Hälfte Siederohre hindurchgingen. In die Siederohre des ersten Zylinders wurde Dampf aus dem Dampfkessel geleitet, während der zweite und dritte Zylinder mit dem aus der im ersten Zylinder verdampfenden Flüssigkeit sich entwickelnden Dampf geheizt wurden. Eine Luftpumpe stellte ein Vakuum her, so daß der Siedepunkt der verdampfenden Flüssigkeit hinreichend erniedrigt wurde. Derartige Apparate fanden, wesentlich verbessert, seit 1850 besonders durch Tischbein und Robert in der Zuckerfabrikation Verbreitung. Bei Rittingers System ist eine Abdampfpfanne mit doppeltem Boden durch einen Deckel luftdicht verschlossen, und der über der Flüssigkeit befindliche Raum steht mit dem Raum im doppelten Boden durch Röhren in Verbindung, zwischen die eine doppelt wirkende Luftpumpe eingeschaltet ist. Der ganze Apparat ist mit schlechten Wärmleitern umgeben und wird aus einem Dampfkessel mit Dampf gefüllt, bis die zu verdampfende Flüssigkeit die Temperatur dieses Dampfes angenommen hat. Dann treibt die Luftpumpe den Dampf aus dem Raum über der Flüssigkeit in den hohlen Boden, der Dampf über der Flüssigkeit wird also verdünnt, zwischen den Wänden des Doppelbodens erfolgt aber eine Verdichtung, und infolgedessen wird aus der Flüssigkeit lebhaft Dampf entwickelt, und ein Teil des im Doppelboden befindlichen Dampfes gibt seine gebundene Wärme durch den Pfannenboden an die Flüssigkeit ab und verdichtet sich dadurch zu Wasser. Die abgegebene Wärme aber dient zur weitern Entwickelung von Dampf aus der Flüssigkeit. Durch fortgesetzte Arbeit der Luftpumpe tritt ein gewisser Beharrungszustand ein, währenddessen sich ein konstanter Unterschied zwischen der Temperatur des im Bodenraum verdichteten Dampfes und jener der darüber befindlichen Flüssigkeit herstellt. Das diesem System zu Grunde liegende Prinzip ist durch Piccard weiter ausgebildet worden. Sollen beim A. die entweichenden Dämpfe wieder kondensiert werden, um das Lösungsmittel nicht verloren gehen zu lassen (bei alkoholischen, ätherischen Lösungen), so wird die Operation in Destillationsgefäßen ausgeführt, und das A. verwandelt sich in eine Destillation.
   In den Abdampfapparaten kann die Arbeit intermittierend oder kontinuierlich betrieben werden. Im ersten Falle füllt man die Gefäße mit Flüssigkeit und erhitzt, bis die gewünschte Konzentration erreicht ist, bisweilen unter wiederholtem Nachfüllen von Flüssigkeit, um zuletzt eine vollständige Füllung des Gefäßes mit konzentrierter Flüssigkeit zu erreichen. Bei kontinuierlichem Betrieb dagegen fließt beständig konzentrierte Flüssigkeit ab, während frische an einer möglichst entfernten Stelle des Gefäßes zugeleitet wird. Diese Methode ist besonders bei sehr großen Pfannen anwendbar, in denen man durch Anbringung von Scheidewänden den von der Flüssigkeit zurückzulegenden Weg möglichst verlängert. Bei Benutzung kleinerer Pfannen werden mehrere zu einer Batterie vereinigt und terrassenförmig aufgestellt. Die schwache Flüssigkeit tritt in die eine am Ende der Batterie gelegene Pfanne ein und gelangt aus einer in die andre Pfanne, bis sie, hinreichend konzentriert, am andern Ende der Batterie abfließt. Dabei befindet sich die Feuerung unter der stärksten, resp. niedrigsten Pfanne, so daß die Feuerungsgase die Pfanne mit der frischen Beschickung zuletzt bestreichen.
   Das beim Gradieren benutzte Prinzip wird auch für höhere Temperatur verwertet. Man läßt die zu verdampfende Flüssigkeit in einem Turm über Koks. Steingutscherben od. dgl. herabrieseln, so daß sie eine große Oberfläche erhält, und leitet heiße Luft in den untern Teil des Turmes. Der aufsteigende Luftstrom kommt dann der Flüssigkeit entgegen, und es wird eine sehr energische Verdampfung erzielt (Glover-Turm der Schwefelsäurefabriken). In einem andern Apparat (Ungerers Turm) hängen mehrere hundert Drahtseile oder Ketten von der Decke vertikal herab, und während die Flüssigkeit an diesen herabrinnt, steigen die Feuerungsgase in dem Turm auf.
   Die Abdampfgefäße bestehen aus Metall (Eisen, Kupfer, Zinn, Blei, Silber, Platin), Glas oder Ton. Sie müssen mehr flach als tief sein, um die Dampfbildung zu befördern, und möglichst dünnwandig behufs leichterer Übertragung der Wärme auf die Flüssigkeit. In dieser Hinsicht sind Metallgefäße vorzuziehen, doch werden die Metalle (mit Ausnahme der kostbareren) von vielen Flüssigkeiten angegriffen.

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Die Feuerung muß möglichst vollständige Verbrennung des Heizmaterials und möglichst vollständige Übertragung der Wärme auf die Flüssigkeit gestatten. 1 qm Kesselfläche liefert, wenn das Wasser im Kochen erhalten wird, etwa 0,5 kg Dampf in der Minute. Erfahrungsgemäß verdichtet 1 qm dünnes Kupferblech etwa 1,5 kg Dampf in der Minute, wenn der Temperaturunterschied zu beiden Seiten des Bleches 50° beträgt. Soll 1 qm Heizfläche 0,5 kg Dampf in der Minute liefern, so muß also die Differenz 16,66° betragen und, da das siedende Wasser 100° besitzt, der Dampf in der Dampfschlange 116,66° heiß sein, was einem Druck von 1,7 Atmosphäre entspricht. Wollte man mit Dampf von nur 108° arbeiten, so müßte man die Oberfläche der Dampfschlange auf 2 qm bringen. Sehr häufig benutzt man zum Heizen der Abdampfpfannen die heißen Gase (Abhitze), die aus andern Feuerungen, Öfen etc., entweichen, und zum Heizen von Dampfschlangen den Dampf, der in der Dampfmaschine bereits Dienste geleistet hat. Vgl. Jelinek, Über Verdampfapparate und Verdampfstationen (Prag 188283, 2 Tle.); Hausbrand, Verdampfen, Kondensieren und Kühlen (2. Aufl., Berl. 1900).
 
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Abdankung (Abdikation), Niederlegung einer Würde, insbes. Verzicht eines Herrschers auf die Krone (Thronentsagung). Die A., die regelmäßig in einer besondern Abdankungsurkunde erklärt wird, steht in der freien Entschließung des Herrschers. Durch die A. wird die Thronfolge in derselben Weise wie bei dem Tode des Herrschers eröffnet, indem der nächste Thronfolgeberechtigte zur Krone berufen wird. Der Abdankende behält regelmäßig den bisherigen Titel bei. Eine Zurücknahme der vollzogenen A. ist nicht zulässig.
 
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Abdasseln, s. Meyers Bremen (Insekten).
 
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Abdecker (Freiknecht, Fall-, Wasen- oder Feldmeister, Kafiller, Schinder), eine Person, die in einem bestimmten Bezirk das gefallene Vieh wegzuschaffen, abzuhäuten und einzuscharren hat. Bis 1817 litt der A. an »Anrüchigkeit«, war unfähig zum Eintritt in die Zünfte, in das Militär und in Ehrenstellen, aber nicht ehrlos. Die A. besaßen vielfach für bestimmte Bezirke Privilegien, wonach ihnen gegen kostenfreie Abholung nicht bloß die verendeten, sondern auch die »abständigen« (s. Meyers Abgestanden) Tiere unentgeltlich überlassen werden mußten. Dieses Bannrecht besteht auf Grund der Verordnung vom 29. April 1772 in den östlichen Provinzen Preußens gegenwärtig noch und belästigt die Landwirtschaft nicht unerheblich. Durch Gesetz vom 17. März 1866 wurde den einzelnen Gemeinden das Recht der Provokation auf Ablösung der Abdeckerprivilegien gewährt, wovon jedoch wegen der Kosten wenig Gebrauch gemacht wurde. Nach der Reichsgewerbeordnung ist die Anlage einer Abdeckerei freigegeben, aber an die polizeiliche Genehmigung gebunden. In vielen Landesteilen bestehen besondere landespolizeiliche Verordnungen. Das Rinderpestgesetz, das Reichsviehseuchengesetz und die Instruktion zu letzterm enthalten Bestimmungen über den Transport der Tierkadaver und der zu tötenden Tiere sowie über die Ausnutzung derselben. Auf Tiere, die an Seuchen gefallen sind und nach den gesetzlichen Bestimmungen auf besondere Art unschädlich beseitigt werden müssen, hat der A. keinen Anspruch. Dagegen muß im Bereich eines Abdeckereiprivilegiums alles Vieh, bez. Fleisch, was vom menschlichen Genuß ausgeschlossen wird, dem A. überliefert werden, sofern nicht eine Entschädigung vereinbart ist. Dies hat Nachteile und Gefahren (betrügerisches Inverkehrbringen). Zur Ausnutzung der Kadaver ist die Abdeckerei gegenwärtig häufig verbunden mit Gerberei, Leimsiederei, Bonesize-, Knochenmehl-, Maschinenöl-, Poudrettefabrikation etc. Vgl. Wehmer, Abdeckereiwesen (in Weyls »Handbuch der Hygiene«, Bd. 2, Jena 1893); Haefcke, Die technische Verwendung von tierischen Kadavern etc. (Wien 1899).
 
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Abdeichen, tief gelegene Landstriche durch Deiche vor Hochwasser schützen.
 
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Abd el Kader (über die Bedeutung des Namens s. Meyers Abd), Sidi el Hadschi Abdel Ka der Uled Mahiddin, Araberhäuptling, geb. 1807 in der Ghetna bei Mascara, gest. 26. Mai 1883 zu Damaskus. Als Sprößling einer Priesterfamilie (Marabuts), die ihren Stamm bis zu den Fatimiden zurückführte, ward A. von seinem Vater Sidi el Mahiddin zum Priester gebildet, wanderte aber, vom Dei von Algier bedroht, nach Kairo aus und wurde Hadschi durch eine Pilgerfahrt nach Mekka. Nach dem Sturz des Dei 1830 zurückgekehrt und von aufständischen arabischen Stämmen bei Mascara zum Emir gewählt, führte er 183247 den Kampf gegen die Franzosen. 183233 unterwarf er die Stämme zwischen Mascara und dem Meer und nötigte den französischen General Desmichels zu dem Frieden vom 26. Febr. 1834. Bald erneuerte er den Krieg gegen die Franzosen, siegte 28. Juni 1835 über General Trézel an der Makta und 25. April 1836 über d'Arlanges an der Tafna und führte den Kleinkrieg so glücklich, daß er seine Herrschaft über Titeri und einen Teil der Provinz Algier ausdehnte. Bugeaud befreite zwar die an der Mündung der Tafna eingeschlossenen Franzosen und brachte A. (6. Juli) am Sikak eine Schlappe bei; doch schlossen die Franzosen 30. Mai 1837 den Vertrag an der Tafna, worin A. die Verwaltung der Provinzen Oran, Titeri und Algier erhielt, mit Ausnahme der Hauptstädte und der Mitidscha von Algier. Als er aber 1839 den Krieg erneuerte, mußte er schließlich beim Sultan von Marokko Zuflucht suchen. Nach der Niederlage seiner Truppen am Isly (14. Aug. 1844) schloß der auch von der Seeseite durch den Prinzen von Joinville eingeschüchterte Sultan Frieden mit Frankreich und drängte A. 1847 über die französische Grenze; hier ward er von den Franzosen 22. De;. gefangen. A. wurde erst in das Touloner Fort Lamalgue, Ende April 1848 in das Schloß zu Pau in Béarn und endlich nach Amboise gebracht. Im Oktober 1852 in Freiheit gesetzt, ließ sich A. zu Brussa in Kleinasien und nach dem Erdbeben von 1855 zu Damaskus nieder; hier nahm er sich bei der Christenverfolgung im Sommer 1860 der Verfolgten an. Er lebte von einer französischen Pension von 100,000 Frank und schrieb ein religiös-philosophisches Buch, das von Dugat aus dem Arabischen übersetzt wurde unter dem Titel »Rappel à l'intelligent, avis à l'indifferent« (Par. 1858). Seine Söhne nahmen teils eine französische Pension an, teils traten sie in den Dienst der Türkei. Vgl. Bellemare, A., sa vie politique et militaire (Par. 1863); Churchill, Life of A. (Lond. 1867); Pichon, A. 18071883 (Par. 1899).
 
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Abd el Latîf, arab. Gelehrter, geb. 1160 in Bagdad, gest. daselbst 9. Nov. 1231, schrieb zahlreiche Schriften theologischen, juristischen, logischen und medizinischen Inhalts, worunter ein Werk über Ägypten zu erwähnen, herausgegeben und übersetzt von White (»Abdollatiphi historiae Aegypti compendium«, Oxf. 1800) und bearbeitet von de Sacy (»Relation de l'Égypte«, Par. 1810).

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Abd el Malik, fünfter Kalif der Omaijaden, Sohn Merwans I., regierte 685705. A. war ein bedeutender Herrscher (s. Meyers Kalifen).
 
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Abdēra, Stadt im alten Thrakien, östlich von der Mündung des Nestos an der Küste, 541 v. Chr. von Teos aus gegründet, kam später unter die Herrschaft Philipps von Makedonien, zuletzt unter die der Römer. Ruinen auf dem heutigen Kap Bulustra. Ihre Einwohner standen im Ruf der Einfältigkeit, so daß der Name Abderit zum Spottnamen wurde, obschon Männer wie Demokritos, Protagoras und Anaxarchos aus A. stammten. Bei uns ward der Name Abderas populär besonders durch Wielands Roman »Geschichte der Abderiten«, worin er in ergötzlicher Weise die Stadt als den Typus aller Kleinstädterei darstellt. Daher Abderitismus: Schildbürgertum, Kleinstädterei.
 
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Abd er Rahmān, 1) ibn Abdallah, arab. Feldherr in Spanien, drang 732 mit ungeheurer Heeresmacht in Aquitanien ein, ging über die Garonne und Dordogne, vernichtete das Heer des Herzogs Eudo von Aquitanien, ward aber von Karl Martell, Majordomus der Franken, zwischen Tours und Poitiers geschlagen und fiel im Kampf.
   2) A. I., Sohn Muawijas und Enkel des Kalifen Hischam aus dem Geschlechte der Omaijaden, entging beim Sturz dieser Dynastie 750 (s. Meyers Kalifen) dem Mordstahl der Abbasiden und entkam unter vielen Gefahren nach Spanien, wo er sich rasch Anhänger erwarb, den ihm widerstrebenden Emir Jusuf und dessen Feldherrn Someil 756 bei Mosara besiegte und das Emirat von Cordoba begründete. Trotzdem er bis an sein Lebensende gefährliche Empörungen niederzuwerfen hatte, vernachlässigte er nicht die Werke des Friedens und begründete die große Moschee in Cordoba. Er starb 788. Er war ein hervorragend begabter und tapferer, wenn auch rücksichtsloser und hinterlistiger Herrscher.
   3) A. III. en Nâßir (»der Helfer«), Nachkomme des vorigen. Im Alter von 22 Jahren zur Regierung gekommen (912), wußte er die Bürgerkriege zwischen Arabern, Berbern und Spaniern, die seit langer Zeit Andalusien verwüsteten, durch eine ebenso feste wie versöhnliche Politik zu beendigen, die Grenzen des Reiches gegen die Leonesen, Kastilier und Navarresen zu erweitern und den Einfluß Cordobas in Nordafrika zu vermehren. 929 nahm er den Kalifentitel an. Den materiellen und geistigen Fortschritt des Landes förderte er auf jede Weise, so daß unter ihm und seinen nächsten Nachfolgern das muslimische Spanien das zivilisierteste und bestregierte Land der Welt war. A. starb 961.
   4) Sultan von Marokko, geb. 28. Nov. 1778, gest. im August 1859, folgte 1823 seinem Oheim Mulei Soliman. Wegen der Zahlung des Tributs für den Schutz gegen Seeräuberei geriet er mit europäischen Mächten in Streit, zuerst mit Österreich, das ihn 1828 zum Verzicht auf den Tribut zwang. 1844 zog er mit 15,000 Mann Meyers Abd el Kader (s. d.) gegen Algerien zu Hilfe. Aber seine Reiter wurden durch Marschall Bugeaud am Isly (14. Aug. 1844) zersprengt, Tanger und Mogador durch den Prinzen von Joinville beschossen. Obwohl darauf unter englischer Vermittelung mit Frankreich Friede geschlossen ward, so dauerte doch die innere Unruhe fort, bis A. 1847 die Kabylen über die Grenze drängte. Sein Nachfolger war sein Sohn Sidi Mohammed.
   5) Emir von Afghanistan, Sohn Afsal Chans und Enkel Dost Mohammeds, geb. um 1830 (oder erst 1845), gest. 3. Okt. 1901, kämpfte unter seinem Vater und seinem Oheim Azim Chan mit Glück gegen den rechtmäßigen Emir, Afsals und Azims Bruder Schir Ali, und eroberte 1866 Kabul, wo Afsal die Herrschaft übernahm. Als nach des letztern Tode (1867) Azim von Schir Ali 1868 vertrieben wurde, mußte 1869 auch A. flüchten, von Schir Alis Sohn Jakub Chan geschlagen. Rußland gewährte ihm eine Pension von 25,000 Rubel und wies ihm Samarkand als Wohnsitz an. Als nach Schir Alis Sturz und Tod (1879) der von den Engländern eingesetzte Jakub Chan sich unzuverlässig erwies, rief 22. Juli 1880 Lord Roberts zu Kabul A. zum Emir aus. Obwohl Feind der Engländer, nahm er seit 1880 bedeutende Jahreszahlungen (1,5, nach andern sogar 3,2 Mill. Mk.) aus ihren Händen an und zeigte sich insofern treu, als er Rußlands Gelüsten stets Riegel vorschob. Ejjub Chan, den Sohn Schir Alis, der sich gegen ihn zu erheben versuchte, schlug A. 22. Sept. 1881 und hielt ihn nieder, bis sich Ejjub 1887 den Engländern ergab. Auch Ishak Chan, der von einer kleinen russischen Pension zu Samarkand lebt, und dessen Sohn Ismail Chan hatten mit ihren 188890 gemachten und im Herbst 1899 wiederholten Versuchen, ihren Bruder und Oheim A. zu stürzen, keinen Erfolg. A. galt in seinen letzten Jahren als ein Förderer der panislamischen. Bewegung und hat unter Mitarbeit des gelehrten Radschputen Sultan Mohammed Chan, der als Hofmeister 1895 Nasr Ullah nach England begleitete, eine Selbstbiographie verfaßt (pers. Originalhandschrift im Britischen Museum; engl., Lond. 1900. 2 Bde.). Bei seinem Tode hinterließ A. fünf Söhne. Habib Ullah, der sofort die Regierung antrat, Nasr Ullah, Fath Ullah, den zwölfjährigen Mohammed Omar und einen dreijährigen Knaben. Vgl. Wheeler, The ameer Abdur Rahman (Lond. 1895).
 
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Abdést (pers.), Name der religiösen Waschungen der Muslims bei Türken und Persern (s. Islam).