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Abbrechen bis Abcschützen (Bd. 1, Sp. 16 bis 17)
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Artikelverweis Abbrechen, Übergang aus einer breitern in eine schmale Front in der Weise, daß die kleinern Abteilungen sich hinter eine die ursprüngliche Marschrichtung beibehaltende Abteilung setzen. A. eines Gefechts, das Abstehen von der Erreichung des Gefechtszwecks vor der Entscheidung oder nach erreichter Absicht unter Beibehaltung der Gefechtsbereitschaft. Das A. der diplomatischen Beziehungen zwischen zwei Staaten ist gewöhnlich das Vorspiel zum Krieg und tritt in der Regel erst dann ein, wenn eine Ausgleichung der Gegensätze auf anderm Wege nicht mehr möglich erscheint. Heute wird es vielfach als moralischer Druck benutzt, um einen Staat zum Nachgeben zu veranlassen. Der Abbruch erfolgt in der Weise, daß der Gesandte seine Pässe von dem Minister des Auswärtigen zurückverlangt, oder daß dieser ohne solches Verlangen sie dem Gesandten zustellt, meistens unter Einräumung einer Frist, innerhalb welcher der Gesandte, bei Verlust der gesandtschaftlichen Vorrechte, das Staatsgebiet zu verlassen hat (s. Meyers Kriegserklärung). A. in der Reitkunst, s. Meyers Abbiegen.
 
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Abbrennen, s. Meyers Abbeizen; A. des Messings, s. Meyers Gelbbrennen; vgl. auch Bodenmelioration.
 
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Abbreviatoren (lat.), Beamte der päpstlichen Kanzlei, welche die Entwürfe zu den Bullen fertigen.
 
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Abbreviaturen (lat.), Abkürzungen von Wörtern oder Silben in der Schrift. Die besonders häufigen Abkürzungen der mittelalterlichen Handschriften beruhen auf den Siglen (litterae singulares) und den notae Tironianae des römischen Altertums. Die ältesten Siglen bestanden aus dem ersten Buchstaben des betreffenden Wortes; als sich die Notwendigkeit stärkerer Abkürzung, namentlich in den Rechtshandschriften, geltend machte, stellte man die Siglen durch die zwei oder drei ersten Buchstaben eines Wortes her oder nahm wohl auch neben dem oder den ersten Buchstaben des Wortes noch solche aus der Mitte, vor allem solche, mit denen eine Silbe begann. Die aus dem Altertum stammenden Siglen hat Th. Mommsen bei Keil, »Grammatici latini«, Bd. 4 (Leipz. 1864, S. 265352), herausgegeben. Auf die Bildung dieser jüngern Siglen wirkten bereits die Tironischen Noten ein. Sie sollen von dem römischen Dichter Ennius erfunden sein. Der Freigelassene des Cicero Tullius Tiro (s. Meyers Tiro), hat sie vervollkommt, in ein System gebracht und erläutert; endlich hat Seneca eine systematische Sammlung von 5000 Stück hergestellt. Sie dienten hauptsächlich zum Nachschreiben von Reden oder Diktaten. Die Schreiber, die in dieser Geschwindschrift geübt wurden, hießen Notarii (davon unser »Notar«). Wie schnell man damit schreiben konnte, ist z. B. aus einer Angabe des Dichters Martial zu entnehmen, nach der sich berechnen läßt, daß sein Abschreiber in der Minute neun Verse schrieb

[Bd. 1, Sp. 17]


Lexica Tironiana, d. h. Sammlungen der Tironischen Noten, sind aus dem Mittelalter in ziemlicher Anzahl erhalten; die in ihnen abgebildeten A. gehen in ihrer Mehrzahl gewiß auf das Altertum zurück. Von neuern Arbeiten über diesen Gegenstand set nur W. Schmitz, »Beiträge zur lateinischen Sprach- und Literaturkunde« (Leipz. 1877) erwähnt. Bei der Bildung der einzelnen Note verfuhr man so, daß man aus den Majuskelbuchstaben, mit denen das betreffende Wort geschrieben wurde, charakteristische Teile entlehnte und diese dann möglichst miteinander zu einem Zuge verband. So gewann man für die Wurzel jedes Wortes oder für den Stamm der zusammengesetzten Wörter ein Zeichen, dem wiederum zur Bezeichnung der Endungen Hilfszeichen, seien es Punkte, seien es verkleinerte Buchstabennoten, beigegeben werden konnten. Tironische Noten finden sich meist nur vereinzelt in Büchern; bisweilen sind aber auch ganze Codices in solchen geschrieben. Nach der Form, die den Abkürzungen gegeben ist, kann man unterscheiden solche, die durch Suspension (man setzt den ersten Buchstaben und einen oder mehrere diesem folgende, und darüber den Abkürzungsstrich, z. B. an = ante), oder die durch Kontraktion (man setzt stets den ersten und den letzten Buchstaben des Wortes, nimmt auch wohl aus der Mitte des Wortes noch besonders kennzeichnende Buchstaben, und darüber den Abkürzungsstrich, z. B. dno = domino) entstanden sind. Die beste Sammlung mittelalterlicher lateinischer Abkürzungen findet sich in Walthers »Lexicon diplomaticum« (Götting. 1747); Chassant, »Dictionnaire des abbreviations latines et françaises du moyen-âge« (5. Aufl., Par. 1884) und Cappelli, »Lexicon abbreviaturarum« (Leipz. 1901). In den mittelalterlichen Handschriften, die Werke in den modernen Sprachen enthalten, sind viel weniger Abkürzungen als in den lateinischen angewendet, sie sind zudem fast alle dem lateinischen Abkürzungssystem entlehnt. Noch in die ältesten Drucke gingen viele der damals gebräuchlichen A. über, aber in den letzten Jahrhunderten sind dieselben mit ganz wenigen Ausnahmen, wie und ., für et cetera, völlig abgekommen. Nur der Gebrauch, das ganze Wort durch seinen Anfangsbuchstaben zu bezeichnen, ist besonders bei Titulaturen, und hier wieder am meisten in England, noch stark verbreitet. Als Geschwindschrift dient jetzt die Meyers Stenographie (s. d.).
   Über die jetzt am gewöhnlichsten vorkommenden A., z. B. die in der Musik, in einzelnen Wissenschaften, in Handel und Wandel wie im schriftlichen Verkehr eingeführten, s. die einzelnen Buchstaben »A« (S. 1), »B« etc. und die betreffenden Stellen im Alphabet.
 
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Abbrunften, die Brunstzeit des Hochwildes beenden; vgl. Abgeprunftet.
 
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Abbt, Thomas, philosoph. Schriftsteller, geb. 25. Nov. 1738 in Ulm, gest. 3. Nov. 1766 in Bückeburg, studierte seit 1756 in Halle und wurde 1760 außerordentlicher Professor der Philosophie in Frankfurt a. O. Schon 1761 als Professor der Mathematik nach Rinteln berufen, wurde er 1765 zum Regierungs- und Konsistorialrat in Bückeburg ernannt. Während eines kurzen Aufenthalts in Berlin war er mit Mendelssohn und Nicolai bekannt geworden. Unter seinen philosophischen, im Geiste der Aufklärungstheorie abgefaßten Schriften breiter Darstellung sind die wichtigsten: »Vom Verdienst« (Berl. 1765) und »Vom Tod fürs Vaterland« (Bresl. 1761). Seine »Vermischten Werke« wurden herausgegeben von Friedr. Nicolai (Berl. 176881, 6 Bde.; 2. Aufl. 1790). Vgl. Pentzhorn, Th. Abbt (Berl. 1884).
 
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ABC, soviel wie Alphabet (s. d.); auch angewendet auf die Anfangsgründe einer Wissenschaft, Kunst u. dgl.
 
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Abcbuch, s. Meyers Fibel.
 
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Abchasen (Asega), einer der beiden großen Stämme der Tscherkessen in der Landschaft Meyers Abchasien (s. d.), mit den stammverwandten Meyers Abasinern (s. d.) früher 125,000 Köpfe stark, 1892 aber nach zweimaliger Auswanderung in die Türkei (1864 und 1878) nur 72,500, wovon 60,432 im Gouv. Kutais um Suchum Kalé und in dem vom Kodor durchströmten Hochtal Tsebelda und 12,000 im Kubangebiet. Die Sprache der A. zeigt mit dem Tscherkessischen einige Verwandtschaft (vgl. Kaukasische Sprachen). Weiteres s. unter Meyers Tscherkessen.
 
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Abchasien, Landschaft im russ. Generalgouv. Kaukasien (s. Karte »Kaukasien«), zwischen dem Südabhang des Kaukasus und dem Schwarzen Meer, der jetzige Suchumsche Militärdistrikt,7315 qkm groß, mit 43,000 Einw., worunter 28,000 Mingrelier und 14,000 Abchasen. Etwa 32,000 der Bewohner wanderten nach den Kriegen von 1864 und 1878 in die Türkei aus. Das fast ganz gebirgige Land wird vom Bsyb und Kodor durchflossen und von dichten Eichen- u. Walnußwäldern bedeckt. Mais, Feigen, Granaten, Wein und Weizen gedeihen, doch ist das Land im ganzen eine von Ruinen erfüllte Wüste. In den Handel kommen Fuchsfelle, Honig, Wachs, Buchsbaumholz. Hauptort ist Suchum Kalé, das, wie Gagri, Pizunda und Ilory, befestigt ist. Unter den byzantinischen Kaisern war Abassia ein besonderer Staat; der jetzige Fürst von A. nimmt im russischen Heer einen hohen Rang ein. A. war als Nachbarland von Kolchis (Mingrelien) den alten Kulturvölkern nicht unbekannt. 550 n. Chr. fand das Christentum hier Eingang; die Byzantiner unterhielten Verkehr mit A., während die Mongolenchane ihre Heere durch die Bewohner des Landes verstärkten. Zwischen 735 und 985 herrschte die Dynastie Apchaz (Leo I.-III., Thewdose I. und II., Giorgi I. und II., Yoane, Adarnase, Bagrat, Kostantine und Dimitri) über Imereth (Lazistan); danach regierten Bagrat III. von Karthli und seine Nachkommen bis 1259 auch über Imereth und Kacheth. 1154 heiratete der russische Großfürst Isjalaf Mstislawitsch eine Fürstentochter der Abchasen. Seit dem 15. Jahrh. unter türkischer Herrschaft, wurde A. mohammedanisch. Abteilungen der Abchasen stießen 1809 zu den Russen bei der Belagerung von Poti, nachdem sich schon Ende des 18. Jahrh. unter den Fürsten aus dem Hause Charwachidze (Lewan und Safar-Bea) Hinneigung zu Rußland gezeigt hatte. Die Erwerbung von A. durch Rußland begann mit dem Frieden von Adrianopel 1829. Russische Posten erstanden längs des Meeres; 183740 vollzog sich die Besitznahme des südlichen A. Allmählich wurden die russischen Stationen gegen das Gebirge hin vorgerückt; in die Jahre 183942 fällt die Unterwerfung des nordwestlichen A., vom Bsyb (oberhalb Pizunda) an. Doch erst 1864 war die Befriedung des Landes vollkommen; seitdem starke Auswanderung (s. oben).
 
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Abcschützen, Spottname der Knaben, die im Gefolge fahrender Schüler ( Meyers Vaganten, s. d.) des 14., 15. und 16. Jahrh. wanderten und für diese betteln, auch wohl stehlen (»schießen«, daher »Schützen«) mußten.