Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
leere bis leersinn (Bd. 12, Sp. 513 bis 515)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) leere, f. vacuitas, inanitas, ein altes, von den wörterbüchern des 16. und 17. jh. übereinstimmend aufgeführtes wort (inanitas, läre, eitelkeit Dasyp.; die läre, ledigkeit, vacuitas, inanitas Maaler 260d; die leere, vacuitas, inanitas Stieler 1107), das aber erst seit der 2. hälfte des vorigen jahrhunderts in der gewählten sprache zur häufigern verwendung kommt, wie es denn noch Steinbach (1734) 1, 1038 als vocem non ubique usitatam bezeichnet. leere heiszt
1) das leersein, die leerheit; räumlich: die leere des orts, vacuitas loci. Hederich 1505; die leere eines rohrs, inanitas arundinis. ebenda;

aus füll und leere bildet sie (die geometrie) bewegung.
Göthe 47, 126;

übertragen, nach leer 7: die leere, den abgang zärtlichen mitgefühls empfand sie lebhaft. Göthe 57, 18;

des kopfes und des herzens leere.
Gökingk 1, 204.


2) leerer raum:

sein blick sucht in der öden leere
der weiten zimmer schutz.
Schiller zerstörung von Troja v. 92;

hin zu einem groszen meere
trieb mich seiner wellen spiel;
vor mir liegts in weiter leere,
näher bin ich nicht dem ziel. der pilgrim;

mit einem seltenen plurale: du verfliegst dich in den ungeheuren leeren. Klinger 5, 383.
3) leere, in der technischen sprache: die leere des bogens beim gewölbebau der leere raum, der von da an, wo der gewölbebogen auf seinen beiden trägern aufsetzt, unterhalb der bogenspannung sich befindet; bei den töpfern ein ausgeschnittenes holz (schablone), wonach man consolen, fuszgestelle oder andere zieraten bildet, die manigfaltig gebogene auszenseiten haben, und nicht eigentlich gefäsze sind. Jacobsson 2, 581b; der seiler nennt leere einen hölzernen kegel mit rinnen, welcher die fäden beim seildrehen auseinander hält. in allen diesen bedeutungen liegen nur umdeutungen von lehre masz, modell vor, s. d. und das neutr. lehr.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
leeren, verb. leer machen.
1) etwas leeren, ein gefäsz:

Wolvesguome und Wolvesdarm
unde Wolvesdrüʒʒel
lârten manege schüʒʒel
und manegen becher wîten. Helmbr. 1554;

ein bächer lären und gar ausztrinken, poculum haurire. Maaler 260d; zween eimer voll landwein ... durstes halber sauber lähren. Kirchhof wendunm. 427b;

denn nimb selbs wo dein herz begert,
so wirdt die plat (schüssel) dest eh gelährt. grobianus (1568) B 5a (b. 1, cap. 4);

ja, wir haben, seis bekannt,
wachend oft geträumet,
nicht geleert das frische glas,
wenn der wein geschäumet.
Göthe 1, 139;

die einen (unterthanen) füllen
mit nützlicher geschäftigkeit den beutel,
und andre wissen nur, ihn brav zu leeren.
Schiller Piccol. 1, 2.

die alte sprache hat auf grund dieser bedeutung von leeren manche imperative bezeichnungen und eigennamen gebildet:

Schindengast und Lugenhart
und sîn bruoder Trugenhart, ..
Lærenbiutel und Füllensack
pflegent des hofes naht und tac. Renner 9045;

swer trinket, der ist ein lærennapf. 16153;

du luchs, du fuchs, du paurenfeint, lernstadel. fastn. sp. 254, 27;

du lerenschrein, zuckszschwert, du raubengast. 254, 31;

[Bd. 12, Sp. 514]



der über disch allein sich kennt,
und dar uff legt arbeit und flysz,
das er allein esz alle spysz, ..
dieselben heisz ich Rumdenhag,
Lärszkärly, Schmirwanst, Fülldenmag.
Brant narrensch. 110a, 70;

den bauch lären, sein notturft thn, onera ciborum reddere. Maaler 260d; den bauch leeren aber auch = gebären:

der babst Johannes kam in schandt
das er zu Rom im welschen landt
offlich must das kindt geberen
vor aller welt syn buch do leren.
Murner geuchmatt in Scheibles kloster 8, 1106;

in bezug auf einen raum, eine fläche: eine stube leeren, conclave vacuefacere Steinbach 1, 1038; ein haus leeren, es von den hausgeräten oder den bewohnern ganz entblöszen, ausräumen; freier steht leeren für bloszes räumen, in bezug auf personen, die einen raum verlassen: der würt und sein frauw ... hetten ein andere kammer bestanden (gemietet) und lerten jm (einem edelmanne) sein hausz. Wickram rollw. 42, 10 Kurz;

und der alten götter bunt gewimmel
hat sogleich das stille haus geleert (: verehrt).
Göthe 1, 244;

erster chor. du würdest wohl thun, diesen platz zu leeren.
zweiter chor. ich wills, wenn beszre männer es begehren.
Schiller braut von Mess. v. 1707;

einen baum leeren, alle seine früchte abpflücken:

der frühling war dein leben,
die blüthe war dein traum;
ein andrer preszt die reben,
ein andrer leert den baum.
Uhland ged. 42 (auf einen verhungerten dichter);

übertragen (vgl. DWB leer 1 a. e.): himmelfahrten des gedrückten lebens, langsames aber reiches aufblühen aus dem armuthgrabe, steigen vom blutgerüste auf das throngerüste und dergleichen, solche darstellungen entrücken und entzücken schon das kind in das romantische land hinüber, wo die wünsche sich erfüllen, ohne das herz weder zu leeren noch zu sprengen. J. Paul vorsch. d. ästh. 2, 126.
2) leeren, von besitz entblöszen, arm machen (vgl. DWB leer 3 und 4): die händ lären, amittere rem de manibus. Maaler 260d;

geht hin in alle welt und lehret alle völker;
geht hin in alle welt und leeret alle völker:
der teufel schaffet disz, gott schaffte jenes vor.
Logau 1, 102, 23;

Mirus, das die kunst-göttinnen alles wissen dir gewehret,
ist zu wenig; du hast völlig die vollkummenheit geleeret. 3, 76, 2.


3) transitives leeren mit der präp. von:

du lieblich-rauchend pfeifgen du,
das, wie ein kleiner ofen, glühet,
das mein gehirn von flüssen leert.
Caniz 159;

als wir das schlosz
vom feind geleert.
Schiller Tell 5, 1.


4) reflexives leeren:

bis zum himmel spritzet der dampfende gischt,
und flut auf flut sich ohn ende dränget,
und will sich nimmer erschöpfen und leeren,
als wollte das meer noch ein meer gebären.
Schiller taucher v. 35;

es war an einem abend in der schenke:
schon zog die ernste mitternacht ins land,
schon leerten mählich sich die meisten bänke,
nur eine kameradschaft hielt noch stand.
Uhland ged. 439;

der saal leerte sich von den gästen;

ihr (der verläumdung) köcher leeret sich
von pfeilen, die verderblich glühen.
Uz poet. werke 1 (1768) 204.


5) intransitives leeren, leer werden, das mhd. einmal bezeugt ist (Lexer wb. 1, 1835), scheint später nicht mehr vorzukommen.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
leerescheu, f. übersetzung von horror vacui, bei J. Paul grönland. proc. 1, 4.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
leerfasz, n. bei den papiermachern ein fasz in form einer ovalen wanne: die gröblich zerstampften lumpen, oder der halbzeug, wird mit dem leerbecher ins leerfasz gegossen. Beckmann technologie (1777) s. 71.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
leergebrannt, part.:

leergebrannt
ist die stätte.
Schiller glocke v. 211.


 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
leergerüst, n. beim gewölbebau, das holzgerüst, das unter einen zu schlagenden bogen gelegt wird: der bau (der brücke) hatte bei einheimischen und fremden allgemeines interesse erregt, welches sich nach wegnahme des leergerüstes durch den kühn gesprengten flachen bogen ... zu staunen und bewunderung steigerte. Göthe 45, 391. vgl. dazu unter leere 3, aber auch unten lehrbogen, lehrbrett und lehre.

[Bd. 12, Sp. 515]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) leerhäusler, m. in Baiern ein ländlicher eigenthümer der nur ein leerhäuslein, ein häuschen mit, auszer etwa einem garten, keinen oder wenigen grundstücken besitzt. Schm. 1, 1178 Fromm.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
leerheit, f. der zustand des leeren, das leersein.
1) nach der eigentlichen bedeutung von leer (no. 1 und 2): kassen seiner finanzaufseher und oberpachter, .. in welchen eine fülle herrschte, die mit der leerheit der königlichen vermuthlich einerlei ursache hatte. Wieland 6, 197 (178); bildlich:

gram springt, wo er fällt, zurück,
durch sein gewicht, nicht durch die hohle leerheit. Shakesp. Richard II 1, 2;

grief boundeth where it falls,
not with the empty hollowness, but weight.


2) häufig übertragen auf das menschliche innere, empfindung, fassungskraft und deren ausdruck (vgl. DWB leer 7): die leerheit des verstandes, der worte, der gelehrsamkeit, vacuitas intellectus, verborum, doctrinae Stieler 1108; bis erschöpfung der lebensgeister .. die seele aus ihrem süszen taumel wecken, um sie dem gefühl einer unerträglichen leerheit und einer reihe unangenehmer betrachtungen zu überliefern. Wieland 6, 187; muszte der mensch eine leerheit in seinem wesen fühlen, die dem ewigen trieb nach thätigkeit zuwider war. Schiller 702b; wenn man daher an den schöpfungen des naiven genies zuweilen den geist vermiszt, so wird man bei den geburten des sentimentalischen oft vergebens nach dem gegenstande fragen. beide werden also, wiewohl auf ganz entgegengesetzte weise, in den fehler der leerheit verfallen, denn ein gegenstand ohne geist, und ein geistesspiel ohne gegenstand sind beide ein nichts in dem ästhetischen urtheil. 1210b; diesz jasagen, streicheln und schmeicheln, diese behendigkeit, diesz schwenzeln, diese allheit und leerheit (von Rosenkranz und Güldenstern im Hamlet). Göthe 19, 167; ich werde die gehörige ruhe und sicherheit, leerheit und bedeutsamkeit .. recht zierlich aufstellen (in der rolle des Polonius). 177; sie sah mit lebensatter leerheit zum fenster hinaus. J. Paul uns. loge 2, 85;

das wackre ehpaar sank, aus leerheit oder fülle
des herzens, wie ihr wollt, in eine tiefe stille.
Wieland 22, 292 (Oberon 6, 79);

fürchten hinter diesen launen,
diesem ausstaffirten schmerz,
diesen trüben augenbraunen,
leerheit oder schlechtes herz.
Göthe 1, 158.

plur. leerheiten, leere worte: das stück (drama) selbst war beschnitten worden, .. (ich) fand aber bei genauer vergleichung, dasz man dem verfasser eine menge leerheiten und plattheiten ausgemerzt hatte, deren wegschaffung gewinn war. Seume spazierg. 1, 11.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
leerkopf, m. kopf ohne gedanken, und inhaber eines solchen: der dummkopf und der leerkopf. Herder z. phil. 10 (1809) 154.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
leerlauf, m. bei den müllern eine vorrichtung zum leerlaufen des mühlgerinnes, kanal der das wasser von den mühlrädern weg zu leiten erlaubt.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
leersinn, m.: im ganzen ist es daher recht, wenn alles grosze (von vielem sinne für einen seltenen sinn) nur kurz und dunkel ausgesprochen wird, damit der kahle geist es lieber für unsinn erkläre, als in seinen leersinn übersetze. J. Paul vorsch. d. ästh. 3, 77.

 

Eingabe
Wörterbuchtext:
Stichwort:
 
  

 

Artikel 1 bis 10 von 51 Vorherige Treffer
1) gaffen
 ... fieng er von neuem an mit weit offnen augen und gähnendem munde zu gaffen. Wieland 11, 254 ( Sylv.
 
2) gähnaffe
 ... machen, höhnend, wol wie pah! gesagt wird mit gähnendem munde: Amalia ( die um Petern wirbt ). nun, ihr
 
3) gähnen
 ... machte. 9, 13 ; am rande des gähnenden grabes. Göthe 8, 291 , ein vielgebrauchtes
 ... steigst ab in solcher gräuel mitten, im gräszlich gähnenden gestein. 41, 252 ;
 ... sie wird im mittelalter als gähnender rachen gebildet, im gähnenden grab wirkt das bild nach. ähnlich von der nacht:
 ... schwarz aus dem weiszen schaum klafft hinunter ein gähnender spalt. Schillers taucher;
 ... 2, 121 , sie wird im mittelalter als gähnender rachen gebildet, im gähnenden grab wirkt das bild nach.
 
4) geber
 ... geber , m. hiatus, gähnendes öffnen des mundes, der letzte geber eines sterbenden: das
 
5) genemeulen
 ... genemeulen , mit offnem ( gähnendem ) maule auf etwas blicken: unser schwermer ... gaffen
 
6) gewalt
 ... schwarz aus dem weiszen schaum klafft hinunter ein gähnender spalt, grundlos als giengs in den höllenraum.
 
7) gewand
 ... und nun von fern winkt gähnend das gespenst des alltags wieder im spinnwebgrauen, schleppenden
 
8) gienaffe
 ... 1, 1148. zu gienen B als einer, der gähnend oder dumm schauend, müszig den mund offen hat; vgl.
 
9) gienung
 ... ahd. gl. 3, 411, 41 St. - S.; der gähnende abgrund, spalte: ( die hölle ) heizet ouch baratrum, daz
 
10) grab
 ... personifizierenden gebrauchs zu einem ungetüm, mit einem rachen, der sich gähnend öffnet und die menschen zu verschlingen droht; wahrscheinlich wirkt das
 ... menschen zu verschlingen droht; wahrscheinlich wirkt das mittelalterliche bild vom gähnenden höllenrachen mit und noch nach. die hierher gehörigen prägungen zeigen
 ... hinüberzutreten. das grab gähnt: am rande des gähnenden grabes Göthe I 8, 297 W.;
 
Artikel 1 bis 10 von 51 Vorherige Treffer