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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
verzug bis verzupfen (Bd. 25, Sp. 2666 bis 2677)
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[Bd. 25, Sp. 2666]


Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verzug, m. , abstraktbildung zu verziehen (s. d.) und diesem in vielen bedeutungen folgend. mnl. vertoch Verwijs-Verdam 9, 152; mnd. vortoch Schiller-Lübben 5, 475. im hochdt. bereich zuerst in der mhd. urkunden- u. chronikensprache (s. u. unter 4). zu vürzoc, einem offenbar selbständigen wort mit präfixbetonung s. unten unter 4, desgleichen zu der parallelen bildung fürzucht. lexikalisch ist das wort in der bedeutung 'aufschub, verzögerung' seit dem 16. jh. belegt, vgl. prestolatio, dilatio i. quasi mora voc. primo theut. (1515) e 8a Hüpfauf; verzug mora, dilatio, procrastinatio Stieler stammb. (1691) 2644; verzug oder verzögerung, lat. mora oder protractio franz. delay, oder non-chalance heiszt insgemein ein geflissentlicher und vorsetzlicher, oder auch aus blosser nachlässig- und saumseeligkeit geschehener aufschub nöthiger verrichtungen Noel Chomel öcon. lex. (1750) 8, 2187; vgl. auch Adelung 4 (1780) 1578 und die hinweise in den bedeutungsgruppen. mundartlich im nd. und md. raum; zur nd. form vertog Danneil altmärk. 240b; Schambach Göttingen 268a; fortôch Damköhler Nordharz 218a. im übrigen s. unter den bedeutungsgruppen.
A. aufschub, verzögerung (zu verziehen A).
1) ohne scharfe grenze als nomen actionis und nomen acti gebraucht, 'der aufschub, die verzögerung, die säumnis'.
a) das hinausschieben, der aufschub aus eigener entscheidung; procrastinatio verzug von einem tag auff den anderen Calepinus XI ling. (1598) 1159b; (mhd. belege vgl. bei der juristischen fachsprache unter 4 und 5): was heut soll geschehen, musz man nicht auff morgen verziehen, denn ein verzug bringt den andern Lehmann floril. polit. (1662) 1, 398;

jeder der dir gutes gönnet, rahtet dir, wie ich, verzug
(bei der veröffentlichung von gedichten);
denn die käs- und pfefferkrämer haben noch papiers genug
J. Grob dichter. versuchgabe (1678) 99;

fernere überlegung sey unnütz, verzug höchst wahrscheinlich von üblen folgen J. v. Müller s. w. (1810) 9, 152; jetzt ist die abreise wieder auf den 26. verschoben ... noch weiterer verzug ist freilich kaum möglich wegen des russischen besuches Moltke ges. schr. (1892) 6, 332. der transitive charakter wird deutlich bei genitivisch angeschlossenem objekt: dem (dz vil loser Christen sein) wurt man mit verzug des tauffs nit begegnen mögen mon. Germ. päd. 21, 162, 15. in der wendung verzug geben: wo man aber der sach verzug geben möcht biss an nüwen jars-tag Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 237. ebenso verzug nehmen: da herr Tristrant solche ding hrete, nam er keinen lengern verzug, sondern wapnet sich nach notturfft vnnd reyt gegen der not buch d. liebe (1587) 82c.
b) der (erlittene) aufschub, die verzögerung; metuo meo amori moram ich fürcht den verzug meiner blschafft Frisius dict. (1556) 819a: als unser bote nu gen Mencze qwam, so waren unsere frunden do bynnen uffgebrochen, deszhalb etwas vertzoges darinne (bei der beantwortung eines briefes) gefallen ist Frankfurts reichskorr. 2, 19 Janssen; wollt gott, yhr furchtet eüch fur seynem zorn und bessert euch, das doch die plage eynen verzug und lenger auffschub gewünne Luther 18, 334 W.;

doch mehrt verzug der tugent lon,
dem frmmen, der gedult mag hon
Schwarzenberg d. teutsch Cicero (1535) 125;

je mehr neher die hoffnung, je schmertzlicher der verzug schausp. engl. comödianten 307, 29 Creizenach; der leser ... wlle desz verzugs (in bezug auf die ausgabe des werkes) keine beschwer ... tragen Ercker beschr. aller miner. ertzt (1580) 4b vorr.; die begierden seind fewrig vnnd inbrnstig, vnd ist jhnen der geringst verzug zu lang Lehmann floril. polit. (1662) 74; der verzug der strafe wird mit deroselben grösse und schärfe ersäzzet, wann das sünden-mas erfüllet Butschky Pathmos (1677) 75; Affligio schob den verzug der opera auf die sänger und sagte, sie könnten und wollten solche nicht

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singen (1768) Leop. Mozart in: br. W. A. Mozarts 4, 283 Schied.; den bisherigen verzug (der sendung) darf ich wohl durch mancherley zufällig eintretende umstände bey mir selbst entschuldigen Göthe IV 31, 196 W.; möge dieser neue verzug (der reise nach Berlin) nur nicht länger fortdauern Pückler briefw. (1873) 3, 137.
c) (keinen) verzug leiden (in älterer sprache auch haben) (keinen) aufschub vertragen: wann das hei, korn und anders wetters halben einzupringen nit verzug leiden mag (1547) österr. weist. 2, 225; es wollen e. ld. ... den ... deliberationibus, welche nunmehr keinen lengern verczug vnd anstand leiden wollen, beywohnen (1618) acta publica 1, 13 Palm; weil aber die zeit ber ... mein verleger durch andere werke, so keinen verzug leiden wollen ..., abgezogen worden Neumark fortgepfl. lustwald (1657) 1, 3; ein befehl ... trägt mir ein geschäft auf, das keinen verzug leidet Wieland w. I 3, 73 akad.; die besetzung der statthalterschaft an den gränzen deines reiches (erlaubt) keinen weitern verzug Klinger w. (1809) 7, 119; ich habe einen auftrag an die baronin zu besorgen, der keinen verzug leidet Grabbe w. 1, 455 Bl.; weil die ... täglich zunehmende gefahr des reiches keinen verzug gestatte Häusser dt. gesch. (1854) 1, 524. häufig die sache leidet keinen verzug: es leidet die sache keinen verzug (längern verzug) la cosa non permetto indugio etc.; ella preme, l'urgenza n'è grande Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1459c:

gantz kein verzug die sach nit leidt Endinger judenspiel 40 ndr.;

er eilt sich fast mit schwindem flugk:
dann schnelle sach leidt kein verzugk
C. Scheit frölich heimfart (o. j.) J 2b;

es were dan, das periculum in mora vnd die sache keinen verzug leiden wolte Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 36; weil die sache wenig verzug leidet Leibniz dt. schr. (1838) 1, 203. auch mundartlich verzeichnet: dat litt kenen vertog Dähnert plattdt. wb. 528a. sprichwörtlich z. b.: hunger leidt keyn verzg S. Franck sprüchw. (1545) 1, 23a; so auch Petri d. Teutschen weiszh. (1605) I i 4b; Blum sprichwb. (1780) 2, 165. (keinen) verzug haben: ob ainer im selbs einwertz oder auswärtz farn wolt, ... so sol er sich nit widern (dem gebot zu folgen) ... sunder allain, das er ... noch wein auf der achs hiet, das nit verzug möcht haben, auf den margt gen Holl zu kömen (1485) öst. weist. 3, 165; dann (die taufe durch eine frau) msz geschehen nur, wenn das kindt gar schwach und kayn verzug hat Luther 15, 670 W.;

schaw, dis mein elent ich (Germania) pewein.
Eckhart, kanstw, so gieb mir rat!
gar kein verzwg die sach mer hat,
die axt ligt an des paumes wuerz
H. Sachs 22, 356 lit. ver.;

ich mag schlechtz keyn verzug meer hon,
ich wil mit myner eygnen hand
om mynem lyb selbs rechen d'schand schweiz. schausp. d. 16. jhs. 1, 121 Bächtold.


d) der erbetene oder erwünschte aufschub im sinne einer verlängerten frist, bedenkzeit o. ä.: (illi interea) deliberatori (merces duplicata est) dem radtschleger der einen verzug begrt, hat sich weyter ze bedencken Frisius dict. (1556) 383a; verzug begehren, um verzug bitten, anhalten domandare, richiedere, proroga, dilatione, termine Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1459c; auch Steinbach dt. wb. (1734) 2, 1117: so bitt ich umb ein verzug, ich will mich besinnen Schumann nachtbüchlein 207 Bolte; wie Sidonia hierauff vmb verzug bat, eine zeit mit jhr zu verziehen buch d. liebe (1587) 335b; ich bit dich ... daz du mich läben lăssest, untz daz ich ein gebett thuon ... also gab er Richarden vertzug, des er thorlich thet d. Haimonskinder 172, 13 Bachmann; (sie) begerten weyter zil vnd verzug die auszstehenden gefell zubezalen Stumpf Schweizerchron. (1606) 377a; diesen verzug aber begehrete sie darum, weil noch nicht alles zur reise abgetahn wahr Bucholtz Herkuliskus (1665) 364; die hausmutter stellte sich in den weg: sie

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bat nur um einen geringen verzug (der hinrichtung) Ranke s. w. (1867) 37, 294.
e) das zaudern, säumen, zögern, die säumnis als ausdruck der unentschlossenheit:

das ist denn seins verzugs die busz
Hans Sachs 9, 407 lit. ver.;

Fabius Maximus hat mit seinem verzug das römisch reich erhalten, aber ewer heyl. wird es mit seinem verzug verderben Zinkgref-Weidner teutscher nation weisheit 3. theil (1653) 14; vgl. auch Lehmann floril. polit. (1662) 4, 98; alleine dieses kunststücke (keine schlacht zu liefern, sondern den feind durch plänkeleien zu zermürben) deuchtete dem Tigranes nicht genungsam heldenmszig und aller verzug knechtisch zu seyn Lohenstein Arminius (1689) 1, 212a; das grosse heer zerschmolz durch mangel von lebensmitteln und durch überdruss des verzugs Meissner Alcibiades (1781) 2, 181;

ihr saht das fräulein, ich die dienerin;
ihr liebtet und ich liebte: denn verzug,
steht mir nicht besser an als euch, Bassanio Shakespeare 4 (1799) 88 (kaufm. v. Venedig 3, 2);

schon den 28. schritt (er) dazu — denn verzug kannte er nicht — die heirath (des kronprinzen) zu stande zu bringen Ranke s. w. (1867) 27, 134; als zögernde zurückhaltung: solchen verzug (des ihm gegenübertretenden Hercules) fühlt Antäus nicht Göthe I 49, 1, 121 W.
2) von A 1 gehen anwendungen auf bestimmte situationen aus, denen spezielle bedeutungsfärbungen entsprechen.
a) im hinblick auf einen zeitabschnitt.
α) zeitspanne, durch die ein zustand oder eine folge von ereignissen unterbrochen wird, zwischenzeit, unterbrechung: in vmbteilung geburt sich die stimm zum höchsten mit aller claresten vsschryung vnnd souil vnderlybung zwuschen yeder vssruffung zehalten; als vil spacium oder verzog die vssruffung gehapt hat Riederer rhetorik (1493) g 4b; daz zwischen des willens geschäft vnd des werchs volziehung kain verzug beschiecht Berthold v. Chiemsee tewtsche theol. 292 Reithm.; aber haben wir nun mit aller gewalt es von uns abgewendet und ausgeworfen, nach kurzem verzug erhebt sich wieder ein sehnen und verlangen Görres ges. schr. (1854) 2, 45; auch ... später war die republik genöthigt die etruskische militargränze ihrer eignen vertheidigung zu überlassen, bis der volskische feldzug ... geendigt war. während dieses verzugs hatte sich Nepete den Etruskern ergeben Niebuhr röm. gesch. (1811) 2, 295; derselbe (band) erschien nach kurzem verzug Müllner dram. w. (1828) 8, 62.
β) zeitspanne, zeitdauer, deren etwas bedarf, um zur auswirkung zu kommen: den verzug oder die trächtzeit das da kein verzug nit seye, weder dasz du jm die faust von stund an inn das gefrsz eynhin oder in das angesicht gbest (ne mora sit quin) Maaler (1561) 440a; in mter leib magst du one einiche tafel also finden Pegius geburtsstundenbuch (1570) d 3b; seitenmal ein jeder anschlag oder practic ein gewisse zeit hat, ein gewissen verzug vnnd orth, z dem bedarff das sie verborgen sey Xylander Polybius (1574) 386. ähnlich als 'zeitliche möglichkeit, gelegenheit': hett sich des kniglichen regiments mit willen vnd zlassen des gantzen senats vnderstanden, dann inn der auffrr mocht es den verzugk nit haben, dasz eyn gemeyn wal geschehe Carbach Livius (1533) 17b; (er) machet dem Logbasi verzug, darmit er z seinen anschlag sich mchte fglich zursten Xylander Polybius (1574) 304.
b) das verbleiben oder verweilen am orte, der aufenthalt; vgl. DWB verzug, m., verweilung, delai, retardement Frisch nouv. dict. (1730) 606: es ist beschlossen, die flucht ist besser als ein ungewisser verzug Chr. Weise d. jugend überfl. gedanken 210 ndr.; die dringlichkeit meiner geschäfte gestattet mir nirgends längeren verzug Geibel ges. w. (1883) 7, 135. 'säumen' im hinblick auf den aufbruch:

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der muntre tag erklimmt die dunst'gen höhn.
nur eile rettet mich, verzug ist tod
Göthe I 9, 237 W.;

lasz uns nun von dannen eilen,
länger gilt hier kein verzug ebda 12, 281.

an verziehen ... anschlieszend einen verzug haben 'warten': hab nur ain verzug, biss ich zuor mein opffer verbring Schaidenreisser Odyssea (1537) 48a.
c) im hinblick auf eine erwartete person oder sache; (langes) ausbleiben (zu verziehen A 2 d); vgl. tardanza per la dimora verzug, auszbleibung Hulsius (1618) 2, 406b: und hat uns ir lieb gebeten, uch das zu schreiben, das ir denn langen verzug keiner bossheit schuld gebt privatbr. d. mittelalters 1, 271 Steinhausen; man hette seins vorzuges (des nicht erschienenen erzbischofs) bis anher nicht beszunders beschwerde gehabt (1521) Planitz berichte 12 Wülcker; bittet der halben, e. f. g. wolten solchen verzug, den er hat aus not ... müssen thun, ynn keinem vngnedigem willen verstehen (1538) Luther br. 8, 215 W.;

ach! wo ist mein seelen-artzt, ach' wo ist er hin!
sein verzug alleine raubet muht und sinn
Ph. Zesen verm. Helikon (1656) 2, 74;

klage Sions über den verzug ihres breutigam Simon Dach 171 Öst.;

mein arm ist ausgespannt, dich fröhlich zu umfangen,
nichts, als nur dein verzug macht mir mein herz betrübt
Ph. B. Schott poesien (1720) 15;

wir überlassen dem niedrigen pöbel, der die kunst von nichts zu schwatzen trefflich wol verstehet, diesen grieff, sich über den verzuge der brieffen zu zancken chron. d. gesellsch. d. Mahler (1721) 57 Vetter; die ursache seines verzuges (möge) lieber ein biszchen unart, als irgend ein zugestoszener unfall seyn Bürger s. w. 301 Bohtz; der hülfe verzug J. A. Schlegel verm. ged. (1787) 1, 27.
d) das aufgehaltenwerden in einer fortbewegung oder einem bestreben; mora fit per ianitorem der verzug geschieht durch den portner, wenn der thrhter einen nit eynlassen wil Frisius dict. (1556) 565a; detention die aufhaldung, der verzug Spanutius (1720) 220:

vom Strymon her wehten schlimme winde
rastloser rast, hafenlosen treibens,
des zugs verzug, ...
Droysen Äschylus (1841) 48;

die kleinste hindernisz, der mindeste verzug
trieb mich zum ungestüm
Cronegk schr. 2 (1763) 9.

vgl. auch:

wünschen, vnd doch nicht geniessen,
glauben, vnd doch mit betrug,
reisen, vnd doch mit verzug; ...
ist es nicht ein lauter quehlen? Königsberger dichterkreis 44 ndr.

in bezug auf den zeitverlust: die fährmänner ... erreichten gegen den wind anringend nur mit einigem verzug ihr ziel Chamisso w. (1836) 2, 176. vgl. auch:

jene hat bald den verzug, in rascherem lauf, und die säumnis
eingeholt
J. H. Voss Ovid (1798) 2, 198.


3) im anschlusz an verziehen A 1 a bezeichnet verzug das hinziehen oder die verlangsamung eines vorganges über einen termin hinaus (prolongatio).
a) das in die länge ziehen, die verschleppung eines unternehmens, auch die stockung; vgl. prolatatio verzug, verlengerung, verziehung Frisius dict. (1556) 1071b: ob die sachen noch zu verzoc möchten gebrâcht werden fontes rerum Austr. II 2, 264 Chmel; darmit kam die sach in verzg Knebel chron. v. Kaisheim 285 lit. ver.; die handlung entweder gar zu hindern oder ye in lengern schedlichen verzugk zu furen (1541) Luther br. 9, 323 W.; er mit dieser seiner exception (die er allein zu verzug der sachen erdichtet) gehöret werde Ayrer hist. proc. juris (1601) 124; besorgtend si, langer verzug und witer umkreisz (umweg) wurdint den gesellen zu Thum

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ze spate hilf werden ebda 2, 165; es ist zu besorgen, die sach werd keinen wrcklichen fürgang haben oder zum wenigsten einen auffschub vnd verzug gewinnen Sattler phraseologey (1658) 103;

so langsam sie fahren,
sind sie doch mit dem verzug zufrieden
Zachariä poet. schr. (1763) 7, 20.

vgl. hierzu: allen verzügen der ungerechtigkeit und der gewinnsucht vorzubiegen und den lauf der rechtspflege so geschwind zu machen als es nur möglich ist Iselin verm. schr. (1770) 1, 148 (vgl. auch unter 1 a); ruhig in seinen verschanzungen erregte er in ihnen ungeduld über den verzug, und sie sandten haufen aus ... zu plündern Niebuhr röm. gesch. (1811) 2, 201. in der argumentation etwa 'ausweichendes hinhalten':

also sprach Sinon mit betrug,
braucht langen vmbschweyf vnd verzug,
bisz er vns endtlich hindergieng,
mit scheinbarlichen worten fleng
Spreng Äneis (1610) 27a.

hierher vielleicht auch: hat mehr verzge und stimen in seinem kleinen helselin, dann alle organa musica in urbe Noriberga St. Prätorius luscinia cantatrix (1576) A 6b. auch mundartlich gebucht: up fertog allmählig, nach und nach Doornkaat Koolman ostfries. 1, 469b; 't schleit in't vertogg es zieht sich in die länge Stürenburg ostfries. wb. 316b.
b) verzögerung im sinne einer verlangsamung des ablaufs, des fortschreitens der handlung (tardatio):

desz verzugs (bei der geburt) denn die jungen (nattern) wern
unwillig und sich desz beschwern,
dasz sie so langsam wern geborn
Hans Sachs 16, 490 lit. ver.;

vil pöser sach im rechten schmuck,
verzug (der prozesse) ist offt mein maister stück
Schwarzenberg teutsch Cicero (1535) 136;

mit verzug vnd gemach fahren kan man vielen sachen helffen vnd rathen Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Pp 3b; der schneck wird gemahlet zu dem verzug, der langsamkeit Harsdörffer poet. trichter (1653) 413; bemühet euch alle recht vnd rechtssachen abzukürtzen, der kürtzte weg im rechten ist der best vnd gewissest, der verzug macht die sachen verworren Lehmann floril. polit. (1662) 684; (die ellipse ist von vielen guten deutschen dichtern gebraucht worden,) welche wegen ihrer geschwindigkeit die sachen zu begreiffen, oder in der hitze der affecte allen verzug hassen Breitinger crit. dichtkunst (1740) 2, 152; gut ist, dass weder am frieden mit Frankreich, noch der inneren verfassung Deutschlands geschwind gearbeitet zu werden scheint; durch verzug wird dermalen immer gewonnen (1814) Jacob Grimm in: briefw. (1881) 300. von der dehnung der sprachlaute: lange selblautende (buchstaben) sind, die im reden lang und gleichsam mit einem verzuge ausgesprochen wärden Bellin hochdt. rechtschr. (1657) 7; so auch Schottel haubtspr. (1663) 202.
4) die verwendung des wortes in rechtssprachlicher sphäre.
a) bei vürzoc, (fürzuht), das noch im 14. jh. und vorwiegend in obd. quellen begegnet, scheint es sich um eine selbständige bildung mit präfixbetonung zu handeln, etwa in der bedeutung 'einspruch, einwand', d. h. zunächst ohne temporalen sinn: dem sullen wir in (den zehnten) leihen ich vnd meine nachkomen, daz wir chainerley fürzoch da wider nicht haben sullen (1344) monum. Boica 15, 394. meist in der sehr gebräuchlich werdenden wendung (s. unter 5) ohne verzug: daz svlen sie innewendich zewain maneden, ... ane allen vúrdoch widertn (1286) monum. Zollerana 1, 97; also daz sie uns sollint unde mogint scheiden unde richten eindrecheliche an unredelichen frzog dirre vorgenanten sache unde ansprache (1332) hess. urkundenb. 2, 408 Wyss-Reimer; (dasz sie) erindern sullen den rat aun frzog, szwa ir ainer mer von ieman angemtet wrden dhainer

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besundern buntnsz (Augsburg 14. jh.) städtechron. 4, 144; so soll dann der vorgenant brobst von Newnburch ... geben fumf vnd zwainczig phunt alter Wienner phenning, ... auf sant Jacobstag, ... an frzog (1357) urk. d. stiftes Klosterneuburg 388. in der form fürzucht: item vmb ausfertigung und widerfall derselben ist von alter nie kain fürzucht von töchtern oder schwestern geben worden, sonder hat die vorige verjärung der dreissig jarn zu ersuechen auf sich gehabt österr. weistümer 5, 726, 12; vgl. dazu auch den mit der bedeutung 'ǫbtentus, exceptiones' angeführten beleg bei Scherz: an allen fürzog unde irrunge gloss. germ. (1781) 459. da das wort meist in dieser formelhaften verbindung und in zusammenhängen gebraucht wurde, die eine zeitliche deutung zulieszen bzw. nahelegten, ist es vermutlich mit dem primär temporal gefaszten verzug zusammengefallen.
b) in der modernen rechtsterminologie ist verzug feste begriffsbezeichnung: verzug des schuldners (mora debitoris, leistungsverzug) ist die (rechtswidrige) verzögerung der leistung durch den schuldner BGB § 284; dazu auch gläubiger-(annahme-)verzug, wenn eine verzögerung der erfüllung dadurch eintritt, dasz der gläubiger eine zur erfüllung nötige mitwirkung, insbesondere die annahme der leistung, unterläszt ebda § 293. diesem gebrauch stehen vereinzelte frühere belege bereits nahe: daz der mensch awf die natürlich schuld nochmer in schulden taeglich felt, nemlich vmb versessen zinsz vnd verzug der bezalung natürlicher schulden Berthold v. Chiemsee tewtsche theol. 372 Reithm.; es soll auch ein jeder auf den tag, stunt und zeit ... gehorsamlichen erscheinen ... erscheint er aber gar nit oder hat gefärlichen verzug besucht, soll derselbig gestrafft werden (15. jh.) österr. weist. 5, 713; dann regulariter, wann von einem gesetz ... eine gewisse zeit angeordnet ... ist, wird nach verfliessung derselben keine entschuldigung wegen des verzugs oder versaumung zugelassen Hohberg georg. cur. 3 (1715) 33a. vorwiegend gebraucht im sinne eines rechtszustandes: von einer verzinslichen geldschuld hat der schuldner während des verzugs des gläubigers zinsen nicht zu entrichten BGB § 301; ist der schuldner zur herausgabe eines grundstücks ... verpflichtet, so kann er nach dem eintritte des verzugs des gläubigers den besitz aufgeben § 303. in der wendung in verzug kommen: leistet der schuldner auf eine mahnung des gläubigers nicht, die nach dem eintritte der fälligkeit erfolgt, so kommt er durch die mahnung in verzug BGB § 284; der gläubiger kommt in verzug, wenn er die ihm angebotene leistung nicht annimmt § 293. mit etwas in verzug sein: wenn der hauptschuldner mit der erfüllung seiner verbindlichkeit im verzug ist BGB § 775.
5) seit dem 13. jh. nachweisbar und vom 17. jh. bis heute dicht belegt ist die wendung ohne verzug, auch ohne allen verzug, ohne jeden verzug; meist im sinne von 1 'ohne aufschub, ohne verzögerung'; häufig, besonders in der rechtssprache, nicht klar abzugrenzen gegen die an 3 anschlieszende bedeutung 'ohne verschleppung, ohne verlangsamung'. zum lexikalischen vorkommen vgl. peremtorias ane vortoch (1417) Diefenbach nov. gl. 287b; abiecta cunctatione von stundan, flux, on allen verzug, allen verzug hindan gesetzt Frisius dict. (1556) 6b; prompte alacriter, sine cunctatione hurtigklich, handtlich, fertigklich vnd ohn verzug Calepinus XI ling. (1598) 1170a; verzug ... ohne verzug, ohne aufschub oder unverzüglich etwas bewerckstelligen to effectuate a thing without delay Ludwig t.-engl. (1716) 2202.
a) am frühesten belegt in der juristischen fachsprache, auch mit dem begriff hemmenden und damit aufschub bewirkenden einspruchs (vgl. unter 4): und solicher rechtlicher austrag sol in sechs moneten nach dato ditz briefs nechstkomend ... on allen lenngern aufflag und verzug geschehen (1480) monum. Habsburg. I 3, 213; darauf wurdt mit recht erkent, das ain ieder nach der stift in vierzehen tagen dem pfarrer den dienst soll bezallen ân lengern verzug (1570) österr. weist. 1, 179; wann ain frembder in der gmain Graun sich verheirat, ... so soll

[Bd. 25, Sp. 2672]


er der gmain auch zu geben schuldig sein fünfzehen gülden ân allen verzug (17. jh.) ebda 3, 333; wan sie (die alten dorfmeister) ötwas mit raitung schuldig verbleiben wurden, alsdan (sollen sie) ohne verzug die erstatt- und bezahlung zu thuen schuldig ... sein (1781) ebda 4, 142. in fester verbindung ohne verzug und widerrede (-sprache): ane verzög vnd wederrede (1345) Bauer-Collitz Waldeck 141; ane vortzog und allirley widersprache (1354) hess. urkundenb. 2, 598 Wyss-Reimer; ân widerrede und âne verzog weist. 6, 87.
b) im übrigen sprachbereich sehr verbreitet, meist ganz formelhaft im sinne von 'unverzüglich, auf der stelle, umgehend', auch 'ohne wanken, ohne widerspruch, ohne bedenken': dorthin haben auch die Nürnberger sich one verzug gewendet (mitte 15. jh.) städtechron. 2, 35; was ... dem glauben schedlich, sol man kurtz umb on verzug und mit gantzer macht endern und abthun Luther 23, 419 W.; was e. f. g. nachmals bevehlen werden, dasselbig wil ehr ohne verzug furnehmen (1543) Luther br. 10, 416 W.; derhalben saumpt er sich nit lang, er raupt ohne allen verzug uf freundt und feindt, was er mocht ankommen Zimmer. chron. 1, 271 Barack; doch begert der könig ... er solt ihm das wild schwein ... fahen; hernach wolt er ime die tochter on allen verzug geben Montanus schwankb. 22 lit. ver.; dass sie one verzug, bey tag vnd nacht kommen sollen buch d. liebe (1587) 341d; die ungedult ... hiess mich ... verlaub bitten, ohne weitern verzug hineinzutretten Birken ostl. lorbeerhayn (1657) 101; als er ... den schwan mit dem schifflein an der ketten sahe daher fahren, ist er ohne allen verzug darein gesprungen Prätorius blockesberges verrichtung (1668) 359; lasset uns, sagte ich, das werk ohne verzug angreifen Nicolai litteraturbr. (1759) 7, 183; weil die menschen sehr geneigt ... zur langsamkeit sind ..., so kann man sicher darauf rechnen, dasz man die oberhand in einer sache behält, wenn man alles ohne den geringsten verzug unternimmt Lichtenberg verm. schr. (1800) 2, 120; der grund davon ist der, dass ihre liebe und ihr herz ohne verzug nur sogleich zum objekte eilt, und nur für dieses sich interessirt Fichte s. w. (1845) 5, 440; so langten sie ohne verzug in Baiern an, und wurden dem könige ... vorgestellt J. Grimm dt. sagen (1891) 2, 29; der kaiser hoffte Algier ohne verzug zu erobern ... er hätte es für zeitverlust gehalten, vorher nach Spanien zu gehen Ranke s. w. (1867) 4, 170; um sechs uhr früh wurde er abgelöst und trat ohne verzug den heimweg an Gerhart Hauptmann bahnw. Thiel (1892) 36; vielmehr geschah es ohne jeden verzug, nur mit einem gewissen wechsel des tonfalls, dasz sie (Ad. Schopenhauer) nun fortfuhr Th. Mann Lotte in Weimar (1946) 251; (er) hatte inzwischen schon schritte getan, um ohne verzug eine zusammenkunft ... zu bewirken H. Mann d. untertan (1949) 387.
6) die formelhafte verwendung gefahr im verzuge geht aus von der übersetzung des lat. periculum in mora, vgl.: cum iam plus in mora periculi quam in ordinibus conservandis praesidii esset, omnes passim in fugam effusi sunt Livius XXXVIII 25, 13. die lehnübersetzung findet sich in wbb. des 18. jhs., vgl. verzug cunctatio, dilatio, mora; die sach mag keinen verzug leiden periculum in mora Dentzler clavis ling. lat. (1716) 317b; periculum in mora die sache leidet keinen verzug Spanutius dt. lex. (1720) 553. seit dem 17. jh. mit variierender formulierung bezeugt: kein periculum (ist) in mora oder gefahr aus dem verzug zubesorgen Dannhawer catech.-milch (1657) 1, 527; der verzug bringt hier gefahr J. Chr. Günther ged. (1735) 234; wo gefahr auf dem verzuge haftet Möser patriot. phant. 2, 280 in: zs. f. dt. wortf. 13, 67; wo gefahr in der verweilung (im verzug) ist Garve versuche (1792) 3, 109; gefahr beim verzuge ist doch in dieser angelegenheit selten vorhanden Schleiermacher s. w. (1834) I 5, 526; nur unter ihrem (der nacht) schützenden dunkel ist es möglich, zu entfliehen; jeder verzug bringt gefahr Ch. v. Schmid ges. schr. (1858) 2, 11;

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weil die gefahr mit dem verzuge wuchs
Rückert ges. poet. w. (1867) 9, 72;

aber der kaiser sah in dem verzug eine gefahr Ranke s. w. 14 (1875) 188.
im 19. jh. verlagert sich bei gleicher situation die aussage auf die (bei verzug) drohende gefahr, vgl.:

zum reden freilich fehlt jetzt kraft und zeit,
gefahr ist im verzug ...
... ein schlitten steht bereit,
drauf man den tieferschöpften unterbringt; ...
... und vorwärts gehts im fluge
Geibel w. (1883) 2, 233;

aber wo gefahr im verzug war und das wohl der römischen gemeinde keinen aufschub duldete, bedurfte er selbstverständlich nicht der befragung der götter Mommsen röm. staatsrecht (1871) 1, 21. gleichzeitig setzt sich die bedeutung 'gefahr im anzug' durch, sie ist bis heute geläufig: als jetzt gefahr im verzuge war, begab ich mich ... zu madame Heimlich Holtei erz. schr. (1861) 22, 90; vielleicht ist da gefahr im verzuge H. Laube ges. schr. (1875) 14, 145; (der arzt) behauptet, es sei das ärgste (beim kronprinzen) zu fürchten und gefahr im verzuge (1887) G. Freytag br. an s. gattin (1912) 127: wenn wir dies nun doch thun, so sollte man glauben, dasz dringende gründe vorhanden wären, dasz eine gefahr im verzuge vorläge Bismarck polit. reden 1, 14 Kohl; bei gefahr im verzuge konnten auch die landesregierungen einstweilige masznahmen treffen qu. v. j. 1935. terminologisch in juristischer sprachsphäre: dagegen sollen die gewerbeaufsichtsbeamten selbst von dem rechte zu polizeilicher straffestsetzung ... nur bei gefahr im verzuge gebrauch machen hdwb. d. staatswiss. (1898) 4, 498.
B. seit dem 18. jh. auch zu verziehen F 'schlecht erziehen, verwöhnen' (vgl. ver- III 2); s. auch Sanders dt. wb. 2, 2, 1794a; auf den gegenstand des erziehens bezogen; für die heutige mundart fast ausschlieszlich im nd. bereich gebucht, vgl. vatoach ein verzogener mensch Fischer Samland 96a; he is recht so'n lütten vertog (aber auch he is sien vadder sien vertreck) Mensing schlesw.-holst. 5, 439; et is en lütten vertoch jb. f. nd. spr. 29 (1903) 152a; vgl. auch Mi Mecklenb. 103a; Bauer-Collitz Waldeck 32a; dat (kint) is sîn fortôch Damköhler Nordharz 218a; Müller-Fraureuth obersächs. 2, 619. noch unsicher:

verzüge falscher zucht, der wahren keuschheit affen,
der hochmuth hat euch nur zu unsrer qual geschaffen
Haller ged. 4, 139 Hirzel;

im 19. jh. üblicher werdend: kriege ich mein (puppen-) geschirr? ruft der kleine verzug (ein elternloses mädchen) zwischen uns ungeduldig W. Raabe s. w. I 1, 55; ein verzug der familie, der seine schwester Mary auf alle ersinnliche weise neckt und quält (1870) H. v. Olfers ein lebenslauf 2 (1914) 480; die vieljährige ordonnanz ... war, wenn sie erschien, der liebling und verzug des ganzen hauses J. v. Hartmann lebenserinn. (1882) 1, 19; was aber die Marischka beträfe, so sei sie wohl ein verzug, aber kein engel Fontane ges. w. (1905) I 4, 184; so spricht ein liebling des publikums, ein verzug, ein glückskind ebda 28; Franz aber war ja nun wieder Erichs verzug Polenz Grabenhäger (1898) 1, 293; sie konnte es nicht ändern, der husar war nun einmal ihr verzug Clara Viebig d. schlaf. heer (1904) 1, 75; als er aber doch bei seiner behauptung blieb und sagte, sie wäre aller verzug und könne nichts als küssen, strich sie ihr kleid hoch Frenssen Klaus Hinrich Baas (1909) 237. selten als nomen actionis, 'falsche, schlechte erziehung': so glaube ich dennoch, dreist behaupten zu können, dasz in unserer erziehung keine spur vom modernen verzug zu finden war Sophie Schwerin-Dönhoff erinn. 64 Romburg.
C. seltenere bedeutungen.
1) vereinzelt zu verziehen G, 'schnörkel': mit jenen 'verzügen' ... welche das wichtigste anhängsel eines

[Bd. 25, Sp. 2674]


schönen, sonst aber unleserlichen namenszuges sind dt. zeitung (Wien 1882) 3779.
2) in der jagdsprache vereinzelt zu verziehen B 1: verzug machen gleichbedeutend mit verlappen 'eine abzutreibende wald- oder feldstrecke mit tuch- oder federlappen einfangen, damit sich das ausbrechen wollende wild daran schrecke und wieder in den trieb zurückgeht' Train niederjagd 2 (1844) II 220f.
3) zu verziehen B 2, das weg-, fortziehen, umzug: wegen verzugs aus Berlin bei Sanders erg. wb. 684b; der zuzug hatte 2252, der verzug nur 1558 (personen, für die stadt) betragen ebda.
4) in die länge ziehen, strecken; zu verziehen J: es hat deshalb die baumwolle eine längsverstreckung, einen verzug in der maschine erfahren Lueger lex. d. ges. techn. 2, 77; s. auch Prechtl technol. encycl. (1830) 23, 135; das verhältnis zwischen doublierung und verzug (beim garn) Karmarsch-Heeren techn. wb. (1876) 322.
5) im bergbau 'das verziehen (verpfählen) und die durch dasselbe hergestellte zimmerung' Veith bergwb. (1870) 543; vgl. auch Karmarsch-Heeren techn. wb. (1876) 9, 736); ist eine fläche in unterirdischen räumen immerwährend zu schützen, so wird der belag, die belegung dieser fläche mit bretern, bohlen usw. abdeckung genannt, wenn die fläche mehr oder weniger horizontal liegt ... ist sie an der decke, firste oder an den seiten, stöszen des raumes, also mehr oder weniger senkrecht oder geneigt, so heiszt der belag ein verzug Dannenberg-Frantz bergmänn. wb. (1882) 422; die dachfläche (musz) zwischen zwei unterzügen durch verzug gestützt werden Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 4, 791.
6) in der fachsprache des bauhandwerks durchkreuzungsplatz zweier minengänge Mothes ill. baulex. (1882) 4, 428.
7) im bair. auch 'anzug, kleidung': wàs hàst denn du heunt für ə~n vo'zug? wàs hàt denn dé mámsell für ə~ n vo'zug? Schmeller-Frommann bayer. 2, 1098; in dem verzug gartenlaube 23, 503b.
 
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verzügig, adj., zu verzug (s. d.) und in seinen bedeutungsnuancen an dieses anschlieszend, nur für das 16. u. 17. jh. nachweisbar und offenbar nur im obd. sprachgebiet heimisch. 'verzögernd', 'hinhaltend': dargegen und hinwider, war dises der Schweden verzügig oder gantz und gar abschlägig bedencken die hauptursach, dardurch könig Christian ... sie mit kriege feindlich zu überziehen keinesweges wolte unterlassen M. Beuther könig zu Dänemarck (1587) 21; das ir uns ietzo auch vor langsam und verzigig antwurt gnug gegeben hand (Augsburg 16. jh.) städtechron. 5, 410. säumig: das ... durch die inhaber, ire pfleger und ambtleut gar nachlässig und verzügig gehandlt worden solle (1572) österr. weist. 10, 195; dasz sie ... im anhren sich unbeschwert, im antworten nicht verzgig einstellen Agricola gutes aug (1629) 694. spät, verspätet: (sie) wolten mein verzugig haim kommen auf sich nhemen, bei ewr e. gnungsamlich entschuldigen (1505—1540) Scheurl briefbuch 2, 145 Soden-K.
in der rechtssprache, s. DWB verzug 4: exception oder einrede seind zweyerley vnd heissen nemlich etlich peremptorix, auszleschlich, so die hauptsach gar abschneiden, vnd die andern dilatorix verzügig Schwartzenbach syn. (1564) 32b; wo das aber nit beschach, sonder verzugig wäre, mage er (der gläubiger den schuldner) denselben für die herrschaft vordern lassen (mitte 16. jh.) österr. weist. 5, 698; dann damit diser und iedtlicher anderer verkauff krfftig sei, so seind zwar etliche ding hierz notwendig. erstlich, das der schuldner verzgig sei mit der zalung (1566) ganntrecht D 6b.
 
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verzüglich, adj., (ver)zögernd, säumig, sich hinziehend, hinhaltend, langsam. die an verzug angelehnte bildung verdrängt das vom part. zu verziehen ausgehende verzogenlich (s. d.) und ist häufiger nachweisbar als verzögerlich (s. d.). im 16. jh. und vereinzelt bei Steinbach (dt. wb. [1734] 2, 1117) begegnet auch die form verzoglich, verzöglich. lexikalisch ist das wort seit 1601 verzeichnet,

[Bd. 25, Sp. 2675]


jedoch literarisch schon 1499 und wiederholt in rechtssprachlichem zusammenhang belegt. im gegensatz zu der verneinung unverzüglich (s. d.) ist verzüglich jedoch trotz lexikalischen nachweises bis 1783 kaum über das 17. jh. hinaus lebendig (nur im schwäb. verbreitet nach Fischer schwäb. 2, 1433; s. auch və'züglə' bei Schmeller-Fr. 2, 1099); vgl. verhinderen, auffhalten, hinderlich, verzüglich sein Apherdianus meth. discendi (1601) 236; dimorante, tardante verzüglich, auszbleibend, verziehend Hulsius dict. (1618) 2, 124a; ein gar verzüglicher mensch un huomo in dugioso, un badalone, badalucco verzögerer Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1459c; verzügliche schutzreden exceptiones delatorix Haym jur. lex. (1738) 1262; eine verzügliche einrede, ausflucht une exception dilatoire Schwan nouv. dict. (1783) 2, 948b. 'zögernd': wann man aber dieses forchtsam und verzuglich thut, ist es nicht gut H. Frölich offenb. d. natur (1591) 594. 'zögernd, hinhaltend': es sind auch die bepst sehr vbel mit zufrieden gewesen, das keyser Carolus so langmtig vnd verzglich handelte wider die Lutheraner Nigrinus widerlegung d. ersten centurie (1570) z 2b. 'säumig': das sie ... solch verspirenden verdacht der ordenlichen obrigkeit alsobolt entdecken und sich durch verzigliches nachsechen der stroffen ... nit auch selbst thailhaftig machen (17. jh.) österr. weist. 1, 125. 'langsam': dieses noch zu gedencken, dass auss dess menschen gang füglich abzunehmen, ob er in seinem thun vnd lassen, worten vnd gedancken, behend oder verzüglich seye Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. 1 (1641) G 6b. 'aufschub bewirkend, ausweichend': hret den advocaten in jhren verzglichen auszflüchten nicht zu Lehmann floril. polit. (1662) 2, 683; Erato gibt ihnen eine verzgliche antwort Lohenstein Arminius (1689) 1, 193. 'schleppend, stockend': merck wie verzüglich der alt redt von louffen müde, zittren vnd hsten vnd kychen Terenz deutsch (1499) 46b; nur vereinzelt später, im sinne von 'hinhaltend': der kaiser gab ihm (Tilly) ... vollmacht, mit Johann Georg wegen 'wirklicher deponirung der waffen' zu verhandeln. würde er sich nicht dazu bequemen, 'sondern einen abschlägigen oder auch nur einen verzüglichen bescheid erfolgen lassen', so sollte Tilly ... 'das vorzunehmen bedacht sein, was er ... für gut ansehen und ermessen würde' Droysen Gustaf Adolf 2 (1870) 378. —
 
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verzüglichkeit, vereinzelt verzoglichkeit, f., zu verzüglich, verzoglich (s. auch verzug), ebenfalls im 15. bis 17. jh. bezeugt: welch erfarung mir mit langer verzoglickkeit und merglichen schaden, mit enperung meins haubtgutz und mit der beruchtung fur hielten (1471—1564) chron. d. st. Elbogen (1879) 76; dieweil wir itzt aus bewegenden euch wissenden ursachen in toglicher kriegsrustung stehn, sich auch dieselb vielleicht in verzuglicheit begeben möcht, so will ... die hochunvermeidliche nottorft erfordern (1542) polit. korresp. Moritz v. Sachsen 1, 405; deren hefftig andringen, durch darzwischen kommende verzglichkeit entweder erkaltet: oder wol gar auff ein bse that und trwlosigkeit auszgehet und sich endiget Haganaeus v. unterweisung z. weltl. regim. (1599) 287; weszwegen sie auch vor gott und der welt schuldig sein, neben gebhrender zinszrichtung das interesse solcher jhrer verzglichkeit halb, den creditoribus zustehenden verlust und schadens abzutragen B. Lang zinsz scharmützel (1645) 214; eine jede expedition (wird) an gehrigen orten gefertiget und ohne verzgligkeit ... spendirt Schupp schr. (1663) 105; diesen seinen irrthum merckte Diclacus Almagrogar spat, nicht ohne bereuung der verzglichkeit Francisci traur-saal (1672) 3, 369. —
 
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verzuglos, adj., 'unverzüglich':

mein fürst, du muszt, wenn du die gnade haben willst,
verzuglos dich nach Helakon verfügen
H. v. Kleist w. 2, 365 E. Schmidt;

(wir) werden auch eine verzuglose ... erklärung hierüber als eine gunstbezeugung aufnehmen Göthe-jahrb. 9, 49.

[Bd. 25, Sp. 2676]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) verzugsfähigkeit, f., zu verzug C 4: da ... die verzugsfähigkeit mit zunehmendem drahte abnimmt Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 7, 566. —
 
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verzugsstrafe, f., zu verzug A 4: bemerkenswert ist die ... verpflichtung zur zahlung ... einer ... verzugsstrafe hdwb. d. staatswiss. (1898) 3, 1190. —
 
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verzugszins, m.: interesse morae der verzugszins Voigt hdwb. f. d. geschäftsführung (1807) 2, 39. sonst nur im plural gebräuchlich. als juristischer begriff seit der 2. hälfte des 18. jhs. nachweisbar; zur definition vgl.: liegen dem eigentümer gegenüber die voraussetzungen vor, unter denen ein schuldner in verzug kommt, so gebühren dem gläubiger verzugszinsen aus dem grundstücke BGB § 1146; wer ... mir meine forderung nicht ... bezahlt hat, der ist mir verzugszinsen zu geben ... verbunden allg. dt. bibl. (1765) 92, 20; (es) laufen die verzugszinsen erst vom siebenten monate nach übergabe der waare an gerechnet Krünitz öcon. encycl. 219 (1854) 588; eben diesen zinsfusz bestimmte der genannte deputationsabschied für die verzugszinsen Eichhorn dt. staats- u. rechtsgesch. (1823) 4, 524; abhängigkeit ... der verzugszinsen von der principalobligation Jhering geist d. röm. rechts (1852) 2, 2, 395; von der gewährung von verzugszinsen ... ist nirgends die rede Doren Florentiner wolltuchind. (1901) 187; bei anrechnung von 6 ^% verzugszinsen wegen der ratenweisen prämienzahlung Czuber wahrscheinlichkeitsrechn. (1910) 2, 337.
 
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verzump(f)en, part. prät. zu verzimp(f)en (s. verzimpern und zimpfen, zimpfer; auch zumpfen). im 16. bis 18. jh. sporadisch belegt in der bedeutung 'empfindlich, verzärtelt' (s. zimperlich); meist aber mit negativem beiklang 'auf eine affektierte art sittsam', 'geziert', bes. von der rede (vgl. dazu auch verzwunzen). zum lexikalischen nachweis vgl. supplantare verba verzumpffen reden Corvinus fons lat. (1646) 634; die jungfer ist verzumpfen nimiam verecundiam prae se fert atqve ostentat haec virgo, wenn sie das maul einziehet und in falten leget Stieler stammb. (1691) 2634; die jungfer zumpfet, thut gar zümpferlich, ist gar verzumpfen questa damigella fà la modesta, vergognosetta, schifetta, fà la nimfa, la santa nafissa Kramer teutsch-it. 2 (1702) 1484b: gleich wie wir Deudschen von den weybern sagen: sie ist so zart und verzumpen, sie griffe nicht ynn ein kalt wasser, es lstet sie denn Luther 23, 609 W.; das zarte verzumpen land, das bisher ... guter tage und ehren gewonet ist ebda und 611; steht mirs nu nicht so wol an, als einem andern, oder kans auch auff die newe weise so hflich und verzumpffen nicht machen, als ein ander, soll mir doch daran gnugen Wicelius annotationes (1536) a 2b;

so gar vorzumpffen kundt ich thun,
in meinen schmal geschnürten schun,
die ich mir hat zu meiner strassen,
nach art der edlen machen lassn
Ringwaldt christl. warnung (1588) G 8b;

Gaminde sieht so ernstlich ausz,
sie kan fr allen junggesellen
sich so verzumfen stellen,
wenn sie ihr sprechen zu:
dasz man sie vor die keusche dirne ...
halten solt'
Stieler geharnschte Venus 95 ndr.;

sie (die frau) darff, so lang sie will, früh in dem bette ruhn,
und überhaupt nicht mehr so gar verzumpen thun
Henrici ged. (1727) 1, 394;

ist sie (eine frau) verzumpen und schamhafft, heisse sie eine bäuerin slg. allerh. auserl. moral- u. musterstücke (1737) 1, 256;

o! sie piepen wie ein huhn,
viele legen sich aufs naschen,
die so gar verzumpen thun,
lieben reich gefüllte flaschen
Spindler unschuldige jugendfrüchte (1745) 153.

vereinzelt auch als verzümpt (vgl. verzwunzt neben üblichem verzwunzen):

[Bd. 25, Sp. 2677]


als er jüngst bey uns im kirch-stul sasz,
so that er zwar verzümpt, als wenn er sprüche las
Henrici ged. (1727) 4, 192.

mundartlich verzumpfen 'verzärteln' Weise Altenburg 126; Hertel Thüringen 266; Müller-Fraureuth 2, 706a.
 
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verzünden, vb., vereinzelt bei Luther 'in brand setzen, verbrennen': da (gott) die szöne Aronsz ... vertzundet fur dem alltar, darumb das sie kolen ynsz reuchfassz namen, andersz wo denn von dem alltar (1522) 10, 1, 2, 184 W. bei Rosegger einmal im sinne von 'nutzlos, sinnlos verbrennen (lassen)': und doch verzünden die menschen in ungeheurer mehrzahl ihren geist, vertropfen ihr herzblut in diesem nichtigen schr. (1895) II 8, 410. sonst in obd. mundart (s. Unger-Khull steir. 228b), sowie in der gaunersprache 'verraten, anzeigen, verleumden', vgl. Avé-Lallemant gaunerthum 4, 619; Kluge rotwelsch 413; Ostwald rinnsteinspr. 163: der alte giftnickelpilz vom Bisamberg wird uns beim grafen verzünden Pöhnl dt. volksbühnenstücke (1887) 2, 426; ich kanns nit sagen, wer dö sach verzunden hat, aber mit einmal krieg'n wir allz'samm' a vorladung vors kreisgericht Anzengruber ges. w. (1890) 4, 67.
 
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verzupfen, verzopfen, vb., zu zupfen (s. d.), u. zwar im anschlusz an zupfen 2, zupfend zerkleinern oder verbrauchen, vgl. Campe 5 (1811) 409a; in technischer verwendung: Fischer schwäb. 2, 1434; im schwäbischen auch verzopfen auseinanderrupfen, verrupfen ebda 2, 1434, vgl. auch Martin-Lienhart 2, 912:

der adler (kaiser Ferdinand II.) verlor scepter, kron,
an federn stark verzopfet,
und kam beim leben hart darvon:
so blosz war er geropfet bei
Opel-Cohn dreiszigj. krieg 97, 3;

ballenbrecher ist eine ... maschine, welche das verzupfen der baumwollumpen am stock von hand ersetzt Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 1, 794; nur geht ihr (der sängerin) der wahre feine ringende geschmack im cantabile ab, sie verzupft alles Mozart bei O. Jahn Mozart (1856) 3, 133. zu zupfen 11 (s. DWB zoffen, zaufen) als 'zögern, abwarten' (?):

er hat fürwar gar lang verzupft,
wie fast man in dick hat gestupft
und in gereizt z zoren hist. volkslieder 4, 134 Liliencron.

 

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