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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
ausreisen bis ausrennen (Bd. 1, Sp. 932 bis 934)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) ausreisen, decidere, abreisen, nnl. uitrijzen: was nu von diser regel abweicht und von diser göttlichen ordnung ausreiset, das ist unecht. Melanchth. im corp. doctr. chr. 429; besser ist es ein wenig zu früh, als ein wenig zu spat anfangen (ernten), weil, wann es überzeitigt, viel ausreiset. Hohberg 2, 51a; so ist der sand nach und nach ausgeriesen (aus dem löcherigen geschirr gefallen). 1, 694b. s. abreisen.
 
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ausreiszen , evellere, rumpi, discedere.
1) die transitivbedeutung vellere ist die ursprüngliche: haare, bart, zähne, augen, zungen, hörner, federn, kräuter, blumen, bäume, wurzeln, steine, felsen ausreiszen, gewaltsamer als ausziehen, bei haar, bart, feder, pflanze gleichbedeutig mit ausraufen. nachdem man die steine ausgerissen hat. 3 Mos. 14, 43; wiltu den leuten auch die augen ausreiszen. 4 Mos. 16, 14; ir hettet ewer augen ausgerissen und mir gegeben (goth. augôna izvara usgrabandans). Gal. 4, 15; denn dein olebawm wird ausgerissen werden. 5 Mos. 28, 40; sihe, ich setze dich heute dieses tages uber völker und königreiche, das du ausreiszen, zubrechen, zerstören und verderben solt, und bawen und pflanzen. Jer. 1, 10; sihe ich wil sie aus irem lande ausreiszen. 12, 14. 15. 17; fur welchem der fordersten hörner drei ausgerissen wurden. Dan. 7, 8;

[Bd. 1, Sp. 933]


der teufel im die sel zum leib ausrisz.
Uhland 151;

man musz euch zung zum nack ausreiszen.
H. Sachs IV. 3, 23d;

dasz im die braut im schlaf die augen ausrisz. Garg. 61b; risz den mucken die füsz aus. 129b; pfawenfedern ausreiszen lassen. Philand. 1, 11; reiszt pohl und acklei aus. Fleming 49;

wer geprüften rath verachtet
und ihn (Amors pfeil) auszureiszen trachtet,
der zerfleischet ganz sein herz.
Bürger;

über jeden (aus der mitte, dem zusammenhang) ausgerissenen punkt. Fichte sonnenkl. ber. 161; im heftigen schmerz sich die haare ausreiszen. einem den ermel ausreiszen, ihn zum dableiben nöthigen, scheint blosz nach dem lat. paenulam alicui scindere.
2) einigemal für entreiszen, eripere, aus der hand reiszen:

so thut der vater auch,
der alles hat erzeugt, und reiszt uns dem gebrauch
der scharpfen güter aus, darein ein mensch sich stechen,
ja seel und hals zugleich darüber könte brechen.
Opitz 1, 64;

Hermann reiszt dem Manlius den hauptadler aus. Lohenstein Arm. 1, 3.
3) sich ausreiszen, se evellere: saget zu diesem maulbeerbawm, reisz dich aus und versetze dich ins meer, ἐκριζώθητι, goth. uslausei þuk us vaurtim. Luc. 17, 6; ich wil ausgehen, ich wil mich ausreiszen, vulg. me excutiam. richt. 16, 20; wie der mönch sich von der wacht ausrisz, die in verwart. Garg. 255b; ich will andern von den königen zu reden gern gönnen, und mich mit dem niderträchtigen völklein uberwerfen und ausreiszen (je parlerai des gens de bas estat). groszm. 47; so hast du zimlich vil gelernet und wirst dich in der welt wol wissen auszureiszen (durchzuschlagen). Schuppius 838.
4) weit üblicher als diese reflexive form ist die intransitive, mit dem sinn von rumpi, discedere, ausbrechen, sich auf die flucht machen: die naht reiszt aus; der knopf reiszt immer aus; das kleid, der ermel, das band reiszt aus, bricht, zerfasert sich; der damm reiszt aus, das wasser, die flut reiszt aus, durch den damm und figürlich, aber schön: die geduld reiszt aus, geht aus, bricht, patientiam aliquis rumpit, der geduldsfaden reiszt ab. durch sein wort wehret er dem meer, das es nicht ausreisze. Sir. 43, 25; der art seind, die mitten in der passion weit ausreiszen (davon gehn). Luther 1, 167a; als er nu hinein komen, brach und reisz er aus zu allen seiten. 3, 336b; darumb ist Herzheimer zu rathen, dasz er bei zeit und mit ehren ausreisze. Luther br. 4, 503; ausreiszen und davon fliegen (vom adler). weidwerk 2, 9a; geschwindigkeit, dardurch er (der hase) den hunden ausreiszt (entrinnt). 1, 86a;

wir zwen armen verräther
rissen aus wie das schäfen leder (schafleder).
Ayrer 321b;

wie wann die nachtigal, vom keficht ausgerissen,
hin in die lüften kömpt.
Opitz Zlatna im eingang;

schweig, eh ich ganz beginn in eifer auszureiszen. 1, 172;

die sprache, für der vor viel feind erschrocken sind,
vergaszen wir mit fleisz und schlugen sie in wind.
bis euer groszes herz ist endlich ausgerissen,
und hat uns klar gemacht, wie schändlich wir verlieszen
was allen dort gebührt. 2, 45;

ein pferd, das immer zu bei vollem futter stehet,
das nie geritten wird, nie an den wagen gehet,
wird wilde, beiszt und schlägt, trägt keinen reuter nicht.
so reiszt der mensch auch aus, wann ihn der haber sticht. 3, 272;

dergleichen krieg pflegt gott uns menschen gut zu heiszen,
und pfleget selten auch zum ärgsten auszureiszen. 3, 303;

des Ephraim geschlecht, im bogenschieszen
wol ausgeübt, ist dennoch ausgerissen
und von der schlacht geharnischt durchgegangen. ps. 149;

wo ist der fürst? 'er blieb noch, als ich ausgerissen.'
Gryphius 1, 72;

doch meine jugend liesz selbst ihre blum abwehen,
als mich der westenwind der geilheit überfiel,
bald risz ich weiter aus und uberschritt das ziel. 1, 246;

welch geheimnis, das euch durch die lipp ausreiszt? 1, 695;

wann nicht gequälet würd der mann von so viel plagen
des argwohns, des verdachts, der furcht, der angst, der klagen,
der marter und der pein, so endlich gar ausreiszt
in ein unsinnigkeit, und so man eifer heiszt.
Werders Ariost 30, 1;

wo ansehn mehr nicht ist, wil auch nicht folge sein,
wo folge reiszet aus, kan ordnung nicht bestehen.
Logau 2, 3, 64;

wir reiszen aus, verfolgt!
Günther 125;

die gedult selbst, wenn sie zu oft angegriffen wird, beginnet mit der zeit empfindlich zu werden und auszureiszen. Hahn

[Bd. 1, Sp. 934]


4, 164; meine geduld wird ausreiszen. Lessing 2, 482; er erhörte mich, antwortete die gemse, da ich ausrisz und gebar. Herder 9, 47;

nun wollte sie
an die liebe,
da risz ich aus.
Göthe 5, 217;

ausreiszen ist das deutsche wort für desertieren: drei soldaten rissen heute nacht von ihrem posten aus; einige bemerkten, ich sei von armer familie, dazu ein ausgeriszner soldat. der arme mann im Tockenb. 204. vgl. austreten.
 
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ausreiszen, n. fuga: wann es an ein ausreiszen gehet. Reutter 27.
 
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ausreiszer, m. desertor, überläufer, der seine fahne verlassende soldat. auch bergmännisch, ein erztrumm, das sich vom hauptgange zu tage wendet.
 
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ausreiszig, seinen posten verlassend? item es soll auch keiner nach besetzter wacht ausreiszig sein. Fronsp. kriegsb. 1, 118b.
 
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ausreiten , nnl. uitrijden, in mehrfacher bedeutung,
1) evehi equo: wir sind gestern von Berlin ausgeritten; der herr ist nicht zu hause, er ritt eben aus; mhd.

sus reit er ûʒ und lieʒ in dâ. Iw. 963;

nhd. mit lust tet ich ausreiten
durch einen grünen wald.
Uhland 60;

und da der hübsche schreiber
zu der hohen tür ausreit. 229;

ich will zu land ausreiten. 330;

es begab sich einmal auf ein zeit,
dasz der reich karge man ausreit,
der reich man was geritten aus,
ein betler kam im für das haus. 737;

wenn ir den firwitz recht betracht,
den dann wir weiber han zu zeiten,
ir lieszt uns nit als viel ausreiten. fastn. sp. 388, 13;

und die reitende boten auf den meulern ritten aus schnell und eilend. Esth. 8, 14.
2) equum vehendo exercere: das pferd soll öfter ausgeritten werden; wenn Stein noch zu haus ist, sagen sie ihm, ich möchte gern das neue pferdchen stallmeisterlich ausreiten. Göthe an fr. von Stein 1, 98. im scherz, ich will meinen neuen mantel ausreiten, den leuten zeigen.
3) percurrere equo:

ein gebäude steht da von uralten zeiten,
es ist kein tempel, es ist kein haus,
ein reiter kann hundert tage reiten,
er umwandert es nicht, er reitets nicht aus.
Schiller 74a.


4) exterere calcando ungulis equi: der haber wird ausgeritten, auf der tenne von pferden ausgetreten.
 
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ausreiter, m. apparitor equester, excursor.
 
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ausreitern, cribro secernere.
 
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ausreizen, excitare: ob sein ordnung hiemit gehindert, zertrennt, oder in ander weg ausgereitzet und von einander gebracht. Fronsp. 1, 165b;

reichtumb, gailheit, stolz und pracht
hat die pfaffen so verbaitzet,
und gelehrter laster macht
hat sie so weit ausgeraitzet,
dasz verkehret sie jetz seind
gottes feind, des teufels freind.
Weckherlin 506.

ein selten gebrauchtes wort, mit nicht ganz klarer bedeutung.
 
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ausrenken, luxare:

die mutter komm und schau ihr umgesprütztes blut,
die ausgerenkten arm.
Gryphius 1, 522;

dasz sie rücklings vom sessel fiel und einen schenkel ausrenkte. Musaeus 4, 36; sich eine hüfte ausrenken. J. Paul uns. loge 3, 29; durch solche ausgerenkte maximen, halbverstandene gesetze und zersplitterte lehren. Göthe 25, 10.
 
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ausrennen, excurrere, zumal gegen einen, wider etwas: mhd.

daʒ sîn hûsfrouwe oder sîn friundîn
iht sprechen, er sî mit lammes vellen
ûʒ gerant gên riters vellen. Renn. 21 530.

beide reiter rannten heftig gegeneinander aus; er rannte in gerader richtung aus wider das scheuerthor; die stelle, von wo man ausrannte; und nun liesz man die einbildungskraft ausrennen. Wieland 14, 357. transitiv, bis wir uns das gehirn an einander ausgerennt haben. Tieck 2, 139.