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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
ausrechnung bis ausreifen (Bd. 1, Sp. 929 bis 932)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) ausrechnung, f. computatio, calculus: ausrechnung der gestirnwinkel. Fischart bienenk. 11a; nach meiner ausrechnung müste er ihnen, wo nicht von liebe, doch wenigstens von verehrung vorgeredet haben. J. E. Schlegel 2, 190; ich hätte den ausrechnungen der kalten vernunft gehör gegeben. Wieland 27, 276; eine genaue ausrechnung. Kant 8, 304.
 
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ausrecken, extendere, nnl. uitrekken, ausstrecken, hand, arm, finger, hals, zunge: recket seine hand aus und fasset das messer, das er seinen son schlachtet. 1 Mos. 22, 10; recke deine hand aus uber die wasser. 2 Mos. 7, 19 und sehr oft in der bibel; nicht wissen noch gesehen haben die züchtigung des herrn, seine mechtige hand und ausgereckten arm. 5 Mos. 11, 2; ich hab meine hende ausgereckt zu dir. Luther 1, 42a; denn als ich meine arme ausreckt. Felsenb. 3, 259; sie recket die hand aus, der gabe zu nahen. Göthe 3, 4; gewöhnlich kann man die breite der gasse mit ausgereckten armen messen. 27, 104; in den weisthümern häufig, mit ausgereckten fingern schwören; mit ausgerecktem halse und aufgerichtem haupte einher treten. Lauremberg acerra 247. es heiszt aber auch finger, hals, ohr aufrecken (w. m. s.). stab und stecken ausrecken: recke deinen stabe aus, und schlag in den staub auf erden. 2 Mos. 8, 16; da recket der engel des herrn den stecken aus, den er in der hand hatte. richt. 6, 21; recke den zauberstab aus! Zachariä 2, 85. abstract, wir sagen, das gott nicht ein solch ausgereckt, lang, breit, dick, hoch, tief wesen sei. Luther 3, 461b; nun will ich ihn gern nicht auffordern, mir doch ein ähnliches so ausgerecktes gleichnis bei dem Tullius zu zeigen. Lessing 6, 235; hergegen fällt die stelle recht wol aus, wenn die ausgereckten, wackelnden, hexametrischen in kürzere, straffere, jambische glieder zusammen gezogen werden. Bürger 243a; äuszerst fratzenhaft erscheint der arme T., der, nachdem er nun zeitlebens gesungen und gezwitschert hat, wie ihm von der lieben natur die kehle gebildet und der schnabel gewachsen war, seine individnalität durch die folterschrauben der neuen philosophischen forderungen selbst auszurecken bemüht ist. Göthe an Schiller 347; die bemühungen seiner collegen, den staatskörper zu einem anagramma auszurecken, erhielten von ihm den verdienten beifall nicht. J. Paul Hesp. 2, 74. sich ausrecken, erstrecken, ausdehnen:

vom felsen, der gar hoch sich übers meer ausreckt,
hett er sich nabgestürzt
Werders Ariost 5, 57;

[Bd. 1, Sp. 930]


da kann sich meine seele ausrecken. Klingers th. 2, 271. Heute wird dem ausrecken vorgezogen ausstrecken, wenn von reichen, ausdehnen, wenn von erweitern die rede ist; man sagt die zunge, den fusz ausstrecken, aber das leder ausdehnen, seine macht, die grenzen des landes ausdehnen.
 
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ausrede, f. pronuntiatio, excusatio, praetextus, aussprache, ausflucht, entschuldigung.
1) für aussprache: ob aber die schlesische ausrede der meisznischen für zuziehen, lasse ich hochdeutsche redeerfahrne urtheilen. Hanmann zur poeterei s. 169; dasz ich im schreiben der frembden wörter nach der hochteutschen sprache und ausrede gangen. Olearius vorr. zur pers. reiseb.; ihre sprache und ausrede fält auf die tartarische art. 3, 4; nach der teutschen ausrede. pers. rosenth. 7, 6; ihre sprache prächtig, und ihre ausrede klang in den ohren der frembden um so viel schrecklicher. Bünau 1, 60; ihr höret und wisset, dasz ich eine unförmliche und sehr schwere ausrede habe, welcher fehler an meiner zunge liegt. Felsenb. 4, 441; sie habe eine ausrede wie ein mann. Hildburgh. diebsbande s. 49. in diesem sinne veraltet.
2) das gesprochne wort:

und so erbaulich
predigte, dasz hell tönte die ausred, auch in die winkel.
Voss 1, 178.


3) entschuldigung, ausflucht: doch musz ich zuvor eine ausrede thun auf etliche bezichtigung, so sie auf mich treiben. Luther 1, 400b; nit ausred hab! Uhland 601; keine ausrede suchen. Wickram rollw. 64b; solcher faulen ausreden müszig stahn. Garg. 181b; ausred vorbringen. Simpl. 2, 233; es ist besser gar nicht geboren sein, als dieser missethat zur ausrede dienen. Schiller 186; nur ein fürstenthum kann meinem geschmack zur erträglichen ausrede dienen. 188; er hat allemal eine ausrede; er braucht ausrede; nur keine ausrede!
 
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ausreden , eloqui, pronuntiare, loquendi finem facere, excusare, dissuadere.
1) eloqui, aussprechen, ausdrücken: er ist so heiser, dasz er kaum ausreden (ein wort hervor bringen, reden) kann; wer kan die thaten des herrn ausreden? ps. 106, 2; wer wil seines lebens lenge ausreden? Es. 53, 8; ich wil euch geben einen mund, das ist ein ausreden und sprechen, und weisheit, dem nicht mügen sollen widersprechen alle euer feinde. Luther 1, 466b; nu ist bei allen schriftkündigen ungezweivelt, das Gabriel hie rede nicht von tagwochen, da sieben tag ein wochen machen, sondern von jarwochen, da sieben jar ein wochen machen, wie die schrift pflegt auszureden. 2, 247a; welche sprache hat die art, das sie die stücke das ist mein leib u. s. w. also verstehe oder ausrede? 3, 78; welchs die andern evangelisten also ausreden. 3, 88b; Carlstad kan nichts ordentliches fassen oder begreifen, vielweniger ausreden oder schreiben. 3, 89b; das ein Deudscher möcht s. Lucas text bei sich also ausreden, dieser becher ist das newe testament des bluts Christi halben? 3, 494b; und würde gott geben, das es auch frucht schaffete, mehr denn jemand ausreden möcht. 6, 35a; welches kein mensch ausreden noch mit gedanken erlangen kan. 6, 203b; des bapstes büberei kan man mit worten nicht ausreden. Luthers tischr. 241. 242; und ist nicht wol mit worten auszureden. Melanchth. im corp. doctr. christ. 165; allerlei latine auszureden. Mich. Neander bedenken 28; ein prediger hoher kunst und treflichs ausredens (vortrags). Kirchhof wendunm. 461; weil sie (die Rugianer) rauhe, oder wie wirs Pommern ausreden, ruge lüde an kopf und bärten gewesen sein. Micrälius 1, 87; es musz ein mensch ihm erstlich etwas in seinem gemüte fassen, hernach das, was er gefaszt hat, ausreden. Opitz poeterei 29; Seneca, als er das wort ἀπάθεια wil lateinisch geben, sagt er, so ers wolte mit einem worte ausreden, möchte es in eine vieldeutung gezogen werden. Hanmann zur poeterei s. 127; wenn ich in Persien ein wort nach unserer pronunciation ausreden und etwas fragen wollen, hat kein Perser gewust, was ich gewolt. Olearius vorr. zur pers. reiseb.; sie haben kein r, daher sie auch wörter, so diesen buchstaben haben, nicht ausreden können. das.;

welcher der gröszere sei, redet die parze nur aus.
Göthe 1, 380;

er kommt von Rom und holt mich ab. wir haben
viel auszureden, abzuthun. entschlüsse
sind nun zu fassen. 9, 115;

denn er redet gar manches in seiner heftigen art aus,
das er doch nicht vollbringt. 40, 275.

in einzelnen dieser stellen kann auch zu ende reden, durchsprechen gemeint sein.

[Bd. 1, Sp. 931]



2) perorare, finem dicendi facere, fertig reden: und der herr gieng hin, da er mit Abraham ausgeredt hatte. 1 Mos. 18, 33; und ehe er ausgeredt hatte. 24, 15; un da der herr ausgeredt hatte mit Mose. 2 Mos. 31, 18; nachdem er aber vor dem volk ausgeredt hatte. Luc. 7, 1; er mocht dise wort kaum ausgereden. Garg. 263b; wenn wir unser herz ausgeredet haben. Gellert; kaum ausgeredt. Uhland 619; als er das wort kaum ausgeredet. Lokman fab. 14; aber er musz mich ausreden lassen. Schiller 207a; weiter! reden sie aus, eher kommen sie nicht von der stelle. Göthe 14, 183; hast du bald ausgeredet? lasz mich nur ausreden.
3) excusare, was gefaszt werden darf: sich oder einen heraus, aus der sache reden; niemand ist damit entschüldiget, das im seine oberkeit so hart den kelch verbeut, als solt hie der gehorsam und furcht der strafe uns ausreden mögen. Luther 5, 263a; doch ist das urteil noch nicht gangen, das er noch mag raum haben sich auszureden. 5, 375b; ich will sie nit ausreden und entschuldigen von sünden Frank trunkenh. H 2a; ob du schon auf meine wort dich ausreden und beschönen kanst. Kirchhof wendunm. 51a; welcher, da er für den fürsten kam, wenig hette, darmit er sich ausreden mochte, ward derhalben in gefengnis gezogen. 450b; da sich der mann ausgeredet hatte. wegkürzer 7; das vergnügen zu hören, wie ein solcher mann sich ausredt. Lessing; es redt sich immer einer mit dem andern aus; so gehts mit dem ausreden! Göthe 14, 298.
4) einem ausreden, dissuadere: einem den aberglauben, den hasz ausreden, ihn davon abbringen. Stieler 1545; und hättest d tausend zungen, du solltest mir meinen vorsatz nicht ausreden. Göthe 18, 5; die er sich vom aufgeklärten stadtbewohner niemals wird ausreden lassen. Tieck ges. nov. 1, 36; er läszt sich nichts ausreden. diese ausdrucksweise, welche Adelung nur dem gemeinen leben zueignen will, scheint erst im 18 jh geläufig zu werden und auf ein volleres einem etwas aus dem sinn, aus den gedanken reden zurückführbar: als sie Eckarthen so bestürzt sahen, wolten sie ihm alles aus dem sinne reden. unw. doct. 652. beides aber klingt edel und unanstöszig.
 
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ausredlich, effabilis, unausredlich ineffabilis. Stieler 1545.
 
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ausregnen, desinere pluere, nnl. uitregenen: es hat ausgeregnet, pluvia cessat, die wolke hat sich ausgeregnet. dann auch transitiv, pluendo cavare: die wege sind ausgeregnet;

dann durch haselgebüsch den ausgeregneten pfad auf
steigen sie.
Voss 1, 20.


 
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ausreiben , exterere, nnl. uitwrijven,
1) ähren ausreiben, exterere spicas, die körner aus den ähren reiben und essen, goth. raupidêdun ahsa jah matidêdun bnauandans handum, ἔτιλλον ψώχοντες, Luc. 6, 1, ags. ear pluccedon and mid heora handum gnidon, vgl. Matth. 12, 1. Marc. 2, 23 und 5 Mos. 23, 25; im Schwabensp. 172 s. 168 Wack. unde gêt ein man in einen esch, er sol der eher brechen mit sîner hant und rîbe die und eʒʒe des kornes; du solt in diu korn gân und solt des roggen rîben. MS. 2, 101a; und sättigte mich mit ausgeriebenen waizen. Simplic. 1, 67.
2) kleider ausreiben, exterere maculas, die flecken aus den röcken reiben, den koth ausreiben:

habt ihr viel kleider sampt den weiben,
habn die magd dest mehr auszureiben
und die schaben dest mehr zu fressen.
H. Sachs I, 471d.


3) die augen ausreiben, sich die augen ausreiben, den schlaf ausreiben, den schlaf aus den augen reiben:

kaum die augen ausgerieben, kinder, langeweilt ihr schon?
Göthe 41, 207.


4) einem beim bad die haut ausreiben, einen ausreiben (vgl. abreiben), defricare, hart ausreiben, aspere tractare: so hett ich es gut im sinn, ich wolt ihm das bad gesegnet und ihne ausgerieben haben. lebensb. Götz von Berl. 103;

si hand einander wüst usgriben,
sind doch bi alten eren bliben. fastn. sp. 896, 7;

du hast uns trocken ausgeriben. Garg. 135a, im trocknen prügelbad; mich vor aller welt also uszriben! mich so öffentlich mishandeln!
5) die schuster reiben, mit einem eignen ausreibholz, die nähte an den schuhen aus, machen sie eben. auch fehlerhafte zeichnungen werden ausgerieben.
 
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ausreichen , extendere, attingere, erreichen, hinreichen, nnl. uitreiken.
1) ausreichen, ausstrecken, darreichen: beide armen ausreichen, extendere. unw. doct. 684; zum fenster ausreichen.

[Bd. 1, Sp. 932]



2) erreichen, durch ausstrecken: der apfel hängt zu hoch, du kannst ihn nicht ausreichen; zu kurzsichtig, mein ganzes auszureichen, zu kleingeistisch mein groszes zu begreifen. Schiller 102; wenn das genie des acteurs nicht beides ausreichen kann. 699.
3) ausreichen, auslangen, auskommen, satis habere: der schneider reicht mit dem tuch, der maurer mit dem kalk nicht aus.
4) ausreichen, satis esse, hinreichen: das tuch, das geld reicht nicht aus; ausreichend, sufficiens; ausreichend unterstützt;

das arme thier
schien kaum belebt genug bis Bagdad auszureichen.
Wieland;

über das allgemeine, was in den wanderjahren etwa beabsichtigt, in welchem sinne sie geschrieben, haben sie gar manches gute und ausreichende gesagt. Göthe an Rochlitz 57.
 
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ausreichen, n. extensio: nun merken die ding wol und eben, denn sie haben ein weit ausreichen (weite ausdehnung). Paracelsus 2, 170a.
 
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ausreichlich, sufficiens, hinreichlich: eine ausreichliche, ausreichende summe. vgl. reichlich.
 
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ausreifen, justam capere maturitatem: heuer reifen alle früchte herlich aus; ausgereiftes obst, poma matura et sole cocta; in deinen erquickenden strahlen reift ich zum menschen erst aus. Fr. Müller 1, 19.