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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
fühlen bis fühlfusz (Bd. 4, Sp. 415 bis 418)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) fühlen [fülen], n. , der inf. des vorigen verbums substantivisch. im 14. jh. steht in derselben weise das zusammengesetzte gefüelen: aber die sëlben, sô sie hër nâch mê minne gewinnent, sô haben sie lîhte niht als vil gefüelens und enpfindens. Eckhart 553, 32. einfach das fühlen findet sich erst nhd. und zwar in allen bedeutungen des transitiven fühlen.
1) prüfendes berühren mit den fingerspitzen, prüfendes angreifen, überhaupt prüfendes berühren: mit tappen (palpando) suchen wir, was wir nicht sehen. und das ist der erste sinn, nemlich das fühlen (tactus). Comenius sprachenthür s. 97 nr. 323; das fülen ist der grund aller sinnen, tactus omnium sensuum basis et fundamentum est. Stieler 580; alle drei gelenke (der

[Bd. 4, Sp. 416]


fühlhörner der groszen kothwanze) sind, wegen des fühlens, mit sehr subtilen härlein besetzt. Frisch beschreibung v. allerlei insecten (Berl. 1720) 10, 23.
2) eine wahrnehmung durch wirkung auf die finger, eine wahrnehmung durch wirkung auf einen körpertheil oder auf den körper. in letzterem sinne: Gehasi ... legt den stab dem knaben aufs andlitz, da war aber kein stim noch fülen. 2 kön. 4, 31.
3) empfänglichkeit für sinnliche oder geistige erregung, wahrnehmung durch sinnliche oder geistige erregung: richte und urtheile nit nach deinem fühlen, sondern nach gottes wort. Luther tischreden 260b; diese (räthe) griff i. f. gnaden mit ehrenrührigen worten harte an ... aber es war gleichwol bei ihnen wenig fühlen. Schweinichen 1, 307; ein heimliches fülen im herzen, praesagium. Stieler 580;

noch hast du nicht gewagt, ein römisch lied zu spielen,
das von gedanken strotzt, doch minder hat zum fühlen.
Lessing 1, 173;

seine küsse — paradiesisch fühlen!
Schiller 124a.


auch wie das eigentliche subst. gefühl gebraucht:

gibt auch des künstlers hand den farben geist und fühlen?
Drollinger 75.


im 16. jh. selbst in dem sinne des reflexivs sich fühlen substantivisch: darum lasz dein dünkel und fühlen fahren und halte viel von diesem buch. Luther tischr. 1, 78.
Zuletzt zur unterscheidung von empfinden, n., eine stelle, auf die schon vorhin bei dem verbum fühlen am schlusse hingewiesen wurde, was man nachsehe.

ich weisz nicht, ob sie sich dünkt fürs altar zu gut,
wo nicht, so hat an ihr das fühlen kein empfinden
und unser liebesöl braucht sie für kalte flut.
Lohenstein ged. 32.


 
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fühlend [fülend], das part. praes. von fühlen. die fühlende hand. der die kälte fühlende arme mann in seiner zerrissenen kleidung. der liebe fühlende jüngling.
als adj. schon bei Stieler 580 fülend neben fülig, fülbar, fülicht, fülsam, fülhaft, sensilis, sensibilis. später und heute viel gebraucht in dem sinne: sinnlich oder geistig für eindrücke empfänglich, sinnlich oder geistig bewegt. der garten ist einfach, und man fühlt gleich bei dem eintritte, dasz nicht ein wissenschaftlicher gärtner, sondern ein fühlendes herz den plan gezeichnet, das seiner selbst hier genieszen wollte. Göthe 16, 7; vertieft in gedanken, auf deren wunderlichen irrgängen mich eine fühlende seele theilnehmend gern begleiten wird. 23, 183;

prinz, das ist mein weib. »dein weib?
preise dein glück, dasz es ein fühlend herz
zur gattin dir gegeben!«
Schiller 583b;

mit nachahmendem leben erfreuet der bildner die augen,
und, vom meiszel beseelt, redet der fühlende stein. 76a;

die du mit rosichtem finger
herzen der liebenden lenkst,
die du dem fühlenden sänger
grosze empfindungen schenkst,
Cypria.
Schubart ged. (1787) 2, 173;

um dessen kaltes gebein
die guten und fühlenden stöhnten.
Gotter 1, 337.

s. feinfühlend, sanftfühlend, scharffühlend, unfühlend, zartfühlend.
 
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fühler [füler], m. , ein nhd. wort, denn bis jetzt ist weder ein ahd. fuolâri noch ein mhd. vüelære, mitteld. vûlêre nachzuweisen, die natürlich von ahd. fuolan, mhd. vüelen, mitteld. vûlen, unserm fühlen abzuleiten wären und einen der fühlt, bezeichneten. daher die bedeutungen:
1) einer der mit den fingern oder der hand prüfend berührt, mit denselben prüfend greift. so zuerst bei Stieler 580, der mit recht füler schreibt und durch contrectans, manibus tentans erklärt, danach dann bei Steinbach 1, 520 fühler. aber bei Adelung fehlt das wort gänzlich, das dann Campe wieder aufnimmt. die bedeutung, in der das wort freilich selten gebraucht wird, ist die active; üblicher jedoch erscheint es in der folgenden mehr passiven.
2) einer der für sinnliche oder geistige erregung an sich oder in sich empfänglich ist, der fühlt, besonders wenn er lebhaft fühlt. auch in diesem sinne zuerst bei Stieler a. a. o. mit der erklärung sensu percipiens aufgenommen, danach dann bei Steinbach a. a. o. sowie später bei Campe.

dasz beifall dich nicht stolz, nicht tadel furchtsam mache!
des künstlers schätzung ist nicht jedes fühlers sache:
denn auch den blinden brennt das licht,
und wer dich fühlt, o freund! versteht dich darum nicht.
Lessing, in das stammbuch des schauspielers Friedr. Ludw. Schröder, werke 13, 646, ausg. von Maltzahn 1, 253;

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soll ich dich nennen, fühler des schönen,
harmonischer Junker?
Schubart ged. (1787) 2, 356;

fand nicht Shakespear, der grosze allfühler, selbst das zeichen der nulle so wichtig und so ehrwürdig, dasz er sogar die welt damit bezeichnete und die schaubühne, die seine privatwelt war? Lichtenberg 5, 381.
Von der person, die das wort bezeichnet, wurde es aber im 18. jh. nach seiner ersten bedeutung auf die sache, mit welcher gefühlt werden kann, übergetragen und bedeutet hier
3) das an den köpfen von insecten und weichthieren hervorragende, zum fühlen dienende werkzeug, welches bei diesen auch fühlfaden, bei jenen fühlhorn, sonst auch fühlspitze genannt wird. fühler in diesem sinne, in welchem es sich bereits bei Müller Linnés natursystem (Nürnberg 1773 ff.) 6, 103 findet, ist jünger, als jene drei ausdrücke, und erst spät, nemlich 1808 von Campe, ins wörterbuch aufgenommen worden. überhaupt verblieb das wort auch mehr der sprache der wissenschaft und ihrer lehrbücher. aber nach dem gebrauche desselben in ihr liebt man seit einigen jahrzehnten in der gewöhnlichen sprache, es von etwas zu sagen, mit dem geprüft werden soll, welche aufnahme beabsichtigtes finden werde oder welche meinung darüber hersche: wir hören, dasz in diplomatischen kreisen neuerdings von den fürstenthümern Hohenzollern gesprochen ist. das musz ein österreichischer fühler sein, denn in Preuszen ist es eine heikliche sache, davon auch nur zu reden. kölnische zeitung 1865 nr. 118. sein brief ist nur ein fühler, ob er aussicht hat, ein darlehn zu erhalten. diese drei zeitungsartikel sind eben so viele fühler auf die öffentliche meinung, ob der plan keinen widerstand findet. die eben ausgegebene schrift ist nur der fühler für ein gröszeres werk.
 
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fühlerchen [fülerchen], n., das dim. des vorigen. im besondern was fühlfaden, fühlhorn, fühlspitze. Campe. sechs paar fühlerchen am strandschleicher (triton littoralis). Müller Linnés natursystem 6, 102. vgl. fühlerfusz und fühler 3).
Aus der deutschen wissenschaftlichen sprache in die nnl. aufgenommen voelertje, palpus, also in dem sinne wie heute fühlspitze gebraucht wird. das t ist hier, wie immer nnl. beim dim. auf r ausgehender substantive, eingeschoben. vgl. auch DWB taster.
 
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fühlerfusz [fülerfusz], m. acarus motatorius, nnl. beweegpoot d. i. bewegpfote, eine gelbe milbe, welche die vorderfüsze viel länger als die übrigen hat, auch unter dem gehn beständig bewegt und gleichsam statt der fühlerchen gebraucht. Müller Linnés natursystem 5, 1048.
 
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fühlergang [fülergang], m. eine kleine runde mit einem loche versehene in einer rinne über die schale des seeigels hinlaufende warze, durch welche das thier einen fangarm streckt. solcher fühlergänge hat es gewöhnlich fünf paar.
 
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fühlerin [fülerin], f., eine fühlende weibliche person, nach fühler 1) und 2). so schon bei Stieler 580 fülerin. nach der zweiten bedeutung von fühlen:

o welche seligkeit,
hier an der seite eines patrioten
und eines dichters voll von kraft ...
und einer zarten fühlerin
der schönheit und der tugend
des Wirtembergers und des Teckers
schönsten festtag (des herzogs Karl geburtstag 1782) zu begehen.
Schubart ged. (1787) 2, 26.


 
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fuhlesche [fulesche], f., ist faulesche und zwar in oberdeutscher oder in niederdeutscher aussprache.
 
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fühlfaden [fülfaden], m. ein an den köpfen von weichthieren hervorstehendes einfaches d. h. ungegliedertes, einem weichen fleischigen faden vergleichbares werkzeug zum fühlen, tentaculum. im pl. z. b. bei Erxleben anfangsgründe der naturgesch. (Göttingen u. Gotha 1768) 1, 242 §. 381 und Blumenbach handb. der naturgeschichte (1830) s. 356 §. 149 fühlfaden, wie auch eigentlich richtig wäre (vgl. DWB faden), doch hört man jetzt nur fühlfäden. das wort ist übrigens jünger, als fühlhorn und fühlspitze, und scheint zuerst in der eben angeführten stelle bei Erxleben vorzukommen.
bildlich: dieser gedankenstrich soll nicht der fühlfaden eines an sich unempfindsamen perioden sein. Jean Paul 6, s. ix; gerade die feinsten und unsichtbarsten fühlfäden unserer seele laufen wie wurzeln unter der groben sinnenwelt fort und werden von der entferntesten erschütterung gestoszen. unsichtbare loge 2, 63; unter einem hohen menschen mein' ich ... endlich weder den kalten von grundsätzen gelenkten tugendhaften, noch den gefühlvollen, dessen fühlfäden sich um alle wesen wickeln. s. 58; für Sebastian, in welchem alle töne an nackte zitternde fühlfäden schlugen und der sich

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schon mit dem gesange der hirten auf dem felde traurig machen konnte. Hesp. 1, 17; als ich mir drauszen einige fühlfäden abgeschnitten hatte, ... kam ich wieder hinein. palingen. 1, 39; der aus zitternden fühlfaden (a ist hier wol druckfehler) gesponnene notar. flegelj. 1, 87; nur ist nie zu vergessen, wie viel wir jener classischen zeit schulden, ... wie unzähligemal unsere gedanken — und fühlfäden in die zeit zurückgehen, wo unsere literatur den höhepunct gewann. Eduard Krüger in den blättern für lit. unterhaltung 1846 s. 975a.
vgl. DWB fühlhorn, das ebenfalls bildlich gebraucht wird, fühler 3), fühlspitze.
 
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fühlfarn [fülfarn], m. onoclea sensibilis, engl. the sensitive fern. der name, weil die zu den farnkräutern gehörige pflanze so empfindlich ist, dasz sie, wenn sie etwas mit der hand gedrückt wird, den andern tag verwelkt. Nemnich 4, 767.
 
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fühlfusz [fülfusz], m. ein zum fühlen dienender fusz bei insecten. so handelt Frisch insecten 11, 7 f., 6 von der gelbgrünen mücke mit den fühlfüssen und gibt zunächst an: diese art habe ich bemerken wollen wegen ihrer vordern füsse, welche sie neben hinaus streckt, und wohl zwei mahl so lang sind, als die hintern füsse. sie sind also fühlfüsse und haben 5 gelenke, und sind doch dabei federfühlhörner da, wie an den andern mücken, aber sehr kurz. dann ich bin überzeugt, dasz es (nemlich diese federfühlhörner) zwar fühlhörner, aber sonderlich zum geruch. auch heiszt es 10, 2 vom floszfüszigen seewurm mit dem schild: die obersten zwei (der fünferlei füsze dieses thieres), auf jeder seite einer, sind blosse fühlfüsse oder tastenspitzen.

 

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11) falschwitzig
 ... falschwitzig , nach seiner art, falschwitzig, bisweilen schmutzig. Ramler dichtk. des Hor. s. 85 .
 
12) fein
 ... ; so ist sie auch fein schmutzig fett, dasz allzeit ihr anklebt das bett.
 
13) flaum
 ... möglich. unter den heutigen mundarten ein nd. adj. vlaum schmutzig, trübe von wasser und auge ( Schambach 271 b
 
14) flecksiedern
 ... flecksiedern , schmutzig wie ein flecksiedern wammesz. Schwabe tintenf. A 5
 
15) fotze
 ... penis und praeputium. Was die deutung dieser beiden, schmutzig angelaufenen wörter belangt, so nehme ich auch für sie den
 
16) fuchser
 ... Stalder 1, 401 . 2) ein schmutzig geiziger, ein knicker. in Tirol ( Schöpf 158 ).
 
17) fud
 ... schwache biegung angenommen. Dasz dasselbe im nhd. ein schmutzig angelaufenes, in anständiger sprache durchaus gemiedenes ist, wurde schon sp.
 
18) fut
 ... 1) cunnus, vulva. dies die richtige schreibung des als schmutzig geltenden und darum gemiedenen wortes; doch wird, da wir zur
 
19) garstig
 ... noch heute auch abschreckend überhaupt. 4) schmutzig im sittlichen sinne. a) unsittlich, namentlich auch '
 ... schimpft, räsonniert u. ä. c) schändlich, gemein, schmutzig, niedrig überhaupt, im gegensatz zu ehre, sitte u. ä.:
 ... alle garstig - geizige, sordide avari. 147 ( jetzt schmutzig geizig), vgl. unter II, 1, e; dis ist
 ... Aber auch oberd.: kärnt. gaschtik ( neben garstik), garstig schmutzig, häszlich Lexer 108 , schwäb. gastig
 
20) genetzt
 ... mitbruder, der ( beim essen ) bis an den rückgrat schmutzig und bis auf die knochen genetzt erscheint. Göthe
 
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