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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
bezeugen bis beziehen (Bd. 1, Sp. 1797 bis 1799)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) bezeugen , testari, testificari, mhd. beziugen.

[Bd. 1, Sp. 1798]



1) die wahrheit einer sache durch seine aussage bekräftigen: und der das gesehen hat, der hat es bezeuget. Joh. 19, 35; die gerechtigkeit, die vor gott ist offenbaret und bezeuget durch das gesetz und die propheten. Röm. 3, 21; dieweil sie sich damals mit milch lieszen benügen, inmaszen Petrus bezeugt, Keisersb. s. d. m. 23a; item wann eben derselb Augustinus, desgleichen Leo klärlich bezeugen, dasz. 37b;

als dise gleichnus hie bezeugt
aus Christi mund, der nit betreugt.
Schwarzenberg 111, 1;

ich kann alle einzelnen umstände, wie sie erzählt werden, bezeugen; stark bezeugte anklage.
2) einen bezeugen, für oder wider einen zeugen: sintemal ir gewissen sie bezeuget. Röm. 2, 15; dein eigen gebet straft dich und ist wider dich, bezeugt dich, beklagt dich. Luther 1, 72b; und darf hie keiner furbitt, denn ir eigen gewissen sie reichlich bezeugt, wie sie so gar nichts wissen und so stockungelehrt sind. br. 2, 55; es ist doch war, was ich von im sag, ich wil es in bezügen. Keisersb. s. d. m. 29b; damit schmehest du in, wenn du schon in des bezügest vor eim rechten, sol man auch darüber urteilen. das.; darzu sag ich, dasz du solches in deinen rachen erlogen hast, dann ich dich solches (ejus rei) genugsamlich bezeugen wil, dasz du gar nahe der erste mann an dem hofe gewesen bist, so solchs geäffert hat. Galmy 276.
3) einen bezeugen, überzeugen, überführen: welche alle (gottes werke) im anfang sehr gut gewesen, und von gottes güte, reichthumb, weisheit und allmechtigkeit die menschen haben bezeugen sollen. Mathesius 42a.
4) sich bezeugen, von sich zeugen: und ich auch noch heutigs tags begere meine irrthume mir zu beweisen, und ich willig zu widersprechen (widerrufen) were, wo ich geirret hette, des ich mich hierinne bezeuge. Luther 1, 352; das bezeug ich mich hiemit gegen gott. br. 4, 473; so protestier ich zum ersten und bezeug mich mit diser schrift, das ich das nit wil thun zu rach. Reuchlin augensp. 4b und oft.
5) bezeugen, manifestare, declarare, mit bezeigen zusammenstoszend: denn du hast uns bezeuget und gesagt. 2 Mos. 19, 23; nemet zu herzen alle wort, die ich euch heute bezeuge. 5 Mos. 32, 46; doch bezeuge inen und verkündige inen das recht des königs. 1 Sam. 8, 9; so bezeuget ir zwar und bewilliget in ewer väter werk. Luc. 11, 48; auch mit viel andern worten bezeuget er und ermanet und sprach. apost. gesch. 2, 40; und lereten frei im herrn, welcher bezeuget das wort seiner gnade und liesz zeichen und wunder geschehen durch ire hende. 14, 3; zu ermanen und zu bezeugen. 1 Petr. 5, 12; mit den werken aber bezeugte er alsobalden, dasz er der erste wäre, der meinem kränzlein nachstellete. Simpl. 2, 126; wann ich eine gleichsam unsinnige liebe gegen ihn bezeugte. 2, 127; wann ihr euch für ein kind gottes ausgebet und bezeuget doch mit eurem rachgierigen herzen, dasz ihr seid ein kind des teufels. Schuppius 278; welches der augenschein bezeugen wird. 777; aus der abneigung, welche die Hetrurier gegen die könige anderer völker bezeugeten. Winkelmann 3, 172; so bald er fertig war, las er es Serlo und der übrigen gesellschaft vor, sie bezeugten sich alle sehr zufrieden damit. Göthe 19, 195; er bezeugte viel freude, Wilhelmen wieder zu sehen. 19, 246; freude bezeugen. Schiller 398b.
 
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bezeugen, n. fehlerhaft für bezeigen, benehmen: Caroli M. gelindes bezeugen gegen die überwundenen Longobardi. Hahn 1, 1; Lotharii veränderliches bezeugen gegen die clerisei. 1, 166; Zwentipoldi grausames und unvernünftiges bezeugen gegen seine minister. 1, 291; bei der römischen geistlichkeit sah es sehr wüste aus. jedermann detestierte ihr lasterhaftes bezeugen. 2, 160.
 
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bezeuger, m. testis: ain bezeuger der hussischen irrung. intimation der univ. Erfurt in Martinum Luther, durch Wolfg. Ruosen verteutscht. 1521. A 3b.
 
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bezeugnis, f. oder n. testimonium, declaratio: durch solche erinnerung und bezeugnis. Melanchth. im eorp. doctr. chr. 325; dann nach bezeugnus der geschrift sind die räter und die thäter mit gleicher pein zu strafen. Steinhöwel Esop 144; darumb ich billich bezeugnis gib Galieno. Braunschweig 47; man soll es auch für kein bezeugnus seiner unschuld halten. Paracelsus 1, 885c; die bezeugnüsse, so mein bruder mir abgeleget. Butschky kanzl. 66. heute zeugnis.
 
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bezeugung, f. declaratio: ihre bezeugungen waren voll ehrerbietung und ungefärbter liebe. Canitz 191; die bezeugung meiner verbindlichkeit. Kant 5, 292. s. DWB freudenbezeugung.

[Bd. 1, Sp. 1799]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) bezicht, f. insimulatio, bezeihung, beschuldigung, ahd. biziht (Graff 5, 588): hab recht und schlecht gewandlet, unschuldig bezicht. Melissus K 4b; man wird uns der aufgelegten bezicht wol entschuldigt haben. herzog Georg vor Emsers N. T.
 
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bezichtigen, arguere, insimulare, ahd. inzihtigôn, falsch geschrieben bezüchtigen: die verbrechen wormit man ihn bezüchtiget. Opitz Arg. 2, 16; die ungebühr, mit welcher die ganze welt unsern soldatenstand bezüchtiget. Butschky kanzl. 190; so wird uns niemand einer untreu gegen unsere kirchen bezüchtigen können. 836; mein vater wurde bezichtigt, in verrätherischem vernehmen mit Frankreich zu stehen. Schiller 190b;

so tief, als man die königin bezichtigt,
herabzusinken kostet viel. 280b.


 
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bezick, f. was bezicht:

weil du bist blieben unüberwunden
von meiner mutter irer bezick (: ich erschrick).
H. Sachs III. 2, 187d,

vgl. verzicket, angeschuldigt (: verstricket). III. 2, 198a = angestochen, wie anzick sp. 526 = anstich. wichtig für die sinnliche bedeutung von zeihen, arguere. bezig, bezieg. Henisch 365.
 
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beziehbar, relativus, bezüglich.
 
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beziehbarkeit, f. die möglichkeit überhaupt, dasz bezogen und verglichen werden könne. Fichte philos. journ. 3, 272.
 
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beziehen , circumducere, umziehen, überziehen, goth. bitiuhan, ahd. piziohan (Graff 5, 609), mhd. beziehen bezôch.
1) ein instrument beziehen, mit saiten beziehen, die geige, harfe, laute, cither; darnach bezoch er ein laut an den zähen die waden hinauf. Garg. 231a; der harfenspieler bezog es sogleich. Göthe 18, 235; die geige war noch nicht vollständig bezogen;

wenns wahr ist, dasz die schaffende natur
.. unsrer seelen zartes saitenspiel
am morgen unsres lebens gleich bezog.
Schiller 245b;

die grundsätze werden desto gefährlicher bei einem wie er, der mit hochgespannten saiten der unähnlichsten kräfte bezogen leicht den ton eines jeden angab. J. Paul Hesp. 2, 191. gehört hierher ein mhd. beziehen im sinne von umspannen?

diu (mûre) was sô schœne und so hôch,
daʒ ir hœhe wol bezôch
zwelf klâftern mitalle. krone 14276,

sie befaszte den raum von zwölf klaftern.
2) das bett beziehen, mit frischem linnen (woher bettzieche); den tisch beziehen, mit tuch; das buch, mit leder, papier; den knopf, ball, mit seide, zwirn; das kleid, mit futter, mhd. Wigal. 805. 10517; staatswagen, mit sammt obenher und inwendig bezogen. Göthe 24, 304; in trauerfällen wird die thürklinke mit flor bezogen;

das blutgerüst, das, ob es schwarz bezogen,
noch nicht so schwarz als die, die prinz und gott gelogen.
Gryphius 1, 326.

einen beziehen heiszt im pass. K. 15, 7 ihm die augen verbinden, caput obnubere, bei hinrichtungen.
3) den alten thurm mit epheu, die laube mit weinlaub beziehen lassen; ranken beziehen das geländer; fischer beziehen die flut und die fische mit netzen;

drei fischer sich zusammen gesellten,
und ire garn an einander stellten,
und zohens durch ein grosze flut,
wie man denselben netzen thut,
dest mehr (fische) gedachten zu beziehen,
das in auch keiner mocht entfliehen.
Waldis 3, 52.


4) der himmel ist bezogen, mit wolken; das gras bezogen, überzogen mit thau; wegen des bezogenen himmels keine sonne sehen. Kant 1, 186;

ich bin kein gott, der gras läszt blühen,
und heiszt das land mit thau zu seiner zeit beziehen.
Gryphius 1, 552;

das gewitter bezieht, überzieht uns, ereilt, holt uns ein;

uns hât bezogen ein donreslac. krone 1823;

Stalder 2, 472 beziehen, im laufen einholen, wetter und regen ziehen hinter den fliehenden her und ereilen sie schnell. gerade so im pass. K. 228, 86. 256, 79 vom heranrückenden drachen und wurm, dasz er die leute beziehe, überziehe:

der tôt wil uns bezien (einholen). 257, 40;

die steigende flut: sie vil nâch bezôch. 665, 35, hätte sie bald ereilt, war ihr auf dem fusz. im gegensatz verziehen: das wetter, das gewässer verzieht sich, zieht weg.
5) ebenso überzieht, bezieht der feind, das heer:

ob si (die feinde) dich bezien. pass. K. 443, 65;

[Bd. 1, Sp. 1800]



die Phryger zu beziehn und ihre macht zu schlagen.
Opitz;

mit krieg hab ich bezogen
die ganze schöne welt.
Gleim;

(heereszug) so geht es kühn
zur welt hinein,
was wir beziehn (an uns ziehen, erbeuten)
wird unser sein.
Göthe 13, 274;

Iros, der arme Iros wird bald beziehen (al. herziehen) sein unglück
ἦ τάχα ρος Ἄιρος ἐπίσπαστον κακὸν ἕξει.
Voss Od. 18, 73,

was sich auch umdrehen liesze:

Iros, den armen Iros wird bald beziehen sein unglück.

ahd. bizôh se, ereilte sie, holte sie ein. O. III. 8, 21.
6) röthe bezog ihre wangen, zog schnell über ihr gesicht;

ein schrecklich blasz beziehet
ihr jugendlich gesicht.
C. F. Weisze.

die röthe, die blässe verzieht sich wieder.
7) das heer bezieht ein lager, hat schon die winterquartiere bezogen; soldaten beziehen die wache; wir haben jetzt in der armee ein weib, das bezieht schon die ganze compagnie zweimal. Lessing 2, 556; kaufleute beziehen die messe, spielleute den markt. so goth. bitiuhan: bitauh Jêsus baurgs allôs jah haimôs, περιῆγεν ὁ Ἰησοῦς τὰς πόλεις πάσας καὶ τὰς κώμας. Matth. 9, 35; bitauh veihsa bisunjanê. Marc. 6, 6.
8) die grenze beziehen, circumducere; die wohnung, das haus, zimmer beziehen, darein ziehen.
9) waaren beziehen, kommen lassen; der Burgunder, von Braunschweig bezogen, war ganz vortreflich. Göthe 31, 237; seinen gehalt, seine pension beziehen, einziehen; wechsel beziehen; die einkünfte bezieht schon seit geraumen jahren ein weltlicher fürst. Göthe 21, 19; er bezieht die gerichtsfälle;

die sold beziehn, um nichts zu thun.
Pfeffel 2, 139;

lebensmittel aus dem nachbarlande beziehen; ein erb beziehen, cernere hereditatem. Maaler 68b.
10) sie hat die ehe bezogen, adepta est connubium. Maaler l. c., vielleicht, ist ins ehebett geschritten.
11) abstract, swaʒ mich leides bezie. pass. K. 142, 12; diu botschaft bezôch in (kam ihm plötzlich zu). 195, 76;

die zouberere ouch wol bezôch
alda ein kreftic ungemach. 209, 80, kam über sie;

swaʒ mich bezie. 299, 60, was mir widerfahre, vgl. 4.

beziehen referre: du must nicht alles auf dich beziehen.
12) einen beziehen = beschmieren, anschmieren, betriegen:

du bist ein teufelskerl, so manchen armen tropf
prellt und beziehet schon dein canaljöser zopf.
Zachariä 1, 11.

s. das folgende.
13) sich beziehen, der himmel bezieht sich, umwölkt sich; er hat sich bezogen, besudelt; wo mans kan haben, soll er (der schauspieler bei der darstellung) sich schendlich bezogen (beschmiert) haben. Ayrer fastn. 9c.
14) weidmännisch, die hündin beziebt sich, hat sich bezogen, wird trächtig.
15) abstractes sich beziehen, pertinere, referri, referre se ad aliquid, heute unter allen bedeutungen die geläufigste: ich beziehe mich hiermit an einen andern richter (appelliere, s. ziehen). Lohenst. Arm. 2, 165; weil gott mehrers nicht begehret, als ein zerknirschtes herze, so trage ich herzliche reu und beziehe mich von seiner gerechtigkeit an seine grosze barmherzigkeit. Butschky Patm. 81; er bezog sich dabei auf zeugen; ich beziehe mich auf dich, auf meine vorige bemerkung; worauf beziehen sich diese worte; beide sätze beziehen sich aufeinander; mit einem worte, diese furcht ist das auf uns selbst bezogene mitleid. Lessing 7, 336; (beide kinder) gutartig durchaus und liebenswürdig, und nur hassend, ja bösartig, indem sie sich aufeinander bezogen. Göthe 17, 232; die beiden gemählde, auf die sich Hamlet in der scene mit seiner mutter so heftig bezieht. 19, 190; Natalie bezog sich auf den arzt, der weiter mit ihm über die sache sprechen würde. 20, 156; dahin bezogen sich ihre gespräche. 28, 279; im anfange hieng die literatur blosz an den universitäten. theologie war ihr erster umdrehungspunct. alles bezog sich dahin. Gökingks leben Nicolais 47. das part. ohne sich: ein verstand, in welchem aller dinge beschaffenheit beziehend entworfen werde. Kant 8, 228; das übrige himmelsheer wird auf eben diesen plan beziehend (bezüglich) gesehen werden. 8, 252; die ursache, welche die örter der fixsterne auf eine gemeinschaftliche fläche beziehend gemacht hat. 8, 252; die schöpfung ist allenthalben systematisch und aufeinander beziehend. 8, 259.

 

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