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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
ungestadet bis ungestaltsam (Bd. 24, Sp. 867 bis 874)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) ungestadet gestadlos (s. d.) Brentano 6, 352.
 
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ungestalt, adj. adv. , gegenstück zu gestalt. ahd. ungistalt; mhd. ungestalt, ungestellet; mnd. un(ge)stalt, ungestelet, un(ge)stelt; mnl. ongestellet, ongestelt; ostmnl. ongestalt; nl. ongesteld, ongestalt; ostfries. ungesteld 3, 471a; ungestàld Woeste westf. 281a. angestaut Eupen 10b. Lenz vgl. wb. 27b bezeichnet es ausdrücklich als fehlend. ungestellt gilt heute schriftsprachlich als part. (unverstellt Luther 6, 299a Jen.; ohne fallen gelegt zu haben Günther nachl. 249; wie mnl. non locatus u. dgl.),

[Bd. 24, Sp. 868]


vereinzelt aus dem ungestellten (s. bed. 1 indispositus) zufall Tieck 8, 37. frühe anlehnung an gestalt (Frisius 694a, J. G. Schmidt rockenphil. 1, 196) und gestalten führt auf ungestaltet, ungestalten (s. d.). Heynatz antib. 2, 522 wollte ungestaltet nur in bed. 2 gelten lassen und empfahl sonst ungestalt. wie wenig in u. das etymon stellen gefühlt wurde, lehrt u. gethon (stellen und thun drücken dasselbe aus) Wickram 8, 48, 142 B. zu den formen s. DWB gestalt. umlaut im sup. ungestältest (Sontheim) s. unter ungeschaffen; mit ausstoszung des cons. ungestalsten Marquart v. Stein spiegel (1498) f iia (nl. ongestal); sonst ungestaltesten Dusch verm. schr. (1758) 104. für grotesk Kinderling 134; difform Campe verd. (1813) 263b. vgl. ungestaltig, ungestaltiglich, ungestaltlich, ungestaltsam, gestaltlos, miszgestalt, -et, -en, entstellt, verstellt, übel bestellt und zur bed. ungeschaffen, ungeschickt, ungethan.
1) unbereitet, nicht eingerichtet, ungeordnet; ἀσύντακτος ἀνάρτυτος, inconditus Decimator; indispos, indispositus mnl. wb. 5, 697, 1. 2 (ungestimmt von instrumenten nl. wb. 10, 1662, 2 a): vom ungeordneten haar in der unter gestalt 1 angeführten Boethiusglosse, wofür Steinmeyer ungistralten lesen will (in späteren beispielen wie einen breiten ungestalten bart Olearius reisebeschr. 78 nach bed. 2—4 ausgewichen); also ist es hie auch mit uns noch ungestalt ding Luther 6, 305a Jen.; et es hir so ungestàld werk man ist nicht darauf eingerichtet, hat sich nicht vorgesehen Woeste 281a; ich bänn angestaut darop nicht eingerichtet Eupen 10b; auch weren die artickel (des widerrufs) zu vil u. (nicht in ordnung, sie stimmten gar nicht) Eberlin v. Günzburg 2, 105 ndr. ('sinnlos, absurdus' gloss.); den schneydt man nasz und ohren ab, das sie gemerckt zu allen dingen dann zu arbeyten unütz und u. erkennt werden mögen Franck Turckey c iiib (vgl. nl. onnut en ongesteld wb. 10, 1662; mnl. wb. 5, 698, 2; ungesteld, ungedân, unbekwâm Doornkaat 3, 470b); der secretarius aber mus solche (die geschäfte) nach dem winkelmas richten; irret er nun in diesem, so werden alle geschäffte u. Butschky Pathm. 245; undeutlich ihre ungestalte art (unshaped use, von Ophelia) A. W. Schlegel Shak. 3, 245 (Haml. 4, 5); ungestellten zufall s. o. heute unverständlich geworden.
2) form- und gestaltlos, plump, grob, wüst; ἄμορφος informis Decimator; Weigand syn. 2, 397; sinnlich und übertragen. vgl. Campe unter difform und mhd. ungestelle plump: also ist der hymel auch u. gewesen Luther 24, 26, 18 W.; deiner allmächtigen hand .. welche hat die welt geschaffen aus ungestaltem wesen b. d. weisheit 11, 18; Weigel informatorium D 8b; dieser verwirrte und ungestallte klump Gottsched d. neueste 8, 8; gebirgsmassen Kant 5, 256, 15; aufhäufung Göthe 31, 28 W.; wenn dieses gröszenmaasz verletzt ist, so nennen wir den gegenstand u. Schiller 10, 49; Stolberg 8, 300; mit bezug auf mangelnde belichtung Pietsch 20; Klopstock gelehrtenrep. 129;

denn in der dämmrung ungestalt
erscheint es wie ein felsengrat
Droste-Hülshoff 2, 54.

nicht immer (z. b. die grösze und ungestalte herrlichkeit des mittelalters Becker weltg. 11, 463; St. George bücher d. hirten 41), doch gewöhnlich tadelnd:

den newen vogel seht,
wie er sich ungestalt in meinem netze feht
D. v. d. Werder Ar. 13, 32, 8;

schreibart Buchholtz Herk. 616 (vgl. 5); 'unentwickelt' Scheibe crit. mus. 537; brief Rabener 6, 196; in ungestallten zügen Hagedorn 88, 83 ndr.; ungeheuer (von gegenfugen) Göthe 45, 206, 10 W.; dichtungen Gervinus g. d. d. dicht. 1, 208. 'u. geht auf die abwesenheit einer eigentlichen gestalt und hebt das positive gegentheil derselben hervor, wie wenn man ein häszliches widriges gestaltloses erblickt'; stärker als miszgestalt Weigand 2, 398.
3) miszgestaltet, verkrüppelt, entartet; von mangelhafter, unrichtiger, verkehrter, übler beschaffenheit, krank (diese bedd. sind der neueren schriftspr. verloren gegangen): der lahme sich so u. gemacht ... hat Arigo 56, 20 K.;

[Bd. 24, Sp. 869]


eyn ungestalt krop Gerstenberg chr. 326; mäler Gäbelkover 2, 89; vom baum Hedio chron. Germ. 308a; holz Lonicerus 43b; ästen und reisern Gottsched crit. dichtk. 103; im schmeltzen menget er (der wismut) sich unters zihn und macht es mürbe und u. Mathesius Sar. 100a; u. und ungedigen Agricola-Bech 293; gang mitth. d. hist. ver. f. Steierm. 37, 181; v. spiegel Lehman 1, 149; ungestalte perspectio anamorphotica Zedler 49, 1461; 27, 693; wie mhd., mnd., mnl. vom winter und wetter ('übel, garstig, unartig'; vgl. 7): rockenphil. 2, 174; maler Müller 1, 227; miszgeburten Gottsched d. neueste 4, 856; das gemeine volk wird davon u. und ihre knochen kraftlos werden Forster 1, 298; die bat unser frawen, das sie u. würde und nit uberwunden von der welt, allso ward die feltsiech Th. Lirer chron. b 3b; abnorm, pathologisch (ungestaltheit rhachitis) Höfler 671b; 'schlecht gestellt', unwohl, krank mnd. wb. 5, 53a; unpäszlich ostfries. 3, 471a; nl. wb. 10, 1662, 2 b.
4) in der schon mhd., mnd., mnl. ausgebildeten, noch heute gültigen hauptbedeutung häszlich, schmutzig, entstellt (unansehnlich): ist sie aber heslich und u., so wirt sie ... verschmecht A. v. Eyb d. schr. 1, 16, 20;

ich bin gantz ungestalt und scheuszlich im gesichte
Dach 160 Österley;

alt und u. Logau 100, 12 E.; eine gantz ungestalte und difforme person Thomasius kl. d. schr. 100; der ungestalte Äsop Kortum Jobs. 1, 134; von sachen: ungestalte schnöde klaider Keisersberg granatapfel (1510) l 4c; farb Opitz poem. 40 ndr.;

die wiesen sind mir ungestalt,
das feld mag ich nicht schauen
Rist n. t. Parn. 413;

das ungestalte der eckigen schriftzüge Adelung lehrgeb. 2, 640;

und schwärzlich-roth und ungestalt
sind alle scheiben übermalt
Chr. v. Schmid 17, 12.

zur übertragung:

wer schön vom leib und heszlich ist von sinnen,
ist ungestalt von aussen und von binnen
Schottel 724. vgl. 5.

squalidus (wie mhd.): ist die herberg u. Lehman 2, 844; heute viel allgemeiner (eine ungestalte wohnung des verdrusses Wieland i 2, 305). verunstaltet, entstellt:

las dir den splitter dein
aus deinem auge ziehen bald,
denn er macht dich gantz ungestalt
N. Herman sonntagsev. 2, 129, 9 ndr.;

so ist alles bald
welck und ungestalt Königsberger dichterkr. 239;

sich u. machen verunstalten Lessing 5, 157; lassen sie ihr (der statue) aber ja den rechten kopf mitgeben, sonst kommt sie in gefahr doppelt u. zu werden Göthe IV 30, 45, 9 W.; gering, unansehnlich: ynn eyn solch wild, u. ansehenn eyner kuniglichen gepurt Luther 10, 1, 1, 612 W.;

gott, dein gewalt ...
macht schwach und ungestalt,
worauff die menschen bawen
Ringwaldt handb. d 9b;

sein arme ungestalte freund Kirchhof wend. 1, 133; pferde v. Fleming 285, 22; heute veraltet. aber auch verstärkt 'scheuszlich, gräulich, abscheulich' u. dgl.:

nun hab ich gar sighafft beraubt
Meduse ir ungestalt haubt
Sachs 13, 433, 21 G.;

in einem finstern winckhel ungestalte
Frey gartenges. 195, 8 B.;

die ungestalte nacht P. Fleming d. ged. 1, 55 L.; für ugly A. W. Schlegel Shak. 1, 214 (sommernachtstr. 2, 2); ungestalten qual-dämonen J. G. Jacobi 3, 127. vgl. 6.
5) auf sittlichkeit und sitte bezogen, unziemlich, unangemessen, ungeschickt, übel, böse (vgl. zedelijke ongesteldheden nl. wb. 10, 1662): ain verschnitten. den ungestalten (inhonestum) menschen? mit der erläuterung wenn er was weder man noch fraw zeschetzen Neidhart Ter. 65 F.; wir sollen nichts ungestaltes bitten (turpia) Keisersberg narrensch. (1510) 38d; sitten 136b; es wer u., das man am ostertag solt predigen vom leiden

[Bd. 24, Sp. 870]


christi post. 3, 12; nicht das A. ettwas ungestaltts adder unczuchtigs gesehen hab Luther 14, 346, 22 W.; der unförmlichen und ungestalten boszheit S. Brant v. d. losen füchsen (1546) h 2b; wort Gryphius trauersp. 292, 83 P.; gemüt Harsdörffer secr. 1, G g viia;

in ungestalten wilden seelen
Hagedorn 3, 187;

unüblich geworden bis auf recht verblaszte verwendungen: ja es mag eine sache so schön seyn, als sie will, so kömmt sie zur unzeit u. heraus Chr. Weise kl. l. 85; eine ungestalte unarth Männling europ. Helicon 76; das ist der gewinn, den uns erfahrung gibt, dasz wir nichts treffliches uns denken, ohne sein ungestaltes gegenteil Hölderlin 2, 72, 8; der ungestalte obscurantismus (vgl. 2) Gervinus g. d. d. dicht. 5, 99. enger und schwächer 'unmanierlich, unsittig':

im (dem esel) ward sein spielen ungestalt
mit grossen schlegen wol bezalt
Waldis Es. 1, 13, 41;

das gar ungestalte und gar zu gemeine jetzige neygen und bücken, hände und füsse küssen Moscherosch ges. 2, 95; veraltet.
6) mit berücksichtigung der gefühlswirkung (mnl. wb. 5, 698, 2; onrustig, confusus ebd. 3 a; ontstellt perturbatus 5, 1304; ungestalten part.-adj.): und ich blieb alleine und sahe disz grosze gesichte. es blieb aber keine krafft in mir und ich ward sehr ungestalt und hatte keine krafft Daniel 10, 8 (species immutata est in me; vgl. pleich und u. Arigo 224, 2; 93, 28; Montanus 92 ndr. und s. DWB gestalt 2 a gesichtsausdruck, animi motus, Daniel 5, 9 vultus unter gestalt 3 a ζ);

ich werde blasz und ungestalt
ob deiner jahre länge
A. Silesius seelenl. 229 ndr.;

vom gefühlsausdruck: o gluck, du ertzeigst mir yetz din ungestalte (abgünstig) gsicht Morgant 101; gs. gestaltig 3 freundlich. 'ungestüm, bewegt' vom wasser des meeres mnl. wb. 5, 698, 36; bald aber quillt sie (Thetis) auff ... wird grün und ungestalt Rachel 22 ndr.
7) in schelte und rüge heiszt in ä. spr. der winter, der hunger (Wackernagel kirchenl. 4, 659) u.; kan dann diser ungestalt (iste impurus) die geschrifft, wie bin ich dann ... Steinhöwel Äsop. 49 ndr.; du ungestalte ... creatur Guarinonius 44. vgl. 4 'abscheulich, greulich' u. dgl., auch 5.
8) steigernd: vegrandis Frisius, Maaler; vgl. 2; wenn Waldis Es. 1, 52 K. sagt:

das rauscht so frech und ungestalt,

trifft mit allgemein steigernder bed. die oben unter 6 erwähnte 'ungestüm' zusammen.
 
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ungestalt, f. , gegenstück zu gestalt, f. mhd., mnd. ungestalt; mhd. daneben ungestellede, f.; mnl. ongestalte neben ongesteltheit, -staltheit; nl. ongestal, -stalte, -stelte. die ungestalte, ungestalten Schm. 2, 754. vgl. ungestaltheit, -staltigkeit, -staltnis, -staltsame, -staltsamkeit, -staltung; miszgestalt (Weigand syn. 2, 398), miszstaltung (Sanders erg. 503c); abgestalt; gestaltlosigkeit; unform, ungebilde u. dgl. unstalt Moscherosch ges. 2, 142, ungestalte (wie gestalte) Dasypodius, Calepinus, Schönsleder, Arigo 547, 2 K., Keisersberg hell. löw 34, Harsdörffer lust- und lehrr. gesch. 1, 245, veraltet.
1) dem adj. u. 1 entsprechend (s. DWB gestalt, f., 1) mnl. indispositio, intemperies wb. 5, 698, 1; üble geschäftlichrechtliche lage mnd. wb. 5, 53a (vgl. eine sache stellen Schm. 2, 748); nl. ongestalte (wb. 10, 1661) 1; nhd. zu deutlicher unterscheidung von 4, 5, 6 kaum entwickelt (s. auch ungestell, n.): da mag nit statt haben gantz kainerlai ungestalt, kranckhait und vernichtung Keisersberg volk. mensch F 6; dyser flad (Christus als speise der seligen wird) hynweg nemen alle ungestalt desz leibs, sy sey ausz der farb, usz der gestalt, ausz z vil grösse, ausz z vil klaine, dise ungestalten werden all hynweg gon schiff d. pen. 114a; die unwissenheit ein ungestalte desz gemüts ist Harsdörffer gespr. 1, h va; die klimatischen ungestalten übel, nachtheile, monstrositäten eines ungünstigen klimas Herder 13, 270 (intemperies).

[Bd. 24, Sp. 871]


vgl. klägliche gestalt unter gestalt 1 a; norw. ustelt unordentlich, ustel unordnung.
2) form- und gestaltlosigkeit, ungestaltetheit, das ungestaltete (s. d. adj. 2; volle entwicklung des begriffes gestalt 3 wird vorausgesetzt): unsere verderbte natur ... ist dem chaos nur gar zu ähnlich, seiner u., seiner leere und dunkelheit nach Hamann 1, 83;

und neben mir, in todter ungestalt,
lag schwarz wie grab mein schatten hingeballt
Brentano 1, 265; 6, 336;

o wie bald
rollt die müde kugel aus der zeit
in die tiefe dunkle ungestalt,
in dein ginungap, o ewigkeit
E. M. Arndt 5, 174;

sehen wir doch .. dem .. fertigen .. u. vorausgehen F. H. Jacobi 2, 82. plur.: wir schafften aus nichts und bereiteten aus ungestalten (vgl. 8) die herrlichsten gestalten Klinger theater 3, 414; eines menschen, der unaufhörlich seine inneren reichthümer in allerlei ungestalten von sich giebt Schleiermacher leben 3, 72.
3) üble gestalt, falsche, rohe, plumpe form und erscheinung, miszform. vgl. das adj. 2 und gestalt 3: niemant würt wol wissen, was ein gut gestalt gibt, er wisz dann for, was u. geb Dürer prop. q iiib; Tschudi 1, 122 s. th. 3, 525 (entgästen); die ausgesöhnte u. Kretschmann 6, 185;

nicht eher lasz ich ab, bis du mir schwörst,
nie wieder, feind, mit deiner ungestalt
mein auge zu verwunden
Kosegarten dicht. 3, 103;

die kiefer .. bilden .. die u. des kopfes Oken natg. 7, 1013; des bären 1686; dann schwillt und wächst der anfänglich dünne faden zu einer schwerfälligen u. Storm 3, 94; da reckte der alte die bockbeinige u. zum ausgang empor Kröger stille welt 145. schreckliche gestalt M. Beer 283.
4) dem adj. 3 entsprechend, miszbildung, verunstaltung, entstellung, verzerrung, fehler, krankhafte, unrichtige beschaffenheit (vgl. 1 und ungestaltheit): do .. sant Brigida ir vatter ainem edlen geben wolt z der ee, batte sy gott, das ir ain u. widerfüre, dardurch die ee verhyndert wurde A. v. Eyb spiegel d. sitt. t va; in etlichen erzigen sich ... blotteren und morpheen (lepra) .. und hatt die gestalt des leibs ein u. Gersdorff wundarzney 77a; mancherley u. des blutes Ryff spiegel 138b; Sachs 17, 293, 29 G.; u. und unform Sebiz de partu Caes. 121b; hat den eure jungfer rothe augen? ... das ist eine u. bei weibsbildern polit. stockf. 60; concreter: welche freude wird Blumenbach abermals an dieser u. gehabt haben? Göthe IV 39, 221 W. (vgl. 8); verwachsung Krünitz 196, 317, dagegen gestalt 3 a θ diorthosis; verunstaltung durch hörner Tieck 3, 346; Fr. L. Jahn 1, 102. plur.: masen und ungestalten Zwingli freiheit d. sp. 40 ndr.; Abr. a St. Clara Judas 1, 484; veraltet. anamorphosen .., welche dem bloszen auge nur verzerrte und verstümmelte ungestalten .. zeigen Schopenhauer 4, 237; ungestaltsehen Campe nach Beer für metamorphosie, wofür umgestaltetsehen Heyse-B. 556b; ästhetisch die empfindung des lächerlichen nimmt so viele gestalten an, als es ungestalten gibt J. Paul vorsch. 1, 133.
5) übles aussehen, häszlichkeit, scheuszlichkeit (mhd., mnd., mnl., nl., Schmeller a. a. o.; vgl. das adj. 4 und gestalt 2, 3):

dem meysten theyl menschen werd geben
ein ungestalt in ihrem leben,
die doch nichts erger zu achten sind
weder der schönen menschen kind
Sachs 16, 450, 22 G.;

ein mensch von gröster u., dann sein kopff war ein copey von einem ochsen Abr. a St. Clara etw. f. alle 1, 243; menschen, die sich ihrer u. bewuszt sind Kretzer buchhalterin 88. für die ungestalte person Petri q viiv. unsinnlich: er stellt den geist der verfolgung in seiner ganzen abscheulichen u. dar Wieland 7, 276. in ä. spr. auch unansehnlichkeit (Luther 6, 251 oben sp. 108), schmutz, verwesung erste d. bib. 3, 183, 18; gedenck der

[Bd. 24, Sp. 872]


vile der verstorben, ihr u. [gstalt weltb. 114a] in den grebern Franck Turckey j iiib; A. Gryphius lyr. ged. 346 P.
6) dem adj. 5 entsprechend unziemlichkeit, fehler u. dgl. zur übertragung: so sols zum unschmuck und zur u. geraten, das man wüste, verbrante stete finde Luther 19, 414 W.; sittliche u. J. Paul 5, 105; v. Sternberg erinnerungsbl. 166; Grillparzer 4, 218. vgl. DWB böse gestalt 'bewandtnis' unter gestalt 1 b und gestalt 1 d (kein gestalt haben); es wer ein u., das einer leyd verkündet und rot, gryen oder grow antrüg Keisersberg post. 4, 35b; brös. 1, 77a; 84c; Luther 26, 224 u. ö.; auch kann man einem deutschen spiele leichtlich eine u. anthun, wenn man zu kleine oder zu grosze personen zur action gebrauchet Puschmann in Hoffmanns spenden 2, 15; so gibts ein u. Lehman 1, 354; ist es eine u. Hohberg 3, 76a. stärker dedecus ein u., schand, schmaach, uneer Frisius 371a; aus der u. unserer unerbern sitten Franck Turckey a iiib; Garg. 4 ndr.; weil die gottlose ihre unarth nicht erkennen wollen, ihre u. nicht sehen wollen Moscherosch ges. 1, 688. veraltet.
7) schwach entwickelt und veraltet von gefühlsäuszerungen (vgl. das adj. 6): Maria die ... jrem sun nachgefolget ist bis an das krüz, nit mit sölchem hülen und ungestalt, als jro die närrisch leerenden ... zgeleget habend Zwingli d. schr. 1, 100 ('ungeberdigkeit', vgl. DWB gestalt 2 a vultus, animi motus; grimasse, ... ungeberde, ungestalt Kinderling rein. 220);

das macht der eulen ungestalt
Forster fr. t. liedl. 154, 64, 1 ndr.

grämlichkeit, zorn (mnl. ongesteltheit toorn wb. 5, 699, 2), abgunst der eule als wächterin (Uhland volksl. 3, 113 F.); Arnim 13, 210.
8) in n. spr. besonders von trägern der ungestalt, gestalt 4 entsprechend, von ungestalten wesen und dingen (vgl. 3 und 5). larva ungestalt Schröer voc. 1457; larven, ungestalten Immermann 13, 188 (vgl. einfaches gestalt 4 c); unglücklich zeichen, wenn mir zuerst eine häszliche u. auffstoszet Lolivetta gesp. 335; das feuer ... ist denen flecken so sehr feind, dasz es ... viel ungestalten (ungestalten, farblosen, schmutzigen dingen; vielleicht aber sing. = ungestaltem) die farbe des himmels ... zueignet Lohenstein Arm. 1, 15a; zwerge und sonstige ungestalten Göthe 31, 113 W.; wo sich uns miszgestalten aufdringen und ungestalten entschweben IV 25, 275 W.; Epimen. 534; Faust 8219, 5677;

des hammers gräuliche ungestalt
Schiller 11, 224 (taucher);

scheltend konntest du nicht ruhn und musztest
dich an mich wagen, ungestalt
Hölderlin 2, 288, 1622 L.;

die kleine ungestalt (klein Zaches) E. Th. A. Hoffmann 5, 9; C. F. Meyer Jenatsch 348; es war auch zu traurig, mit dieser u. nach hause ziehen zu müssen Sohnrey im gr. klee 312; im bilde halb abstract ich wandle einer u. (vgl. monstrum, monstrositas, ungeheuer) entgegen — was, was werde ich sein, wenn mein geistessalz einst gänzlich dahin! Kürnberger nov. 1, 14. —
 
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ungestaltbar, verb. adj. zu gestalten, Schiller br. 5, 283. —
 
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ungestalten, verb.: ein alter gauch, welchen das alter so ungestaltet, dasz .. Harsdörffer lust. u. lehrr. gesch. 1, 71; weil das sich neugestaltende immer eine unglaubliche lust hat sich unzugestalten Göthe IV 27, 6 W. (Bohner § 22). unüblich; dafür verun(ge)stalten. vgl. miszgestalten, verb.
 
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ungestalten, part. adj., nebenform zu ungestaltet; s. DWB gestalten, verb., 4 und vgl. miszgestalten Sanders erg. 503c: vultus confusi verwüste und ungestaltne angesicht Frisius 1423a (zur bed. s. DWB ungestalt, adj. 6): einen höchst ungestaltenen menschen (bed. 4) Lessing 9, 11, andere spätere ausg. ungestalteten; sei so ungestalten wie möglich ebd.; 11, 14; Hafner lustsp. 2, 294. schriftsprachlich nicht häufig; seit dem 16. jh. üblicher ungestaltet, part.-adj. adv. zu gestalten, nicht gestaltet, wohlgestaltet (s. DWB gestalten 4). bes. in bed. 4—6 mit ungestalt (s. d.) vermischt (in einem ungestalteten körper Lessing; ungestalten 1755), sonst mehr den verbalbegriff

[Bd. 24, Sp. 873]


des gestaltens betonend. vgl. miszgestaltet; ungeschlachtet neben ungeschlacht u. ä. wie ungestalt, adj. 2: so gar ungestaltet ist der erst geboren bär Gesner - Herold - Forer 14b; Sömmering bau 2, 70; ager informis ungestaltet, verwüst Frisius 62a; alle sprachen waren wahrscheinlich in ihrem anfang roh und u. Breitinger dichtk. 2, 16; ungestaltete massen Lessing übers. a. d. fr. 32;

der dichter sucht das schicksal zu entbinden,
das wogenhaft und schrecklich ungestaltet,
nicht masz, noch ziel, noch richte weisz zu finden
Göthe 16, 332 W., Epimenides 10;

schwarzes ungestaltetes morgengewölk J. Paul Hesp. 3, 205; in einer ungestalteten, ungeschlachteten äuszerlichen welt Hegel 10, 2, 188; formen Karmarsch-Heeren 7, 3. das ungestaltete der form allg. d. bibl. 9, 346; das chaos F. H. Jacobi 3, 417 (dem ungestalteten wesen Hegel 2, 530); etwas ungestalteteres (vgl. bed. 4) und geschmackloseres gibt es nicht viel im gebiete der plastischen kunst J. Schopenhauer reise 2, 64. wie ungestalt 3 difformis Nemnich natg. 610; Campe; von allerley ungestalteten und miszgebornen eyeren Gesner-Herold Forer 2, 88; miszbildungen Sömmering bau 8, 1, 449;

mein leib vor alter wird veraltet,
mein leibs gestalt gantz ungestaltet
Weckherlin 2, 125, 40;

kröte Göthe II 8, 19 W.; stecken Forster 2, 214; kobolde Tieck 14, 153. wie ungestalt 4: ein heszlich ungestaltet mänsch Moscherosch 1, 97; ich schliesze demnach, dasz ein gebärtetes kind etwas ungestaltetes seye disc. d. mahlern 2, 85; das ungestaltete Winckelmann 4, 209; ungestalteten schornsteinen H. v. Kleist 5, 235. undeutlich an ungestalt 5 erinnernd: eben so u. ist ein kirchenlied, mit den franzen der mode behängt Schubart ästh. 344; eine jämmerliche ... ungestaltete verfassung Görres 3, 37; an 6 Ryff spiegel 37b; an 7:

und über dem meer, platt auf dem bauch,
liegt der ungestaltete nordwind
Heine 1, 166;

Pansner 73a. —
 
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ungestaltheit, f. (gestaltheit beschaffenheit s. d.) mhd. ungestaltheit miszgestalt; mnl. ongestelletheit, -staltheit; nl. ongesteldheid. dem adj. ungestalt 1 entsprechend indispositio, intemperies mnl. wb. 5, 698, 1. wie ungestalt 2: wer dürfte ... auch das feinste und zarteste mit worten gleichsam aussprüzen, dasz es zur u. ausgedehnt wird? Fr. Schlegel jugendschr. 2, 260. wie ungestalt 3 für rhachitis (1725) Höfler 671b; wenn .. u. oder gebrechlichkeit .. jemanden hindern allg. d. bibl. 23, 133; die erblichen ungestaltheiten anh. 53—86, 1517; 3, 187; schwachheiten, ungestaltheiten (nl. ongesteldheid 2) ebd. 424; u. der füsze Schleiermacher Plato 2, 316; deformitas Nemnich nosol. 17c; nl. auch unrichtige beschaffenheit (des wassers). wie ungestalt 4 (mhd., mnl.): geldheit bedecket u. Kramer (1702) 960b; disc. d. mahlern 2, 87; Lessing 9, 140; Wieland 16, 266; Herder 23, 396; das wahre gegentheil der schönheit ist nicht disproportion oder u. Vischer ästh. 1, 106. geistig-sittlich wie ungestalt 5: die gröszten ungestaltheiten, ausschweifungen und offenbare unrichtigkeiten in lehre und leben Rhoden schl. zu Herrenhut (1755) 26; Riszler Spangenberg 257; u. oder unschicklichkeit Herder 23, 396; veraltet. wie ungestalt 6 (mnl. für zorn wb. 5, 699) unentwickelt. vgl. DWB ungestalt, f., ungestaltigkeit, ungestaltnis, ungestaltsame, ungestaltsamkeit, ungestaltung. —
 
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ungestaltig, ungestältig, adj. adv., gth. v. gestaltig, gestältig, seitenstück zu ungestalt, ungestaltet, doch selten und mit ausnahme der ungestalt 2 entsprechenden bed. veraltet. nach mhd. ungestalticheit für ä. zeit vorauszusetzen, von Schöpper, Frisius, Maaler, Wiederhold verzeichnet. wie ungestalt 2: Stumpf unter gestaltig 2; mit ein paar ungestaltigen strichen Hegel 10, 2, 245; hinter dem wanderer auf der scholle wankte schwarz und u. der schatten Rosegger (1895) 7, 71. wie ungestalt 3 von unrichtiger beschaffenheit: im bergbau gs. zu höflich, s. gestaltig 4; fürs andere musz der platz (zum

[Bd. 24, Sp. 874]


bauen) mit einer wolanständigen symmetrie eingetheilt (sein), dasz nichts verwirret, ungestältig (vgl. DWB ungestalt 1 und 5) oder ungelegensam, ... sondern wolgereimt ... sey Hohberg 1, 24; bot. deformis Röhling-Martens-Koch 1, 190 (vgl.ungestaltet 3 und ungestalt 2). wie ungestalt 4 gs. v. gestaltig 2: er war von person nit ungestaltig Stumpf chr. 526a; Schmidel reise 34, 7; ihr ungestaltige schwester Federmann sechs triumph 103. dazu ungestaltigkeit ebd. 194. ungestaltiglich, adv., monstrose Frisius, Maaler.
 
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ungestaltlich, adv. (mhd. ungestaltlîche), dann auch adj. (s. gestaltlich). wie ungestalt 5: darum man mit iren (der irrenden priester) lyben keinen gewalt fürnemen soll, es wäre dann, dasz sy so u. fürind, dasz man desz nit emberen möcht Zwingli d. schr. 1, 157; spöttlich oder ungestaltlicher form erscht Eberlin v. Günzburg 2, 83 ndr. wie ungestalt 4: im angesicht scheinet sie etwas bejahret seyn, doch nit u. Harsdörffer gespr. 7, xxvia. s. auch gestaltlichkeit. veraltet.
 
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ungestaltnis, f. (n.?), gegenstück zu gestaltnis (s. d.). mhd. ungesteltnis. nl. veraltetes ongesteltenis:

het ioch ein mensch ungestaltnusz vil,
got in nit verschmachen wil v. e. häszlichen pfaffen (15. jh.). Pf. Germ. 33, 281, 57;

264, 109. verunstaltungen (wie ungestalt, adj., 3): die maale würden mit uns so wol gebohren als die neigungen, gleichwol aber blieben sie ungestaltnüsse und wäre eines so schwer als das andere zu vertreiben Lohenstein Arm. 1, 1345a; unziemlichkeit, schändlichkeit (wie ungestalt 5): ich bezal die schuld meiner ungestaltnusze Zoleckhofer vilv. beschr. (1564) 276; denn die laster behielten ihre knechtische ungestaltnus Lohenstein Arm. 2, 583a; 966a. veraltet.
 
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ungestaltsam, adj. adv., gegenstück zu gestaltsam: uber ein kurtze zeit hernacher werden sie desto ... grausamer, ungestaltsamer und älterer Albertinus Luc. k. 96, 7 L. u. ö.; die nase was wenig gebogen, nicht aber u. auffwärts, sondern .. J. Helwig Ormund 196. dazu ungestaltsame, f. (der glieder Boccalini probierst. 4) und ungestaltsamkeit, f.: die sünd Davids hatte viel deformitates oder ungestaltsamkeiten Albertinus zeitk. 175b;

die schönheit giebet lust ...
die ungetaltamkeit ist sand
Mich. Wiedemann gefangensch. (1690) oct. 27;

Stieler 2147. veraltet.

 

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Artikel 1 bis 2 von 2
1) ungericht
 ... ungericht , adj. adv. , gth. v. gericht
 
2) ungericht
 ... ungericht , n. , ursprünglich gth. v. gericht