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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
ungenabelt bis ungestadet (Bd. 24, Sp. 779 bis 867)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) ungenabelt, adj. adv. , inumbilicatus, ehilatus, gth. von genabelt. Kramer (1702) 2, 91b; Nemnich naturg. 609; Bischoff bot. 67; Brehm tierl. 10, 400. — ungenagelt Schlechtendahl - Haller 13, 10; Kramer 2, 100a. — ungenählich, ungenechlich, ungenehenlich, verb.-adj. zu 1nähen; inaccessibilis: erste d. bib. 2, 222, 13; cod. Tepl. 2, 86. nl. ongenakelijk. — ungenähert, remotus Stieler 1319. — ungenannt,

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part.-adj. adv., nicht genannt. mhd. ungenant (ungenennet; zu den formen s. DWB nennen und genannt); mnd. ungenant; nd. ungenömt; mnl. ongenaemt; nl. ongenaamd, -noemd; altfries. engl. unnamed; an. únefndr; dän. unævnt; schwed. onämd. Staub - Tobler 4, 478; Schmeller 1, 1747; Schmidt schwäb. 401; Schmitz Eifel 1, 232a; Eupen 10a; lux. 315b; de Bo 672b. vgl. DWB unbenannt, -namt, namenlos. unaufgefordert: Zwingli d. schr. 1, 124; Dürer bef. d. stett. d iiiib; Gottschedin br. 3, 309. nicht bestimmt (vgl. DWB genannt 1 und unbenannt): contract, servitut, straffe, titel Zedler 49, 1438; eine ungenannte (indeterminée) zahl Schwan, veraltet; genannt und ungenannt Lexer 2, 1852; Stieler 1327; Kramer (1702) 2, 129c; Paracelsus chir. 371 a; Grimm rechtsalt. 1, 57; sp. 26, 3. nicht vorhanden: Haller ged. (1882) 108. (vom mord an ungebornen Richthofen 1105a.) unbekannt und ungenannt Tauler pred. 278, 17 V. u. ö.; Luther 1, 115b (Jen.); Holtei erz. schr. 8, 195; unbekannte und ungenannte Forster 5, 42. an einem orth wolbekandt, doch u. Lindener katzip. 117 neudr.; u., aber bekannt Adelung mag. 2, 87. H. v. Barth kalkalp. xxiv. anatomisch für innominatus: das ungenannte bein, hüftbein coxae os Blanchard 1, 656b; die ungenannte linie Sömmering 2, 192; 4, 495; schlagader, vertiefung Campe. bei der bezeichnung ungenannter (namenloser) finger (für den 4. f. H. v. Neustadt Ap. 11773; mnl. wb. 5, 636; th. 3, 1651; zs. f. d. wortf. 10, 134) spielt aberglaube mit (s. u.). anonymus: Wolfram Parz. 383, 25 u. Martin z. d. st.; schmäh-briefe ungenannter leute Lohenstein Arm. 2, 624b; eines ungenannten beschuldigungen Bodmer v. wunderb. 52; ein gewisser ungenannter Scheibe crit. mus. b 5c; genannte und ungenannte korrespondenten Schubart leb. 2, 113;

doch steht mein sinn zu einer lustig hingewandt,
zur ungenannten
Arndt 5, 281;

herr Hans Ungenannt ritter Schade sat. 1, 60. persönlich auch Ungenannt, fleisch Ungenannt (das reiszen) Dunger rundas 278; Ungnat opilatio Schmeller 2, 239 (s. u. krankheiten). von sachen: der ungenandt ein fechtstück 2, 360; dieses ungenannte briefgen Ch. Weise pol. redn. 235 (vgl.ungenampsten schmaachschriften J. Herold v. d. zung 111a); psalmen Herder 12, 243; familiengeschichte J. Paul 7/10, 33; adv., dem part. nahe Göthe 28, 202. 'einer, den man nicht würdigt, seinen namen auszusprechen' (Strodtmann), pöbel, hergelaufener fremdling, unberühmt: städtechr. 16, 353, 12 u. ö.; Hollonius somn. 60 neudr.; schwächer:

statt dessen musz ich dunkel, ungenannt ...
umher mit leerem magen ziehen
Ramler fabellese 2, 491;

wie manches beispiel liesze sich von ungenannteren menschen anführen Immermann 18, 76. als göttliche eigenschaft: das ungenante und alles das in gotte namen hat Tauler pred. 174, 18 V. u. ö.; vgl. DWB das blos einvaltig, unbekant, ungenant, verborgen gt, das got ist 204, 2; das ungenante und unbekante 386, 23; das u. in der selen 402, 9; disz vollkommene ungenandte Arndt Th. a Kempis theol. 84; den ewig ungenannten (göttern) Göthe 3, 24; zum ungenannten (gott) Voss ged. 1, 52; Luise 1, 502. vgl. DWB unbekannt, DWB unaussprechlich. der oder das u. der teufel Staub-Tobler 4, 748; vielleicht auch daz ungenant im brev. v. St. Lambrecht zs. f. d. a. 20, 181, 183; die ungenanten die elfen mhd. wb. 2, 312b. sodoma, sodomiticum peccatum ungenant sund Diefenbach n. gl. 342a; Staub-Tobler a. a. o.; Höfler 720b; th. 5, 641; der ungenanten sünd Eberlin v. Günzburg 1, 25 u. ö.; Schmeller 1, 1734; Zwingli d. schr. 1, 338; mit der ungenanten unkeuschait Keisersberg v. den 7 schwertern bb 3a u. ö.; auch der ungenanten sünder erst. d. bib. 2, 443, 61 var. der ungenannte mann henker Nyrop-Vogt 24; schinder zs. f. d. wortf. 10, 135; Klenz 2. der ungenannte der wolf Kramer (1702) 2, 129; ungenannter bösewicht Spee trutzn. 181; zs. f. d. wortf. 10, 135; vgl. DWB unbenannt. die ungenanten würme wanzen th. 4, 1, 1, 1471, 11 d. der ungenannte (4.) finger digitus impudicus Höfler 491a; Schmeller 1, 1747; s. ob. der, die, das ungenannte (ungenannt, ungnat, ungenamt, unbenannt,

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auch gnantə Fischer schwäb. wb. 3, 354, ungenannter Schmidt 401) als krankheitsbezeichnung (zs. f. d. a. 53, 134), bes. für den fingerwurm, dann für brand, rothlauf, krebsartige geschwüre, mastitis puerperalis, epilepsie, syphilis, soor, reiszen, pferde- und rinderkrankheiten, klauengeschwulste u. a. von Anfortas:

den ungenande niht verbirt
Wolfram Parz. 240, 8;

s. Martin z. d. st.; die meisten hsn. haben wie 251, 20 ungenade; daʒ ungenande Willehalm 154, 23; malum nefandum voc. bei Höfler 441a; die wundsucht und das ungenant der wunden H. Braunschweig dest. 33b; det ungenömte diert zs. f. volksk. 1898, 393 (mastitis); onggenannt, f., soor, in Echternach für gankel lux. 315b (dazu Schmeller 1, 1748); der ungenannte wurm, der und das ungenannte Höfler 441a; den wurm oder den ungenanten arzneibuch des 14. jhs. bei Schulz zs. f. d. wortf. 10, 134; de paneritio vel tassa, vulgo der wurm oder der ungenant Paracelsus chir. 585 b; 439 b; von einem nagelgeschwer, so vom gemeinen böffel der schlaffende wurm oder ungenammte geheissen wirdt Würtz pract. (1612) 265; der ungenannt Maaler 462b; Calepinus undec. 1017; Dentzler, Aler, Kramer-Moerbeek; das ungenandte, das ungenannt quellen des 17. jhs. bei Schulz zs. f. d. wortf. 10, 134; das ungenannte paronychia Nemnich naturg. 609; nos. 17c; Campe (im gemeinen leben); Gotthelf 18, 152; ungnampt rinderkrankheit Gesner - Herold - Forer 120r; roszkrankheit Seuter roszarznei (1599) 187; klauengeschwulst Schmitz Eifel 1, 232a; im übrigen s. Höfler 441a; Staub-Tobler 4, 748; Schmeller 1, 1747 f.; zs. f. d. wortf. 10, 134.
als steigerndes adv. schlechthin, ganz und gar de Bo 672b;

das yegklicher nur sucht das sein ...
in allen dingen ungenambt
Sachs 5, 99, 4 Keller.

anderes wie nl. ongenoemd unzählig (wb. 10, 1624) bei uns unentwickelt.ungenanntheit, f. , als göttliche eigenschaft mhd. ungenantheit, mnl. ongenaemtheit. für anonymität Campe verd. 112b. kaum üblich.ungenaturt, part.-adj. , gth. von genaturt th. 4, 1, 2, 3347. 7, 445 f. mhd. ungenatûrt; mnl. ongenatuurt. vgl. bös, übel, schwach, nicht genaturt (zu): die letzten zwei sind zur dicht- und reimkunst fast ganz ungenaturt und so übel-geschickt Zesen verm. helikon 1, 42. veraltet.ungenau, adj. adv. , gth. von genau. auf die schwierige und th. 4, 1, 2, 3348 ff. nicht erledigte geschichte des grundwortes läszt unser ganz junges, erst von Campe in beschränkter verwendung (als gth. von genau 5 b, 9 a und als adv.) verzeichnetes wort keine rückschlüsse zu. begriffsentlehnung aus inexactus, inexact liegt bei J. Grimm kl. schr. 7, 563 (über den wert der ungenauen wissenschaften) zu tage; und diese bed. überwiegt durchaus. den mundarten geht es ab. vgl. dän. unøiagtig, -hed, dazu Falk-Torp 785; nl. onnawkeurig, -heid, onnauwlettend, dazu Franck - van Wijk 452b. von personen: ein ungenauer mensch, der es nicht genau nimmt, wie auch der nicht genau mit dem gelde ist Campe (unüblich, es sieht wie von C. gemacht aus); allgemein ein ungenauer beobachter, schreiber, arbeiter u. s. f. von nichtpersönlichem: sinnlich eine ungenaue wage (genau 4 c), landkarte, uhr (8 b) u. dgl.; die damals ungenaueren barometermessungen Ritter erdk. 2, 866. unsinnlich: ein ungenaues gedächtnis (genau 8 f); so begnügte man sich mit ungenauer nachahmung Göthe 49, 222, 27 Weim.; ausdruck Savigny g. d. r. rechts 1, 40; reime J. Grimm R. Fuchs clv; abschrift jb. d. Grillparzerges. 3, 98;

und wolken nicht von eile oder dauer
und nichts von blitz. nichts von dem Thaumas-kinde,
des stand auf erden ist ein ungenauer
St. George Dante 54.

adv. Campe; u. zu werke gehen Schleiermacher I 5, 570; allgemein.ungenauheit, f. , gth. der genauheit Grimm gram. 13, 171 (der reime; aber 173 das übliche ungenauigkeit). — ungenauigkeit, f. , gth. der genauigkeit. Campe: man kann dem verfasser dabei grosze ungenauigkeiten ... vorwerfen Göthe gespr. 7,

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182; u. der schreiber J. Grimm kl. schr. 7, 331; logische u. Vischer ästh. 2, 460; der französischen u. Laube 5, 257; technisch u. an einer arbeit Ludwig 1, 350; Karmarsch-Heeren 7, 733. — ungenehm, adj. (adv. s. ungenehmlich), gth. von genehm, vorstufe des heutigen unangenehm (s. d.), im 18. jh. bis auf die genehm 2 d, e entsprechende bed. abgestorben. Campe verzeichnete es als alt, aber brauchbar. ungename Graff 2, 1073. mhd. ungenæme; mnd. ungenême, un(ge)name; mnl. ongename. auch in den ma. veraltet (Staub-Tobler 4, 721; Schmeller 1, 1742). die volle form ungeneme dauert vereinzelt bis ins 17. jh. vgl. unannehme, unnehmig, DWB unannehmlich. im pass. sinne von unangenehm 1: dein opfer ist gott ungenem heil. leb. summerteil 103a; glaub, es (das büchlein) werde dir .. nit ungenm sein Hutten 1, 323, 23;

koral ist ohne saft,
ein ungenähmer stein
Zesen adr. Rosemund 185 neudr.;

frühsuppe Buchholtz Herk. 30; manche ungenehme schale von thee disc. der mahlern 2, 104; veraltet; von unsinnlicherem und abstracten begriffen:

gel ist ain varb ungenem (die man nicht wählt) fastnachtsp. 779, 24 K.;

es ist seine bitte darumb nicht deste ungenehmer Luther br. 4, 542;

sein lieb wer ir doch ungnem
Sachs 2, 238, 24 K.;

um angenehme sitten anzunehmen und mich zu entnehmen allem ungenehmen Rückert 11, 348; ungenehm war der seele des höchsten die wohnung Ebers Uarda 2, 123. genehm 2 d entsprechend:

fürst (Jesus), dem auch, was zu geben kaum bequeme,
nicht ungenehme
A. Gryphius (1698) 2, 248;

wenn es ihnen nicht u. sein sollte zeitung 1911, das war uns nicht u., mit unangenehm nicht zusammenfallend, sondern von diesem wie ungemäsz von unangemessen verschieden ('wenn es ihnen belieben sollte', 'damit waren wir wohl einverstanden'); ein mir nicht ungenehmer vorschlag; den übergang zu der bei unangenehm 2 verzeichneten bed. zeigt:

wann was ausz dem mundt gat,
das man vor besayffert hat,
das ist alles unngenäm
und den leuten gar widerzem
Weller dicht. d. 16. jhs. 51.

wie unangenehm 2 (schon im 17. jh. veraltet), in älterer stärkerer und junger abgeschwächter bed. 'widerwärtig, ekel erregend, scheuszlich', grob gemma g. 1508, rancidus Alberus; 'unlieb, unwillkommen, lästig': disen ungenemen wúrmen Suso 39, 27 B.; sele ew. wiszheit betb. xia; die jungen lappen .. seind hochtragende und ungenm A. v. Eyb d. schr. 2, 143; nu wer viel fragt, wird ungeneme Luther 23, 116, 12 W.; ain ellend und ungenäm fraw Füetrer B. chron. 192; ein ungenemer gast Waldis Es. 2, 85 K.; wer viel fragt, der wird gelehrt, aber unwerth oder ungenem Petri 2, K k k vv. gth. genehm 2 a, b. — ungenehmheit, f. Campe. unüblich.ungenehmig, ungenehmlich (mhd. ungenæmecheit, ungenæmplich proterve Diefenbach 468a) im nhd. unentwickelt.ungeneigt, part.-adj. adv. , i. a. gth. von geneigt (s. d. th. 4, 1, 2, 3363 und th. 7, 575; zs. f. d. wortf. 3, 227. neigung II 3). mhd. ungeneiget; mnd. ungenêget; mnl. ongeneiget; nl. ongeneigd, ongenegen; schwed. obenägen. vgl. nicht geneigt, übelgeneigt. heute immerhin am häufigsten in der litotes. die unsinnlichen bedd. im mhd. unbelegt. sinnlich: ohne dankend sich verneigt zu haben Scherffer bei Drechsler 186; von speeren Lexer 2, 1853; immobilis (übertragen) mnl. wb. 5, 632. beim wesentlich unsinnlichen gebrauch lassen sich die ausgangsvorstellungen noch schwerer sondern als bei geneigt. halbsinnlich, geneigt 2 a (th. 4, 1, 2, 3364) entsprechend: wir die hörenden gegen unserm widerteil unwürtsch und ungeneigt und gegen uns wilt machend Riederer f iib; diese gedancken sind zum fall nicht ungeneigter, denn erforschen und grübeln Luther-Aurifaber tischr. (1566) 322a. mit dat. der person (geneigt

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2 b α): waren ... Cralocho u. Stumpf 324a; R. Wagner 7, 189; vom glück Kortum Jobs. 1, 99. auch wie geneigt 2 b δ von unterthanen Stumpf (wie bald der graaff besorget, er wurde bemelte burger ungeneigt haben) chron. 550a; 741a; k. Heinrichs hist. (1556) 77a; Göthe 42, 1, 179, 25 W. wie geneigt 2 b β m. dat. der sache: das si der biblischen gschrifft u. sein C. Hedion 4 bücher v. christl. leer (1532) 4a; ich merke, das sie meinen wünschen nicht u. ist Cronegk samml. v. schausp. 2, 43. geneigt 2 c entsprechend: der gnädigste herr ist sehr u., solchen unangenehmen dingen sein hohes ohr zu leihen Göthe gespr. 6, 227; mit ungeneigten ohren (hören) Dach bei Fischer-Tümpel 3, 85; dem repräsentanten sämmtlicher ungeneigten leser Fr. H. Jacobi 1, 115; E. Th. A. Hoffmann 12, 5; Schopenhauer 1, 11. geneigt 2 d entsprechend: ein sehr ungeneigtes urtheil Gottsched d. neueste 7, 587; auch wie geneigt 2 f: mit ungenaigten augen zuesahen (miszbilligend) Brandis ehrenkr. 199; mit u. winden C. Abel Boileau 426; Wieland (1853) 3, 19;

zeit und gelegenheit war dazu ungeneigt
Henrici 1, 309;

veraltet. geneigt 3 a, b entsprechend: die jugent .. gar ungeneigt ist zu studirn Luther 30, 2, 521 W.; es werden die l. herren stände ... solchem allem abzuhelffen .. nit u. sein act. publ. 2, 221 P.; Treitschke aufs. 1, 118; oft mit zusätzen wie nicht so gar Chemnitz 2, 300; nicht ganz u. Wieland 3, 97; nicht unabgeneigt Alfr. Meiszner schwarzgelb 4, 1, 4, s.un IV C 1, 2. geneigt 3 c entsprechend: weil ich one das nit so gar u. dazu gewesen H. Kellner chron. (1574) vorr.; zu einem gütlichen vergleich Chemnitz 1, 30; zum pabstthum J. W. Petersen leben (1717) 32;

zu einer, welche sich fein stille hin bezeiget,
ist mancher liebender nicht gar zu ungeneiget
Henrici 2, 142;

ich werde sodann mich nicht u. finden lassen Petrasch 1, 622. wie geneigt 3 e mit dat. der person und der sache: hat ... der herzog ... sich nicht ungeneiget bezeiget Micrälius 4, 173; charmiren ist eine heimliche entdeckung der liebe, wenn ein frauenzimmer einer mannsperson ... zu verstehen giebet, dasz sie ihm nicht ungeneiget sey Amaranthes frzl. 144; ich gestehe ihnen, dasz ich den träumen solcher art mich auch nicht u. fühle Herder 15, 278; er ... war dem vortrage nicht u. Göthe II 6, 247, 14 W. geneigt 4 entsprechend: ist .. zu guten künsten nicht u. Braun beschr. u. contrafactur (1576) 2, 20a; in so ferne ... als sie das gemüth ... dazu gefasset oder u. antrifft Zinzendorf t. Socr. 46; zur faulheit u. Triller betr. 2, 283; dem spiele u. Weigand syn. 1, 17. ansätze zu eigener, inhaltlich stärkerer bed. sind in älterer zeit vorhanden: ein ungeneigten gott erfindn (beim totengericht) Ringwaldt warh. 258; es liesz sich aber anfenglich der keiser nichts ungeneigts (kein zeichen der ungeneigtheit) mercken Faber Saxonia 78b; Boccalini probierstein 112; Simpl. 445 Kögel;

unverschämter nimmersatt! ausgedorrter lebenskränker!
ungeneigter menschenmörder!
Neumark fortgepfl. lustw. 2, 44;

Pansner 73a; Schöpper syn. e 1b; durus Reyher o ra: invisus, odiosus, infensus Stieler 1345; viel ungeneigten (neider, feinde) haben, meine ungeneigte Kramer 1702, 2, 128a; einen von einem u. machen Aler 2, 2084a; gehässig Zedler 49, 1438. der älteren (gegen ende des 18. jhs. veralteten) auffassung geht der heutige unterschied von u. und abgeneigt noch ab (Kramer a. a. o.); Eberhard syn. 1, 11; dieses bezeichnet dann widerwillen, jenes gleichgültigkeit, 'in engerer bed. keine neigung, und in weiterer bed. abneigung habend, des andern glück gern zu sehen' Adelung. die alte starke bed. erscheint etwa noch im wortspiel: an den geneigten leser und an den ungeneigten kunstrichter Hippel lebensl. 2, 147; oder man musz mit verstärkenden zusätzen nachhelfen: im höchsten grade u. R. Wagner leb. 3, 80 volksausg. adv. Wieland (1853) 12, 302; Rückert 12, 177; 2, 485; nicht u. nehmen, dasz Menantes n. br. 500; Scheibe crit.

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mus. 194 a.; auffnehmen Reuter Schelm. 22 neudr.; Weichmann Nieders. 1, 90; Göthe IV 32, 220; 42, 180 W.ungeneigtheit, f. , gth. der geneigtheit. nl. ongenegenheid, ongeneigdheit; schwed. obenägenhet. vgl. abgeneigtheit, unneigung: ungeneigtheit, abgeneigtheit Kramer 1702, 2, 128a; die untreue und u. des hertzens gegen den heiland A. G. Spangenberg ap. schluszschr. 2, 546; u. der Samaritaner, ihren pentateuch herzugeben allg. d. bibl. anh. 37/52, 788; mit ihrer u. zu kämpfen Fichte 5, 417. ohne plur.; s. DWB ungeneigt. — ungeneise, ungeneis(z)ig s. ungeneus(z)ig. — ungenerös Zinzendorf Lond. pr. 1, 87 (ungenereus). — ungenesen, n. , gth. des subst. inf. genesen (th. 4, 1, 2, 3389, 6), wie mhd.: andrer leute schaden, verlust und u. Logau 465, 20. — ungeneslich, adj. adv. , gth. von geneslich. mhd. ungenislich; mnd. ungeneselik; mnl. ongeneselijc; nl. ongeneeslijk; Dijkstra 2, 291a: v. krankheit Öheim chr. 129; Brant v. d. losen fuchsen (1546) V 2b; v. schlangenbisz, der fast ungenäselich Dapper Africa 394b; Am. 148b; hätte ich auch nicht erfahren, dasz du ungeneszlich Lohenstein Arm. 2, 58a. in anderer lautgebung ungenieszlich J. A. a Gehema säugamme B 5a. dazu ungenissig Schmeller 1, 1759. ungenistig Unger-Khull 610a, gth. des mhd. genistic Lexer nachtr. 194. adv. ungenieszlich tumme narren J. C. Dippel abfertigung (1733) 121. mhd. ungenislîchen; mnl. ongeneselike; nl. ongeneeslijk, -heid. veraltet.ungenetzt, part.-adv. in der verb. u. scheren, wie sonder netten sch. (Bolte - Seelmann schausp. 1, 96), trocken sch. (th. 8, 2575), âne schermeʒʒer (ges. abent. 18, 1375), in den bed. hart mitnehmen, rauh behandeln (Staub-Tobler 4, 887), enthaupten (scheren 4 h), und schwächer prellen, rupfen, anführen, hineinlegen u. dgl.:

er hett mir geschoren ungenetzt
H. Kaufringer 9, 101;

stud. 38; fastnachtsp. 1112; Neidhart Fuchs 3761; volksl. 2, 70 Lil.; Erlach 2, 365; Murner narrenb. 97, 32; Wickram 6, 260, 666 B.;

schlecht erbaut von Katlas weise,
ungenetzt den bart zu scheren
Weber dreizehnlinden 335.

ungeneus(z)ig, -lich, adj. adv. ; wenn die th. 4, 1, 2, 3392 gegebene ableitung richtig ist, liegt mit un IV B oder IV D 2 zusammengesetztes geneus(z)ig vor (ungeneuszig = geneuszig Kehrein Nassau 159). wie sich bei dieser wortsippe schon früh wurzelmischung einstellte (Falk-Torp 777. 776), bringt volksetymologie unsre wortgruppe und ihre anhängsel, denen die anknüpfung in der gemeinsprache entzogen war, gern mit genieszen (genüszlich, genusig frugalis Diefenbach 249a; Eupen 131b; geneusze, geneisze, genäsze bescheiden, manierlich bes. im genusz Müller-Fraureuth 1, 404b; den genusz übertreibend Söhns parias 101; Weinhold schles. 65a zu nieszen; Weigand s. DWB geneusen 2 c. genössech gierig, genuszsüchtig, leckerhaft, genüssig lux. 138a), genügen, genügsam (nd. jb. 39, 95b; 38, 113, 60; Müller - Fraureuth a. a. o.), genau, knauserig (Reinwald 1, 45), unnütz (Müller - Weitz Aachen 171) in zusammenhang; auch ogənȳtəX ungenügsam, gefräszig Leihener 87b scheint sich hier anzulehnen. ungeneusz (für die ungeneuszen geste) Mathesius hochzeitspred. e e e 3b; ungeneisze, ungeneesze Müller-Fraureuth 1, 404b; ungeneise, ein ungeneiser mensch Rädlein 979b; Castelli (1718) 1565b; ungeneisen Söhns parias 101; inexplebilis, insatiabilis, improbus, pamphagus ungeneussig Alberus; ungeneussig asotus Aler; Steinbach; Crecelius 844; Kehrein Nassau 159; obers. 1, 404b; ungeneisig v. Klein 2, 206; ungeneiszig obers. 1, 404b; Bayerns ma. 2, 340; Coblenz, Jülich, Berg; Crecelius 844; ungeneiszig, ungenissig ungenügsam Bernd 331; ungneisch Göpfert erzgeb. 25; Askenasy 119; im hess. verbreitet; ûñgeneusch Crecelius; ungeneuisch Wetterau; unjənēeš Neu-Golm bei Potsdam nd. jb. 39, 95b; ungenûszig Hönig 185; ongenüsig Aachen. ungeneuszlich schlesisch, lausitz. hauptgebiet das md., aber bis ins nd. hineinreichend. wesentlich mundartlich, von Campe als landschaftlich für die

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bücherspr. untauglich verworfen; dennoch auch literarisch nicht unbekannt. zur bed. s. DWB geneusen:

darz trag auch zu allen zeitten
ein grossen wetschger an der seitten,
darin du tragst dein proviand ...
merckt dir jemandt den possen ab,
sprch: lantzman du bist ungeneissig,
so antwort jm mit worten beissig
Scheit Grob. 522

(ungeneuszig Hellbach);

denn wer nach unvorschembter list
im gastbot ungeneuszig ist ...
der wird so bald nicht mehr geladen
Ringwaldt l. warheit 104 (1597 ungeneiszig);

ein ungeneusziger fresser Mathesius Syr. 2, 41b. 42a; die füllwürste und ungeneussigen seumagen Bütner epitome 325b; Scherffer bei Drechsler 189; Lohenstein Arm. 2, 310b; einer ungeneuszigen amme 1, 1150b; der herr Jesus hats nicht gerne, wenn man ungeneuszlich iszt oder sich betrinckt Zinzendorf l. milch 30; ein ungeneusziges thier Bettine a. d. nachl. Varnhagens v. Ense 393; schämst du dich nicht? du ... undankbarer, ungeneuszlicher Holtei erz. schr. 16, 40. allgemein steigernd Müller-Weitz 171. — ungenial, adj. adv. , gth. von genial (s. d.): alle ungeniale musik Fouqué gefühle 1, 152; E. Th. A. Hoffmann 1, 284; höchst ungeniale menschen Schopenhauer 1, 254. etwas früher das heute aufgegebene ungenialisch, adj. adv.: bei ungenialischen gezwungenen nachahmern Göthe 37, 208; ein ganz ungenialisches unternehmen 227 W. (Frankf. gel. anz.); in musik und bildender kunst ... jähnen wir dem genius zu, höchst ungenialisch Herder 22, 206; der ungenialischen Franzosen Ayrenhoff 4, 149. — ungenialität, f. , gth. der genialität (s. d.; Schulz fremdwb. 1, 243): von ... innerer u. scheint auch folgender umrisz zu seyn Lavater fragm. 4, 85. — ungenie, n. : sonderung der geniuswerke darin (in Göthes schriften) von den misgeburten des ungenies C. Fr. Cramer (1797) schr. d. Götheges. 8, 119. — ungeniert, part.-adj. adv. zu (sich) genieren (Schulz 1, 243); das adj. geniert ist wahrscheinlich aus u. gewonnen (Schulz a. a. o.; Campe verd. wb. 1813, 337a; 'verlegen'. lux. 137b. 'genant' Müller - Fraureuth 1, 405a). ungenirt ungezwungen, zwanglos Campe verd. 597b. auch in die ma. gedrungen (z. b. Seiler Basel 299; Müller-Fraureuth 2, 598b; Leihener 91a; lux. 315b; schwäb. ungenirt ohne genie Sütterlin werden u. wesen 125, idg. forsch. 1, 116, genie = gène obers. 1, 404b, 2). dän. ugenert; nl. ongegeneerd. unschenirt Bräker 1, 262; Lavater schr. d. Götheges. 17, 250; er spielte den unschenirten Laukhard leben 1, 347; trinken s' unscheniert fort Nestroy 4, 10. noch halb verbal ungenirt (vgl. nicht geniert) von Görres br. 3, 35. während zwanglos, ungezwungen heute meist als anerkennend gelten, kann u., ganz, ziemlich, höchst u. s. w. u. auch ironisch tadeln: die groben leute gefallen mir, sie sind so u. wie die liebe natur Bäuerle 2, 10. ongḡeneiert rücksichtslos lux. 315b. vgl. unverfroren. seit dem letzten viertel des 18. jhs. schriftsprachlich sehr verbreitet, ursprünglich aus dem durchs franz. beeinfluszten hausdeutsch der gebildeten stammend: mein weibchen lächelte oft ..., da ich ihr von dem freyen unschenirten wesen sagte, das ich mir ... an ihrem tische anmaszte Lavater (1774) an J. C. Göthe schr. d. Götheges. 16, 250; das gerade, einfältige, ungenirte vergnügte und artige wesen eines noch unverdorbenen kindes Spangenberg leben Zinzendorffs (1775) 2012; so sind die frauenzimmer hier, sie sind hübsch, sind artig, witzig und auf die angenehmste art u. Forster br. an Sömmering (1784) 127; comp. Nicolai reise 5, 290; einen .. sehr ungenierten mann Wackenroder 2, 219; ich offerire mich zu der ungenirtesten einleitung (1804) Göthe IV 17, 51, 8 W. (sonst nach Bohner nicht in den werken);

und wer unter märchenbäumen
will schlummern ungenirt,
der musz die welt verträumen
und wie sie wird regiert
Strachwitz ged. 77;

die anmuthigsten sehr ungenirten mädchenabenteuer Mommsen r. gesch. 3, 685. dazu ungeniertheit, f.:

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wir .. lebten .. individualiter in der höchst denkbaren u. Pestalozzi 9, 276; Polenz Grab. 1, 74. rücksichtslosigkeit lux. 315b; dän. ugenerthed. — ungenieszbar, adj. adv. , gth. von genieszbar, jünger als ungenieszlich (s. d.), das Kramer (1700) 1, 508c ihm gleichstellt. ungenuszbar Sonnenfels 2, 177; s. DWB genusz 1 c. für incomestibel Campe verd. wb. 369b; nl. ongenietbaar; schwed. onjutbar. genieszbar 1 entsprechend: dasz meine hübschen besitzungen (sammlungen, bücher u. dgl.) ein unerträglich chaotisches ansehen haben und völlig u. geworden sind Göthe IV 24, 130, 8 W.; einen ungenieszbaren quartanten Ranke 37, 317; format, das den gebrauch beeinträchtigt Peschel völkerk. 521; gebäude Schopenhauer 1, 289; lesarten Scherer kl. schr. 1, 623. wie genieszbar 2: brot, das den jägern u., ... ausgeschnitten Göthe 33, 34 W.; das ungenieszbare II 6, 198, 8 W.; raub Schopenhauer 2, 636; traube Rückert 3, 90; Muspratt - Stohmann - Kerl 6, 127. wie genieszbar 3 (was nicht genossen werden kann [Krünitz] und was nicht genossen zu werden verdient, keinen genusz gewährt):

wärst du nicht, o Messias, gewesen, die ewige ruhe
hätte mir selbst traurig, und ungenieszbar geschienen
Klopstock Mess. 2, 51 (1748);

zu hohen, dem vieh ungenieszbaren freuden
Wieland Herm. 1, 354;

auch im geistigen soll uns das ungenieszbare anekeln Herder 22, 34; aufenthalt Göthe III 2, 114, 20; IV 42, 228 W.; tage Thümmel reise 2, 99; launen Hufeland kunst 28; berg- und weltgeist Eichendorff 2, 154. syn.: alles was O. hervorbrachte, war mystisch, fanatisch, geisterseherisch, unordentlich, unverständlich, unverdaulich und ungenieszbar Zimmermann eins. 3, 42; schal und u. E. Th. A. Hoffmann 8, 7; u. und unausstehlich J. Grimm kl. schr. 5, 176; u. und ungenossen Gutzkow 6, 335. von personen (genieszen 6 g; lehrreich Fischer schwäb. wb. 3, 362; im nl. germanismus wb. 10, 1640): K. wird u. Göthe 27, 89 W.; unglücklicherweise war ich den zweiten tag ... elend, krank und folglich u. Forster 8, 154; J. ist ein so steifer, trockener, ungenieszbarer diplomate Gentz 4, 36; Pansner 73a. vgl. DWB nur mit vorsicht zu genieszen. adv. ich .. bin jetzt u. unruhig Bismarck br. a. s. braut 123 (unruhig bis zur ungenieszbarkeit); vgl. Scherer litg. 450. — ungenieszbarkeit, f. , gth. der genieszbarkeit. Adelung. nl. ongenietbaarheid; schwed. onjutbarhet: die u. des salzigen wassers Ritter erdk. 1, 1025; Lueger 1, 412; Brehm tierl. 8, 92. die u. seiner reden Börne 1, 60; religiöse u. Ruge 1, 24. — ungenieszlich, adj. adv. , gth. von genieszlich, heute durch jüngeres ungenieszbar überflügelt. infagorabilis ungenüslich (s. genüslich) Niger Abbas 2570; Kramer; Campe; Lucas. genieszlich 1 entsprechend: bey manchen talenten wird die trauer eine berechtigung zum nichtsthun, der ungenieszlichsten aller sünden Zelter a. Göthe 6, 123. wie genieszlich 3: zudem machte diese essende waar das wasser gantz u. Pinto wund. reisen (1671) 99; Rückert 8, 132; von liedern maler Müller 1, 253; briefen Pückler br. 3, 461. — ungenieszlichkeit, f. Campe.ungenietet, ungeniet, part.-adj. zu nieten, genieten (s. diese), gth. von genietet, geniet. mhd. ungenietet. ungeneiet fastnachtsp. 69, 3 K. var.; ungenüttet Schaidenreiszer Od. 12b; ein frecher ungenittner herr Aventin 1, 1, 454, 25 var. (ungeniet, ungenüdt wachs Tabernaem. 720, 1023 zu nöten, nüten Staub-Tobler 4, 864, wie ungenötiget unverarbeitet, unvermischt, rein 4, 862); Schmeller 1, 1770; Staub-Tobler 4, 852. vom 15. bis 18. jh. oberd. bezeugt: von einer 'versuchten dirne'

sie ist also ungeniet nit doher kumen fastnachtsp. 69, 3 K.;

Sachs 14, 158, 5 G.; ein ungenieter wütrich Steinhöwel sp. m. lebens 117b; schiffman 162b;

liesz er ein son bey achtzen jaren,
grob, ungeniet und unerfaren
Sachs 9, 506, 6 K.;

jung ungnit folck 21, 230, 2 G.; da nichts ungeheurers, unzämischers, ungenieters ist Franck chr. G. 120b; die

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vollen, feygen, ongenieten, wollustigen reichen sprüchw. (1541) 2, 157b; ain grosse anzall volks ... geniets und ungeniets Aventin 1, 247, 26 L.; Huberinus hauszucht 39b; jung edel, aber ungeniettet leut Liv. (1557) 55b. subst.: die jung und ungeniet vil von sich selbs halten Agricola spr. 18b. als schelte, ignavus, der ungenitet Neidhart Eun. 118 F. u. ö.; vgl. oben die syn. verb.; mit gen. Neidhart 89; alters halb 91. dem verbum nahe: die erfarung ists alles, ungeniet unerfarn Franck sprüchw. (1541) 2, 168a; Eiselein 611; dulce bellum inexpertis, der krieg ist süsz den ungenieten Franck chron. (1543) 1, 285a; ungeübt und u. weis sein quelle (1708) bei Staub-Tobler 4, 852. am längsten im sprichwort erhalten: ungeniet kind ist wie ein wild rind Franck spr. (1541) 1, 121a; Mauritius schulwesen v; Körte 245 (mit falscher erklärung). dazu ungeniete, f., unerfahrenheit Neidhart Eun. 116 F.ungenietig, adj. , gth. von genietig (s. d. und bes. nietig, gnietig Staub-Tobler 4, 853 f.): tzu dissem laster bringen sie die vorigen, das sie hohmuttig, viel von yhn selbs halten, und die tzwey nehisten, das sie unbarmhertzige, hartthertzige, ungenietige leutt seyn, die sich niemants annehmen Luther 10, 1, 1, 652; sie sind ungenietig, ungemeyn 647 W.ungenislich s. ungeneslich. — ungenosse, ungenosz, m. und adj. (adv.), i. a. gth. von genosse, genosz; über das verhältnis des subst. zum adj. s. DWB genosse, DWB genosz 1 d. mit dem verfall des alten rechtslebens veraltet und im wesentlichen auf wissenschaftliche spr. beschränkt ist das adj. adv., ahd. mhd. ungenôʒ, mnl. ongenoot, Staub-Tobler 4, 821. vgl. ungenössig, ungenoszsam, genoszlos (Schmeller 1, 1763). in einigen fällen kommt bei der form ungenossen abschwächung aus ungenossam in frage (Staub-Tobler a. a. o.), in andern (durch gelehrte und ungenoszne männer Möser 1, 379) anlehnung an das part.-adj. (s. u.). ohne gemeinsame nutznieszung (s. DWB genosz 2): eines gts nit teilhafftig, ungenosz Frisius 653a; auszgenommen, expers Maaler 462b; Henisch th. 4, 1, 2, 3476, 2 b; 4 b α; 4 i; ἀμέτοχος Decimator; vgl. genoszlos. genosz 4 entsprechend von rechts- und standesverhältnissen: desz eelichen stands u. Frisius 512a; das man einem etwas rchtes u. erkenne und auszschliesse oder erlasse 554a; adenlichen titels (1606) quelle bei Staub-Tobler 2; ungenosse erben, käufer ebd. 1; hende Haltaus 1890 u. verschweigen; gut Staub-Tobler a. a. o.; von hof- und alpgenossenschaft, von leibeigenschaft ebd.; von 'ungenossenschaft' überhaupt (es werden auch einige belege mit angeführt, in denen substantive auffassung möglich ist): so well er doch mit einem im ungenossen, der ein verräters bösewicht sig .., nit kämpffen Tschudi 1, 23; Möser zog das alte wort wieder hervor, s. th. 4, 1, 2, 3475: unsre vorfahren waren ... so genau, dasz sie denjenigen sofort für einen knecht hielten, der von eines ungenossen menschen ausspruch abhangen muszte mit der fusznote: es ist dies ein altes deutsches wort, wofür ich kein bessers zu finden weisz. ein französischer und deutscher edelmann können einander ebenbürtig sein, sie sind aber einer des andern ungenosz. bürger aus verschiedenen städten sind ebenfalls einander u. 1, 378; als u. angesehen werden 1, 383; ungenossen richtern 1, 385; (gerichtsgenosz 1, 376;) fremde, ungenosse richter Raumer Hohenst. 5, 325; der jude konnte als ungenosz keine andere sicherheit durch realrechte erlangen Wigand bei Grimm rechtsalt. 2, 167; Lexer 2, 1855; Staub-Tobler a. a. o. 1; adv. u. wiben (1464) ebd. im übrigen s. d. rechtswb. im erweiterten sinne ungleichartig Paracelsus th. 4, 1, 2, 3475. 3480, 4 g; nicht zusammenstimmend Hug unter ungemäsz 2 a; ungenôʒ minor patre secundum humanitatem Graff 2, 1126; 'vorzuziehen' mnl. wb. 5, 637. es heftet sich auch verachtung daran:

liegen und triegen seind so grosz,
sie machen manchen ungenosz
Brant Freidank (1539) 31

(anders Freidank 167, 19); vgl.

sie (Maria) sach irn sun verlassen
sterben mit den ungenossen (schächern) rüefbüchl. hs. v. j. 1601, 82b.

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entwickelter, noch bis ins 19. jh. von wbb. verzeichnet und in wissenschaftl. darstellung nicht ungebräuchlich ist das subst., mhd. ungenôʒ, mnd. ungenote, ostmnl. ongenoot, genote. Schottel 415; Stieler 1353, 1354; Frisch 2, 19a; Haltaus 659; Schwan 2, 844a; Voigtel 3, 472a; Voigt geschäftsf. 2, 524; Krünitz 196, 284. von Adelung, Heynatz, Campe als oberd. abgelehnt. Staub-Tobler 4, 819, 821; Fischer 3, 365; Schmeller 1, 1763. über die im mhd. nicht mehr bezeugten älteren bed. 'übler gefährte, wer nicht seinesgleichen hat, untheilhaftig ist' s. die wbb. der ä. spr.; mit bezug auf rechts-, standes-, staats-, zweckgenossenschaft: ein zu den hörigen eines andern herrn gehöriger, ein ungenôʒman Lexer 2, 1855; Fischer 3, 366; ein einer andern hofgenossenschaft angehöriger Staub-Tobler 4, 821; wer an den rechten einer gemeinschaft nicht theil hat ebd. 819; s. genosz 4 a; wer ungleichen standes, unebenbürtig, geringerer herkunft, geringeren rechtsstandes, nicht wappensgenosz u. dgl. ('ungenossen seyn will sagen, von solchen eigenschaften seyn, vermöge deren man nicht im genusz oder mitantheil eines rechts, rangs, vortheils seyn kann' Westenrieder 602) ist: so schametent sich gte lute, daʒ ir ungenoszen sü soltent (zu grabe) tragen städtechron. 8, 121, 12; etliche durchlchtige herren zwang er, die tchteren den ungenossen von schlchtem harkommen ze vermcheln Tschudi 1, 23; Meichszner land- und lehenrecht 38b; Zobel sächs. lehenr. 57a; Schottel kurzer tractat (1671) 356; vgl.über- und DWB untergenosse, ungenossin; ein dienstmann hilft auch seinen ungenossen Graf-Dietherr 457, 510; einzig der reichsdienstmann hat das besondere vorrecht, dasz er dem übergenossen wie dem ungenossen hilft ebd. 464; dedititii, adscriptitii, extraneus, peregrinus Stieler; kein Schweizer eidgenosse Heynatz antib. 2, 521; die vereinigung aller Seelande gieng auf gemeinsame vertheidigung gegen unrechtmäszige gewalt eines ungenoszen Eichhorn rechtsg. 2, 267; peinliche strafen gingen in ältester zeit nicht an leib und leben, weil man dies in der genossenschaft nicht preisgeben, sondern besser daran seyn wollte, als der ungenosse und der feind Raumer Hohenst. 5, 338; zwang auch gegen den ungenossen (des deichverbandes) zur nothilfe bei überschwemmungsgefahr hwb. d. staatsw. 3, 142. der markungenosse Graf-Dietherr 74; 69, 49. s. d. rechtswb.ungenossen, n. , s.ungenossame. — ungenossen, part. - adj. adv. zu genieszen, nieszen. mhd. ungenoʒʒen; nl. ongenoten; schwed. onjuten. die uns geläufige pass. auffassung, die den verfall der genitivconstr. voraussetzt, gehört nicht der ä. spr. und kaum den mundarten an: ungenossene und nur von der hoffnung eingelobte sachen lassen sich ja noch wol vergessen Lohenstein Ibrahim lobschr. J. 1a; in ungenossnen stunden Lessing 1, 137; ältern 2, 317; mädchen Gleim br. 1, 234; das ungenossne Kotzebue 14, 193; Keller gr. Heinr. 1, 30. unüblich die ungenossenheit der ... straffen Lohenstein Arm. 1, 783 (785b). im übrigen beherrscht, wenn auch in der n. spr. oft ins pass. überschwankend und verdunkelt, act. auffassung die entwicklung des wortes. ein ungenossener hund der noch nicht genossen (s. genieszen 8) hat, mhd. wb. 2, 393b, Erlach volksl. 2, 604; zs. f. d. phil. 15, 488; 'in der jagdspr. heiszet der hund ungenossen, so lange am tage der jagd noch kein stück wild vor ihm geschossen worden ist, da er denn endlich unlustig zu werden beginnt' Campe. ohne etwas zu genieszen Thümmel reise 6, 353; Göthe 26, 253 W. wie mhd. ohne nutzen, gewinn, vortheil davon zu haben: ein edler sinn musz sterben u. Opitz 1, 51; ähnlich, aber vom neueren sprachgefühl pass. umgedeutet, Schiller 5, 120; Voss Od. 16, 120, 294 B. in dem ausdruck ungenossene brief literae inutiles Besold 2, 112a (der brieff were als ein ungenossen und verlegner brieff Rotweilsche hofger. ordn. 1564 7a) kann ursprünglich von pass. bed. auch keine rede sein (vgl. mit genossem, genossenem (lîbe) salvus et sospes mhd. wb. 2, 393b). die im 17. jh. schriftsprachlich stark entwickelte, von Adelung und Campe als ra. des gemeinen lebens, von Valentini als familiär bezeichnete ra. (nicht) u. ausgehen, hingehen (lassen) ist bereits th. 1, 869, th. 4, 1,

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2, 3458 u. genieszen 3 d behandelt; sie geht von genieszen, genossen im rechts- und kampfleben aus und beruht auf der älteren act. auffassung, ursprünglich (wie natürlich) auf personen angewendet, wobei denn (u. zwar schon in Ottokars reimchr., in der übersetzung der gest. Rom. und hs. t des Willehalm 43, 23) vielleicht unter einflusz des meist vorhandenen negativen sinnes un IV C sich einstellte; der verfall des alten rechts- u. kampflebens begünstigte die verdunkelung (bei Reyher o rb 'ungenossen hinausgehen auferre' herrscht völlige verwirrung). die im 16. jh. beginnende anwendung auf sachen (vgl. oft vorschwebendes inultus, impunitus, impune) führt, obwohl vielleicht eigentlich part. absol. gemeint war, pass. umdeutung und umbiegung des un IV C in un IV A herbei; ironischer sinn des genieszens bot dem sprachgefühl eine neue möglichkeit für das logische verständnis (Sprengers annahme, dasz in u. ein ahd. hniutan [Schade 410a, Fick-Torp 100, 1 nusz, 1nussen th. 7, 1011, 1009] vorliege, hat nur geringe wahrscheinlichkeit; s. Bezzenberger beitr. 1, 52). verwendung von genossen im alten sinne (s. d. beispiele th. 1 u. th. 4 a. a. o.; mhd. wb. 2, 395b; das volk, das gleichsam ungestraft und genossen vorübergehet Kirchbach bei Wurm 942b) dauert daneben fort. so persönlich mit eingefügtem un ohne vollen log. werth (heute veraltet): belîbet er sîn u. Ottokar reimchr. 51 560 (var. genozzen); des kumst du ungenoʒʒen niht hin gesta Rom. 55 K.; die aber andere leut für die lucken stecken und geben andere und unschuldige an, das sie ungenossen ausgehen, das sind Judebrüder Mathesius fastenpr. 44a; Isaac gieng für u. aus Artomedes christl. auszleg. 1, 128;

lasz die, durch deren grimm die ströme kaum geflossen,
von leichen zugestopfft, nit auszgehn ungenossen
Opitz poem. 149 neudr.;

das frembde boszheit nur geh' ungenossen aus,
stösz'tu dein heil von dir
Lohenstein Ibrahim 43; thränen 130;

fast adv. (part. abs.):

darf jemand diesen mann gewaltsam zu erschlagen
von straf und jammer frey und ungenossen wagen?
J. E. Schlegel 1, 455;

verstanden wurde u. von Stieler 1352 als impunitus. von sachen in der oben bezeichneten verschiebung ('inultum id nunquam auferes, das sol dir also unvergolten oder vor ungenossen nicht hingehen' Corvini fons 990):

den grossen hansen gehets frey
hinausz und ungenossen
M. Kinner bei
Fischer-Tümpel 1, 77;

das gott ... den gottlosen jhr böse wesen und leben nicht lasse ungestrafft noch u. hinausz gehen M. Eccard 64. psalm 219; mit ungestraft wechselnd Opitz unter genieszen 3 d; einen friedenschlosz, welcher denen aufrührern .. ihre verbrechen liesz u. ausgehen Lohenstein Arm. 1, 1065a; bildet euch nicht ein, dasz euch dieser frevel u. werde ausgehen 2, 999a; niemandem ist es noch u. ausgegangen, der ... gräber ... angetastet hat 2, 1084b; Lessing sagt genossen (th. 4, 1, 2, 3458; vgl. unten Reiske) wie u.: erstaunen sie .. dasz ihm eine solche frechheit u. ausgegangen 10, 431; u. soll es ihnen nicht hingehen Wieland Luc. 1, 64; geht es ihm ja noch recht u. aus, so allg. d. bibl. 1, 121; das soll ihnen nicht u. ausgehen theater d. D. 12, 224;

wart' nur, das geht dir nicht so ungenossen aus
(im munde des wirths)
Göthe, 9, 94 (d. mitschuldigen 717) W.;

Musäus phys. reisen 4, 64; volksm. 1, 21; sonst sollte eine solche lästerung meines Robin Hood dir auch nicht so u. hingehen Tieck nov.-kranz 4, 218. 'die ra. das wird ihm nicht so u. hingehen für ungestraft ist ihrer unerklärbarkeit ungeachtet sehr gewöhnlich' Heynatz antib. 2, 521. (ungewöhnlich: wollte Philipp an dem, was er nun weg und sich unterworfen hat, sich begnügen lassen und seinen raub in der stille verzehren, so würde auch von uns mancher sich nicht rippeln, sondern ihm das für genossen ausgehen lassen Reiske Dem. 1, 89.) — ungenossenehe, f. Bluntschli staats- u. rechtsg. 1, 54; Staub-Tobler 4, 824, ehe mit

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einem ungenossen oder einer ungenossin. bildung der wiss. sprache. ebenso ungenossenschaft, f., die thatsache oder eigenschaft der ungenoszsame. mhd. ungenôʒschaft: in diesem vertrag ... geschiehet zwar der ungenossenschaft selbst keine erwähnung materialien z. Ötting. gesch. 2, 151 a. 2 (1773); J. Grimm rechtsalt. 1, 626. — ungenossenthaler, m. , heiratsabgabe, ursprünglich zur erwerbung der 'genossenschafts'-rechte für ungenossen, busze für eingehung einer ungenossenehe; auch das ungenossen (s. DWB ungenoszsame), der ungenossene thaler genannt und irrig mit dem jus primae noctis in verbindung gebracht, mat. z. Ötting. gesch. 2, 141 ff.; der u., eine Öttingische steuer der verlobten, wird mit vieler evidenz von seiner zweydeutigkeit gerettet und aus dem begriffe der standsgleichheit, standsgenossenschaft erklärt allg. d. bibl. anh. 25/36, 1606; nach aufgehobener leibeigenschaft im Wallersteinischen wird der ungenossenthaler von allen neuverehligten ohne unterschied gegeben Adelung.ungenössig, adj. , gth. von genössig: so soll ihm die ungenossig bessern mit 60 pfennig Markt Öffingsches merzenbüchl. in d. mat. z. Ött. gesch. 2, 149. Dasypodius; Dentzler 325b. veraltet.ungenossin, f. , gth. der genossin. mhd. ungenôʒinne. mat. z. Ött. gesch. 2, 144, 146 (eine ungenossin, ungenossene oder ungenoszaminn). Adelung.ungenoszam, adj. adv. , gth. von genoszsam. mhd. ungenôʒsam. Staub-Tobler 4, 823. vgl. DWB ungenosz, adj.: von mann, frau, ehe Staub-Tobler a. a. o.; u. wiben, heiraten ebd.; substantiviert Birlinger z. kirchenspr. (kirchenschmuck 23) 52. veraltet.ungenoszsame, f. , gth. der genoszsame. ahd. ungenôʒsamî (als sünde); mhd. ungenôʒsame: übrigens kommt auch der ausdruck ungenossen, ungenoszami in gewissen älteren, zwischen Öttingen und Wallerstein verhandelten akten vor mat. z. Ött. gesch. 2, 150. bis zum ende des 18. jhs. in der Schweiz erhalten. Staub-Tobler 4, 824 f.: übertretung der gemeinschaftlichen pflichten einer genoszsame Lexer 2, 1855; mangel des erb- und kaufrechts einer g. Staub-Tobler a. a. o.; abgabe, um diese rechte zu erwerben ebd.; bes. ungenossenehe, abgabe und busze dafür (auch das ungenossen Adelung): Lexer a. a. o.; Staub-Tobler a. a. o.; von seines weybes und ungenossame wegen gebüszt Stumpf 308b; die so in ungnossamme gehyratet Tschudi 1, 158; deszglichen die ungnoszame gegen den unsern z erfordern J. v. Watt 1, 465; 1798 ist die abgabe in eine allgemeine gebühr fürs landrecht umgewandelt Staub-Tobler 825. auch concret für ungenossin s. DWB genoszsame 1 b. ain verschreibung seiner ligenden güetter, ongnossami genant quelle bei Schmeller 1, 1763. — ungenoszsamen, verb. , in entungenossamen = sich ungenossen, verungenoszsamen Staub-Tobler 4, 823. — ungenoszsamin s. ungenossin. — ungenöt, adj. adv. , gth. von genöt, dessen formen zu vergl. sind (ungenotet Fries Würzb. chr. 326). mhd. ungenœt, -genœtet, -genôt; mnd. ungenodet, ungenôt; mnl. ongenodet, -genoot; nl. ongenood. s. a. unnot, ungenötigt. die verbalen verb. müssen übergangen werden (ungenötes wachs s. ungeniet, ungenötigt). bes. in der bed. ungenöthigt, ohne noth, freiwillig entwickelt und noch von Kramer-Moerbeek verzeichnet, doch veraltet und schriftsprachlich durch ungenöt(h)igt ersetzt (aus der mundart ungenotete schreihälse, kinder die ohne noth schreien Gotthelf 18, 97) Staub - Tobler 4, 865; 854: gib dein jungen leib also ungent nit in den tod Tristrant prosa 12, 25; als vil sie von ierem aigen, fryen willen u. in sttte kúschait sich ergeben hǎt Stainhöwel ber. fr. 217, 6 neudr.;

lieb wil sein ungenöt und frey meistergesangb. 23, 251;

u. und ungezwungen Paracelsus 2, 244 a; ein freiwillig ungendt hertz Franck zeitbuch 454a; im rechtsleben Lexer 2, 1855; Arigo 639, 4 K.; Albr. v. Eyb sp. der sitten L viiia; Riederer a iib; Meichszner land- u. lehenrecht 36a. ungenötter ding Rosenplüt germ. abh. 25, 512; volksl. 235, 145 L.; Nigrinus v. zäub. 410 wie mhd. ungenôte, ungenôtliche, von ungenôten dingen, ungenœter sach. wie nullius coactu (Schönsleder p p

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6b) m. gen.: ungenöttet unserer red Paracelsus 1, 18 B.; vgl. Stainhöwel Äsop 301 neudr.ungenötig, adj. adv. , gth. von genötig; ungenoetige opfer B. v. Chiemsee 461; adv. 280. s. unnöt(h)ig. — ungenöt(h)igt, part.-adj. adv. zu nöt(h)igen. nl. ongenoodigd. wie ungenöt: der glaube wil willig, ungenötigt angezogen werden Luther 10, 3, 18, 12 W.; ungenötigte bekanntnisz Beuther praxis rer. crim. 96a; Eyering 1, 341; einen ungenöthigten willen V. Weigel stud. univ. B 7b; dasz der reime ungenöhtiget .. wiederholet wird Harsdörffer trichter 1, 97; die wirklich ungenöthigte groszmut des königs Varnhagen tageb. 4, 75. vgl. unbenöthigt. technisch wie ungeniet (s. d.), ungenüdt, ungenöt: ungenötiget honig Braunschweig distillierb. 17a; u. oder jungfrawen honig Würtz wundartzn. 112; wachs Gesner-Herold-Forer 29v; quecksilber Boterus weltbeschr. 1, 13; Staub-Tobler 4, 862. also fort, bisz der hafen schier voll wird, doch ungentigt Seuter roszarznei (1599) 422, ohne die kräuterlagen zusammenzudrücken, so dasz oben raum für den aufzugieszenden wein bleibt.ungént, n. , lat. ungentum: arzneibuch zs. f. d. phil. 17, 235; fastnachtsp. 680, 8 K.; altd. pass. 335 Wackernell; Brant narrensch. 55, 22; Sachs 4, 120, 37 K. mnd. ungent. — ungentil, adj. Raabe hungerp. 2, 113. — ungenucht, ungenügde, f. , gth. von genucht, genügde (s. d.), nur mundartlich erhalten; z. b. im ostfries. ungenögde ungenügendes, unrath, schlechtes zeug, ausfall, abfall, auswurf, unkraut, ungeziefer Doornkaat-Koolman 3, 471a. mhd. ungenuht; mnd. ungenochte; mnl. ongenoechte; nl. ongenoegte. — ungenug, adj. , nicht genug: nun weist du doch wol, das eynem liebenden hertzen ungeng ist alles, das sein eynigk lieb nit selber ist d. ew. w. betb. 21a (Suso 231, 12 B.); wo er mir ungenug thun würd Carlstadt (Luther 18, 455 W.); es ist u., das Chr. ein mal geopffert ist Carlstadt v. d. priestert. c 4b; v. b. heilickeit c 2a; Nas antip. 2, h viib. flectiert: welichs dannoch si nit, sunder unser der teütschen ungenügen (unzulänglicher) sprach ursach Ortolff d. päpstl. bull (1509) a 2a. — ungenügbarkeit, f. , unzulänglichkeit Heine 5, 261. — ungenüge, f. n. , gth. der genüge 4 b. noch nicht bei Campe. mhd. ungenüege (unnuge) h. regel 40, 5 Priebsch; mnd. ungenoge, ungenôch. vgl. nichtgenüge. das heutige wort bezeichnet (vgl. DWB ungenügen, n.) sowohl die thatsache und eigenschaft der unzulänglichkeit wie unzufriedenheit, unbefriedigung, freudlosigkeit, bes. eine stimmung, in der sich all dieses vereinigt. ungenöge miszvergnügen Doornkaat-Koolman 3, 471a: früher oder später wird er die irdische ungenüge erkennen E. M. Arndt 2, 86; 1, 405; Fichte 3, xxvi; ein gefühl der u. Gildemeister ess. 2, 15; die u. des lebens Hesse nachbarn 176; er liesz die gedanken nicht ewig auf demselben leeren felde der trauer und u. grasen 311. das n. (s. DWB genüge 1 a. b): so blieb mir doch ein ungenüge zurück Tieck 18, 212 (er gebraucht auch das f.); das herz des tiefern menschen fühlt in der unruhe des lebens ein u., welches keine moralische ungenügsamkeit ist A. Jung br. über Gutzkows ritt. v. geiste 18. vereinzelt ist genüge thun (genüge 5 a) ins gth. umgesetzt: bei dem u., das sich jene zeit in poetischer hinsicht that Gervinus g. d. d. dicht. 4, 442. — ungenügen, verb. , J. Grimm gr. 12, 528. s.un III B 5 c. — ungenügen, n. , gth. des n. genügen und seitenstück zu ungenüge, f. n.; nl. ongenoegen wb. 10, 1641 (auch uneinigkeit). unzulänglichkeit: er (der grund der weigerung) liege nur in dem bewusztseyn ihres eigenen ungenügens, sie sey fest überzeugt, dasz sie für Wiprechts weib nicht ausreiche Riehl g. a. alter zeit 2, 359; d. arb. 170. gth. von genüge 3 unzufriedenheit: E. gab seine schwester M. dem sohn Philippi ... zur heiraht, mit grossem ungenügen des grafens von W. Francisci h. traursaal (1665) 1, 92; im selbigen augenblick .. legte der ringer alle seine furcht und u. ab Olearius pers. baumg. 22; im weiteren sinne des neueren ungenüge, f. n. (s. d.): aber die meister selbst drückte doch ein stilles u. Immermann 18, 163; dann schlug ich aus u. in den realismus um Ludwig 5, 84; inneres u. Meyr a. d. Ries 3, 45;

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dir sagt dein herz doch, dasz ich wahrheit sprach,
dir sagts die bitterkeit des ungenügens
Geibel 6, 56;

ich möchte einen wahren philosophen als erzieher finden, welcher einen über das u., soweit es in der zeit liegt, hinausheben könnte und wieder lehrte, einfach und ehrlich, im denken und leben, also unzeitgemäsz zu sein Nietzsche 1, 397. — ungenügend, part.-adj. adv. , nicht genügend (s. DWB genügen 2 h), hat seit Göthe die älteren wörter ungenüglich, ungenugsam, ungenugsamlich, ungenugthuend ersetzt; die form ist wohl durch insufficiens, insatisfaciens und deren entsprechungen beeinfluszt, obwohl natürlich auch die part.-bildung uns nicht fremd war (s. vernügend Staub-Tobler 4, 701, genoegende nl. wb. 4, 1561, mnl. ongenoeghende wb. 5, 635). Campe. vgl. miszgenügend. in der gefühlsstärke von genügen 3 a freudlos:

erst verachtet, nun ein verächter,
zehrt er heimlich auf
seinen eignen werth
in ung'nügender selbstsucht
Göthe 2, 62 W. (harzreise 42);

wärst du sonst nach F. gekommen, wo du bei einer lieblosen mutter der trockensten und ungenügendsten ansichten und grundsätze gewärtig sein musztest? Laube 2, 135; heute eigentlich nicht mehr lebendig. ungemein häufig in der bed. unzureichend, unzulänglich u. dgl.: lehnen wir also jene vorstellung nicht ganz als u. ab Göthe II 7, 38, 5 W.; diese auskunft ist mir sehr u. Solger Erwin 1, 73, 19; beides ist u. für die kunst Hegel I 10, 331; die halbe und ungenügende befriedigung Peschel völkerk. 328; ist das eingereichte verzeichnis u., so kann b. g. b. § 1640; wie unbefriedigend in schulzeugnissen: einer der ungenügendsten schüler Gutzkow 1, 217; adv. nachahmung, welche nothwendig ganz u. und verkehrt ausfallen musz Fr. Schlegel 5, 130; u. bekannt Mommsen r. g. 6, 47; vgl. DWB auf .. ungenügende weise Ritter erdk. 1, 417; subst. das ungenügende in den .. romanen Gervinus g. d. d. dicht. 1, 429; seiner jetzigen arbeit Freytag 4, 267. — ungenügendheit, f. Ratzel völkerk. 2, 8; R. Wagner 5, 159. vgl. ungenügbarkeit. — ungenügig, adj. , gth. von genügig 2. 3: von einem reichen kargen oder ungenugigen man Folz fastnachtsp. 1259 K.; des doch der genand Cyrus ... verdrssig und ungengig gewesen Boner Justin. (1532) 24b; unsathsamkeit oder ungengigkeit Pomarius gr. post. (1590) 2, 236b. veraltet.ungenüglich, adj. adv. , gth. von genüglich. mhd. ungenüegelich; mnd. ungenôchlik; mnl. ongenoechlijc, -like; nl. ongenoeglijk. veraltet. vgl. unbenüglich, auch nl. ongenoegd. gth. von genüglich 1: welches doch ungenglich ist Schütz Pr. 6, f ivc. vgl. ungenuglich Tauler 298, 29 var. V gth. von genüglich 2, ungenügsam, incontentabile, insatiabile Kramer (1700) 1, 510b (mhd., mnl., nl.): so sy ir begird ye me nach gand, so sy ungenglicher werdent verwiset d. ew. w. betb. 14a (Suso 219, 17 B.); ein ungenüglicher mensch, u. sein Campe; doch schriftsprachlich unüblich; augenöchlech unzufrieden, unbescheiden, nicht genügsam Eupen 10a. gth. von genüglich 3 (mnd., mnl., nl.): ungnüglich ingratus, injucundus Aler 2, 2093a. — ungenüglichkeit, f. , gth. der genüglichkeit. mhd. ungenüegelîcheit; mnl. ongenoechlijcheit. ungenüglichkeit discontentezza Kramer (1700) 1, 510c; Campe; u. meiner leistungen Lachmann bei Hertz 98. unüblich.ungenugsam, adj. adv. , gth. von genugsam (s. d.). mhd. ungenuocsam; mnl. ongenoechsam; nl. ongenoegzam. Staub - Tobler 4, 700. veraltet. nicht genug, unzureichend: die ersten verachten seine gnade, die andern widerfechtens sam ungenugsam Luther 15, 730, 8 W.; Luthers ungnugsam und zum teil ertichte ursachen Emser streitschr. 1, 61 neudr.; ungnugsame ursachen J. Schenck Paulus spr. d 1b; jr wisst wol, das ich in verloffner zeit bin ungngsam (nicht lange genug, nicht wie genügend, erforderlich, ersprieszlich?) eur prediger gesyn Eberlin v. Günzburg 2, 173 neudr.; im fall aber solche tücher u. wären, die wärme zu halten Balde tr. trunkenheit 163; eines ungnugsamen und unmächtigen succurses Olearius or. r. anh. 90; ein anderer umstand, welcher disere auszlegung vor u. dargibet

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Scheuchzer phys. (1711) 1, 137. von personen: das (urtheil) nit vor dem ordentlichen gebrenden richter ausgesprochen und deshalb vergeblich gehandelt oder durch einen ungenugsamen gewalthaber gerichtsordn. (1534) e 5a; dasz er sich ... für ungengsam und untüchtig darzu achtet Alber Loiola (1591) 294; Frisius 725a; 508b; intestabilis Decimator thes. dasz u. positiven inhalt (minderwerthig, unwürdig, gering, schwach, bescheiden u. ä.) gewinnt, liegt nahe: der selb schmecht Christum als ain ... ungngsamen, schwachen erlöser Luther 15, 766, 13 W.; ungngsamer empfahung des .. sacrament Schwarzenberg beschwerung (1523) v 4b; practicken Paracelsus 2, 626 c; darumb er ... als zum kaiser ungengsam veracht Franck G. chr. 190b; nicht allain den frummen, sunder auch den ungngsamen (dyscolis) Nas antip. 1, 214b; meins geringen ungnugsamen bedünckens Amadis 1, 50 K.; pfand Kramer (1702) 2, 193b; wie offt hilfft gott durch ein ungnugsames (geringes) mittel? H. ... ward geheilet durch feigen Müller erquickst. (1714) 132; die unkräfftige und ungenugsame tugendgestalten Zinzendorf kl. schr. 724. dazu ungenugsame, f. trag. Joh. d viii, und ungenugsamkeit, f., unzulänglichkeit: der ungngsamkait deiner werk Keisersberg pred. 94b; Fischart ehzuchtb. 214, 14 H.; von der ungenungsamkeit ihrer meriten Zinzendorf 21 disc. 88; unserer menschlichen u. Spangenberg schluszschr. (1752) 2, 6; mit dem neueren f. ungenügsamkeit in bed. und form sich mischend: mochte dannocht jhrer ubermszigen ungenugsamkeit domit nit gesteweret werden Dreyfelder hist. d. h. Este 175a; πλεονεξία, der schnöde geitz, die u. und unersättligkeit Dannhawer cat. 2, 464; die armuth und ungenügsamkeit unsrer alten berufsarten Pestalozzi 3, 155. s. DWB genugsam 4; genugsamkeit 3. — ungenügsam, adj. adv. , gth. von genügsam 1: des andern teuffels hauffe wird sein ein teufflischer hundestall voller geitziger und ungengsamer hunde Pomarius gr. post. 1, 30b; A. M. war ein sehr ungngsamer mensch Kreckwitz lustwäldlin 3; habe ich nicht, gleich einem kinde, u. allerlei kleinigkeiten zu mir gerissen Göthe 19, 188, 9 W.; seiner ungenügsamen liebe 21, 103, 3 W.; das ungestühme herz .. ist ungenügsahm in wünschen L. Dohna landwehrbr. 7; ungenügsame pflanzen Stöckhardt ch. feldpr. 2, 175; weil sie (erscheinungen des lebens) den ungenügsamsten zu der genügsamen äuszerung hinreiszen Nestroy 2, 117; Pansner 73a. dazu ungenügsamkeit, f.: Steinbach 1, 612; die u. ersann zuerst betrüge Dusch verm. w. 257; Fr. Schlegel jugendschr. 1, 152 M.; Forster 3, 85; K. O. Müller Dor. 2, 151;

der erstgeborne teufel ...
heiszt ungenügsamkeit
Immermann 15, 200;

Bismarck br. a. s. braut 68. genügsam 2. 3 entsprechend: seynen vermeynten, ungnügsamen, ungegründeten buchstabischen beweisz J. Böhme 6, 165. auch dazu ungenügsamkeit, f.: eine mutter ... darf in u. (unzufriedenheit, unbefriedigung) nicht die haussäure sein Gotthelf 17, 106. vgl. ungenugsamkeit. — ungenugsamlich, adj. , gth. von genugsamlich: wie er sich, solche grosze bürden ... auff sich zu nehmen, zu viel ungenugsamlich achtet zu sein Megiser ann. Carinthiae 1605. — ungenugthuend, part.-adj. , gth. von genugthuend, insatisfaciens; vorform von ungenügend (s. d.): bei der ungenugthuenden belehrung Lose schattenrisse 2, 42; diese begriffe sind freilich unbestimmt und u. Claudius 7, 81; die volksschulen sind für die ausbildung ... u. geworden Pestalozzi 6, 330. veraltet.ungenügung, f. , gth. der genügung, seitenstück zu ungenüge, ungenügen: das er mit sorgen und bekummernus und mit ungenugung und unfrid und unrwe und allem ungluck behangen ist theol. d. 95 M.; ungenügung J. Arndt 80. — ungenusz, m. , mhd. ungenuʒ, mangelnder genusz: so hilft mir das bild früherer tage über den u. der gegenwärtigen Göthe IV 27, 224 W.;

ach dieser Brutus meiner schönen stunden
berauschte sich, wie's schien, in meinem ungenusz
Thümmel 10, 112;

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als neubildung Thümmels bei Campe. nl. ongenot wb. 10, 1642. — ungeographisch, adj. adv. Immermann 10, 19; Holtei erz. schr. 38, 131. — ungeöhrelt, adj. , exauriculatus, gs. von auriculatus Bischoff bot. 72. ungeohrt inauritus Nemnich nat. 610; vgl. DWB ohrlos. dafür ungeöhrt Naumann vögel 1, 471; sonst nicht mit einem öhr versehen Campe.ungeometrisch A. G. Kästner verm. schr. 2, 90; allg. d. bibl. anh. 25/36, 2486. s. geometrisch Schirmer 26. — ungeordiniert, part.-adj. (adv.) zu ordinieren. mhd. ungeordinieret aus l. inordinatus; mnd. ungeordinêrt; mnl. ongeordineert, (-like, -heit). vgl. unordiniert, unordentlich, ungeordnet. ungeregelt, zuchtlos: mit ungeordinierten bewegungen Braunschweig chir. 51a;

un(s)cheuscheyt ein brinnend begirt,
gantz zaumlosz, ungeordinirt
Sachs 1, 358, 8 K.

zu ordinieren 3 b ungeweiht Nas ant. 4, 328b; Garg. 436 neudr.; heute unordiniert. — ungeordnet, part.-adj. adv., heute meist als gth. von geordnet, wohlgeordnet empfunden. seiner äuszeren geschichte nach ist u., in der unten zuletzt genannten sittlichen bedeutung, entlehnt aus l. inordinatus, inordinate, am ältesten. mhd. ungeordenet; mnl. ongeordent (-heit, -like); nl. ongeordend; dän. uordnet; schwed. oordnad; lux. 316a. sinnlich: ungeordnete mineralien Göthe II 10, 177 W. u. dgl. m.; blättchen, welche .... ungeordnet gepaart stehen Schlechtendal-Hallier 24, 182. vielleicht noch halbsinnlich (vgl. promiscuus Alberus 133a; indigestus, u., on alle ordnung Frisius 682b; ἀδιάτακτος Decimator): also was alls landt mit ungeordentem volk beladen Füeterer B. chr. 73 (vgl. die sittliche bed.); ein ungeordnetes, unterdrücktes volk Herder 12, 168; Rückert 10, 30; rückzug Nitzsch d. stud. 256. dann ganz unsinnlich unregelmäszig, regellos, ungebührlich, verboten, chaotisch, confus u. ä.: durch die ungeordente spise Bresl. arzneib. 60; puls Börne 3, 120; rechenbcher Keisersberg post. 4, 22b; buch ... das u. und unubersehen zusammen gelesen ist Opitz poet. 24 neudr.; ungeordnet wind Reynmann wetterb. 3; gedächtnis Europa v. Schlegel 2, 82; natur K. O. Müller Dor. 1, 310; kampfesweise Droysen Alex. 231 a.; ungeordnetes fechten débandade; seinen ungeordneten kopf Gervinus g. d. d. dicht. 5, 40; bild Gutzkow 11, 228; sehr unsolide und ungeordnete verhältnisse Raabe Abu Telfan 2, 104; flucht Ebner - Eschenbach 2, 97. subst.: unter der rubrik gothisch häufte ich alle miszverständnisse von .. unbestimmtem, ungeordnetem, unnatürlichem Göthe 37, 144 W.; Novalis 3, 5; Vischer auch einer 2, 75. dazu ungeordnetheit Knebel nachl. 1, 142; Pückler br. 5, 476 (mnl. ongeordentheit moralisch). sittlich: ze vil ... ungeordenetes lustes Suso 42, 5 B.; friheit Tauler pred. 55, 21 V. u. o.; J. Arndt theol. 32; vgl. Sachs u. ungeordiniert; begerungen nachfolge Chr. 43; ungeordnet lieben Logau 72, 277 E.; der ungeordnete hang zu sinnlichen vergnügungen Ch. v. Schmid 3, 152. das neuere sprachgefühl ist sich dieses kirchlichen zusammenhanges nicht mehr bewuszt: ungeordnete freiheitsliebe Ranke 39, 90 anh.; extravaganzen eines geordneten oder vielleicht auch ungeordneten familienlebens (von sperlingen) Fontane I 5, 61; grausame und ungeordnete dinge Keller 6, 107; ungeordnete und schlechte späsze 6, 191. auch von persönlichem: ein ungeordnet gemüt Keisersberg seelenp. 38a; by straff dess schmachworts eines ungeordneten ungotzsamen burgers Eberlin v. Günzburg 1, 108 neudr.; wr er ... verplendt, unrig, hssig, verzert und ungeordent B. v. Chiemsee 70; ein ungeordneter mensch Schubart br. 2, 2. adv.: weltgesindel, das u. und boshaft ... mäkelt Pückler br. 3, 225; Freytag 4, 148. ungeweiht (unordiniert), wie im nl., bei uns nicht entwickelt.ungepaart, part.-adj. adv. , nicht gepaart (th. 7, 1394). nl. ongepaard (zu mnl. ongepaert wb. 5, 642; 6, 133); dän. uparret; schwed. oparad. vgl. DWB unpaar, unpaarig; lat. impar; fr. impaire; engl. unpaired. was nicht gepaart, paarig, paarweise vorhanden ist; bes. wie unpaar, unpaarig terminologisch: aʒygus, die ungepaart ader Joh. Jac. Woyt thes. (1696) 45; Zedler

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49, 1440; Blancard 1, 257a; vgl.halbgepaarte vene; für impar Nemnich nat. 610; für aʒygisch Heyse-Böttger 98b; vom zapfenmuskel Zedler a. a. o.; Krünitz 199, 58; von diesen knochenstücken sind ... die brustbeine einfach oder u. Sömmering 2, 14; impar, unpaarig = u. oder ungleichpaarig, was, im gegensatze zu paarweise gestellten theilen, einzeln steht, z. b. das lezte oder oberste blättchen eines jeden (gefiederten) blattes von robinia pseudacacia Bischoff wb. 99; Röhling-Martens-Koch 1, 190; blätter sind u. gefiedert Zschokke 11, 259. von menschen; was sich nicht zu paaren verbindet: den ungepaarten athleten, περιττόν, der beim losen übergeblieben, keinen partner hat Wieland Luc. 5, 55; höchstwerte freunde und freundinnen, gepaarte und ungepaarte Göthe 27, 29 W.; s. DWB paaren 5; voran ging der geistliche, ... dann die magd, zuletzt der hofschulze, alle einzeln und u. Immermann 1, 181; Keller 1, 258; ich bin ein ungepaartes wesen, ein tropfen, der mit keinem andern tropfen je zusammenflieszen soll Kotzebue 3, 116. ungesellig: der ungepaarten eulen Gryphius trauersp. 310; 579. ehelos, unbeweibt, caelebs (paaren 4 a, b): hieraus sicht man, wie das eehlich band, welchs an stat eynes glids aus zweyen zusammen wchsset, alles vil leichter als eynsame und ungeparte personen kan verrichten Fischart ehzb. 214, 21 H.;

der ist elend gnug daran,
welcher blosz und ungepaaret
seine frische jugend spahret
und nicht liebet, weil er kan
Rist neuer t. Parnass 704;

wie will man ungepaart in dieser welt bestehn?
Hoffmannswaldau-Neukirch 2, 5;

dein ungepaartes leben Triller betr. 4, 309; auch dichterisch so veraltet. 'von thieren sagt man es, wenn sie sich noch nicht zur fortpflanzung verbunden haben, sondern einzeln stehen' Krünitz 196, 286; weibchen Oken natg. 5, 926; junge Brehm tierl. 4, 428. ganz allgemein unverbunden: nur die scheidende kunst des menschen kann u. darstellen, was ihr vergebens im inneren der erde ... suchtet A. v. Humboldt ans. 2, 197; fern, fremd, wie ἄζυγος nicht zusammenpassend:

denn ewig ungepaart
bleibt solchem fest erinnrung solcher art
Göthe 16, 281 (maskenzug 1818, 519).

ungepaartheit, f. , für azygie Heyse - Böttger 98b. — ungepaliert, part.-adj. adv. zu palieren, polieren, gth. von paliert (polieren 2). nl. ongepaleerd: Fischart ehzb. 150, 32 H. (sp. 196 b β l. ungepalirtes); Garg. 3 neudr. ungepolirter sprachen ehzb. 283, 25 H. vgl. DWB unpoliert, DWB ungeschliffen, DWB ungehobelt u. dgl.ungepartet, part.-adj. , totus, integer zu parten Stieler 1412. mnd. ungepartet. — ungepfadet, dichterisches part.-adj. zu pfaden und pfad. bei Campe als wort der höheren schreibart: wir sagen ja ungebähnt; folglich können wir auch unbepfadet (so auch Gött. musenalm. 1771, 12 neudr.) sagen Schönaich neol. wb. 238, 30 K. im anschlusz an Bodmer Noah 10, 103 (das ungepfadete luftmeer); im ungepfadeten unendlichen Wieland I 2, 304; weg S. Gessner 1, 178;

sein hier, sein dort ist grenzlos, ungestadet,
sein je, sein immer bahnlos, ungepfadet
Brentano 6, 352.

ungepfählt, part.-adj. , s. DWB unbepfählt; nl. ongepaald: der ungepfälte nachen Lohenstein Agripp. 50. — ungepflegt, part. - adj. adv. , auch der steigerung fähig, gth. des adj. gepflegt (Sanders 2, 536a; erg. 385b; vgl. gepflegtheit): der ungepflegte zustand des haupthaares Storm 2, 187;

in ungepflegter spätherbst-blumen-einsamkeit
Mörike 1, 178.

körperliche ungepflegtheit Mann Buddenbrooks 2, 181; u. der ausdrucksweise. — ungepoliert s. ungepaliert. — ungeposzt, part. zu possen Staub-Tobler 4, 1734, ohne scherz: das sag ich euch u. Schoch stud. leb. F 2r. — ungepunz s. DWB unkepunz. — ungeräch s. DWB ungerech. — ungerad, ungerade, adj. adv., gth. von gerad, gerade. ahd. ungerad; mhd. ungerat, ungerade; mnd. ungerade,

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ungerât; Staub-Tobler 6, 511; Fischer schwäb. 3, 380; els. 2, 232: obers. 2, 598b; Spiesz Henneb. 263; lux. 316b; Leihener 88a; Dähnert 506b. zur beurtheilung der frage, welchen antheil idg. *reth 'laufen' (Falk-Torp 870) und die got. raþjô zu grunde liegende wurzel an der geschichte von gerad (s. th. 4, 1, 2, 3542, 3552) gehabt haben, liefert ungerade keinen anhaltspunkt; es ist mit früher vermischung, gemeinsamer geschichte, mit entwicklung des einen aus dem andern zu rechnen; im ahd. war das gth. von 2gerad, wie ungiredirun tardioris (ahd. gl. 1, 326, 42) lehrt, vorhanden, doch schon im mhd. (wb. 2, 558b) erloschen; 'ungerad nicht wol zu fusz' Hulsius-Ravellus 376b kann für 2gerad nicht in anspruch genommen werden, sondern gehört zu 1gerade 3. unechte erweiterung der endung: mit ungeradener zahl Fronsperger kr. 1, s 2r; Sebiz 138 (Weinhold bair. gr. 358). im übrigen s. zu den formen gerade. vgl. DWB uneben, DWB ungleich, DWB unpaar, ungerecht, unrecht, schief, krumm; odde Falk-Torp 787; odd Murray 7, 58b. gth. von gerade 1 (s. d.; Staub-Tobler 6, 513, 2; Fischer, Martin-Lienhart a. a. o.; vgl. odd 2 Murray 7, 58c), von zahlen, durch 2 nicht theilbar: Notker 1, 776, 20, 30; mhd. wb. 2, 558a; Schirmer math. 27; ich setz hernach etwan zweyerley .. zal zusamen, gerad oder ungerad Dürer prop. A iij i tl; ungerade ... ist eine zahl von der form 2n + 1 Mothes baul. 4, 394; ungerad - gerade numerus impariter par, ungerad-ungerade zahl impariter impar Wolf math. lex. 1372; Zedler 49, 1443; die anzahl der richter musz eine ungerade sein gerichtsverf.-ges. 17, 2; teyl Stifel coss. 11a; gleichungen ... von einem ungeraden grad, ungeradhohe gleichungen Mothes 2, 471; potenz, funktion Scheffers lehrb. (1911) 394; monate J. v. Müller 3, 148; jahr, tag, rechnung, geld Staub-Tobler a. a. o.; das gerade und ungerade Schleiermacher Plat. 6, 358; aus gerad und ungerade Schiller unter gerad 1; Müllner 2, 153; ungrademal Schleiermacher Plat. 2, 137; ungerad eine ungerade anzahl (in ungerader anzahl): z allen zeyten sollen der hefften ungerad sein Braunschweig chir. 13b; zur constr. Grimm gr. 4, 759; 907; Wilmanns 3, 598, 8; Eppendorff Plin. 10, 169; Stumpf 610a; Fischart 1, 415, 148 H.; Simpl. 405 Kögel; Staub-Tobler 513; Grimm sag. 1, 38. es geht u. auf Staub-Tobler a. a. o. ra. sieben für u. zählen können (gth. sieben gerade sein lassen): einem junker, der 2 frauen verlangt, ward eine verheurat, die auch sieben vor ungerad zelen kondte (ihm genug zu schaffen machte, so dasz er sich gern mit einer begnügte und 2 für die gröszte strafe erklärte) Kirchhof wend. 1, 91; von einer unverträglichen Staub-Tobler ebd.; wer sieben vor ungerad kan zehlen (wer klug ist, wers recht genau nimmt), der schneid die port am dünsten ort und läst die grobe port den zimmermann boren Lehman 1, 49. es giebt junge leute, die nichts gelernt haben und doch gescheit sein wollen, die können bescheidentlich fünff vor ungerad zehlen 2, 905 (vgl. DWB fünf zählen können th. 4, 1, 1, 549, fünf fünf sein lassen 556). mit vermischung von gerad 1 und 3: was ist ungrad und doch grad? die fünf gestreckten finger der hand Staub-Tobler 6, 513, 2 a. im zahlaberglauben geht die unglücksbedeutung von gerade 3 (s. u.) aus, die bed., die in der ungeraden eine heilige zahl sieht, von gerad 1 (Staub-Tobler 512, 1 b; 513, 2 a): th. 10, 40; warumb helt man die ungerade zal zu allen dingen krefftiger? theatr. diab. 215a; Fischart Eulensp. 11935; Moscherosch 2, 686; J. A. Cramer aufs. 1, 160; Solger nachgel. schr. 2, 550; eine jede ehe solle nur auf fünf jahre geschlossen werden; es sei, sagte er, diesz eine schöne ungrade heilige zahl Göthe 20, 112 W.; vgl. odd numbers Murray 7, 58c. vom grad- oder ungradspiel (Hauffen Gottschee 39, hoch- oder niederspiel ebd.; s. DWB gerade 1 b; par impar; vgl. DWB uneben 2; Staub-Tobler 6, 499 f.): heist das nicht hogges und pogges, geschwind wie der wind, schwartz und weisz, und gerad mit ungerad zu spielen? Abele gerichtsh. 404; kinder ziehen heiszt gerade oder ungerade spielen Hippel lebensl. 1, 319. bei sonstigem spiel: es ist ungrad beim ballspiel, noduli sunt Duez nomenclat. 166; würfel Hauff 3, 99, 27. im volksreim (auch zu gerade 3 gezogen):

[Bd. 24, Sp. 797]


ungrad ist nicht gleich,
gleich ist nicht ungrad
Erlach volksl. 2, 49;

Staub-Tobler 6, 161. wie gerade 1 c technisch: zur verwendung in der mathem. s. oben; tripel i. e. ungeraden tact J. G. Walther lex. (1732) 616; vgl. DWB taktart, DWB singart Zedler 49, 1443; rhythmus allg. d. bibl. 109, 137; ungerade (rechtsstehende) columnen Jacobsson 8, 52b (vgl.the odd page); keyn thyer hat an der zal ungerade fssz Eppendorff Plin. 11, 227; vom hirschgehörn Hartig lex. 556; vor jagdbar wird der hirsch ... angesprochen, wenn derselbe ... im 6. jahre mit 10 enden, gerade oder ungerade, aufgesetzt hat Heppe lehrpr. 54; ender Brehm tierl. 3, 464; sechzehnender Bismarck br. a. s. braut 357; mit ungradgefiederten blättern Oken natg. 3, 3, 1671; ungradgliedrige käfer 5, 1631, ungeradzählig u. a. wie ungepaart, περιττός beim auslosen Wieland Luc. 5, 54; mundartlich 'unpaarig' ein u. handschuh, strumpf, schuh, ochs, messer und gabel, der ungerade beim kartenspiel, schwarze Peter Staub-Tobler 513 f. im alten rechtsleben der ungerade der obmann (s. DWB obmann 2), dessen stimme entscheidet Haltaus 1935. überschieszend, was über eine runde oder ganze zahl hinausgeht, bruchtheile ausmacht, sich aus ungeraden posten zusammensetzt: gelt (1432), rappen, batzen, rechnung; es macht 4 franken und ungerade rappen (und ungerads) der preis stellt sich auf etwas mehr als 4 fr.; 10 000 franken und u. zalen Staub-Tobler 514; als südd. und österr. bei Sachs-Villatte; vgl.ten pounds odd money; 's het mi sechs gulde g'chost und ungradi chrutzer Hebel 1, 3, 6 B. (vgl. unten 'vereinzelt, einzeln, verschiedene, etliche'); am sechsi und u. fart der zug; es war einmal, 1700 und u., dasz ebd.; vgl. engl. and odd; von maasz, gewicht, gefäszen ebd.; ez sol auch niemant kein ungerade gelt haben uber ein pfunt Nürnb. polizeiordn. 155 B.; von einem ongeraden schaf weisth. 6, 262; dasz hier die mänlichen überschiessen, d. i. an wortgliedern oder an tritten ungerade seind Zesen verm. helikon 1, 157; ich sende dir, was ich zusammenbringen kann, siebenzig und ungerade in postanweisungen, aus dem briefe eines Engländers, Fr. Klauer der blitzstrahl (hausbl. v. Hackländer u. Höfer 1) 244; veraltet, mundartlich und in schriften, die von der ma. abhängig sind. schweiz. auch ungrades plunder vereinzelte wäschestücke, ein ungrader, einzelner tag, es ungrads mal ein einziges mal, ausnahmsweise, gelegentlich einmal, z' ungradem auszergewöhnlich, ausnahmsweise Staub-Tobler 514 f. gth. von gerade 3, von personen (ungerad, krum, ungeschlacht Frisius 1052b; nicht strack Wiederhold 388a; vgl. DWB ungerecht, DWB unrecht, DWB krumm, schief): ain solicher verdachter ... msz schweren .. ob er vor grad oder ungrad gewesen ist Braunschweig chir. 9a; nichtgerade ist so viel wie ungerade (vom wuchs) Arnim 8, 339; die ungeradegewachsenen leut' Rosegger 6, 51; der gerade und der ungerade wie der ewen und der uneben (s. DWB uneben 2) Fischer 3, 381. die sp. 26, 3 erläuterte ra. der deibel nimmt die graden und die ungraden, die meister Grünebaum in Raabes hungerpastor (1896 28, 52, 66, 83, 87, 290) im munde führt, entspricht sowohl dem mhd. der slehte unt der krumbe (krumm II 1 a α, β, 3 b β) als dem engl. even and odd; mein sohn wird weder grad noch ungrad (gar nicht) mit dem teufel zu thun haben Raabe hungerp. 66; von nichtpersönlichem:

ich mach im ungerad sein pain fastnachtsp. 415, 2; 453, 22 K.;

durch ungerade überschrenckte weg Lehman 2, 586; tausend ungerade und ungeheure züge und lineamente disc. d. mahlern 2, 132; strich Triller betr. 1, 395; gassen Nicolai reise 2, 339; den kirchenbaw nicht ungerad auffüren Mathesius Sar. 98b; hincken .. ungerade gehen Harsdörffer secr. 1, j ii iiia; wie ein bach schnell ungerade läuffet Treuer Däd. 1, 673; ein pferd gerad und ungerad tummeln Kramer (1700) 1, 511c; die geraden oder ungeraden gänge des thieres Göchhausen notab. 10, vgl.gerechter gang u. gerecht 2 e, wohl in übertragener bed.; mathematisch: wie man ... gleych ecket figuren, gerad oder ungerad ... sol machen Dürer

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messung e iiia; A. Riese rechenb. 11b; flächen onom. curiosa (1664) 1519; winckel Kramer (1702) 2, 1349c; linie linea obliqua, inaequalis Zedler 49, 1442; eine linie ist immer ungerader als die andere Campe; musikal. ungerades (concertirendes) Mattheson unter gerade 3 f κ; für obliquus (casus), gs. rectus zs. f. d. wortf. 13, 81 (1619); für indirecte (rede) s. DWB gerade 3 g ζ; ungerade folge inversion Naumann syntax (1915) 57 u. ä. im geistig-sittlichen sinne (die übertragung ist nachdenkendem sprachbewusztsein noch gegenwärtig; z. b. wenn alle leute, die was ungrades gethan haben, krumm gingen, da könnt' sich ein aufrechter ums geld sehen lassen Auerbach 12, 58; 15, 206) 'schlimm, böse, übel, ungerecht, unehrlich, unfreundlich, verletzend, beleidigend, ungebührlich, uneben, störend, schädigend, unrichtig, unheimlich, spukhaft, unrecht, bedenklich, schief, unglücklich' u. dgl. mit verschiedenster ausprägung in den einzelnen verbindungen und redensarten: das menschliche hertz ist krump, oder wie ichs deudschen sol, böse und ungerade Luther 10, 3, 34, 17 W.; einen falschen, ungeraden, stoltzen, lügenhafftigen menschen Mathesius ep. a. d. Corinther 2, 10b; Luther 98a; wie schwer kompt es einen an, ... wer mit krummen, schlimmen, schlipfferigen, ungeraden ... leuten über land solle reisen Schupp schr. 835; solcher höfflinge ungrades vorgeben Butschky Pathm. 6; ungrade gerichte Voss bei Campe; alles zum besten kehren, auch wo etwas ungleich und ungrad ist E. M. Arndt 1, 267; in der n. schriftspr. fast nur vom sittlichen charakter und dessen äuszerungen; nicht ehrlich, offen, unparteiisch, nicht ohne zu kriechen Campe; nie fand ich, dasz er unredlich oder ungerade gewesen wäre Mörike bei H. Fischer beitr. z. litg. Schwabens 1, 164; auch auf ungeradem wege Ranke 39, 211 anh.; mundartlich schwächer und allgemeiner: er ist nicht ungrad, der Bartli, ... sein vater .. ist ein rechter mann Zahn helden d. allt. 263; vgl. DWB uneben; er ist nüd u., nid en ungrader, kein ungrader man recht, billig denkend und handelnd, gönnt jedem das seine, läszt mit sich reden, nicht hartnäckig, unzugänglich u. a. Staub-Tobler 511. ein ungerades (unpassendes, böses, verletzendes, unfreundliches) wort (vgl.krummes, DWB krumm II 3, unwort, Staub-Tobler 511 f., els. 2, 232, straszb. stud. 2, 174): die menschen sind so boszhafftig, dasz sie sich öffters durch ein ungerades wörtlein erbittern H. Müller thränen und trostquelle (1675) 675; habe ich dir noch ein einziges ungerades wort gesagt? Auerbach 11, 76; nicht mehr allgemein schriftsprachlich; ebenso wenig die folgenden verwendungen: einen ungeraden ... furtz Garg. 12 neudr. (vgl. einen verkrümmten ebd. 254); eine ungerade ubellautende pfeiff Zinkgref ap. 228; fleisch Staub-Tobler 511; in der ungraden (unpassenden) zeit 512; ungrade tage unglückstage, bes. mittwoch und freitag ebd.; els. 2, 232; straszb. stud. a. a. o.; vgl. mnd. adv. ungerade unglücklich und den krummen mittwoch (krumm II 3 e α), schiefen dienstag (schief 5); gs. gerade 3 f ι dexter:

durch ungerahte tag wird nur die liebe new
Venator bei
Zinkgref auserl. ged. 31 neudr.

subst.: in gtem verstan und z kainem ungraden annemen J. v. Watt 3, 180; sonst wurde in der kirch vil ungerats ersteen B. v. Chiemsee 119; vgl.ungeratens; darausz es (das gold) ein ungrad (miszverhältnis) empffecht Paracelsus 2, 135 a; viel ungerads lassen für über gehen Boccalini probierstein (1717) 98; besser ist ein ungerades lassen gerad sein (mit deutlichem anklang an fünf gerade sein lassen, also zu gerade 1) als alles beantworten Lehman 1, 45; Moser bei Fischer 3, 381; alles ungerade, das ihnen über den weg läuft Gotthelf 2, 23; der hund ... merkt, hier sei etwas ungerades vorgefallen Hebel 2, 202, 13 B.; E. M. Arndt 1, 6; nischt u'gerods unrechtes obers. 2, 598b; was nicht in ordnung, ungereimtes, ungehöriges, unlauteres, zerwürfnis, zwietracht, miszgeschick, unglück, geisterspuk Staub-Tobler 512 f.; ein ungrads über das ander anfahen scelus sceleri ingerere (Staub-Tobler 512) noch bei Dentzler und Aler; den ungeraden machen: wiewol es einige mühe kostete, den zunftmeister Pfriem dahin zu bringen, dasz er nicht den ungeraden ('friedensstörer'

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Pröhle) machte Wieland I 10, 242, 4; in ungraden kommen mit jem. mit jem. zerfallen, ein ungraden geben abweichende meinung äuszern (hierher Frauenlob 175, 4 ?), einen in ungraden bringen ins unglück bringen, benachtheiligen, in ungraden kommen zu schaden kommen Staub-Tobler 513. adv.: auf umwegen, verstohlen (gth. gerade 3 g (δ):

unnkrat kan ich werffen z der quest ref. flugschr. 3, 241 Clemen;

das ist ... so ungerade nicht getroffen Moscherosch ges. 2, 288; u. faren, tupelen, irren, in die aberwitz gon, torechtig und unbesinnt thn Frisius 384b; Schönsleder t 7a; Dentzler 327b;

mit dem stets ungerad Rein. Fuchs (1650) 272;

gehets gleich biszweilen ungerad her Dannhawer cat. 1, 241; wenn man sie etwa ein wenig ungrad (vgl. krumm, schief) angesehen hatte Lindenborn Diog. 2, 733; wann alles ungrad geht E. M. Arndt 1, 188; in der Türkei, wo es bisweilen etwas ungerade hergehen soll Hebel 2, 6, 16 B. bes. DWB es ist ihr (einer schwangeren) u. gegangen sie ist zu frühe niedergekommen, sie hat eine fehlgeburt gehabt Spiesz Henneb. 263; Dähnert 506b: aber es ward ein unreiff und tod kind draus ... das es jr mit mir ist ungerade gangen Luther 6, 219a (Jena); davon .. es viel schwangern weibern ungerade gangen Spangenberg Mansf. chr. 244a; Güthen beschr. d. st. Meiningen (1676) 142. — ungerade, ungeräde, f., gth. der 1gerade, geräde (s. d.). Staub - Tobler 6, 515; 4, 1139; Frisius 1052b. zu dem rechtswort 2gerade, f. (th. 4, 1, 2, 3554 ff.): gerade hat viel ungerade Graf-Dietherr 184, 12 mit der erläuterung (186): viele dinge wurden zum schaden der erben unter dem namen der gerade weggenommen, welche mit ursprung und zweck der gerade in keinerlei natürlicher verbindung stehen. vgl. DWB ungerät. — ungeraden, verb. , graden oder ungraden gerade- oder ungeradespielen Staub-Tobler 6, 500. mhd. ungeraden, ungerat werden.ungeradheit, f. , gth. der geradheit. vgl. DWB ungerade, ungeräde: die verbindung zwoer einheiten, woraus die zahl zwey besteht, bringt eine doppelte ungeradheit hervor J. A. Cramer aufs. 1, 160; ungeradheiten beseitigen Lueger 7, 918; u. des charakters. älter und veraltet ungeradigkeit, f., gth. von geradigkeit 1, inaequalitas: doch aber der mindern ungeradigkeit und des edlen orts halben, so wölln wir die berümpte statt Brüssel fürnemmen Federman Niderlandsbeschr. (1580) g.; u. ist den göttern lieb numero deus impare gaudet Stieler 1502. — ungerat(h), m. , durch collectives ge verstärktes unrat, dem sinne und der assonanz nach mit unflat verbunden: als ob ich ein schalckhaften unflat (wie dann heut sehr grosz ist der ungerhat) wolt fürreissen Fischart Eulensp. 17 H.; dafür ungeräte, n.: abschaum aus allen cloaken sittenloser wüstlinge, die ihr eigenes 'ungeräthe' am besten kannten und auf die jesuiten ablagern wollten B. Weber cartons 557. mnd. ungerât = unrât wb. 5, 51a. vgl. unrat, ungeraten Staub - Tobler 6, 1599, unratsami 1621, unratlich(keit) 1617 f. u. dgl.ungerat(h), n. , miszwachs, gth. von gerate das gedeihen Fischer schwäb. wb. 3, 385: teure oder ungerat des weins österr. weist. 10, 159. seitenstück zu miszgerät, n., miszrat 2. vgl. DWB geratjahr. — ungerät(h), ungerät(h)e, n., oberhess. die jährliche ausstattung mit stoffen, die ländliches gesinde als nebenbezug zum lohn empfängt, z. b. zeuge oder ganze gewänder, schuhe, aussaat u. s. w. Pfister 227. s. DWB gerät 11, 12, 2 a, 4. mit un IV B 1 gebildet. vgl. DWB ungeld. ahd. ungarâtî; mhd. ungeræte; mnd. ungerê(a)de; mnl. ongerede scheinen nhd. nicht mehr entwickelt. ein adj. ungeräth s. ungereit. — ungerat(h)en, part.-adj. adv. ; mhd. ungerâten; mnd. ungeraden; mnl. nl. ongeraden. Staub-Tobler 6, 1599, 1610; els. 2, 297; Leihener 87b; Schmitz Eifel 1, 232a; lux. 135b; Gangler 316. vgl.ohngeraten, unberaten, vergeraten, misz(ge)raten, tiefentrathen Lenau 546, ratlos 1 u. s. geraten th. 8, 176, th. 4, 1, 2, 3576 f. in verbalen, meist veralteten verbindungen zu raten 2 a: der pfleger solde deme bischoffe eine pflicht jerlichen gebe, die wiele er also

[Bd. 24, Sp. 800]


ungeroten (nicht in ausübung der regierung und im genusz seiner regelrechten einkünfte) were Stolle Thür. chron. 61. zu raten 2 b: sonst ist uns ungeraten (nicht geholfen) Luther 28, 612, 15 W.; persönlich werden viel darzwischen ungerahten bleiben Paracelsus chir. 128 c; aus diesem helfen, sorgen, warten, pflegen hat sich für u. die heute veraltete und mundartliche bed. unreinlich, garstig, unflätig (vgl. DWB ungerat, m., unratsam, nüdratsig, ungeratsam, ungeratsamt u. dgl.) mit naheliegender verallgemeinerung entwickelt (Staub-Tobler 6, 1599):

viel besser ist eins igels haut
denn eine ungerathne braut volksl. 1, 218 Erlach (
Freidank 101, 20: leidiu).

in mundarten ist ein adv. u. über die maszen (u. viel geld Schmitz Eifel 1, 232a; lux. 315b), ungeheuer, ungemein (ongeroden deier Gangler 316) ausgebildet. zu raten 3 (vgl. geraten, part.-adj. 1): denn nachdem sie, zwar nicht ungerathen (auf anrathen) des mittels (der umgebung), der vornehmsten bei hoffe sich anmuthig gemacht Wedel hausb. 409; ungerathen etwas thun Campe. u. ill advised Lucas 2065a. zu raten 5 conicere: vom mühlenrätsel Regenboge minnes. 3, 348b, 10; so noch heute. andere bed. von raten wie in mnl. ongeraden 1 nicht aufgerufen bei uns unentwickelt. wie unberaten 2, mnl. ongeraden 2, mhd. ungerâten mhd. wb. 2, 563b; Oberlin; Campe; Silberstein bei Sanders erg. 406a; vgl. das ungerâdet des Sachsenspiegels; veraltet und mundartlich. mit ausgeprägterer adjectivierung als gth. von geraten, part.-adj., 2: die wurden uns alle drei alz ungeroten (feind), das si unser von neids und von hasses wegen nindert kein gnad wolden haben (1424) Iglauer bergr. 39, 2 bei Jelinek 766; ein ungerahtener freund (der einem nicht gewogen, untreu ist) ist arger den ein zorniger feind Petri 2, y viiir. in der hauptbedeutung gth. von geraten 4, nicht wohlgediehen: ungerhatne schöszlein Fischart landlust 311, 113 K.; baum Schles. helikon 1, 188; suppe, früchte u. dgl. Staub-Tobler 6, 1610; Campe; nutzlos, fruchtlos, vergeblich, böse, nichtsnutzig:

wer ausz eim tollen, tummen mut
viel ungeratner arbeit thut
Sachs 9, 383, 14; 290, 25 K.; 14, 181, 21 G.;

ding 19, 33, 27;

es will die ungerathne zeit,
dass ich zwey lippen soll verlassen
Hoffmannswaldau-Neukirch 1, 365;

wenn ich jetzt etwas seh', ist's alles u., eitel! (zunächst aber miszwachsen von baum und kraut) Hippel 4, 28; schädlich:

ein langer fisch so ist der al,
ist gut wol gewürtzt oder praten,
sonst ist er ungsund und ungraten
Sachs 7, 462, 6 K.;

unghraten eh 14, 184, 26 G.; Fischart ehzuchtb. 268, 9 H.; pol. stockf. 338; Weichmann Nieders. 6, 74; in der n. spr. ist die adjectivierung hier nicht durchgedrungen, wir beziehen eine ungeratene arbeit, untersuchung, einen ungeratenen versuch eher aufs verbum und wählen auch lieber miszraten; in anwendung auf personen und deren geistig-sittliche entwicklung ist u. am festesten adjectiviert, und zwar schon mhd., nhd. allgemein: er musz den unterschied zwischen einem wohlgerathenen und ungerathenen sohn .. lernen theater d. D. 6, 360; 'eine person zu bezeichnen, welche aus verachteter oder nicht befolgter erziehung böse oder lasterhafte sitten erworben' Adelung; kinder Zedler, Krünitz; ungezogen, unartig els. 2, 297; in ä. spr. auch mit dem besonderen nebensinn verschwenderisch, unhäuslich (trunksüchtig, zänkisch u. dgl.) H. v. Trimberg renn. 11 941 E.; Sachs 17, 144, 21; 7, 226, 17; eigenname Nitsche Ungeraten lehnsurk. Schles. 353, 39; der Ungeraten städtechr. 4, 112; in weiterer bed. Adelheid Langmann 53, 27 Str.; einer hertzog Eckharts brder der was so u., das er ... ein hendschch in die lufft warff und sprach: nim hin, teufel Adelphus Barbarossa 47b; sat. 1, 117 Schade; adv. Sachs 15, 423, 25 G.; unter unschlachtigen, ungerathen und verkerten leuten Mathesius Sar. 219b; weiber Fischart ehzuchtb. 172, 33 H.; nachkommen binenk. 9; Moscherosch 2, 92;

[Bd. 24, Sp. 801]


die ungerathen böse zucht
Fischer-Tümpel 1, 147;

knecht Rist himl. lieder 5; jugend Hohberg 1, 85; christianer Zinzendorf Lond. red. 64; schüler Voss antis. 2, 132; weil die kinder durchaus u. blieben Schleiermacher Plat. 2, 376; ich möchte gern sehen, wie ich gerathen bin. — gut gerathen und ungerathen Brentano 7, 17 (Ponce de Leon 1, 1); ungerathne hände A. W. Schlegel Shak. 5, 265 (Rich. II. 5, 2: rude misgovern' d hands); als schelte (Pansner 73a; Staub-Tobler 1610): enne sulche ungerothene büse blutter Gryphius dornr. 1, 268 P.; du ungerathenes teufelskind C. Weise erzn. 208 neudr.; range, drache, dirne, geschöpf, ding (Niebergall 160; Mörike 3, 109) u. s. w.; im wortspiel mit ungerade: unter krummen und ungeraten leuten leben ist schwer und fehrlich Petri 2, Vv vr; subst. ainen ungeraten Schwarzenberg Cic. 80v; Gottsched ged. 1, 412; scheltend: sophistereyen, ungerathener! Gleim br. 1, 369 K.; A. W. Schlegel Shak. 1, 168 (Rom. u. Jul. 5, 3 untaught! 'unglücksel'ger sohn' Ortlepp); du ungeratne! Grillparzer 5, 43; Sanders syn. (1882) 347. mhd. ungerâtenheit, f. Lexer, Jelinek, Haltaus 1936; nhd. Campe. gth. von geraten 5 (ratsam), fast nur prädicativ: darum mich dunckt nit ungeraten, das wir unsz kerten z got Gebweiler beschirmung (1523) 43b; erachten, wie u. es sein würde Achatius 272a; habe ich nicht u. geacht R. Lubenau reisen 2, 88; es würde u. sein, dem S. den kranz abzureiszen Claudius 1, 16; J. Grimm kl. schr. 1, 261; kaum: ein ungeratenes (wenig ratsames) verfahren; mnd. ungeraden; nl. ongeraden. mundartlich gth. von geraten 6 (erlaubt): ungeratner weis 'infolge eines frevels' tirol. weist. 2, 377, 37 ff.; nütz ongrotens keinen unerlaubten griff beim schwingen Staub-Tobler 1610; allgemeiner und an ungerat, m., ungerade reichend: vill übels und ungeratens ebd.ungerat(h)en, verb. in verungeraten Staub-Tobler 1610. — ungerat(h)enisch, adj. , weiterbildung von ungeraten: ein torpel grober vernunft und der ungeratenisch under seinen brudern ist, der musz ein pfaff werden hüpsch argument C ija. — ungerat(h)ig, adj. , gth. von geratig gedeihlich, gedeihend; Staub-Tobler 6, 1610; Fischer schw. wb. 3, 387. mundartlich. ongeradig unratsam de Bo 672b. — ungerat(h)sam, adj. , ungerat(h)samt, part.-adj. zu ratsamen, sordidus Frisius 1226b; turpis Maaler 462b; vgl. DWB unratsam. ungeratsamet ohne pflege, gth. v. geratsamet gepflegt, in ordnung Staub-Tobler 6, 1620; Frisius 124a; res egenae ungeratsamete, ellend, arm sachen 464a; wst, unfltig und stinckend 896b; Maaler 462b. vgl. DWB ungeraten. — ungeräch s. DWB ungerech. — ungeraum, adj. , gegentheil von geraum. mhd. ungerûm(e); mnd. unrûm; mnl. wb. 5, 890; nl. onruim (wb. 10, 1776); an. úrúmr, úrúmligr; engl. not roomy: die kirch soll auch fein erbarlich zugericht sein, das sie nicht al zu ungeraum, nicht zu voll altar, bilder und ander narrenwerck sey Flacius brief v. mitteldingen K 1b; ein ungeraume und unrüelich herberg Frontinus v. d. g. räthen 25a; anatomisch Schmeller 2, 92; Höfler 498b. noch bei Campe und Lucas, doch unüblich; dafür ungeräumig, -keit Campe. vgl. nichtgeräumig, übergeräumig. — ungeraumt, -geräumt, adj., gth. von geraumt 1: in ungereumpten ortern in angustiis Boregk Behm. chron. (1587) 81; veraltet. unwegsam: bis ... er auf ungeräumte klüfte stiesz Mörike erz. 124; vgl. der weg ist geräum Fischer schw. wb. 3, 388. part.-adj. von räumen, mhd. ungerûmet, Staub-Tobler 6, 921: etwas auff ungeraumbter banck finden Fischart practik (1607) c 5a; ohren, die ungereumet sind Agricola sprichw. m viib; beume oder wiesen Mathesius 2, 109, 19 neudr.; zimmer. ohne zu räumen, weichen, wanken (räumen 3 e) Kopp volks- u. stud. 210. s. a. ungereimt. — ungerech, n. , gth. von gerech (th. 4, 1, 2, 3593) integritas, commodum, guter zustand, wohlbefinden u. dgl. ahd. ungareh; mhd. ungerech: der aff uff dem thach macht ungerech, sie brechen ziegel ab Keisersberg brös. 1, 59d; Melanchthon unter gerech a. a. o.;

bisz dasz ausz solchem ungeräch
im closter ward ein grosz geläch
Scheit Grob. 4517; witzenbürger 3, 168.

[Bd. 24, Sp. 802]


veraltet.ungerechnet, part.-adj. zu rechnen. mhd. ungerechent; mnl. ongerekent; nl. ongerekend; an. úreiknaðr; altschw. oräknadher; d. uberegnet; schw. oräknad. Staub-Tobler 6, 121. vgl. DWB unberechnet. wie unberechnet 1: kain iar .. ongerechnet (ohne abzurechnen) anstan lassen Freiburger stadtr. (1520) 21b. wie unberechnet 2, mnl. 1, non computatus: dese ... schult ist ungewys und ungerechent handelsr. d. d. ord. 30, 26 S.; mit zwei ungerechneten kindern Grillparzer 20, 142; exempel. das wyl ich ungerechnet lassen nicht in betracht ziehen Luther 34, 2, 59, 11 W. mhd. unberechenbar Ottokar reimchr. 7765. wie unberechnet 3 unerwartet Staub-Tobler a. a. o., mnl. 3; vielleicht auch rücksichtslos Staub-Tobler ebd. als part. abs. oft conjunctions- u. präpositionsartig (vgl. DWB unerachtet, DWB unerwogen u. dgl., nicht zu rechnen): u. die eber Scheidenraiszer Od. 58b; Pückler br. 3, 66. seltener mit gen.: u. des schadens act. p. 1, 79 P.; Sanders erg. 409b; u. der erfrorenen finger Steub drei sommer 2, 33. mit abh. satz: u., wie lang oder kurtz sie in denselbigen sonst auffs neuw erreycht Kirchhof disc. 68; W. v. Humboldt 1, 57; ohngerechnet, dasz ich nichts von .. erfahren habe, so hat mir auch diese bekanntschaft sehr wiedrige eindrücke eingeflöszt Knigge rom. 3, 23. — ungerecht, adj. adv. , i. a. gth. von gerecht. g. ungaraihtei, f., kein ungaraihts bezeugt; ahd. ungereht, ungreht Graff 2, 411; mhd. ungereht, adv. ungerehte; [mnd. ungericht;] mnl. ongerecht; nl. ongerecht (von personen veraltet, von sachen noch dichterisch). Staub-Tobler 6, 228; Fischer 3, 394; Schmeller 2, 30; Westenrieder 602; Unger-Khull 610a; Sartorius Würzb. 184. Müller - Fraureuth 1, 407b; 2, 598b; Crecelius 845; lux. 315b. ungeracht Schmitz Eifel 1, 232b. Höfler 499b. vgl. ungericht, auch unrecht, ungerechtig, -lich, ungerechtsig, nütgerecht (Staub-Tobler 230), unberechtigt, ungerechtfertigt (s. u.). bedeutungen, die keine beziehung auf rechtliche oder sittliche pflichten haben (1—4), sind heute schriftsprachlich i. a. unüblich oder veraltet, während umgekehrt z. b. in schweiz. ma. die eigentlich nhd. bed. nirgends recht volksthümlich ist.
1) gth. von gerecht 1: fiur habet io ungrehten gang samo so der halzo Graff 2, 411; Notker (ps. 100, 4; 35, 11, vielleicht auch das rechtsspw. Graf-Dietherr 408, 44, weisth. 1, 133) fühlt noch die sinnliche bed.; eiectus, i. via indirecta, dispendiosa ungerechter weg Diefenbach 197b; ungeracht, ungerade; geracht oder ungeracht? = gerade oder ungerade? Schmitz 232b; gerecht 1 a entsprechend, ungesund. verwachsen (Staub-Tobler 228; vgl. DWB gerecht 2), unpäszlich (vgl.nütgerecht, nütgerechts, nütgerechtsig), geistig schwach, blöde (ebd.; vgl. anderseits recht 'einfältig, dumm' Schmeller cimbr. 221b), bes. vom vieh fehlerhaft, krank (Staub-Tobler 229; wann man sagt, ein viehe sey u., so nimm Hohberg 2, 282; eine ungerechte kuh Gotthelf 12, 256), vom euter; ungerechts krankhafte zustände (Staub-Tobler 229); ungerechte, f., krankheit der rinder, bei der sie die freszlust verlieren und den harn verhalten Unger-Khull 610a.
2) gth. von gerecht 2, unrichtig, falsch: all ungerecht weg und steig öst. weisth. 11, 369, 25; zaun 6, 136, 36 (vgl. 5; unrechten z. unter gerecht 5 a 'unrechtmäszig gesetzt'); v. münze, masz, gewicht (mhd., mnl., Schmeller 2, 30 'in der ä. spr.', Staub - Tobler 229, Unger - Khull 2, Crecelius 845): was sie aber metzen, vierling, diethewffel oder elen u. finden Nürnb. polizeiordn. 184 B.; waag öst. weisth. 6, 423, 40; muntz Fries Würzb. chr. 296; masz, gewicht Kramer (1702) 2, 283a; u. wägen, messen ebd.; von steinen mnl. wb. 5, 651, 1; ware Sachs 17, 422, 25 G.; Lehman 1, 456; traid th. 4, 1, 2, 3639; von betrügerisch gestrecktem tuch Zedler 49, 1452, vgl. 6; von unbrauchbarer, gefälschter milch Staub - Tobler 229, 2; im aberglauben ungerechten segen Ringwaldt handbüchlin d 6a (falscher segen th. 10, 1, 104; vgl.unrecht); durch bösen blick oder durch arge lobrede verschrien, bes. von neugebornen kindern Unger-Khull 3, vgl. DWB dem ungerechten (unglückseligen) Fischer 3, 395. falsa iusticia

[Bd. 24, Sp. 803]


diu ist ungereht Notker ps. 18, 9; allen ungereht, m., Gottfried Trist. 9882; th. 10, 1, 213, 3 b δ; zu ungerehte mhd. wb. 2, 617b; z' ung'rehtem unrichtiger weise, verkehrt (dann auch unbilliger weise, grundlos) Staub-Tobler 5; vgl. 3; mnl. wb. 5, 651, 1; vom spiel Staub-Tobler 229, 2; sölte darum jr meinung grecht und unsere ungrecht syn Zwingli d. schr. 1, 77; ob ein gerechte oder ungerechte stadtuhr besser Guarinonius 78; straffen eines falschen ungerechten meineyds Fronsperger kr. 1, c 2r; ein ungerechter schwur Triller betr. 1, 309 (man legte später rechtlich-sittliches hinein, ebenso bei u. preisz, lohn Kramer 1702, 2, 283a u. a.); ungerechter anfang gewint den krebsgang Lehman 1, 24; wir haben die ungerechten begriffe von der satyre Rabener 1, 119; verdunkelt: die ungerechtesten allgemeinsätze Herder 15, 548; mehrdeutig: es ist eine für jene zeit unberechtigte, um nicht zu sagen ungerechte (falsche, aber auch eine solche, die den grundlagen gerechter sittlicher beurtheilung widerspricht) moral, die den Lübschen staatsmännern daraus einen vorwurf macht, dasz die .. reichsgewalten ... für sie ... nichts bedeuteten Nitsch d. stud. 240. gerecht 2 f entsprechend: des Emsers testament sei gerecht und des Luthers u. Aventin 1, 201, 11. gerecht 2 g entsprechend 'incorrect': usz ungerechten buchern Reuchlin augensp. 17b. persönlich: vnde man das nicht dorinne, so wre ich u. (so läge meinerseits ein fehler vor) handelsr. d. d. ord. 273, 7 S.;

doch bist du nit ungerecht (hast recht)
Hätzlerin 163a, 87;

wo ich an eynichem stuck unwarhafftig und u. erfunden werd H. v. Cronberg 134 ndr.; Murner adel 28 ndr.; Sachs 9, 106, 25 K.; Fischart Eulensp. 3674; vgl. der herr ist gerecht aus der spr. der poln. juden bei Heynatz. mit witziger anspielung auf die biblischen gerechten und ungerechten: der menschenfreundliche erste erbauer jenes obdaches hat .. keinen unterschied gemacht zwischen gerechten und ungerechten, d. h. mit führern versehenen und führerlosen richtigen und 'wilden', bergsteigern H. v. Barth kalkalpen 546.
3) gth. von gerecht 3, nicht passend von kleidung mhd., mnl., vgl. nicht gerecht Stieler 1554; allgemein vergeistigt und versittlicht: ich nie keyn ungerechts an im gespürt (heute nichts unrechtes) Wickram 1, 29, 13; unordentliches obers. 2, 598b; auch von gemüthsstörungen Staub-Tobler 228; undeutlicher im wortspiel: besser ein ungerechter (fauler, ungünstiger, schlimmer, falscher th. 3, 1369) frid als ein gerechter krieg Garg. 331 ndr.; Graf-Dietherr 529, 336; 423, 161 auf vergleich bezogen; dasz Hesiodus alle beschäftigungen billige, sie möchten noch so ungerecht (nicht wohl anstehend) und schimpflich seyn Lessing 8, 20, 25.
4) noch mehr verkümmert ist heute die gerecht 4 entsprechende bed.: unwillfährig v. einem knechte Ottokar reimchr. 60854; ich hab sye (die ärztin, der die jungfrau ihre heimliche liebe zu wissen thun will) .. nye in einem stuck u. gegen mir befunden Wickram 1, 255, 20;

er war mir recht ergeben,
als wie der treuste knecht,
und war im ganzen leben
mir niemals ungerecht
Tieck 4, 189

(sittl. bed. drängt da hinein).
5) gth. von gerecht 5, nicht dem recht, dem gesetz oder der billigkeit entsprechend, unrechtmäszig, widerrechtlich, unberechtigt, nichtig u. dgl.; in jüngeren beispielen oft nicht ohne sittl. nebensinn; s. d. rechtswb.: gewalt mhd., mnl.; welche jnen ungerechten gewalt angelegt hetten Xylander Pol. 72; macht Weichmann Nieders. 1, 112; tyranney Dürer tageb. 84; von kampf, gewinn, ordeel ende recht mnl. wb. 5, 652; titl Brandis landeshauptleute 32; donationes städtechr. 3, 49; statuten, testament, verjährung, verkauf Zedler 49, 1450; vom recht (s. DWB recht, n., III 1 b): den glauben und die recht, die sie gemacht und geticht haben, das sey alles u. und valsch Schiltberger reiseb. 96, 34; gs. rechtes recht Eyering 1, 336; rechtsfertigung Albertinus zeitk. 18; ungerechte rechte

[Bd. 24, Sp. 804]


Fichte 6, 59; Mommsen r. g. 1, 252; die ungerecht gerechtigkayt Nas antip. 2, 175a; vgl. 2; wal Tschudi 1, 100; krieg Steinhöwel Äsop 63 K.; besitzung Tschudi 1, 6; für usurpation Frisch (1730) 623; ungerechts oder verirts gut öst. weisth. 6, 307, 41; Kehrein kirchenl. 1, 115, 5, 10; mit solchem ungerechten erworbenen gute R. Fuchs (1650) 126; u. erarbeitet gut gedeyet nicht Lehman 1, 49; Ludwig 3, 181; ungerecht gut kompt nicht an dritten erben Lehman 1, 110; seynd adlers federn Treuer Däd. 1, 53; Schellhorn 100; Göthe Faust 2823; Brentano 2, 255; 5, 228; machet euch freunde mit dem ungerechten mammon Luc. 16, 9; th. 6, 1519; von ungerechten mammons gter Fischart nachtrab 6, 117 K.; Kramer (1702) 2, 283a; Göthe IV 8, 359, 6 W.; Arnim 16, 100; Ranke 4, 29; schätze Brentano 1, 332; ungerechtes (widerrechtlich und durch betrug zu erwerbendes) geld Keller 8, 301; pfenning s. DWB gerecht 5 f; Kirchhofer 174; heller Schellhorn 100; gulden Fischer schw. wb. 3, 394 u. s. w.; Graf - Dietherr 364, 368; ein ungerechter bissen brod Kramer (1702) 2, 283a; mit ungerechten verworrenen handlungen Lehman 2, 700;

was recht ist im orient
und ungerecht im occident
Fischart nachtrab 21, 694 K.;

hte dich fr ungerechter sache Dom. leb. 129 K.; Lehman 2, 572; die ungerechteste sache Fouqué gefühle 1, 133 (durch .. ungerechte sachen Opitz 3, 308 nur umschreibend für ungerechter weise, s. DWB sache 8); ungerecht (eigennütziges, unehrliches) bemühen bearb. L. des narrenschiffs bei Zarncke 5 var.; vgl. gth. v. gerecht 9 d; nachdruck Königsb. dichterkr. 255 ndr.; mittel Schiller 12, 455; verdacht Adelung; strafe, anspruch u. s. w.; angriff Forster 8, 44; haft Platen 4, 323; doktortitel Voss antis. 1, 368; zinsverlust handwb. d. staatsw. 2, 816; zurücksetzung im dienste Scherer kl. schr. 1, 5; vorzüge privilegien Meinecke Boyen 1, 68; verallgemeinert: pracht Gryphius trauersp. 39 P.; vorwürfe Gottschedin br. 1, 123; versprechen Zedler 49, 1450; unmuth Herder 17, 163; verlangen Giseke-Gärtner 173; kälte Göthe IV 1, 140, 19 W.; thränen Schubart br. 1, 99; mitgefühl Keller 1, 99 u. s. w. (dafür in n. spr. gern ungerechtfertigt Ranke 15, 127; Raabe hungerp. 2, 98; Jhering geist 3, 1, 46; bgb. § 323, 3); ich bigeren nüt ungerechts nichts unbilliges, mache keine unberechtigten ansprüche Staub-Tobler 229, 3b; unverdient: so ungerechten tod Birken lorbeerh. 72; Stranitzky ollap. 19, 37 ndr.; demüthigung Stephanie 3, 9; ungerechter fluch (maledictum frustra prolatum, prov. 26, 2) trifft nicht Schulze bibl. sprw. 70. so auch das adv. u. tadeln Göthe 23, 47, 7 W.; anklagen Nicolai Noth. 1, 162; verdächtigen, strafen, beanspruchen u. s. f.; leiden Savigny beruf 95; ungerechter weise Kramer (1702) 2, 383a; Herder 18, 241; sie äuszerte sich, und nicht ungerecht (nicht unberechtigt, grundlos), misztrauisch Holtei erz. schr. 21, 83; wie man Klopstock dunkelheiten und kühnheiten vorwarf, so geschah es auch Posteln, und eben so gerecht oder u. Gervinus g. d. d. dicht. 3, 504. persönlich: den ongerechten bapst H. Gholtz leb. bilder (1557) v 5b; ein reicher ist ungerecht oder eines ungerechten erb Petri 2, y 1v; Agricola bergw. 17; besitzer Frisch (1730) 623; ein ungerechter (unrechtmäszig handelnder, 'welcher einem jeden das seinige zu entziehen trachtet' Zedler, vgl. 8, 9) nachbar Gottsched ged. 1, 315; widerrechtlich handelnd, gewaltthätig: sind sie denn einen augenblick vor den ungerechten rittern sicher, die ihre unterthanen ... anfallen Göthe 8, 31, 13 W.; dem ungerechten feind Ranke 14, 8; schwächer und enger: du u'gerächts stick mannsen, zu schabernack geneigt, obers. 1, 407b, das sittliche mischt sich ein (vgl. noch Herder 17, 164; Hegel 12, 57; Treitschke d. gesch. 4, 196). nach un IV C 3: diser gerechten und ungerechten dingen Boltz Ter. 111a; mit gerechten und ungerechten waffen Göthe 45, 170, 26 W. (anders: die waffen der ungerechtigkeit s. u.).
6) gth. von gerecht 6 (den anforderungen eines lebenskreises, faches u. s. w. nicht entsprechend): vom tuch s. DWB gerecht 6 b und gth. von gerecht 2; der naturgeist thut

[Bd. 24, Sp. 805]


viel andere ding, die ungerechten leuthen (nicht wahrhaft naturkundigen) nicht zu offenbaren seind Paracelsus 2, 669. mit starkem sittl. beiklang: den ungerechten hauszhalter Luc. 16, 8; Kramer (1702) 2, 283a; D. F. Strausz 6, 5; verwalter, vormund Zedler 49, 1450; man hat auch jagdbücher, die ... ein rechtes ärgernisz geben, wenn ihnen ... gar zu ungerechte wörter fürkommen Heppe lehrpr. 21; ungerechte witterung heisset dahier eine solche ausdünstung ... die dem hunde entweder nicht angenehm oder seiner sache schädlich ist 43. vgl. DWB gerecht 2. bühnenungerecht Eichendorff z. gesch. des dramas 124. auf 2 zurückweisend: so ist das leben selbst; sieht man es nach seinen phänomenen, resultaten, ausladungen an .., so ist es ungleichmäszig und zufällig, diskontinuierlich und ungerecht; von innen her gesehen aber ist all dieses ... die kontinuierliche, notwendige, angemessene entwicklung eines einheitlichen keimes Simmel Rembrandt 61.
7) gth. von gerecht 7: ungerehter stân ungerechtfertigt, schuldig sein Lexer 2, 1859; u. wesen sächs. weltchr. 362, 24 Weil.; findet der zechner den pauersman ungerecht, so öst. weisth. 6, 485, 38; ein ungerechter man, der ungerecht, der verbrecher 6, 109, 36; 28, 4; die ungerecht, die im unrecht ist 11, 5; auf ungarächta kösta auf kosten dessen, der den prozesz verlieren wird Sartorius Würzb. 184; der ungerechten hand geneigt ein oberrh. revol. 130; vgl. die gute und die ungerechte sache Niebuhr r. g. 2, 21; und sahe zween ebreische menner sich mit einander zancken und sprach zu dem ungerechten 2 Mos. 2, 13; Auerbach (1858) 13, 188; die oberkeyt soll das schwerdt über dem ungerechten dapffer und hart brauchen Montanus 35; und in solcher that werden sie beide zusamen, der mann mit sampt dem weibsbild u. und straffwirdig erfunden Schweickhart zu Helfenstein Basilius (1591) 1085; es ist niemand so u., den es nicht unbillig dünkt (auch den ärgsten übelthäter dünkt es unbillig), wenn man ihm unrecht thut Keller 6, 48 aus dem alten recht (Schiller-Lübben 5, 70b); was u. herkömmt, soll man recht machen (was herkumpt ungerecht, das sol man machen gerecht weisth. 1, 133) Graf-Dietherr 408, 44.
8) gth. von gerecht 8, und zwar von gott, natur, glück, schicksal, fürst, regierung, behörde u. s. f.: vom könig Ottokar reimchr. 79699; 81304; gott Ebräer 6, 10; erst. d. bib. 2, 253, 2; wie solte wol die natur so u. seyn? Hippel 1, 190; o du ungerechtes ... glück J. Rist friedej. T. 198; regierung Lehman 1, 273; räthe Göthe 8, 225 W.; hat dich der papst ... nicht zweimal u. wollen aufhängen lassen? 43, 256, 4 W.; ich war ... streng in meinem dienstverkehr, ohne gerade böse oder u. zu sein Keller 4, 62; vom richter, seiner thätigkeit und deren ergebnis: ist denn gott (als richter) auch u. Röm. 3, 5; ienen ungerechten richter Kirchhof wend. 2, 31; Logau 215, 43; seine strafe Zedler 49, 1450; nichts ist böser als der ungerechte richter Graf-Dietherr 409, 59 (der unrecht r.); ungerechtes urtheil Kramer (1702) 2, 283a; spruch, vertheilung u. s. w.; auch den ungerechten kelch, den Sokrates nach u. urtheil trinken musz Wieland I 1, 263; mit ungerechten juristen-list Abr. a S. Clara mercks Wien 84; u. richten Grimm sag. 2, 19; urtheilen, strafen u. s. w.; in bildlicher und erweiterter anwendung (s. DWB gerecht 8 b) kommt der rechtliche hintergrund nicht mehr zum bewusztsein: es ist nimmer nichts ungerechters dann ein unerfarner mensch Boltz Ter. 86b; ungerechte ignoranten disc. d. mahlern 2, 155; vom kunstrichter Bodmer s. crit. poet. schr. 1, 78;

doch, böse welt, wie ungerecht!
ihm so was übel auszulegen!
Lessing 1, 11, 37;

sprich nur wider dich selbst edel und ungerecht!
Klopstock od. 1, 130, 30;

vgl. DWB gerecht 9 d;

drum endige dein schweigen und dein weigern;
es fordert diesz kein ungerechter mann
Göthe Iphigenie 288;

sollte man diese meine ansicht für hypochondrisch oder u. halten IV 28, 176 W.; dann ging es gewöhnlich auf

[Bd. 24, Sp. 806]


den director los, dasz er ... gegen den einen und den andern u. sei 21, 89, 22 W.; in vorurtheilen und vorlieben u. befangen IV 40, 218 W.; es wäre u. .. zu schweigen 49, 410, 3 W.; ungerechtester tadel 40, 131 W.; das ungerechteste der verkennung Rückert 3, 141; gesinnung J. Grimm kl. schr. 1, 69; absprechen Meyr a. d. Ries 1, 98; vertheilung Gutzkow ritter v. g. 1, 26; beurtheilung, einschätzung Bismarck gedanken 1, 131; 1, 33 u. dgl.; yhr habt ... huic (Christus) u. gethan Luther 29, 252, 7 W.; da du dich beclagest, wie dir ungerecht geschehe Hutten 2, 189, 23 (zur function vgl. das subst. ungerecht); ungrecht (unrecht) geben Fischart nachtrab 29, 825 K.; mich dünkt, ihr beyde seyd zu ungerechten theilen kommen Weise erzn. 175 ndr.; um weder gegen ew. exc. u. zu werden noch Lessing 18, 236; man ward immer bitterer und ungerechter Göthe 22, 17, 2 W.; IV 8, 75 W.; ihre erbitterung macht sie u. Schiller 3, 46; er war u. genug ... zu verabscheuen Schubart leb. 1, 175; warum bist du so u. zu sagen Pückler br. 1, 193; sei nicht u. H. Schmidt alte u. n. gesch. 391.
9) gth. von gerecht 9, u. als sittliche eigenschaft (die älteren belege lehren, dasz geistliche lit. an der ausbildung dieser bed. wesentlichen antheil hatte; in der n. schriftspr. ist wechselbeziehung zwischen dem sittlichen und dem rechten nicht auszuschlieszen; die ethik des 18. jhs. leitet die rechtl. bed. aus der sittl. ab Walch 2739, Zedler 49, 1450 ff.; zum unterschied von 7, 8: ich log, verleumdete, betrog oder stahl nicht, wie ich es als kind gethan, aber ich war undankbar, ungerecht und hartherzig unter dem scheine des äuszeren rechtes Keller 2, 60; es kann etwas u., aber nach höheren gesichtspunkten berechtigt und sittlich sein Göthe 33, 315 W.; man kann rechtlich denken, doch u. urtheilen; unrechtlich kann ungerecht steigern; der wolf ein ungerechtes vieh Henrici 2, 367; es würde ... fremd klingen, zu sagen, man handle gegen ein thier u. A. G. Kästner verm. schr. 2, 20). gth. von gerecht 9 a: ungerehtez herza pravum Notker ps. 100, 4; so bist du ungreht an dinemo herzen 35, 11 (vgl. 1); ungrehtostun vitiosissimam Graff 2, 411; mhd., mnl. böse, gottlos, sündig, lasterhaft, unsittlich, gewissenlos u. dgl. Tauler pred. 116, 12 V.; mnl. wb. 5, 651, 2 (auch schon über den biblischkirchlichen gesichtskreis hinausreichend); daz ungerecht (var. die ungerechtigkeit) der leut cod. Tepl. 2, 3 (Röm. 1, 18); voll alles ungerechten Röm. 1, 29; 2 Petr. 2, 8 (Zedler 49, 1450) u. o.; das ungerecht gemet mag nit redlich handeln Züricher bib. (1531) Jes. Sir. 1 d;

hierausz sicht man, wie menschlich gschlecht
ist worn verderbt und ungerecht
durch Adams fall
Sachs 18, 220, 22 G.;

gott aber wandt das ubel ab,
dem bludhund (Paulus) ein erkendnis gab
seins ungerechten eiffers
Ringwaldt ev. g 8a;

du bist getreu, ich ungerecht
Paul Gerhardt bei
Fischer-Tümpel 3, 444b;

'fertigkeit besitzend, die erfüllung seiner sittl. pflichten zu unterlassen; doch nur in der biblischen schreibart' Adelung;

kennst den Judas du,
den ungerechten mann?
Ludwig 3, 441;

ungerecht habe ich mich ... meiner weltlichen geburt gerühmt Freytag 9, 88. subst. der ungerechte, die ungerechten: grosse werg sint gemeine dem gerehten und dem ungerehten Tauler 408, 5 V.; der seinen sune macht scheinen uber die gten und die ubeln und regent auf die gerechten und die ungerechten erst. d. bib. 1, 21, 41 (Math. 5, 45), ebenso Luther, s. DWB gerecht 9 a; Christus ist für uns gestorben, der gerecht für die ungerechten (1 Petr. 3, 18) A. v. Eybe sp. d. sitten g va; die ungerechten nehmen ein bös ende b. d. weish. 3, 19; Petri 2, r ivv; Lipperheide 897b; der ungerechte (ἄνομος 2 Thess. 2, 8) Zedler 49, 1451; dichterisch verallgemeinert oder in gemüthlichem scherz tadelnd:

mit eines ungerechten blut bespritzt,
gehst du ins ew'ge leben herrlich ein
Göthe Mahomet 1085

[Bd. 24, Sp. 807]


den schwarm der ungerechten (die nicht anhänger der mystischen religion sind) Voss ged. 6, 226; der pantoffel ... fällt auf das haupt ... des ungerechten Ebner-Eschenbach 3, 6; Keller 4, 215; 5, 237. gth. von gerecht 9 b: ein gott von lauter gnade ist ein ungerechter gott J. A. Cramer aufs. 1, 115, mit dem gth. von gerecht 8 sich kreuzend. gth. von gerecht 9 c (mnl. wb. 5, 651, 2): der ungerechte graff D. v. d. Werder ras. Rol. 45; ungerechte muhme! ... halte deine grausamkeit zurücke Chr. Weise d. gr. jugend ü. ged. 212 ndr.; bey ihr (der poesie) trägt der wolf die kennzeichen des mächtigen und ungerechten mannes Ramler einl. 1, 18;

der köstliche braten
war vom gierigen wolfe, dem ungerechten, verschlungen
Göthe Reineke Fuchs 1, 135;

von Polyphem einen mann ... grausam und ungerecht Voss Od. 9, 215, 157 B.;

ich bin einmal
ein ungerechter brudermörder worden
Grabbe 1, 128.

die kaum zu überbietende stärke dieser bed. ist der n. spr., soweit sie nicht an 5 rührt, i. a. abhanden gekommen; verblassend in der dichtung: die götter geben auch den ungerechten gewalt und gut glück den heimtückischen Göthe 12, 59 W. veraltet: u. machen peccatis imbuere, contaminare sceleribus, semina injusticiae spargere Stieler 1553. mit benutzung der ra. schlecht und gerecht (vgl. DWB schlecht 8 f und 16):

die welt ist schlecht und ungerecht,
läszt niemand ungeschoren
Heine 1, 292.

über seinem ungerechten fürnehmen A. U. v. Braunschweig Oct. 1, 135; wandel Kramer (1702) 2, 280a; das unheilige musz vertilgt und das ungerechte mit der wurzel ausgerottet werden E. M. Arndt 1, 249. gth. v. gerecht 9 d (s. auch Klopstock oben, Göthe Iph. 288 u. dgl.) mit engerer beziehung auf treu und glauben, mein und dein: der ungerechte borget, der gerechte bezalt Petri 2, p iiir (vgl. ps. 37, 21); ein ungerechter müller Prätorius v. katzenveite c 6 r; der tod des ungerechten geitzhalses Canitz 85; besser arm und ehrlich, als ungerecht und herrlich Düringsfeld sprw. (1875) 1, 91b (vgl. spr. Sal. 16, 8); betrügerisch, lügnerisch Staub-Tobler 6, 229, 3 (vgl. ungerechtsig); ungerechte hndel Fischart ehzuchtb. 242, 11 H.; weil bey diesen ungerechten leufften fast alle aufrichtigkeit .. abschied genommen Butschky Pathm. 20; ungerechte handlung actio injusta, wodurch dem andern das seinige nicht gelassen wird Zedler 49, 1450; in solchen ausdrücken (vgl. DWB ungerechte bereicherung u. dgl.) zum gth. v. gerecht 5 zurücklenkend, wie denn wieder der sittliche gesichtspunkt den rechtlichen durchdringt. so allgemein: lieber ungerächt als u. spruch im Berliner rathhause Lipperheide 897b; vgl. gth. von gerecht 7 ende (recht und rache s. Logau unter gerecht 7 a, gerecht u. gerächt Nietzsche Zarath. 137 kriegsausg.).
10) gth. v. gerecht 10 im sinne der rechtfertigungslehre: der da den ungerechten gerecht macht Gengenbach 189 Gödeke; vgl. niemand ist on ungerechtigkeit, sondern all zumal für gott ungerecht Luther 18, 485, 30 W.; J. Strausz beychtpüchlin (1523) b ja.
11) mundartlich auch 'entsetzlich, nicht zum aushalten, schrecklich' von sachen Staub-Tobler 6, 229, 4. ähnlich wei gêt et? schlecht ann onggerecht 'sehr schlecht' lux. 315b, 382b. nütgerecht hat bes. auch die bedd. 'nichtswerth, muthwillig' ausgebildet Staub-Tobler 6, 230. — ungerecht, n. , gth. v. gerecht, n., unrecht, ungerechtigkeit: daz ungerecht (var. ungerechtigkeit) der leut, di da enthaben di warheit gotz in das ungerecht cod. Tepl. 2, 3 (Röm. 1, 18); latt kein ungerecht in aller der natur ew. wiszheit betb. 34b;

ich weisz, das dir alzit ist leid
das ungerecht, das dir geschicht
Seb. Brant volksl. 2, 312, 127 L.;

obgleich Justinian das ungerecht vertreibt
Zinkgref auserl. ged. 45 ndr.;

[Bd. 24, Sp. 808]


ungerecht, subst. Kramer (1702) 2, 283a. veraltet. vgl. DWB ungericht. — ungerechte, f. , s. DWB ungerecht, adj. adv. 1. — ungerechtheit, f. , mnl. ongerechtheid. schriftsprachlich nicht entwickelt. vgl. ungerechtkeit unter ungerechtigkeit. — ungerechtig, adj. , gth. v. gerechtig; nebenform v. ungerecht; mnl. ongerechtich; nl. ongerechtig: iniurius, unbillich, ungerechtig Apherdiani meth. (1601) 97. vgl. ungerechtiglich. — ungerechtigkeit, f. , i. a. gth. der gerechtigkeit als eigenschaft, zustand, gesinnung und that (g. ungaraihtei ἀνομία 2 Cor. 6, 14; ahd. ungrehtî Notker 2, 582, 31 P. peccatum); mhd. ungerechtecheit (Tauler pred. 265, 29 V.; dem klass. mhd. noch fremd; Lexer 2, 1859); mnl. ongerechticheit; nl. ongerechtigheid; Staub-Tobler 6, 234, in der nhd. bed. wenig volksthümlich; obers. 2, 598b (plur.); lux. 315b. formen: ungerechtickeit theol. d. 37, 83 M.; ungerechtikait Schiltberger reiseb. 97, 2; B. v. Chiemsee 38; Hegewalt bei Wackernagel kirchenl. 3, 48 u. ö.; Staub-Tobler a. a. o. (auch ungirechtikeit ebd.); ungerechtekeit Ter. (1499) 19b; ungerechtkeit weisth. 6, 19. vgl. gerechtigkeit. s. auch unrechtigkeit, unrecht, das ungerecht, unbilligkeit. für iniquität Campe verd. (1813) 376b.
1) spuren der sinnlichen bed. (vgl. DWB ungerecht 1): ungerehte, f., rinderkrankheit Unger-Khull 610a; und das ich ietz tusand ungerechtikaitten des ungewitters (tempestatum iniurias) durch gang, allweg ist etwas das die winreben letzt Österreicher Col. 1, 221 ndr.; unrichtiges verhältnis, masz, gewicht, unr. beschaffenheit, unrichtigkeit, ungehörigkeit, unordnung (s. gerechtigkeit 1; mhd. ungeriht, n. u. ungerecht 2, 3): do aber dem zu wider gehandlet und die u. ehrgriffen wiert, es wär mit wasz gewicht solliches geschechen möcht, so sollen der richter und die waagmaister solliches zu strafen macht haben österr. weisth. 6, 115, 32; findet man einige körbe, da die bienen kein wachs an den hintersten hüften tragen und ihrer arbeit träge sein, so ist das ein zeichen der u., die musz man dann unter königliche bothmäszigkeit in gehorsam bringen Becher hausvater (1714) 163; u'grȧchtigkȧṫen kennste mer net nochsoong obers. 2, 598b; noch in den neueren schriftsprachlichen gebrauch, der überall rechtlich-sittliches zum begriffsmittelpunkt gemacht hat, klingt etwas von dieser bed. hinein: die u. der gewohnheit und der gemeinen auferziehung ist grosz disc. der mahlern 2, 151; miszbräuche und ungerechtigkeiten Forster 6, 256; unzufriedenheit ... bei ungerechtigkeit des versicherungsbetriebes Manes vers. lex. 832; die auf rechtlich sittlichen bezug verzichtende bed. ist auch sonst nicht ganz verloren: in den 56 jahren ... ist oft und mit u. an der existenz von 6 Uranustrabanten gezweifelt worden A. v. Humboldt kosm. 3, 531; ohne alle u. W. v. Humboldt br. an Welcker 97; Ratzel völkerk. 2, 56.
2) gth. von gerechtigkeit 2, verstosz gegen die austheilende, ausgleichende, anerkennende, werthende, sociale u. s. w. gerechtigkeit, mangel an dieser, ihr gegentheil; vom richter, vater, erzieher, lehrer, von herrschaft, obrigkeit, schicksal u. s. f., sowie von deren thätigkeit, walten und dessen ergebnis, dann allgemein von urtheil, beurtheilung, entscheidung, wahl, handel und wandel; oft concret mit plur.: er sich selbs der ungerechtekeit verdam Ter. (1499) 19b; da erkanten sie ... den alten Römer ... in den senat, bekanten ir u. Frey gartenges. 148, 29 ndr.; o u. bey desz menschen urtheil! Harsdörffer secr. 1, cc via; der obrigkeit u. Lehman 2, 857; parteylichkeit und u. des verfassers Scheibe crit. mus. 249; u. persönlicher satyren Herder 18, 98; seines criminalrichters Göthe 44, 2, 93, 17 W.; IV 29, 9, 2 W.; daher seine u. gegen die copie 49, 234, 1 W.;

und seiner ungerechtigkeit das schicksal
zu überführen, bessern wir das herz
Platen 1, 492;

gegenseitige u. Riehl d. arbeit 202; weibliche Bismarck br. a. seine braut 403; mit der wollust und der u. des schmerzes sprach sie es sich selber vor Storm (1899) 3, 59; veraltet von unredlichkeit im handel und wandel Voigtländer od. (1642) 100, 6; der geitz ist die ursache

[Bd. 24, Sp. 809]


... der u. in handel, wandel Leipz. avent. 1, 172 (vgl. DWB ungerecht, adj.); gern mehr oder weniger concret: weil dieses urtheil des griechischen kunstrichters eine u. mit sich führet Breitinger crit. dichtk. 1, 37; gegen jede u. abscheu ... einzuflöszen Herder 23, 105; diese so dürrhin ausgesprochene u. Göthe 41, 1, 345 8 W.; mir geschah eine auffallende u. 44, 290 W.; wegen der ungerechtigkeiten, die mein lieber vater und ich dort ausgestanden Mozart bei O. Jahn 2, 308; ohne eine u. zu begehen Gerstenberg rec. 396, 23 ndr.; eine u. im feenmärchen erzürnt mich eben so, als wenn sie für gewisz in der zeitung ständ Bettine d. buch 1, 147; die ungerechtigkeiten und tücken des groszen königs Immermann 18, 44; das ist die gröszte u. von der welt Stieler 1554; mit unüblichem gen. obj.: zu den ungerechtigkeiten meines vaterlandes stillschweigen Lenz verth. d. h. W. 22; unterscheide die inhaltliche u. einer verfügung von ihrer u. als unrechtmäszigkeit (s. ungerechtigkeit 8).
3) gottes u. (gth. v. gerechtigkeit 3) kann man nicht behaupten, sie widerspräche seiner vollkommenheit.
4) gth. von gerechtigkeit 4 (vgl. DWB ungerecht 9) biblisch und kirchlich, bes. für ἀνομία und ἀδικία: unser gerechtekeit die ist ein ungerechtekeit Tauler pred. 265, 29 V.; und dieweil die u. wird uber hand nemen, wird die liebe in vielen erkalten Matth. 24, 12; und ist keine u. (nichts unsittliches) an im (Christus) Joh. 7, 18 u. o.; das geheimnisz der u. μυστήριον ἀνομίας (2 Thessal. 2, 7. 10. 12) Zedler 49, 1451; die warheit in u. aufhalten Röm. 1, 18 (Kramer 1702, 2, 284a); lohn der u. 2 Petr. 13, 15 (Heyden Plin. 222); waffen der u. Röm. 6, 13 (Dannhawer cat. 1, 184, Kramer a. a. o.); also ist auch die zung ein fewer, ein weldt vol u. Agricola sprw. (1534) l iiia (Jacob. 3, 6); von ir (der christen) ungerechtikait und widerwärtikait wegenn Schiltberger 97, 2; sund und ungerechtickeit theol. d. 37 M.; peccatum, u. und unrecht Luther 34, 1, 362, 4 W.; die boszheyt menschlicher sunde und u. widder gott J. Strausz beychtp. d jb;

wie alle ungerechtigkeyt
kumpt an den tag zu seiner zeyt
Sachs 2, 19, 25 K.;

bitterer ist ein böses gewissen, schwächer die u. Harsdörffer gespr. 3, 37; inwendig seyd ihr voll gleisznerey und u. Lavater fragm. 1, 88; die juden werden .. als thäter ... der u. zurückgewiesen werden D. F. Strausz 3, 158; entschiedener verweltlicht:

ist Cato auch berühmet,
so fällt er endlich doch in ungerechtigkeit,
umb dasz er ausz der welt sich reiszen vor der zeit
Opitz 3, 293;

die allerschwärzeste verläumdung ist dem boshaften wizling nicht u., ... nur unschuldiger wiz Lavater verm. schr. 2, 296; an beispielen der gerechtigkeit und u. Keller 1, 75.
5) das gth. von gerechtigkeit 5 wäre nichtgerechtigkeit, nichtrechtfertigung; möglich wäre u. der guten werke als gs. der gerechtigkeit des glaubens.
6) gerechtigkeit 6 entsprechend, vielfach bildlich, persönlich, sprichwörtlich, sentenziös: u. (κακοπραγία) verwüstet alle land weish. Salom. 6, 1; u. säen (Sirach 7, 3) Sachs 19, 27, 9; Triller 2, 647;

was der hochweise fürst Justinian begangen,
der ungerechtigkeit mit starckem zaum umbfangen
Zinkgref auserl. ged. 45 ndr.;

als person im freudenspiele Schottel friedenssieg 14 ndr.; das recht geht offt auf steltzen der u. Lehman 2, 647; die u. habe keine ohren Gottsched d. neueste 3, 299; die kraft gottes hat keine furcht vor der bösartigen u. Göthe 43, 1, 377 W.; über seinem sitze das bild der u. Ranke 8, 133; so persönlich auch: eine u. ... schreiet gen himmel Arnim trösteins. 27 Pfaff (zum bibl. hintergrund th. 9, 1722); eine himmelschreiende u. Bettine Günd. 1, 246 (vgl. th. 4, 2, 1352); diese schreyenden ungerechtigkeiten Nicolai Noth. 3, 45; Hebbel 9, 159; die schreiendste u. Fr. L. Jahn 2, 268; Wander 4, 1433; Lipperheide 897b; ich will lieber eine u. als

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eine unordnung begehen Göthe 35, 315 W.; es ist besser, dasz ungerechtigkeiten geschehen, als dasz sie auf ungerechte weise gehoben werden schr. d. Götheges. 21, 183; Göthejahrb. 15, 4;

geld und gewalt, gewalt und geld,
daran kann man sich freuen,
gerecht- und ungerechtigkeit
das sind nur lumpereien!
Göthe 5, 154 W.


7) wortspielend liesze sich von dienern der u. (gth. gerechtigkeit 7) reden.
8) gth. von gerechtigkeit 8, ungerechtheit, unrechtmäszigkeit, ungesetzlichkeit, rechtsbeugung: die 1. (abtheilung) zeiget die u. des religionszwanges, aus gründen der vernunft und offenbarung Gottsched d. neueste 9, 541; die u. der forderung, klage, des verdachtes, krieges; der strafen W. v. Humboldt (1903) 1, 252, 6; eine u., deren sich Ph. nie schuldig machen wird Göthe 8, 225 W.; concret: beschimpfung, beleidigung, gewaltthätigkeit, bedrückung, maleficium, crimen, scelus Lexer 2, 1859; die u. und die gewalt, die do stehit uff armen luthen Stolle Thür. chr. 62; fr ... gewalt und aller u. sicher Ringwaldt warn. a iiib;

gewaltthat, ungerechtigkeit,
treiben wir landsknecht allezeit Simpl. 43 Kögel;

in meiner freude sehe ich mich ... wider u. und gewalt beschützt J. A. Cramer aufs. 1, 28; tyrannei und u. Tieck 1, 92; wo es ungerechtigkeiten und schelmenstücke galt Immermann 5, 30; vgl. DWB unrecht, unrechtfertigkeit; dabei ist das sittliche fast nie auszuschalten; als dieser ... die gröszeste u. beging Herder 16, 99; die rechtschaffensten ritter begehen mehr u. als ge rechtigkeit auf ihren zügen Göthe 8, 21, 26 W.; er sah den untergang seines hauses, der durch eine kleine u. zu verhüten war Schiller 4, 237; wenn er einzelne ungerechtigkeiten und unterdrückungen seiner standesgenossen mit strenge geahndet hätte Niebuhr r. g. 1, 394; ein ganzes register von ungerechtigkeiten, welche die deutsche kirche von den römischen curtisanen erfahre Ranke 1, 220; Freytag 8, 258; die gesetzesdespotie, die u. in rechtsform Hölderlin 2, 134, 2; rechfertigkeit zerstört die u. Graf - Dietherr 5, 103 (onriuchtfirdicheed Richthofen 1106).
9) gth. des guten rechts (gerechtigkeit 9): der do ungerecht ist, den verdamnen sy mit der u. erst. d. bib. 4, 210, 59 var., 5 Mos. 25, 1; die gerechtigkeit der königlichen schwedischen waffen bestünde ... auf der keyserlichen ungerecht- und unbilligkeit Chemnitz 1, 17; veraltet.
10) gth. von gerechtigkeit 10: die richter ... die u. wider die jungfrawen (unschuldige verurtheilung) wol erkannten b. d. liebe 135a; diese so vielen schleichenden ungerechtigkeiten preisgegebenen gerichte E. M. Arndt 1, 88; eine historische u. u. dgl.
11) wie die höhere gerechtigkeit (11) dem bloszen rechte entgegengesetzt wird, kann auch u. in einem gewissen widerspruch zum gewöhnlichen unrechte stehen; es kann etwas eine u. sein, ohne dasz vom strengen rechte abgewichen ist; u. ist ein löblich recht, wenn es wol geräth, obs schon alle weise leut schelten Wander 4, 1433.
12) gth. von gerechtigkeit 12, das ungerecht auferlegte. vgl. DWB ungerechtsame: und sal auch den zoll ufheben und alle ungerechtkeit weren uf den wegen, merkten weisth. 6, 19 (vgl. vermainte gerechtigkeit th. 4, 1, 2, 3611, 12 a); man ertheilte diesem und jenem stande rechte und ungerechtigkeiten zu übervortheilungen, zu bedrückungen andrer auf ewige zeiten Herder 20, 89, in der n. spr. nur individuell. scherzhaft für waldgerechtigkeit Staub-Tobler 6, 234. — ungerechtiglich, adv. , gth. v. gerechtiglich. mhd. ungerehteclîche: des gewalts und der ere, die er ungerechtigklich und vertonigklich gepraucht hat offenb. d. h. Brig. (1502) 4, 1; ungerechtiklich gestrafft Eberlin v. Günzburg 3, 121 ndr.; Maaler 462b. veraltet.ungerechtkeit s. ungerechtigkeit. — ungerechtlich,

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adv., gth. v. gerechtlich, das auch als adj. bezeugt ist. mnl. ongerechtelike; nl. ongerechtelike; nl. ongerechtelijk: darumb das er u. begert hat das er nit begeren solt offenb. d. h. Brig. 4, 98; oder solch appellation ist .. ubel und u. eingeleget gerichtsordnung (1534) 88a; u., auf ungerechte art Frisch 2, 97b. veraltet. ongerechtelijk extrajudicialis nl. wb. 10, 1647. — ungerechtsame, f. , dasselbe wie ungerechtigkeit als gth. v. gerechtigkeit 12; s. DWB gerechtsame: jeder unbefangene wahre patriot wünscht eifrig, .. dasz der liefländisehe adel selbst ... seinen empörenden ungerechtsamen entsage G. Merkel die Letten (1794) 7. sonst unüblich.ungerechtsig, adj. , vom neutr. ungerecht(e)s aus gebildet; ungerecht, unbillig, unlauter Staub-Tobler 230. vgl. nütgerechtsig. — ungered(t), ungeredet, part.-adj. adv. zu reden, ohne zu reden, sprachlos, stumm, der sprache beraubt. mhd. ungeredet, ungeredt, ungeret; Staub-Tobler 6, 556; Schmeller 2, 56. vgl. unberedt, unredend (mnl. ongeredent unverständig, irrationalis): wie lang sol min zung ungeredet sin? Suso 548, 13 B.; also ein klein zeit ungeret auf im selbs stünde Arigo 632, 8 K.; wie ein frembdling nicht ungeredt in ein hausz gehet, also erscheinen die geister uns auch nit ungeredt Paracelsus 2, 297 b;

wie, das Zacharias abgeht
von allem volck gar ungeredt
Sachs 11, 166, 6 G. u. o.;

der erst lag ungerette: bette meistergesangb. nr. 190;

ein jeder ungered ein seine lantze legte
D. v. d. Werder Ariost 22, 63;

doch war es ihr unmöglich, dasz sie gar ungeredt darbey sitzen solte Weise erzn. 197 ndr.; noch von Kramer (1702) 2, 289c verzeichnet. veraltet.ungeredenheit, f. , injurie Schmeller 2, 56 (Wien); injurien, beleidigungen (Österreich) v. Klein 2, 206. vgl. geredenheit, redenheit (mnl. ongeredendheit zu ongeredend, s. DWB ungered). — ungeregelt, part.-adj. adv. , gth. v. geregelt (th. 8, 502. 4, 1, 2, 3618), irregulatus, unregulated, desreiglé, sregolato u. s. f. entsprechend, tritt der bed. nach neben regellos, unregelmäszig, ungeordnet, undiscipliniert u. dgl.; im mnl. war ongeregelt, -heit, -lik, ongeregel(d)icheit, wie sein gth. geregelt, -heit schon entwickelt, nl. ongeregeld, -heid; ungeregliert Staub-Tobler 6, 723. bei uns erst von Campe verzeichnet, seit 1752 belegt: zu einem ungeregelten (wie mnl. immoderatus, wb. 5, 659) zanck aber und unendlichen wortkriegen finde ich keine anweisung in der schrift A. G. Spangenberg apol. schluszschr. (1752) 1, 81; u. äuszerte jede (eigenschaft) schon ihren trieb Herder 22, 245; diese angeborne gewissenhaftigkeit, u. wie sie war, bildete sich im einzelnen zu grillenhafter schwäche Göthe 24, 194, 18 W.; scheu vor ungeregelten, ehelosen liebesverhältnissen unterh. m. K. Müller 139; streit zwischen altem und neuem, geregeltem und ungeregeltem III 7, 50, 25 W.; phantasie F. Schlegel D. Museum 1, 253; auch die natur hat ihre wunderbare vorzeit, wo sie ungeregelter und gigantischer war s. werke 1, 81; so u. und müszig sie sonst lebten, so sehr hielten sie auf ordnung ... bei solchen anlässen Keller 5, 253; noch ungeregelter stand es mit dem fuhrwesen Meinecke Boyen 1, 46. wenn ich erwäge, dasz ... der ungeregelte Shakespear, der sterbende fechter ... durch eine weibliche hand ... in eine olla patrida sollte verwandelt werden, so bringt das mein gemüth aus aller fassung Musäus phys. reisen 4, 123; einer so ungeregelten masse (barrikadenkämpfer) Gotthelf 1, 255; einen eigenen brief abzuschreiben vermag ich gar nicht, weil er dann immer ein ganz anderer wird, was bei einem so ungeregelten menschen freilich sehr natürlich ist Pückler br. 4, 30; enger ogərīe.gəlt schlecht erzogen Leihener 87b. dazu ungeregeltheit, f., gth. der geregeltheit Sanders 2, 694b; von Campe seiner härte wegen verworfen. mnl. ongeregeltheit u. s. w. s. DWB ungeregelt. — ungereimig, adj. , unpassend Staub-Tobler 6, 904. ungereimigkeit, ungerumigkeit absurditas J. Scheffler ecclesiologia vorr. 4b, 1, 232b. — ungereimlich,

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dass.: gleich wie sie (die weiber) ausz einem krummen ripp, so sich nirgend zu schicket, sonder zu allen dingen ohngereimlich ist, gemacht sein Höniger narrensch. (1574) 235b. vgl. unreimlich (reimlich th. 8, 676) Staub-Tobler 6, 904, unreimlichkeit ebd., altschwed. orimlika, schwed. orimlig, dän. urimelig; unreimisch. in der schriftspr. sind ungereimig, ungereimlich durch ungereimt verdrängt, dazwischen steht ungereimtlich (ungerimptlich Staub - Tobler 5, 396 adv., ungereymptlich inconcinniter Maaler 462b). — ungereimt, part.-adj. adv. zu reimen, i. a. gth. v. gereimt (th, 4, 1, 2, 3621; th. 8, 673); s. auch schöngereimt, schwergereimt, wohlgereimt. mhd. ungerîmet; nl. ongerijmd, -elijk; dän. urimet; schwed. orimmad; Staub-Tobler 6, 902 ff.; Hintner 4, 192; lux. 315b. bei Schmidt-Petersen 150b ist ein unrimed angesetzt. vgl. DWB ungereimig, -lich, unreimig, -lich, -isch, reimfrei, reimlos. das verhältnis zu ahd. rîman zählen, girîman zu theil werden (ags. rîman schätzen, mnl. rimen beurtheilen, schweiz. rîmen abschätzen, berechnen; ags. ungerŷmed, unrîme ungezählt, as. ungirîmendi unzählbar; ahd. rîm numerus, series, ordo, mnd. unrîm unordnung, altschwed. orimlika orimligt, oskäligt, unreimisch, ungereimig, -lich, unreim) wird seit mhd. zeit entscheidend durch rîm 'rhythmus, versus, homoioteleuton' gestört, so dasz neueres sprachbewusztsein eben nur noch an diese technische bed. anknüpfen kann, obwohl die persönlich sittliche bed. 2 b widerstrebt. zu den formen sind reimen, reumen, räumen, nl. ongeruymt und bes. schweiz. ungerîmt, ungrimt, ungrînt, ungerrümbt, ungerühmt u. s. w. Staub-Tobler 902 f. zu vergleichen. ungerühmt (vil ungermpts Franck G. chron. 40b; weltb. 106b; Albertin zeitk. 107b; A. Olearius rosenth. 111; Abr. a S. Clara Judas 1, 120) erhält sich neben den andern formen schriftsprachlich durchs 16. u. 17. jh., in der Schweiz noch länger. ongerumptes H. v. Sachsenheim mör. 1716, drucke ungereimtes; zur lautgebung der hs. A gerumpt Fischer schw. wb. 5, 266 (Martins annahme, nhd. ungereimt sei aus ungeräumt entstanden, ist unbegründet, Lexers ansetzung th. 7, 1208 hinfällig). veraltetes ungeräumt verzeichnet noch aus dem 19. jh. Sanders erg. 408b. stammfremdes ungeraumt, ungeräumt s. o.
1) technisch, sinnlich. mhd. ungerîmet (nl. onrijm prosa); s. reimen 2 a: hie wirt ouch allain die gemain uszlegung nach schlechtem tütsch ungerymt geseczet Steinhöwel Äsop 5 ndr.; Sachs 21, 343, 1 G.; ungereimete bünde eselkönig 6; bände Zesen verm. hel. 2, 24; lieber ungereimte als reimende verse Morhof unterr. 1, 567; er wuszte hier auf jungfern nichts zu reimen, so dasz er bey sich selbst laut an zu lachen fing, ihr seyd in meiner kunst ein ungereimtes ding Henrici 1, 545; warum sind mensch und jungfer ungereimte worte? Grabbe 4, 15; gereimt und u. Müllner 5, 267; persönlich: ein gereimter oder ungereimter heiligensprecher Schubart leb. 1, 150. Adelung, Heynatz und Campe empfahlen reimlos, um zweideutigkeit (s. 2 a γ) zu vermeiden; Hupel idiot. (1795) 245; im schweiz. scheint nur übertragene bed. erhalten. ob in den 2 c mitgetheilten alten ausdrücken ein ungereimtes gewächs, u. füsze erinnerung an einen aus der ältesten entwicklung zu gewinnenden sinnlichen begriff disproportionatus, incongruens (Weigand syn. 1, 18) vorliegt, ist recht unsicher; junge verbildlichung (schöngereimte lippen Schücking bei Sanders erg. 416c; lines rhymed ... against the sky Murray 8, 1, 635b) kann nicht entscheiden (die sinnliche bed. von reim, reimen ist allerdings noch zu wenig beachtet; sich reimen für sich paaren von wasservögeln Valentini 2, 921c).
2) übertragung ist schon im ahd. girîman, mnl. rimen, schweiz. rîmen 1 angedeutet und im schweiz. ungerîmt sowie im nl. ongerijmd entwickelt, ohne dasz ein ausgebildetes gerîmt, gerijmed daneben stünde (schriftsprachlich ist bei uns gereimt oft nur rückbildung). die von 1 ausgehende übertragung führt dann wieder zu der vielleicht älteren vorstellung des passens zurück. begriffsentlehnung anzunehmen (Martin zur mörin 1716, Singer

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zschr. f. d. wortf. 4, 131) ist nicht erforderlich; einerseits sind die von Littré (2, 2, 1731 il n'y a rime ne raison; sans rime ni raison u. s. f.) und Murray (8, 1, 634c, 685b rhyme and reason) verzeichneten entprechungen jünger als unser ältester beleg (1453), und anderseits einheimische grundlagen für die übertragung vorhanden, z. b. in den aus dem 16. jh. belegten, sicher viel älteren ausdrücken keinen rîmen haben sich nicht machen lassen, nicht gelingen, unpassend, ungereimt sein, ein rîmen gewinnen passend sein, ein andern r. gewinnen anders gehen Staub-Tobler 901, Fischer 5, 266, tirol. er hat gor kaen reim, kein glück, bei im reimt es si gor nit will es sich gar nicht fügen (reim III 2 e, reimen 3 b), des reimens können astutum esse Zimm. chr. 4, 315, 5, einen rîmen können einen kunstgriff loshaben Staub-Tobler 6, 901 u. dgl. m. (s. reim III 2 d). die culturgeschichtlichen voraussetzungen waren zur entstehungszeit unseres begriffes damit gegeben, dasz im 14. und 15. jh. mit der dichtung ihre kunstsprache bis in die untersten kreise des volkes drang, reimsuchen als probe des scharfsinns und der geistesgegenwart in der stegreifdichtung, im kampfgespräch, in schildbürgererzählungen, im gesellschafts- und kinderspiel (vgl. reimwetzler, -schleifer, leberreim, gesprächsreim) u. s. f. geübt wurden. kein wunder, dasz der reim überschätzt und nicht nur zum kennzeichen der dichtung schlechthin, sondern auch zum träger eines inneren zusammenhanges gemacht wurde, der grübelnd sinnvolle deutung herausforderte (reimen und grübeln S. Franck th. 8, 669). so wird u. was keinen 'reim' gewinnen, sich nicht 'reimen' will, keinen 'reim' oder nicht den richtigen 'reim' hat; das wer nit ein gefiegter rym ungereimt, unlogisch Murner narrenb. 57, 31; ungereimt zur sache s.γ und ε; die sich ... dolores juncturarum zu vertreiben unterstanden mit jhren ungereimpten (2 α β), unbequemen artzneyen: die sich gleich gereimpt haben, wie jr verstand gewesen ist Paracelsus 1, 64 c; auch bei uns gehören rime und raison zusammen, wie bei den Arabern. ungereimt ist uns, was — sich nicht reimet Herder 18, 45. ähnlich sich aus etwas einen vers machen th. 12, 1030. zäh hält bis heute das wortspiel diesen zusammenhang fest (vgl. nl. ongerijmd — rijmeloos wb. 10, 1651): mit jhren ungereimten (2 a γ) reimen Opitz poeterei 12 ndr.; Abr. a St. Clara mercks Wien 161 u. o.;

also musz ich mich verwundern, dasz der ungereimte (2 b) mann
solche hübsche reimen machet
Grob (1678) 50, 139;

es hat mich gott nit gefragt, sagt der poet, ob ich habe schöne reimen und verse gemacht, sondern ob ich habe nicht ungereimt (2 b) gelebt Abr. a St. Clara mercks Wien 97; wenn der orientale, seltsame wirkung hervorzubringen, das ungereimte zusammenreimt Göthe 7, 71 W.; seyd ihr so verliebt als eure reime bezeugen? — weder gereimtes noch ungereimtes (neither rhyme nor reason) kann ausdrücken, wie sehr A. W. Schlegel Shak. 4, 241 (wie es euch gef. 3, 2); E. Th. A. Hoffmann 10, 165; Immermann 16, 225; Bäuerle theater 2, 2, 71; Gutzkow ritter v. g. 1, 181; S. Brunner 1, 124;

seit die welt so ungereimt ward,
schreib ich ungereimte verse
Geibel 4, 206.

vgl. die von klangvorstellungen ausgehenden begriffe ἀκρότητος, absonus, absurdus, die geruchs- und geschmacksvorstellungen in ungeschmack, abgeschmackt und die raumvorstellungen in ungerade, ungerecht.
a) die übertragung entfaltet sich zunächst in der richtung auf das verstandesmäszige.
α) noch an sinnliche bed. streifend: also auch dieser geist würcket in keinem ungereumpten, dass jhm nicht zugebürt, wie der magnet nicht im blei wirkt Paracelsus 2, 388 c; für incoibilis (Gellius 5, 3) ungereimt, dasz sich nit laszt zesamen fügen oder das nichts zesamen dienet Frisius 675a; Calepinus sept. 729 f. (ἀσυμφυής, ἀσύμφυτος); hians oratio ungereimt, die nit ordenlich auff einanderen gadt; mutila et hiantia loqui wörter reden, die nit auff einanderen dienend, ungereimte wörter Frisius 629b; discors uneins, ungerympt,

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zweyträchtig 425b; 1148b; dissentaneum th. 8, 673. vgl.γ. veraltet.
β) unrichtig, unrecht, verkehrt, falsch (regelwidrig, unglücklich), grundlos, unbegründet; ungelgen, ungerympt, unkommlich, ungeschickt Frisius 703a; abnormis, alienus Reyher o rb: von unfglichen ungereimpten verkerten dingen Seb. Franck sprw. (1545) 1, 1b; in ewrem herbario urtheilen jhr die kräuter auff solche ungereimpte weise Paracelsus 1, 341 a; ein jeglicher hat wöllen gesehen und hoch gehalten werden von leuten, gereumpts und ungereumpts (apta inepta klingt an, dazu un IV C 3) zusammen gesetzt, und lügen hin und her zusammen gesamlet chir. 17 c; ziehen zu ungelegener zeit und ungereimpter örter Aventin 4, 435, 22: sie bitten ungereimpt Frey gart. 25, 20 ndr.; comp. 85, 22; einer so ungermpt zu jhm (dem probierofen) geht Agricola bergw. (1621) 182; ein disproportio, welche uns unerwartet und u. zu ohren oder gesicht kommet Harsdörffer secr. 1, s ss viiia;

(man) plagt seiner sinnen schiff mit ungereimtem winde
und stürzt sich sonder sturm tief in die trauer-see
A. U. v. Braunschweig Oct. 2, 555;

vgl. DWB ungeordnet sp. 794; nicht u. (haud inepte) nennen Prätorius anthrop. 1, 166; der schändliche verdacht, den ihr von mir so ungeräumt gefasset Menantes n. br. (1723) 493; in jüngeren beispielen (Chr. Wolff v. gott 1; Schmolcke 1, 66; die ungereimten hoffnungen Wieland Ag. 1, 339) nach γ überleitend; in der ma. ist die veraltete bed. festgehalten: zu-n-eren ungrümten züt; en ungrimten fraufastentag; eine ungereimte kuh, die zur unrichtigen zeit kalbt Staub-Tobler 6, 902, 903; vgl. ungerîmigi zît; en ung'rīnts ein ungeschickter, schmerzhafter schlag; ung'rīnt zuegān von einer körperlichen übung, die mit einem unfall endigt, ebd. (unklar: inconveniens ein ungereimt ding, die ungelegenheit, ein unfall Spanutius 288) und 3, 1552 (abergläubische deutung des 'unrichtigen'?). technisch: versibus incomptis ludunt, sy singend schlchte gsang, ungerympte ding, bsz meistergsang Frisius 1366b; ungereympte lieder, die kein mensur nit habend, ungereymter unlieblicher thon Maaler 462b; darzu seind die reyme vilmals ungereimpt und kindisch gekuppelt Vogelgesang-Cochläus v. J. Hussen 4 ndr.; das der alten rechten Teutschen componisten liedlin ... gantz und gar vergessen und dargegen an ir statt vil ungereumbter newer composition gebraucht werden Forster fr. t. liedlein 3 ndr.; ungereimtes lied mal faconnée Rädlein 980a;

so dürffte dennoch mir das ungewohnte singen
nicht widerspenstiger noch ungereimter klingen
Günther 378.

unerfahrne bauwmeister durch jhr ungereymbt flicken und klicken dem feindt die eroberung in die handt geben haben Kirchhof mil. disc. 12. von arzneien s. Paracelsus ob.; citta ist ein verderbtes thun desz magens, da ungereimbts und dem menschen ungebreuchliche sachen zu essen begeret wirt Wirsung (1588) 543d; mitt artzeneyen und aderlaszen wirdt man mich so baldt nicht ertapen, mich deücht es gar nicht; die ersten waren apropo, aber die letzten gar ungereimbt El. Charl. v. Orleans 3, 311; ungereimte ideen (eines wahnsinnigen) Hufeland kunst 69, nach γ weisend. ungereimpte artzt Paracelsus 2, 489. veraltet.
γ) die besondere in den heutigen begriff 'absurd' ausmündende hauptbedeutung schlieszt sich nahe an α, β an (absurda, ungeschickt, ungereumpt Alberus t ya; perabsurdus, vast ungereimpt und miszhällig, ein narrächtig ding und wider sich selbs Frisius 971b; acrotetus Calepin sept. 26a; Reyher o rb; paradoxum, perabsurdus, perinconsequens ebd.; seltsam, unverständig, dumm, unvernünftig, sinnlos, albern, lächerlich u. s. w.) und bezeichnet im engsten sinne, was mit sich selbst oder mit anerkannten wahrheiten ( Adelung) in widerspruch steht, einem grundsatz der vernunft zuwider ist (Walch). für absurd Campe verd. 77a: es ist gar eyn ungereympts dynck, myt speychel die zunge loszen Luther 29, 520, 13 W.; das aller ungereimste dieng 33, 206; Origenis und

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anderer mehr allegorien sind ungereimet und heidnisch 16, 90, 26 W.; dis wort, Hans Worst, .. (ist) gebraucht wider die groben tolpel, so klug (beachte den gs.) sein wollen, doch ungereimbt und ungeschickt zur sachen reden und thun 51, 470, 22 W.; von seiner bekerung ist auch ein ungereumpt, jr selbs ungleiche histori Franck chr. G. (1538) 41b; den ungereümpten (paradoxam) bchstaben der schrifft parad. (1558) 3; lugen H. Bock 419b; umb etlicher ungereumpter, unverstendiger wörter willen theatr. diab. 137b; blinde und ungereimte dinge J. Böhme 6, 163; sie redete dergleichen ungereumtes wesen Opitz Arg. 2, 391; sachen Dannhawer cat. 1, 294; soldthaten (ein ungereymter nahme, dann sie thun umb ihren sold sehr wenig thaten) Moscherosch 359; gleichnusz Abele gerichtsh. 73; ungereimtes scherzen Weichmann Nieders. 1, 161 (vgl. Chr. Weise grün. jug. 93 ndr.); urtheile Liscow 21; geburten (der einbildung) Iselin verm. schr. 1, 231; die ungereimtesten widersprüche Zimmermann nationalst. 271; ihre (ungebildeter menschen) wollüste, ihre pracht, ihre verschwendung werden ungereimt und übertrieben sein Göthe II 3, 128 W.; ungereimtes zeug Bettine Günder. 1, 257; Borchardt-Wustmann 391; Staub-Tobler 902; geschwätz 903; u. handeln Adelung. persönlich: Momus, ein ungereimter grillenfänger vern. tadl. 1, 5; die welt ist so u. nicht, zu denken Kant 8, 10; Pansner 73a.

es gilt euch (Amadis-jungfern) alles gleich ...
gereimt und ungereimt, gesticket und geflicket ...
und ist euch gar genug, wenns nur heist discurirt
Logau 285; 59, 138.

gern in der litotes: der innhalt des briefes war so gar u. nicht Zend. a Zendoriis wintern. 20; Kinderling rein. 90 u. o. subst.: wer hiet ye ungereimters gehrt B. v. Chiemsee 34;

so falt jr aus verkleinerung
aus eim ungreimbten in das ander
Fischart Dom. 126, 113 K.;

das ungereimte der behauptung Herder 11, 417; sie kennen Lessings art, die sache so zu wenden, um eben das ungereimte im ungereimten zu zeigen 16, 528; reden, in denen er die gegner ... ins ungereimte (reducere ad absurdum) führte 19, 174; aufs ungereimte zurückführen, jem. des ungereimten zeihen oder überweisen, abführen Campe verd. (1813) 84a. een bewijs uit het ongerijmde (apagogischer bew.) nl. wb. 10, 1651. während früher ungereimt mit abgeschmackt, wie bei Kramer (1702) 15b, zusammengestellt wird, macht neuere synonymik unterschiede: 'der ausdruck abgeschmackt (ist) stärker und daher auch beleidigender, indem er zugleich den widrigen eindruck andeutet, den alles, was die vernunft geradezu empört, auf unsere empfindung macht' Eberhard (1795) 1, 12; 'ungereimt steht blosz gegenständlich (objectiv), abgeschmackt aber persönlich (subjectiv) als in bezug der betrachtenden person; das ungereimte kann interesse gewähren, das abgeschmackte kann dies niemals' Weigand 1, 18: alles nur für den engsten gegenwärtigen begriff gültig, den die verf. im auge haben, historisch ohne gültigkeit.
δ) rechtlich und geschäftssprachlich (ἄκυρος, nit eigendlich Decimator; vgl. uneigentlich 1, 3; inconvenientien ungereimte sachen, res illicite, a illegitimae Apini gl. n. 285; ackerm. a. B. 2, 12), vgl. β:

der Eckhart sprach: Brinhilt, du laust
mich billich fueren hie min klag
ob ich den ongerumptes sag,
da gund ich dir zuo reden in
Herm. v. Sachsenheim mörin 1716;

so er vor engegen were gewesen, hette er synen flyss ankert, vor dem ungrymbten und unerfarnen ratschlag zuo syn quelle (1470) bei Staub-Tobler 903; ungerympt sachen und handel (gotteslästerungen) ebd.; ungebührliches, der processierlust entspringendes desgl.; schwächer en ung'rīnti sach eine verwickelte angelegenheit ebd. 902; viel ungerühmter sachen und mutwilligkeiten zu fastnacht 903; reden, worte ebd.;

auch sagt man, er hab sie dergleich
begabt mit dem römischen reich,

[Bd. 24, Sp. 816]



das doch in seinem gwalt nit steht,
derhalb es (var. und gar) ungereimbt zugeht
Sachs 20, 208, 7 G.;

die fürstlichen räthe insgemein haben sich entschuldiget, dasz diese ungereimte anordnung (er hat canzlei und gerichte schlieszen lassen) wider ihren rath und bewust geschehen Wedel hausb. 372; solche ungereumbte parerga Ayrer proc. 124; contumelien act. publ. 1, 258 P.; wehr ... tottenstro oder auch andere ungereimbten gefährlichen ding als totes viech und andere irrungen auf die gassen oder gebautte aker thätt ... ist der herschaft zum wandl 72 D verfallen öst. weisth. 11, 42 (17. jh.); incivile est, tota lege non perspecta, ex ipsius particula judicare es ist ein ungereimtes plumpes ding, nur auf einen grundsatz des rechtens ... ein urtheil fällen Neumark fortgepfl. lustw. 1, xx 2b; zuschr. 11; die ungerühmte that eines spanischen edlmanns, welcher einen zu dem strang verurthlet und hencken lassen ... weilen er ein rothen barth hatte Abr. a St. Clara Judas 1, 120; fanget keine ungereimte processe an Stranitzky ollap. 131, 36 ndr., zu ε überleitend, vielleicht aber noch rechtlich wie Staub-Tobler a. a. o.;

dasz ihr wissen mögt,
diesz sey kein loser ungereimter anspruch
(no sinister nor no awkward claim)
A. W. Schlegel Shak. 7, 58 (Heinr. V 2, 4).

dasz die rechtsspr. an der ausbildung des begriffes stärkeren antheil hatte, als hier nachzuweisen war, ist zu vermuten. wenn heute von einem ungereimten vorschlag, anspruch, ansinnen, einer ungereimten forderung u. dgl. die rede ist, wirkt diese veraltete bed. kaum nach. zwischen γ, δ und ε stehen fälle wie: diesen ungereimbten und straffwirdigen gegenwurff Guarinonius 6; diese beschuldigung ist u. Breitinger crit. dichtk. 1, 160; anklage Nicolai Noth. 1, 161; verfassung 2, 233;

ei mit der ungereimten entschuldigung!
Voss ged. 1, 15.


ε) allgemeiner unpassend, ungehörig: es sol niemand in seinem beruff etwas newes und ungereimptes aus hoffart und vermessenheit fürgeben Ringwaldt lauter w. 175; nichts kan unbillicher und ungereimbter seyn, weder wann der mann sich vom weib regieren ... läst Albertinus hirnschl. 152;

was fragst du nach des teuffels spott
und ungereimten klagen?
P. Gerhardt bei
Fischer-Tümpel 3, 342b;

solcher ungereymte wechsel und newrungen der kleydung Moscherosch 2, 149; will jemand mich ... beschuldigen, als hette ich gar ungereümbt geistliche unter weltliche, ja ... unter buhlenlieder gemischet, so Königsb. dichterkr. 106 ndr.; dieser ungereimten hochzeit mich auf ewig zu entbinden Hoffmannswaldau getr. schäfer 86; als habe ich nicht ungerühmet seyn vermeynet, dasz ich dessen (Lockmanns) sinnreiche gedichte ... mit anhange A. Olearius rosenth. 111. inconvenientz, ungereimbte weisz Roth h va; extravagance, digressio, diverticulum, ein ungereimtes vornehmen Apini gl. n. 210; impertinentien, ungereimde ding 281. u. zu: Luther 51, 470 W. (s. o.); zur sachen ungereimte mittel Fischart Bodin 245b; dasz die antworten auf die fragen nicht zu passen, sondern ganz u. zur sache schienen Claudius 7, 104; veraltet. heute wird das ungereimte vom unpassenden bewuszt unterschieden (das unpassende, ja ungereimte der ganzen ansicht war mir völlig klar Steffens w. ich erl. 2, 176). gth. gereimt passend, bequem Unger-Khull 282b.
b) mit vorwiegen des sittlichen urtheils; grob, bös, ungezogen, roh, störrig, widerspenstig, unbändig, ungeberdig u. dgl.; gth. gereimt brav, gut Unger-Khull 282b; s. auch gireimp, ungireimp th. 8, 673: dann ich ihe nicht glauben kan, das sich der ungereimpt teüfel so grob hab lassen mercken und mit so losen zotten sich ... habe herfür gethon Franck chronica 336a; zu dieser ungereimbter arglistigen bser rott J. Petersen chron. (1557) 23; wie Phaeton mit seinem ungerümbten faren himel und die erden entzündet Wickram 7, 71; weiber seien all uber einen leyst gespannet und verthädigen

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all einander, und welchs das ungereimtest, so beschützen die frommen die bösen Fischart ehzb. 208, 19 ndr.; es seynd gleicher gestalt noch andere ungereimte eheschänder hervor kommen Widmann Fausts leben 519 K.; ihr ungereimbte ehrenstutzer Abr. a St. Clara Judas 1, 124; was er an Ä. ungereimtes bemerkt ... kam in die nutzanwendung Bräker 1, 71; ihre kinder, so wie sie gröszer, ungehorsamer, ungereimter wurden Gotthelf 1, 86; auch ungehobelt, schlecht erzogen Staub-Tobler 903; u. tun unerzogen, grob sich benehmen ebd.; u. dreinschlagen, umgehen, ausbrechen ebd. (vgl. DWB so ich dich so ungeschickt und ungerimpt sich wüeten und bochen Zwingli w. H. Emser a 2b); anderseits it. rispondere alle rime derb antworten. übertragen auf thiere: dieselbigen locktauben neulich gefangen, und auff den hert zusetzen zu wild seyn, und mit flattern zu ungeräumbt handeln Aitinger (1681) 106; das ung'rimte veh!, die flöhe, in einem vierzeiler bei Staub-Tobler a. a. o. von sächlichem (decorum, nit ungereimt Alberus k k iija): allen und jeden, so zu grober, wster, ungereumpter grobitet lust tragen Scheit Grob. 10 ndr.;

der groben ungereimpten sachen Grob. 602;

ein unghreimbten bossen Sachs 9, 270, 10 K.; mit deiner unflätigen, wüsten, groben, ungereumpten weisz Frey garteng. 64, 26 ndr.; ein ungereimte weis, deren sie bey der mutter aus zu vil gelindigkeyt gewont Fischart ehzb. 188, 7 ndr.; der pfaff must sich trollen, wer er dem bischoff worden, man het ime vil ungereimpter item an das beschissen kerbholtz geschnitten Frey garteng. 77, 13; Hertzog schiltw. H.; wie hab ich etwa unversehens was böses und ungereimtes geredet? R. Fuchs (1650) 77; ich hätte diese ungereimte that wol zu werck gerichtet, wenn du, o mein gott, mich nicht davon abgehalten hättest madame Guion d. leben (1727) 1, 75. zwischen b und c stehend:

ihr musen, stimmet mir die abgespannten säiten
nach dem verderbten sinn der ungereimten zeiten
Pietsch 202.

in der schelte: du ung'rīmt(n)er hond, sackerment! Staub-Tobler 903. schriftsprachlich veraltet.
c) bezogen aufs ästhetische gefühl: ich glaube gern (sagt jemand scherzhaft), dasz ihr (ein grave eines scheutzlichen angesichts, der keine 'angestrichenen' frauen leiden mag) ungereimbte und ungeschaffene ding nie selbs gern gesehen Kirchhof wend. 2, 112; die (füsze) seind also ungereimpt und knollechtig Frey 13, 20; in unseren meer sihet diser fisch gleich einem andern ungeformbten ungereimbten gewechs Heyden Plin. 388; vgl. 1; farben Zimm. chr. 2, 224, 20; invenustus Dentzler 321b; ungereimt, abgeschmack Apini gl. n. 211. veraltet und in neueren beispielen nach a γ ausgewichen: die verzierungen an denselben (säulen) sind ungereimt und barbarisch Winckelmann 6, 181; der engel (auf Baphaels Heliodor) in der kirche ist etwas u. Heinse 4, 217; mit den ungereimtesten figuren bedeckt Göthe 46, 171 W. ungereimtheit th. 13, 675 (wahnschaffenheit).
d) auch ein ansatz zur steigerung ist vorhanden: ungereimte übermäszige (vgl. DWB a δ) bussen quelle (1631) bei Staub - Tobler 903; desselben übermässige und ungereimte poeterey von meinem angedichten lob kan ich nicht anderst als für ein artiges gespött .. auffnemen Harsdörffer secr. 1, a aa iia (vgl. 2 α β); unter einer u. scharfen zucht Bräker 1, 7. veraltet.
e) als krankheitswort, wie es Schambach 244a für unrîmig setzt, ist es nicht üblich.ungereimtheit, f. , im 17. jh. aufgekommen; noch Sattler phras. (16314) 485 setzt 'absurditas ungereimbte, ungeschickte sach, greiffliche absurditaten' an; seit Kramer (1702) 2, 310b allgemein verzeichnet. absurdité, ungereimtheit, ungereimtes wesen, albertät Sperander 6b. für absurdität Kinderling 227, Campe verd. 77a, Stifter 1, 135. ungereimheit J. J. Engel 1, 350 wohl druckfehler, aber vgl. Luthers ungereimste dieng u. ungereimt. statt ungereimtheit des gedichtes (bei Sachs-Villatte verzeichnet, s. DWB ungereimt 1) sagen wir eindeutiger reimlosigkeit und

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beschränken u. auf die bed. ungereimt 2 α γ. nl. ongerijmdheid. gereimtheit, wohlgereimtheit sind rückbildungen. abstract: die ungereimtheit einer so ungegründeten verehrung Leibniz d. schr. 2, 365; also läszt er in diesen gefäszen ohne u. einen saft flieszen Bodmer v. wunderb. 67; ihre bis zur u. ungebärdige antwort D. F. Strausz 4, 318. mehr oder weniger concret, mit plur.: darnach eine u. heraus kömmt, wenn man andern meynungen beypflichten solte Prätorius winterfl. (1678) 321; ausschweiffungen und ungereimtheiten Mattheson capellm. 24; ungereimtheiten sagen Lessing 11, 46; u. von der ersten grösze Adelung; es wäre die höchste u. anzunehmen Fichte 2, 179; sie wissen ja, dasz solche ungereimtheiten (schlechte sonette) mir unausstehlich sind Göthe gespr. 2, 237; eine derartige behörde ist eine u. — ungereist, ungereisig, adj. , gth. v. gereist 2, th. 4, 1, 2, 3622; Staub-Tobler 6, 1314. 1327. vgl. mhd. ungereisec. — ungereit, adj. , das untergegangene mhd. ungereit (Kehrein Nassau 416 vermuthet es im westerw. ungereu uneben, holperig Schmidt 283) kommt auf dem umwege über das nl. wieder zum vorschein (mnl. wb. 5, 658, 5; de Bo 672b): welchen (staaten) er angesunnen, dem könig den hundertsten pfenning von allen güthern, gereidt und ungereidt, fahrendt oder liegendt, einzuwilligen E. v. Meteren Niderl. krieg (1614) 171a; mit ausweichung nach ungerät, n. (vgl. gereite 4 c, th. 4, 1, 2, 3625): dieser (Alba) hat den Niederländern eine unerschwingliche contribution aufferlegt .. nehmlich den hundersten pfennig von allen gütern, geräth und ungeräth, fahrend oder liegend, einzuwilligen Ortelius blut- angst- u. thränengeld (1639) 13. vgl. unbereit. — ungereizt, part.-adj. , nicht gereizt. mhd. ungereiʒet. zu reizen II 1: die gonnorrhoeam oder den ungereitzten flusz desz manns Francisci lusthaus (1676) 1362. zu reizen II 2 b: dem meistens entfernten, ungereitzten (nicht erbitterten) und unübersehbaren kriege Herder 8, 414; bei leerem und ungereiztem zustande des magens Sömmerring 5, 65: jahrb. der Grillparzerges. 3, 193. vgl. reizlos th. 8, 799. onggereizt ungeschlacht, grob, lux. 315b, zu reizen dörren 360b? — ungericht, adj. adv. , gth. v. gericht (th. 4, 1, 2, 3634), seitenstück zu ungerecht (s. d.); vgl. ungerichtig, ungerechtig, unrecht, unricht, unrichtig. mhd. ungeriht, ungerihte; mnd. ungericht; mnl. ongericht; Staub-Tobler 6, 374, 390, 392. von ungerichtet in älterer zeit oft nicht zu scheiden (s. gericht 6). sinnlich, wie ungerecht 1, gth. v. gericht 1, nicht geradlinig, uneben, krumm, ungerade, indirectus ungericht, unschlächt, nit gerad, krumb und schälb Frisius 683b; als ungerichtet aufgefaszt:

seine (gottes) fackel führt die füsze
durch die ungerichtte bahn
Morhof unterr. 2, 330.

inconcinnus ungericht, ubeltönend Maaler 462b; ἀδιάτακτος Decimator; vgl. DWB ungerecht 3, gericht 3. ungerecht 2 entsprechend, von falscher, unrichtiger beschaffenheit: obs Staub - Tobler 374; sal illud in der Etsch dicitur kropffsaltz et est ungericht saltz, lapides sunt Paracelsus chir. 588a. ungerecht 7—9, gericht 4 entsprechend, wie ungerecht 7: ein ungerichter und mistetiger man weisth. 5, 703; ungerichte luede mnd. wb. 5, 51a; swas ungeriht fúr sie kam Rudolf v. Ems weltchron. 17908, dazu ungerecht 7 ende; wie ungerecht 9: ein ungerihte zunge Lexer 2, 1860 (ungerihtige Georg. pred. 181, 8); ungerichte, adv. Hiob 6422 Karsten. der personenname Ungericht (Staub-Tobler 374) ist mehrdeutig. gth. v. gericht 5, nicht versöhnt: Staub - Tobler 6, 390, 6 b (1315); der von Liechtenstain, der von Eberstorff ... beliben ungericht mit dem kaiser Unrest chron. Carinth. 621. gth. v. gericht 6 = ungerichtet (mhd. mnl.): ir eigne sachen lassen sie ungericht Keisersberg brös. 2, 57c;

last mich zu fried und ungericht
Ringwaldt ev. c 1b;

des gotshaus sach beleib ungericht Unrest chr. Car. 512 (Staub-Tobler 6, 392). durchweg veraltet. ungerichtet Luther 10, 2, 107, 8 W.; Rückert 9, 289. — ungericht, n. , ursprünglich gth. v. gericht (th. 4, 1, 2,

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3637) 1, seitenstück zu ungerecht, n., stärker als dieses bes. in der rechtsspr. entwickelt. ahd. ungarihti, ungrihti; mhd. ungerihte, ungeriht; mnd. ungerichte; mnl. ongericht, ongerechte; Haltaus 1936 ff.; Staub-Tobler 6, 346; Schmeller 2, 31. 34. nur noch in der spr. der rechtsgeschichte üblich, sonst veraltet; Frisch 2, 117c; Adelung 2, 585. plur. ungerichte, früher auch ungericht, ungerichter s. u.
1) halbsinnlich für inconcinnitas (vgl. ungericht inconcinnus) unrichtigkeit, unrichtiges, fehler im vers, j. Tit. 888, 4. gericht fehlt in der entsprechenden bed.
2) unrecht, im gs. zu gericht 1. zu 2—5 s. das rechtswb. die sinnliche vorstellung ist noch nicht ganz erloschen, z. b. Rudolf v. Ems g. Gerh. 5150; Willehalm 15375.
a) injuria, sittlich und rechtlich: er (gott) nelazzet nieht ungerihtes Notker 2, 132, 14 P.; handeln gegen die entscheidung des hohenpriesters Rudolf v. Ems weltchr. 15452 E.; bes. beeinträchtigung, gefährdung der sicherheit, unfriede im alten sinne: dara nah bito ih umba allaz daz ungrihti iouh umba den unfrido iouh umba daz ungiwitiri (pacem, aeris temperiem) Otlohs gebet 187, 65 St.; vgl. DWB fremde leuffte, unfride und ungerichte Haltaus 1937; darumb sol man krieg auffnmen, daz man darnach one ungericht (sine injuria) jm frid lebe W. Burleus liber de vita 125a; wider die not und ungestme aller ungericht (omnium injuriarum) 121a; und setze dich aus gerichte in ungericht, aus gnade in ungnade, aus landfried in unfried, verfehmungsformel J. Grimm rechtsalt. 1, 58; vgl. DWB wan oft gericht kumpt in ungericht und recht in unrecht Jelinek 766.
b) criminalverbrechen. s. die wbb. der ä. spr.: die vier ungricht, nachtschach, notzog, haimsuoch und fridbrech wunden (1469) Staub-Tobler 5, 314; umme ungerichte, als umme mord, brand, raub, dübe und umme ander böse sache Haltaus 1938; Schröder rechtsg. (1907) 781 f.; vitium ... bszheit, missethat, unthat, lasterthat, ungericht, bszstck Schöpper b 3 d; alle richter, die ungerichter uberwunden werden ... die sindt alle rechtlosz Zobel lehenr. 8b; ein zetergeschrei, sonst gerüffte, ist, das uber jemand gehet, der ungericht oder unthat begangen Scheraeus 130; feldschaden, scheltworte, schlägerei und andere unthaten wurden ins landgericht, alle haubtrugen und ungericht aber ins halsgericht gewroget Schottel tractat (1671) 196; Frisch 2, 177c; Schottel haubtspr. 649; eine widerrechtliche handlung, um derentwillen eine person auf eine strafe an leib und leben, gliedern, oder zu haut und haar angeklagt werden mag, bezeichnet der allgemeine ausdruck ungericht (verbrechen) Eichhorn rechtsg. 2, 624; zur definition Brunner grundz. 171; nur die typisch absichtlichen missetaten galten für ungerichte 173; Graf-Dietherr 285, 350, 354, 363 u. s. w. ungerichtsfall 375, ungerichtsklage Schröder rechtsg. 571 u. dgl. ungerichte, halsgerichte 777. zur allgem. wiederbelebung als ersatz für delict, reat, strafthat ist u. kaum geeignet, weil es in der neueren spr. (z. b. bei Stieler 2385, Wachter, Haltaus in übereinstimmung mit heutigem sprachgefühl) irrig an gericht judicium angeknüpft wird.
c) auch leichtere, gern als frevel bezeichnete vergehen polizeilicher art, die nur strafe an haut und haar nach sich zogen und durch busze oder friedensgeld gesühnt werden konnten: Staub-Tobler 1 α β; Jelinek 766; was brüche von den untersassen der herrschafft gefallen, von ungericht, dasz die nach gnaden und recht genommen werden Schütz Pr. (1592) 3, z iib; vielleicht ebenso Staub-Tobler 3 b.
3) strafgeld, buszen für ungerichte; vgl. gericht 6: Staub-Tobler 1 b; mulctae Haltaus 1938; Scherz-Oberlin 1838.
4) verfahren, klage, zuständigkeit, befugnis bei u., gerichtsbarkeit des ungerichts; vgl. DWB gericht 6, 7: jurisdictio criminalis Haltaus 1936; das halsgericht Zedler 49, 1413; der blutbann Westenrieder 602; gericht und u.

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Staub-Tobler 2; mit gericht und u. mit der niederen und der höheren oder peinlichen gerichtsbarkeit ebd.; Haltaus a. a. o.; mnd. wb. 5, 14b; mit gerichten ader mit ungerichten th. 4, 1, 2, 3638, 1 als inbegriff aller rechtshandlungen (un IV C 3); dem unvergeben gericht jurisdictio reservata et excepta gleichgesetzt von Haltaus 1937; lange erhalten in der ra. das u. gehet ihm an den hals, einer hat das leben verwürcket Zedler 49, 1413 (es gehet ihm das u. an hals Stieler 2385; Krünitz 196, 292; anders alle ungerichte ... die auch an hand und halse, auch an haut und an har gehen quelle v. 1556 bei Haltaus 1937).
5) ungericht injusta judicia Schmeller 2, 35; da besatztend sy über den (toten) Zwingli ein u., ungerechtes oder gewalttätiges gericht (?) 1572 Staub-Tobler 3 a. — ungerichtig, adj. , in eigennamen bei Staub-Tobler 6, 374. mhd. ungerihtec (Georg. pred. 181, 8); mnl. ongerichtich. — ungerichtigkeit, ungerichtikait ignavia Schmeller 2, 39. vgl. unverrichtigkeit. — ungerichtlich, adj. adv. , nicht gerichtlich Campe. unüblich. vgl. mnl. ongerichtelijk, nl. ongerechtelijk extrajudicialis und unser auszergerichtlich. — ungerick, n. , gth. v. gerick1, schiefe richtung, miszlaune, verdrieszlichkeit, von menschen und thieren Schmidt Westerw. 283; Kehrein Nassau 416; auf dem ungerück sein Schmidt; nd. ungeröck; an rücken angelehnt ebd.; gth. v. gerick und geschick Kehrein.ungeriefelt, part.-adj. zu riefeln 1. vgl. geriefelt Staub-Tobler 6, 1348: wenigstens muszte ich mir dergleichen einbilden, wenn ich die ungeriefelte stille meines bären (eines brummigen majors) betrachtete, der auch keine linie zog, die nur auf das entfernteste auf die kunst des schiefe-mäuler-machens (über das knasterrauchen) hingespielt hätte Fr. bei E. M. Arndt 1, 44. unüblich.ungerieft, adj. , riefenlos, ohne riefe, f. (s. d.). ejugatus Bischoff beschr. bot. 67; Krünitz 196, 292; Valentini (1836) 1178a. — ungeriffelt, part.-adj. zu riffeln 1. ungeriffelt tuttavia rozzo, non digrossato, non dirozzato Valentini 1178a. vgl. DWB ungehechelt: ein ungeriffelter tirolerwirt ist mir immer noch lieber als ein geleckter städter Rosegger alpensommer 343. — ungerigen, part.-adj. zu reihen 2 b (?): ungerigen petulans morosus Alberus j ijia; der bedeutungsübergang ohne belege. mnl. ongeregen. — ungering, adj. adv. , gth. v. gering th. 4, 1, 2, 3689. ahd. ungiringi; mhd. ungeringe; mnl. ongeringe. vgl. unbering, unring, unringsam. veraltet. gth. von gering 2, träge: das ich sey ... geschickt und prauchsam zu allem gutem, nitt langksam, nit versewmlich, nitt trawrig, nit ungering herzmaner 44b; gth. v. gering 3, mühevoll: der die endlose unermüdlich (sp. 499 nachzutragen) kraft ist ... der nichts widersteen oder etwas schwer oder ungering werden mag schatzbehalter 86c. adv. in unklarer bed.: auch ist sie (die arznei) so ungering (pueriliter Genf [1658] 3, 5 a) kocht in das meszbüchlin (sonst regelmäszig messinen büchszlin), dasz sie kein narung der wunden seyn mag Paracelsus chir. 6 a.ungeringelt, part.-adj. zu ringeln 2 a; gth. geringelt. Oken natg. 4, 573. — ungerinnbar, adj. adv. , gth. v. gerinnbar incoagulabilis. Campe, Lucas, Sachs-Villatte. dazu ungerinnbarkeit, f. Campe.ungerinnt, adj. , ohne rinne (2), gth. v. gerinnt th. 4, 1, 2, 3712. Ratzeburg ichn. 1, 127. — ungerippt, adj. , gth. v. gerippt th. 4, 1, 2, 3714: und mögen die columnen geript oder ungeript darauff gesetzet werden Rivius Vitruv (1575) 262; enervis Nemnich natg. 610; ecostatus Bischoff bot. 66; zeuge Krünitz 196, 292. — ungerissen, part.-adj. zu reiszen im techn. sinne (reiszen 1 b η), gth. von gerissen Staub-Tobler 6, 1348: sammet Noel Chomel 8, 615; Prechtl 20, 505; Bucher kunstgewerbe 418a; s. ritzer 3. — ungerkraut, ungerlein s. DWB Ungar 2 (wo u. zur bez. des spenglers, zigeuners Follmann lothr. 519b nachzutragen). — ungermanisch, adj. adv. , nicht germanisch: es wird dem deutschen ursprung der Goten nichts anhaben, dasz ihm (dem Tacitus) die Daker u. erschienen J. Grimm kl. schr. 3, 209; der ungermanischen und unpatriotischen gesinnung Ruge 5, 410; eines durchaus ungermanischen despotismus Treitschke aufs.

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1, 19. — ungern, ungerne, adv. , selten adj. oder subst., gth. v. gern th. 4, 1, 2, 3719 ff. ahd. ungerno; an. úgjarna, adv., úgjarn, adj.; ags. ungeorne; mhd. mnd. ungerne; mnl. ongerne; nl. ongaarne; dän. ugjerne; schwed. ogerna. Staub-Tobler 2, 427; els. 1, 232; lux. 315a; Bauer-Collitz 108a. die verkürzte form ungern schon mhd. in hss. des Parz., Suso 4, 31 B., mnl. wb. 5, 664; die volle ungerne noch nhd. allgemein neben ungern (z. b. Luther, Lessing, Herder, Göthe, Kant, Mörike) üblich. ungeren (mhd. wb. 1, 535a) im 16. jh. schriftsprachlich veraltend (A. v. Eyb d. schr. 1, 49, 15; Sachs 14, 280, 34 G.); mundartlich noch z. b. Staub - Tobler a. a. o. ongern Sleidan red. 131; th. 7, 1204. in mundarten verliert sich schlieszendes n (Staub-Tobler, Martin-Lienhart, lux., mnl. wb. a. a. o.), im schweiz. kann das stammwort zum suffix herabsinken und un umgelautet werden (un I B 6). im übrigen s. DWB gern. während die steigerungsformen von gern i. a. schriftsprachlich verpönt sind, haben sie sich von ungern erhalten, freilich nicht ohne widerspruch: s. DWB gern I 3, Campe wollte eher den superl. als den comp. gelten lassen: so vil ungerner N. v. Wyle transl. 93, 7 K.; Luther 30, 3, 48, 1 W.; invitius ungerner Alberus; P. Winckler gedancken (1685) a viir; Lessing 17, 320; Göthe IV 4, 58, 6 W.; Schiller 3, 596; Gries ras. Rol. 1, 42. aller ungernist N. v. Wyle 76, 3 K.; am ungernesten Lohenstein Armin. 1, 1238a; am ungernsten Butschky Pathm. 14; Lessing 8, 180; Herder 5, 46; Göthe 11, 51 W.; Hebbel br. 7, 38. vgl. 3 h. vereinzelt als adj. (s. das an. und nl. wb. 10, 1572 anm. 2): in gloss. und wbb. wird invitus und invite hin und wieder unterschieden Diefenbach n. gl. 230b; Maaler 462b; Schönsleder t 7b; der hunger ist ungern Fr. Wilhelm sprw. reg. a y β 26; aber so ungern, so kurz das lachen auch ist Lessing 10, 90; vgl. die substantivierung 3 k. individuelle bildung ungernig: von naturen, denen alle geistesfreiheit abgeht, daher entbindet auch der schlaf ihre züge nicht. ich nenne den ausdruck ungernig, sie sehen aus, als schliefen sie ungern Vischer auch einer 2, 378. die mundart kennt auch ungerig Staub-Tobler 2, 427.
1) der ableitung am nächsten steht das gth. v. gern 1, dem natürlichen 'begehren', streben, trachten, wollen nicht entsprechend oder widerstrebend. mit ausdrücken des begehrens, wollens u. dgl. oder inhaltlich gleichbedeutenden umschreibungen: er sich ... ungern ... keinem menschen wolt offnen Suso 4, 31 B.; auch von unpersönlichem: die füsze wolten nur u. schritt für schritt gehen Polenz Grab. 1, 290; ob nun wohl der könig ungerne dran wolte volksb. v. g. Siegfr. 62 ndr.; Schnabel Felsenb. 26, 28 U.; so ungern er auch daran kam Schmid g. d. D. 4, 87; 1, 111. wie bei kaum (th. 5, 353) 1 oft können ergänzt wird, so bei u. oft wollen, mögen: aus gt kumbt man u. (will man u. kommen; kommt man, ohne es zu wollen), das bsz wechszt selbs Nas antip. 1, 44a; u. wendet sich der blick von dem bescheidenen mystiker (er möchte verweilen) Scherer litg. 346. übertragen:

meine muse fühlt die schäferstunde,
wenn von deinem wollustheiszen munde
silbertöne ungern fliehn
Schiller 1, 224.


2) im gs. zu gern 2 mit verhütendem, vorbeugendem conj.: ich wolt u. an deren stat sin am jüngsten tag Eberlin v. Günzburg 1, 37 ndr.; und so gern ich geschriebene romane lese, so u. möchte ich in einem wirklichen mitspielen Holtei erz. schr. 2, 192.
3) gth. v. gern 3, unfreudig, ohne willige unterwerfung, ohne völliges einverständnis, ohne frohe bereitwilligkeit, mit besonderer unlust, nicht ohne überwindung, zum leidwesen, ärger, verdrusz, bedauern, schmerz u. dgl.: ungerno minus libenter Graff 4, 234; das haben wir ... nicht ungern und mit sunderen freuden gelesen Steinhausen privatbr. 1, 63; darumb wir ungern lident d. e. wiszheit betbüchlin c iia; mancher leihet ungerne Sir. 29, 10; sterben Luther 18, 515, 29 W.;

du hiltst ungern dein nasen drüber
Sachs 17, 84, 20 G.;

[Bd. 24, Sp. 822]



wie ungern er da urlaub nam
Scheit heimfart o iiia;

lassen (verlassen) Göthe Herm. u. Dor. 7, 153; ungerne stehn wir zu Gryphius trauersp. 27 P.; leuten, die nichts ungerner als vergebung annehmen Lessing 2, 307, 20; wissen Kant 3, 25, 6; deine briefe werden alle gleich verbrannt, wie wohl ungern Göthe IV 8, 186 W.; folgend 49, 371, 25 W.; ἀέκοντε Bürger Ilias 1, 327, ebenso Voss. M. ertrug es ungern, dasz (aegre ferebat) Mommsen r. g. 2, 154; 5, 45; vgl.d. von nichtpersönlichem: u. wurzelt der anker noch im sande Tieck 1, 216; er (der vogel) ist sehr u. von mir weggestorben Keller 4, 253; für u. gesehen wurde:

der nachklang drang zum himmel,
bis dasz der abendstern die hirten schlieszen hiesz,
der itzt zum erstenmal der welt sich ungern wies
Ramler einl. 1, 406.

die spannung des begrifflichen inhaltes ist erheblich; gemeint sein kann gutmüthig-leises bedauern (Göthe Herm. u. Dor. 1, 33), unzufriedenheit (Göthe 21, 37, 20 W.), überwindung gesellschaftlicher anstandsbedenken (Hoffmann v. Fallersleben 5, 321), verdrusz (Göthe Herm. u. Dor. 1, 206), schmerz (1, 153), entrüstung (Rein. Fuchs 4, 49, gantz node Reinke de Vos 1834), schauder (Faust 6212); vgl.h. meist ist u. stärker als nicht gern. nach 5 weisen verbindungen wie u. und so gut als gezwungen Bürger 1, 257 B.; u. und halb gezwungen Ranke 8, 152. zur heutigen abgrenzung gegen freiwillig (fr., aber u.) und unwillig (das den bezug auf äuszerung im betragen einschlieszt) Weigand 3, 856; Eberhard - Lyon 855. insbesondere a) u. thun: Gerhard v. Minden 138, 28 L.; Tauler serm. (1508) 39b; es wird auch ein leicht ding schwer, wenn mans ungern thut Petri d d ivr; allgemein. b) hören u. dgl. wie ahd., mhd., mnl.: Murner adel 20 ndr.; ungern und nicht ohne sondere bewegnüs ist den gesambten f. f. und stenden zu vernehmen gewesen act. publ. 2, 152 P.; man sagte ihm nach, und er hörte es nicht ganz ungerne Mörike 3, 30. c) sehen: sonderlich sehen sie ungern, dasz das evangelium gepredigt wird Luther 34, 2, 242, 11 W.; ein ungerne gesehener gast H. v. Barth kalkalpen 499; es wird sehr u. gesehen, wenn Moltke 4, 61. ähnlich: u. aber habe ich zu bemerken gehabt Göthe II 11, 78 W.; finden Bode Yor. 1, xiv. d) haben: habens doch die grossen herrn so trefflich ungerne, so man sie schilt und strafft Luther 19, 195 W.; Tschudi 1, 118; ich hab's doch nit u. g'habt Pocci kom. 6, 126; H. hatte den kurzgeschorenen ziegenhirten nicht ungern Scheffel 1, 191. ein ding u. haben und darob übel zufriden sein, etwas u. haben und darob zürnen, u. und nit vergt haben aegre ferre Maaler; ungern haben n'aimer point Frisch (1730) 623; übel nehmen Staub - Tobler 2, 427. e) u. wo sein: wenn dich eyn herr ynn kerker gefangen hette, und du ausz der maszen ungerne drynnen werist Luther 10, 1, 1, 459 W. auch in der bei gern 3 e bemerkten verkürzung: höchst u. weisz ich das liebe kind in der pension Göthe 20, 17, 3 W. f) mit adjectiven (aber oft aufs subject oder den verbalbegriff zu beziehen): u. freigebig, schweigsam, keusch, froh u. s. w.; vgl. DWB ungern heylsame geschwr, s. 8. g) gth. v. gern 3 g, der gewohnheit und neigung nicht entsprechend:

ich ... lache ungerne sô man bî mir weinet
Walther 48, 2,

Gerhard v. Minden 117, 78 L.; es was ein bruder in einem kloster, der gieng gar ungern z der mettin Pauli schimpf u. ernst 172 ndr.; Opel-Cohn 208; Klopstock br. 102 L.; die Deutschen ..., die sich fremden klängen, quantitäten und accenten nicht u. gleichstellen Göthe 7, 2, 24 W. h) verstärkt durch vast, trefflich (s. Luther d), gar, gar zu, nur zu, so, recht, reichlich, ziemlich, sehr, auszerordentlich, unsäglich, gewaltig, ungeheuer u. ä., im alltagsdeutsch auch schrecklich, gräszlich, eklig, scheuszlich u. s. w., in der mundart z. b. durch angstlich H. R. Manuel weinsp. 1368 ndr. (Staub-Tobler 1, 339, 2 b), herzlich u. (früher auch von hertzen u. Luther 34, 1, 63, 34 W.), blutsungern Sanders erg. 227b;

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hundsu. Staub-Tobler 2, 427, mordsungern. wie gern 3 h δ ironisch:

also sprach er, und Zeus klaräugige tochter Athene
hielt ihm die hände noch fest, die schrecklichen, denen im streite
ungern nahet ein mann, und wenn er der trefflichste wäre
Göthe Achilleis 446.

gemildert: ein wenig u. Frisius, Stieler; ein bisgen Göthe IV 3, 19, 5 W.; etwas, ziemlich u. s. w. i) als antwort ist u., gern gegenüber, kaum fest entwickelt. k) subst.: u. hilfft nicht, macht ubel arger Wander 5, 1782; du sahst ja .. mit wie viel schmerz und zwang und ungern (grosz geschrieben) ich dir willfuhr Schiller br. 1, 6; das gern oder u. kommt nicht in frage;

ungerneres hette nie Rinaldo was verrichtet
D. v. d. Werder ras. Rol. 33;

nichts ungerneres Stieler, Frisch, Staub - Tobler; das ungernste, was ich thue.
4) gth. v. gern 4, unvorsätzlich, unabsichtlich, nicht mit fleisz; der grundbed. gegenüber abschwächung, aber alt (Bosworth - Toller 1111a, 2); ἀβούλητος Decimator, Garth; net gern unabsichtlich Fischer schw. wb. 3, 422, 2: ob du nu eyn wenig zu viel nemest unwissend und ungerne Luther 15, 297, 9 W.; Comenius ja nua 280; Klinger 1, 66;

folgend unlöschbarem durste, gelangt' er zur welle des bornes,
armer! und sah ungern, was zu erschauen nicht ziemt
A. W. Schlegel Athenäum 1, 135;

so wisse nur, dasz wir u. gefehlt haben Schleiermacher Plat. 6, 89. in neueren beispielen mit vorliebe nach bed. 1—3 umgebogen.
5) gth. v. gern 5 (6), nicht aus freien stücken, unfreiwillig, gezwungen: dieweil sie es u. thn, werden sie ubel dar z geschlagen Agricola sprichw. Cc viib; Tschudi 1, 45;

es ist aber ein herter zwang,
das der mensch ungern on sein danck
musz eygen sein und underthan
B. Waldis Es. 1, 181 K.;

wenn sie ungerne verlassen sollen, wobey sie gerne länger geblieben wären Chr. Wolff v. d. m. thun 305; im bilde (vgl. 3):

die erde
trank ungern der enkelsöhne blut
Schiller 15, 1, 34.

undeutlich gegen 3 abgegrenzt: nur u. fügte sich E. in die forderung Ranke 1, 280. zur syn. s. 3.
6) gth. v. gern 8, von thieren, pflanzen u. s. w., sowie von naturereignissen, um das gth. oder den mangel einer vorliebe, neigung auszudrücken: wenn auch der künig vil seind, so bringen sye (die bienen) die u. umb Eppendorff Plin. 11, 185; es henckt sich das quecksylber .. ongern an das sylber Münster cosm. 10; kein ärger erdreich ist ... dann es laszt sich u. erbawen Sebiz 24; Lehman 1, 227;

wo gotteshäuser sind, da nisten an den wänden
nicht ungern, wie man sieht, sich diese vögel ein
Hoffmannswaldau-Neukirch 2, 163.

so noch heute.
7) gth. v. gern 9 von erfahrungstatsachen 'in der regel nicht, selten'; oft von 6 kaum zu unterscheiden: wie u. auch der allt schlauch diessen weyn fasset, jah auch nicht fassen und hallten kan Luther 10, 2, 325 W.; was in die höhe geimpffet wurt, das bekleibt ungern Herr feldb. 69b; nicht u. gehen sie den bischof vorbei und wenden sich an den papst Ranke 1, 170.
8) gth. v. gern 10 'schwer, mit mühe, kaum, schwerlich'. vgl. nicht gern, nie gern: ahd. nals ungerno haud difficulter Graff 4, 234; dann es (geschmolzenes metall) gar u. fleuszt Paracelsus 2, 550; jede sprach .. laszt sich u. in ein andere sprach bringen ohn abgang Xylander Pol. 6; u. heilen Graff a. a. o.; Gäbelkover 2, 97; ungernheylsame geschwr Sebiz 95; difficulter movetur es geht u. Schönsleder t 8a; 'die fahrbahn ist schlecht' Staub-Tobler 427; ihre handlung verträgt u. dramatische ausarbeitung der charaktere Freytag

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14, 40; die leute ... lassen sich ungerne (nicht leicht) irgend eine gelegenheit zu taktlosigkeiten .. entgehen jahrb. d. Grillparzerges. 6, 53; das messer haut schülich u. schneidet sehr schlecht, ist stumpf Staub - Tobler a. a. o. schriftsprachlich heute wohl regelmäszig umgedeutet.
9) wie selten 2, kaum 2, schwerlich 2 b η zur vertretung der negation, 'fast nie, wohl in keinem falle, wohl nicht' u. dgl. vgl. den iron. gebrauch 3 h: Hartmann Iw. 1041; Walther 54, 22; Suso d. schr. 76, 14 B.;

wann das wär, das got nit wöll,
das ich in müst on schuld begeben,
so wölt ich fürbas ungern leben
Hätzlerin 117a;

unsz ist angeboren ein glaubhafftigkeit und einfaltigkeit, das wir meinen, andere wolten unsz so ungern betriegen, als wir sie nit wolten laichen Eberlin v. Günzburg 1, 80 ndr.; veraltet.
10) in verb. mit gern. s. DWB gern 7: so gerno so ungerno Notker 2, 476, 9 P.; wolten sie nicht gerne, so musten sie mit unlust und ungerne Bütner epitome 465a; gern oder u. Weckherlin 2, 236 F.; Hohberg 1, a ij; Schiller 1, 256; Hebel 2, 159, 1 B.; Ranke 14, 33; Scheffel 2, 97; vgl. DWB gern oder nicht; gern und u. Lehman 2, 680; wir müssen .. gestehen, das wir diese unvollständigkeit fast eben so gern als u. bemerkt haben Lessing 7, 15, 28; theils gern, theils ungerne Kortum Jobs. 3, 107; gern oder doch nicht u. Fontane I 4, 156 u. ä.ungerter, m. , name einer apfelart Unger-Khull 610a. — ungerücht, n. f. , gth. v. gutem gerücht (s. DWB gerücht 4 a und un IV B), bösem gerücht (s. DWB gerücht 4 c) entsprechend. mnd. ungeruchte infamia; mnl. ongeruchte, f. n.; nl. ongerucht kwaad gerucht, slechte naame (Hooft, sonst ungebräuchlich): bey verbietung des geweiheten begrebnis und untüchtigkeit zu allen und jeden rechtshandelung, der verleumung des ungerüchts, der befehdung (infamiae ac diffidationis), der acht und aberacht übersetzung der bannbulle bei Luther 1, 259a Jen.; kayn glaublich ungerücht .. das u. und böser leumut gravamina 1521 bei Haltaus 1938, 'mala fama';

solt er die schmach und ungerücht,
die dir, ja mehr jm selbs geschicht,
so liederlich hingehen lahn?
Lobwasser calumnia E 8.

veraltet.ungerück s. ungerick. — ungerufen, part.-adj. adv. zu rufen. mhd. ungeruofen, -et; mnl. nl. ongeroepen. ungeruft (ungerüeft) mundartlich und veraltet. Staub - Tobler 6, 696. ongeruff lux. 316b. berufen 1 entsprechend: unberufen sive ungerufen invocatus Stieler 1630; auch unerwünscht (vgl.gerufen th. 8, 1406 ζ), ohne dasz man sie ruft:

die hasen pflegen in den kohl
auch ungerufft zu gehen
Henrici 4, 305;

jetzt kommt gewisz kein ungerufener mehr herein Castelli 13, 80. unberufen heute gewählter. an unberufen 4 streifend:

spiel sie (die flöte), erfreue unsre herzen
und strafe mit gesalznen scherzen
den stümper, der sie ungerufen nimmt
Gottsched d. neueste 6, 137.

wie unberufen, adv., ultro: überdem wird sich die moralische maxime, wenn man eine haben will, u. finden Ramler einl. 2, 89; Kant 10, 129: ungerufne melodieen Stolberg 5, 97; thränen Gutzkow 1, 259. — ungeruhig, adj. adv. , gth. von geruhig und seitenstück zu unruhig (s. d.). im 17. jh. veraltet. mhd. ungeruowic; mnl. ongeroe (auch subst.). zu den formen s. DWB geruhig 1. nicht ruhend, ruhelos, geschäftig, rastlos thätig; keine ruhe (im hause) haltend Lexer 2, 1862; vgl.ungeruht ohne auszuruhen, ruhig I, II 1 b, geruhig 2 b, 2 e: Alecta furia infernalis, Alecto ... ungerwiger instabilis, qui non habet requiem Diefenbach n. gl. 15a, gl. 21b (dazu unrüewer, unruwer name des teufels Staub-Tobler 6, 1897, unrüegel unruhiger mensch 1908); ein mensch, das ungerwig schlieff Braunschweig destb. (1500) 98a; von

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kindern, jungen leuten chir. (1539) 94b (dazu überruhig Staub-Tobler 6, 1906 f.). in bewegung, beweglich, rührig, unbändig: wann das vederspil ungeruwig ist Mynsinger 57 (vgl. geruhig 2 d zahm, unruhig brünstig Staub-Tobler 6, 1908). von geist, sinn, betragen des menschen (vgl. geruhig 2 a, ruhig II 2 a): obe der mensche sich vindet ungerwig und in unfriden Tauler pred. 78, 22 V.; ie grübelechter und ungerwiger sie werden Keisersberg b. d. seligkeit (1518) 3c; unfolgsam (Lexer 2, 1862), unfriedfertig, unzufrieden (vgl. geruhig 2 b, c, ruhig II a α): es seind auch ettwan in den reformierten clöstern ungerüwig leüt Keisersberg has im pf. (1510) f f 1a; seditiosus, incitatus, perturbator (Staub-Tobler 6, 1908): es würden auch die von Etolia keyn rwe haben, die von art ungerüwig weren Carbach Liv. 253b. von sächlichem (vgl. geruhig 2 i, ruhig II 2 b): von der natur Tauler sermon. (1508) 205a; solte dem menschen ... ein ungeruhiger friede ... nicht schädlicher seyn? Simpl. 475 Kögel. wie im mnl. (ongeroe 2) improbativ zur bed. fürchterlich ('hevig, zwaar, vreeselijk') verdichtet: do kam Achilles z hausz gegangen schweiszig, greulich und ungerhig und pracht ein geschunden lwen auff seinem rucken hist. v. Troia (1499) 31b; auch in die bezeichnung der zunge als eyn ungeruig ubel (cod. Tepl. 3, 5), eyn ungerüwigs gt (Brant narrensch. 19, 35) nach Jacob. 3, 8 (das unruhige übel Luther) scheint etwas von dieser bed., dem stärksten gs. zu geruhig 2 f, einzuflieszen. — — ungeruhiglich, adj. adv. , gth. v. geruhiglich: ungerühiglich, 'unruhig, stets rührig' Schmitz Eifel 1, 232b. sonst unüblich.ungeruhlich, adj. adv. , gth. von geruhlich: und sey ain ungerwlich ding die weltliche sligkait A. v. Eyb sp. d. sitten V iib. s. a. ungeruhsamkeit. — ungerührig, adj. , gth. v. gerührig, 'unbehülflich, faul, träge' Staub-Tobler 6, 1269. — ungerührtheit, f. , ἀπάθεια Justi Winckelmann 1, 165; Winckelmann 1, 15. 36. 105. — ungeruhsamkeit, f. , gth. v. geruhsamkeit: Hedwigleg. (1504) e 3 b; der ungersamkeit der welt Francisci legend (1512) k 2a. veraltet.ungerunzelt, part.-adj. adv. Zesen rosen-mând 107; Uz 2, 160. — ungerüst, adj. adv. ; ansetzung eines einfachen adj. ungerüst (s. 1gerüst th. 4, 1, 2, 3781) wird durch zusammentreffen mit dem part. ungerüstet (z. b. Achatius 271b; Xylander Pol. 37; Fischart lob der lauten 631 'schmucklos' vgl. rüstig 1; Frisius 1167b) unsicher.ungerüst, gth. v. 2gerüst, scheint hd. nicht entwickelt.ungesäglich, adj. adv. , frühnhd. neben unsäglich (s. d.): ein ungeseglich übeltǒt Ter. (1499) 67b; ungeseglich lieb (adj.) buch d. liebe 264b; ungsäglicher weise gepeyniget Würtz wundartzn. (1612) 22. zum nl. ongezeglijk, -heid s. wb. 10, 1683. — ungesalbt, part.-adj. adv. zu salben II 1 b, Staub-Tobler 7, 813 gesalbet b. mhd. ungesalbet: das betrügliche regiment der ungesalbten priesterschafft J. C. Dippel gest. papstthum (1698) 72; dieses und jenes ungesalbte oder auch ungereimte buch Zinzendorf creutzr. 16 (ohne salbung 2); Hippel 11, 365; übergehend in die bed. ohne salbung 3: mit rasendem munde kündete die sybille ... ungesalbte reden K. O. Müller Dor. 1, 339; derselbe ungesalbte, kindliche ton Gervinus g. d. d. dicht. 3, 30; reimereien, die zwar ganz so treuherzig und u., aber auch ganz so meistersängerlich roh noch klingen, wie die lieder des 16. jhs. 3, 264. dazu ungesalbtheit, f. sonst ungesalbte wagenräder (salben II 2) Staub-Tobter 7, 813; kärren Nas antip. 1, 154a; werbungen ohne bestechung Staub-Tobler 814 (salben 8) u. dgl. unsalbicht sive u. minime unctus Stieler 1674. — ungesalzen, part.-adj. adv. , gth. v. gesalzen (s. d.). auch übel, wenig, nicht recht gesalzen, in eig. und uneig. bed. wie insulsus, male salsus; vgl. DWB salzlos (gs. salzreich). g. unsaltans; mhd. ungesalzen; mnd. ungesolten; mnl. ongesouten; nl. ongezouten; an. úsaltr; dän. usaltet; schw. osaltad; ags. un(ge)silt; engl. unsalted neben insulse. Staub-Tobler 7, 896; Fischer 3, 440; els. 2, 355b; Ruckert 187; Leihener 87b; ongesalzt lux. 315b; Kinderling 432. zur unterscheidung der st. und der schw. form s. th. 8, 1712; ungesalz(e)t (in eig. bed.) schriftsprachlich z. b.

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Fischart flöhatz 2106 ndr. (1877); Prätorius anthrop. 2, 92; Amaranthes frl. 314; selten übertr. ungesalzte poeten Schuppius bei Wackernagel leseb. 3, 782, 37. ungeselczin Schröer voc. 1329. eigentlich gth. v. gegesalzen (th. 4, 1, 2, 3784) 1, ohne salzgehalt: das saltz wirt ungesaltzen (uppig, dumm) erst. d. bib. 1, 158, 50 var. (Marc. 9, 50, g. unsaltan ἄναλος); ein ungesalzen salz und ein christlicher Sokrates gehören in eine klasse Hamann 1, 494; see A. Diether (1550) 2, 15b; fluten Weichmann Nieders. 3, 70. gth. v. gesalzen 2, nicht mit salz behandelt: mag er essen das u.? erst. d. bib. 7, 158, 50; Hiob. 6, 6; mir ist ungesalzener fisch lieber als versalzener Holtei erz. schr. 36, 263; häute Möser 1, 283; holz Veith bergwb. 392; zu uneig. bed. leitet massenhafter gebrauch im bilde, vergleiche, sprichworte und in der sentenz über ('ohne kraft, gehalt, energie' Staub-Tobler a; Wander 4, 1433), z. b. grosse kunst ohne sitten ist wie ein ungesaltzen gericht Mathesius 4, 51, 20 ndr.; Letzner Dass. chr. 5, 24b; Corvini fons 110; ein unerfahrner mann ist wie ein ungesaltzenes kraut Lehman 1, 208; Körte 443;

das lustspiel? pfuy der ungesalzne brey Göthejahrb. 11, 21;

mit ungeschmalzen (schmalzen 4 c, unges., ungeschmalzen, nicht gesalzen, noch geschm., weder g. noch g. u. s. w.) verbunden: Sachs 5, 185, 33 K.: Ruoff heb. 162; Schönsleder xx 1b; Rädlein 980a; Frisch (1730) 623; Gotthelf 10, 168; vgl. unten. das gth. v. gesalzen 3 c hatte früher auch die bed. derb, grob, unfein (von personen: mnl. wb. 5, 690; Hadloub HMS. 2, 300b; von personen und sachen Staub-Tobler b mit beisp. des 18. jhs.), bes. aber fade, gehaltlos, witz-, salz-, geistlos u. dgl.; von personen: das ungesalczen (thörichte) fräwlein Arigo 262, 6 K.; Montanus 68, 34; 69, 20; 280, 13; 416, 19 B. (münch A. bald vernam, das sie übel gesaltzen was 64, 23; 75, 1; 65, 32; 69, 14; nicht recht gesaltzen Logau 2, 149, 48); baur 419, 22 B.; diszen ungesaltzenen wolgemesten magistris Luther 9, 746, 4 W.; Sachs 12, 434, 29 K.; muss derhalben das weib desto rässer seyn, als ungesaltzner der mann ist Guarinonius 271; Lehman 2, 709; sintemahl, wenn man durch den titel eines ungesaltzenen menschen einen tummen teufel verstehet, hier (Halle) lauter gescheute leute seyn müssen, nachdem sie nicht nur cum grano solis (!), sondern wohl mit einem scheffel saltz gewürtzet sind Menantes n. briefe 331; contrapunktisten Heinichen generalbasz 8;

der ungesalzenste (shallowest) von den gesellen
A. W. Schlegel Shak. 1, 230 (sommernachtstr. 3, 2);

solch' ungesalznes volk Eichendorff 4, 441 scheltend, vgl. seyd keine insulsi asini, ungesaltzene esel Dannhawer cat. 6, 710, ihr ungesaltzene bettelfürsten Rist friedew. 7, 72, Abr. a St. Clara Jud. 1, 124, Schwabe bel. 3, 62. verstärkt: dann sie (die lutherischen) ungeölt, ungesaltzen und ungeschmaltzen sein Nas antip. 1, 101b; Lehman 2, 557; Lindenborn Diog. 1, 620. von sachen: insulsus, u., ungeschmackt, matt, torecht, ungschickt, unlieblich, one gnad, law, cui facetum et plausibile opponitur Frisius 713b, 586a; sine sale sapientiae Fischart Eulensp. 16 H.; des arzte ungesalzne frag Arigo 520, 25 K.; Lehman 1, 225; logiken Luther 11, 303 W.; büchlin Franck chron. (1531) 100a; weitter dasz ich schreib von den besessenen leuthen, will jhn gantz u. seyn Paracelsus 1, 255 b; hirn Scheit Grob. 9 ndr.; schertz Rachel ged. 42 ndr.: Immermann 16, 204; witze Justi Winckelm. 2, 1, 125; spott Wieland I 1, 22; O. Ludwig 4, 309; harmonie Mattheson kl. generalbaszsch. 137; die ungesalzene und magre schreibart Gottsched d. neueste 5, 545; miene Thümmel reise 6, 70; thränen (unechte) jahrb. d. Grillparzerges. 3, 133;

viele bücher genieszt ihr, die ungesalzen; verzeihet,
dasz dies büchelchen uns überzusalzen beliebt
Göthe 5, 221 W. (Xen.);

durch angenommene regeln und allgemeingültige geschmacksurtheile ausmachen, wie eine speise schmeckt, giebt ungesalzene censuren Herder 22, 34. verstärkt: ungesaltzen und ungeschmaltzen ding Lindener katzipori

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142 neudr.; bescheit Schiltbürger (1598) 49; Gräter ist ... zu aller zeit ... wie lappleder ... gewesen, eine dreimal aufgegossene brühe mit zwei fettaugen, u. und ungeschmalzen Görres br. 2, 285. u. und ungeschmalzen abspeisen Zschokke 27, 138; nl. ongezouten äuszerst offenherzig. das ungesalzene Gervinus g. d. d. dicht. 5, 413; Vischer ästh. 2, 43. — ungesalzenheit, f. : die u. meiner dermahligen art zu leben (harum rerum insulsitatem) Wieland Cic. br. 3, 111 mit der anm.: das von Cic. vermuthlich neu geschaffene wort insulsitas verdiente doch wohl diesen versuch, es in unsre sprache zu verpflanzen? D. F. Strausz ausgew. br. 262. engl. insulsity; insulsität Heyse-Böttger 454b. — ungesammelt, ungesamnet, part.-adj. adv. zu sammeln, samnen; gth. v.