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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
fahren bis fahrgenosz (Bd. 3, Sp. 1256 bis 1259)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) fahren, intendere, insidiari. goth. weder ein fêran fêraida, noch fêrjan fêrida, wol aber fêrja insidiator. ahd. fârên fârêta, mhd. vâren vârte; alts. fâran fârda, mnl. varen vaerde; ags. færan færde, âfæran âfærde, engl. fear feared; den nord. sprachen mangelnd. die bedeutung ist dehnbar und schwankend. legt man nachstellen zum grunde, so kann dies in übelm, aber auch in gutem sinne für nach etwas streben, begehren genommen werden, namentlich ahd. desiderare, optare ausdrücken. den satz cujus vero causa quid expetitur, id maxime videtur optari gibt N. Bth. 160 târ umbe dingoliches kegërôt wirt, tës fârêt man darana in houbet; und gleich darauf veluti si salutis causa quispiam velit equitare, non tam equitandi motum desiderat, quam salutis effectum: also dër ne fârêt tër umbe gesundeda

[Bd. 3, Sp. 1257]


rîtet, wio ër sih rîtendo erwekkê, nube daʒ ër gesundero wërdê. N. verbindet mit der bedeutung insidiari den dat. der person: demo fârêt ër. ps. 10, 8; fârêton sie mir. 56, 7, aber den gen. der sache: fârêton mînes lîbes. 53, 5; andere haben überall den gen. der person und sache: fârêta sîn, insidiabatur illi. T. 79, 2;

sie fârênt thînes fërahes.
O. III. 23, 31;

thaʒ fîant io zi wâre mîn wergin ni gifârê. V. 3, 4.

auch mhd. begegnet nur der gen., in den folgenden belegen wird sich leicht der ungünstige oder günstige sinn von selbst ergeben:

dër unser vîantlîche vâret.
Haupt 8, 155;

si vârten mîn genôte,
vrô unde spâte.
Kelle spec. eccl. 147, 39;

ër enwil deheiner lûne vâren.
Walther 35, 12;

swër mîner milte vâren
vergëbene wil, dër sûmet sich. Parz. 142, 25;

dune solt sîn sus niht vâren. 353, 16;

wolt man der bürge vâren. 658, 23;

daʒ du iht vârest mîn. Gudr. 363, 2;

daʒ man dër (boten) dâ ervârte, daʒ was im grimme leit. 619, 2;

si kunden wunden vâren (heilen). 785, 4;

beginnet sîn ieman vâren, sô hëlfet im, guote reken, danne. 1113, 4;

manc hunt vil wol gebâret,
dër doch dër liute vâret.
Freidank 138, 10;

done wolde ër ir niht vâren. Wigal. 219, 16,

si begunden dër orse vâren. Eracl. 4800;

doch kan si wol mannes hërzen vâren. MS. 1, 60b;

und ich niender dës envârte,
daʒ ir êren missezæme. 2, 159b;

dër rëhtes kunde vâren
und ungerihte stôrte. tr. kr. 2584;

und mit einander vâren
begunden kampfes alzehant. 9971;

wëll an iuch minne rîchsen
und iuwer langer vâren. 21979;

daʒ si dîn wolten vâren
mit unkiusches hërzen gir. schmiede 1180;

wan si niht wolden vâren
hovelîcher dinge.
Engelh. 4682;

ir magetuomes vâren
gar minneclich ër wolde.
Frib. Trist. 750;

eins winkels vâren. MSH. 3, 5a;

ich führte daʒ ër vâre
wie ër gewërbe mînen schaden. minnelehre 1264;

si lêret rëht gebâren
und wërder minne vâren.
Docen misc. 2, 179;

daʒ sie vil unverdroʒʒen der ungefüegen râche wolten vâren.
Albr. Tit. 3828, 2;

si schiuhent ouch deheine arbeit ... noch vârent (begehren) gemaches. myst. 1, 311, 27. nhd. beispiele gewährt vorzüglich Keisersberg: nun das erst stuck, dadurch du magst frieden erlangen, ist foren (= fâren) fremdes willens (thun was ein anderer will), das ein mensch lug in allen dingen bereit sein, das er sich fleisz und thue eines andern willen, fore fremds willens mer dan seines eigen willens. sieben schwert bb 6b; der einen andren mönschen vast lieb hat, den haltet er in eren, er foret seins willens. parad. der sele 1a; der mönsch hat mich lieb, der mir (dat., wie ahd. bei N.) meines willens foret und geflissen ist z tnd, was ich gern hab. 1b; si wöllent gott in sich richten, in lieb haben, sines willens foren umb ires nutzes willen. 2b; als wie? hast du einen mönschen lieb, du fliszest dich sines willen ze foren. 5d; soll er bereitet sein seines willens ze foren. 16c; derselbig emsig flisz, gott dem herrn in allen dingen wöllen gefallen, seines willens foren, ingebirt clare erleuchtung. 16d; also jungen leuten schwatz gestatten, ir stolzheit und üppigkeit übersehen, ires willens foren. 51c; fleisz dich seines willens ze foren als ferr du iemer macht. 55d; er soll sein nit vergessen, seines willens foren. 56b; begert er allein damit seines willen ze foren. 62a und noch oft. foren der gedult (der g. sich beflieszen). schif der pen. 76a;

ich will kein flisz noch arbeit sparen
sins willens ewig(lich) zfaren. trag. Joh. N 5;

item tät ein richter nit umfrag, oder wurd erteilt, das es nit tagzeit wäre zu richten, so wäre die busz der drei schilling niemand verfallen, ob ein richter iemands faren wölt (sie von jemand begehrte). weisth. 1, 274 (a. 1432); doch wa es ungeferlicherweise beschehe (dasz eine arbeit ungehaltig wäre), so soll niemand am feinhalt umb ein quintlein gefart (gefährdet) sein. goldschmiedordnung von 1563 in Mone zeitschr. 3, 162. allmälich

[Bd. 3, Sp. 1258]


erlischt uns aber dies fahren gleich dem subst. fahr und an ihre stelle tritt gefährden, gefahr. Luther hat das wort in der bibel nicht, in einigen stellen seiner briefe könnte es haften: wo ir strenges rechts woltet faren, möchte vil unglücks daraus komen. 6, 531; jederman schreiet, wolan, so wöllen wir keine gute werk thun und faren flugs des holzwegs. 4, 457, falls der sinn ist den holzweg aufzusuchen, vielleicht aber wird faren ire gemeint mit adverbialisch zugefügtem gen., vgl. DWB zu holze faren (sp. 1253). uns verbleibt heute fast nur die zusammensetzung willfahren, morem gerere, nach Keisersbergs schreibweise willforen: in sollichem wöllen den obren willforen, das wer nit recht. parad. d. sele 17b, was nicht auf faran, sondern fârên zurückgeht, und willfährig morigerus auf mhd. willeværic, wofür Luther Matth. 5, 25 wilfertig, als stamme es von fahren (ire). in der Schweiz dauert fahren, gefahren = vâren bis auf den heutigen tag. Maaler 128c hat faaren, auf ein ding faaren collimare, der zeit faaren, der rächten zeit faaren, warnemmen, consulere tempori, seiner eeren faaren, velificare honori suo, er faaret der gelägenheit mit dem künig ze reden, imminet occasioni alloquendi regem; Stalder 1, 351 gibt gfahren, gfohren, gefährden, Tobler 219b gfohra und 'i gfohr mi nüd' ich nehms nicht so genau, theile nicht die gefahr. 'nicht gfahren mögen' bei Alb. v. Rütte s. 29 vielleicht unrichtig erklärt. Schmeller 1, 551 nur gefären, gefärden, färden, kein einfaches faren. ich bin nicht gefaret, sine periculo sum. Stieler 402.
die bedeutung des ags. færan, âfæran terrere entfaltet sich leicht, da die begriffe gefahr und furcht einander nahe liegen, das engl. fear ist sowol terrere als timere, metuere, vgl. mhd. erværen, nhd. erfähren (oben sp. 791); nnl. ist varen veraltet, Kilian führt es noch für fürchten (vreezen) auf und Halma schrieb: dat zal mij geweldig varen, verdrieszen, ärgern.
 
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fahrend , mobilis, movens, participium praes. von fahren, ire, movere.
1) ein fahrender mann, ein reisender, wandersmann, fahrende leute, die von einem ort zum andern ziehen, zumal bettler, schüler, spielleute, mhd. varndiu diet, fahrendes volk;

umb ir milte frâget
varndeʒ volc.
Walther 84, 18;

varndeʒ wîp, fröuwelîn, ein herumschweifendes, liederliches mädchen. varnde fraw, varnd weip, mima. voc. 1482 hh 4b (wo das beigefügte 'vel mensura bladi' aber mina ist. Ducange 4, 410a); vgl. Haltaus 441. 442;

die gebûre sprëchent gemeine,
ich sî ein schuoler varnde. a. w. 2, 56;

ein wilder schuolære. 2, 49;

ich wil ein farnter schuler sein. fastn. 688, 22;

farende schüler seind vor zeiten im land umgangen, die hetten gele gestrickte netz an dem hals, grosze leutbescheiszer. schimpf u. ernst 1546, 31; die fremden geste, die in den stedten handlung trieben und alle gehende, fahrende und lose leute. Schütz beschr. von Pr. 88; farende schuler. Garg. 276;

ein fahrender scolast.
Göthe 12, 69.


2) fahrende habe, fahrendes gut, res mobiles, ahd. faranti scaz, sowie unfarentê scazâ, res immobiles, liegende habe; do schf er dem eltisten sun alleʒ sein erib auf dem land (oben sp. 709. 710), dem andern sun schf er varentʒ gt. gesta Rom. K. 52; nu wil ich alle dein hab varend und unvarend dir nemen und im geben. 154;

êre und varnde guot.
Walther 8, 14;

ich wil nu teilen, ê ich var,
mîn varnde guot und eigens vil. 60, 35;

diu liebe hât ir varnde guot
alsô geteilet, daʒ ich den schaden hân. MS. 1, 63a;

wëlt ir und diu muoter mîn
mir teilen iwer varnde habe. Parz. 9, 21;

liute, lant noch varnde guot,
dër decheineʒ mac gehëlfen dir. 267, 10;

heb an und sag,
was die praut von farnder hab und gut hab. fastn. 516, 33;

ligends und farends ist dahin.
H. Sachs III. 1, 114a;

die klosterleut globend die allerstrengest armut, das sie auch nichts farends wöllen in gemeine haben. Keisersberg pred. 64b; die geistlichen sollen nichts besitzen, weder gold noch silber, weder farends noch ligends. Frank chron. 378b; er setzte eine dreijährige schatzunge auf erbe, liegende gründe und farende habe. Schütz Pr. 88;

die fahrend hab gat auf und ab. Garg. 89b;

liegende und fahrende habe. Wieland 8, 142; den gröszten theil seiner fahrenden habe vertheilte er unter einige andere,

[Bd. 3, Sp. 1259]


die etwas zu seinem und Perisudehs andenken zu besitzen würdig waren. 8, 320; herzog Gerhard von Schleswig so verständig war in seinem herzogthum alle schenkungen von grundstücken an die todte hand zu verbieten, nur fahrende habe offen zu lassen. Dahlmann dän. gesch. 2, 65. da nun fahrende habe ursprünglich in vieh bestand, so wirft dies licht auf das 'fahren' der thiere (sp. 1248), gleichwol heiszt es altn. gangandi fê, pecora, was man auf das gehen der rinder beziehen dürfte.
3) fahrend, caducus, hinfällig: fahrendes, fallendes laub;

dër (kurze sumer) brâhte uns varnde bluomen unde blat.
Walther 13, 22;

fahrender, schwindender muth:

mîn varende muot sî abe gezelt.
Bliker v. St. 181;

fahrender lohn, der nicht hinhält, bald zerrinnt:

ein varnden lôn erwurbe ich wol,
davon ich einen sumer möhte lachen,
als ich denne den erwurbe
dër wær unstæt sam dër klê,
mit dën bluomen ër verdurbe,
so müest ich wërben aber als ê.
nâch heile müeʒe ëʒ mir ergân,
i'n gër eins varnden lônes niht,
mich fröut noch baʒ ein lieber wân. MS. 1, 165b;

fahrendes leid, weichendes, jeweiliges:

dër vogel süeʒeʒ schallen
hât mich hügende brâht,
daʒ mîn varndeʒ leit ein teil geringet ist. 1, 170a.

fahrende, dahinfahrende, vergehende sorge.
4) fahrende post, im gegensatz zur reitenden. in ihren fahrenden kerkern antworteten die löwen zürnend dem schmettern vorüber eilender posthörner. J. P. herbstbl.
 
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fahrenszeit, f., zeit, da ein pächter oder miethsmann das grundstück, den hof wieder verlassen musz: dasz der wehrfester auf zehn jahre für die steuern und verwirkte holzungsbrüchten der neueinziehenden haften, und falls der heuermann sich aufs betteln lege, denselben auf nächste fahrenszeit wegschaffen müsse. Stüve landgem. 140.
 
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fahrer, m. viator, vector, der reisende. s. DWB kauffahrer, DWB landfahrer, DWB seefahrer, grönlandfahrer, ostindienfahrer, auch lenker eines fuhrwerks:

hei sa sa sa,
nun sitz ich schon da (im schlitten).
herr fahrer, hinten darauf!
voran, du knallender reiter,
sei uns ein sichrer leiter,
fort und beginne den lauf.
Weisze briefwechsel des kinderfreundes 1, 227.


 
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fahrerei, f. vectura: wer denkt, dasz ich gefallen an so einer fahrerei habe, betriegt sich. Thümmel 5, 160.
 
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fahrgasse, f. via publica, in den meisten alten städten heiszt die zum thor führende hauptstrasze fahrgasse.
 
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fahrgebühr, f. was das folgende.
 
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fahrgeld, n. portorium, fahrlohn, fuhrlohn, auch wegegeld, brückengeld.
 
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fährgeld, n. pecunia nautae solvenda, geld für die überfahrt: und da er ein schif fand, das aufs meer wolt faren, gab er fehrgeld und trat drein. Jona 1, 3. s. DWB fährschatz.
 
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fahrgelegenheit, f. ein ermüdeter fuszgänger benutzt gerne fahrgelegenheit, um auf seinem wege weiter zu kommen. in abgelegenen orten trift man selten fahrgelegenheit an. eine zurückkehrende leere kutsche ist für den wanderer willkommene fahrgelegenheit.
 
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fahrgenosz, m. comes, sodalis: er wird, wo nicht des schiffes retter, doch sein treuer fahrgenosz und wächter; auch ein feldnachbar, der zugleich oder neben einem bauer auf den acker fährt, heiszt fahrgenosz.

 

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