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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
erwehren bis erweichung (Bd. 3, Sp. 1052 bis 1055)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) erwehren , prohibere, tueri, defendere, ahd. irwerjan, mhd. erwern, ags. âverian.
1) das einfache goth. varjan zeigt uns blosz die bedeutung κωλύειν, prohibere und kein usvarjan begegnet. bei varjan steht die person entweder im dat. (Marc. 9, 38. 39. Luc. 9, 49), oder im acc. (Marc. 10, 14. Luc. 18, 16), die sache im acc. (Luc. 6, 29. 1 Tim. 4, 3). beim ahd. werian, prohibere gleichfalls die person bald im dat., bald im acc., die sache im acc. nicht anders haben nhd. wehren und erwehren persönlichen dat., sächlichen acc.: wehret ihm nicht!; ich wehre dirs nicht; gesegenet seiest du, das du mir heute erweret hast, das ich nicht wider blut komen bin. 1 Sam. 25, 33; aber er kam nicht, gott hats im zuvor erweret. Luther 3, 347a;

so will ich gar nicht lassen ab,
bis dasz ich einen gefunden hab,
der dem keiser das weib erwehrt,
und die weibliche freud zerstört.
Ayrer 160b;

hab ich dir nun erwehrt das stechen.
Chryseus hofteufel H.

heute zieht man in diesem sinn verwehren dem erwehren vor. erwehren, ohne beigefügten casus, drückt aus hindern, verhüten: erwer, dasz sie aneinander nit rüren. küchenmeisterei cap. 2.
2) aus dem wehren prohibere flieszt leicht ein wehren tueri, defendere, weil das abhalten zu schutz gereicht, die wehr zur vertheidigung wird. das lat. defendere erlangt im fr. defendre zugleich die bedeutung von verbieten. so steht das ahd. irwerian, mhd. erwern häufig für tueri, mit acc. der sache: zi irwerenne sînen scaz, ad tuendas opes, und passivisch irweret wërdan defendi; mhd. diu burc ist erwert, geschützt, vertheidigt. livl. chr. 10382. nhd. hat fast nur das einfache wehren diese verwendung, man sagt das land, die stadt wehren, vertheidigen, kaum erwehren. doch gehören hierher einige frühere beispiele: es ist erwert, jederman hat drei lesze (?). Frank sprichw. 2, 52a; wie der luft die geschöpf vor ersticken erwert (schützt). Paracelsus 1, 18a; und hat zuvor das lager angesteckt, welches mit gott erwehrt worden. Reutter kriegsordn. 71; obschon sich beidemal abwehren, abhalten, prohibere verstehen liesze. erläuternde vergleichung des goth. vasjan mit varjan musz hier ausfallen.
3) desto häufiger ist das reflexivum,
a) sich erwehren, defendere se: wer ist dieser, der solches sagen thar, das die kinder Israel sich solten erwehren wider den könig Nebucadnezar und sein kriegsvolk? sind es doch

[Bd. 3, Sp. 1053]


eitel nackete leute und kein kriegsvolk. Judith 5, 25; versehent euch mit gten steinen und erwerent euch nach allem ewern vermögen. Aimon o 2a;

aber weil sie deutsch gesinnt,
schaut sie wie sie sich erwehrt.
Logau 1, 76, 4.


b) gewöhnlich mit dem gen. der person oder sache, abstinere sich eines enthalten, gegen etwas schützen, vertheidigen: mhd.

sam dër vogel dër sweimen vert
und sich des bœsen luftes erwert.
Haupt 7, 354;

nhd. und kan mich sein oft nit erwern. fastn. 789, 23;

wie etlich kürriser auf den besonnen held Twrdank geschickt wurden in zu erwürgen, der er sich durch sein manheit aber erwert. Teuerd. 83; eines enthaltet sich etwan vor den feinden, möcht er sich der freund erwern. Keisersberg pred. 75a; gleich als einer, der sich der mücken in dem summer erwern wil, der hat genug zu schaffen, da sticht die eine hie, die ander dort, wer hie, wer dort. brosaml. 18a; er kan sich aber der diebe und reuber nicht erweren. Baruch 6, 14; fasset er z henden einen stecken, damit er sich der hund erwern mocht. Aimon F 1a; wolt ir aber mann, nit weiber sein, so müget ir euch der Römer in disen zeiten basz dan je erwern. Livius, Schöfferlin 75a; man musz nur butzen und stil aufklauben, die sich des bettelns darauf kaum erweren mögen. Schade sat. u. pasq. 3, 146; mich wird dein stolze rede in keine weg dahin bewegen, darnach wiszt euch all zu richten. welcher mich aber weiters treiben wolt, der müst sich warlich mein erwehren. buch d. l. 252, 4; dasz ich mich selbiges (des schlafes) nicht erwehren mag. Amadis 360;

manch mann mit groszer müh
kan sich gar kümmerlich ernehrn,
mit weib und kind hungers erwehrn.
H. Sachs 4, 41a;

ach Nymfe, die du dich
hast eines gottes lieb erwehrt.
Opitz 1, 81;

warum sie sich seiner sogar mit dem messer erwehren wollen? irrg. der liebe 472; Charlotte war viel zu zärtlich gerühret, als dasz sie sich seiner feurigen küsse hätte erwehren sollen. Menantes 1, 7;

ich konnte mich der wehmut kaum erwehren.
Gellert 1, 152;

da mag das herz voll guter dinge sein,
nur musz der kopf des rausches sich erwehren.
Bürger 19b;

wie hätte sie auch dessen sich erwehren können? Wieland 1, 261; diese zweifel ängstigten ihn unaussprechlich. er rafte alle seine kräfte zusammen sich ihrer zu erwehren. 12, 28; dasz wir uns eines so schnöden verdachts gegen ihn erwehren. Stolberg 9, 153;

indessen ich hier still und athmend kaum
die augen zu den freien sternen kehre,
und halb erwacht und halb im schweren traum,
mich kaum des schweren traums erwehre.
Göthe 2, 151;

sie erwehrte sich sein. ihr bruder kam dazu. 16, 119; die sich kaum des lachens erwehren konnten, als sie ihn so wol durchwalkt sahen. 18, 297; jedermann suchte sich des verdachtes zu erwehren. 20, 287; aber einer betrachtung kann ich mich nicht erwehren. 26, 336; man kann sich der rührung nicht erwehren. Tieck 4, 88; ich erwehre mich des einzelnen, da sich die aufgaben und auflösungen ins unendliche vervielfältigen lassen. J. P. aesth. 1, 142.
c) statt des gen. steht auch die praep. vor: mhd.

daʒ ër sich vor dem scherjen
nimmer mac erwerjen. Helmbr. 1626;

nhd. hab also vil kleider, also dir not sind (dich) z bedecken, vor dem froste z erweren. Keisersb. bilg. 58a;

vor dem sich nicht ein löw kunt erwehren,
der läszt sich durch sein weib kahl bescheren.
Logau 2, 194, 99.


d) oder es folgt ein abhängiger satz: gedenk dasz du sterben mst, damit magstu dich erweren, dasz dich der lober nit entbor mag tragen. Keisersberg s. d. m. 34b; man kann sich nicht erwehren zu wünschen, dasz man dreiszig jahre jünger sein möchte. Wieland 7, 174; ich kann mich nicht erwehren, sie zu erinnern. 29, 175; sie konnte sich nicht erwehren, dasz er nicht ihren schuh küste. Göthe 17, 130; geht die sonne des morgens auf und verspricht einen feinen tag, erwehr ich mir niemals auszurufen: da haben sie doch wieder ein himmlisches gut, warum sie einander bringen können. 16, 100, wo der dativ auffällt, aber zu vertheidigen ist. denn so gut es heiszt ich erwehre mich einer sache, liesze sich auch sagen ich erwehre mir eine sache (nach 1); ich erwehre mich der thränen

[Bd. 3, Sp. 1054]


nicht und mir die thränen nicht. mit dem einfachen verbum: ich wehre mich der thränen nicht, oder wehre mir die thränen nicht. auch hieraus erhellt die nähe des wehrens prohibere und wehrens defendere.
4) die mhd. sprache construierte beides,
a) einen einem erwern, vor einem schützen:

ër wolt in gërne nerigen,
deme tôde erwerigen. fundgr. 2, 54, 23;

uns ne wëlle got nerigen,
wir ne magin uns in (ihnen) niht erwerigen. 51, 2;

ëʒ enwart nie kein stein sô herte,
der sich dem swërt erwerte,
ëʒ snite in als ein holz. Daniel 1295;

wie hân wir, hërre trëhtîn,
den vîant vür den vriunt ernert,
dem übeln tôde zwir erwert
unsern vînt Tristanden. Trist. 261, 26.


b) einem etwas erwern, abhalten:

dâ wil ich in bewæren bî,
daʒ ich den künic wol gener,
sô daʒ ich im daʒ alter wer. tr. kr. 11004,

doch in der alten ausg.

dâ ich im daʒ alter erwer. 10997.

nach a sagt Opitz 1, 81

etwas, welches mich kan der gewalt erwehren.


 
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erwehren, n. praesidium, defensio:

gott, der David das erwehren
gab vom löwen und vom beren.
Logau 1, 139, 100.


 
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erwehrung, f. defensio, abwehrung.
 
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erweiben ,
1) mit dem weib erheiraten, erfreien, ererben, wie ermannen 4; dieses schlosz ist jetzt auf ein anderes geschlecht erweibet. Frisch 2, 430c aus Stumpf 374a;

Chrysipp, um thaler zu erweiben,
warb um die hand der dummen Tullia.
Pfeffel 3, 33.


2) sich erweiben, was beweiben, uxorem ducere: der ein reiche nimmt, nimmt sie nicht, sondern er ergibt sich iren (ihr), das heiszt alsdann sich verweiben und nicht erweiben. Fischart ehz. 488.
3) sich erweiben, weibisch werden, wie ermannen, männlich: so erweiben, erweichen und erzärtlen sie sich mit ihrem üppigen wesen. Philander 2, 108.
 
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erweichbar, quod potest molliri.
 
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erweichen , emollire, mulcere, ahd. irweichan, mhd. erweichen, ags. âvâcian.
1) eigentlich, getrocknetes fleisch, früchte durch einlage in wasser, essig aufweichen; zucker in wasser erweichen, auflösen; eine geschwulst erweichen; den bauch erweichen und flüssig machen; den stlgang erweichen. Maaler 119c; der gerber erweicht die häute; einem die haut, den rücken durch schläge erweichen; mhd.

ie doch het ër ir diu gelide
harte wol gestreichet,
mit bengeln sô erweichet u. s. w. GA. 2, 267.


2) bildlich, das herz, den sinn, mut erweichen, einen erweichen: mhd.

mîn hërze lân erweichen. tr. kr. 21712;

swëlcher meide gemüete man schier erweichet
mit gâbe. Renner 12047;

damit ër wolde erweichen
iren valschaften sin. pass. H. 267, 5;

und als er in erweichet hete,
daʒ sîn zorn gelegen was.
Herb. 10096;

wê dir, dich dës nieman kan erweichen. MSH. 3, 353b.

nhd. ein solich hert herz laszt sich nit erweichen mit bitten. Keisersb. pred. 54b; darumb, das dein herz erweicht ist uber den worten die du gehöret hast. 2 kön. 22, 19; als Aimon sein kinder dermasz reden hort, sein herz ward im erweicht, began zu weinen. Aimon g 6b; das möcht im sein herz erweichen. x 1b; und da Reinhart seinen brder also reden hort, sein herz erweicht sich. x 6a;

ein man der frauen dienen wil,
der bedarf gesangs und seitenspil,
damit er hoch und nider reicht,
wann süesze stim frauen erweicht. fastn. 743, 16;

mit ihren bitten zuletzt den herzogen erweichten. Galmy 272;

wie kan ich immer dich, höchster got, erweichen?
Weckherlin 320;

erweichen und erzärtlen. Philand. 2, 108;

hat das gebet des gerechten
meinen richter erweicht? Messias 12, 580;

[Bd. 3, Sp. 1055]



aber laszt uns länger nicht
einander nur erweichen. hier brauchts that!
Lessing 2, 325;

der könig und die kaiserin,
des langen haders müde,
erweichten ihren harten sinn
und machten endlich friede.
Bürger 13a;

mein gefühl wird stets erweichter,
doch mein herz wird täglich leichter.
Göthe 1, 50;

laszt ihr lieben fraun und herrn
zum mitleid euch erweichen.
Gotter 1, 88;

am menschen ist mirs ein beliebter zug,
dasz, wenns geschick ihm eine wunde schlug,
wenn ein verdrusz die seele ihm erweicht,
der sinnenreiz viel freier ihn beschleicht.
Lenau Faust 44;

lasz uns seine knie umfassen, ihn erweichen! Kotzebue dram. sp. 3, 318; ein fester mund, den ein lächeln erweichen soll. J. P. Kamp. 64; darin wurde Victor, der mit einem steigenden und trinkenden herzen durch diese fliegenden ströme gieng, von ihnen gehoben und erweicht. Hesp. 1, 167.
3) erweichen, molliri: der hut erweichte vom regen; diese pflaumen wollen nicht erweichen; thon erweicht im wasser; mein herz möchte zu sehr erweichen. Weisze trauersp. 5, 298; indessen erweichte sein stolz bei einer geringen achtung, die ihm der prinz von Wallis bezeigte. Lichtenberg 5, 69.
 
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erweichen, n. emollitio: nur aus dem trauerspiele führt ein quergäszchen in das lustspiel, aber nicht aus dem heldengedicht, kurz der mensch kann nach dem erweichen, aber nicht nach dem erheben lachen. J. P. Hesp. 3, 3.
 
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erweicher, m. emollitor, delinitor. Maaler 119c;

lieblicher abend, erweicher der herzen.
Schubart ged. 2, 181.


 
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erweicherin, f. emollitrix:

du bist des frosts erweicherin.
Weckherlin 761.


 
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erweichlich, was erweichbar.
 
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erweichung, f. emollitio, mitigatio: ich schämte mich der erweichung. J. P. biogr. bel. 1, 26.

 

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