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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
erweckungswort bis erwehrung (Bd. 3, Sp. 1048 bis 1054)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) erweckungswort, n.

wol dennoch mir! wer sanft entschläft in vaters armen,
darf dem erweckungswort vertraun. es heiszt erbarmen!
Matthisson 14.


 
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erwegen , schon oben sp. 1039 unter erwägen behandelt.
1) die schreibung erwägen brachte der organischen starken form gefahr und trug nicht nur zur einführung von erwägte für erwag, sondern auch von erwäge, erwägst, erwägt für erwige, erwigst, erwigt bei. hier folgen noch belege mit der alten form. Dasypodius 176d. 177a schreibt 'ich erwige' expendo; leichtlich der keiser des gten herzogen Naimas rath bei im selbst bedrachtet, hin und her erwieget. Aimon c 3a; bei im erwag. d 6b; erwag in im selbst. v 5b; als sie in dem rat saszen den handel zu erwegen. Frey garteng. 91b; und will, das die beisitzen die sach basz erwegen. Frank weltb. 67a; die sachen werden oftmaln recht bedacht und erwegen. Würtz 5; die frauwe ihm tief nachgedachte, erst die gestalt des mönchs erwegen thet. Galmy 338; mein anschlag fast gut zu vollenden sein wird, dieweil ich den handel mit höchstem fleisz

[Bd. 3, Sp. 1049]


erwegen habe. buch d. l. 254, 1; erweget nichts stattlichers, als was ich euch jetzt sagen wil. Ayrer proc. 3, 1;

so sollte doch dieselb (die junge welt) erwegen.
Fischart gl. schif 164;

drum ich erwigs und dann es wag
mit gott, also es glücken mag.
Moscherosch exerc. acad. 450;

dein wort und deine weg erwegen und ermessen.
Weckherlin 360;

erwigst du den verdienst.
Opitz 1, 218;

erwig ich aber auch, wie elend es gewesen,
dasz du so lange zeit u. s. w.
Rompler 81;

erwig ich die geberden
und seine höflichkeit, so weisz ich wol es werden
bei höfen ihm darin gar wenig gleiche sein. 115;

erwiege recht bei allen die nutzbarkeit. 53;

auch sihet der mensch auf die werke, gott aber erwiget die gedanken. Butschky kanzl. 729;

was ist ein leib, des geistes hülle?
sein klumpe liget todt und stille,
sobald ihm ein beweger fehlt.
nicht so der geist, der lebt und denket,
mit schneller macht die sinnen lenket,
erwigt, beschleuszt, verwirft und wählt.
Drollinger 18;

die sprachen sind die dolmetscher unsrer gedanken. erwieget man nun mit einigem ernst die unendliche verschiedenheit der dinge, die sich gedenken lassen u. s. w. Breitinger crit. dichtkunst 2, 97.
2) besondere aufmerksamkeit verlangt ein dem mhd. 'sich bewëgen' (1, 1770) entsprechendes reflexives 'sich erwegen', das im 16 jh. häufig erscheint, im 17 seltner wird, im 18 ganz verschwindet. meistens hat es einen gen. der sache oder person neben sich, doch kann auch die praep. stehn oder ein abhängiger satz folgen. es hat aber genau den doppelsinn des mhd. wortes, und bedeutet bald sich zu etwas entschlieszen, sich eines dinges unterfangen, gewarten, getrauen, bald auf etwas verzichten, daran verzweifeln, ihm entsagen. im ersten fall gibt der erwegende sich an etwas, im andern von etwas. zuweilen bleibt man der bedeutung unschlüssig. die vielen belege aus Luther zeigen aber, dasz er dem verbum in beiderlei sinn, meistens im positiven, gern schwache flexion verleiht durch verwechslung mit erwegen commovere.
a) positives sich erwegen: mhd.

dës hân ich mich erwëgen gar. altd. bl. 1, 333;

nhd. auf diese und dergleichen zusagung und befehl musz man sich tröstlich erwegen und mit rechtem vertrauen bitten. Luther 1, 172b; denn wer sich gebens und leihens erwegt, der musz sich des interesse zuvor erwegen, oder wird weder geben noch leihen heiszen. 1, 193b; aber er musz sich viel neids und leids drüber erwegen, das creuz wird solchem fürnemen gar bald auf dem hals ligen. 2, 205b; so ists besser doch göttlich und seliglich leben und sich der guten tage verzeihen, so die haben, die kein weib berüren, und sich in die bösen tage erwegen, umb sünd willen zu meiden. 2, 299a; mich dünkt, der Carlstad habe sich ergeben und erwegen zu sein ein öffentlicher feind gottes. 3, 87b; darumb, das die ungebrochene blöde natur sich schwerlich ergibt und auf gott erweget. 3, 290a, vgl. br. 2, 80; weil etliche in zweivel stehen, etliche aber sich so gar und ganz erwegen (erdreisten), das sie nichts mehr nach gott fragen. 3, 315a, br. 3, 141; so müssen wir uns auch des erwegen, das wir geste sind. 3, 384a; wer ehelich sein wil, der musz sich auf den spruch (fluch über mann und weib) erwegen, oder des erwegen, das er zum teufel fare. 4, 26b; so wil ich mich drauf erwegen mit ganzer zuversicht. 4, 34b; wann einer schon keine lust noch andacht zum sacrament hat und doch mit ernst sich erwegt dahin zu gehen. 5, 198a; wer den leuten in der welt wil wol thun, der musz sich erwegen (gewarten, sich darauf gefaszt machen) undank zu verdienen. 5, 272a; also musz sich ein iglicher christ des erwegen, das das creuz nicht werde auszen bleiben. 5, 311b; ist hie kein ander trost, denn das ir euch auf gott und unsern herrn Christum erweget und dasselb frei bekennet. 5, 331a; du must dich des frisch erwegen. 5, 419a; weil wir nu sehen, das es gott selbs mit seiner liebe also gehet in der welt, so mögen wir uns des erwegen (gewärtig sein), das wirs auch nicht besser haben werden. 6, 56b; wer sich des (dasz die welt unsre guten thaten verkehret und schändet) nicht wil erwegen, der mag Christum faren lassen oder aus der welt gehen. daselbst; darumb gehets auch so schwer ein und stoszet sich alle welt dawider, und fellet jederman auf

[Bd. 3, Sp. 1050]


ander ding, das die vernunft begreifen und erlangen kan, denn es bleibt ir doch imer frembd und verborgen, das sie es nicht für grosz achten noch für war halten und sich blosz drauf erwegen kan, weil sie es nicht fület noch tappet. 6, 179a; darumb müssen wir uns auch alle des erwegen, das er (der teufel) uns angreift von beiden seiten, erstlich zu morden durch seine tyrannen, darnach mit lügen durch falsche brüder, die unter uns spaltung und rotten machen. 6, 44b; weil ich aber mich eines andern lebens rühme, so musz ich mich dieses erwegen und zu lohn haben, das mir die welt also mitferet und der teufel mich so zuspieszet. 6, 248b; so magst du dich des wol frei erwegen. tischr. 90b; es darf sich ein junger gesell in der brunst wol eins vierteil jars im gefengnis erwegen (?) 316a; der mag sich seines glücks erwegen. 93a;

ich rath das wir die furcht ablegen
und hie zu bleiben uns erwegen.
Waldis Esop 1, 23;

ein gutn rath wil ich dir vorlegen,
du must dich soviel müh erwegen. 1, 44;

wil euch zu gut mich des erwegen,
zwerg (quer) uber diese bach zu legen. 3, 97;

soltu dich drum nit bald erwegen,
an einem gröszern dich zu reiben. 3, 86;

bitt, wolt der demut euch erwegen. 3, 93;

hat er sich auch der schand erwegen,
umb gelts willen mein son erstochen. 4, 20;

der jung gesell thet sich erwegen,
ein groszen haufen schisz dazu. 4, 35;

alls was ir sehen von den leuten,
so dürft irs euch von stund erwegen,
wolts nachthun, wie die affen pflegen. 4, 75;

das sie wie die treuwen pastorn,
gar oft ir schäflein selber schorn,
doch dorften sich des nit erwegen
offentlich, wie die schäfer pflegen. 4, 66;

und bessern da mein sündlich leben
mit beten, fasten, wie sie pflegen,
des wolt ich mich auch gar erwegen. 4, 3;

das wuchs ... sich allenthalben wol erwug.
Ringwald ev. K 5a;

ohn dich bei menschen ist kein sieg,
auf dich ich mich allein erwig.
H. Vogther bei Ringwald geistl. lieder 138;

denn ich der wunden halb, so ich von im empfangen, mich genzlich zu sterben erwegen. Amadis 262;

sie siehet, dasz er sich zu sterben musz erwegen,
denn jede stadt ist gar zu weit dem ort entlegen.
Werders Ar. 24, 68;

doch wann ich mich erwege
und gar zu schwere last auf meine schultern lege.
Opitz Hugo Grot. 286;

doch wust ich mich so weit noch zu erwegen,
dasz ich den kranz, den sie mir übergeben,
hinwieder kont in ihre hände legen.
Hofmannsw. getr. sch. 41;

darf ich, o königin, mich endlich noch erwegen,
fünf wörter beizuthun: nimm mich zu diensten an! heldenbr. 75;

sich erwegen (unterfangen, unternehmen).
Scherfers grob. 242.

da dieses sich erwegen, sich unterfangen den sinn von sich erdreisten, erkühnen annimmt, darf man ihm nahe verwandtschaft mit wagen, mhd. wâgen beilegen, wovon weiter unter wagen zu handeln. vgl. das part. unter c.
b) privatives sich erwegen, einem entsagen, auf etwas verzichten:

ich han mich sein ganzlich erwegen. fastn. 411, 16;

ich hab mich aller andern man erwegen. 620;

jungfrewlein werth,
mich rewt auf erd
sunst nichts denn du,
so ich mich nu
so gar musz dein erwegen. Ambr. lb. s. 219, 25;

ach got, wie sol ich mich ernern?
mein feins lieb hat mir urlaub geben.
du dörfst mir zwar nit urlaub geben,
ich wolt mich dein wol selbst erwegen!
Uhland 128;

solt mich meins buln erwegen,
als oft ein ander tut,
solt fürn ein frölichs leben,
darzu ein leichten mut. 129;

sich seines lebens erwegen hette. Steinhöwel dec. 337, 22; etlich aber fielen dahin, das sie sich des lebens erwegeten. weish. Sal. 17, 15; hatten sich ires lebens erwegen. st. aus Esther 7, 6; also das wir uns auch des lebens erwegen und bei uns beschlossen hetten, wir müsten sterben. 2 Cor. 1, 8;

[Bd. 3, Sp. 1051]


die feldmaus wuste nirgend hin, lief die wand auf und abe und hatte sich ires lebens erwegen. Luther 5, 272b; weil wir denn hie nichts anders zu warten haben, sondern uns des lebens, und alles was darin ist, williglich erwegen müssen, das unser leben und wesen eigentlich heiszet frustra niti. 6, 247a; dem pfaffen aber war gar angst bei dem wolf in der gruben und hatte sich alle augenblicke seines lebens erwegen. Wickram rollw. 58b; ohne das, so war mancher guter gesell darauf gangen und het ich mich selber (lebens?) erwegen, dann mein gaul war hart verwundet. Götz von B. lebensb. 56; denn sie hatte sichs ganz und gar erwegen ihn nimmer meh zu sehen. buch d. liebe 6, 3;

gott sei gelobet, das wir han
den bapst und bischof fahren lan,
für mein person hab michs erwegen,
für gelt kauf ich nit iren segen.
Waldis Esop 2, 75;

sonst hab ich mich oft must erwegen
meins lebens in dem schnee und regen. 4, 1;

wir waren allesam erlegen,
hetten des lebens uns erwegen. 4, 13;

die sich der ehren ganz erwegen,
mutwilliglich in unehr legen. 3, 98;

das sie umb einmal wol zu leben
alles was sie hetten solten geben,
und aller wolfart sich erwegen,
das sie dem bauch wol möchten pflegen. 4, 55;

ich wolt meines leibs ziemlich pflegen
und doch des glaubens mich nicht erwegen.
Dedekind miles 5, 6;

was mich betrift, an mir ist zwar nicht viel gelegen,
ich dennoch hatte mich des lebens schon erwegen,
mein armes haus bestellt.
Sim. Dach R;

die nacht über wurde mir so schlimm, dasz ich mich meines lebens erwog. Ettners med. maulaffe 863; man erwog sich ihres lebens (desperabat de vita ejus). ungew. apotheker 271. die beispiele sind nicht erschöpft, doch reichlich mitgetheilt, da sie auch die bedeutungen des mhd. bewëgen aufklären helfen, deren 1, 1770 eine unzureichende zahl angeführt wurde. positiver und negativer sinn können zusammentreffen, z. b. zu sterben sich erwegen, des todes sich erwegen meint gleichviel was lebens sich erwegen (mhd. des lîbes sich bewëgen). die aus dem buch der liebe 6, 3 angezogne stelle kann gefaszt werden: sie hatte sich entschlossen ihn nie wieder zu sehen, oder darauf verzichtet, ihn je wieder zu sehen.
c) das part. erwegen (in seiner alten gestalt, nicht in der späteren von erwogen) bezeichnet einen, der sich unterfangen hat, adjectivisch also einen kühnen, dreisten, frechen menschen: gleichwie ein erwegen ehebrecherin die augen aufsperret und mit vollen augen umb sich wirft, einem jederman bereit zu sein. Luther 2, 124b; so ist der Witzel allweg ein ehrgeiziger, rumretiger, stolzer, neidischer, arglistiger, rottischer, erwegener, unverschampter mensch gewest. Alberus wider Witzel F 8a; und durft der erwegne unverschempte stolz eselkopf sich nicht schemen, sein narrenwerk iderman an tag zu geben sich zu unterstehen. g 7b; thun wie der teufel selbst und alle erwegene verruchte leute. Melanchthon im corp. doctr. chr. 188; solchen losen, leichtfertigen, erwegenen buben ihren mutwillen nicht gestatten. Bartisch 61; zum siebenden gibt solche bettelei erwegen unverschampte schelke und belge. Milich schrapteufel v 3b. da wir nun heute verwegen ganz in solchem sinn verwenden, folgt schon daraus, dasz dem verbum verwegen überhaupt die bedeutung des mhd. bewëgen, späteren nhd. erwegen zugestanden haben müsse. die weitere ausführung gehört unter verwegen, beispiele schon 1, 1779, hier genüge noch ein beleg: hab ich mich schon des lebens verwegen. Abele gerichtsh. 1, 125. nicht anders hatte das mhd. part. bewëgen denselben sinn:

sus vâhten die bewëgnen. altd. bl. 1, 339;

wër ist dër recke vil bewëgen? Rab. 383;

Scharpfe dër bewëgen (al. verwëgen). 395;

dô danket in dër bewëgen. Dietr. 5366;

dô sprach von Bërne dër bewëgen. 6272;

daʒ ahte Wolfhart dër bewëgen. 8294;

immer in der guten bedeutung edler kühnheit. doch die höfischen dichter meiden dies bewëgen. übrigens kommt auch erwegen, von sachen gebraucht, in gutem sinn vor: glaub ist ein erwegen (mutige) zuversicht auf gottes gnad. Alberus wider Witzel E 7a, welchen satz Mich. Neander im menschensp. 18b ausschreibt.
 
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erwegen, commovere, goth. usvagjan, ahd. erwegan, irwegita, mhd. erwegen, erwegete, erweite: mhd. dô enmochten

[Bd. 3, Sp. 1052]


si den sark nie erwegen noch dikein gelide von irme lîbe myst. 225, 3; nhd.

domit habt ir mein herz erwegt. fastn. 149, 33;

einen stein erwegen, heben, rücken; do erbrach das haupt Apollinis des gottes vom bauch des bildes in die erden, das Octavius und seine gesellen es nit mochten erwegen. Muglin 11b; einen krieg erwegen, erheben; z der kirchweihe kummen die jungen gesellen mit trummen und pfeifen gewapnet, als zu einem krieg, den si auch etwan finden oder erwegen und geen oft mit bltigen köpfen wider heim. Frank weltb. 51a; dem adel setzen sie auch sonderlich hart z und auf das si nit etwa in irem land ein anhang kriegen und ein aufrr erwegen, mussen si gefangen fast all sterben. Frank weltb. 117a; die dein gemüet wider den teufel söllen erwegen, aufrichten, erheben. Melanchthon hauptartikel der h. sch. 4;

und als Rinaldo erst den groszen schild erweget,
da sich der stolze sohn Almonts hat mit beleget.
Werders Ar. 18, 135.

später durch erheben, erregen verdrängt.
 
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erwegen, n. commotio, erhebung (wie bewegen 1, 1773): solchem gott sollen wir ja mit freuden und ganzem erwegen gerne trawen. Luther 5, 468a. oder ists entschlossenheit, von sich erwegen (sp. 1049)?
 
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erweghaft, gleich dem folgenden, was zu erwägen, überlegen ist. Stieler 2523.
 
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erweglich, considerandus, was in erwägung zu ziehen ist: erwegliche worte der schrift. Luther tischr. 74a; dieses deuchte den fürsten höchst erweglich. zeitvertreiber 1668 s. 428.
 
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erwegung, f. consideratio, was erwägung: hab dein erwegung auch von künftigen dingen. Rompler s. 8; wenn ich in erwegung fasse, mit was angenehmer freundschaft ich bethätiget worden. Butschky kanzl. 164.
 
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erwegung, f. commotio, bewegung: das tanzen, so eine nach der musik eingerichtete erwegung des leibes ist. Wiedemann juli 64; die frewde ist eine liebliche erhebung und erwegung des herzens. Mülman geisel 7.
 
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erwehren , prohibere, tueri, defendere, ahd. irwerjan, mhd. erwern, ags. âverian.
1) das einfache goth. varjan zeigt uns blosz die bedeutung κωλύειν, prohibere und kein usvarjan begegnet. bei varjan steht die person entweder im dat. (Marc. 9, 38. 39. Luc. 9, 49), oder im acc. (Marc. 10, 14. Luc. 18, 16), die sache im acc. (Luc. 6, 29. 1 Tim. 4, 3). beim ahd. werian, prohibere gleichfalls die person bald im dat., bald im acc., die sache im acc. nicht anders haben nhd. wehren und erwehren persönlichen dat., sächlichen acc.: wehret ihm nicht!; ich wehre dirs nicht; gesegenet seiest du, das du mir heute erweret hast, das ich nicht wider blut komen bin. 1 Sam. 25, 33; aber er kam nicht, gott hats im zuvor erweret. Luther 3, 347a;

so will ich gar nicht lassen ab,
bis dasz ich einen gefunden hab,
der dem keiser das weib erwehrt,
und die weibliche freud zerstört.
Ayrer 160b;

hab ich dir nun erwehrt das stechen.
Chryseus hofteufel H.

heute zieht man in diesem sinn verwehren dem erwehren vor. erwehren, ohne beigefügten casus, drückt aus hindern, verhüten: erwer, dasz sie aneinander nit rüren. küchenmeisterei cap. 2.
2) aus dem wehren prohibere flieszt leicht ein wehren tueri, defendere, weil das abhalten zu schutz gereicht, die wehr zur vertheidigung wird. das lat. defendere erlangt im fr. defendre zugleich die bedeutung von verbieten. so steht das ahd. irwerian, mhd. erwern häufig für tueri, mit acc. der sache: zi irwerenne sînen scaz, ad tuendas opes, und passivisch irweret wërdan defendi; mhd. diu burc ist erwert, geschützt, vertheidigt. livl. chr. 10382. nhd. hat fast nur das einfache wehren diese verwendung, man sagt das land, die stadt wehren, vertheidigen, kaum erwehren. doch gehören hierher einige frühere beispiele: es ist erwert, jederman hat drei lesze (?). Frank sprichw. 2, 52a; wie der luft die geschöpf vor ersticken erwert (schützt). Paracelsus 1, 18a; und hat zuvor das lager angesteckt, welches mit gott erwehrt worden. Reutter kriegsordn. 71; obschon sich beidemal abwehren, abhalten, prohibere verstehen liesze. erläuternde vergleichung des goth. vasjan mit varjan musz hier ausfallen.
3) desto häufiger ist das reflexivum,
a) sich erwehren, defendere se: wer ist dieser, der solches sagen thar, das die kinder Israel sich solten erwehren wider den könig Nebucadnezar und sein kriegsvolk? sind es doch

[Bd. 3, Sp. 1053]


eitel nackete leute und kein kriegsvolk. Judith 5, 25; versehent euch mit gten steinen und erwerent euch nach allem ewern vermögen. Aimon o 2a;

aber weil sie deutsch gesinnt,
schaut sie wie sie sich erwehrt.
Logau 1, 76, 4.


b) gewöhnlich mit dem gen. der person oder sache, abstinere sich eines enthalten, gegen etwas schützen, vertheidigen: mhd.

sam dër vogel dër sweimen vert
und sich des bœsen luftes erwert.
Haupt 7, 354;

nhd. und kan mich sein oft nit erwern. fastn. 789, 23;

wie etlich kürriser auf den besonnen held Twrdank geschickt wurden in zu erwürgen, der er sich durch sein manheit aber erwert. Teuerd. 83; eines enthaltet sich etwan vor den feinden, möcht er sich der freund erwern. Keisersberg pred. 75a; gleich als einer, der sich der mücken in dem summer erwern wil, der hat genug zu schaffen, da sticht die eine hie, die ander dort, wer hie, wer dort. brosaml. 18a; er kan sich aber der diebe und reuber nicht erweren. Baruch 6, 14; fasset er z henden einen stecken, damit er sich der hund erwern mocht. Aimon F 1a; wolt ir aber mann, nit weiber sein, so müget ir euch der Römer in disen zeiten basz dan je erwern. Livius, Schöfferlin 75a; man musz nur butzen und stil aufklauben, die sich des bettelns darauf kaum erweren mögen. Schade sat. u. pasq. 3, 146; mich wird dein stolze rede in keine weg dahin bewegen, darnach wiszt euch all zu richten. welcher mich aber weiters treiben wolt, der müst sich warlich mein erwehren. buch d. l. 252, 4; dasz ich mich selbiges (des schlafes) nicht erwehren mag. Amadis 360;

manch mann mit groszer müh
kan sich gar kümmerlich ernehrn,
mit weib und kind hungers erwehrn.
H. Sachs 4, 41a;

ach Nymfe, die du dich
hast eines gottes lieb erwehrt.
Opitz 1, 81;

warum sie sich seiner sogar mit dem messer erwehren wollen? irrg. der liebe 472; Charlotte war viel zu zärtlich gerühret, als dasz sie sich seiner feurigen küsse hätte erwehren sollen. Menantes 1, 7;

ich konnte mich der wehmut kaum erwehren.
Gellert 1, 152;

da mag das herz voll guter dinge sein,
nur musz der kopf des rausches sich erwehren.
Bürger 19b;

wie hätte sie auch dessen sich erwehren können? Wieland 1, 261; diese zweifel ängstigten ihn unaussprechlich. er rafte alle seine kräfte zusammen sich ihrer zu erwehren. 12, 28; dasz wir uns eines so schnöden verdachts gegen ihn erwehren. Stolberg 9, 153;

indessen ich hier still und athmend kaum
die augen zu den freien sternen kehre,
und halb erwacht und halb im schweren traum,
mich kaum des schweren traums erwehre.
Göthe 2, 151;

sie erwehrte sich sein. ihr bruder kam dazu. 16, 119; die sich kaum des lachens erwehren konnten, als sie ihn so wol durchwalkt sahen. 18, 297; jedermann suchte sich des verdachtes zu erwehren. 20, 287; aber einer betrachtung kann ich mich nicht erwehren. 26, 336; man kann sich der rührung nicht erwehren. Tieck 4, 88; ich erwehre mich des einzelnen, da sich die aufgaben und auflösungen ins unendliche vervielfältigen lassen. J. P. aesth. 1, 142.
c) statt des gen. steht auch die praep. vor: mhd.

daʒ ër sich vor dem scherjen
nimmer mac erwerjen. Helmbr. 1626;

nhd. hab also vil kleider, also dir not sind (dich) z bedecken, vor dem froste z erweren. Keisersb. bilg. 58a;

vor dem sich nicht ein löw kunt erwehren,
der läszt sich durch sein weib kahl bescheren.
Logau 2, 194, 99.


d) oder es folgt ein abhängiger satz: gedenk dasz du sterben mst, damit magstu dich erweren, dasz dich der lober nit entbor mag tragen. Keisersberg s. d. m. 34b; man kann sich nicht erwehren zu wünschen, dasz man dreiszig jahre jünger sein möchte. Wieland 7, 174; ich kann mich nicht erwehren, sie zu erinnern. 29, 175; sie konnte sich nicht erwehren, dasz er nicht ihren schuh küste. Göthe 17, 130; geht die sonne des morgens auf und verspricht einen feinen tag, erwehr ich mir niemals auszurufen: da haben sie doch wieder ein himmlisches gut, warum sie einander bringen können. 16, 100, wo der dativ auffällt, aber zu vertheidigen ist. denn so gut es heiszt ich erwehre mich einer sache, liesze sich auch sagen ich erwehre mir eine sache (nach 1); ich erwehre mich der thränen

[Bd. 3, Sp. 1054]


nicht und mir die thränen nicht. mit dem einfachen verbum: ich wehre mich der thränen nicht, oder wehre mir die thränen nicht. auch hieraus erhellt die nähe des wehrens prohibere und wehrens defendere.
4) die mhd. sprache construierte beides,
a) einen einem erwern, vor einem schützen:

ër wolt in gërne nerigen,
deme tôde erwerigen. fundgr. 2, 54, 23;

uns ne wëlle got nerigen,
wir ne magin uns in (ihnen) niht erwerigen. 51, 2;

ëʒ enwart nie kein stein sô herte,
der sich dem swërt erwerte,
ëʒ snite in als ein holz. Daniel 1295;

wie hân wir, hërre trëhtîn,
den vîant vür den vriunt ernert,
dem übeln tôde zwir erwert
unsern vînt Tristanden. Trist. 261, 26.


b) einem etwas erwern, abhalten:

dâ wil ich in bewæren bî,
daʒ ich den künic wol gener,
sô daʒ ich im daʒ alter wer. tr. kr. 11004,

doch in der alten ausg.

dâ ich im daʒ alter erwer. 10997.

nach a sagt Opitz 1, 81

etwas, welches mich kan der gewalt erwehren.


 
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erwehren, n. praesidium, defensio:

gott, der David das erwehren
gab vom löwen und vom beren.
Logau 1, 139, 100.


 
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erwehrung, f. defensio, abwehrung.

 

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1) erwandern
 ... erwandern , invenire, experiri, wie erfahren sp. 789. 790: