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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
sucht bis süchtig (Bd. 20, Sp. 895 bis 897)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) sucht, m., dialektisch (nd. und mfr.) für mhd. sûft, nhd. seufzer, s. d.
 
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sucht, adj., krank, nur im mnd. belegt, vgl. Schiller-Lübben 4, 458. vielleicht gehört aber auch die luxemburgische wendung suecht em eppes sin 'lust zu etwas haben'

[Bd. 20, Sp. 896]


wb. d. lux. ma. (1906) 433 hierher, wo dann sucht die (1sucht III entsprechende) bedeutung 'begierig' hätte.
 
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suchtau, n., wort der seemannssprache, 'manila- oder hanfumsponnene drahttaue, an welchen die suchanker (d. h. anker, die zum suchen gesunkener oder versenkter gegenstände dienen) über den grund geholt werden' A. Stenzel dt. seemänn. wb. (1904) 412; seit dem 18. jh. belegt, vgl. Chr. Fr. Schwan suppl. au dict. all.-franç. (1798) 170a.
 
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suchtel, f., zum vb. saugen, 'mutterschwein', bei Nemnich wbb. d. naturgesch. 584, Campe 4, 745 und späteren lexikographen, zuletzt bei W. Hoffmann vollst. wb. d. dt. spr. 5, 554 als landschaftlicher (bes. nd.?) ausdruck verzeichnet; vgl. auch DWB zuchtel bei Schmeller-Fr. 2, 1108 f. und unten suckel.
 
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süchtelei, f., zum vb. süchteln, ohne ausgesprochenen tadel 'kleine liebhaberei, steckenpferd': sie fragte ihn, wer wol seine bedürfnisse und nöthen und süchteleien besser kenne als sie aus einem langen beisammenleben Jean Paul 27/29, 237 Hempel; abwertend 'kleinliches und lächerliches streben, eitle betriebsamkeit': o dies ganze geflunker! diese süchtelei! Gutzkow in Prutzens dt. museum 1, 2, 450.
 
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süchteln, vb., iterativum zu 1suchten, süchten, 'kränkeln': sücklen, süchtlen zukkelen, ziekelyk zyn Kramer-Moerbeck neues dt.-holländ. wb. (1768) 334b; später, wohl direct aus 1sucht (III A 1 c) abgeleitet, 'in kleinlicher und lächerlicher weise nach etwas streben': für einen nach originalität süchtelnden narren Gutzkow (1872) 5, 74.
 
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suchten, süchten, vb., denominativum zu 1sucht. 1) suchten krank sein (vgl. 1sucht I), allg.: schten ist krancken, süchtig sein Joh. Agricola 750 sprichw. (1534) nr. 532; suchten languere Kilian (1605) 540; languere, aegrotare Wachter (1737) 1644; der älteste beleg ist das compositum ritesuchten febricitare, 'fieberkrank sein': und dô Jhêsus quam in Pêtri hûs, dô sach her sîne swiger ligende und ritesuchtinde Matth. Beheim evangelienbuch (1343) Matth. 8, 14 Bechstein. mundartlich begegnet suchten im bairischen, in der bedeutung 'siechen': ə~ suchtə~ds lebm 'dauerndes siechtum' Schmeller-Fr. 2, 220; ähnlich im schwäbischen, 'an einer chronischen krankheit leiden' Fischer 5, 1947; häufiger heiszt es dort aber (entsprechend dem schwäbischen sondersinn von 1sucht, vgl. I B 4 c) 'kränkeln, unwohl sein'; so schon im 16. jh.: die alten nenneten solche suchten fieber, da eins on entzündung, geschwere, wildes fewers, schmertzens und (kurtz zusagen) on einige fürneme kranckheit eins sonderlichen glides doch suchtete Wirsung artzneybuch bei Fischer a. a. o.; und so dialektisch auch heute noch, vgl. Fischer a. a. o. 2) suchten mundartlich auch von wunden: 'schwären, eitern' Hertel Thüringer sprachsch. 240 (Südharz); 'helle feuchtigkeit absondern' Damköhler Nordharzer wb. 190. 3) ob suchten in dem geistigen sinne von 1sucht III jemals sprachüblich gewesen ist, bleibt zweifelhaft; Campe 4, 745 verzeichnet recht undeutlich und ohne belege: suchten eine sucht haben, sucht empfinden (Th. Heinsius und Joh. Hübner schreiben es ebenso nach); dagegen kommt süchten als substantivierter inf. in verbindung mit sehnen in der bedeutung 'drängendes verlangen' zweimal bei einem Schweizer autor des frühen 18. jh. vor: der hl. geist löschet das ungeduldige süchten und sehnen der seelen J. J. Ulrich (1718) bei Staub-Tobler 7, 289 (dort wird der doppelausdruck wohl mit recht als eine art auflösung von sehnsucht gedeutet). 4) ganz vereinzelt begegnet einmal transitives süchten 'krank machen', und zwar auf geistiges übertragen (vgl. 1sucht II), 'mit sünde beflecken': und weil es denn die göttliche fürsichtigkeit hatte zuvorhin erkandt, dasz der teufel den menschen süchten würde und in frembde lust einführen J. Böhme (1620) 2, 103.
 
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suchten, süchten, vb., nd. und mfr. dialektwort für mhd. sûften, siuften, nhd. seufzen, s. d. und 4sucht; die älteren wbb. werfen es z. t. mit 1suchten zusammen.
 
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suchthaft, adj., 'mit dauernder krankheit behaftet, siech'; mit grammatischer übertragung suchthaftes leben, leid 'siechtum':

[Bd. 20, Sp. 897]


ein derne verlemt von der giht ...
bat ...
den guten sente Petrum,
daz er ir wolde helfe geben
unde ir suchtehaftes leben
an helfe machen wol gesunt passional 199, 37 Hahn;

die vor des siech waren
unde aller vreude enparen
durch ir suchtehaftes leit,
die wurden nu vil gemeit ebda 253, 70;

von menschen: also neyden die ... suchthafften die ... starcken Guarinoni grewel d. verwüstung (1610) 349; häufiger steht im passional die form suchhaft, die einem nhd. seuchhaft entspricht.
 
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suchthaftig, adj., krank:

daz er den arzt mir sende,
der min leit verende,
dar abe ich suchthaftech bin passional 85, 74 Hahn;

morbidus suchthafftig, sichthafftig Diefenbach gl. 367c; morbosus, aeger suchtaftich voc. Strals. bei Schiller-Lübben 4, 458. daneben steht mnd. sukaftich, sukaftech (vorwiegend mit dem sondersinn 'seuchenkrank'), das nhd. als seuchhaftig anzusetzen wäre; einige belege s. bei Schiller-Lübben 4, 460.
 
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süchtig, adj. , morbidus, morbosus, morbifer; cupidus. herkunft und form.
ableitung von 1sucht, s. d.formalen schwankungen unterliegt hauptsächlich der stammvocal. das reguläre umlaut -ü erscheint zuerst in obd. texten des 13./14. jh. (Berthold v. Regensburg, Konrad v. Megenberg); erst im 16. jh. erhält es das übergewicht und setzt sich auch md. durch. doch schwanken noch die Luther-drucke zwischen suchtig und süchtig; Melanchthon und Eck bedienen sich der umlautlosen form, ebenso nd. lexikographen bis Kilian. im 17. jh. findet sie sich indessen nirgends mehr. dasz in der schwäbischen ma. älteres süchtig neuerem suchtig weicht (so Fischer 5, 1948), istauch unter den notwendigen einschränkungen (s. o. Eck) — eine anomalie. wieweit im übrigen älteres suchtig einen lautstand, wieweit eine schreibgewohnheit spiegelt, musz hier dahingestellt bleiben.in den dialekten, und zwar obd. wie md., findet nicht selten entrundung des stammvocals statt: i-formen sind für einzelne gebiete der Schweiz, für Tirol, Niederösterreich und Wien, für Franken (Bayreuth), Nordwestböhmen, sächs. Erzgebirge, Vogtland, Thüringen, Mansfeld bezeugt. literarisch tritt sichtig gelegentl. schon im 17. jh. (Butschky, s. sp. 901, Chr. Günther, s. sp. 899) auf; ja ein vereinzeltes sichtick gehört bereits (als wb.-form) dem 15. jh. an. (vgl. zum ganzen auch teil 10, 1, 751 unter sichtig 3 a.) — ebenfalls im 15. jh. findet sich einmal sochtigk (md.) notiert; dazu stellt sich söchtig im heutigen ostpreuszischen platt; die o-formen des subst. sind zu vergleichen.zu friesisch sjuchtich vgl. fries. sjucht unter 1sucht sp. 859.
consonantische abweichungen sind selten. z-anlaut (einmal zuchtich, md. 15. jh.) und spirantenschwund (zweimal -sutiger, 12. jh.; auch nassauisch sütig ev. hierher gehörig) haben in der formengeschichte des subst. analogien. die varianten des suffixauslauts liegen im rahmen des üblichen. bedeutung und gebrauch.
I. adjectiv.
A. als physischer krankheitsbegriff.
schon in der älteren zeit steht süchtig zwar kaum an verbreitung, aber an geläufigkeit des gebrauchs hinter seinen synonyma zurück; im 16. jh. erreicht es seine gröszte entfaltung, z. t. gewisz dank Luther, um dann in der schriftsprache rasch abzuwelken; dagegen hält es sich in der umgangssprache und in den mundarten bis in die gegenwart, und zwar zumeist in einigen, genau abgrenzbaren, festen gebrauchsweisen. aus diesem sprachsociologischen sachverhalt ergibt sich das nicht natürliche bild, dasz die geschichte des wortes in so manchen seiner (physischen) bedeutungen nur oder vorwiegend aus wb.-niederschlägen abzulesen ist. anders liegt es mit den, von jedem sucht-compositum

[Bd. 20, Sp. 898]


(als krankheitsterminus) bildbaren zusammensetzungen, die ein gleichmäsziges und kräftiges leben wahren und deren einige (wie bleichsüchtig, gelbsüchtig u. ä.) selbst heute noch der schriftsprache angehören.
1) süchtig zeigt einen körperlichen zustand an.
a) 'krank' in allgemeinster verwendung, ohne dasz über art, schwere und dauer der krankheit etwas bestimmtes ausgesagt ist. in dieser ältesten bedeutung steht süchtig dem verwandten siech gleich, ist aber von vornherein seltener und seit beginn des 16. jh. nur noch vereinzelt gebraucht.
α) glossen- und wb.-belege seit dem 8. jh.: moruida suhdic ahd. gll. 1, 211; morbidi suhtige ebda 2, 763; morbidus suhtih ebda 3, 361; languentem suhtiker ebda 1, 214; infirmi suhtike ebda 1, 110/11; infirmis suhtige (suhdige) ebda 1, 156/57; morbidus suchtig, suchtick, zuchtich Diefenbach gl. 367c; morbosus vol sucht, suchtig, sochtigk ebda; in Schöppers synonyma (1550) 50 Schulte-K. nimmt unter dem stichwort infirmus in der mit kranck, siech beginnenden reihe süchtig bereits die letzte stelle ein; in wbb. des 16.-18. jh. wird süchtig noch des öfteren mit morbidus, morbosus, languens, languidus, aeger interpretiert; auch Adelung vers. e. gramm.-krit. wb. 4, 875 kennt noch die bedeutung 'krank', constatiert aber mit recht, dasz sie 'im hd.' nicht mehr üblich sei.
β) literarische belege: obar suhtige legent sie henti, inti sie habent uuola Tatian 243, 4 (super egrotos manus imponent, et bene habebunt); etelîche werdent vergihtic vor zorne, etelîche anders sühtic Berthold v. Regensburg 1, 106 Pfeiffer; der gute herre sente Job, der gar arme was worden und ser suchtich altdt. pred. 1, 26 Schönbach; sint das di sellige frawe vormals gesehen wart, sam gantz suchtigk, ... wart si gesehen in gantzer und volkomelicher gesuntheit legende der st. Hedwigis (1504) cc 1a; mit näherer bestimmung: wenn man ain underzäpfel macht ..., daz ist den läuten gar guot, die sühtig sint mit dem fieber Konrad v. Megenberg buch d. natur 293 Pfeiffer; der selve bischof was suchtich ind hadde ein krankheit an dem heufde, dat he under ziden lach dach ind nacht sonder gesicht und spraeche as ein doit minsche, as in die krenkde overquam chr. d. dt. städte 13, 442 (zum j. 1499); redensartlich:

jener baum, an dessen frucht Plato schöpfte solche lust,
dasz er sich gantz süchtig asz
Zesen Prirau (1680) 177.


γ) auch bei sachlichem beziehungswort (glied u. ä.): man musz nicht darum ein glied abschneiden und hinwegwerfen, ob es ungesund, süchtig ... ist Luther 8, 299b Jen.; mit näherer bestimmung: (quecksilber) verderbt die âdern und macht diu lider sühtig mit dem siehtum, der paralis haizt Konrad v. Megenberg buch d. natur 477 Pfeiffer; bildlich:

des neidigen munt ist plaich
und suchtig
Vintler blumen d. tugend 9139 Zingerle.


b) mit vorliebe wird es auf schwerere krankheitsformen oder auf chronische gesundheitsstörungen angewandt.
α) 'mit einer ansteckenden krankheit behaftet'; schon sehr früh von tieren: ne una ovis morbida omnem gregem contagiet, zu morbida die gl. suhtigaz ahd. Ben.-regel 28 bei Steinmeyer, kl. ahd. sprachdenkm. 235; vgl. ainem süchtigen oder reidigen schaff urk. z. gesch. d. univ. Tübingen 139 (zum j. 1524); von menschen: so sie getrunken mit den süchtigen kranken aus einem becher Lemnius geh. d. natur (1672), cit. im wb. d. dt. spr. (1821) 227; noch Stieler stammbaum (1691) 2016 und Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 1037a verzeichnen für süchtig die bedeutung contagiosus bzw. contagioso.speciell 'von einer seuche ergriffen', insbes. 'pestkrank': pestilens suchtiger Diefenbach gl. 431b; vgl. pestiferus, pestilenticus, pesticus suchtig, sichtick ebda und pestilentus, pestilenticus suchtig nov. gl. 290a.
β) 'mit einem dauernden schweren leiden behaftet, siech': es ist aber nicht yederman tuglich z solchen vormundern, als minderjärig, synnlosz, süchtig, arm, die nicht

[Bd. 20, Sp. 899]


vermügen umb die vormundschafft mit irem aygen gt geng z thnd Tengler leyenspiegel (1518) 9a; diese kinder ... von ihrn verkehrten eltern süchtig auff die welt kommen Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 16; noch in einem teil des heutigen schweizerdeutschen heiszt süchtig 'mit langwieriger, auszehrender krankheit behaftet', vgl. Staub-Tobler 7, 289. — aber auch von chronischen krankheitszuständen leichterer art, 'kränkelnd'; so im älteren nd.: suchtich maladif; morbidus, morbosus, valetudinarius thes. theut. ling. (1573) Ee 4a; süchtig, i. e. kräncklich, ndl. zuchtig, ziekelyk Kramer niderhochdt. dict. 2 (1719) 210a; sügtig kränklich Dähnert plattdt. wb. (1781) 472 (für Pommern und Rügen); und in einem teil des heutigen schwäbischen: suchtig kränkelnd Fischer 5, 1948; auch unpersönlich gebraucht: on dit famil. einen süchtigen körper haben être valétudinaire, maladif, être sujet à plusieurs infirmitées du corps Schwan nouv. dict. 2 (1784) 746b.
c) prägnante gebrauchsweisen. 'fieberkrank': (der löwe) ist sô haizer nâtûr, daz man wil, er sei stætes sühtig oder fiebrig Konrad v. Megenberg buch d. natur 143 Pfeiffer; darumb gibt man in (lautern wein) den sühtigen läuten, wan er hitzt niht vast ebda 351. — 'aussätzig': suchtich für ûtzettisch nach Schiller-Lübben 4, 459 in den nd. Loccumer bibl. erz. des 15. jh. — 'gelähmt' oder etwas schwächer 'gichtkrank': paraliticus gichtiger, suchtiger Diefenbach gl. 412a (15. jh.). — 'rheumatismuskrank' (mit dem gesücht behaftet), von tieren: ist es sach, das der habich das gesüchte in den glaichen hat ..., mit demselben smaltz sol man salben die süchtig stat des habichs Mynsinger v. d. falken, pferden u. hunden 41 lit. ver. — 'räudig' von tieren: vgl. den bereits unter 1 b α citierten schwäbischen beleg von 1524, ferner: Emilien ... jetzundt nun mit schwerer sorgfeltiglicher sucht (gemeint ist die pest) ungestallt gemacht ... als ein süchtigs vieh buch der liebe (1587) 117b. — neuerdings hat süchtig in medicinischer fachsprache die bedeutung 'dem dauernden, übermäszigen gebrauch von rausch- oder betäubungsgiften verfallen, rauschgifthörig' angenommen; in diesem sinne ist das wort eine ableitung aus 1sucht I B 3 d, und alles dort gesagte gilt auch hier: dasz die kranken zum groszen teil süchtige, also wirklich psychopathische individuen sind dt. zukunft v. 22. 4. 1934, s. 18.
d) auf wunden und dgl. angewandt, drückt süchtig eine krankhafte, den normalen heilungsverlauf hemmende weiterbildung aus. die bockssgallen reutet ausz bösz süchtig fleisch 'wildes fleisch' Herold-Forer Gesners thierbuch (1563) 62. — bes. süchtige wunde 'eine wunde, die sich entzündet, schwärend wird': dadurch wird die wunden süchtig, unnd will keine heilung annemen J. Agricola chirurgia (1643) 10; süchtig signifie aussi ce qui ne se guerit pas aisement, et se dit des plaies Schwan nouv. dict. 2 (1784) 746b; bei offenen wunden wende man ja nicht etwa die unverdünnte arnicatinktur an, denn dadurch würde die wunde 'süchtig' und der schmerz erhöht werden (1872) bei Staub-Tobler 7, 289. die mundarten weisen den gebrauch z. t. noch auf, vgl. Schöpf tirol. 727 ('schmerzhaft entzündet'), Baierns maa. 2, 267 ('entzündet' für Bayreuth), Müller-Fraureuth obersächs. u. erzgeb. 2, 587 ('entzündlich, eiterig'), Frischbier preusz. 2, 387 ('schwer heilend'). satirisch-bildlich:

dasz Damon nicht die schwulst des krancken fingers dämpft,
das bringt ihm keinen schimpf, die ursach ist ja wichtig:
es hat sein vornehm kind mit fleisch und blut gekämpft,
der satan kam darzu, da ward die wunde sichtig
Joh. Chr. Günther ged. (1735) 531.

auch: ein süchtiges geschwür un ulcère malin Schaffer neues franz.-dt. wb. II 3 (1838) 321; ein süchtiger schaden, bildlich: dannenhero kan ich mich in die schäden nicht finden, welche durch die priesterliche trauung solten so süchtig werden, dasz sie nimmermehr zu heilen wären J. G. Schmidt rockenphilosophie (1706) 2, 319; ferner: 'ein böser finger ist süchtig, wenn die entzündung nicht rot, sondern gläsern aussieht, also eitrig ist' Müller-Fraureuth obersächs. u. erzgeb. 2, 587.

[Bd. 20, Sp. 900]



2) süchtig zeigt eine körperliche veranlagung an.
a) vom menschen oder menschlichen körper: 'zu erkrankungen neigend, von schwacher constitution'; selten bezeugt, vgl. corpora obnoxia süchtig, bauwfellig, kranckheiten underworffen Frisius dict. (1556) 894a; ähnlich Maaler (1561) 395b; aber noch in den neueren maa. vorkommend, so im hennebergischen: süchtig leicht empfänglich für krankheiten, leicht anzustecken Spiesz 249; im nordwestböhmischen: sichtich zu krankheiten neigend Blumer 89; in Wien, wo insbes. eine constitutionelle neigung zu geschwürbildungen gemeint ist: i hab a sichtige natur, bei mir thuat alles glei g'schwiern Hügel 149; doch auch im preuszischen, dort mit der sonderbedeutung 'zum ausschlag disponiert': wir (kinder) sind alle süchtig Frischbier 2, 387.
b) insbes. von der haut: 'von krankhafter gewebestructur, so dasz jede verletzung zu bösartigen entzündungen führt und die heilung nur langsam und schwer erfolgt': er hat eyn süchtige hawt, das ist: sein hawt ist bosze z heylen Joh. Agricola 750 sprichw. (1534) nr. 532; ja man nennt ferner die haut süchtig, die keine gute und geschwinde heilung annimmt Joh. Jac. Schmidt bibl. medicus (1743) 494; seit Adelung vers. e. gramm.-krit. wb. 4, 875 erscheint die wendung eine süchtige haut haben mit dem angegebenen sinn als stehender beleg in wbb.; auch mundartlich kommt sie vor, vgl. DWB er hat eine süchtige haut eine solche, die bei leichten verwundungen schwärt, eitert, schlecht heilt Frischbier preusz. 2, 387; anders gefärbt: meine haut is heite ganz sichtig schmerzhaft, gegen berührung empfindlich Müller-Fraureuth obersächs. u. erzgeb. 2, 587. — vereinzelt auch süchtiges fleisch, das auf eingriffe sofort mit krankhaften veränderungen reagiert: die ander ursach ist, weil das fleisch in ungesunden leybern süchtig sey Joh. Nas antipapist. eins u. hundert (1567) 2, 170b.
3) neben zeitbegriffen nimmt süchtig die bedeutung 'von krankheiten heimgesucht, erfüllt', im bes. auch 'seuchenreich' an; von bestimmten lebensaltern: du meinest leichte, das alter sei ein edeler hort? nein, es ist suchtig, arbeitsam, ungestalt, kalt Joh. v. Saaz ackermann aus Böhmen 46 Bernt-Burdach; von bestimmten jahreszeiten oder von den zeitläuften schlechthin: zudem dasz ihm seine arme hausfrau in dieser suchtigen zeit auch krank worden Melanchthon 3, 1087 Bretschneider; ein süchtig jar kumpt den ärtzten zgt Michael Herr sittl. zuchtbücher (1536) 44b; mit erläuterndem zusatz (der eigentlich in dieser, gerade auf das allgemeine gehenden verwendung von süchtig nicht ganz sprachgemäsz ist): der herbst würt hitzig und süchtig von schnuppen unnd husten (wenn Jupiter im löwen steht) Michael Herr feldbau (1551) 23b.
4) neben krankheit und verwandten begriffen gewinnt süchtig die function eines specialisierenden beiworts, im sinne von 'ansteckend, um sich greifend, epidemisch': zum andern ist der auszsatz ein suchtige, anklebige plage Luther 8, 391 W.; denselben garten zu keinem andern werk brauchen, denn ... zu häusern, darin die kranken, sonderlich der pestilenz und andern süchtigen, fährlichen plagen behauset und versorget werden Luther br., sendschr. u. bedenken 5, 692 de Wette-Seidemann; etliche die das podagra und etliche süchtige kranckheiten haben Murner bei Hutten 5, 454 Böcking; von solcher uberflüssigkeit des groszen gewessers wirt das erdtreich also mit groszen dunsten umgeben, das durch die sommerlichen wurcklikeit der sonnen ... ein eilender zufelliger und suchtiger sterben kommen wirt J. Carion v. Berentikaim prognosticatio d. gr. wesserung (1522) a 4a; metaphorisch: ist keyn suchtiger, fligender plag dan der falsche wane und unglaub Luther 9, 557 W.; noch Frisius dict. (1556) 999b scheint etwas ähnliches zu meinen: pestilens süchtig, pestilentzisch, das ein ursach der pestilentz ist oder die pestilentz bringt. aber die literarischen belege sind in dieser zeit bereits versiegt; offenbar lebt die bedeutung nur noch in umgangssprache und mundart weiter, von wo aus sie dann im 18. jh. wieder ans licht taucht: (A. v. Klein) dt. provinzialwb. I 2 (1792) 181 vermerkt (aus Bayern,

[Bd. 20, Sp. 901]


Jülich, Berg) süchtig 'ansteckend', das wb. d. dt. spr. (Prag 1821) 227 das gleiche, mit dem hinweis: 'in dieser bedeutung hat sich diesz wort in der volkssprache noch erhalten'; vgl. ferner, mit demselben ansatz, Schmeller-Fr. bayer. 2, 220 und Gerbet Vogtland 425.
5) ausgehend von A 4 erscheint süchtig neben sachwörtern in der bedeutung 'inficierend, krankheit verursachend oder befördernd, ungesund'.
a) z. b. von miasmenhaltiger luft: die teufel nemen gwalt kranckheit zu schicken und den luft verderben, das er suchtig wird Eck predigten 5, 14 (cit. bei Scherz 2, 1595); bildlich: hette ich nimmermehr ... geglaubet, das di luft zu hofe so sichtig und deinem gedächtnüsse so gefährlich, das es dir auch das andänken einer person, so dich so inbrünstig ... libet, auszuwinden vermöchte Butschky hd. kanzelley (1659) 66.
b) gewisse (meist fette) speisen gelten als süchtig, gesundheitschädigend: so ists auch sonsten ein sehr süchtiger fische (der aal) fischbüchlein (17. jh., bei Endter in Nürnberg o. j.) 77;

die jungen tauben fresz ich auch nicht gern,
um dasz sie süchtig seyn
Scherffer v. Scherffenstein geist- u. weltl. ged. 1 (1652) 689;

bey uns wird das zahme schweinefleisch zwar vor sehr nahrhaft, dabey aber süchtig und ungesund geschätzet J. Th. Jablonski allg. lex. d. künste u. wissensch. (1721) 702a; daher man, auszer scorbut oder geschwüren und einigen brust- und augenbeschwerungen, die theils von den süchtigen grönländischen speisen, theils von kälte und schneeglanz herrühren mögen, ... selten etwas von denen in Europa gewöhnlichen krankheiten hört Cranz hist. v. Grönland (1770) 1, 61.
c) wollene kleidungsstücke und bettfedern werden süchtig genannt, weil sie leicht ansteckungskeime übertragen oder weil sie krankheiten (entzündungen) verschlimmern, schmerzen mehren und die heilung hemmen: das wüllin ist süchtig la lana è contagiosa, fà inciprignire ogni ulcera ò piaga Kramer teutsch-ital. dict. 2 (1702) 1037a; federbette, wolle etc. sind süchtig, eine böse seuche hängt sich leicht daran; feather-beds, wool etc. are catching, infectious or noisom Ludwig teutsch-engl. lex. (1716) 1922; wollen zeug ist süchtig die krankheit nach und nach vermehrend Adelung vers. e. gramm.-krit. wb. 4, 875; ähnlich Campe 4, 745, mit der bedeutungsangabe 'das heilen erschwerend'; mundartlich: 'auch bettfedern sind süchtig, bei zahnschmerzen darf man den kopf nicht auf federkissen legen' Müller-Fraureuth obersächs. u. erzgeb. 2, 587.
d) finger, insbes. fingernägel heiszen in ähnlichem sinne süchtig; die finger, weil sie durch berührung krankheiten übertragen: aber mit den händen musz man den schaden inwendig nicht angreifen, denn sie seyn süchtig J. Walther pferde- u. viehzucht (1658) 51; 'auch mit süchtigem zeigefinger darf keine wunde berührt werden' Müller-Fraureuth obersächs. u. erzgeb. 2, 587; die fingernägel, weil durch sie hervorgerufene verletzungen sich entzünden und eitern bzw. weil das kratzen an einer wunde mit den fingernägeln zu infectionen führt: die nägel an den fingern sind süchtig d. i. wenn man sich damit verwundet, so heilet die wunde nicht leicht, sondern schwäret Adelung vers. e. gramm.-krit. wb. 4, 875; danach spätere wbb.; auch mundartlich: də fingrnegl sei sichtich 'man soll eine wunde, eine eiternde stelle nicht mit den fingernägeln berühren, kratzen, ... da die wunde dadurch inficiert werden könnte' Blumer nordwestböhm. 89; in das gebiet des aberglaubens gehört es, wenn der spitzfinger in dem sinne als süchtig bezeichnet wird, dasz er einer andern person, auf die er hinzeigt, schaden bringt, vgl. zs. f. hd. maa. 6, 310 und Müller-Fraureuth obersächs. u. erzgeb. 2, 587.
e) nach dem volksglauben sind auch eine reihe metallgegenstände, und zwar nähnadel, schere, spiegel (dagegen nicht die stecknadel) süchtig; berührt man mit ihnen eine wunde bzw. sticht man mit nähnadel oder schere ein geschwür oder eine eiterblase auf oder tritt man mit einer wunde oder entzündung vor den spiegel, so verschlimmert

[Bd. 20, Sp. 902]


sich das leiden, vgl. Jecht Mansfeld 104a; Albrecht Leipzig 220; Göpfert sächs. erzgeb. 47; Müller-Fraureuth obersächs. u. erzgeb. 2, 587; Blumer nordwestböhm. 89. stecknadeln sind nur dann süchtig, wenn man sie vom wege aufhebt; dann übertragen sie die krankheiten des verlierers, vgl. Müller-Fraureuth a. a. o. 2, 269 (s. v. nadel) und 587.
B. als geistiger krankheitsbegriff.
zum sprachlichen vorgang vgl. 1sucht II, kopf. auch hier läszt sich, wiewohl das material geringer ist, der übertragene gebrauch über seine noch bildhaft empfundenen frühstufen bis zum grundsinn A zurück, anderseits bis an die schwelle der neuen bedeutung C hin verfolgen. auffallend ist freilich die sprunghaftigkeit der belege. voller wirkt sich der impuls dieser entwicklungsstufe in den compositionen (die von den entsprechenden subst. ableitbar sind), wie sehnsüchtig, eifersüchtig u. a., aus.
1) süchtig deutet auf einen geistig-seelischen zustand oder eine eigenschaft. es liegt übertragener gebrauch der bedeutung A 1 vor.
a) moralisch krank, 'sündlich'; ein früher beleg zeigt den übertragungsact bereits in der lat. vorlage vollzogen und aus ihr ins deutsche herübergenommen: si inquieto vel inoboedienti gregi pastoris fuerit omnis diligentia adtributa et morbidis earum actibus universa fuerit cura exhibita, dazu die glosse indi suhtigeem iro tatim ahd. Ben.-regel 2 bei Steinmeyer, kl. ahd. sprachdenkm. 198; erst im 16. jh. findet sich diese gebrauchsweise wieder bezeugt: etlich mit der geschrifft schertzen werden und irer süchtigen begirden damit dienen Capito was man halten soll von der spaltung zw. Luther u. Carlstadt (1524) a 4b; wie dan die böse lust ... ein süchtige neigung zu allem argen ist Machholth formular (1560) 48b; ähnlich, ein wenig schwächer: dermaszen haben sie sich mit unnützer hoffnung selbs verführt und betrogen, dasz sie mit einer süchtigen verwegenheit zum streit auszgezogen seind Xylander Plutarchus (1580) 313b; 'unrein, befleckt': denn das ansehen, das aus unkeuscher brunst, aus einem süchtigen und lüsternden hertzen fleust, ist des hellischen fewers schuldig H. Roth brautpredigten (1596) 2, 4a.
b) seelisch krank:

also den leib die faulheit frist,
wenn dein gemüt dir süchtig ist
A. M. Weiszenburg Catonis praecepta moralia (1588) b 8a.


c) geistig krank; mit näherer bestimmung:

mîn sin wirt witzen sühtig minneburg (Wiener hs.) 25a, cit. bei
Lexer nachtr. 372;

eine späte wiederaufnahme des wortes aus bewusztem sprachwillen: sie (die bewohner der groszen stadt) sind alle siech und süchtig an öffentlichen meinungen Nietzsche 6 (1896) 259 Kögel; in beiden fällen liegt weniger übertragener als bildhafter gebrauch vor.auf einer anderen linie erscheint Luthers seuchtig in fragen und wortkriegen 1. Tim. 6, 4 (νοσῶν περὶ ζητήσεις καὶ λογομαχίας; languens circa quaestiones et pugnas verborum) — vgl. teil 10, 1, 699 — in späteren citaten öfters als süchtig ..., 'von abnormer geistiger artung, verrannt, fanatisch', z. b. bei Zell (1523), s. Ch. Schmidt elsäss. 347, und bei Spreter (16. jh.), s. Fischer schwäb. 5, 1948; vgl. auch Ludwig teutsch-engl. lex. (1716) 1922; eine ähnliche wendung, aber noch deutlicher nach C hinüber gefärbt, im schweizerdeutschen (kanton Schaffhausen): süchtig im fragen z. b. wenn einer gleichsam eine sucht an sich hat, unnütze fragen zu tun Staub-Tobler 7, 289.
2) süchtig deutet auf geistige wirkungen. es liegt übertragener gebrauch der bedeutung A 5 vor. 'moralisches verderben bringend, zur sünde verführend':

(der Antichrist) mit dem bizze vol unvlot
und mit suchtiger predegot hist. d. alden ê 996 lit. ver.;

nach langer überlieferungspause ähnlich: denn derselben bekandtschafft klebt schon ein so süchtiger kitzel an, dasz ihrer viel ... sich in den tieffsten schlam abscheulicher boszheiten stürtzen Lohenstein Arminius (1689) 1, 1184b;

[Bd. 20, Sp. 903]


etwas schwächer: ja wenn ein diener auch mit der grösten unschuld das hefft der herrschafft in die hand bekäme, wäre dieses doch so süchtig, dasz der allerbeste einen gran der begierde bekäme ebda 2, 590b. — 'schaden stiftend': 'übertragen auf menschen, die auf alles genau aufmerken und dadurch, dasz sie das geschehene weiter sagen, andere in schaden oder üblen ruf bringen' Müller-Fraureuth obersächs. u. erzgeb. 2, 587.
C. 'von einem (krankhaft übersteigerten) trieb erfüllt'.
zur bedeutungsentwicklung ist das unter 1sucht III einleitend bemerkte zu vergleichen. in noch erheblich stärkerem masze, als es bereits beim subst. zu constatieren war, fällt die vertretung des neuen wortsinnes den compositionen zu (wie sie von jedem zusammengesetzten subst. dieser stufe gebildet werden können: geldsüchtig, ehrsüchtig u. s. w.). zeitweise, im 17., 18. und frühen 19. jh., scheint das simplex in der bedeutung 'cupidus' literarisch ganz ungebräuchlich gewesen zu sein (vgl. Stieler, Kramer, Adelung, Campe, Heinsius). seit der mitte des 19. jh. aber begegnet es gelegentlich wieder, wenn auch gewandelt in gehalt und gebrauch; und es gilt für diese bedeutung wie für die entsprechende des subst., dasz (mit ausnahme der sonderentwicklung A 1 c) einzig in ihr das simplex süchtig noch heute schriftsprachlich verwendungsfähig ist (wenn es auchim gegensatz zum subst.einen gewissen preciösen charakter nicht verleugnet). — was umgekehrt den terminus a quo betrifft, so ist der vorsprung gegenüber dem subst. (s. u. DWB C 1 a) sehr merkwürdig. ins unwahrscheinliche würde er wachsen, wenn bereits anfang des 14. jh., in den versen:

wenig wispiln suchtig
machint vil vligin fluchtig Dalimil 44, 53 fontes rer. Boh.

suchtig (das im tschechischen original ohne entsprechung ist) 'gierig, stechsüchtig' bedeutete. es ist wohl zu verstehen: 'wenige schwache (kränkliche) hornissen behalten über viele fliegen die oberhand'.
1) süchtig mit abhängigem logischem object.
a) mit genitiv, 'gierig nach etwas', in moralisch abwertendem sinne; dieser sprachgebrauch gehört dem 16. jh., ja im grunde nur Luther an: (ein bischof sei) nit eyn weynseuffer, nit eyn schelder, nitt schendlichs geniesz süchtig, sondern yderman eben, unstreyttig, nit geytzig Luther 10, 2, 112 W.; niemant aber unter euch leyde als eyn mörder, odder dieb, odder ubelthetter, odder frembds gttis süchtig ebda 12, 384; wo süchtig c. gen. sonst noch vorkommt, handelt es sich um citat oder verwendung der letztgenannten Luther-stelle (aus der auslegung des 1. Petribriefs 1523, 1. Petr. 4, 15), z. b. bei Hedio ablenung uff Tregers büchlin (1524) a 3a und Brieszman etl. trostsprüche (1525) c 6b.
b) mit nach, nicht mehr unbedingt verurteilend; umgangssprachlich: er ist sehr süchtig darnach er trachtet mit aller macht darnach, er sehnet sich mit aller begierde darnach; he catches, snaps, aims or aspires, at it u. s. w. Ludwig teutsch-engl. lex. (1716) 1922; und mundartlich: nach etwas ganz süchtig sein heftig nach etwas verlangen Schöpf tirol. 727; süchtig gierig nach etwas, nach einer gewissen speise lüstern Staub-Tobler 7, 289.
2) alleinstehendes süchtig.
a) vereinzelt in mundartlicher dichtung, mit der bedeutung 'von einem (zunächst noch unbestimmt gelassenen) leidenschaftlichen verlangen ganz besessen':

do weard ar röcht sichtig,
ear laszt nimmer aus,
dös wild muasz ar kriagn
C. v. L. ged. im tiroler dial. (1854) 154 (cit. bei
Schöpf 727).


b) in gehobener sprache, die das wort fast schon verloren hatte, erscheint süchtig neuerdings ab und an wieder, nunmehr als adjectivisches analogon zu 1sucht III B 2 (vgl. das dort über bedeutungsinhalt und wertigkeit gesagte), freilich seltener als das subst.; 'triebhaft wuchernd':

wohl traf ich wunderblumen an,
die bis zum haupte süchtig mich umrankten
R. Wagner (1897) 10, 371;

[Bd. 20, Sp. 904]


ähnlich (mit stärkerer fühlbarmachung des unruhigen, ziellosen): aus dem ehrgeizigen und schüchternen, weichen und stolzen jüngling (Grillparzer) voll süchtiger phantasie ist ein empfindlicher und nervöser mann, ein bittrer, galliger greis geworden Gundolf im jb. d. fr. dt. hochst. 1931, 14; ganz in die sphäre des unbewuszten verlegt, 'von einer inneren, nicht weiter ausdrückbaren, aber unwiderstehlichen sehnsucht getrieben': dort lehnte ein junges mädchen weit hinaus. ihr schlanker leib strebte wie süchtig der gesunkenen sonne nach H. Stehr drei nächte2 (1909) 258.
D. völlig isoliert im rahmen der sonstigen bedeutungsentwicklung steht folgende stelle da, wo süchtig den sinn 'gewichtig, glaubhaft' zu fordern scheint: endlich mag ein jeder wissen, daz ich in dieser historia von der Frantzosen niederlag, was durch viel suchtige zeugen mir gesagt worden, erzehlet habe Scherdiger novae novi orbis historiae (1591) 507; eine überraschende parallele bietet sich in einer wb.-notiz des 15. jh. an: pondosus suchtig Diefenbach nov. gl. 297b; es wird ponderosus 'gewichtig' zu lesen sein, das auch übertragen verwendet werden kann. wie süchtig auf diese linie kommt, dafür fehlt freilich die erklärunges sei denn, man versuche zum adverbgebrauch (s. II) eine brücke zu schlagen.
II. adverb.
im Schweizerdeutschen wird süchtig als adverb mit bekräftigender function, zur beteuerung oder vereindringlichung des gesagten verwendet, 'über die maszen, leidenschaftlich, heftig, ungemein, sehr, wirklich'. zu dieser recht verbreiteten, wohl aus der grundbedeutung 'krankheit' im sinne von 'abnorm' zu verstehenden gebrauchsweise vgl. Stalder 2, 418; Hunziker Aargau 265; vor allem Staub-Tobler 7, 289 f., wo eine reihe belege vom 18. jh. bis zur gegenwart gegeben sind.

 

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21) sturmgesträubt
 ... sturmgesträubt , adj. : ein sturmgesträubter tann R. Dehmel ges. w. 2, 248 .
 
22) tann
 ... tann , s. tanne .
 
23) tann
 ... tann , m. ein weiter wald ( vgl.
 ... die jeger jagten in dem tann. Rebmann 186 ;
 ... das kriegend hölden - volk, dasz in dem tann gewohnt, hat in abgötterei seins bluts auch nicht
 ... eingeführt: wer suchen will im wilden tann, manch waffenstück noch finden kann. Uhland
 ... im felde oder im tiefen tann. Simrock volksb. 1, 211 ; der
 ... volksb. 1, 211 ; der hauste im dunkeln tann Scheffel Ekkeh. 324 ;
 ... 324 ; selbst wenn den höchsten tann zersplittert der wetterstrahl in meinem schosz
 
24) tann
 ... tann , m. spätmhd. und frühnhd. tan, boden
 
25) tannast
 ... tannast , m. tannenast schweiz. idiot. 1, 575, tann - , tannenast Wander sprichw. 4,
 
26) tännchen
 ... tännchen , n. dim. zu tann und tanne, vgl. tännlein.
 
27) tanne
 ... f. abies, eigentlich der waldbaum ( s. tann und tannbaum 1), ahd.
 ... roth - , schwarztanne u. a.: abies haiʒt ain tann und ist ze latein vil gesprochen sam ain aufgängel,
 ... dem gemainen namen abies; aber sie sprechent, daʒ diu reht tann under den drein die alleredelst sei, wan diu hât daʒ
 ... diu hât daʒ allerweiʒist und daʒ allerlüftigst holz. 314, 12; tann ist ein groszer baum; ... sie werden nit gearbeitet und
 ... 7 § 1. 5) tannenwald ( s. tann): ich pflege meinen gang nach der tanne zu haben, weisz
 ... 6) die zusammensetzungen bilden sich eigentlich mit tann - , tanne - , uneigentlich mit tannen -
 
28) tannenbaum
 ... plattd. dannebôm. 1) waldbaum ( s. tann): ein eichen, ein tennen tanpaum Tucher baumeisterb.
 
29) tännlein
 ... tännlein , n. , demin. zu tann und tanne, vgl. tännchen : da
 
30) tannmark
 ... tannmark , n. , schweiz. tann - , tannenmark, valeriana offic. Campe. Pritzel
 
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