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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
sturzdrohend bis stürzen (Bd. 20, Sp. 694 bis 717)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) sturzdrohend, adj., mit seinem falle, einsturz drohend:

sturzdrohend schwebt die grausenvolle last
stets übern häuptern uns
S. G. Bürde Miltons verl. parad. (1793) 1, 64;

und stets an eines abgrunds jähem rande
sturzdrohend, schwindelnd risz er mich dahin
Schiller 12, 273 G.;

schleuderten sonder rast nach dem thurm, der noch aus dem vorgrund
ragte, verderben, er neigte das haupt sturzdrohend zur seite
Pyrker Tunisias 10.


 
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stürze, f. , postverbale von stürzen, ebenso wie 1sturz II und III (sp. 685ff.). in verschiedenen bedeutungen herrscht das fem. ausschlieszlich oder überwiegend:
1) deckel, s. sp. 686.
2) umgepflügter acker, erde, s. sp. 690.
3) trichter, guszvorrichtung, s. sp. 685.
4) karren, s. sp. 685.
5) ort, wo erz und abraum ausgeschüttet werden, s. sp. 685.
neben dem masc. ist stürze auszerdem bezeugt für:
6) kopfbedeckung, s. sp. 687.
7) ganz vereinzelt wie sturz I A, in der bedeutung 'epilepsie', s. sp. 680.
 
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stürzebecher, stürzbecher, stürzenbecher, m. , nd. wort, 1) becher mit einer stürze, d. i. deckel, s. sp. 686, seit dem 17. jh. schriftl. bezeugt, s. Schiller-Lübben 6, 272; stürzebecher Stieler 74; Beil technol. wb. 1, 588; auch aus 2 entnommen, s. Richey id. Hamburg. 373: zweimal jährlich wurde ihnen der 'Hippokrates' gereicht, und zwar in groszen, silbernen 'schauern' oder 'stürzebechern' K. Braun Wisbyfahrt 26. 2) 'säufer', der becher den hals hinunterstürzt (stürzen I A 4 b), mit dem imper. des vb. gebildet, anders Andresen deutsche volksetym. 227, am ältesten, seit dem 14. jh., bezeugt in dem familiennamen, besonders dem des seeräubers, mnd. Stortebeker, nnd. Störtebeker, s. Schiller-Lübben 4, 416; (man singt ein lied) wie man den stürzebecher singet Opel-Cohn dreiszigj. krieg 11; anzuzeigen, dasz er ein guter stürzbecher zu seiner zeit würd werden G. Regis Rabelais 1, 29; darumb sagt der stirzenbecher: ich hab ein gueten freindt, der liegt undten im keller, er hat ein helzens rekhl ahn und haist der muscateller Abr. a s. Clara pred. 150 Bertsche. sonst in lexikographischer tradition: stürzebecher potator qui pocula plena evacuare potest Stieler (1691) 174; becherstürtzer, stürtzebecher, gläserstürtzer Kramer 2 (1702) 1029b; paszsäufer, stürtzenbecher Apinus gloss. nov. (1728) 396; mundartlich für die Pfalz bezeugt, s. v. Klein prov.-wb. 2, 179. im nd. heute, vielleicht übertragen, 'stürmischer, ungeberdiger mensch', s. Richey id. Hamburg. 374; Mensing schlesw.-holst. wb. 4, 870; C. Walther in mitth. d. ver. f. hamburg. gesch. 1, 90. 3) im md., wohl aus 1 übertragen, in der bedeutung 'kleiner, dicker mensch', s. Hertel Thür. 240; Kleemann nordthür. 22; Hentrich Eichsfeld 7.

[Bd. 20, Sp. 695]



 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) stürzeboller, m., purzelbaum (wie sturzbaum), s. Schrader dtsch.-frz. wb. 2, 1335; einen stürzeboller machen bankerott machen Kinderling reinigkeit 429.
 
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sturzel, m. , truncus, auch stürzel, ferner in ähnlichen bedeutungen storzel, störzel (teil 10, 3, 445) und sterzel. zur wurzel *stt 'steifes, starres, trockenes', zu der auch sterz 'schwanz', sterzen 'emporragen; aufwärtsrichten', und 2sturz truncus (sp. 690) gehören, vgl. H. Schröder in idg. forsch. 18, 519; Walde-Pokorny 2, 630; in der bedeutung 'truncus' entsprechen norw. stert, start, engl. start, mhd. sterz, bair. starz. seit dem 14. jh. bezeugt (s. u. 3), heute besonders in md. mundarten, s. Bernd Posen 301; Hertel Thür. 240; Jecht Mansfeld. 109; Sartorius Würzburg 119; Follmann lothr. 511; Martin-Lienhart 2, 616; Müller-Fraureuth obersächs. 2, 586; Wenisch nordwestböhm. 2, 89.
1) unteres ende, rest von pflanzen, 'strunk, stiel': krautstengel, sturtzel caulis Junius (1567) 128b;

in alles volck da kam ein graus,
den salvenstock den grub man aus,
eine kröte lag unter der salven wurtzel,
die hat vergifft des krautes sturtzel Frankfurter liederb. 350 Bergmann;

ich glaub, er hab heilsame wurtzel
mit samt dem kraut, stengel und sturtzel
dem weyb gehalten für die nasen
H. Sachs 14, 256 K.-G.;

also ist ... die meynung entstanden, ob würde der mittlere sturtzel unter den rebenzaseln vom teufel stets abgebissen, auf dasz der mensch der wurtzel grosze kraft nicht theilhaftig werden könne J. G. Schmidt rockenphil. (1706) 2, 11. unteres oder restliches ende der getreidehalme: stoppel, stumpel und sturzel stipula Stieler (1691) 2225; sie ... traten die stürtzel oder stoppeln mit den füszen in den erdboden hinein G. Opitz merkwürd. nachr. (1748) 1, 147; so soll man das geringste getride nicht weit davon in feine runde schober setzen, und dasselbe wohl aufeinander, dasz die ähren hinein, die stürtzel heraus kommen, einlegen schles. wirtschaftsbuch (1712) 160; (weizen) wird von der hitze, die den sturtzeln schädlich ist, bleich Zincke ök. lex. (1744) 3178. 'baumstumpf':

also bistu minne zart,
ein boum uz nutzes wurzeln
gewachsen ab den sturzeln minneburg in mhd. wb. 2, 2, 646;

so besonders in jüngerer zeit:

sie (die mistel) kann im boden nicht gleich andern pflanzen wurzeln,
nur nahrung saugen aus baumästen oder sturzeln
Rückert ges. poet. w. 8, 432;

(die weide) zerrissen in drei stücke,
die trotz der trennenden lücke
doch fuszen auf einem sturzel
und saugen mit gleicher wurzel
E. Ortlepp lieder eines polit. tagwächters 155;

aus diesem ... durcheinander von ... sturzeln und schlamme ... wieder herauszukommen Brehm thierleben 6, 490; bildlich: ach, die ganze sumpfige gegenwart voll sturzeln und egeln hatt er mit einem fusze seitwärts weggestoszen Jean Paul 15-18, 109 Hempel; 'wertloser stumpf':

doch neulich, als ich nach ihm (dem röschen) sah,
stand nur ein trockner sturzel da,
und nicht einmal ein keim zur frucht
F. Rochlitz für ruhige stunden 1, 151;

ob er da nicht recht thöricht handeln würde, wenn er einen alten dürren stürtzel ergreifen und ihnen damit zu leibe gehen wolte J. Chr. Edelmann bereitete schläge (1738) 12.
2) 'stumpf' in weiteren anwendungsgebieten: da wurde ihm die andere hand durch den hencker auch abgehauen, und der sturzel in eine aufgeschnittene henne gesteckt Ettner unwürd. doctor (1697) 949; ehe er davon bliebe, ehe lieffe er auf den sturtzeln fort, wenn er keine beine hätte Chr. Weise erznarren 219 ndr.; ein kind, an dessen linker seite man nur den stürzel von dem oberarm sahe Alemannia 18, 42; wenn diese schaufeln ungleich, ausgefressen

[Bd. 20, Sp. 696]


und stumpf sind, mehr sturtzeln als ganzen zähnen gleich sehen allgem. haush.-lex. (1749) 3, 794; denn wenn die hare verrissen werden, so giebets gröszer schmertzen und stechen solche sturtzeln sehrer, thun auch den augen viel mehr schadens als wenn sie lang sein Bartisch augendienst (1583) 197; wehrte er sich mit dem degen in der faust, bis selbter mitten entzwey sprang; wormit er aber nicht lebendig in der Römer hände käme, schnitt er ihm mit dem übrigen stürtzel die gurgel ab Lohenstein Arminius 1 (1689) 811b.
3) 'stummel; stehengebliebenes ende; auswuchs, knorpel': es soll auch keiner seinem nachbahren zu dorf oder veld über die gesetzte stein und markung überzäunen noch viel weniger die sturzel oder den boden des zauns wie man es nennet seinem nachbahren zu entwenden (1712) Wintterlin württ. ländl. rechtsqu. 1, 89; sich, und schaw nu an, ... wie die sturtzeln von den rutten in den striemen und wunden sich eingefressen Butschky trostbächlein (1626) 193; stürzel, schenkel, knoten 'die beym abschneiden des knotholzes zurückgebliebenen enden' Nemnich wb. d. naturg. 583; besonders im weinberg die vorjährigen enden der reben', s. Weber ök. lex. (1829) 587:

du snit abe sine (des weins) sturziln
und pflanztis sine wurziln;
des hat er lusticliche
irvullit daz ertriche
Nic. v. Jeroschin 310 Strehlke;

das weich räbschosz so alle jar härfür schüszt, item räbblatt oder kabiszstürtzel Frisius (1556) 245a; stirzel an trauben, stirtzlen oder stengel gewinnen Maaler (1561) 389b; in mancherlei anwendungen: es hat aber solchs nüszlein allerley ungleiche und rauhe stürtzel, fast wie schupen W. Spangenberg anmüt. weiszheit lustgarten (1621) 616; s. Jakobs knie hatten stürtzel vornen von vil beten Keisersberg brösamlin (1517) 1, 30b; die sturzeln um diesen kopf zeigen sich in der scheide der laus durch verschiedene reihen kleiner häkgen, die sich in die haut einklammern J. Fr. Titius bedrachtung ü. d. natur (1783) 2, 95.
4) 'stütze, stützgestell', wahrscheinlich der bedeutung 'truncus, pfahl' direkt entsprechend, s. auch 2sturz 4: 'untersatz zum klöppelsack' Müller-Fraureuth obersächs. 2, 586; an der käsepresse: stürzel 'bei der alten einfachen hölzernen hebelpresse unter den unterstützungspunkt des hebelbalkens und auf den laddeckel gestellter holzstab' Martiny wb. d. milchwirtschaft (1907) 124; am spinnrad: (die mägde) holten einige stürzel (gestelle, auf die der rocken gesteckt wurde) aus der kammer A. Langer der prozeszgeist (1911) 111;

weil wir dann nun seind bey dem grab,
so mustu gar balt steigen nab
und rausz reichen, was drinnen ist, ...
dann der stein ist erhaben schon,
und ein stürtzel darunter thon,
das du gar wol kanst kriegen nein
Ayrer dramen 2357 Keller.


5) 'vogelschwanz', wohl aus sonst gebräuchlichem sterz, sterzel (s. d.), etwa unter anlehnung an die bedeutung 'ende' von stürzel: der kropf und der stürtzel oder burtzel eines vogels le gavion et le crouppion d'un oiseau Duez nomencl. 29; s. auch Götze frühnhd. 212.
 
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stürzel, n. , selten sturzel, in den gleichen bedeutungen wie 1sturz III, weit seltener als dieses, meist deutlich als dessen demin. empfunden.
1) 'deckel': decke selbe (speisen) mit einem stürzel zu B. Hickmann wiener. bewährtes kochb. (1809) 5; nemlich man nimmt laim oder tegl, saltz, wermuthkörner oder blühe, jedes ein halb pfund, alles durcheinander vermischt, wol abgebört und stürtzel daraus gemacht, dieselben wol erhalten lassen und über die spunt stürtzen v. Hohberg georg. cur. 2, 86; das (rinnlein) mit ainem stainin stürzel bedeckt sin soll urk.-buch der st. Stuttgart (1487) 459; stürzel, sturzel, deckel Mozin-Biber 2, 375c; mundartlich im österreich., s. Castelli Österr. u. d. Enns 239; Unger-Khull 588; Jakob Wiener 188; ähnlich: stortsl, f., 'bedachung der getreidepyramide' Hentrich

[Bd. 20, Sp. 697]


Eichsfeld 82; wahrscheinlich 'feuerbedeckung', wie 1sturz III A 1: das weilunt der alt herr Johanns ... ein camin zu Seedorf im schlosz uferbauen, daran er an ain waldtstein den sturzel hat lassen zieren und die zwai wappen Zimbern und Werdenberg daran hawen zimm. chron. 3, 217 Barack.
2) kopfbedeckung, s. Birlinger schwäb.-augsburg. 415b; stortsl, f., frauenmütze Hentrich Eichsfeld 36.
3) oberschwelle der tür, mundartlich im alem., s. Seiler Basler 284; Friedli Bärndütsch 3, 609: hingegen hat kein meister für das steinversetzen (bey den thoren, kellerhälsen, ligenden bögen, thüren, fenstern, lufftlöchern und läden, auch schliessung der bögen über die stürtzel) weiteren lohn zu fordern qu. a. d. j. 1655 bei Reyscher samml. d. württ. ges. 13, 228; beid pfosten und den stürzel oder überthür qu. a. d. j. 1548 bei Fischer schwäb. 5, 1937.
4) stück stangeneisen, eisenplatte, aus dem blech hergestellt wird, s. Jacobsson 4, 348; Mothes 4, 288: stürzel oder kölbel 'geurwellete stücken eisen, welche an den geschmiedeten stangeneisen abgeschrotet worden, um solche zu richten und bleche daraus zu machen' bergmännisches wb. (1778) 541.
 
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sturzeln, vb., demin. bildung von 2stürzen, in gleicher bedeutung wie dieses; stürzeln Campe 4, 740:

glich bluete spros er (Christus) her vor
zwigende uz der wurtzeln
Jesse an allez sturtzeln Daniel 4076 Hübner;

sehet der güldenen härlein umfliegen,
in dem so kuglichten heubtlein gewurtzelt,
wie sichs einkreiselt und unter sich sturtzelt,
machet das gantze gesichte beliebet
W. Scherffer geist- u. weltl. ged. (1652) 405;

mit welcher er ungehindert mag schertzlen, stertzelen, ... fützelen, fürtzeln und bürtzeln, so oft es ihn gelust zu stützlen und zu stürtzlen Fischart Gargantua 107 ndr.
 
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sturzelwerk, n., zu sturzel 'strunk, stumpf':

ich musz mich bück- und krümmen,
der sünder sturtzelwerk, dasz stets empor wil klimmen,
aus mir gerott zu sehn
G. Wagner ter tria (1698) 215.


 
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stürzen, adj., aus einer besonderen art blech bestehend, zu 1sturz III D, vorzüglich obd., aber auch: n störten ketel 'kessel aus eisenblech' ten Doornkaat-K. 3, 330; seit dem 15. jh. bezeugt: ain stürtzene, grosse flaschen Zingerle inventare 139; solt auch ein pflaster haben in einer stürtzin oder küpferin büchsen F. Würtz wundartzney (1612) 214; item ain grosse stürzin glutpfann Überlinger inventar v. 1553 bei Mehring badenfahrt 193; weitere zeugnisse bei Fischer schwäb. 5, 1937; auch in junger sprache: einen anderen tag zeigte sie ihm das tee in einer stürzenen büchse, deren öffnungen nach mit papier verkleistert waren Pestalozzi 13, 118 Buchenau; s. K. Reiser Allgäu 2, 739.
 
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stürzen, vb. , 'umstülpen, hinunterstoszen; fallen, eilen'. herkunft und verbreitung.
ahd. sturzen, mhd. sturzen, stürzen, mnd. storten, mnl. storten; dem deutschen auch in der bedeutung gleich: afries. stirta 'umstoszen'; aus dem dt. entlehnt norw. dän. styrte, schwed. störta. in gleicher ablautstufe und bildung wie im deutschen: mittelengl. stirten 'auffahren, aufspringen'; ags. stvrtende 'exsiliens' rituale von Durham 57, 12 zu einem infinitiv sturtan, st. vb., oder sturtian, oder schreibfehler für styrtende? ablautend sterzen 'steif hervorstehen; steif emporrichten' und dessen altgerm. entsprechungen; dazu auch altengl. steartlian 'straucheln'; neuengl. start 'fortstürzen, anfangen'. im nd. vereinzeltes starkes part. prät. gesturzin (s. u. I A 1 a) und gestorten (s. u. I B). vielleicht zu sterzen, s. Lexer mhd. hwb. 3, 1184; Müller-Zarncke 2, 2, 645.
mundartlich als störten im ganzen nd. von west bis ost verbreitet; auch md., s. Hönig Köln. 176; Hofmann niederhess. 235; Müller-Fraureuth obersächs. 2, 586; Nassl Tepler ma. 6. für das obd. am besten im alem. bezeugt, s. Fischer schwäb. 5, 1937; Martin-Lienhart 2, 616; Hunziker Aarg. 264, auf einem teilgebiet mit schwund des

[Bd. 20, Sp. 698]


-r- stützen, stitzen, s. Fischer geogr. d. schwäb. ma. (1895) 52; schweizerdeutsche gramm. 2, 80; 10, 70; 17, 48; 53; Friedli Bärnd. 3, 159; 2, 290, so schon alt, s. u. I A 1 c. für das bair.-österreich. kaum bezeugt, vgl. Schmeller-Fr. 2, 785 ff.; Jacob Wiener dial. 188; Unger-Khull 588; s. aber Kretschmer wortgeogr. 170.
die form der denkmäler ist im ahd. und mhd., teilweise noch bis ins 16. jh. und später, sturzen; umgelautete formen sind seit dem 15. jh. bezeugt; in nd. und md. quellen lautet der stammvocal o und ö, so bei Luther meist storzen, störzen. bei den schles. schriftstellern sterzen, auf ostmd. entrundung aus stürzen beruhend, von dem stammverwandten alten sterzen (s. o.) unabhängig:

ich seh sonn und mond sich schwärtzen,
weil du in das grab willst stertzen,
sonne der gerechtigkeit
H. v. Aszig ges. schr. (1719) 24;

öfter bei W. Scherffer:

wen nicht der rauhe mertzen
hinreiszt, kan im april und gar im meyen sterzen ged. (1652) 336;

denn auf den lippen entstehen und stertzen
leben und sterben, die seelen und hertzen
H. v. Hoffmannswaldau (u. a.) ged. 1 (1697) 275;

legt ihr von mithridat ein pflaster auf das hertze,
eh ihr ohnmächtger geist gar aus dem leibe stertze
Lohenstein Cleopatra (1689) 117;

laszt, bitt ich, schwestern, laszt, laszt die gedancken stertzen!
mir geht das ungelück wahrhafftig sehr zu hertzen!
Chr. Gryphius poet. wälder (1718) 2, 404.

bedeutung und gebrauch.
die beiden bedeutungen 'stülpen, hinunterstoszen' und 'fallen', formal einander als transitiv und intransitiv entgegengesetzt, sind im deutschen bei ihrem ältesten auftreten schon vollkommen ausgebildet und zeigen keine spuren einer etwa voraufliegenden entwicklung auseinander. der in beiden bedeutungen enthaltene grundsinn 'auf den kopf gekehrt werden bzw. sein' wird der gemeinsame vorhistorische ausgangspunkt sein. die intransit. bedeutung 'fallen' ist in ältester zeit reicher bezeugt, doch steht die transitive von anfang an daneben; sie nimmt im mhd. und älterem nhd. den breitesten raum ein, erleidet aber in der modernen sprache in ihrem einen hauptteil I A einbuszen; in neuerer zeit gewinnt die intransitive bedeutung stark an fülle, besonders in der entwicklung von II C.
I. transitiv.
A. 'umkehren', oft vertere entsprechend: storczen vertere Diefenbach 614b; stulpen vel storten subvertere 562c: unde so si (sc. fortuna) danne diu ding sturzen gestat cum haec verterit vices Notker 1, 57 Piper.
1) hohle gegenstände, gefäsze, mit der öffnung nach unten kehren; stülpen, umstülpen. meistens stürzen auf, stürzen über.
a) mit nach unten gekehrter öffnung hinstellen, hinlegen:

an den stam leinte er
beide schilt unde sper.
sînen helm er abe bant
und sturzt in ûf des schildes rant
Hartmann von Aue Erec 8965;

den helm ir ieslîcher bant
von dem houbte sân zuhant
und sturzte in bî sich ûf daz gras
Heinrich v. Freiberg Tristan 1863 Bernt;

swenne der den helm stürtzet,
zehant der stain uz bürtzet,
der der selben tugend walt
Johann v. Würzburg Wilh. v. Österreich 4067 R.;

stürzet den becher auf den tisch Kirchhof wendunmuth (1581); und nachdem man ubergezogen, wirt jedes schiff sampt seiner zugehör und rechenschaft wider auf sein wagen gestürtz Fronsperger kriegsb. (1573) 1, o 1; mundartlich von küchengefäszen 'umgekehrt hinstellen', s. Fischer schwäb. 5, 1937; Martin-Lienhart elsäsz. 2, 616: steht der bohnenkönig in der höhe auf einem gestürzten zuber rechtsalt.4 1, 326; obersächs. intransitiv, wohl secundär, doch vgl. 2stürzen: die gläser stürzen im schrank stehen umgekehrt Anton Oberlaus. wörter 4, 15; lasz stürzen lasse das abgewaschene geschirr nasz stehen Müller-Fraureuth 2, 586.

[Bd. 20, Sp. 699]



b) meistens im sinne von 'decken': die gärtner (kommen) der natur ... zu hülfe, wenn sie gläser über die melonen stürtzen Lohenstein Armin. (1689) 2, 781a;

ich tæte alsam diu nachtegal,
diu mit ir sanges dône ...
die langen stunden kürzet
swenn über sie gestürzet
wirt ein gezelt von loube
Konrad v. Würzburg trojan. krieg 196 K.;

und dass nicht vergessen bleib
euch die zauberblume duftend,
stürzet sie die schalenkuppe (des eies)
über sie gleich einem hute
Brentano ges. schr. (1852) 3, 389;

auf die mündung der retorte B ist eine flasche mit wasser, wie bey verfertigung der lufftarten gewöhnlich ist, gestürzt G. Chr. Lichtenberg br. 2, 86 Leitzmann-Schüddekopf; nim dürr weydenholtz, brenne das in zweyen ubereinander gestürtzten häfen Wirsung artzneyb. (1588) 595c; füll die öpfel schön, beide teil, und stürz sie übereinander ... wiltu die selben gestürzten öpfel braten qu. a. d. 16. jh. in Alem. 18, 262; ich mahle ein zugethanes buch, auf welchem wider ... ein ... gleichsam darauf gestürtztes buch liget Harsdörfer gesprächsp. (1641) 1, d 8a; vom aufsetzen der kopfbedeckung:

wolt ir in vollin wapin stan,
so solt ir ouch gesturzin (var. gesturzit) han
di helme unvorzagit ...
und einen helm erin
sturzt er uf daz houbt sin
Nic. v. Jeroschin 2978 Strehlke;

musz ... die beckelhaub ... auf meine grawe haar stürtzen Fischart Gargantua 330 ndr.; es were kein besser instrument damit man möchte under das wasser gehen, denn eine gläserne sphäre, die man uber dem kopf stürtzet J. Th. de Bry archelei (1614) 105; welchem der keyser auch ein sonderlich wapen, nemlich den thüringischen bundten lawen mit einem gestürtzten helm uber das heupt geben Binhardus thüring. chron. (1613) 207; fasse den nächsten blumenkorb, und stürze ihn dem kerl als eine ehrenmütze über den kopf Brentano ges. schr. (1852) 5, 441; ebenfalls im sinne von 'decken':

dem vürsten angestürzet
was daz riche gewant
Johann v. Würzburg Wilh. v. Österreich 12840 R.


c) mit umgekehrtem object; etwas unter einen hohlkörper stürzen 'es damit bedecken':

macht einen grossen korb von stro,
darunder sie die keuchel stürtzt
B. Waldis Esopus 2, 128 Kurz;

Eva het ... die andern kinder under ein kff gestürtzt und in ein strohauffen verhalten S. Franck sprichw. (1541) 1, 46b; dann ein jeglicher bach, der ein kleins mit gewechsen bedecktes gestad hat ... nit allein daz fszvolck, sonder auch die reisigen mag verdecken, so einer dessen ein wenig vorbedacht ist, die scheinbare waffen auf die erden niderzulegen, und die helm oder hauptharnisch under die waffen zu stürtzen Xylander Polybius (1578) 164; dan der almechtig gott hett noch ain liecht zu Kaiszham under dem scheffel gestürzt, das wolt der herr auch auf den leychter sezen, dasz es leuchtet Knebel chron. v. Kaisheim 112 lit. ver.; das gnadenreiche liecht der christlichen warheit ... reichlich und offentlich dargestellet fur aller welt und nicht unter den scheffel gestortzt Luther 23, 322 W.; die Samojeden stürzen den leichnam unter einem kessel, damit die seele nicht erdrückt wird, wenn das grab zusammenfällt Lichtenberg verm. schr. 4, 541; im älter. nhd. redensartlich unter den kelch stürzen, ursprünglich etwa in dem sinne 'dem göttlichen schutze anempfehlen', auf priesterlichem tun beruhend, s. auch teil 5, 505: also solten all menschen ... in der mess jrem hawp Cristo eingeleibt und in sein pluet eingedunckt und also under den kelich gestürtzt werden Berthold v. Chiemsee tewtsche theol. 447 Reithm.; wenn ich priester wurde, sölte ich sinen ingedenk sin, in under den kelch stützen und gott für in bitten Platter 9 Boos (zur form s. sp. 698); allgemeiner: doch hoff ich zu got,

[Bd. 20, Sp. 700]


es bedürft des alles nit, üwer genad sy ganz gesund worden, wann ich hab uwer genad getrüwlich under den kelch gestürz qu. v. 1467 in privatbr. d. mittelalters 1, 79 Steinhausen;

ich (ein priester) wil euch untern kelch stürtzen,
wann wir wölln euch die weil fein kürtzen
H. Sachs 9, 4 K.;

wiewol sie (die weltlichen) doch zuletzt haben müssen in ire (der geistlichen) kappen kriechen und sich lassen unter iren kelch stürzen Luther 38, 106 W.; sie ... schenden disz ewige bruderschaft. sie haben sie unter den kelch gestorczt, ja unter den birbottich 34, 1, 295. — mundartlich in gleicher bedeutung: d huen will brütle, si muess gstürzt sin unter einen umgekehrten korb setzen Martin-Lienhart 2, 616; einen zur strafe unter ein but stürzen Schröer maa. d. ungr. bergl. 76anders, als denominativum von stürze, im sinne von 'mit einer stürze bedecken'; mit einem kopfputz bedeckt (sp. 687): do ist ain fraw in aim hangenden wagen kommen, gesturzt und gementlt zimm. chron. 1, 452 Barack; 'mit einem deckel versehen' (sp. 686): wir haben geschenkt unserm herren dem künig ainen gestürzten übergüllten kopf städtechron. 5, 384.
2) umkippen, das obere zu unterst kehren, auch von nicht hohlen gegenständen: auch wäre dem fuhrmann einzuschärfen, dasz mit dem kistchen säuberlich verfahren würde, und man hat deshalb oben einen henkel angebracht, damit es nicht gestürzt werde Göthe IV 42, 245 W.; nicht stürzen! aufschrift auf transportkisten mit zerbrechlicher ware, s. Kretschmer wortgeogr. 170; nicht ihrer drei oder vier waren im stande, so ein lastgut von der stell zu rücken, aber der fuhrknecht, einer allein, hat es zu wenden und zu stürzen vermocht Anzengruber 3, 80; gestürzt technisch von auf den kopf gestellten ornamenten, figuren u. ä., besonders in der heraldik, s. Bucher kunstgew. 139: die freyherrn ... führen in rothem feld einen silbernen gestürtzten sparren Trier wapenkunst 133; in der metallgieszerei: 'die form umkehren, um das metall herausflieszen zu lassen', s. Bucher kunstgew. 390b. verbunden mit dem allgemeineren sinn von 'zu fall bringen' (s. u. DWB B), wagen stürzen:

der karrotsche mit gewalt
wart umme gesturzt, Machmet gevalt
zu lastere den Sarrazinen Ludwigs kreuzf. 6924 Naumann;

und macht ein schrecken in irem heer, und sties die reder von iren wagen, stürtzet sie mit ungestüm 2. Moses 14, 25;

ein französischer pulverwagen
lag gestürzt an fernem ort
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 60;

1 nahe: diese (groszen fische) werden ihm (dem fischhäher) abgenommen, die kleineren aber musz er von sich geben, wenn er mit den beinen in die höhe gezogen und gestürtzet wird G. Opitz merkwürd. nachr. (1752) 2, 131; so einer in ein wasser fället und wiederum heraus gezogen wird, so solle man ihn gleich stürtzen, damit das wasser aus ihme laufen möge v. Hohberg georg. cur. 3 (1715) 224a; auch Kramer 2 (1702) 1029; ich war voll wasser, und muste so geschehen lassen, dasz man mich stürtzte Franc. v. d. Trenck leben u. thaten (1748) 60; bei den schneiderinnen: störten 'das obere ende eines kleidungsstückes so umkehren, dasz es nach unten kommt' Schambach Götting. 213a; strümpfe stürzen 'das obere zum unteren teil machen' Fischer schwäb. 5, 1937; ähnlich: tücher stürzen stoffe, die in der mitte fadenscheinig sind, durchschneiden und an den äuszeren seiten aneinander nähen Unger-Khull steir. 588.
3) auf der grundbedeutung 'umkehren, wenden' beruhende anwendungen, oft ohne den sinn 'das obere zu unterst kehren'.
a) umbiegen, zusammenlegen, aufeinander klappen: und ist sichtlich, das die gerwer das bletzleder, das ainsthails zu matt, schwach und dunn ist, sturzen, zusammen heften und zum augenschein aufstreichen urkundenb. d. stadt Heilbronn (1507) 3, 154; s. auch Fischer schwäb. 5, 1937. im gleichen sinne bei der blechfabrikation: das

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weiterausstrecken von zusammengebogenem eisenblech Karmarsch-Heeren3 8, 654.
b) in der schneiderei: ein kleid, einen rock u. s. w. stürzen wenden, so dasz die innenseite nach auszen kommt, s. Loritza id. vienn. 129; so auch in der umgangssprache.
c) im sinne von 'umstülpen, umkrempeln': fraw glück stürtzt ihr erwel (ärmel) hinder sich und spricht:

'nun so schick zu dem kampfe dich' ...

fraw armut stürzt ihr ermel auch hinder sich, spricht trutzig ... H. Sachs ged. (1561) 3, 2, 72b;

der dölp sein ermel hinter stürzt ders. ged. (1579) 5, 228c;

so auch: armen ufstürzen, s. teil 1, 755; noch heute tirol. die ärmel aufstürzen. dagegen anders die arme in die seiten stürzen, s. 2stürzen 1.
d) 'den abgeernteten acker, besonders das stoppelfeld flach umpflügen', also im sinne von 'das unterste zu oberst kehren', so dasz die stoppeln unter die erde kommen, dafür auch wenden, stoppeln: und sollen alle artlant (ackerland) des hofs zo reichten zyden doin braichen, sturzen, mysten, sehen qu. v. 1487 in rhein. urbare 1, 494 Hilliger; denn das gefröste durch den winter machet die zehen gestürtzten ecker fein mürbe Martin Grosser kurtze anleit. zu der landtwirtsch. (1590) d 2b;

die reben und bäwm schneid ich im mertz
das erdreich ich herumbher stürtz ...
Petri d. Teutschen weish. (1604) 2, Q qq 1b;

drauf wird das mürbe klosz
im märzen ganz erwärmt, es lieget weich und blosz,
da denn der ackersmann zum stürtzen sich verfüget
Z. G. Scheibel die witterungen (1752) 143;

(die hasen) setzen sich im herbst in die gesturtzten rauhen äcker Döbel neueröffn. jägerpract. (1754) 1, 30; ja der boden in Wlastowitz! gestürzt, geeggt, gewalzt, so fein wie der des sorglichst gepflegten beetes in einem blumengarten Ebner-Eschenbach ges. schr. 4, 10.
e) getreide, korn stürzen auf dem speicher umschaufeln, wenden, 4 a ganz nahe: wan ... nit z arbeiten ist auf dem feldt, so ist doch allzeit z arbeiten im hausz oder im hoff die vasz z weschen, korn z stürtzen, mist uszfren Petrus de Crescentiis vom ackerbau (1531) 8a; getreide stürzen vertere mit der sturzschaufel Stieler 2230; stürtzen die früchten ventilare frumentum Aler dict. (1727) 2, 1863a; s. auch Fischer schwäb. 5, 1937.
4) schütten, gieszen; zu der bedeutung des bloszen 'umkehrens' gesellt sich zunächst die des 'schüttens' hinzu, um schlieszlich zu überwiegen: gieszen, stürtzen, schütten fundere Schöpper syn. 80 Sch.-K.; stortzen profundere Diefenbach 463c; gieten, stortten fundere theut. 128 Verdam.
a) 'schütten, ausschütten', meistens durch umstülpen (wie 1 a), umkippen eines behälters: darnach nimb vor einen schilling oder 3 pf., das sind etwa 36. schneckenhäuszlein, und stürtze die auf einen warmen heerd viehbüchlein (1667) 83; stürtze die suppe um in eine andere schüssel v. Hohberg georg. cur. 3 (1715) 4a; er is uysz allen duppen zosamen gestortzet oder gesocht Tappius adag. cent. septem. (1545) f 8; im bergbau die mit erz oder abraum gefüllten tonnen oder karren 'ausschütten': man heiszt gestürtzt, nicht geschütt in der gruben J. J. Speidel notabilia (1634) 119; so scol den de stortere to der grouen, de dar stortet, de kernen dar sulves umme storten Gosl. bergges. bei Schiller-Lübben 4, 416; nach ausgang der fünf jare soll uns füran der zehend kübel unsers gebürenden zehend artzt, als sichs gebürt, gestürtzt und gegeben werden qu. a. d. j. 1515 bei Lori bair. bergrecht 179; undt wan der steingreber in seinem nutzen gesturtzet hat neun kahren, die zehendt soll er dem herren sturtzen qu. a. d. 16. jh. in weisth. 2, 574;

einer fehrt aus, der ander ein,
der bricht, der stürtzt, der machet rein
M. Rinckhart christl. ritter 45 ndr.;

dasz man ... den thon als liegendes und hangendes zum gebrauch der ziegelhütte wegnehme, die kohlen aber über

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die halde stürze Göthe IV 39, 41 W.; so auch: über die hengebank stürzen Veith bergwb. 263; anders, vereinzelt: do sie allererst ein grosse gruben gegraben, und den schut gegen der stadt gestürtzt, dasz also viel hackenschützen sich darhinter enthalten können H. Habermehl hist. u. grüntl. beschr. (1592) e 4c. im handel waren ausschütten oder umschütten: derglichen sollen die brauhern beeidet werden, vleissig ufsehen uf die malz zu haben, das die gestürzt werden (1541) qu. zur rechtsgesch. der stadt Marburg 1, 357 Kück; der honig der ... in tonnen gestürzet ... ist Overbeck gloss. melitt. (1765) 67; eine tonne butter stürzen den inhalt als ganzes herausbefördern Martiny wb. d. milchwirtsch. 124; da denn dasjenige (öl), welches nach Genève und Deutschland bestimmet, in gedachtem Genève in fässer gestürtzet, und so weit über die Genfer see nach dem Schweitzerland und Deutschland verführet wird allg. haush.-lex. (1749) 2, 472a; heute kaufmännisch: kaffee stürzen importierten kaffee nicht in den originalsäcken weiter verkaufen, sondern ihn im deutschen hafen erst umsacken; hierher auch stürzen 'messen', vgl. DWB stürzer (sp. 718): Hulsius-Ravellus (1616) 315b; Rädlein (1711) 859b. eine kasse ausschütten, leeren, s. Fischer schwäb. 5, 1937: du hast deine sparkasse also auch zu gunsten der Holländer gestürzt qu. a. d. 19. jh. bei Sanders 3, 1261b; mein schazmeister stürze meine schatulle unter euch Schiller 3, 472 G.;

ich stürzte meine tasche
und zahlte still den preis. — denn heilig stets und hehr
war richterausspruch mir
Bürger br. 4, 111 Strodtmann;

in mancherlei anwendungen: noch musz ich euch meinen schubsack von zeitungen stürzen Schiller 3, 90 G.; im schwäb.: 'den kindern zur weihnachtszeit nüsse und obst auf den boden schütten' Fischer 5, 1937; Mozart theilt mit freundlichem angesichte unschätzbare edelsteine aus und schenkt jedem etwas; Beethoven aber stürzt gleich einen wolkenbruch von juwelen über das volk Stifter 1, 80 Sauer; abstracter, ohne die bedeutung 'umstülpen':

ist diesz der alte muht, sprach Lucifer im eifer
hierauf, und stürzete aus seinem rachen geifer
der drachen eifer gleich
Postel Wittekind (1724) 95.


in der hauswirtschaft eine speise, besonders einen napfkuchen, eine grütze stürzen 'die form oder schüssel umstülpen, um den inhalt im ganzen stück herauszubringen': man stürzt die masse nach dem erkalten auf eine schüssel kochbuch d. 19. jh. bei Sanders 3, 1261b; das rote johannisbeergelee, gestürzt in schalen H. Voigt-Diederichs auf Marienhoff (1925) 104; ähnlich: eier stürzen sie aufschlagen, umkippen und so in ein gefäsz auslaufen lassen, s. Amaranthes frauenzimmerlex. 1319: wir lieszen uns 30 eier stürtzen und in einer grossen pfannen zurichten J. G. Harant der christl. Ulysses (1678) 523; gestürzte eier ova inversa in sartagine Stieler 2230; vgl. auch Alem. 18, 262 (qu. a. d. 15. jh.).
b) 'vergieszen', von flüssigen stoffen, ebenfalls auf dem 'umstülpen' (1 a) des gefäszes beruhend, jedoch mit weniger ausdrücklichem hervortreten dieser bedeutung: haben derhalben solches (trunkenheit) zu verhüten, den fesseren den boden auszgeschlagen, betrachtende, das es besser wäre, das der starcke wein gestürtzet, dann das jr fürgenommen werck verhindert A. Henricpetri niederl. ersten krieges empörungen (1575) f 1a; so schollen die von dem stein ir wasser in den stollen sturczen qu. a. d. 14. jh. bei Jelinek mhd. wb. 695; tränen vergieszen: warumme stortestu desse unnutten trane? bei Schiller-Lübben 4, 417; trane storten lacrimare theut. 380 Verdam; sie stürtzte anfangs eine see voll thränen Lohenstein Armin. 1 (1689) 1147a;

ach stürtze thränen ausz, stimm an dein klagelied
J. Rist friede wünsch. Deutschland (1648) 31;

etwas hastig, gierig, unmäszig austrinken: die vollen kachlen und stotzen ... dermaszen freygebig und reichlich herab geschütt und gestürtzt werden Guarinonius grewel d. verw. (1610) 508; da stürtzt man die pott Fischart Gargantua 123 ndr.;

[Bd. 20, Sp. 703]


lustig, ihr brüder, seyd helden im sauffen
stürtzet die gläser, last kannen ümlauffen
J. Rist neuer teutscher Parnass (1632) 869;

frisch! stürzt die gläser!
es lebe der gott Merkur!
Schiller 11, 233 G.;

in der modernen umgangssprache: ein glas wasser hinunter stürzen; gelegentlich mit secundären versinnlichungen:

sie schenkten voll ein,
und tranken aus rein,
und stürzten das unterst zu oben,
dasz mans auf dem nagel kunnt proben
K. Fr. Cramer Neseggab 1 (1791) 52;

bleiben sie, ... sie könnten ... ein glas wasser in sich stürzen; sie haben sich erhitzt Hafner ges. lustsp. (1812) 2, 36.
in der älteren sprache, bis ins 17. jh., blut stürzen 'blut vergieszen': hette wy leyder ghestorted dat blot der cristen H. Korner bei Schiller-Lübben 4, 417; das papst, bischove und fürsten mit so giftigen practiken und bösen tücken widder das evangelion umbgehen, frommer leute blut zu stortzen und Deutschland in einander zu werfen Luther 32, 383 W.; so ich ... meinen grim uber das selbige ausschütten würde, und blut störtzen, also, das ich beide menschen und viehe ausrottet Hesekiel 14, 19; damit das christlich blut nicht so mordlich funden gestörtzet und vergossen würde M. C. Schütz hist. rer. Pruss. h 4c;

beraubte da die leute,
nahm erstlich nur das gut,
stürtzt aus begier der beute
auch aber endlich blut
E. Francisci bei
Fischer-Tümpel kirchenlied 5, 253b;

dat neiman sin hude enversie
umb rich entheiz of umb goit,
mer dat wir samen unse bloit
hude moissen sturzen in sine ere städtechron. (Köln) 12, 29;

seine mordhände zu bewafnen und desto mehr menschen blut zu stürtzen Butschky Pathmos (1677) 42; wohl in unmittelbarem anschlusz hieran im sinne von 'opfern, hingeben' (s. c):

nicht der nur, der sein leben
für seine freunde stürzt, ist rühmlich zu erheben
P. Fleming deutsche ged. 1, 202 lit. ver.


c) abstract von verschiedenen bewegungen, etwa im sinne von 'hintun', die wegen ihrer heftigkeit als ein gieszen oder schütten gedacht werden: wir bidden, dattu dine genaden storzes in unser sinne Kölner qu. a. d. 15. jh. in Frommans zs. 2, 454; (willst du, dasz gott) zemole in dich sturze alle sine goben, so flisse dich Tauler pred. 205 Vetter; Maria, dat ich nu storze min gebet voer die oren urer gudertirenheit Kölner qu. a. d. 15. jh. in Frommans zs. 2, 454; he storte sin gebet to den almechtigen gode bei Schiller-Lübben 4, 417; die meinung aber solcher stätlicher fundation ist, das sie fleissig für den künig und das gantze königreich jhr gebet zu gott dem almechtigen stürtzen sollen G. Braun beschr. u. contrafactur (1576) 2, 2a. mit besonders starker anlehnung an 1, vgl. b:

bi wilen ich zwu kurze (silben)
uf eine lange sturze,
und min rim werdin gebuit
an dem ende uf glichin luit
Nic. v. Jeroschin 298 Strehlke.

ebenso auf der bedeutung des hinschüttens, hinlegens beruhend studentisch vom übermitteln einer beleidigung oder einer forderung, s. Kluge studentenspr. 129; Müller-Fraureuth obersächs. 2, 586: wenn ein bursch sich betrinkt oder eine sauerei macht, so stürzt ihm gleich einer von unsern officieren einen dummen jungen Immermann 20, 75 Boxb.; nun, war die antwort, der L. hat dir einen gestürzt, du muszt dich doch mit ihm pauken! Holtei vierzig jahre 2, 172; auf grund der von den beiden corps geübten kritiken stürzte Suevia an beide corps je 13 partien pp, welche beiderseits um die gleiche zahl überstürzt wurden, so das nun nach ausfechtung der früheren suiten noch 52 partien anhingen W. Büdingen Freiburger seniorenconvent (1931) 408. — hierher wohl auch

[Bd. 20, Sp. 704]


purzelbäume stürzen, im sinne von 'purzelbäume hinlegen', wenn nicht direkt zu 2 'auf den kopf stellen':

der dritten schut man ab die ageln,
das ir die pein gen perg auf gageln
als ob sie wolt ein paume sturzen fastnachtsp. 381 Keller;

und die zwey gauckler, welche da die purzelbäume stürtzen,
und uns durch ihre narretey die essenszeit verkürtzen
graf Sporck streitged. 57 Kopp;

drehte behexte kinder in kreis herum und bewegte sie zum böckestürzen qu. v. 1714 bei Müller-Fraureuth obersächs. 2, 586.
B. durch stosz in heftiger bewegung von einem höheren auf einen niederen ort befördern.
1) in präpositionalen und seltener adverbialen wendungen bleibt die vorstellung des mit dem herabstoszen verbundenen auf den kopf kehrens mehr oder weniger stark erhalten; am besten in älterer zeit bezeugt: uberab sturtzen, uber sturtzen precipitare Diefenbach 452a; und er sprach z in: stürzt sy herab, und sy überstürtzsten sy erste dtsche bibel 5, 388 (4. kön. 9, 33); ire lerer müssen gestürtzt werden uber einen fels ps. 141, 6;

als Jupiter durch seine strahl
den risen ihr leben verkürtzet,
und von des himels hohem wahl
sie uber und uber gestürtzet
Weckherlin ged. 1, 193 F.;

jem. über den haufen stürzen: sie aber griffen sofort die zween reuter an ... und stürzten sie über haufen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 31; hab ich ein stich mit der lantzen empfunden von dem ritter, so vor uns dahin reit, und so starck wider mich gerennt ist, dasz er mich und mein pferdt uber hauf gestürtzt Amadis 1, 366 lit. ver.; dasz sie das kleinliche nicht mehr ertragen, sondern übern haufen stürzen Bettine Günderode (1840) 2, 83; stürzen auf, vgl. DWB A 1 a:

wenn gott ihn (den tyrannen) allen gwalt abkürtzt,
vom höchsten auf das unterst stürtzt,
da liegen sie mit ganzen schmertzen
Kirchhof wendunmuth 2, 36 lit. ver.;

er fiel so hart auf die erd gestürtzt, das jm sein degen an der seiten zerfiel S. Franck Germ. chron. (1538) 76. auch in der verbindung mit zu tritt noch eine raumvorstellung hervor: itzterwehnte schlacht, welche der evangelischen stat in Oberteutschland fast auf einmahl zu boden gestürtzet und übern haufen geworfen v. Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 520;

wie gott vater aus seinem thron
den Lucifer mit seinen gesellen
gestürtzet zum abgrund der hellen
B. Krüger v. anf. u. ende d. welt (1580) b 2b;

das herz des menschen ... zur hölle und unendlichen ungrund der unseligen ewigkeit zu stürzen Leipziger aventurieur (1716) 1, 14; meine kugel stürzte den gegner zu boden, indem mir die seinige nur den linken arm streifte Langbein s. schr. 31, 70; Venus ... die aller besten und fürtrefflichsten menschen zu grundt stürtzt Guarinonius grewel d. verwüst. (1610) 1109; einem bündnisz entsagen, das ... die allgemeine ewige ordnung zu grund stürzen würde Schiller 3, 436 G.; man hat ... sy dan zu todt gestürtzet Hedio chron. Germ. (1530) 3a;

noch thut der mensch sein zeit selb kürtzen,
sein leben zu dem todt zu stürtzen
H. Sachs 7, 295 K.;

besonders wird eines bades erwähnt, in welchem sie durch eine verborgene fallthür ihre buhler zum tode stürzte Brentano ges. schr. 6, 442; in verbindung mit von:

das ich von yemands werde gestorten
odir verstossen von myme stade und wirdikeit pilgerfahrt d. träum. mönchs 8044 Böhme;

die Jhesum Christum deinen sohn
wolten stürtzen von deinem thron
Luther bei
Wackernagel kirchenlied 3, 26;

hat er ... den könig ... ins gefängniss geworfen und von dem throne gestürzt E. M. Arndt schr. f. u. an s. l. Deutschen 1, 238;

[Bd. 20, Sp. 705]


umb zu gehorchen dir, wolt ich mein leib geschwinde,
stürtzen von einem berg in die tiefsten abgründe
Tobias Hübner die andere woche (1622) Eden 33;

so wird der falsche zeuge vom burgfelsen gestürzt Mommsen röm. gesch. (1856) 1, 140; unterst zu oberst stürzt ihn mein herr vom pferd Göthe I 8, 95 W.; da Festus auf den verwundeten feldherrn traf, und ihn bald vom pferde stürtzete Bucholtz Herkuliskus u. Herkuladisla (1665) 711.
2) von den präpositionalen verbindungen mit räumlicher vorstellung hat weiteste verbreitung stürzen in.
a) concret; nach unten, in einen tiefer gelegenen raum stoszen, befördern: welcher stein ... in das wasser ist gestürtzt worden Stumpf Schweizerchron. (1606) 431a; hat er ihn von einer hohen brücke in einen tiefen graben gestürtzet Prätorius anthropodemus plutonicus (1666) 1, 377; man und rosz hat er ins meer gestürtzet Züricher bibel (1531) 15c;

der zeucht das thier aus seinem pfuhl,
in den es schon gestürzt und fast vergraben worden
Gottsched gedichte (1751) 1, 298;

damit er uns ... mit leib und seel in abgrundt der hellen stürtzen müge theatr. diabolorum (1569) titelbl.; verfluche, verstore und stürtze alle jr anschlege jn abgrund der helle Luther 32, 384 W.; wenn nicht zu besorgen stnde, dass durch solche possen ihrer viel in den abgrund des aberglaubens gestürtzet würden Prätorius glückstopf (1669) 20; er kommt eurer frage entgegen und weisz dasz sie ihn in den abgrund stürzt! Bettine d. buch geh. d. könig (1843) 2, 340;

müssiggang verzehrt die zeit,
ohne lust und fröhlichkeit,
kürzet unser leben ab,
stürzt uns früher in das grab
R. Z. Becker mildh. liederb. 83;

ich vermuthe, dasz dich ein kleiner ärger weiter nicht ins grab stürzen wird Bettine Brentanos frühlingskr. (1844) 228; dasz dem vereinigten landtage zugemuthet worden ist, in demselben augenblicke, wo er in das meer der vergessenheit gestürzt werden soll Bismarck reden 1, 53 Kohl.
b) in stärkerer übertragung 'in einen schlimmen zustand versetzen', wobei dieser immer als unten, tiefer liegend vorgestellt wird:

(gott) der die sünd und tod,
welt, teufel, höll und was in noth
uns stürtzet, überwunden
Paul Gerhardt bei
Fischer-Tümpel 3, 339b;

weil die unterlassung seiner pflicht ihn sogleich in armuth und elend stürzen würde Lavater verm. schr. 2, 299; der junge wird uns alle noch in elend und schande stürzen Schiller 2, 17 G.; und dasz sie durch solche falschheit von demjenigen in die verdamnus gestürtzt werden solte Grimmelshausen 2, 379 Keller;

... der du mein hertz ergründen,
und mich durch meiner sünden zahl
kanst stürtzen in der höllen quahl
Weckherlin gedichte 1, 413;

der böse feind ... trachtet, wie er sie ... in das verderben stürtzen möge Moscherosch ins. cura parent. 90 ndr.; ob ... tugend oder laster, weisheit oder wahnsinn uns ins verderben stürzen Göthe I 23, 305 W.; er schwor bei dem gotte Abrahams, Isaaks und Jakobs, dasz ihn eine solche maaszregel in das verderben stürze Immermann 1, 19 Boxberger;

... das nicht die wütend lieb
sie hinderschleich gleich wie ein dieb,
die sie verwegen durch vil dück
stürtz in schand, schad und ungelück
H. Sachs 261, 25 Keller;

seine familie hat er ins unglück gestürzt Herder 23, 395 S.;

das viech, die hund, und die maulthier
grim wurden in den tod gestürtzt
Spreng Ilias (1610) 26;

wie consuln das feindliche heer mit sich selbst den todesgöttern weihten, und in den tod stürzten Niebuhr röm. gesch. 1, 319; weil dann die gemein und tägliche aderlass

[Bd. 20, Sp. 706]


... die ... hauptkrafft schwächt oder in gefahr stürtzt Guarinonius grewel d. verw. (1610) 983; die gefahren, in die seine väterliche liebe ihn stürzte Göthe I 40, 209 W.; ähnlich: auch verachten sie zum offternmalen die getrewen räht, und stürtzten die ganze sache in gefehrligkeit Xylander Plutarchus (1580) 124a. — jemanden in schulden, unkosten u. s. w. stürzen: der krieg, und die gezwungene herstellung seiner wohnung hatten ihn in schulden gestürzt Niebuhr röm. gesch. 2, 319; warum wollten sie ... die natur in unnöthige kosten stürzen? Möser sämtl. w. (1842) 1, 363. in stärkerer entfernung von der vorstellung des tiefer gelegenen (vgl. u. d): Rom zum zweiten mal in ein so unertragliches joch zu sturtzen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 3, 937; die verwicklungen sind bekannt, in die die verbindung mit dem polnischen reichstag die preuszischen stände stürzte Nitzsch deutsche studien (1879) 103.
c) in fortschreitender abstraction 'in schlimme gemütslagen versetzen', die also ebenfalls als tiefer gelegen vorgestellt werden:

ihr red Andromache abkürtzt,
in klag und trawrigkeit gestürtzt
Spreng Äneis (1610) 50b;

als auch der gantze hof in sonderbahres leidwesen gestürtzet worden Ziegler asiat. Banise (1689) 124;

in was fur traurigkeit und schrecken stürzt sie mich!
Gottsched deutsche schaubühne 2, 28;

Judas sah den Davidssohn durch ihn ins verderben gestürzt, und diesz stürzte ihn in verzweiflung D. Fr. Strausz ges. schr. 4, 310; herr Friedrich ward durch diese nachricht in die äuszerste besorgnis gestürzt H. v. Kleist 3, 414 E. Schmidt; diese ungewiszheit stürzte mich in eine unruhe Wieland Agathon (1766) 1, 21; eine nation in verwirrung durch entflammung ihres ehrgeizes stürzen K. Fr. Cramer Neseggab 3, 282; mein leichtsinn hatte mich in eine grenzenlose verlegenheit gestürzt Bauernfeld ges. schr. 4, 28; sogar: das immer näher kommen von etwas, das uns ins tiefste mitleid stürzen wird O. Ludwig ges. schr. 5, 334.
d) mit verlust der vorstellung des tiefer gelegenen, schlechthin 'wohin, wohinein befördern, versetzen, bewegen': dasz sie ihr natürlich-feuriges wesen ... in grosze beleidigung ihres armen nächsten gestürtzet G. Arnold kirchen- u. ketzerhist. (1699) 2b; zuletzt stürtzte ihn die weinsucht in die wassersucht S. v. Birken verm. Donaustrand (1684) 138; durch dessen unbesonnenheit sie in eine übereilte ... ehe gestürzt wurde Laroche frl. v. Sternh. (1771) 2, 13; an unsichtbare mächte sich zu berufen, die ihn eine zeitlang in die träume der illumination stürtzen Göthe I 422, 191 W.; dieselbe kraft und innigkeit des religiösen glaubens ... stürzte ihn auch in die entsetzlichen lehren des jüdischen rechts der rache Treitschke hist. u. polit. aufs. 1, 25; wenn der waffenstillstand die alliirten in sicherheit stürzte Schiller 8, 329 G.; als ob er sich vorgenommen hätte, seinen ... bekannten aus einer verwunderung in die andere zu stürzen W. Raabe hungerpastor (1864) 2, 29; anders, ebenfalls lediglich zur bezeichnung einer ungestümen bewegung:

wenn man denn hebt das tischtuch auf,
setzt darnach ein handwasser drauf,
wolschmecket mit kreuter und würtzen,
so thu beyd hend ungstüm drein stürtzen
und besprütz all, die zu disch sitzen!
H. Sachs 17, 419 K.-G.;

mein behender arm wird nur desto rascher den dolch führen, und ihn bis ans heft in das herz des elenden stürzen Fritz Jacobi im Göthejahrb. 2, 378.
3) in einfacher transitiver wendung jemanden, etwas stürzen 'entmachten, beseitigen' schlechthin, stark entsinnlicht, doch oft mit wiedererweckter raumvorstellung.
a) mit persönlichem object:

mir erstlich meine sünd verzeih,
und stürtz darnach die feinde
Ringwaldt handbüchlin a 10a;

[Bd. 20, Sp. 707]


las uns nicht gestürtzt und uberwunden werden von den anfechtungen kathechism. 59 ndr.; um dasz ich sie erhöhet, suchet sie mich zu stürtzen und zu erniedrigen Stranitzky ollapatrida 92 Wiener ndr.;

gott ist der rechte wundermann,
der bald erhöhn, bald stürtzen kan
Neumark fortgepfl. mus.-poet. lustw. (1657) 30;

eh mich die welt mit jenen elenden
verwechselt, die der tag erschafft und stürzt
Schiller 12, 231 G.;

stürtz leut und land mit schwert und brand
also wils die welt haben
G. Forster frische teutsche liedlein 185 ndr.;

er stürze jenes volk, das voller weichlichkeit
der wahren ehre nie sein feiges herz geweyht
L. A. Gottschedin br. (1771) 3, 227 Runkel;

dasz die ganze expedition Kohlhaasen, statt ihn zu stürzen, vielmehr zu einem höchst gefährlichen kriegerischen ruhm verhalf H. v. Kleist 3, 173 E. Schmidt; nicht eyn spitzle füret er aus der schrifft, das er sich grundet und mich stortzet Luther 10, 250 W.; hohe augen stürtzt gott Petri d. Teutschen weissh. (1604) 2, Ii 3r; dagegen concreter, 1 und 2 näher:

vögel preisen uns im kühlen
den beseeligenden mai;
aber, eh sie ganz ihn fühlen,
stürtzt sie schon ein schnelles bley
J. M. Miller gedichte (1783) 199.


b) in mannigfaltiger anwendung von allem irgendwie als grösze, macht oder kraft auffaszbaren: denn was man endern odder stortzen wil, so von alters her ist gebraucht, das sol und mus man bestendiglich beweisen, das widder gottes wort sey Luther 26, 155 W.;

und (die ihr) alles dann, was menschenwohl ist,
stürzet, zermalmt, und zu elend umschaft!
Klopstock oden 2, 144 Muncker-Pawel;

bis zu unsrer alles stürzenden und ändernden epoche E. M. Arndt sämtl. w. (1892) 1, 55; gegend an der Ostsee, aus der ... die stürzendsten völker des römischen reichs gekommen Herder 5, 409 S.; darumb hat der herr allezeit den hohmut geschendet, und endlich gestürtzet Jesus Syrach 10, 16; also dass ihr ubermut wird gestürtzt werden Paracelsus op. (1616) 2, 621 Huser; es stürtzet die oftmals gewaltige missgunst ... diesen oder jenen löblichen gebrauch Neumark fortgepfl. mus.-poet. lustw. (1657) zuschr. 1;

seit dem der weise fürst am kalten Newastrande
die freche barbarey, die plage seiner lande,
bekriegt, gestürzt, verfolgt ...
J. J. Schwabe volleingesch. tintenfässl (1745) 21;

wer die lügen wil gewaltiglich stürtzen, der mus an der selbigen stat gar offentliche gewisse und bestendige warheit stellen Luther 26, 267 W.; naturgeschichte und physik stürzen den aberglauben Schiller 1, 157 G.; weil sie den text wollen anders deuten, denn die wort lauten, und unsern verstand störtzen Luther 26, 483 W.; kan nicht gott den feinden dass gesicht nemmen? ... kan er nicht ihre sinne stürtzen? Moscherosch gesichte (1650) 2, 714;

es schmerzt mich, deinen glauben an den mann,
der dir so wohlgegründet scheint, zu stürzen
Schiller 12, 186 G.;

und so durch angemaszten dogmatismus jenen satz mit eben der künheit zu stürzen, mit welcher man ihn errichten zu können sich gerühmt hat Kant 4, 465 (1867) Hartenstein; dasz welsche sänger ... durch vorsätzliche fehler sich alle mühe gegeben haben, die oper zu stürzen O. Jahn Mozart (1856) 4, 190.
c) in über b noch hinausgehender abstraction im sinne von 'widerrufen; widerlegen; zu nichte machen', nur in älterer zeit: darvon si die baiden ort nit wisen woltend, sonder ir zsagen nit stürzen, man vermöchte dan sölichs gtenklich an inen J. von Watt dtsche schr. 2, 75 Götzinger; die widertouften aber vermeintend mit irer antwort des herr doctors gschrifft verlegt und gestürzet haben Joh. Kessler sabbata 148; und vermeint, er wölle hiemit verschaffen, dasz man in teutscher sprach disputiere, auf

[Bd. 20, Sp. 708]


das es der gemein mann könte verstehen, und durch die theologie nit so leichtlich köndte verfälscht und gestürtzt werden S. Huber gründtliche antwort (1592) 171; dann wäre dieser einwand gestürzt Hippel kreuz- und querzüge (1793) 1, 192; eines radtschlag brächen, einsi fürnemmen erweeren, hinderstellig machen und stürtzen Frisius 982b; gott ... stürtzet die rahtschläg der heyden Stumpf Schweizerchron. (1606) 740a; dieser kaiser Tiberius was noch zu diser zeit des gemuetz, dasz er ainem rat kain anseehen noch fürnemen sturzt noch abtet, wan es schon wider sein gut gedunken und gfallen was J. von Watt dtsche schr. 3, 40 Götzinger; die klag stürtzen, verwerffen und kraftlos machen Frisius 492b;

da sie assen von krawt und wurtzen,
darmit sie thetn den hunger sturtzen
H. Sachs ged. (1579) 5, 237b;

eine gählinge und völlige ersättigung auf ein langes schmachten fällt gemeinlich am leben schädlich, und stürtzt ein gestürtzter hunger nicht selten die gesättigte ins grab J. W. Valvasor die ehre des herzogthums Crain (1619) 3, 2, 131; vgl. auch, im sinne von 'vergelten': den schranc ('betrug'), den schaden wider stürzen, s. Lexer mhd. handwb. 3, 862.
d) in der heutigen alltagssprache nahezu bechränkt auf die terminologisch spezialisierte anwendung 'einen politischen machtträger entfernen, absetzen'; in älterer sprache nur selten von der allgemeineren anwendung (a und b) abgehoben: denn das evangelium schmeist nicht umb sich noch sturtzt die könige Luther 23, 525 W.; der schmalkaldisch bundt werdt stürtzen bapst, kayser Joh. Nas antipap. eins u. hundert 1, 95b; hingegen wäre ein böser herrscher ... sonder gefahr zu stürtzen Lohenstein Arminius 1 (1689) 21a; erstens bin ich ... für alles stürzen und absetzen Fontane I 2, 157; ein bündnis mit dem gestürzten unterdrücker Meinecke leben d. gen.-feldm. v. Boyen 2, 21; ihr sagt: wir bleiben um jeden preis, und ich sage euch: wir stürzen euch auf alle fälle Hitler rede, in völk. beob. (1932) sondernr. 22; ebenso mit unpersönlichem object: wenn wir ihm heut den rücken kehren, so stürzen wir das ministerium Bismarck ged. u. erinn. 2, 19 volksausg.; es ist minder gefährlich, die regierung zu stürzen, als sich über sie zu beklagen Moltke ges. schr. u. denkw. 2, 121; den senat stürzen hiesz ... seine wesentliche competenz ihm entziehen Mommsen röm. gesch. 2, 112; ein kaiserliches haus wurde gestürzt A. v. Haller Alfred (1773) 3, 100; wer tyrannei stürzen will, muss ihr dienen Börne ges. schr. (1829) 6, 201; gelegentlich auszerhalb des speziell politischen gebietes, von hier aus übertragen: und nahm in wenig tagen den platz des gestürzten günstlings ein A. G. Meiszner skizzen (1778) 1, 12; durch sie versuchte die cabale den jungen componisten zu stürzen O. Jahn Mozart 1, 212; da hat man nun ... auf seine alten tage sich mühsam von der jugend, welche das alter zu stürzen kommt, seines eigenen bestehens wegen abgesperrt Göthe gespräche 3, 147 Biedermann.
4) vereinzelt ohne das moment des nach unten beförderns des gesamten körpers, also nicht nieder stürzen, sondern umstürzen, etwa im sinne von 'fällen'; von 'umkippen' (A 2) unterschieden durch das überwiegen der allgemeinen bedeutung 'entmachten, zerstören': das got die tantzgesellen und metzen mit pestilentz auf dem tantzplatz schlecht und stürtzt M. Ambach von tantzen (1543) d 3b;

sonder ein schneller wind ihn stürtzet,
sein leben durch den todt abkürtzet
Spreng Äneis 121a;

und nahm den schweren, langen, starken speer,
womit ihr arm danieder stürzt die reihn
der helden
Bürger 67 Bohtz;

der verschlossen unnd unrein luft aber den menschen ehist sturtzet und tödtet Guarinonius grewel d. verw. (1610) 491; hierher das compositum stürzdenkerl: dasz es (das bier) aber den leuten in die köpffe steiget und sie nieder wirft, darumb nennen sie es stürtzdenkerl H. Knaust kunst bier zu brauen (1614) 33; störtz den kerl bezeichnung einer biersorte Fischart Gargantua 86 ndr. besonders von bauwerken und bäumen: als er nun in das

[Bd. 20, Sp. 709]


land kame, verzohe er immer zu, die schlösser zu stürzen S. Franck Germ. chron. (1538) 115b;

Davidt den groten Goliat dat hövet kunde körten,
so mut ik mannichen hogen torn mit gades hülpe störten (1564)
H. Ziegler geschützinschriften 43;

bald stürtzt er wieder türm und mauern
Drollinger gedichte 21 Spreng;

gott, deine starke faust
stürzt das gebäude der lüge
Körner 1, 136 Hempel;

gott lässts nicht zu, dasz die bäum den himmel vorm liecht stehen ... die grosze sturmwind stürtzen sie Lehman flor. polit. (1662) 1, 182; wo der donnersturm die ceder stürzt Klopstock oden 1, 125 Muncker-Pawel.
II. intransitiv, 'heftig fallen'. seit dem ahd. bezeugt, s. unten B.
A. 'umfallen, einfallen', ohne eigentliche abwärtsbewegung des gesamten körpers.
1) von lebewesen im sinne von 'umfallen, hinfallen'; in der verbindung hinstürzen:

do er mit manigen meinen
dem tivel gediente manigen tac,
do gie über in der gotes slac;
got sein leben churzte,
gahes endes er hin sturzte
Heinrich v. Veldeke Servatius 3404;

fallen ist der sterblichen loos. so fällt hier der schüler,
wie der meister; doch stürzt dieser gefährlicher hin
Göthe 1, 359 W.;

vom fallen des im kampfe getöteten oder verwundeten: unde dar storte hertich Magnus van Brunswic mit velen eddelen luden und wart begraven städtechron. 36, 33;

balt hup sich ein gross schissen an,
dardurch vortarb manch krigesmann.
es schturtzt vil volcks auf baider seit
Mich. Friedwald apweichung der lande Preussen (1578) Bb 4a;

dasz mir nicht zuerst mein vater
mag begegnen, denn ich stürze
ihm, oder er mir im kampfe
Tieck schr. 1 (1828) 391;

er stolperte über einen stein, der im wege lag und stürzte Seb. Brunner ges. erz. u. poet. schr. (1864) 1, 34; ohne ihn (gott) kommt man nicht weit. man stolpert und stürzt früher oder später G. Hauptmann eins. menschen (1891) 88; meistens vom pferde, reiter und beiden zusammen, etwa im sinne von 'straucheln', jedoch auch verbunden mit dem sinn, dasz der reiter vom pferde herunter fällt: indem ich über den graben setzen wolte, kam ich zwar über, allein ich stürtzte mit dem pferde Ettner med. maulaffe (1719) 250; der vermeinte Römer mit dem stürtzenden pferde ohnmächtig zu boden fällt Lohenstein Armin. (1689) 1, 2; baw nu eyn leyplich statt der kirchen und reyt feyn eynher, sicht dich aber fur, das du nit auf dem plan stürtzist Luther 7, 686 W.; die gott ... auf die fuhrstrasse will laufen und stürtzen lassen Mathesius Sarepta (1571) vorrede 1a; heute früh stürzte ein husarenoffizier, leutenant Ribbek, vor unserm hause, er setzte sich wieder auf Moltke ges. schr. u. denkw. 6, 97; ich stürzte noch über und über mit dem pferde Göthe I 43, 258 W.; wenn manches rosz gegen der sonnen geht, so läufft es immer und strauchelt, stürtzt darnach gar zu boden Martin Böhme roszartzney (1618) 103; terminologisch vom zusammenbrechen des getroffenen oder verunglückten wildes, s. Kehrein waidmannsspr. 289: der hirsch stürtzet, ... nicht: er fällt Döbel neueröffn. jägerpract. (1754) 1, 19; ebenso: dem Greger ist ein lamm gestürzt, hinten beim schwarzen stock Stifter sämtl. w. 2, 21 S.; hierher auch:

wo der verfolgte hirsch gestürzt zu boden fällt
v. König gedichte (1745) 47.

hierher dem sinne nach auch die wendung zu boden stürzen, jedoch formal B gleichstehend: Granvella war zu boden gestürzt, aber noch stand sein anhang Schiller 7, 136 G.; das entsetzte ihn, dasz er tot zu boden stürzte Fontane ges. w. I 1, 70; dasz dieser ... oft blutend zur erde stürzte Cl. Brentano ges. schr. (1852) 4, 102; do sein

[Bd. 20, Sp. 710]


rosz gewundt nider fiel, stürtzet er mit jm z der erden Carbach Livius 215b.
2) von bauwerken 'einfallen, in sich zusammenfallen', in der alltagssprache meist in den entsprechenden compositis:

würdige prachtgebäude stürzen,
mauer fällt, gewölbe bleiben
Göthe 3, 122 W.;

es kann ein obeliskus stürzen,
um einem höhern geist die zeit zu kürzen
Lenz gedichte 177 Weinhold;

als die hölzernen streben wichen, stürzte das ganze schlosz übern haufen J. J. Chr. Bode Montaigne (1793) 1, 45;

und das gewaltige haus des friedens stürzte zu trümmer
Waiblinger ged. aus Italien 2, 81 Grisebach;

die mauern der stadt ... wurden an mehreren stellen unterminirt, und mit so günstigem erfolg, dasz in kurzer zeit lücken stürtzten Droysen gesch. Alex. 412. ähnlich vom brechen, fallen des baumes: grosse bäum können gleich angesichts übern haufen stürtzen Lehman flor. polit. (1662) 1, 375; ferner liegt noch da und dort das weisse gerippe eines gestürzten baumes Stifter s. w. 1, 213 S.
B. 'niederfallen, von oben nach unten fallen', meist durch verbindung mit präpositionen und adverbien als bewegung mit einem endpunkt oder ziel charakterisiert.
1) vom menschen und festen bewegbaren körpern im sinne einer wirklichen abwärtsbewegung:

do was er worden also chranch,
daz er stortzet ab der banc
Wittenweiler ring 2608 Wieszner;

sus heten si gevohten,
daz diu ors niht mere enmohten:
do sturzten si dar under,
ensamt, niht besunder
Wolfram v. Eschenbach 211 Lachmann;

als er sich zu hart uberburtzt,
und mit rab an den dennen sturtzt,
und fiel leichnamhart auf sein lend
H. Sachs 21, 149 G.;

der schieferdecker ist vom dach gestürzt
Schiller 14, 293 G.;

(du) mit deim pferd von der steinklippen stürtzest Weidner weisheit (1633) 3, 18; er ist vom pferde gestürzt W. Alexis hosen (1846) 1, 315; Ernst stürzte aus allen seinen himmeln Moltke ges. schr. u. denkw. 1, 84; ein schwerer ofenstein stürzte auf Dortchens fusz Jac. Grimm an Dahlmann in briefw. 1, 261 Ippel; meistens in der verbindung mit in: daz ih in den mere nesturze, er ih in uberfliege Notker 2, 577 Piper; also jagheden se do rechte over dat lant unde storteden in de graven städtechron. 19, 438; dasz er darüber zu seinem tödtlichen untergange herab in die see stürtzen muste Neumark neuspr. teutsche palmb. (1668) 78; Thalberg stürtzte sammt einem theile des höltzernen geländers über 12 bisz 15 ellen herab in den garten Schnabel irrgarten d. liebe (1738) 164;

und würd ich (Sol) finster, ruhig, kalt,
stürzt alles in die nacht
Göthe 16, 207 W.;

und schnell reiszt er die rüstung von der wand,
doch der entwöhnte arm kann sie nicht tragen,
und furchtbar klirrend stürzt sie in den sand
v. Droste-Hülshoff 2, 197;

aber der korb fiel ... und stürzte grade zwischen den kardinal Farnese und herrn Jacob Salviati hinein Göthe I 43, 105 W.; während sie sich den zopf wieder aufsteckte, der ihr vorhin in den nacken gestürzt war Storm w. (1899) 5, 89. in mancherlei anfänglich (bei Notker) noch rein bildhaften übertragungen, später oft einfach im abgeblaszten sinne von 'wohin geraten', jedoch mit stetem festhalten der vorstellung einer abwärtsbewegung: decidat sturze in den dot Notker 2, 378 Piper; so ist es der stab der hoffnung, die dich uffenthalte und behüte, das du infallest und stürtzest in den ewigen tod Keisersberg bilgersch. (1512) 21c; diu falla gefahe sie ... unde in den selben strich sturzen sie (et in laqueum cadant in ipsum) Notker 2, 117 Piper; Karl ... stürzt in exzesse und schulden Schiller 2, 354 G.; in freisige geluste sturzen sie (sc. sundige), die ze hello leitent Notker 2, 26 Piper;

[Bd. 20, Sp. 711]


wan sy fallen gar bald darnider und stürtzen wider in alt weyse und gewonhayt Tauler sermones (1508) 55b. in der verbindung mit auf schreitet die verblassung gelegentlich noch weiter fort: su sigent darnieder vil schiere und sturtzen uf ir alte gewonheit und uf lust der naturen Tauler pred. 82 Vetter; wante de stortinege (= anfall einer erbschaft) ende de stervincge der vryen graschap nicht oppe greven Conrades suster kinder storten en mochte hans. geschichtsqu. 3, 340; anders:

und ihr haupt,
dem seines armes stütze sich entzog,
stürzt auf das küssen
Lessing 3, 7 L.-M.;

o gottgebeugte! welch ein jammer stürzt auf dich?
Göthe 41, 2, 47 W.;

sie versuchte sich aufzurichten, aber ohnmächtig stürzte sie auf ihr angesicht Schiller 3, 569 G.
häufig auch ohne richtungsangabe: ganze centnerlasten müssen unter ihrem (der gemse) flüchtigen hufe weichen und stürzen H. v. Barth Kalkalpen 138; o wie schaudert mich, diesen fall in gedanken noch einmal zu stürzen! Lessing 2, 358 L.-M.;

die engel stritten für uns gerechte,
zogen den kürzern in jedem gefechte;
da stürzte denn alles drüber und drunter
Göthe 5, 139 W.,

dann meistens abstracter: aber stirbt das genie, so stürzt der geschmack nur desto schneller und unaufhaltsamer Schubart ästhetik d. tonkunst (1806) 58;

das alte stürzt, es ändert sich die zeit,
und neues leben blüht aus den ruinen
Schiller 14, 383 G.;

der grosze stürzt: seht seinen günstling fliehn,
der arme steigt und feinde lieben ihn Shakespeare (1797) 3, 251.


2) stürzende sucht in gleicher bedeutung wie fallende sucht, fallsucht, nur vereinzelt, s. Schiller-Lübben 4, 416: das dieser Mahometh sei ohn allen zweifel, durch sonderliche straf gottes, mit der stürtzenden sucht oder fallenden siechtagen ... befallen und geplagt gewesen M. Heinrich Knaust vom geringen herkommen Mahomets (1593) 231; stortende siechte, vallende siechte Kilian (1605) 535.
3) den hals stürzen im sinne von den hals brechen, vielleicht zu 1 als verkürzung von stürzen und dabei den hals brechen; doch weist die ständige construction des verbums mit haben sowie gelegentliche verbindung mit äuszerem object (s. u.) auf zusammenhang mit I A, etwa als 'den hals nach unten kehren'. bezeugt im älter nhd. bis ins 17. jh.; auch, noch in jüngerer zeit, (sich) den hals abstürzen, jemandem den hals abstürzen, s. teil 1, 136; Sanders 3, 1261; Martin-Lienhart 2, 616. — in präpositionalen wendungen 1 am nächsten stehend: da sie nun auf die newe stadt auf den Tye gekommen, sol Peter Odilien sohn vom gaule den hals gestürtzt haben M. Dreszer sächs. chron. (1596) 323; bis er aus der höhe herunter den hals stürtzt Butschky Patmos (1677) 978; hatte ein calendermacher ... den tag zuvor die treppe herunter den halsz gestürtzet Joh. Riemer polit. maulaffe (1679) 27; einfach: sie werden mit solcher feyner klgheyt etwas ausrichten, nemlich das sie den hals stürtzen und lant und leut in jamer und not bringen Luther 11, 270 W.; (die selbstmörder) stürzen den hals, fallen in ein wasser, messer C. Huberinus mancherlei form zu pred. (1557) 185b; fällt also dieser vorwitzige und unglückselige näscher etliche 50 ellen hoch hinunter und stürtzet den halsz die schädl. hurenliebe (1692) 22; do rende des sulven cremers sone up einen groten perde und schot dar af und storte den hals entwei städtechron. 7, 185; mit äuszerem object: die ... gen himel zu klettern und nach gott tappen, bis sie darüber in selbs den hals sturtzen Luther 32, 325 W.; so wohl auch: begert, ich sol auf sie steigen, und ob ir reiten, darmit sie mich dester ehe könte abwerffen und den halsz stürtzen C. Huberinus christl. ritter (1558) d 8. in dem jüngsten zeugnis der wendung wohl secundär an das transitive vb. angeglichen:

[Bd. 20, Sp. 712]


man schlachtet bey dem jubelthon
und bindet auch die thiere schon,
dasz ihren hals das messer stürtze
Hagedorn vers. einiger ged. (1883) 24 ndr.


4) in verschiedenen anwendungen jüngerer zeit wird das fallen weniger passiv als activ, als eigenbewegung des subjects vorgestellt; die grundbedeutung 'fallen' bleibt jedoch dadurch rein erhalten, dasz die bewegung in ihrer besonderen heftigkeit als von einem tragenden subject nicht beabsichtigt vorgestellt wird; dabei bleibt die grenze gegen C, besonders 2, schwankend.
a) vom abwärtsflieszen oder besonders heftigen flieszen des wassers u. ä., vgl. in der ma.: dat water störtd afer de dîk ten Doornkaat-K. ostfries. 3, 330; im 17. jh. erst vereinzelt: aber das wasser von zweyen oberen rädern herab flieszend, nemen zwo breite gerinne an sich, aus welchen sie in die undere räder stürtzendt Ph. Bech Agricolas bergwerkb. (1621) 260. in fester anwendung von mit gefälle flieszenden wasserläufen:

fürstengaben sind wie bäche, stürtzen immer gegen thal
Logau sinnged. 251 Eitner;

so stürzen die ströme
im schneeschmelzenden lenz von steilen felsen
Lenz gedichte 22 Weinhold;

der bach stürzt gern über die räder Göthe 42, 2, 179 W.;

bezaubert von dem götterschall
wagt izt kein blatt vom baum zu rauschen,
stürzt langsamer der wasserfall
Schiller 1, 28 G.;

man möchte ihn einem frischen, durch und durch lauteren gebirgswasser vergleichen, rastlos daher stürzend Nitzch deutsche studien (1879) 297; wir fuhren durch die Regenspurgische brücke, wo die Donau gewaltig rauschte und stürzte Nicolai reise d. Deutschl. 2, 408; nicht einem strome, einem wasserfalle gleicht hier das leben; es flieszt nicht, es stürzt mit betäubendem geräusch Börne 5, 20; welches wipfelgeräusch, welcher gestürzte bach rauscht sanfter? Gött. musenalmanach (1773) 202; ähnlich, besonders die heftigkeit der bewegung bezeichnend, vom rollen und brechen der meereswogen: und die sonne warf ihre strahlen über die stürzende flut Scheffel ges. w. (1907) 2, 39;

hoch im getöse gestürzter wogen
Klopstock oden 1, 9 Muncker-Pawel;

eine endlose, endlose wuth des erzürnten stürzenden elementes Tieck Sternbalds wanderungen (1798) 2, 324; hierauf beruhend: ein allgemeines geschrei, stürzende flucht ders. gesamm. nov. (1852) 8, 378. — mit etwas stärkerem passiven gehalt vom niederströmen heftigen regens: et störtet Woeste westf. 256;

denn drauszen stürzt ein wilder regen,
gewitter tobt, es heult der wind
Lenau sämtl. w. 472 Barthel;

unter sausendem sturm und stürzendem regen Gutzkow ges. w. (1872) 1, 72; stürzte zur melkzeit ein gewittergusz nieder Voigt-Diederichs auf Marienhoff (1925) 36;

so stürzen auf saat und hütten und flur
die schlossen aus norden
Denis Sined (1772) 110;

vom flieszen der tränen: die thränen stürzten ihr aus den augen Göthe 23, 100 W.; ach sie floszen — stürzten stromweis von dieser mitleidigen wange Schiller 2, 16 G.; und ein thränenstrom stürzte ihr plötzlich über die eingefallenen wangen v. Droste-Hülshoff 2, 277 Schücking; die thränen stürzten mir in die augen E. Th. A. Hoffmann 6, 41 Grisebach;

stromweis stürzen meine tränen
Novalis schr. 4, 103 Minor;

hierher: beim abschied stürzten mir die augen, obwohl ich wuszte, dasz er solche sentimentale scenen gar nicht liebte E. Genast in Göthe gespräche 3, 279 Biedermann; von heftigem bluten: ich traf ihn am abend der schlacht nidergesunken unter kugelgepfeiffe, mit der linken hielt er das stürzende blut Schiller 2, 69 G.; heute: das blut stürzt ihm aus mund und nase; undeutlich: swenne di

[Bd. 20, Sp. 713]


nase locher trifen unde der mensche ein suhtliez sturcen hat ... den selbin sichtum heizint di lute die struche Breslauer arzneibuch 40 Külz.
b) von berghängen im sinne von 'abfallen': senkrecht stürzen die felswände in den flusz Moltke ges. schr. u. denkw. 1, 123; in unmittelbarer nähe drohte die stürzende wand H. v. Barth Kalkalpen 415; links des hauses stürtzt der Blockenstein mit einem vorspringenden pfeiler senkrecht in das wasser Stifter sämtl. w. 1, 253 S.; dort stürzts hinunter, unergründlich dunkel H. v. Barth Kalkalpen 510; hierher auch:

muntre dörfer bekränzen den strom, in gebüschen verschwinden
andre, vom rücken des bergs stürzen sie gäh dort herab
Schiller 11, 85 G.


C. 'eilen'; schnell, ungestüm laufen, meist vom menschen; das fallen (B) wird als active eigenbewegung aufgefaszt, im gegensatz zu B 4 jedoch als auch von der absicht des subjectes getragen. obwohl diese bedeutung auch für das mhd. st. vb. sterzen sowie für frühmengl. sterten bezeugt ist, kann sie im deutschen wegen ihres späten auftretens kaum als direkte fortsetzung alter verhältnisse gelten.
1) in älterer zeit nur im nd. bezeugt:

do (sie) quamin sundir melde
unwizzins gar und von geschicht
gesturzit uf den argin wicht
Nic. v. Jeroschin 13372 Strehlke;

de Denen unde de Holsten storten vake tosamende unde sloghen sik umme de koppe städtechron. 26, 156; wente se (die menschen), als de 8 menden, wolden vor se (die rathsleute) storten ebda 26, 418; noch in der ma.: instorten 'plötzlich hereinstürmen' brem. wb. 4, 1050.
2) modern in breiter fülle entwickelt, seit ende des 18. jh., ohne dasz eine herkunft aus dem nd. nachgewiesen werden kann.
a) in verbindung mit den präpositionen in, von, aus bleibt formal die verbindung mit dem sinn einer abwärtsbewegung (wie B 1) erhalten, gelegentlich auch in der vorstellung: als ein kommando soldaten in die stube stürzte, und beide auf die hauptwache schleppte Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 143; wenn ein reconciliator auch vorübend seinen zweck erreichen wolle, er nicht mit der thür ins haus stürzen dürfe Herder 23, 470 S.; in diesem augenblick stürzte jemand herein und rief: der geist! der geist! Göthe 22, 198 W.; während ... die verweichlichten stadtleute in die schiffe stürzten, um aus Italien zu fliehen G. Freytag 17, 43;

ins gewühl
des lebens stürzt ich, um dich zu vergessen
Z. Werner Martin Luther (1807) 41;

an dem grabe des ermordeten von unwillen und rachlust entflammt und überwältigt, stürzt er sinnlos in die schreckliche that Schlegel pros. jugendschr. 1, 37 Minor; Thekla stürzt in die arme der mutter Schiller 12, 305 G.;

vom felsen stürzt die gemse dort,
enteilet mit den winden
Lenau sämtl. w. 7 Barthel;

alle leute stürzten aus den häusern Moltke ges. schr. u. denkw. 4, 93; nun stürzen aus allen thoren die todesentschlossenen französischen ausfälle Laube ges. schr. 8, 41; Bernd ... geht in den hausflur, im gleichen augenblick kommt Marthel aus der küche gestürzt G. Hauptmann Rose Bernd (1904) 145; ähnlich auch in verbindung mit auf:

und seht ihr leuchten die willkommnen flammen,
dann auf die feinde stürzt, wie wetters strahl,
und brecht den bau der tyrannei zusammen
Schiller 14, 388 G.;

besonders auf einen los, auf einen zu stürzen: stürzte ein schwarm bewaffnetes, mit vielfarbigen lumpen bedecktes gesindel auf ihn los Langbein s. schr. 31, 154; Waller stürzt rasch auf sie zu, und stöszt das messer in ihre brust Tieck schr. (1828) 2, 324; in gleicher vorstellung: sogleich stürzte sie (die spinne) über das unglückliche tier her,

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drehte und wendete es einigemal zwischen den pfoten G. Keller 3, 23;

(der neid) dehnet die klauen
stürzt und schlägt
hinterlistig sie
dir in die schultern
Göthe 4, 185 W.;

auf die knie, in die knie stürzen: da stürzte sie auf die knie, breitete die arme auseinander und schrie Stifter sämtl. w. 5, 1, 329 S.; in staub liegt sie vor ihm ... gestürzt auf knieen H. v. Kleist 2, 197 E. Schmidt; der alte mann stürzte in die knie und warf sich jammernd über ihn Storm w. (1899) 2, 269. — übertragen: wann? stürzte ich ihm heftig ins wort Schiller 4, 200 G.;
b) in anderen präpositionalverbindungen geht auch formal die erinnerung an eine abwärtsbewegung verloren: sie stürzen nach den schiffen, die abfahrt zu beschleunigen Göthe 41, 1, 268 W.;

alles volk
stürzt, ihn zu sehn, an seinen weg
Göthe 9, 297 W.;

mit heiszen thränen stürze ich an seine brust Immermann 2, 106 Boxberger; sie stürzt mir um den hals Göthe 37, 30 W.;

zur werkstat stürzet er; die lampe zücket,
im tiegel fluthet der metallne brei
Adolf Stöber gedichte (1842) 87;

die vier mühlknechte stürzen erschrocken auf die bühne Nestroy ges. w. (1890) 2, 34; er stürzte die treppe hinauf A. v. Arnim 3, 448 Grimm; jedoch im sinne einer abwärtsbewegung: (er) stürzt ihr plötzlich zu füszen H. L. Wagner theaterstücke (1779) 72.
c) gelegentlich ohne richtung auf ein ziel, lediglich die heftigkeit einer bewegung bezeichnend: das volk stürzte nur einen weg; sie folgten dem zuge F. M. Klinger (1809) 3, 188; mehr darf ich nicht sagen, denn die stunde stürzt hin Göthe IV 33, 57 W.;

es bricht mein herz, und alles was ich denke
stürzt gegen wahnsinn, sucht den ausweg dort
Tieck schr. (1828) 3, 341;

er stürzt rascher durchs zimmer, dann steht er wieder still Schiller 3, 449 G.; die Millerin stürzte auszer sich durch den vorsaal ebda 3, 470; schimmernd stürzte das grün überall durch geöffnete fenster G. Hauptmann Anna (1921) 26.
III. reflexiv. die häufige wendung sich stürzen beruht auf verschiedenen grundlagen; die formale gleichheit läszt jedoch in der modernen sprache die grenzen sehr schwankend erscheinen.
1) in anschlusz an I B; das reflexivpronomen ist lediglich äuszeres object, so dasz kein echter reflexiver gebrauch des vb. vorliegt; die vorstellung einer abwärtsbewegung bleibt erhalten; im älter nhd. gut bezeugt, fast ausschlieszlich in der wendung sich stürzen in; der charakter des äuszeren objectes am deutlichsten in verbindung mit selbst: sich selbs abhin stürtzen Frisius (1556) 826;

(ein schwimmer) der sich selbs in das wasser stürtzt
Spreng Ilias (1610) 164b;

was den kalten bösewicht Wurm bewegen kann, sich selbst in das verderben zu stürzen O. Ludwig 5, 294; eines fremden landes wegen sich selbst in gefar stürzen Heilmann gesch. d. pelop. krieges (1760) 325; meist bleibt die verbindung zu I B dadurch deutlich, dasz in den verschiedenen anwendungen an stelle des reflexivpronomens ebensowohl ein anderes object gesetzt werden kann: haben sich ... seinetwegen mit den köpfen in die mäntel gewickelt und von einem felsen ins meer gestürtzt Grimmelshausen 4, 605 Keller; die ander ... sich der vorigen ursachen halben ouch tet stürtzen in das mere und ertrencken N. v. Wyle translat. 327 Keller;

die schmach erlitten sie trawrig
von dem tyrann, dass etlich sich
zu todt stürtzten, ein theyl sich henckten
H. Sachs 16, 256 K. G.;

ich kann ohne diese freundschaft doch nicht leben: ich stürze mich in den tod H. v. Kleist 5, 301 E. Schmidt; links Thisbe über dem toten Pyramus sich in das schwert

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stürzend Stainhöwel de claris mulieribus 54 lit. ver.; dasz alle übrigen, die ihre hand nicht erhielten, in ihre säbel sich stürzen sollten F. M. Klinger theater 3, 124. indem der charakter des reflexivpronomens als äuszeres object verblaszt, wird die handlung in dem gleichen masze stärker rückbezüglich empfunden. ohne dasz formale änderungen eintreten, liegt damit schon der gleiche sinn wie in 2 vor; am frühesten in den übertragenen anwendungen:

und dient dein gram sonst nirgend zu,
als dasz du dich aus deiner ruh
in angst und schmertzen stürtzest
und selbst das leben kürtzest
P. Gerhard bei
Fischer-Tümpel 3, 368a;

lieber eher den kauf gantz ausschlagen, als sich in sothane egyptische dienstbarkeit eigenwillig stürtzen v. Hohberg georg. cur. (1682) 1, 15;

der sich in heisze noth und tiefen kummer stürtzt
A. Gryphius trauersp. 30 Palm;

das unglück, darein man sich und andere gestürtzet Chr. Wolff vernünft. gedanken v. gott (1720) 259; ew. exzell. geben ja wohl dem patienten den erlaubniszschein, sich ins unglück zu stürzen, aus dem er nicht zu retten ist Göthe IV 29, 3 W.; in moderner zeit auch in den eigentlichen anwendungen: erhenk dich! stürz dich in bronn! maler Müller 1, 343;

und schreckte dieses jammervolle beispiel
die rasenden zurück, die sich wetteifernd
um ihretwillen in den abgrund stürzen
Schiller 12, 403 G.;

da scholl vom kirchturm 'eins' herab,
da stürzten die geister sich heulend ins grab
Heine 1, 27 Elster;

werf ich die kleider ab, stürze mich in den flusz, schwimme unterm wasser fort Schiller 2, 92 G.; während sich die küken ins wasser stürzten und fortschwammen Fontane I 5, 188; in bildlichen wendungen bleibt der anschlusz an I B deutlicher: wir aber stürzen uns lieber in die wirbel der geschichte Eichendorff sämtl. w. 2 (1864) 201; kraftgenies, die sich nun glücklich in das meer der vergessenheit gestürzt haben Fr. Schlegel in Athenäum 1, 2, 84.
2) in jüngerer zeit von handlungen, die ihrem sinne nach das subject nur auf sich selbst, nicht auf ein anderes object richten kann; daher sich an II C eng anschlieszend; das reflexivpronomen hat nicht mehr den charakter eines eigentlichen objectes, sondern bewirkt gegenüber dem gebrauche von II C eine schärfere betonung der handlung als einer vom subject beabsichtigten:
a) in gewissen präpositionalverbindungen, am häufigsten sich stürzen in, wird formal die verbindung mit dem sinne einer abwärtsbewegung aufrecht erhalten: die mägde ... erschraken demnach aufs heftigste ... und stürtzten sich mit einem weibischen geheule in das unterhausz Thomasius ged. u. erinn. (1720) 2, 337; (eine kohorte) verliesz die legion ..., stürzte sich in drey nachen, warf die treulosen schiffer ins meer Klopstock gelehrtenrepublik (1774) 243; im fremden lande, in das ich mich ... gestürzt habe Göthe IV 8, 127 W.; manchmal fuhr ein verstörter waldvogel aus dem gebüsch, sich erschrocken in wildem zickzack in die nachtluft stürzend Eichendorff sämtl. w. (1864) 3, 427 Kosch-Sauer;

ist sie unbelauscht allein,
stürzt ihr aug sich in den spiegel,
schwelgt in ihrem wiederschein
Lenau sämtl. w. 288 Barthel;

jetzt stürzt sie sich ins gewühl E. Th. A. Hoffmann 14, 151 Grisebach; ich stürze mich mitten unter die ungläubigen haufen Thomas Abbt verm. w. 2, 69;

und von grimmer wogen spitze
stürzt geborsten sich das schiff
Eichendorff sämtl. w. (1864) 1, 632 Kosch-Sauer;

würde sich ... schnell in die weitgeöffneten arme des wackern mannes gestürzt haben W. Raabe hungerpastor (1864) 1, 163;

wie getrennte geliebte nach lang entbehrter umarmung
in die arme sich stürzen
Hölderlin 1, 44 Litzmann;

[Bd. 20, Sp. 716]


häufig mit abstractem ortsausdruck:

stürzen wir uns in das rauschen der zeit,
ins rollen der begebenheit
Göthe 14, 84 W.;

der sohn ... stürzte sich über hals und kopf in das abenteuer ebda 24, 86; in unserer jugend haben wir auch solche streiche gemacht, mit heiler haut, ohne zweck und noth, uns in gefahr zu stürzen IV 33, 238; und stürzte sich mit ... eifer ... in die vorbereitungen zu dem festlichen tage W. Raabe hungerpastor (1864) 3, 214; sich in die arbeit stürzen: sich hals über kopf in seine neue studien zu stürzen Spielhagen 1, 149; mit stärkerem hervortreten der vorstellung einer abwärtsbewegung: stürzen sie sich in keine heimatlosigkeit wieder Dahlmann in briefw. zw. Jac. u. W. Grimm, Dahlm. u. Gervinus 2, 235 Ippel; dasz ich für mädchen mich in schulden stürze Gaudy 1, 161; sich für dergleichen in unkosten zu stürzen W. v. Polenz Grabenh. 1, 232; in poetischer personifizierung wird die verbindung mit dem reflexivpronomen, das das subject als ein persönliches, absicht tragendes erscheinen läszt, auch da gewählt, wo die umgangssprache den intransitiven gebrauch hat; besonders von flüssen und bergen (wie II B 4): an die Lippe, welche an der lincken seiten beyweg fleust, und sich flugs in den Rhein stürzet Prätorius winterflucht (1678) 32;

der strom den hirten jagt,
sich in die thäler stürzt, und immer weiter rücket
v. König gedichte (1745) 9;

und wo im felsengrunde
der eingeklemmte flusz
sich schäumend aus dem schlunde
auf räder stürzen musz
Göthe 3, 41 W.;

wo ... von hohen felswänden sich schäumende bäche stürzen 24, 367; den von klippe zu klippe, von platte zu platte in die tiefe sich stürzenden felspfad 29, 117; die berge selbst stürzen sich in und um die stadt H. Laube ges. schr. 8, 183.
b) in präpositionalverbindungen, die auch formal die vorstellung einer abwärtsbewegung aufgeben:

dasz ich mit ungeduld zu dir mich stürze
Göthe 1, 426 W.;

so stürzen sich ganze heerden
zu ihren füszen; sogar im bassin die fische 2, 87;

schaudernd, will er mich umfassen,
stürz ich mich an seine brust
Müllner dram. w. (1828) 2, 38;

da alles blut in seinem körper sich nach seinem kopfe stürzte J. J. Chr. Bode Tristram Schandi (1774) 3, 16; noch denselben mittag stürzte sich die wüthende schaar von der citadelle aus gegen die verschanzungen Moltke ges. schr. u. denkw. 2, 19; vereinzelt schon alt:

so hebt er (der walfisch) sich auf dem meer,
die schiff mit ungestum uberpurtzt
und sich damit zu grunde sturtzt,
vil sants auf den ruck mit auf furt meisterlieder Berliner hs. fol. 23, 189;

in fester anwendung sich auf einen stürzen, vgl. dagegen auf einen zu stürzen (sp. 713): gleichnis vom löwen, der sich auf ungehütetes kleinvieh stürzt Göthe 41, 1, 288 W.; allem trotzend, stürzt sich die begierde auf ihren gegenstand Moltke ges. schr. u. denkw. 2, 225; ebenso: (er) stürzte sich ohne zögern über den feindlichen anführer Holtei erz. schr. 14, 82.
c) selten ohne nennung eines ziel- oder ausgangspunktes, von der heftigen, jähen bewegung selbst, meist im sinne von 'sich überstürzen': (ein) wiesengrund, durch welchen sich eine klare quelle bald stürzte, bald ruhig laufend schlängelte Göthe 25, 156 W.;

reiszende, tiefe ströme, die ihr euch gewaltig daher stürzt
Giseke poet. w. (1767) 21 Gärtner;

nun stürzte und hastete sich Elsbeth, in kurzen worten die geschichte zu erzählen W. Alexis Roland (1840) 33; ich hüte mich, und meine fehler stürzen sich nicht mehr wie gebirgswasser einer über den andern Göthe 24, 10 W.; poetische list, ... ein unreifes lächeln, alles das stürzt sich über und durch einander H. Laube ges. schr. 8, 19.
3) schon älter nhd. ist echter reflexiver gebrauch bezeugt in der bedeutung 'die richtung, den neigungswinkel ändern'

[Bd. 20, Sp. 717]


vom gange im bergwerk, s. Mothes baulex. 4, 288: wenn er oben tonlegig und tiefer unten seiger fällt, sagt man: der gang hat sich gestürzet bergm. wb. (1778) 541; denn die genge winden, schlingen und stürtzen sich in der erden wie ein schlang Mathesius Sarepta (1571) 31b; felt der gang seiger und gewint drauf ein danleg oder stürtzt er sich, so wil mans für besser achten, denn wenn er gar zu flach felt Mathesius ausgew. w. 4, 208 Lösche; wenn ein gang donlege niederfället, so saget man: der gang stürtzt sich ins hangende oder liegende Hertwig bergbuch (1734) 389b.
4) ganz vereinzelt steht im älter nhd. reflexiver gebrauch vom straucheln, fallen des pferdes: wie einem unbändigen pferdt der ziegel gelassen und aufgeschlagen wirt, bis sichs müde geläufft und abgerennt, oder sich stürtzt und zu grunde geht G. Nigrinus anticalvinismus (1595) 170; mag es sich (das pferd) im anstosz (beim straucheln) tödtlich stürtzen J. Fayser hippokomike (1623) 201.
 
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stürzen, vb. , in den gleichen bedeutungen wie sterzen (s. d.). das von anfang an nicht häufige sterzen schwindet im laufe der nhd. entwicklung noch mehr; diese seltenheit des wortes führte zu verschiedenen vermischungen mit dem allgemein gebräuchlichen 1stürzen; die mischung wurde gestützt durch die lautliche nähe zwischen sterzen und 1stürzen, besonders in den mundartlichen entsprechungen von 1stürzen (sp. 698), sowie durch die ähnlichkeit in der bedeutung der beiden verwandten wörter.
1) aufrichten, steil emporrecken: er wiehert und spitzt die ohren und stürzt den schwanz doch immer noch, wenn er eine trompete hört A. G. Meiszner Adolph der kühne (1792) 1, 17; das pferd stürzt die ohren Schmeller-Fr. bair. 2, 787; in fester anwendung: messer, schwerter u. s. w. stürzen 'zücken', im älter nhd. öfter neben sterzen beim gleichen autor: Esaw geet drutzig ausz, stürtzt die wehr H. Sachs 1, 100 Keller, späterer druck stertzt; solten sie ihm noch nicht feind sein, solten sie nicht rach uber es schreien und fluchen, fewer schüren, degen stürzen und buchsen wüschen, dasz sie ihm wider den garaus mächten G. Nigrinus papist. inquisition c 1b; weltweise leut, sonderlich was ein wenig nach der hofsuppen reucht, das degelin stürtzen kan, wollen wie Ahas allen geistlichen kirchengewalt in ihren henden haben S. Artomedes christl. auslegung (1609) 1, 97; öster bei Luther, s. Franke schriftspr. Luthers 3, 150: so sage mir: wer ist hie der erst, der das messer stürtzt und zückt? 30, 3, 456 W.; dagegen störzen 460; sterzen 10, 3, 6; auch storzen: solches adels und junckern ist Deutschland ytzt vol, die yn den bierheusern pestilentzen und veytstansen und nur das messer stortzen konnen widder arme, elende, wehrlose leute 19, 605. hierher störzmesser 'raufbold', der das messer zückt, s. teil 10, 3, 448. — auch intransitiv im sinne von 'steif stehen':

ein schwert sie auf der seiten tragn,
das mus da stürtzend stahn (ca. 1600) hasenjacht a 4b.

ähnlich, in der grundbedeutung 'steif hinstellen', die arme in die seite stürzen 'in die hüften stemmen': zu derselben sagte Clawert kein wort, sondern stürtzet beide hende in die seiten B. Krüger Clawerts werckl. hist. 47 ndr.; die arm sollen sie in die seiten stürtzen, keinen menschen weichen, niemand grüszen Joh. Sommer ethographia mundi (1614) 1, c 1a;

wenn ich mich also nach dir umb sich,
kanstu nicht züchtig neigen dich,
die arm stürtzen vnd wacker sehen?
J. Ayrer 1957 lit. ver.;

anders dagegen die ärmel stürzen (sp. 701). — hierher auch: gestürtzte, starrende und unverwanckte augen rigentes oculi Frisius (1556) 1163a; im wortspiel:

und listig stürzen sie (die gottlosen) herumb
die blick, uns in das grab zu stürzen
Weckherlin ged. 38 lit. ver.


2) stutzen, beschneiden, vgl. die rosse sterzen (am schwanz) Seuter bei Fischer schwäb. 5, 1741: hat runde augen gehabt, ein zugespitzte und unter sich gebogne

[Bd. 20, Sp. 718]


nasen, ein fast viereckicht angesicht, gleich mit einem breiten gestürtzten bart M. Christ. Irenäus von seltsamer wiedergeburten (1584) t 1a; mundartlich sturzen 'einem baum die kronen abhauen, einem vogel die flugfedern oder den schwanz stutzen' Martin-Lienhart 2, 616.
3) den pflug stürzen ihn zum pflügen bereitstellen, indem man ihn am sterz (vgl. 3sturz 2) umwendet: einen gestürtzten pflug oder desselben schar in einer hand (sinnbild des monat mai) Harsdörfer gesprächsp. 8, 115.
4) 'vagabondieren, müszig umher streichen', heute im schles. und bair.-österreich., den beiden hauptverbreitungsgebieten des gleichbedeutenden sterzen (s. d.), störzen, 1storzen (s. teil 10, 3, 447). im älter nhd.:

du schelm, du laufst im land herumb ...
stürtzt du doch auch im landt herummen
Ayrer 407 lit. ver.;

wie es ihm seithero ergangen, wo er bishero in der welt herum gestürzt, wo sein vatterland wäre Grimmelshausen 3, 65 Keller; schämst du dich nicht, das land als eine bettlerin zu durchstürzen Jucundissimus (1680) 23; in der verbindung stürzen gehen: komst du späht anheim, so saget si (dein weib), du gehest stürzen Butschky hd. kanzelley (1659) 571; in Österreich specieller stürzen gehen die schule schwänzen, s. Hügel Wiener dial. 160: ja, sag mal, ist denn heut kein schul? am end gehst du stürzen, und ich halt da mit Anzengruber 2, 163; in gleichem sinne: ein- oder zweimal hatte ich die schule gestürzt, weil es mir nicht möglich war, die barfüszlein von vaters erdgrund loszubringen Rosegger III 5, 219; vgl. in gleicher bedeutung stürza dreha Sartorius Würzburg. 183; auch einfach stürzen müszig herumgehen, s. Loritza vienn. 129; Lexer kärnt. 245; in Schlesien besonders von der magd, die den dienst verläszt, im sinne von 'fortziehen', vgl. mitt. d. schles. ges. f. volksk. 24, 83: die magt stürtzt ancilla alio commigrat Steinbach (1734) 2, 762.

 

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21) sturmgesträubt
 ... sturmgesträubt , adj. : ein sturmgesträubter tann R. Dehmel ges. w. 2, 248 .
 
22) tann
 ... tann , s. tanne .
 
23) tann
 ... tann , m. ein weiter wald ( vgl.
 ... die jeger jagten in dem tann. Rebmann 186 ;
 ... das kriegend hölden - volk, dasz in dem tann gewohnt, hat in abgötterei seins bluts auch nicht
 ... eingeführt: wer suchen will im wilden tann, manch waffenstück noch finden kann. Uhland
 ... im felde oder im tiefen tann. Simrock volksb. 1, 211 ; der
 ... volksb. 1, 211 ; der hauste im dunkeln tann Scheffel Ekkeh. 324 ;
 ... 324 ; selbst wenn den höchsten tann zersplittert der wetterstrahl in meinem schosz
 
24) tann
 ... tann , m. spätmhd. und frühnhd. tan, boden
 
25) tannast
 ... tannast , m. tannenast schweiz. idiot. 1, 575, tann - , tannenast Wander sprichw. 4,
 
26) tännchen
 ... tännchen , n. dim. zu tann und tanne, vgl. tännlein.
 
27) tanne
 ... f. abies, eigentlich der waldbaum ( s. tann und tannbaum 1), ahd.
 ... roth - , schwarztanne u. a.: abies haiʒt ain tann und ist ze latein vil gesprochen sam ain aufgängel,
 ... dem gemainen namen abies; aber sie sprechent, daʒ diu reht tann under den drein die alleredelst sei, wan diu hât daʒ
 ... diu hât daʒ allerweiʒist und daʒ allerlüftigst holz. 314, 12; tann ist ein groszer baum; ... sie werden nit gearbeitet und
 ... 7 § 1. 5) tannenwald ( s. tann): ich pflege meinen gang nach der tanne zu haben, weisz
 ... 6) die zusammensetzungen bilden sich eigentlich mit tann - , tanne - , uneigentlich mit tannen -
 
28) tannenbaum
 ... plattd. dannebôm. 1) waldbaum ( s. tann): ein eichen, ein tennen tanpaum Tucher baumeisterb.
 
29) tännlein
 ... tännlein , n. , demin. zu tann und tanne, vgl. tännchen : da
 
30) tannmark
 ... tannmark , n. , schweiz. tann - , tannenmark, valeriana offic. Campe. Pritzel
 
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