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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
anstreichen bis anstrich (Bd. 1, Sp. 491 bis 493)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) anstreichen , illinere, inungere, attingere, nnl. aanstrijken, früher mit dopp. acc., dann mit dat. der person:
1) flüssigkeiten, salbe, öl, fett, essig, wein, wasser anstreichen, mhd.

dâ hieʒ si si strîchen an,
sô entwiche diu suht dan,
und er wær ze hant genesn. Iw. 3445;

daʒ hieʒ si an in strîchen. 3449.

streich ich euch (acc.) die salben an,
so werd ir ein gesunder man. fastn. sp. 505, 3;

der meister gab ir ein etzwasser, das streich sie an und etzt haut und har hinweg. sch. und ernst cap. 177;

das (bergin schmer) stricht ein gsell dem andern an.
Brant narrensch. 206;

ich kan dir den krysam anstreichen. Fischart Garg. 86b; ohnmächtige wurden mit wasser bestrichen: Philis kommt mit dem wasser und labung, man streicht sie (die ohnmächtige) an. Ayrer 419a;

ein plötzliches geschrei bewegt das ganze haus,
man bricht der frau die daumen aus,
man streicht sie kräftig an, kein balsam will sie stärken.
Gellert 1, 84;

dem knechte ward übel. ich strich ihn an, gosz ihm in der angst selzerwasser und wein in den mund und dachte wirklich er stürbe. vgl. auch Gotter 3, 21.
2) farbe anstreichen: das geländer, die treppe, das haus anstreichen lassen. galt zumal vom anstreichen der schminke an die wangen: der wein streicht ein färblin an (gibt rothe backen). Garg. 97a; wie sich die weiber daselbst durchleuchtig anstreichen. 54a; quecksilber hat man lassen drein gehen (zur schminke), darumb den weibern, so sich anstreichen, gerne die zene ausfallen. Mathesius 106b;

den angestrichnen, kranken huren.
Weckh. 534;

gemeiner schönheit stolz, sprach sie, mag sich anstreichen. 737;

ich weisz, wie zu hof die frawen sich anstreichen. 790;

der zümpferlin, dem mit anstreichen,
mit falschen haaren, kraus und lang
die huren von Rom müssen weichen. 804;

ich biege keine knie und rücke keine kappen
für aufgeputzter ehr und angestrichner gunst.
Logau 1, 5, 3;

falschheit streicht sich zierlich an, ist auf mäntel gar beflissen. 2, zugabe, 122;

wem die natur nicht ein ansehen gibt, der kans mit keiner kunst anstreichen. Lehmann 37; die sonne streicht auch irdischen dingen ein licht an. Lohenst. Arm. 1, 620;

starben, .. wans .. mit zu starken farben
ihr stimlein streichen an.
Spee trutzn. 115;

ihm streicht der eitle ruhm der tugend farben an.
Haller;

die fixe luft des zornes strich jetzt die rosen seiner lippen, wie die chemische die botanischen, blau an. J. Paul Tit. 2, 169; wie lampenfeuer aus brantewein allen umstehenden todtenfarbe anstreicht. Nepom. kirche 141; dies ists eben, was ihr einen solchen schein von gründlichkeit anstreicht. Hesp. 2, 161.
3) notare: gelesene stellen anstreichen; mit dem bleistift anstreichen; einem etwas anstreichen, gedenken; ich will dir das lügen anstreichen.

[Bd. 1, Sp. 492]



4) aptare, laevigare, anschmiegen: die haare glatt anstreichen; handschuhe an den arm streichen. mhd.

zwô scharlaches hosen streich er an
mit grôʒem flîʒe an diu bein. Wigal. 107, 24;

seht wie diu frowe sich strîchet an,
si tuotʒ, ich wæn, ûf fremde man.
Liechtenst. 603, 15;

wofür es Lohengr. 22 heiszt:

zwô scharlaches hosen an sîne bein man schuohte;
und die hosen gestrichen an sein bein,
geleich sam sie gefalten sein. fastn. sp. 786, 14,

d. i. zur strafe nicht glatt, sondern in falten angezogen. figürlich, dasz ich sie der unmenschlichen behandlung eines marktschreiers überliesz, der sich bei mir anzustreichen (anzuschmiegen, einzuschmeicheln oder heraus zu streichen?) gewust hatte. Göthe 11, 54.
5) leviter attingere, anstreifen: Philine hatte beim herausgehen aus dem theater ihn mit dem ellenbogen angestrichen und ihm einige worte zugelispelt. Göthe 19, 225. man sagt auch, die geige (mit dem bogen) anstreichen, leicht berühren. weidmännisch, der hirsch hat angestrichen, auf bethautem grase spur hinterlassen, seine füsze an das gras gestrichen.
 
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anstreicherin, f. die schminkende magd. nach Fischart Garg. 281a darf man annehmen, dasz vornehme frauen eine solche für ihren putz hielten.
 
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anstreichfarbe, f. pigmentum, fucus, mhd. geriben varwe, badstuben varwe:

ohn anstreichfarb, ohn fürwitz und ohn kunst.
Weckherlin 661.


 
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anstreichfärblein, n.

die morgenrötin .. musz alle morgen
sich zu beschönen ....
aus dem lieblichen rosenkram
all ihre anstreichfärblein borgen.
Weckherlin 582.


 
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anstreichung, f. palpatio: die adern geschickt durch die äuszere anstreichung nur sichtbarer zu machen, da die gröbere haut sie vorher verhüllte. J. Paul teuf. pap. 2, 193.
 
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anstreifen, leviter attingere: mit den füszen das gras anstreifen; im vorübergehen anstreifen; die buchstaben und bedeutungen vieler wörter streifen an, an einander (wie anstreifen selbst und das vorausgehende anstreichen, oder schon die einfachen streifen und streichen). ein kleidungsstück anstreifen, gegenüber dem abstreifen:

win machet usz eim wisen man,
das er die narrenkapp streift an.
Brant 113;

sie (die studenten) hant die kappen vor zu stür,
wann sie allein die streifen an,
der zipfel mag wol naher gan. 130;

du tetst nach meinen gülden schnappen,
ich streift dir an die narrenkappen.
H. Sachs 1, 527b;

der betrogen ist, der hat die narrenkap angestreift. Lehmann 107; wie man die hendsch angestreif, anziehe, anstreiche. Keisersb. chr. bilg. 109; er het den kugelht angestreift (es steht angestreüft). das.; er kokettierte nicht, wie witzige säuglinge, mit allen ideen, sondern er wurde von ihnen entweder angepackt oder gar nicht angestreift. J. Paul Tit. 1, 163; wenn ein kleiner unfall neben sie anstreift, stellt sie sich todt. grönl. proc., werke 5, 108.
 
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anstreit, m. impugnatio, bellum, läszt sich nach dem folgenden verbum und nach dem mhd. anestrît, bei dem von Gliers, vermuten, Ben. beitr. 127:

si prîsent alle sunder strît
den sumer mit den bluomen rôt,
und hânt des winters anestrît,

welches Hagen 1, 104b vgl. 3, 596 ohne grund ändert in alle nît.
 
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anstreiten, impugnare, bestreiten, anfechten. mhd. sagte man an einen strîten, z. b. strîten an die heidenschaft;

an die burgære strîten. Maurit. 61;

streiten an einen wilden beren. fastn. sp. 857, 13.

heute selten: da neuerlichst die originalität der bürgerschen Lenore angestritten ist. Herder 20, 404. s. angestreiten.
 
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anstrengen, intendere, anspannen, anziehen, eigentlich, das zugvieh in den strang spannen, die pferde anstrengen, heftig ziehen lassen, dann nöthigen, angreifen, abmühen: er wart vil angestrengt mit fregen. Keisersb. post. 3, 85; sie waren als heftig angestrengt, das sie nit durch die heiden komen mochten. Fierabr. 2; den kopf, die augen anstrengen;

[Bd. 1, Sp. 493]


ir habt mich auf gestrigen tag
gebeten und hoch gestrengt an,
meiner tochter z geben ein man. Teuerd. 2, 6;

mich schreckliche furcht anstrenget.
Melissus M 5a;

wa er angestrenget würde, sich in disen halt zu hindergeben. Fischart Garg. 208a; das meer, wenn es von den starken winden zum ungewitter angestrenget wird. Spee g. tugendb. 410; ob nun wol also in Hinterpommern sich auch polnische kriege wider die Pommern anstrengeten. Micrälius 2, 172; der schulmeister soll die kinder nicht zu sehr anstrengen; er strengte seinen verstand, seine kräfte an. man sagt auch einen process anstrengen gegen jemand, gleichsam anspannen, in zug oder gang bringen; die klage anstrengen. unw. doct. 660; den angestrengten rechtsstreit abbrechen. sich anstrengen, sehr bemühen.
 
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anstrengung, f. anspannung: mit groszer anstrengung aller kräfte arbeiten; mit mehr als menschlicher anstrengung; endlich lassen diese anstrengungen nach.
 
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anstrich, m. nach verschiednen bedeutungen des anstreichens. vorerst heiszt so die salbe, womit man ein krankes pferd anstreicht, wofür oben schon anstreich aufgeführt wurde, anstrich steht bei Hohberg 2, 184b. 185a. 193b. 194a. 229a; einen anstrich den man für die karpfen macht, beschreibt Döbel 3, 226b. Weit häufiger ist es die angestrichne farbe, der anschein, meist in übelm, doch auch in gutem verstand: der anstrich, die tünche des hauses; die wand erhielt neuen anstrich; si treiben grosze hoffart mit irem har und bart, nit on ein anstrich geel oder brun. Frank weltb. 193a; one zweifel hat das lateinische wort fucus, welches ein anstrich heiszt, vom hebreischen fuch den namen. Mathesius 106b; sie glauben genug gethan zu haben, wenn sie ihrer schändlichen aufführung einen guten anstrich geben. Rabener 1, 87; anstrich von schwermut, schein, anflug, engl. touch;

die tugend, der empfindungslose herzen
den anstrich ihres schwarzen blutes leihn.
Gotter 1, 384;

bei allen anstrichen und bemäntelungen der sache gestehen sie doch ein. Hippel lebensl. 2, 304; ehe ich mich eröfne, wie man einer homerischen übersetzung den anstrich von alterthum geben könne. Bürger 136b; auszendinge sind nur der anstrich des mannes. Schiller 135; die sorge gab ihm einen anstrich von traurigkeit, der ihm sehr wol anstand. Göthe 15, 116; es (das gedicht) war mehr als ein abschied von diesen lebensfreuden verfaszt, wodurch es zwar einen gefühlvollen anstrich des heiter durchlebten gewann. 22, 82; seiner unwissenheit, ja auch seinen vorsätzlichen blendwerken den anstrich der wahrheit geben. Kant 2, 96; durch eine populäre sprache seinen grundlosen ansprüchen einen anstrich geben. 3, 234; den schlechten moralischen gehalt der gesinnung durch einen betrügerischen anstrich verdecken. 6, 386; die neigung gibt einer schlimmen sache den schönsten anstrich. 8, 140; diese neigungen haben den anstrich der vernunft. 10, 299; es gäbe dem werke keinen lächerlichen anstrich. J. Paul flegelj. 1, 131; übrigens werden die farben, die auf den wissenschaftlichen feinen und menschenliebenden anstrich des äuszern verbraucht werden, nothwendig vom innern abgekratzet. Hesp. 2, 52; goldanstrich, tinctura auri. Vom anstrich des fiedlers heiszt es schon Nib. 1941, 4:

eʒ ist ein roter anstrich, den er zem videlbogen hât;
jugendlich froh der musik, taktfest und von kräftigem anstrich.
Voss 1, 183. (Luise 3, 577);

der anstrich des geigenden ist besonders zu loben. der anstrich mit dem bleistift, mit der kreide. weidmännisch, die fährte des wildes auf dem grase, der thauschlag, thaustrich.