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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
anstauen bis ansteigen (Bd. 1, Sp. 477 bis 482)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) anstauen, in gleichem sinn, wie man stauen für stauchen sagt. nnl. aber ist aanstouwen antreiben.
 
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anstaunen, cum stupore, cum admiratione intueri:

dasz ringsher die völker den kommenden all anstaunten.
Voss Od. 2, 13;

was augen hat, läuft scharenweis herbei,
den prächtgen kirchgang anzustaunen.
Wieland;

sprich, was staunst du lächelnd an?
Gotter 3, 471;

oft noch steh ich an des Ätna rande,
staune seine wolkenseulen an.
Seume (1835) s. 624;

misfiel es nun dem jungen autor keineswegs, als ein literarisches meteor angestaunt zu werden. Göthe 26, 236. vgl. franz. étonner für estonner.
 
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anstaunenswürdig, admirabilis:

anstaunenswürdig mitten im tempelhain
stand der ambrosische lebensweinbaum.
Voss.


 
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anstaunung, f. stupor: anstaunung, maulaufsperre, fröhnung und räucherei. Klopst. 12, 85.
 
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anstechen , incitare, stimulare, infigere, carpere, nnl. aansteken, s. das einfache stechen figere, pungere.
1) das pferd mit dem sporn, den ochsen mit dem stachel anstechen, antreiben: da sasz er auf ein ungesattelts, ein gesattelts, mit sporen, ohn sporen, auf ein licht ros, ein harttraber, ein hochheber, ein hochstampfer, ein sanftzeltner, ein jungfrawdiener, ein rennros, da stach ers an, da must es traben. Garg. 176a; stach damit sein pferd an, wischt hinüber, wie ein tartarpferd übers mr. 233b; stach er das pferd noch an. 251b;

wie wann im wettelaufen
sich einer ganz bemüht vor dem gemeinen haufen
zu treffen auf den zweck, sticht seinen klepper an,
der siegeshofnung voll.
Opitz 3, 194;

er säumte nicht, den rappen anzustechen, und zack zack! war er zum thor hinaus. Musaeus. bei dem häufigen gebrauch dieses worts heiszt nun aber angestochen kommen so viel als angeritten kommen und überhaupt in verächtlichem sinn herankommen, sich nähern, mit etwas auftreten, beispiele schon oben unter angestochen, hier noch andere: wann eines von uns angestochen käme und sagte, ich bin der geiz. Simpl. 1, 565; du bettelhund, wer warest du, als du in deinem lausichten mäntelchen angestochen kamest? Weise erzn. 11; kommt einer mit etwas angestochen, als etwa vom wetter ... so ward ihm schlechtweg widersprochen. Wieland 21, 12; verzeihen sie, dasz ich schon wieder mit einem wisch angestochen komme. Wieland bei Merck 2, 86; das blättchen schosz mir gleich, da sie angestochen kam. C. F. Weisze; damit darfst du mir nicht angestochen kommen; da kommen schon wieder ein paar angestochen. Fr. Müller 3, 244.
2) das fasz, den wein anstechen, dolium aperire:

so wil ich in den keller gan
und anstechen den besten wein,
darbei da wöll wir frölich sein.
H. Sachs II. 4, 1a;

schmeckt dir der wein nicht, so stich ein ander fasz an. Wickram rollw. 55b; und stachen das best vasz weins an, aszen und trunken mit einander. sch. und ernst cap. 153;

[Bd. 1, Sp. 478]


wirt hast nit ein volles vasz?
dasselb anstechen lasz,
wir wollen zechen bei der glut,
darzu sind kitten und kästen gut. Garg. 97a.

Vielleicht ist hiernach auch ein abstractes anstechen auszulegen, das milder scheint, als das hernachfolgende anstechen: ich wils nur itzt kürzlich anstechen (attingere) und zeigen, was von der ganzen Heinzen schrift in den andern sacramenten zu halten sei. Luther 2, 159b; ich wil dismal dise sachen allein angestochen und entworfen haben, damit ichs nicht vergesse. 6, 544b; meinen gnädigen herrn dorft ich nicht anstechen. Luthers br. 4, 523.
3) anstechen, reizen, pungere, lacessere, in verschiednem sinn, meist ungünstig und feindlich: das hat David wol verstanden und alhie der eins angestochen. Luther 1, 473a; nach dem der jude, so mich bewegt hat, nehest mal von den jüden zu schreiben, auch dis stück anstach (urgierte), es konte nicht beweiset werden. 8, 119b; es sind auch wol etliche, die da meinen, das es wider die Phariseer von Christo ironice oder spöttisch geredt sei, das also Christus etwas herbe und hönisch ansteche ire phariseische heuchelei. J. Jonas bei Luther 6, 408b; er hat uns durch seine stichlichte rede angestochen. Witzenb. 3, 202;

Lindus ward in einem glach oft mit worten angestochen,
gleichwol aber hat er sich noch mit wort noch that gerochen.
Logau 1, 10, 9;

ei ich wils ihm ein noch reiben, dieses ding musz sein gerochen!
einer hat mich, spricht Peninna, spöttisch unlängst angestochen. 2, 1, 41;

Quadruncus sticht gemein gelehrte männer an,
aus diesem hör ich wol, dasz er gewis nichts kan. 2, 5, 1;

den kein wehklagen,
kein schel gesicht
noch neid ansticht.
Gryphius 2, 152;

wenn uns der strom der angst bis in den abgrund reiszet,
wenn uns der feind ansticht. 2, 157;

dasz auch die alten heiden (womit er den geschichtschreiber Strabo höflich ansticht) sogar davon gefabulieret. Simplic. 1, 10; als mich aber auch diejenigen, die sich um das frauenzimmer umthun konten, meiner holzböckischen art und ungeschicklichkeit halber anstachen. 1, 292; die schädlichkeit des weiblichen geschlechts anstechen. Lohenst. Arm. 2, 735; dasz der komödienschreiber Phrynichus ihn in einem seiner stücke angestochen (auf ihn gestichelt) habe. Lessing 6, 303; Aristophanes hat mit dieser komischen benennung die flötenspieler anstechen wollen. 8, 72;

geschwind, herr pfarrer, dann!
sticht sie das mädchen an?
Göthe 13, 15,

sticht es ihnen in die augen?; ich bemerkte, dasz sie mit weniger offenheit als sonst, mit einiger verlegenheit mit mir redete. das fiel mir auf. ist sie auch wie alle das volk? dachte ich, und war angestochen (piquiert) und wollte gehen. 16, 104; dieses war eine von den übeln eigenheiten des so treflich begabten mannes (Basedows), dasz er gern zu necken und die unbefangensten tückisch anzustechen beliebte. 26, 278; ich kann seine blicke, seine augen nicht vergessen! es hat dich angestochen, mich auch. Klingers th. 3, 164; angestochen sein, einen leichten rausch haben; schon oft hat mich herr Gawein angestochen. Tieck 5, 587; ich wäre gar toll geworden und stäche boshaft das widernatürliche verhältnis ihres amtmanns und seines actuarius an. J. Paul teufelsp. 1, 137.
4) noch anderes sinnliches anstechen: einen bissen, das fleisch an die gabel anstechen; die butter, eine tonne butter (wie vorhin das weinfasz) anstechen; eine tonne heringe, einen haufen heu anstechen; ein halstuch anstechen, bestechen, säumen; der apfel ist vom wurm angestochen; die rose welkt, sie ist angestochen. mhd. sagte man auch den ring, daʒ vingerlîn an stëchen, statt des heutigen stecken:

ein vingerlîn kleine
mit einem guoten steine
zôchs ab der hant, daʒʒ nieman sach,
hern Mauritien sie eʒ stach
an sîner vinger einen. Maur. 605.


 
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anstechung, f. punctio, stimulatio: dasz ihnen solche anstechungen (mit stachelschriften) nicht nur im herzen weh thaten. Lohenst. Arm. 2, 517.
 
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anstecken , unterscheidet sich der form nach von anstechen, wie das starke stechen stach, ahd. stëchan stah, mhd. stëchen stach vom schwachen stecken steckte, ahd. stecchan

[Bd. 1, Sp. 479]


stahta, mhd. stecken stacte, vergleichbar dem rëchen rah und recken racte. da aber schon stechen stach transitive bedeutung haben kann, in stecken steckte diese transition erhöht wird, von stechen pungere stecken figere nur in bestimmten anwendungen abweicht, so müssen auch anstechen und anstecken verwandten, oft überschwankenden sinn gewähren, nicht anders als abstechen und abstecken.
1) anstecken, affigere: eine blume, einen strausz anstecken, vorstecken; den ring an (den finger) stecken; ein band an (den arm) stecken, mit nadeln anheften; das rad an (die achse) stecken; den degen an (die seite) stecken; den braten an (den spiesz) stecken: wie man die ferklin ansteckt. Garg. 205b; nur ein haufen paternoster angesteckt. 246a. Göthe sagt auch den wein, das fasz anstecken, wofür wir vorhin anstechen gebraucht sahen: wir sendeten unsere leeren gefäsze zu dem schenken, der uns ersuchen liesz geduld zu haben, bis die vierte ohm angesteckt sei. 43, 269.
2) anstecken, accendere, wofür mhd. wiederum anstëchen:

als man daʒ vûr darane stach (: geschach).
Herbort 15812,

und noch heute mancher orten: das feuer anstechen, es ist schon angestochen. doch auch myst. 148, 7: unde lieʒ Rôme an vier enden anstecken zu burnende, in einem nicht rein mhd. denkmal, die stelle lehrt zugleich, dasz anstecken eigentlich nicht das unmittelbare anzünden, anbrennen des feuers, sondern das anlegen, anschüren, stochern des holzes bezeichnet, allmälich aber drückt es geradezu das zünden und entbrennen aus. nnl. unterscheidet sich aansteken und ontsteken fast wie bei uns anzünden und entzünden, doch ist auch aanstoken zu erwägen. ein guter funke von gott angesteckt. Luther 3, 10 und br. 3, 71; wenn ir die stad eingenomen habt, so steckt sie an mit fewr. Jos. 8, 8; und eileten und steckten sie mit fewr an. 8, 19; da steckten die knechte Absalom das stück mit fewr an. 2 Sam. 14, 30; so wil ich ein fewer unter iren thoren anstecken. Jer. 17, 27; ich wil die hewser der götter mit fewr anstecken. 43, 12; und ich wil die mauren zu Damasco mit fewr anstecken, das es die palast Benhadad verzeren sol. 49, 27; wie jener toringisch jungherr die scheur von wegen der groszen meus ansteckt. Fischart Garg. 185a; den meidlin die agen schütteln, die rocken anstecken. 226b; wa ichs nicht ansteckte und verbrennte. 236a; wer der heren von Elben welde anstigket. weisth. 3, 321;

wird nun ein grüner wald hier oben angesteckt.
Opitz 1, 42;

komt baut mir tempel auf, steckt saftgen weirauch an.
Lohenst. Cleop. 31, 1062;

mit einem kleinen fünklein kan man ein groszes feuer anstecken. pers. baumg. 1, 6;

wann zeitlich auch die rosenstund
den tag uns an kombt stecken.
Spee;

ein reich von soldaten wollt er gründen,
die welt anstecken und entzünden.
Schiller;

der donner hat uns sehr erschreckt,
der blitz die scheunen angesteckt.

ein licht, die pfeife anstecken; einem das haus überm kopf anstecken; das haus anstecken, unter dem volk, sein wasser wider ein haus abschlagen.
3) anstecken, inficere, wahrscheinlich übertragung des vorigen, da das contagium die entzündung verbreitet: mit einem heilsamen gift angesteckt und entzündet. Opitz 1, 7a;

die faule luft heckt pestilenzen
und steckt die länder an.
Gryphius 1, 18;

ein wallendes, ein angestecktes blut.
Hagedorn 2, 106;

dem jüngling aber, welcher frühe
durchs beispiel angesteckt den rechten pfad verlor.
Gotter 1, 380;

der enthusiasmus, womit einer den andern ansteckte. Wieland 2, 96; diese art von leuten war so geschäftig, dasz es ihnen gelang den gröszten theil des volks mit ihrer thorheit anzustecken. 2, 101; ihre einbildungskraft ist angesteckt, ihre stille bescheidenheit athmet eine liebevolle begierde (Ophelia). Göthe 19, 78; ich steckte mit dieser liebhaberei die übrigen besten gefährten an. 20, 212; wenn ich mich durch seinen schmerz anstecken lasse. Kant 5, 295; die schädlichen wirkungen der angesteckten luft. 8, 328. man unterscheidet zwischen ansteckenden und nicht ansteckenden krankheiten, streitet, ob die cholera anstecke oder nicht; ein räudiges schaf

[Bd. 1, Sp. 480]


steckt die ganze herde an; ein aberglaube hat oft ganze länder angesteckt; gähnen steckt an.
 
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ansteckung, f. contagium: wen die ansteckung der welt ergrif. Gotter 3, 70; ein untrügliches mittel wider selbstbetrug und ansteckung mit fremder thorheit. Wieland 6, xvii.
 
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anstehen , nnl. aanstaan, in verschiednen bedeutungen, die alle sich auf ein nahes stehen oder liegen zurückleiten.
1) adstare, prope stare: rücke den tisch, dasz er anstehe; der stul steht nicht recht an; das bette steht an (der wand); der schrank steht an, stöszt an die mauer.
2) assistere: antreten, sich anstellen: er steht schon an (zum tanz); ich stehe mit an (der reihe); du wolltest nicht mit anstehen; er empfieng (reichliche gabe) nicht nur von uns gerührten fremden, sondern auch von den anstehenden sonst pfennigkargen Römern. Göthe 29, 307. man könnte auch sagen: der jäger steht an (auf das wild, zum schusz), doch heiszt es: ist auf anstand. ins reich, amt anstehen, es antreten: da Daniel das gesicht sahe und Darius ins reich, Jhesus ins bischofampt anstnd. Frank chron. 77a; witzbold kinder, die frü anstehen in der witz. Agricola spr. 146a.
3) sistere cursum: der wagen steht an, steht still, fährt nicht weiter; das pferd steht an; die ochsen stehn an (dem berge), ziehen nicht fort. praet. ist oder hat angestanden.
4) bergmännisch, adesse, prostare, vgl. DWB anfliegen, DWB anschieszen: wenn du mich an die stelle bringst, wo er (der stein) ansteht. Göthe 21, 47; ein dichter kalkstein, der in groszen, obgleich unendlich zerklüfteten massen anstand. 27, 23; auch anstehend als gänge fand ich horn- oder feuersteine. 28, 154; wenn granit hier wirklich in seiner urlage anstehend gefunden würde. 44, 57; in einem gewissen granit, der an mehreren orten zwischen dem anderen ansteht. 51, 12; dieses gestein, da wo es von altersher der luft und witterung ausgesetzt, frei ansteht. 51, 17; eine quarzmasse, manchmal trummweise mit anstehenden amethystkrystallen. 51, 25.
5) sedere: das kleid steht mir an, steht passend an dem leibe, liegt, sitzt an, schlieszt, schmiegt sich an: das tuch steht dir gar nicht an; die gelbe farbe hat dir nie angestanden; und werden mir meine kleider scheuszlich anstehen. Hiob 9, 31; was ihm für kleider wol anstehn. Garg. 72b. auch blosz stehen: das kleid steht mir gut, steht mir nicht.
6) aus dieser sinnlichen bedeutung entfaltet sich die weit häufigere decere, convenire: das steht mir an, ziemt mir, schickt sich für mich: es stehet einem narren nicht wol an von hohen dingen reden, viel weniger einem fürsten, das er leugt. spr. Sal. 17, 7; dem narren stehet nicht wol an gute tage haben, viel weniger eim knecht zu herschen uber fürsten. 19, 10; und die (glieder des leibs) die uns übel anstehen, die schmücket man am meisten. 1 Cor. 12, 23; denn die uns wol anstehen, die bedürfens nicht. 12, 24; es stehet den weibern übel an, unter der gemeine reden. 14, 35; ja so stehets gott an zu gedenken. Luther 8, 181b; stücklein, die ihm wol anstunden. Garg. 53a; die schlittenglocken möchten seinem kammelthier wol anstehn. 149b; wie schön ihnen der schwatz anstehet. 191b; ich hab wol bei fünfhundert sehen henken, aber keinen nie, dem es so wol angestanden, und stünd es mir so wol an, ich hieng all mein lebenlang dran. 252b;

der degen stand mir gleich der leichten feder an.
Gryphius 1, 194;

ob Chloris, ob Dian nackt einzuziehen pflegt,
stehts dennoch der nicht an, die nichts als knochen trägt. 2, 288;

scherzen steht der jugend an,
aber nicht dem alten mann. pers. rosenth. 6, 5;

du denkest stets an sie und auf alles was ihr wol oder übel anstehet. pers. baumg. 3, 2; solchem buben, wie du bist, stehet nicht an einem alten mann in die rede zu fallen. Simpl. 1, 30; dann es stehet ihnen oft an, wie dem zaunstecken menschliche kleider. 2, 707; wie schlecht hätte ihm das angestanden; den göttern kaum anstehende und gezimliche noch werthe reden und arten. Weckherl. vorr. zu den weltl. ged.;

parteilichkeit steht göttern übel an.
Wieland 10, 157;

du solltest
mit ihm nicht zürnen, ihn zu leiten stünde
dir besser an.
Göthe 9, 168;

sei kerkermeister, sei der marterknecht,
wie wol, wie eigen steht dir beides an. 9, 239;

anstatt, dasz dem bürger nichts besser ansteht, als das reine stille gefühl der grenzlinie die ihm gezogen ist. 19, 152; und

[Bd. 1, Sp. 481]


das docieren stund ihm gar gravitätisch an. 56, 232; ihnen steht es an, so zart zu denken. Schiller 339;

dann ist es zeit und steht dir fürstlich an,
dich mit der liebe myrten zu bekrönen. 453;

wie schön musz einer so kräftigen gestalt die liebe anstehen? J. Paul Tit. 1, 27; ein reicheres puppenkabinet, als der armut dieses erdgeschosses anzustehen schien. paling. 2, 37.
7) weil was einem ansteht, ihm auch wünschenswerth erscheinen musz, so entspringt die bedeutung von zusagen, annehmlich, begehrenswerth sein, gefallen, franz. convenir: zwei verse haben mir beinahe die seele geraubet, so wol stunden sie mir an. pers. baumg. 9, 7; dem schulmeister stund mein anschlägischer kopf vor allen andern sehr wol an. Felsenb. 2, 321;

wie? hebt der städter an, kannst du auf diesen höhen,
in diesem öden wald dich so zufrieden sehen?
stehn, statt der wildnis, dir nicht städt und menschen an?
Hagedorn 1, 26;

für dich, für dich sind meine töne,
stehn sie dir an, so küsse mich.
Lessing 1, 57;

und sonst hätte ich nichts, was dir anstünde? 1, 150; was steht dir von meinen sachen an? 1, 535; wenn ich ihr anstehe und ich stehe ihr an. 2, 412. verkäufer rufen: steht ihnen nichts an, mein herr? steht ihnen vielleicht noch was an? das hat mir lange schon angestanden. verächtlich, das stände mir an! hier steht mirs nicht an.
8) aus der dritten sinnlichen flieszt die abgezogne bedeutung des zweifelns, wartens und aufhaltens: ich stehe noch an, das steht noch an, musz vorläufig anstehen;

fürst Antonin steht an den schlusz zu unterschreiben.
Gryphius 1, 390;

ei es wird bald friede sein, freue dich du deutscher man,
misvertraun und eigennutz, ein paar wörtlein, stehn nur an.
Logau 1, 8, 59;

wenn die hülf lenger solt anstehen.
Soltau 467;

als ohne welche gewisheit man in vielen orten heftig anstehen, ja gar hocken bleiben (musz). Philand. 1, 597; indessen stand es doch eine geraume zeit an, bis die eifersucht sich sichtbare ausbrüche erlauben durfte. Wieland 2, 99; es wird nicht lange mehr anstehen, so wird eine neue vermeinte Danae sich eben so betrogen finden. 3, 46;

der helden zahl? hier steht er wieder an,
der kühne vorsatz bleibt in neuen zweifeln schweben. 9, 6.

das praet. kann sowol mit haben als sein gebildet werden: ich habe oder bin lange angestanden.
9) zumal gangbar ist etwas anstehen lassen, morari, sein lassen, unterlassen, aufschieben: und werdet meinen bund lassen anstehen. 3 Mos. 26, 15; wer aber leszt anstehen das passah zu halten. 4 Mos. 9, 13; da nu Saul angesagt war, das David entrunnen war, liesz er sein ausziehen anstehen. 1 Sam. 23, 13; sol ich gen Ramoth ziehen zu streiten oder sol ichs lassen anstehen? 1 kön. 22, 6; gefelt dirs aber nicht mit mir gen Babel zu ziehen, so lasz anstehen. Jer. 40, 4; ob er von namen oder schein etwas lerete und den grund im herzen und die that der warheit liesze anstehen. Luther 3, 53; o wer dem menschen raten künde, das er beide predigen und schreiben liesze anstehen. 3, 53; wolan, so lasz man das schwert anstehen und seien freie brüder. 3, 149; was er (sabbath) aber bedeutet, wil ich lassen anstehen. 4, 15b; aber gleichwol wil ich darumb michs nicht lassen uberwinden, noch die liebe anstehen lassen, obs wol wehe thut und verdrieszlich ist. 6, 52a; und sollen die hohen unverstendlichen gedanken anstehen lassen. 6, 77a; aber ein christ leszt solchs alles anstehen. 6, 233b; denn wo kein ander leben sein solt, was wolt jemand predigen oder zur predigt gehen? eben so mehr liesz er gottes wort gar anstehen. 6, 245a; diser stett und land von wegen das si nit z dem heiligen land gehören umb weiter beschreibung lasz ich ansteen. Frank weltb. 169a;

gerechtigkeit hat es lassen anstan. fastn. sp. 524, 3;

ich aber sage, wers auch wol kan, solls lassen anstahn. Garg. 209a; im anfange liesz mein vater die sache noch so anstehen. Göthe 24, 240; und dahin sie am ersten denken sollten, das haben sie anstehen lassen bis auf das letzte. Tieck 15, 307.
10) aus der ersten sinnlichen bedeutung ergibt sich die den beiden vorigen fast entgegengesetzte des antretens und beginnens, dann auch des eintretens und bevorstehens: in derselben zit seidt (sagte) man, es wurde ein schulmeister von Einsidlen kummen, da macht ich mir ein sitz in eim winkel nit

[Bd. 1, Sp. 482]


wit von des schulmeister stul und gedacht, in dem winkel wilt studieren oder sterben, als der nun kam und anstund (sein amt antrat), sprach er, das ist ein hüpsche schul, aber mich bedunkt, es sigind ungeschickte knaben. Th. Plater s. 35. 36; das kam mir bei dem patre Myconio wol, der als er anstund, las er uns den Terentium. ebendaselbst.

in drang die anstehende not (nec. instans),
wolt er des hungers sich erwehren.
B. Waldis Esop 1, 57;

magstu diese anstehende (nächste) woch. Spee g. tugendb. 1 und oft. schon ahd. anastantan insistere. Graff 6, 599. vgl. DWB abstehen, abtreten.
11) aus der fünften sinnlichen auch die des anliegens, am herzen liegens: er schree mit heller stimm im tempel, wenn ihm stnd hart an das heil der menschen. Keisersb. post. 2, 84. so sagen wir, es steht mir nicht an, ist mir nicht gelegen, was sich dem begrif des ziemens nähert.
12) endlich zustehn und zu stehn kommen: ist unser handel nicht, stehet uns auch nicht an, solche zusage zu ändern. Luthers br. 5, 62, d. i. steht uns nicht zu, steht nicht bei uns; die herrliche gelegenheiten, die mir hiebevor zu beförderung meiner wolfart angestanden. Simpl. 1, 374;

kein hasen, rephn vahet man,
es stat ein pfunt den jäger an.
Brant narrensch. 210,

es kommt ihn ein pfund zu stehn. vgl. lat. constare und unser kosten.
 
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ansteifen, rigidum reddere, firmare: die gewaschenen halsbinden ansteifen; sich ansteifen, inniti: sich hartnäckig gegen eine sache ansteifen; sich mit den füszen ansteifen, anstemmen.
 
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ansteigen, ascendere: den berg ansteigen; er kommt auf der treppe eben angestiegen; das gebirge steigt sanft an, erhebt sich mälich; der berg, fels steigt hoch an;

schrof ansteigend starren ihm
die felsen, die unwirtlichen entgegen.
Schiller;

der sand steigt merklich an; sein capital ist allmälich angestiegen; zu so einem ansteigenden vermögen gelanget. Leipz. avant. 1, 110.