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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
anschaunselig bis anschellern (Bd. 1, Sp. 436 bis 437)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) anschaunselig, aspectu beatus:

das gewand weisz, bluthell, hub zum thron
sie sich empor, stand ernst, anschaunselig da,
schimmerte die braut.
Klopst. Mess. 20, 962.


 
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anschauung, f. contemplatio, instuitio, experientia: ich lernte den unterschied zwischen dem gesang der nachtigall und einem hallelujah aus menschenkehlen erst kennen, ich verbarg meine freude über diese neue anschauung meinem oheim nicht. Göthe 19, 336; diese geheimen anschauungen, diese entzückenden gesichte. 21, 193; übrigens lebte er meistens mit officieren der garnison, wobei ihm die wundersamen anschauungen, die er später in dem lustspiel 'die soldaten' aufstellte, mögen geworden sein. 26, 250; indem ich mich auf den jedesmaligen einzelnen punct concentrierte, der unmittelbar in die anschauung treten sollte. 31, 144; der grad der gewisheit ist insofern gröszer, als die erkentnis der nothwendigkeit mehr anschauung (evidenz) hat. Kant 1, 83; die anschauung dieser erkentnis ist in der mathematik gröszer als in der weltweisheit. 1, 85; vermittelst der sinnlichkeit werden uns gegenstände gegeben und sie allein liefert uns anschauungen. 2, 59; die reine form der sinnlichkeit, in der nichts was zur empfindung gehört angetroffen werden kann, wird auch selber reine anschauung heiszen. 2, 60; anschauung ist eine sich unmittelbar auf den gegenstand als einzelnen sich beziehende erkenntnis 2, 294; anschauung ist eine vorstellung so wie sie unmittelbar von der gegenwart des gegenstandes abhängen würde. 3, 196; eine ästhetische idee kann keine erkentnis werden, weil sie eine anschauung (der einbildungskraft) ist, der niemals ein begrif adäquat gefunden werden kann. 7, 209; ein unmittelbares bewustsein heiszt anschauung. Fichte sittenl. 50; sie sollen es fassen nicht im denken, sondern in lebendiger anschauung. nachgel. werke 3, 258; die anschauung des unmittelbaren lebens. 259.
 
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anschein, m. species, apparentia bei Tertullian, ἐπιφάνεια, franz. apparence, nnl. aanschijn: es ist aller anschein dazu da; es hat vielen anschein zum krieg; es gewinnt den anschein, das ansehen; es gebürt sich gar nicht der menschen hendel nach solchem leichtfertigen lecherlichen anschein zu schätzen. Garg. 21a; dasz diese sprache sich aus der barbarei etwa noch heraus arbeite, dazu ist kein anschein; den ein anschein von gründlichkeit zu glänzenden irrthümern dahin reiszt. Lessing;

[Bd. 1, Sp. 437]


das unrecht, das er ihm vom anschein hintergangen
gethan.
Wieland 10, 288;

die furcht verbreitete über sie einen liebenswürdigen anschein von sorge und scham. Göthe 18, 13; er redete mit dem anschein völliger ruhe und gelassenheit.
 
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anscheinen, apparere, nnl. aanschijnen, ahd. aber nicht anascînan, sondern scînan ana: daʒ skînet tir ana, alsô darana schînet (Graff 6, 501); das michs oft wundert hat, wie ein mensch möcht solchen hasz tragen und leben, wiewol es deinem leibe nicht wenig anscheinet. Luther 1, 360b. heute gilt von dieser intransitiven vorstellung fast nur das part. anscheinend: bei der geringsten anscheinenden hofnung. Lessing 12, 299; er sagte das mit anscheinender zufriedenheit; sie zeigte eine anscheinende reue; versetzte mit eben so viel anscheinendem kaltsinn. Wieland 3, 352; auch in diesen sonderbarkeiten, auch in dieser anscheinenden unschicklichkeit liegt ein groszer sinn. Göthe 19, 92; sie führt ihn auf ein anscheinendes kanapee, wo nur von beiden seiten sessel sind, die mitte ist leer. Hippel 8, 356. dieser schriftsteller setzt auch das praesens: ein vorfall, so klein er beim ersten anblick anscheinet. 2, 291. Desto üblicher ist ein transitives anscheinen, allucere, bescheinen, an einen scheinen:

ich bitt dich, ghe von mir hindan,
das mich die sonn müg scheinen an.
Schwarzenberg 117, 1;

verräter, welcher du nicht wirdig bist, dasz dich die sonne anscheinet. Galmy 320; wer wolt doch gern lenger leben und sich die sonn lenger lassen anscheinen? Fronsp. kriegsb. 1, 204a;

schon unter seinen küssen scheinen
ihn ihre sonnen wieder an.
Gökingk 1, 127;

(land), das die himmelumwandelnde sonne
anscheint mit immer freundlicher helle.
Schiller;

im ewig frohen leben von glänzenden stunden angeschienen. Tieck Sternb. 1, 70; jeden morgen schien ihn der gedanke wie tageslicht an. J. Paul uns. loge 3, 154.
 
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anscheinend, adv. anscheinend gutmütig, der mann, anscheinend ein geistlicher.
 
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anscheinlich, apparens, anscheinend, scheinbar: in dieser anscheinlichen kleinigkeit. Herder 13, 41; unter einem anscheinlichen vorwande. Tieck ges. nov. 10, 182.
 
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anscheinung, f. apparitio, der pl. von Wieland, nach dem franz. les apparences, oft verwandt in fällen, wo wir heute den sg. anschein sagen: er war unschuldig, aber die anscheinungen waren gegen ihn. 2, 96; bei so starken anscheinungen zu einer vollkommenen sinnesänderung des tyrannen. 2, 268; die anscheinungen lieszen ihn den vollkommensten erfolg hoffen. 2, 275; Plato selbst liesz sich von den anscheinungen betrügen. 2, 278; mit allen anscheinungen des vollkommensten zutrauens. 2, 301; diese anscheinungen lieszen nicht zweifeln. 12, 34; dasz dermalen dazu noch keine anscheinungen vorhanden sind. 15, 38; aus gewissen anscheinungen ihre verborgnen bewegungen vorhersagen. 16, 264; auf blosze anscheinungen hin. 24, 288; ich sage, dasz ich zu beiden immer durch anscheinungen verleitet wurde. 28, 100; sie überlieszen sich den verführenden anscheinungen von aufrichtigkeit. 28, 150; wegen einer geringen anscheinung vom gegentheil. Kant 8, 56. anscheinung collustratio begegnet frühe: so die wurz ohne anscheinung der sonnen gederret wird. Thurneisser infl. wirk. s. 32; heute würde vorgezogen werden das anscheinen.
 
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anscheitern, naufragium facere: die auf unfruchtbaren, wellebedrohten dünen angescheiterte mannschaft. Göthe 45, 264, eine dem sinn von scheitern unentsprechende wortbildung.
 
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anschellen, die klingel, schelle ziehen, nnl. aanschellen: geh hin, es hat jemand angeschellt.
 
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anschellen, allidere, adfrangere: an einer mauer die beine anschellen, verletzen, weniger als zerschellen.
 
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anschellern, frequentativ des vorigen: die heilung meines zerbrochenen arms, wie auch der angeschellerten beine. Felsenb. 2, 65; war aber so unglücklich mit dem pferde zu stürzen und die rippen der linken seite anzuschellern. 2, 150; dasz ich weiter keinen schaden nahm, als nur den linken arm ein wenig anschellerte. irrg. der liebe 600.