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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
septime bis seraphide (Bd. 16, Sp. 617 bis 619)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) septime, f. in der musik intervall von sechs tönen, im einzelnen als grosze, kleine und verminderte (älter falsche) septime unterschieden. Jacobsson 7, 338b f.dazu septimenakkord, m. bestehend aus grundton, terz, quint und (kleiner) septime; verminderter septimenakkord. 339a. — septimole, f. figur aus sieben noten, die die zeitdauer von vieren einnehmen. ebenda.
 
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sequenz, f., lat. kirchengesang, der auf die antiphone folgt, entstanden aus wortlosen tonreihen, die am schlusse des hallelujah gesungen wurden und denen später texte untergelegt wurden; eine dichtungsart, die besonders durch Notker den stammler in St. Gallen ausgebildet wurde (seine erste sammlung erschien 887), s. F. Wolf über die lais, sequenzen und leiche. 1841. K. Bartsch die lat. sequenzen des mittelalters in musik. und rhythmischer beziehung. Rostock 1868. W. Wilmanns welche sequenzen hat Notker verfaszt? zeitschr. f. d. alterth. 15, 267—294. Müllenhoff-Scherer denkm.3 2, 109. 113. 251 ff. (vgl. das reg.). R. v. Liliencron in Pauls grundr.2 3, 567 f.das wort begegnet schon mhd., s. Lexer hdwb. 2, 888. nachtr. 364, gewöhnlich als sequentie: dar nâch singen wir etewenne ze hôchgezîten ein gesanc, daʒ heiʒet ein sequentie, daʒ ist ie nâch dem ampte: von swelhem heiligen daʒ ampt ist, von dem singet man die sequentie ze lobe unde ze êren. Berthold v. Regensburg 1, 498, 14 f.; dâ von spricht maister Adam von Sant Victor in seiner sequenzien von unser frawen: ora patrem, jube nato. Megenberg 61, 33 f. daneben als masc.: nachdem in diser loblichen stat Nurmberg all samstag und all unser lieben frawen obent das loblich salve regina mit sampt dem sequentz der heiligen drivaltigkait ze singen gestift ist. d. städtechroniken 11, 638, 26. — eine confuse erklärung gibt Frisch 2, 265b. sonst in ältern nhd. wörterbüchern nicht gebucht.
 
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sequester, m.
1) seqvester, der, al. zeitverwahrer, dicitur enim in jure sequester, apud quem res, de qua controversia est, deponitur. Stieler nachsch. 27a. in diesem sinne sonst nicht bezeugt.
2) abstract, beschlag Campe erg.-wb., gerichtsseitige beschlagnahme und verwaltung einer strittigen sache bis zur gerichtlichen entscheidung; auch für die beschlagnahmte sache. aus lat. sequestrum (sequestre), s. Weigand 2, 701 f.; indessen nicht erst ende des 18. jahrh. entlehnt, sondern schon im 16., s. Germ. 28, 402. 29, 393: S. Prudentius heisset den gottes acker des herrn Christi sequester und zehender, von welchen er bey Carls gewicht aller christen beinlein, steublein, und grenlein wider fodern will. Mathesius Sar. 224b (hier wol für 'anvertrautes gut, depositum, pfand'); das land in sequester zu legen. Stamler Sleidan (1557) 217b, s. Germ. 29, 393. als neutr.: als der stamm der Lauenburgischen herzöge endlich 1687 erlosch, erfolgte .. von 1687—1731 ein kaiserliches sequester. Allmers marschenb.3 346. sprichwörtlich: sequester machen leere nester. Eiselein 567. Simrock sprichw. 9509. Wander 4, 544. in Wien: der N. des is weider ka' bug'lerter sequester (stark höckerig —?). Hügel 148b.
 
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sequestration, f. beschlaglegung, beschlagsverwaltung. Campe erg.-wb. (vgl. DWB sequester 2), 'lohnverwaltung, zeitverwaltung' Kinderling 330: wir haben hoffnung, ein groszes gut, das in sequestration liegt, in einer sehr fruchtbaren gegend zu erkaufen. Göthe 19, 147.
 
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sequestrieren, verb. unter sequester setzen, gerichtlich mit beschlag belegen oder beschlagnahmte güter durch einen sequestrator verwalten lassen. Campe erg.-wb.; vgl. Weigand 2, 700 f.: sequestrare vegetio, sequestriren Corvinus fons latinit. 591b; seqvestriren, sequestrato deponere. seqvestrirte gelter, pecunia seposita apud sequestrem. seqvestrirung, die, sequestratio. Stieler nachsch. 27a; derhalben will ich hiemit alle die, so mit ertz und silber, und vertrawtem gewercken gelt und gut umbgehn, und denen es sequestrirt und beygelegt wird, jhres thewren eydes erinnert haben. Mathesius Sar. 150b; sequestriren

[Bd. 16, Sp. 618]


kan man suspecten leuthen bewegliche güter. Ayrer proc. im register;

das mans land solt sequestriern.
Liliencron histor. volksl. 4, nr. 514, 22 (vom jahre 1545).


 
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ser, s. DWB sehr sp. 160 ff.als adj.: mildes wetter haben sie (die immen) gerne, .. aber bei stürmischer witterung da sind sie ser. Leoprechting aus d. Lechrain 80.
 
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serai(l), m. palast, besonders des sultans, auch von türkischen groszen Eggers 2, 893; miszbräuchlich auch für harem, vergl. Campe erg.-wb. das wort stammt aus dem pers. serâj 'haus, wohnung'. die gewöhnliche schreibung mit l (als serrail schon 1694 belegt) beruht auf franz. sérail; hier ist wol eine volksetymologische deutung im spiel, die in ital. serraglio, span. serrallo noch deutlicher hervortritt. wirkliche ableitung von einem mittellat. ser(r)aculum 'verschlusz' (das in prov. serralh, altspan. cerraje fortlebt) anzunehmen, gestattet die bedeutung nicht. s. Diez etym. wb.4 293. Weigand 2, 701: dass Danischmend sich in der nächsten nacht vor einer hinterpforte der gärten des serai einfinden sollte. Wieland 8, 366 (Danischmend 44); hof und serail wimmelten jezt von Italiens auswurf. Schiller 3, 403 (kab. u. liebe 2, 3);

volkbeherrscher! götter unterm monde, ...
hielt die bulin (Venus) mit dem honigmunde
eingemauert im serail. 1, 188;

deken euch seraile dann und schlösser,
wann des himmels fürchterlicher presser
an des grosen pfundes zinsen mahnt? 344.

in tautologischer zusammensetzung serailhaus Göttinger musenalm. 1775, 9.
 
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serapensaft, m., -gummi,n. sagapenum Nemnich, gummi sacoponium Jacobsson 7, 339a, vgl. serapin. — mnd. serape(n), m. hitz-, eiterbläschen, s. nd. jahrb. 4, 21, anm. 1.
 
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seraph, m. ein engel höherer ordnung, aus hebr. (eigentlich name einer giftigen schlangenart der wüste —?, s. Siegfried-Stade hebr. wb. 764a), durch die bibel und kirchensprache verbreitet, vgl. Weigand 2, 701. schon im ahd. üblich: seraphin dhea angilâ. Isidor 20, 4; syrafin 22; cerubyn inti siraphin. Murbacher hymn. 7, 7, 1, in beiden fällen aus der lat. vorlage beibehalten. mhd. s. Lexer hdwb. 2, 889. bemerkenswert ist die pluralbildung. hier ist nhd. am üblichsten die hebräische endung seraphim: seraphim stunden uber jm. Jes. 6, 2; da flog der seraphim einer zu mir. 6; die cherubim unnd seraphim haben nunmehr länger denn fünfftausendt jahr die göttliche essentz unnd wesen betrachtet. J. M. Meyfart d. himmlische Jerus. 1, 285 (vgl. unten); diese allmacht der menschlichen sprache zu den gedanken der cherubim und seraphim. Hamann 1, 108;

himmlische jüngling, seraphim.
Klopstock 6, 237;

dir hören, wenn du das schwert im tief zerrissenen busen
der göttlichen mutter beweinst, mitweinende serafim zu.
Wieland 5, 38 (Amadis 13, 3);

sphären und der Olymp, seraphim, cherubim.
Schiller 1, 43;

seelenvolle harmonieen wimmeln ...
aus den saiten, wie aus ihren himmeln
neugebohrne serafim. 216;

es haben engel einzuläuten
dies fest die glocken selbst gerungen
und seraphim, die oberst prangen,
sind selbst als boten ausgegangen.
Arndt ged. 332.

im mhd. scheint die form einmal vorzukommen:

do geschf er drî chôre ...
der dritte heiʒet seraphym.
Diemer ged. 3, 14,

allerdings im reim auf darin, und unmittelbar nach cherubin. demnach ist vielleicht auch hier seraphîn beabsichtigt, welche form, vermutlich aus dem syrischen stammend, unter einflusz der lat. kirchensprache sonst im mhd. (und ahd., s. oben) ausschlieszlich herrscht, vgl. Grimm gramm. 4, 467; z. b.:

einen (chor) hieʒ er cherubîn,dar nâch [wâren] seraphîn. genes. 1, 12 Diemer;

cherubin und seraphin kunnen
dich nicht zu vollen ansehen.
Brun von Schonebeck 1399;

cherubîn und seraphîn
und swaʒ der herren mohten sîn. erlösung 391;

der newnde chor stund offen ...,
der ist gehaiʒʒen seraphin (: hin).
Suchenwirt 41, 1392

so auch noch vereinzelt im nhd.:

ein strahl, wie Miltons serafin
auf die empörten engel schiessen.
Wieland 21, 283 (Klelia 5, 266).

[Bd. 16, Sp. 619]


in auffälliger verwendung:

von der himelischen speis,
die der künig auf serafin
liesz hie der cristenheit.
H. Sachs dicht. 1, s. 8, 7 Gödeke

('eine der bei den meistersängern üblichen bezeichnungen für das metaphysische'). daneben wird der plur. auch nach deutscher weise gebildet, so unverändertes seraph schon bei Luther:

es stunden zween seraph bey jm daran. 8, 365b.

häufiger seraphe in neuerer zeit: Gottsched ist sehr ergrimmt, dasz durch Klopstock so viel seraphe und engel in die welt gekommen sind. Nicolai bei Lessing 13, 6. ebenso in der Kautzsch'-schen bibelübersetzung. (Smend alttestam. rel.-geschichte sagt sarafe.) — durch miszverständnis der hebr. pluralendung sind nicht selten die formen seraphim, -in auch als sing. verwendet: serafim, der, seraphinus, dicuntur angeli, supremae hierarchiae, quales etiam cherubini et throni. Stieler nachsch. 27a; schon mhd.:

du der wisheit ein seraphim.
Brun v. Schonebeck 340.

(ebenso mittellat. seraphinus, franz. séraphin, ital. serafino.) zu ihnen wird dann ein neuer plural mit deutscher endung gebildet, so seraphime oder gewöhnlich seraphinen (s. Wieland unter 2, vgl. auch seraphisch): von dem gesang unnd klang der cherubinen unnd seraphinen sind die uberschwellen desz hauses erbebet worden. J. M. Meyfart das himml. Jerus. 1, 228 (daneben seraphim, s. oben);

er ist ob serafinen.
H. Sachs dicht. 1, 50, 18 Gödeke;

du herr der seraphinen,
dem tausend engel dienen. kirchenlied von
Benj. Schmolck;

mich däucht, ob säh mein geist den unsichtbaren gott, ...
der seraphinen herrn, den herrscher Zebaoth.
Brockes 1, 157.


1) im eigentlichen sinne: gott, der die stimme des thons, der erde und asche so .. wohlklingend, als das jauchzen des cherubs und seraphs macht. Hamann 1, 91; wer über den schwindlichten graben vom lezten seraph zum unendlichen sezt, wird auch diesen sprung ausmessen. Schiller Fiesko 3, 2;

weit über euerm haupt, schöpft, in den höchsten sphären,
der seraf götterlust aus dem vollkommnen quell.
Wieland suppl. 1, 228 (nat. d. dinge 4, 513);

vom mogolen bis zum griechschen seher,
der sich an den lezten seraf reyht.
Schiller 1, 287.


2) auf menschen übertragen (wie engel): eine welt pöbelseelen wiegt so eine einzige nicht auf, geschaffen, aus myriaden ausgewählt, seraph oder teufel zu werden. Fr. Müller 2, 170. — ironisch von mönchen:

ein traumgesicht von jener art,
die oft, trotz skapulier und bart,
Sankt Franzens fette serafinen
in schwüler sommernacht bedienen.
Wieland 10, 157.

so auch:

die weiber schienen nur erpicht,
den theuern waldseraph zu sehen.
Lessing 1, 114 ('der eremit').


3) seraphe, f., für giraffe Oken 7, 1323.
 
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seraphide, f. findet sich ganz vereinzelt als femininbildung zu seraph:

sie asz. da schwanden kutte
und scapulier und stock.
von seraphidenhänden
gewirkt, schmückt ihre lenden
ein weiszer flügelrock.
Pfeffel poet. vers. 5, 152.