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Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
sententiös bis sentrich (Bd. 16, Sp. 613 bis 615)
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Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) sententiös, adj. nach art einer sentenz, spruchartig, -mäszig; reich an sentenzen, sich in sentenzen bewegend. Campe erg.-wb.
 
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sentenz, f. spruch, ausspruch, urtheilsspruch. lehnwort aus lat. sententia, daher in älterer form sententie, als solches mhd. schon im 13. jh. bezeugt, s. Lexer hwb. 2, 887 (übers. der Benediktinerregel); entsprechend mnd. sentencie: iodoch dewile se up der Elve genamen hadden, is onen de sentencie up dem radthuse afgesecht ..., men scolde onen don serovers recht. Lappenberg hamb. chron. s. 84; darna den 8 novembris is he vor gericht gebrocht ... und heft sine sentencie entfangen, he scolde alse ein morder gericht warden. 87. s. noch s. 123 f. seit dem 15. jahrh. steht im hd. die form sententz fest und zwar wird das wort bis ins 18. jahrh. hinein durchweg als masc. verwendet, offenbar in anlehnung an das deutsche spruch, s. Weigand 2, 700. Gombert 2, 17. nur in der stelle aus B. Waldis (unter 2, und froschm., s. 4?) scheint das fem. (oder neutr.?) vorzukommen. seit dem 18. jahrh. hat sich das fem. festgesetzt.
1) die bedeutung ist in der ältern sprache überwiegend 'urtheilsspruch, richterlicher entscheid', s. noch Kinderling 330. Campe erg.-wb.: sententz gebe ich uber ûch allenthalben und verbanne ûch gein crûtz und altâre. quelle bei Lexer hwb. 2, 887; do aber der tag kam, das der richter solt den sententz geben und das urtheil fellen, do sprach er ine wider die frauwen. Keisersberg paternoster C 4b; sie künnen nit helffen, dz der sententz ein ausztrack gewinne, und volstrecket werd. Marie himelfart 2d; drumb dehr sententz schlehet ihn zcu rugk. Luther 14, 163, 14 Weim. ausg.; als nun disz zun ohren der geistlichen kam, eilten sie zuhand zum könig, begerend, dasz er den sententz nicht eilet zu erklären, sonder verzüge, bisz sie den dingen fleisziger nachdencken möchten. Franck weltb. (1567) 111a; ab disem so gngsamen sententz (dem todesurtheil) erschracken sie und appellierten fürn könig. Hedion com. 155a; hat er (gott) doch uns sein gesetz gegeben, und dasselbige so ernstlich von uns erfordert, dasz er alle die, so es nicht volkomenlich halten, verfluchet und der ewigen verdamnisz unterwirffet? hat dann gott seinen ernst von sich gelegt, und seinen sententz geendert? Gretter ep. Pauli a. d. Römer (1566) 194; dasz wir wider den sententz und urtheil gottes unserer verdammnisz ... allein Christum ... entgegen stellen ... können. 219; wie bald aber der sentenz verlesen, das er sich bewilliget hett, für sein abtrag vier tausendt guldin zu erlegen. Zimm. chron.2 4, 310, 16 Barack; und wil ich euch hiemit einen tag ... zu anhörung desz sententz benennt und angesetzt haben. Ayrer proc. juris 723; sihe, herr Jesu, alle menschen in der gantzen welt sind auff dem wege, lauffen und eylen ... vor den thron deiner gestrengen majestät, den endlichen sententz anzuhören. Meyfart himml. Jerus. (1630) 2, 391; meine meisterin ... und ich seind extrem wohl mit dem sentenz zufrieden. kunst über alle künste 199, 20;

den sententz solstu lesen schier. Tiroler passionssp. s. 399 (Brixener pass. v. 2228);

geh, schaff botten in alle grentz,
zuverkünden disen sententz.
H. Sachs 4, 1, 24c;

da ward von dem landpfleger eylents
gefellt gar ein schneller sententz. 109a;

nach geschöpfftem sententz.
Ayrer 1, 259, 17 Keller;

von der entscheidung einer disputation:

hört zweyen philosophen zu,
wie sie da werden disputiren, ...
jedoch sie beid nichts endlichs schliessen,
sonder ein andern tag erkiesen,
von der materi mehr zu reden,
da wird von andern und jn beden,
ausz jr aller experientz
von jn auszgsprochen der sententz.
H. Sachs 5, 270d, vgl. 274a.

[Bd. 16, Sp. 614]


in neuerer sprache als fem.: nach solcher ausrede nun, wurden die bursche ... vor die uhrheber des streits gehalten, und ihnen die sententz dahin gefället, dasz ein jeder von denselben 10 rthl. straffe erlegen ... solten. Plesse 1, 120; jedoch ich bekam hierauf keine antwort, sondern wurde auf des königs sententz vertröstet. 3, 182;

drum ist mein rath: man lasse die sentenz,
die ihr das haupt abspricht, in voller kraft
bestehn!
Schiller M. Stuart 2, 3.


2) daneben, jedoch seltner, wird sentenz in allgemeinerem sinne gesagt, in der ältern sprache meist für 'ausspruch, rede, satz' schlechthin: sentenz, ist ein wort so in den lateinischen schulen aufgekommen, von sententia, lateinischer spruch, den die jungen leute auswendig lernen, oder sonst erklären hören müssen. Frisch 2, 265b; es musz doch ein armes ingenium seyn, das sich eben an eine formel und an einen sententz binden wil. Weise cur. ged. 154. so auch: dan ja allezeit bey ihme das dritte wortt ein lateinischer sentenz ist. Baierns mundarten 1, 205, 45 (d. prinz v. Arkadien 1, 3, vom j. 1701). rede überhaupt: mit diesem sentenz nam ich vor lieb, weil ich sahe, dasz er sich erzörnen wolte. Simpl. 1, 362, 19 Kurz (4, 2);

da lieff ich zu auff solch sententz.
B. Waldis Esop 3, 94, 97.


3) in neuerer zeit von festgeprägten redeweisen, sprichwörtern, denkwürdigen aussprüchen, citaten aus schriftwerken, die einen erfahrungssatz, eine lebensweisheit u. a. ausdrücken, sinnspruch, kernspruch Campe erg.-wb., denk-, lehr-, sittenspruch Weigand a. a. o.: in den ganz alten werken der bibel, in griechischen und lateinischen schriftstellern findet man eine menge von tugendlehren, so viele seelenstärkende sentenzen, die von den erleuchtetsten köpfen aus der erfahrung gesammelt, und mit dem zug einer ganzen lebensbahn verglichen, endlich in diesen schatz niedergelegt worden sind. Lichtenberg 1, 274; selbst wo diese einzelnen stimmen nur sentenzen sind, rühren sie durch ihre traurige wahrheit. Herder 15, 219 Suphan; du hast deinen Seneka meisterlich auswendig gelernt. — aber lieber freund, mit dergleichen sentenzen wirst du die leidende natur nicht beschwäzen. Schiller räuber 3, 2 schausp.; sentenzen sagen viel, und sind wahre alte, aus dem munde der gothischen figuren hangende zettel. kein schriftsteller ist an sentenzen und allgemeinen bemerkungen über die menschennatur reicher ... als Göthe ... im lustspiel nun haben den sentenzenprägern weder Plautus, noch Aristophanes nachgeahmt, noch Shakspeare, noch Molière, aber desto mehr Kotzebue, Müllner, auch sogar Steigentesch, die sentenzen-stickerei. J. Paul kl. bücherschau 2, 34.
4) zuweilen bezeichnet sentenz in älterer sprache auch den sinn, im gegensatz zum wortlaut, so: sentenz ist der verstand der worte. dieses seind kurze wort, aber sie seind tief im sentenz. Keisersberg bei Frisch 2, 265b; seine sentenz erklären, seine meinung (vgl. indessen 1):

demnach ist disz unser begern,
das du uns davon dein sententz
gründlich erklerest, ohn fuchsschwentz. froschm. Y 4b.


 
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sentieren, verb., aus lat. sentire bez. frz. sentir, fühlen, empfinden, wahrnehmen, urtheilen. Campe erg.-wb. nur im 18. jh. gebräuchlich: dasz ich ein mensch binn, und daher nichts anders sentiren kann als andre menschen. Göthe br. 2, 155; im einzelnen sentirst du kräfftig und herrlich, das ganze ging in euern kopf so wenig als in meinen. 156.
 
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sentiment, n. 'denkart, empfindung, meinung'. Kinderling 149; Campe erg.-wb. kennt es in 4 bedeutungen: 1) 'empfindnisz', 2) empfindsamkeit, 3) gefühl (wie der mann von gefühl), 4) 'eingestreute äuszerungen sittlicher empfindungen und grundsätze' in der litteratur.das wort wird im 18. jahrh. als französisches modewort herübergenommen, daher auch mit französischer aussprache ('sangtimang' Campe) und französischer mehrzahl: auch sag' ich ihnen (den weibern) nicht so viel schöne sachen, tröste mich nicht monate lang an sentiments und dergleichen. Göthe 10, 53 (Clav. 1); sind auch spuren von sentimentalität in ihm (Manzoni)? fragte ich. durchaus nicht, antwortete Göthe, er hat sentiment, aber er ist ohne alle sentimentalität; die zustände sind männlich und rein empfunden. Eckermann gespr. mit Göthe 1, 375; wie würden sich die Richardsons und alle andere gefallen haben, eine scene daraus zu machen, und über dem auskramen von delicaten sentiments recht undelicat gewesen sein. Schiller

[Bd. 16, Sp. 615]


an Göthe 179. — jetzt nicht mehr üblich, wol aber die ableitungen.
 
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sentimental, adj. empfindsam Campe erg.-wb., von unechter, gemachter empfindung erfüllt oder zeugend. von menschen: ich musz mich empfindsam, sentimental schimpfen. Arnim Hollins liebel. 38 neudr.; ich bin ihm nicht sentimental genug, nicht tief genug empfindend. Ludwig 2, 578;

ich steh' auf des berges spitze,
und werde sentimental.
'wenn ich ein vöglein wäre!'
seufz' ich viel tausendmal.
H. Heine 1, 86 Elster (lyr. interm. 53).

auf dinge übertragen: ich sehe mich noch den schlichten breitrandigen hut ergreifen, den ich längst statt des sentimentalen sammetbarrettes trug. Keller 2, 137.
 
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sentimentalisch, adj., im 18. jahrh. für und neben sentimental: wenn wir sentimentalische alltagsgeschichten und idealische familienscenen ausschlieszen. Wieland 38, 13 (vgl.: empfindsame familiengeschichten s. 7); sollten sie in diesem falle auch vor der natur ganz recht behalten, so zweifle ich, ob sie auch gegen die 'sentimentalischen' forderungen der leser es behalten werden. Schiller an Göthe 179 (d. 2. juli 1796);

tulpen, ihr werdet gescholten von sentimentalischen kennern;
aber ein lustiger sinn wünscht auch ein lustiges blatt.
Göthe 1, 393.

bei Schiller auch als kunstausdruck der ästhetik: über naive und sentimentalische dichtung. 10, 425 (überschr.); der dichter ... ist entweder natur, oder er wird sie suchen. jenes macht den naiven, dieses den sentimentalischen dichter. 450. ohne scharfe scheidung von der gewöhnlichen verwendung: die allgemeinheit dieses sentimentalischen geschmacks zu unsern zeiten, welcher sich besonders seit der erscheinung gewisser schriften, in empfindsamen reisen ... und andern liebhabereyen dieser art äussert, ist noch ganz und gar kein beweis für die allgemeinheit dieser empfindungsweise. 428 (vgl. zum verständnis dieses terminus auszer dem ganzen aufsatz besonders Kühnemann Kants und Schillers begründung der ästhetik s. 137—149).
 
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sentimentalisieren, verb. empfindeln, 'von äuszerungen einer erheuchelten, oder einer lächerlichen und abgeschmackten empfindsamkeit'. Campe erg.-wb.: wir haben schön zeit zu sentimentalisiren, wenn wir nachher wie gejagte katzen im sack sitzen. Fr. Müller 3, 202; sie sentimentalisirte nicht mit der musik, sie gab eine übung, die ihrer bildung entsprach ... und doch war ihr spiel voll seele und schmelz. Gutzkow ritter vom g. 7, 143.
 
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sentimentalität, f. empfindsamkeit, abstraktbildung zu sentimental; wie dieses, noch jetzt in gebrauch. bei Campe noch nicht verzeichnet. s. Eckermann unter sentiment; eine zeit, welche in ihrer jugend die unschuldig bewegte selbstheit unter dem namen der sentimentalität ... verhöhnte, und immer nach objectivität schrie. Brentano 8, 171.
 
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sentine, f.
1) der unterste raum eines schiffes, kielraum, pumpensood, und das daselbst aufgesammelte wasser, grundsuppe. Bobrik 638a. Jacobsson 7, 338b, aus lat. sentina in gleicher bedeutung entlehnt. schon mhd. sentîne Lexer hwb. 2, 887, hier auch als gefängnis, zufluchtsort, schatzkammer benutzt, s. A. Schultz höf. leb.2 2, 328 f.; übertragen, auf die hölle:

und fuotert siu mit scharpfem pîne
hin in die helschen sentîne. Martina 198, 84.


2) 'eine gattung groszer fahrzeuge, deren man sich in Bretagne zu verführung des salzes auf der Loire bedient'. Jacobsson 4, 144a.
 
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sentinelle, f. schildwache, seltnes lehnwort aus dem frz.:

gott ist der christen hülff und macht,
ein veste citadelle.
er wacht und schillert tag und nacht,
thut rond und sentinelle. Philand. 2, 690

(umdichtung von 'ein feste burg' u. s. w., vgl. wunderh. 1, 151 Boxb., anm.). ebenso nd.:

ja gantze regiment Latiner sampt den Greken,
dar stahn in sentinel in einer bibliteken.
Lauremberg scherzged. beschlut 114.

(an beiden stellen mit lat. buchstaben gedruckt, also noch deutlich als fremd empfunden.)
 
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sentrich, m. sevenbaum, sabina, gl. bei Schm. 2, 316.