Wörterbuchnetz
Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm Bibliographische AngabenLogo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg · Logo bbaw adwg dfg
 
seltsamlich bis semde (Bd. 16, Sp. 556 bis 557)
Abschnitt zurück Abschnitt vor
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) seltsamlich, adj. , weiterbildung zu seltsam, gleicher bedeutung, mhd. seltsænlich, verkürzt selzenlich, adv. seltsænlîche Lexer mhd. hdwb. 2, 872, frühnhd. als adv. seltzamlich, raro, rarenter Dasypodius, gar seltzamlich, perraro Maaler 370a, sältzamlich, vast wenig, insolenter 340d, als adj. und adv. seltsamlich, id. quod seltsam, novus, admirandus, inexspectatus, morosus. Stieler 2007, anscheinend im 18. jahrh. veraltet, dann aber wol durch die romantiker neu belebt, auch von Göthe im alter und neueren dichtern gebraucht.
1) im sinne von seltsam II, 1, adverbial, raro Dasypodius. Maaler. Stieler (s. oben):

Maria hâtte gewennet sich.
daʒ si niemer alder selzenlich
erlachte.
Walther von Rheinau 28, 53.


2) im sinne von seltsam II, 2, admirandus Stieler (s. oben):

seht, mein könig,
das seltsamliche rosz.
Tieck 1, 360 (vgl. den beleg unter seltsamkeit 1, b).


3) im sinne von seltsam II, 3, inexspectatus Stieler (s. oben). nach a: Huldbrand empfing einen kleinen schauer bei dieser erinnerung, und blickte unwillkührlich nach dem fenster, weil es ihm zu muthe war, als müsse eine von den seltsamlichen gestalten, die ihm im forste begegnet waren, von dort herein grinzen. Fouqué 8, 12 (Undine 1); sowohl in skizzen als ausgeführten blättern nach der natur offenbarte sich ein glücklich künstlerischer blick in die welt, und das interesse an diesen blättern war durch fremdartige seltsamliche localität erhöht. Göthe 32, 67 (tag- u. jahreshefte 1811); aber kaum, dasz sie allein beisammen waren, da riefs mit einer seltsamlichen stimme drauszen vor der burg: Kunz, komm herab Ludwig 2 (1891), 567;

die seltsamlichen stillen pflanzen
im nassen (auf dem meeresboden) deckt die kläre (die klarheit, das sonnenlicht) blosz.
Immermann 13, 242 Boxberger;

als ihr herzblut auf den stern fiel,
auf den heil'gen stern des abends,
war des zaubers macht gebrochen,
war der seltsamliche machtlos.
Freiligrath 6 (1886), 104.

nach b:

seltsamlich (ist) der ganze handel.
Tieck Octavian 371;

liebesabenteuer; seltsamlich: mädchen im garten. Göthe 46, 315; wenn man auch ihren (der deutschen sprache) autoren bei selbsteignen productionen eine seltsamliche kühnheit vorwerfen möchte. 322. adverbial: auf den gesichtern (der gemälde) schwebte ein etwas, das den blick zugleich anzog und zurückstiesz, bei vielen sprach aus den augen eine heiterkeit, die man wohl grausam hätte nennen können, andre waren seltsamlich entzückt, und erschreckten durch ihre furchtbare miene. Tieck Sternb. (1798) 2, 1, 5.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
seltsamscharf, adj.: der stral des lebens bricht in seltsamscharfe farben. J. Paul flegelj. 3, 64.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
selve, subst., landschaftliche nebenform zu salbei. Nemnich 2, 1216, besonders nd. s. salbei oben theil 8, 1686. 1687.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
selwen, verb. zu sal, adj. (stamm salw-, s. dies oben theil 8, 1678), mhd. selwen, selben, prät. selwete, salte, sal machen, verdunkeln, entfärben, beschmutzen, betrüben. Lexer mhd. handwb. 2, 873, ahd. *sal(a)wjan (bezeugt kisalota, decoloravit, gisaluuit Graff 6, 183), daneben mhd. salwen, sal sein oder werden Lexer 587, ahd. *sal(a)wên (wozu vielleicht die bezeugten formen irsaluuet, versaleuuet Graff 6, 183 gehören). selwen ist noch frühnhd. bezeugt:

ach megdlein, ander wonne,
wie selwet euch die sonne,
dasz ir seit worden bleich!
Uhland volksl.2 142 (nr. 88), 2.

später ist es untergegangen. mundartlich begegnet jedoch ein eng verwandtes besaligen, besäligen, abfärbig machen, beschmutzen Schm.2 2, 253 (Oberpfalz, bair. wald), bsalinga, besudeln, figürlich auch begatten Castelli 97.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
selwort, subst.: wenn er (der vogt) die neun selworthe auf dem Grinderwald bereiten soll. weisth. 3, 296 (gegend von Nienburg, von 1540). das wort ist wol eigentlich nd., vergl.

[Bd. 16, Sp. 557]


Schiller-Lübben 4, 186a, wo es als gleichbedeutend mit nd. sadelhof (s. DWB sattelhof oben theil 8, 1826 und sedelhof theil 9, 2807) bezeichnet wird. zum ersten theile des worts vgl. auch DWB selhof oben und zum zweiten wört, wert, werder, bodenerhöhung unten.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
selzdick, adj. dick wie eine selze, salse, vgl. das folgende: nimb wolzeitige holderbeer, streiffe sie von den stielen, truck den safft ausz, lasz jhn bey sanfftem feuwer seltz dick absieden. Tabernaemont. (1664) 1441 J.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
selze, f., nebenform des älteren nhd. zu salse, gewöhnlich mit tz geschrieben, s. DWB salse oben theil 8, 1702. holderselze, eingesottener saft von holunderbeeren: erstlich von der holder seltz zu schreiben, so ist solche bey den alten, und noch bey dem gemeinen mann, schier an statt eines theriacs gehalten. Wirsung arzneibuch (1597) 774 A; von holderseltz. Tabernaemontanus (1664) 1441 J.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
selzehend, m., s. DWB salzehend oben theil 8, 1711.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
selzen, verb., s. DWB salzen oben theil 8, 1711.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
sem, subst.: sem, säm, f. (voc. forse straniera) pelle di pecora, agnello, capretto, it. daino, camoccia lavorata ò concia, e pieghevole. Kramer deutsch - ital. diction. 2 (1702), 767b, sem, sämisch leder Frisch 2, 263a, daneben sehm, seem, corium haedinum Schottel 1414, sehm Frisch 2, 263a, ndl. zeem. vgl. sämisch oben theil 8, 1739 und semisch, semleder unten.
 
Artikelverweis Artikel als PDF ausgeben (Test-Version) 
semde, f. binse, iuncus, scirpus. ahd. semida, papyrus, carectum, semid, flume, quod in aqua nascitur. Graff 6, 222, mhd. semede, semde (semt), f. und n. Lexer mhd. handwb. 2, 873, frühnhd. semede(n), semde, sembde, sende, symmete, simde, juncus Dief. 312a, scirpus 518c, alga 21c, biblus 73a, bismalva 75b, papyrus 411a, auch simbde Dief.-Wülcker 852 (die stelle s. unten). später (pluralisch) pinsen, sembden, scirpus Corvinus fons latinit. 1 (1660), 574b, semden, scirpus, juncus Schottel 1415, semde, die, plur. semden, scirpus, juncus Stieler 2007, semde, sende, f. binse Steinbach 2, 580, sente Dief.-Wülcker 852 (die stelle s. unten), von Frisch 2, 263 als veraltet angeführt, von Campe, der gleich Nemnich die formen semde und sende (f.) gibt, als landschaftlich bezeichnet, und so bis heute üblich, östr. semde Grimm gesch. der deutschen spr. 1, 213, wetterauisch simede Weigand4 2, 695. auch sem in der mundart des sächs. Erzgebirges ist nach Göpfert 38 dasselbe, denn md wird dort zu m(m). nd. begegnet das wort anscheinend nur in älterer sprache, semede, semende Schiller-Lübben 4, 187a. über das vielleicht verwandte sebede, das J. Grimm gesch. der d. sprache 1, 213 für die ältere form des worts hält, s. dies oben theil 9, 2771. zu grunde zu liegen scheint eine wurzel si, binden. vergl. mnd. sêm, binse Schiller - Lübben 4, 186b, seime, leine, schwaches seil oben sp. 227, semse, simse und simmer unten: cirpus haiʒt ain pinʒ oder in anderr däutsch ain semd und wehset gern in pfüeln und an mosigen steten, dâ sê stênt. Megenberg 390, 22; rohrich, schilff und simbden ahn unnd im teich. quelle von 1551 bei Diefenb.-Wülcker 852 (Weimar); das rohr (riedschild) das absatz hat, und sembden (junci), stehen gerne an sumpffigten örtern. Comenius sprachenthür (1657) 139; (Hannibal) versteckte auff der zwisschen beyden legern befindlichen fläche seinen bruder Mago mit tausend auserlesenen reutern, und den fürsten Dietrich mit tausend deutschen fuszknechten zwischen die ziemlich tieffen ufer einer daselbst rinnenden mit hohem schilf und senden bewachsenen bach. Lohenstein Armin. 1, 827b; wo die senden wachsen, ubi juncus crescit Steinbach 2, 580; rohr und senten schneiden. quelle von 1749 bei Dief.-Wülcker 852 (Weimar). dem ackerbau hinderlich: sembden, gras und farn werden mit stätem ackern überwunden. Petrus de Crescentiis ackerbau (1531) 20. als wertlos erscheinend:

ûʒ guoten kriutern sol man lesen diu bœsen mit den semden.
Frauenlob 77, 19;

Parca die lilgen den senden vergleicht (mors lilia sentibus aequat).
Scherffer bei
Drechsler Scherffer u. die sprache der Schlesier 243.

doch aber allerlei verwendung findend. in gemächern auf den fuszboden gestreut: quelle bei Lexer mhd. handwb. 2, 874; als ausländische sitte: in Britannien pflegt man in den gemächern den erdboden mit grünen senden oder binsen zu bestreuen. historisches alvearium 111. vielleicht deutet der folgende beleg auf denselben brauch: 20 hell. der magit (dienstmagd im rathaus) umb semeden. quelle von 1384 bei Lexer mhd. handwb. 2, 873 (Frankfurt). als lager, collectivisch: uf blosser erden lag er unz an sinen tod, und hatte ein lüzel semdes under ime. quelle bei Scherz-Oberlin 1482. zu flechtwerk gebraucht: körbe aus

[Bd. 16, Sp. 558]


sembden gemacht (zum trocknen von feigen an der sonne). Petrus de Crescenths ackerbau (1531) 66; es werden desgleichen auch runde und breite netz aus sembden gemacht. Feierabend wasser- und fischweidwerk (1582) 68a; kleine körbchen aus sembden gemacht. Coler hausb. (1640) 496; die anfangs aus semden, oder bintzen geflochtene, oder aus baumrinde, holen bäumen oder leder gemachten kahne und flössen, hätten sich von jahre zu jahre verbessert. Lohenstein Arm. 1, 130a. auch in der folgenden stelle liegt nach dem herausgeber dies wort vor. vielleicht ist dort aber 'sammet' gemeint:

ouch gebe ich dir von semden eyne brch.
Mone altd. schausp. 2, 498.

im vergleich:

man hôrte ir banier snarren
alsam das rôr und sam daʒ semt.
Konrad v. Würzburg troj. krieg 39187.

im heutigen schles. heiszt sende, f. spanisches röhrchen und sehne oder saite, die straff über das spinnrad gezogen ist, auch bîse (binse?) genannt. Weinhold 90a. bair.-östr. gilt senden, f. vom haidekraut, erica carnea et vulgaris, woraus besen gemacht werden. Schm.2 2, 305. sende im sinne von 'binse' zeigen auch die zusammensetzungen sendenkorb, m.:

in sendenkörben auch reinweidenholtz abmeyt.
Scherffer bei
Drechsler Scherffer u. die sprache der Schlesier 243;

semdenwerder, bibilos Diefenb.-Wülcker 853. weiterbildungen: semidahi, carectum, carices, semedehe, flumi Graff 6, 222, semdecht, papyrium Dief. 411a, collectivbildung. gramm. 2, 312. vgl. kärnt. sendach, haidekraut, calluna vulgaris Lexer kärnt. wb. 231; semdicht, adj. scirpeus, junceus Stieler 2007, sendicht, junceus, juncidus Steinbach 2, 580; semdein (adj.), papyreus Diefenbach 411a; sendrich, cirpus 518c, senderich, sennerich, ein grünes moos, das in teichen auf der oberfläche des wassers schwimmt und gern von enten gefressen wird, wasserlinsen, entengrütze, lemna Höfer 3, 139. sentrich heiszt auch der sevenbaum, sabina. quelle bei Schm.2 2, 316.